#US-Demokratie

House of Frames #5: Das Impeachment als Hörspiel – Podcasts und erzählte Politik

Mittlerweile gibt es fundamentale Veränderungen im digitalisierten Mediensystem. Dauerbegleitung im Livestream, Echtzeitkommentare in den sozialen Medien und die Nacherzählung und Umdeutung des Geschehens in den Podcasts vervielfältigen die Möglichkeiten zur Wahrnehmung der Ereignisse im Kapitol.

von and , 25.1.20

In den USA stehen sich die politischen Lager unversöhnlich wie niemals zuvor gegenüber. Nicht nur der politische Apparat in Washington, auch die Gesellschaft und nicht zuletzt die Medien sind gespalten: In jene, die Donald Trump für eine Bedrohung der amerikanischen Demokratie halten und jene, die sich zunehmend geschlossen hinter ihren Präsidenten stellen. In ihrer Reihe »House of Frames« beobachten Christoph Bieber und Klaus Kamps das Geschehen jenseits des Atlantiks.

»Heute ist Donnerstag, der 16. Januar – Tag 114 seit der Einleitung der Impeachment-Untersuchung im Repräsentantenhaus.« So beginnt Hayes Brown seinen Podcast Impeachment Today, den das Medienportal BuzzFeed gemeinsam mit der New Yorker Streaming-Plattform iHeartRadio betreibt. Das etwa 20 Minuten lange Hörstück ist die nun 50. Folge des Informationsformates und der Moderator verkündet stolz, genau diese Episode würde in den nächsten Tagen die Download-Zahlen des Podcasts in den siebenstelligen Bereich heben: Die Millionen-Schallgrenze stünde unmittelbar bevor. Seit der vergangenen Woche hat sich die Eröffnungssequenz leicht verändert – ergänzt werden nun die Verhandlungstage des Senats.

Impeachment Today ist so etwas wie das »junge Format« einer ganzen Flotte von Ein-Themen-Podcasts, die seit dem vergangenen Herbst das ohnehin schon lebhafte Sortiment politik- und nachrichtenorientierter Hörangebote in den USA ergänzen und erweitern. Hayes Brown beschreibt die Vorgänge im Kongress recht niederschwellig und bemüht sich bei den Interviews um eine verständliche, zugängliche Sprache. In unregelmäßiger Folge treten Gäste aus dem Washingtoner Politikbetrieb in der Sendung auf und melden sich zu Wort. Rubriken wie This fuckin’ guy stellen das handelnde Personal näher vor, außerdem vermeldet der Podcast die Stimmungslage in Washington auf einer Skala von 0  (»Normaler Tag in Washington«) bis 10 (»Richard Nixon tritt zurück und verlässt Washington mit dem Marine One-Helikopter«). Aktuell pendeln die Werte zwischen 7,5 und 8,0.

Als großer, vernünftiger und nachdenklicher Bruder kommt Impeachment, explained von Ezra Klein für den digitalen Medienkonzern Vox daher. Die Folgen dieses Podcasts haben eine Länge von etwa 60 Minuten und decken sowohl tagespolitische Entwicklungen wie auch historische Hintergründe ab – die Langform gilt als deep dive podcast, der viele Details und Expertenwissen vermitteln soll. Auch Klein investiert viel Zeit in die minutiöse Beschreibung des Verfahrens im Kongress und spricht dazu mit Sachverständigen aus Politik, Journalismus und Wissenschaft. Der Podcast wirkt wie ein seriös produziertes Radio-Feature und verfügt über relativ ausführliche Show Notes mit Informationen zu den Inhalten und Gästen jeder Folge.

Die renommierte Washington Post hat in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Audio-Angebot aufgebaut. Der schlicht Impeachment betitelte Podcast ist dabei eine Art »Aggregator«, der Passagen aus verschiedenen Angeboten sammelt und täglich bereitstellt. Nimmt man die Podcasts von CNN oder NBC hinzu, dann erhält man ein umfangreiches, mehrmals in der Woche erweitertes Audio-Archiv zum Verlauf des Impeachment-Verfahrens. Die Amtsenthebung als Hörspiel.

Podcasts als Nachrichten im Serienformat

Im Journalismus scheint der Podcast-Boom ungebrochen und erlaubt Medienakteuren, ihr Portfolio zu ergänzen. Hierzulande hat gerade die FAZ mit großem Brimborium den Deutschland-Podcast gestartet – unter etablierten Medienhäusern ist das eher die Nachzügler-Position, im internationalen Vergleich sowieso. Während in traditionellen Hörfunk-Angeboten meist relativ strenge Form- und Formatbegrenzungen gelten, eröffnen die digitalen Hörstücke Experimentierräume. Ein schönes Beispiel jenseits der Impeachment-Podcasts liefert die Wochenzeitung Die Zeit: der Interviewpodcast Alles gesagt ist erst dann vorbei, wenn der Gast nicht mehr weiterreden möchte. Das führt zu Marathonsendungen von mehreren Stunden Dauer Rekordhalter ist aktuell der YouTuber Rezo mit 8 Stunden und 40 Minuten Redezeit.

Die Impeachment-Podcasts greifen dabei gleich mehrere Trends auf: Etwa nutzen sie die immer besser werdende technische Ausstattung der Nutzer, die mit ihren Smartphones über leistungsfähige Speicher- und Abspielgeräte verfügen und deren Flatrates die Audio-Dokumente gut verkraften können. Pendler- und Wartezeiten können so mit reichlich Inhalt gefüllt werden; auch für das regelmäßige Workout gibt es auditive Begleitung. Außerdem erfolgt die Bereitstellung der Podcasts im Modus der »Serialisierung«, die aus den Mediatheken der Fernsehsender und vor allem durch Streaming-Plattformen bekannt und populär geworden ist. Auch das Podcast-Publikum kann einzelne Beiträge direkt nach Erscheinen konsumieren oder nach Bedarf Beiträge sammeln, um dann in einem Binge-Listening mehrere Folgen hintereinander durchzuhören. Möglicherweise trägt der Erfolg politischer TV-Serien wie etwa The West Wing, House of Cards oder Veep dazu bei, dass Podcasts als »Serien zum Hören« sich wachsender Beliebtheit erfreuenUnd auch wenn man in Deutschland mit politischen Serien etwas fremdelt, so verfügt doch die international erfolgreiche Historiensaga Babylon Berlin über einen soliden Politik-Einschlag.

Den Impeachment-Podcasts fällt es leicht, an fiktionale Polit-Serienwelten anzuknüpfen: Durch die Verfahrensregeln gibt es einen klar umrissenen Zeitraum, für die Abläufe im Senat sind ziemlich genau zwei Wochen veranschlagt. Die Demokraten haben zu Beginn drei Tage Zeit für ihre Eröffnungsplädoyers (22.-24. Januar), danach folgen ebenfalls drei Tage, die für die Republikaner reserviert sind (25., 27. und 28. Januar, sonntags ruht das Verfahren). Danach folgt die Gelegenheit zur Befragung, die für die Senator*innen jedoch nur schriftlich möglich ist. Die Podcast-Programmierung wird diesen Vorgaben folgen und mit entsprechenden Vor- und Nachberichten reagieren – bei steigender Intensität bis zum Höhepunkt des Verfahrens, der Abstimmung über die Amtsenthebung, die für Anfang Februar zu erwarten ist. Einen Überblick bietet der Impeachment Calendar der Washington Post.

Praktischerweise gibt es einen recht festen, übersichtlichen Cast of Characters, der in den Lagern die Handlung vorantreibt. Die Demokratin Nancy Pelosi organisierte als Speaker of the House die Anklage des Präsidenten im Repräsentantenhaus, im Senat tritt ihr nun der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell entgegen. Pelosi hatte neben der Formulierung der Anklageschrift auch das Team der Impeachment Managers zusammengestellt, die die Klage als Anwälte des Repräsentantenhauses in der zweiten Kammer des Kongresses vertreten. An der Spitze dieses Teams steht Adam Schiff, der im House zuvor die Impeachment Hearings geleitet hatte. Parallel hat Präsident Trump ein Anwaltsteam benannt, das ihn im Kongress verteidigen wird. Mit dabei sind unter anderem Kenneth Starr, der als Sonderermittler einst im Impeachment-Verfahren gegen Bill Clinton bekannt wurde, und Alan Dershowitz, ein ehemaliger Harvard-Professor, der als Verteidiger so prominenter wie berüchtigter Mandanten (O.J. Simpson, Jeffrey Epstein) aktiv war.

Mitch McConnell, der Senator aus Kentucky, ist für die formale Durchführung der Anhörung im Senat zuständig – und in dieser Funktion unterstützt er den Präsidenten als eine Art »Verfahrensanwalt«. Es obliegt dem Mehrheitsführer, wesentliche Regeln für die Verhandlung aufzustellen, etwa die Dauer der Eröffnungs-Statements oder den Modus der Befragung. Auch bei der Bestellung von Zeugen oder der Zulassung von Beweismitteln kann McConnell als folgsamer Weichensteller des Präsidenten verstanden werden, wenngleich eine lange Liste an Abstimmungen im Senat über die endgültigen Verfahrensregeln entscheidet. Und so gab in den letzten Tagen das Feilschen um den formalen Prozessverlauf bereits einen Vorgeschmack auf die kommenden Debatten – in den Impeachment-Podcasts wird das Gezerre um die Formalia mit verschiedenen O-Tönen abgebildet und vermittelt ein dichtes Bild von der Stimmungslage im Kapitol.

Das Ensemble aus Anklage und Verteidigung wird in den kommenden Tagen und Wochen auch den Takt für die Impeachment-Podcasts vorgeben. So sind gleich nach dem Start der Verhandlungen O-Töne aus dem Senat ein wichtiger Teil der einzelnen Episoden geworden, und man darf davon ausgehen, dass sich daran wenig ändern wird – im Stile eines highlight reel werden besonders schwere Beschuldigungen oder scharfe Wortgefechte zusammengefasst und mit den kommentierenden Passagen der Podcasts vermischt. Man liegt also ganz richtig, wenn man sich die mediale Begleitung des Impeachment als eine Art Mash-Up aus Anwaltsserie und Sportberichterstattung vorstellt.

Interessanterweise beschränken sich Podcasts nicht auf eine Rolle als rein auditive Inhaltsvermittlung – nicht selten bilden sich um erfolgreiche Formate aktive Zuhörergemeinschaften, die Anschlusskommunikation ermöglichen. Besonders erfolgreiche Podcasts wie The Daily oder die Lage der Nation sind dazu übergangen, einzelne Episoden vor Publikum einzuspielen und sich so von der allein digitalen Darreichung zu lösen. Auch die Nutzung der Begleitmaterialien (Show Notes) erlauben die Vernetzung der Audio-Inhalte mit weiteren, thematisch verwandten Online-Inhalten. Hier können Podcasts einen Beitrag zum medialen Agenda-Setting leisten, durchaus in korrigierender Funktion, wenn ansonsten wenig diskutierte Themen verhandelt werden.

Podcasts als »erzählte Politik«

Zusätzlich zur regelmäßigen Begleitung der aktuellen Ereignisse übernehmen die Podcasts noch eine weitere Aufgabe für die öffentliche Diskussion politischer Themen – das gilt insbesondere bei der Verhandlung über die Zukunft des Präsidenten. In geradezu paradigmatischer Weise erzählen Podcasts einen laufenden politischen Prozess und tragen dadurch zu seiner gesellschaftlichen Wahrnehmung und Einordnung bei. Aus der Sicht des noch jungen Zweiges der politischen Erzählforschung unterstützen Podcasts die Konstruktion von Politik im öffentlichen Diskurs. Durch die Einbindung in alltagsnahe Dialogsituationen wird die hochformelle Sprache der Verhandlungssituation geerdet und für den normalen Sprachgebrauch bereitgestellt. Gerade die auf Vereinfachung und Erklärung angelegten täglichen Podcasts finden hier ihre Funktion als »Erzählmaschinen«. 

Allerdings sind in der immer weiter ausdifferenzierenden Podcast-Landschaft auch Stimmen zu hören, die ihre eigene Agenda verfolgen – allen voran setzt hier ein alter Bekannter aus der Trump-Kampagne von 2016 den Ton. Stephen K. Bannons Podcast mit dem bezeichnenden Namen War Room: Impeachment lässt keine Zweifel zu: Es geht hier nicht um eine neutrale Begleitung des Geschehens, sondern um die Unterstützung der »eigenen« Leute und die möglichst vollständige Diskreditierung des politischen Gegners. Anschaulich vorgeführt wurde diese Strategie etwa in Episode 126 vom 22. Januar, als der »Bürgermeister Amerikas« Rudy Giuliani per Telefon zugeschaltet wurde und das Eröffnungsplädoyer von Adam Schiff in Grund und Boden stampfte: »If you don’t state a crime, you never start a trial. Obstruction of Congress is not a crime or misdemeanor. Congress must stop inventing things that are impeachable offenses.« Der in seiner Rolle als Anwalt des Präsidenten und durch seine Verwicklung in die Ukraine-Affäre mehr als nur befangene Giuliani entwickelt damit ein für das republikanische Lager sehr anschlussfähiges Deutungsmuster, das allerdings mit dem in der Verfassung niedergelegten Verfahren nichts mehr zu tun hat. 

Die nächsten beiden Wochen mit den Statements der Teams von Anklage und Verteidigung liefern nun das Ausgangsmaterial für die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Verfahren zur Amtsenthebung des Präsidenten. Formal mag das Impeachment des Jahres 2020 noch der letzten Auflage von 1999 ähneln. Und auch wenn das Verfahren gegen Bill Clinton maßgeblich durch einen radikalen Online-Journalisten angestoßen wurde, so gibt es mittlerweile fundamentale Veränderungen im digitalisierten Mediensystem. Dauerbegleitung im Livestream, Echtzeitkommentare in den sozialen Medien und eben auch die Nacherzählung und Umdeutung des Geschehens in den Podcasts vervielfältigen die Möglichkeiten zur Wahrnehmung der Ereignisse im Kapitol. Das vorläufige Ergebnis dieser Entwicklung ist eine laute, vielstimmige, multiperspektive Darstellung des Impeachment-Verfahrens – zumindest in den ersten Tagen bleibt der parlamentarische Prozess davon jedoch unberührt. Wir warten auf die nächsten Folgen der neuen Erfolgsserie aus Washington.



Weitere Beiträge in der Reihe »House of frames«:

»House of frames« #1: Das Impeachment und die öffentliche Meinung
»House of frames« #2: Das Impeachment-Verfahren im Spiegel der Facebook-Ads
»House of frames« #3: Der Ersatzkönig und seine »Framers«
»House of frames« #4: Das Impeachment als Pferderennen
»House of frames« #6: Der Clou oder das Impeachment als Wettbüro
»House of frames« #7: Eine (sehr) amerikanische Woche
»House of frames« #8: Winter is coming




Christoph Bieber und Klaus Kamps sind Autoren des Buches »Nach Obama. Amerika auf der Suche nach den Vereinigten Staaten«, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2017, 224 Seiten, 22 Euro
www.campus.de

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