Wolfgang Messer | 13 Kommentar(e)
Das Blöde bei diesen Hypes ist, dass immer ein Stückchen Pseudowissen hängen bleibt. Am besten, man dreht den Spieß einfach um und spricht statt von digitaler Demenz von analoger Verständnislosigkeit. Und über deren Konsequenzen.
13.09.2012 |
Nachdem wir ziemlich sicher sein können, dass Manfred Spitzers “Digitale Demenz” ein Popanz ist, was ist dann wirklich? Analoge Demenz bei Spitzer & Co.? Ein Generationen- und Kulturkampf zwischen abgehängten Offlinern und digital vernetzten Onlinern? Oder geht es in Wirklichkeit nur um den ganz normalen, ständigen Wandel der zum Leben und Überleben nötigen Fähigkeiten, den aber nicht jeder akzeptieren will?
Akute Anflüge von Hirnleere kennt wohl jeder: Telefonnummer des Klempners verlegt – ausgerechnet beim Rohrbruch; der rätselhafte Gang in den Keller (weswegen noch mal?); nach dem clean install eines neuen Betriebssystems kein Passwort mehr im Kopf; die vergebliche Suche nach einer bestimmten Straße in der Nachbarstadt – obwohl Sie dort schon mehrmals waren; nach nur einem Jahr keine Ahnung mehr, wie Sie Ihren Sat-TV-Receiver dazu bringen können, neue Sender zu empfangen; das Verpassen der richtigen Autobahnabfahrt; das verzweifelte Durchkämmen der Wohnung nach dem verschwundenen Schlüsselbund.
Das alles ist in der Regel weder chronisch noch Zeichen einer Demenz, sondern Folge der manchmal etwas seltsamen Selektionsmethode des Hirns zwischen den Kriterien “wichtig”, “mal zwischendurch merken” und “kannste vergessen”. Die können wir zwar teilweise beeinflussen, etwa durch stures Auswendiglernen, kreatives Basteln von Assoziationsketten oder Verknüpfen mit Emotionen, das Allermeiste passiert aber ohne unser direktes Zutun, weil der unendliche Strom der durch unsere Sinne und Rezeptoren aufgenommenen Datenhäppchen nur automatisiert in den Griff zu bekommen ist.
Das Wertvolle von früher ist der “Müll” von heute
Unbewusst verändert sich diese Speicher-Agenda während unseres Lebens ständig – durch den eigenen Alters- und Erfahrungsfortschritts und die Dynamik der Umwelt. Was vor 20 Jahren noch wichtig war, kann inzwischen total irrelevant geworden sein – etwa die Cocktail-Preise in der Stammkneipe damals. Dafür wissen wir jetzt auf Anhieb, wo die Magentabletten im Badezimmer zu finden sind. Jungen Leuten (so ab Jahrgang 1980) wird heutzutage nachgesagt, sie hielten vieles für Lügen und Müll, was wir Älteren noch als relevantes Wissen ansehen. Manche ziehen sogar den Informationswert der ARD-Tagesschau in Zweifel – potztausend!
Müssen wir deshalb aber gleich in Kulturpessimismus verfallen und den Untergang des Abendlandes befürchten? Ich gebe zu, dass ich das hin und wieder gedacht habe und auch teils noch denke (z. B.: “Privatfernsehen verblödet!”), obwohl es vermutlich grottenfalsch ist. Was uns nämlich in den 1960ern und 1970ern in der Schule und Ausbildung als Wissen, Werte und Fähigkeiten vermittelt wurde (und teilweise auch heute noch den Schülern eingetrichtert wird), ging schon damals großteils am realen Bedarf vorbei und dürfte in diesem Jahrtausend fast komplett wertlos geworden sein.
Das Alter spielt fast keine Rolle
Die von dem Mathematiker und Philosophen Gunter Dueck so treffend als “Flachbildschirm-Rückseitenberater” beschriebenen Schema F- und Kästchendenker-Bürosklaven waren zwar vielleicht einmal Musterschüler, werden aber immer weniger gebraucht. Die Zeiten, in denen der ideale deutsche Staatsbürger alles geglaubt hat, was ihm vermeintliche Autoritäten oder die Obrigkeit vorsetzten, da er beim Massenmorden, Verwalten von Konzentrationslagern, Volkszählen mit Hollerith-Maschinen, Ausspähen der Nachbarschaft und Verdrängen von Grausamkeiten eine unglaubliche Perfektion entwickelte, nie gegen Unrecht aufbegehrte, die wünschen sich nur Dummköpfe zurück.
Manfred Spitzer ist ungefähr in meiner Altersgruppe, dürfte also zumindest anfangs eine ähnliche Bildung mitbekommen haben. Aber die Zahl der Altersjahre spielt in dieser Diskussion eigentlich keine entscheidende Rolle – noch nicht einmal unbedingt die Generation. Er und andere Computer-/Internet-Skeptiker kommen in der gleichen digitalen Realität zu völlig anderen Schlüssen, als zum Beispiel der noch ein paar Jahre ältere Dueck.
Ich neige eher dessen Ansichten und Prophezeiungen zu. Dueck sieht die Jugend mitnichten durch elektronische Medien verdummt, sondern im Gegenteil noch schwere infrastrukturelle und bildungskulturelle Mängel beim Einsatz und der Ausbreitung der von Spitzer verteufelten Medien und Maschinen – mit der Konsequenz, dass die wirtschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit des Landes leidet.
Was wirklich zählt, sind nicht die Fakten
Die von Marketingexperten Digital Immigrants getauften Menschen gibt es wegen des schon lange andauernden Digitalzeitalters inzwischen in fast jeder Altersgruppe, ebenso, wie konservative Maschinenstürmer und Verschwörungstheoretiker. Die Trennlinien sind fließend und weitgehend unabhängig von politischen Überzeugungen und Parteipräferenzen. Allenfalls die Sozialisation und die Fähigkeit zur flexiblen Reaktion auf sich schnell verändernde äußere Umstände spielen eine Rolle. Wissbegierigkeit, Toleranz, Weltoffenheit, Kommunikations- und Kritikfähigkeit sind ein paar der Eigenschaften, die den Lebensstil und den Umgang mit Medien aller Art positiv beeinflussen. (Wie heißen eigentlich die entsprechenden Unterrichtsfächer in der Schule?)
Der frühere Bildungskanon mit weitgehend unreflektierter Faktensammlung ist hier irrelevant. Es spielt beispielsweise keine Rolle, ob Sie die Jahreszahlen für Beginn und Ende des 30-jährigen Krieges im Kopf haben. Sie sollten aber unter anderem wissen – um entsprechende Medienberichte relativieren zu können -, dass die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Es ist auch nicht sonderlich wichtig, den genauen Sitz der Belohnungs- und Glücks-Rezeptoren im Gehirn zu kennen. Sehr wichtig ist dagegen die Erkenntnis, dass jeglicher Konsum – im Übermaß genossen – zu einer Sucht werden kann.
Dabei ist es prinzipiell egal, ob es um Internet, Fernsehen, Computerspiele, Beifall, Zucker, Kokain, Nikotin, Pornos, Ruhm oder Rum geht. Jede dieser “Drogen” ist geeignet, die individuelle Lebenstüchtigkeit inklusive der Sozialkontakte erheblich zu reduzieren und Phänomene auszulösen, die an Demenz erinnern. Glauben Sie das einfach mal jemandem, der diverse Nächte “Gran Turismo”, Teile 1 bis 5, an der Playstation durchgespielt oder mit qualmender Zigarette stundenlang an Blogbeiträgen geschrieben hat. Man vergisst jede Menge von dem anderen Zeug, das nichts mit dem zu tun hat, was man gerade exzessiv betreibt. Gut, wenn Sie wissen, wie Sie von dem Trip wieder ‘runterkommen.
Apologeten einer vergangenen Welt
Indizien für ein gehäuftes Vorkommen solcher zweifelhaften Lebensumstände, die die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit beeinträchtigen, gibt es meines Erachtens im Wissenschafts- und Literaturbetrieb, dort, wo sich Akademiker und selbsternannte Hüter der wahren Werte in Refugien fern der wirklichen Welt ihren eigenen Kosmos basteln, die Scheuklappen enger schnallen, an ihrer Prominenz besaufen und die Frequenz von TV-Talkshow-Einladungen mit Bedeutung verwechseln.
Solche Autoren schreiben gerne Bücher für Menschen, die sich für das Bildungsbürgertum und Talkshows für Informationssendungen halten, die gedruckte Bücher kaufen und diese damit an die Spitze von Bestsellerlisten in gedruckten Magazinen und Wochenzeitungen hieven. Sie glauben offenbar noch an eine Welt, in der fest angestellte Vollzeitkräfte von der Ausbildung bis zur Rente im selben Betrieb bleiben, die immer gleichen Handgriffe und Denkvorgänge ausführen, und von ihrem Lohn problemlos eine vierköpfige Familie ernähren können.
Wenn sie dabei ignorieren oder vergessen, dass da draußen ein anderes Leben spielt – mit hoch flexiblen und niedrig bezahlten Tagelöhnern, mit Netzaktivisten, kritischen Konsumenten und Wählern, vernetzten Aktionsbündnissen, digitalen Genies, Hobby-Publizisten und vielen jungen Leuten, denen solche Akademiker und ihre gläubigen Jünger piepegal sind -, wenn diese ewig Gestrigen immer noch die Paradigmen für ein Bildungssystem liefern, das Kinder auf eine Welt vorbereitet, die es so nicht mehr gibt, dann spricht das durchaus für eine Art von Demenz. Und unter der leiden wir letztendlich alle.
Crosspost von Fastvoice





[...] Wer den Wandel meistert, kann die Demenz vergessen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich das nicht gelesen habe weil [...]
ein “Stückchen Pseudowissen”, das “hängen bleibt”, ist die “erkenntnis”, daß “wir” adressiert sind, spitzer “uns” digitale demenz andichtet – was “wir” umgehend entrüstet von uns weisen … und erst gar nicht mehr darüber nachdenken müssen.
so einfach, schwarz weiss, sind die dinge aber unglücklichweise nicht: so sehr wie neil postman _nicht_ irrte, als er “uns” in den 80ern (? ist alles schon so lange her) mit seiner sicher auch “kulturpessimistischen” prognose erboste … er behielt à la longue recht.
weil er so wenig “uns” meinte wie spitzer heute den blogschreibenden bohemien meint, der sich mit “dem” internet verwechselt. “das internet” ist aber eine indifferente masse, ein werkzeug, mit dem man brote schmieren oder leute abstechen kann. a mighty big thing und jeder kann sich darunter vorstellen, was er will.
mich hat das internet in 20 jahren nicht dumm gemacht, ich fühle mich nicht “dement”, aber ich verstehe schon, auch aus meiner erregung in den 80ern über postman heraus, was an seinen thesen ich besser nicht aus der selbstverliebtheit heraus, mich mit “dem” internet zu verwechseln.
er meint den typischen rtl2 zuschauer, der von rtl2 zum internet wechselt. eine diffuse masse, die nicht “wir” ist und ich sehe auch gar keinen grund, “die” in schutz zu nehmen.
“die” macht das internet genau so “schlau” oder “dumm” wie rtl2.
damn: “…ich besser nicht aus der selbstverliebtheit heraus, mich mit “dem” internet zu verwechseln … zwanghaft verwerfen sollte, bevor ich darüber nachgedacht habe.
[...] Wolfgang Messer hat das in einem anderen Zusammenhang erwähnt: Wer den Wandel meistert, kann die Demenz vergessen. Andere Fotos, die ich auf der G-Force gemacht habe, dokumentieren auch recht eindrücklich, wo wir [...]
[...] Wolfgang Messer nimmt sich auf dem bekannten Blog CARTA dem Thema der “digitalen Demenz” an, das in diesen Wochen inflationär durch die Öffentlichkeit getragen wird und vertritt dazu eine klare Position [...]
“Oder geht es in Wirklichkeit nur um den ganz normalen, ständigen Wandel der zum Leben und Überleben nötigen Fähigkeiten, den aber nicht jeder akzeptieren will?”
Jein. Da ist was dran , aber viele Netzgläubige meinen mittlerweilen , der Überlebensfähigste wäre derjenige , der das Netz am besten beherrscht und das ist mit einiger Sicherheit ein Irrweg.
Wie alle neuen Technologien bringt das Netz neue Möglichkeiten , ich stimme aber auch hardy zu , das Netz ist letztlich auch nur das Spiegelbild der Gesellschaft.
@Art Vanderley &hardy: Nein, mit geht es nicht um “das Internet gegen den Rest der Welt” oder dass diese fiktive “Netzgemeinde” irgendwas Besseres wäre. Das verengt das Problem ähnlich unzulässig, wie es Spitzer mit umgekehrtem Ziel tut. Es geht aber tatsächlich um die Gestaltung unserer Zukunft – mit jetzt noch jungen Menschen, die ein Bildungssystem durchlaufen, das meiner Meinung nach dafür nicht sehr gut geeignet ist. Und dann kommen Herr Spitzer und Co. und wollen’s noch ungeeigneter machen.
Das Internet ist meiner Meinung auch nicht der “Spiegel der Gesellschaft”; ein großer Teil spielt sich noch außerhalb des Netzes ab und will offenbar auch nicht viel damit zu tun haben (außer vielleicht mal was bei Amazon oder Ebay bestellen). Vieles von dem, was im Netz für Riesenaufruhr sorgt, verursacht gesamtgesellschaftlich noch nicht mal für ein laues Lüftchen.
wolfgang
>> Das Internet ist meiner Meinung auch nicht der “Spiegel der Gesellschaft”
da fehlt vor dem “nicht” das “noch” ;-)
daß ich das internet nicht für eine lernmaschine halte, habe ich ja unlängst in einem blogpost festgestellt: wir müssen ja erst mal lernen, wie wir mit dem ganzen kram umgehen, ihn validieren und zu verstehen haben.
vor einem jahr habe ich zudem über das hamsterrad geklagt und mich laut gefragt, woher eigentlich alle leute die gewissheit nehmen, halbwegs informiert zu sein.
vorgestern hat sieglinde geisel im dlf (“Jenseits der Phantom-Kommunikation”) ein paar bausteine zum thema geliefert, die ich ganz nützlich fand.
>> Herr Spitzer und Co
ich sehe das nicht “schwarz/weiß” – ich frage mich, was von dem, was spitzer sagt, “bedenkenswert” ist. mir ist die diskussion hierüber viel zu sehr von gekränkten eitelkeiten – zumal von falscher stelle – geprägt: der versteht “uns” nicht.
es wird ja immer über apple-fanboys gelästert.
gibt es eigentlich so etwas wie internet-fanboys??
@hardy: Das “noch” steht einen Halbsatz danach. Zweimal wollte ich’s nicht im selben Satz verwenden, gemeint war es aber so wie von Dir vermutet ;-)
Demenz = Verlust bereits erworbener Denkfähigkeiten (Wiki), vielleicht sollte man das noch unterscheiden vom Nichtnachdenkenwollen über eine Sache bzw. Desinteresse an einem Thema.
Und zum Spiegelbegriff möche ich noch dran erinnern, daß der Marxismus das menschliche Bewußtsein ja immer als Spiegel der Realität umschrieben hat. Was aber ganz gewiß unzureichend war. Wenn nun in diesem Sinne das Internet ein Spiegel der Realität sein soll, dann ist das vielleicht ein Fingerzeig, daß wir es mit einer neuen Form von Bewußtsein zu tun haben. Und gerade die Ereignisse in Nordafrika derzeit wären doch ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie die gesellschaftliche Realität ein Stück unechtes und irrationales Internet spiegelt. Es gibt da wie beim menschlichen Bewußtsein eine wechselseitige Wirkung.
@linsenspaeller: Ihre Definition ist zu eng. Demenz umfasst neben vielen anderen Symptomen nicht nur den allmählichen Verlust des bereits erworbenen Wissens, sondern auch das (ungewollte) Nachlassen der Lernfähigkeit und Auffassungsgabe. Das kann durchaus auch zu weitgehendem Desinteresse an neuen Eindrücken und Informationen führen.
@Wolfgang Messer: Es ist ja nicht meine Definition, sondern was, abgesehen von den tausend Meinungen der Psychologen und Neurologen der Mainstream (Wiki) dafür hält. Es ging mir nicht um wissenschaftliche Strenge, ich hatte bloß den Verdacht, der heute gängige Demenzbegriff lädt hier in der Symbiose mit dem “digital” zu Schlußfolgerungen ein, die faktisch an der Wirklichkeit vorbei gehen. Andererseits gefällt mir oben der Satz von den Zeiten, die sich nur Dummköpfe zurück wünschen könnten, sehr gut. Von dieser Stelle ist es ja nur ein ganz kleiner Schritt zu der Vermutung, daß eben jenes als digitale Demenz umschriebene Phänomen zu Verhältnissen führen könnte, in denen eine große Masse rückwärts gewandter Dummköpfe staatstragend die Richtung vorgibt, die wir alle zu gehen haben. Das ist kein sehr tröstlicher Gedanke. Man könnte sich in einer echten Demokratie gar nicht dagegen wehren.
Aber noch einmal eine Erinnerung von mir zum Demenzbegriff: Es gab eine Zeit, da bin ich noch den ganzen Tag mit dem Rechenschieber herumgerannt, während einige andere schon die ersten Taschenrechner besaßen. Da fiel mir bei irgend einem Anlaß auf, daß ich es nicht mehr fertig brachte, eine größere Zahl schriftlich durch eine andere zu teilen. Ich hatte das vergessen – Blamage! Dasselbe funktioniert natürlich mit einem Taschenrechner, auch bei Verwendung schon in der Schule, das ist klar. Aber es war diesem Falle nicht digital. Es ist in gewissem Maße natürlich, daß man vergißt, was man nicht mehr benötigt. Wie man einen Faustkeil schlägt oder einem Hasen eine Falle stellt, wird von die meißten von uns auch nicht verlangt. Es hat ein Stück weit den Charakter von Mode, was man als Intelligenzleistung versteht. In wenigen Jahren schon gilt das Merken von Fakten vielleicht als Anzeichen unverstandener Möglichkeiten, als Versäumen von unbeschwerter Lebensart, so wie man heute gerne die “Internetausdrucker” mit Häme übergießt.
@linsenspaeller: D’accord. Aber auch die Wikipedia/ICD 10-Definition von Demenz ist ziemlich umfassend:
http://de.wikipedia.org/wiki/Demenz#Definition_der_Demenz_nach_ICD_10