Robin Meyer-Lucht | 13 Kommentar(e)
Der britische Wissenschaftler Richard Collins schlägt vor, Gebührengelder von ARD und ZDF abzuziehen, um Zeitungen, Online-Angebote und Blogger zu fördern. Das Internet stelle die herausragende Position der Rundfunkanstalten in Frage.
18.04.2009 |
Richard Collins ist hierzulande eine Art Papst in Sachen”public value” des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der britische Medienwissenschaftler ist damit zugleich erster Übermittler der Diskussionen um die Zukunft der BBC. In einem Essay für die Bundeszentrale für politische Bildung schrieb er kürzlich: Das Internet stelle die Größe der BBC und ihre herausragende Stellung in Frage. Mit ihrer üppigen, abgesichterten Finanzierung stünde die Anstalt zunehmend “im Missverhältnis zu ihren schwindenden Rivalen“. Collins hätte auch schreiben können: In einem offenen Mediensystem ist es zunehmend zweckfremd, dass eine Organisation Gebührengelder erhält und alle anderen nicht.
In einem Interview mit der Fachzeitschrift “epd medien” (geführt von Daniel Bouhs), das am Samstag erschien, hat sich Collins nun konkret dafür ausgesprochen, Gebührengelder von ARD und ZDF abzuziehen, um Zeitungen, Online-Angebote und Blogger zu fördern:
Wir müssen darüber nachdenken, ob es mit der wachsenden Bedeutung des Internets nicht an der Zeit ist, dem gebührenfinanzierten Rundfunk etwas Geld abzunehmen, um es denen zu geben, die andere Qualitätsinhalte liefern, die aber mindestens genauso, wenn nicht sogar deutlich stärker bedroht sind als die Sender. Und ich sehe keinen Grund, Zeitungen und Internetredaktionen von öffentlichen Geldern auszuschießen.
Auf die Nachfrage, wer die Entscheidung über diese Gelder treffen solle, sagt Collins:
Dafür bräuchten wir eine unabhängige Kommission, die Bewerbungen sichtet und guten Projekten für eine gewisse Laufzeit Geld zuspricht. Zu klären wäre etwa, welche Inhalte der Gesellschaft zu welcher Zeit dienen und welches Medium dabei das effektivste ist. Das Prinzip der Ausschreibung würde nicht zuletzt auch der Qualitätssicherung dienen: Dann könnte sich keiner auf den Gebühren ausruhen. Er müsste nämlich befürchten, sie bald wieder zu verlieren. Wir kämen zu einem Wettbewerb der besten Inhalte. Die finden sich ja manchmal auch in Weblogs.
Collins will die Rundfunkgebühr folglich zu einer Art Kulturförderung für guten Journalismus umbauen. Eine Kommission soll Gelder auf Zeit vergeben — etwa nach Art der Bundeskulturstiftung.
Sein Vorschlag besteht aus zwei Teilen: Erstens spricht Collins sich dafür aus, angesichts der Verschiebungen im Mediensystem ARD und ZDF “Geld abzunehmen”. Zweitens möchte er die Mittel dann in eine medienübergreifende Förderung von Qualitätsjournalismus stecken.
Beim ersten Punkt kann man Collins nur voll beipflichten. Wenn die Bedeutung des Fernsehens sinkt, müssen auch die gesellschaftlichen Ausgaben für die Produktion von Fernsehinhalten sinken. Mit der steigenden Bedeutung des Internets wird das Mediensystem multipolar und zugangsoffen. In einem solchen Umfeld ist es anachronistisch und unausgewogen, wenn zwei Anbieter gefördert werden und alle anderen nicht. Die Privilegierung von ARD und ZDF und die Höhe ihrer Mittel stehen im Missverhältnis zu den qualitätsjournalistischen und meinungsbildenden Leistungen, die im Netz auch an vielen anderen Orten gemacht werden. Deshalb gehört die Alimentierung von ARD und ZDF reformiert und insgesamt gesenkt.
So deutlich hat das in diesem Land noch niemand öffentlich gesagt. Schon gar nicht ein ehemaliger Keynote-Speaker einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Punkt zwei des Vorschlags ist hingegen zwiespältiger zu sehen. Collins möchte einen gebührenfinanzierten Fonds für Qualitätsjournalismus aufsetzen, dessen Mittel von einer Kommission verteilt werden.
Hieran knüpft sich an ganzes Bündel von Fragen: Ist es wirklich erstrebenswert, Journalismus langfristig durch eine Mediensteuer und Kommissionsentscheidungen zu finanzieren? Ist die Begründung, mit der das zunehmend entgrenzte Phänomen Journalismus um gesellschaftliche Finanzierung wirbt, wirklich stichhaltig? Wer entscheidet, was fördergerecht ist, und auf welcher Grundlage? Und wie wird verhindert, dass die Mittel der Kommission den Wettbewerb nicht unfair verzerren?
Hier sind erhebliche Zweifel angebracht, auch wenn man als Journalist und Blogger aus Eigeninteresse sofort dafür sein müsste. Ich bin der Meinung, dass es eine Nachfrage nach gutem Journalismus gibt und dass es marktwirtschaftliche Lösungen geben wird, diesen auch im Internet zu finanzieren.
Es ist kein Grund ersichtlich, warum Journalismus und hochwertige Meinungsbildung im Netz nicht florieren sollten. Die derzeitige Umstruktierungskrise sollte darüber nicht hinwegtäuschen. Möglicherweise verliert der Journalismus einige Funktionen andere Institutionen. Das aber wäre nicht in jedem Fall schlecht.
Der autoritäre Kommissions-Elitismus aber, der bestimmt, was genutzt und gefördert werden soll, bekommt mit dem Internet ein großes Legitmationsproblem. Es erscheint daher eher zeitgemäß, die Mediengebühr zu senken, und eine Infrastruktur zu pflegen, die für einen offenen, fairen und transparenten Wettbewerb sorgt.
Die Beunruhigung der Rundfunkanstalten aber angesichts des Internets dürfte durch die Äußerungen von Richard Collins eher noch gestiegen sein. Nicht ohne Grund. Auch von ihnen ist nun Wandlungsfähigkeit gefragt.
“Wettbewerb der besten Inhalte” (epd Medien)



Ich stimme Ihnen zu: Der erste Gedanke von Collins ist ebenso radikal wie interessant, der zweite Teil weder praktikabel noch wünschenswert. Zu Ende gedacht bräuchte man eine Art Qualitätskommission, die darüber entscheidet, was förderungswürdige private Medien sind. Und das wären sicherlich viele auch unterhalb der Ebenen von Grimme Preis und Theodor Wolff Preis. Doch braucht wir ein öffentlich gefördertes ”Stern TV”, wenn es schon ”Spiegel TV gibt? Warum die ”Berliner Zeitung” fördern, wenn die Berliner ebenso den ”Tagesspiegel” lesen können? Und fördert man lieber zehn Medienblogger ein bisschen, oder nur die drei meistgelesenen ein bisschen mehr? Solche Entscheidungen können sich viel besser am Markt herauskristallieren. Wenn man ihn nur ließe. In diesem Sinne wäre schon viel gewonnen, wenn der sogenannte Drei-Stufen-Text für öffentlich-rechtliche Netzangebote mehr als ein teures bürokratisches Feigenblatt wäre.
Ich denke, dass gute Chancen bestehen, dass die Rundfunkstaatsverträge ab dem 2067 Inhalte aus dem Web (Social Media) vergüten. Im Ernst, warum kaufen Parteien wie die SPD per ddvg den Zeitungen? Bestimmt nicht, um eine freie und unabhängige Presse zu fördern. Die Gremien und Kommissionen von ARD und ZDF sind ja nun auch nicht nach Kompetenz besetzt. Reinzufällig findet man dort ja auch ein oder zwei Mitglieder mit Parteibuch. Tun wir also nicht so, als ginge es hier um urdemokratische Vorgänge. Die Zuschauergruppe der 14-49jährigen gibt es ja auch nicht. Es werden also die Zuschauer und Leser von den Parteien geneckt, die Werbekunden von den Mediaagenturen. Und die Autoren sind dafür verantwortlich, dass einige wenige formal Verantwortliche gegenüber noch weniger Kommissionsmitgliedern eine klare und reine Weste aus Information, Bildung und Unterhaltung simulieren können. Und das mit der Qualitätsauswahl kann ja jeder beobachten, wenn es um das Verteilen des Kuchens für den Film geht und Abermillionen, die bei unabhägigen Filmemachern landen könnten bei den überteuerten Eigenproduktionen à la Tatort landen, mit denen dann die ausgelagterten Produktionsfirmen finanziert werden, die sich jedes Mal wieder haben über den Tisch ziehen lassen, wenn es um Equipment, Produktions-Lastzüge und die Ausstattung ganzer Sender geht. Wer sehen kann, der beobachte das Umbauen von analoger auf digitalen Worflow der letzten zwei Jahre und aktuell auf HD. Da werden in absehbarer Zeit 25% des GEZ-Budgets in den Armen der IT-Firmen landen und sicher nicht bei Bloggern…
[...] um die an andere Medien zu verteilen, möglicherweise auch an Blogger. Sein Argument, wie es Carta zusammenfasst: Angesichts der wachsenden Bedeutung des Internets sei es an der Zeit, dass nicht mehr allein die [...]
Robin Hood heißt Richard Collins…
Der britische Medienwissenschaftler Richard Collins, der unter anderem auch das englische Oberhaus in Sachen BBC berät, hat vorgeschlagen den deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten Gelder zu kürzen, um sie an andere Marktteilnehmer im Internet…
“…eine unabhängige Kommission, die Bewerbungen sichtet und guten Projekten für eine gewisse Laufzeit Geld zuspricht. Zu klären wäre etwa, welche Inhalte der Gesellschaft zu welcher Zeit dienen und welches Medium dabei das effektivste ist.”
Klingt wunderbar, aber auch nur theoretisch.
Die Erfahrungen in der Realität sagen mir: so klappt das nie. Die “Kommission” ist kurz über lang von den Parteien (o.ä.) gekapert, die Medien die dann Geld bekommen wollen das natürlich immer weiter und immer mehr… Lobbys entstehen, Mauschelei, Korruption… Wer ein wenig Bescheid weiß, wie z.B. Gelder für “Filmförderung” vergeben werden… oder die Landwirtschaft, oder, oder…
Ein “Wissenschaftler” darf natürlich auch solche Ideen äußern, nur solte man berücksichtigen: er hat leider wenig Erfahrungen mit dem richtigen Leben hier draußen.
Der gute Brite vergisst noch weitergehend einige Aspekte:
1. wieviel Geld wollen wir denn umverteilen? Soll es sich nach Reichweite richten, dann müssten wir die Zuschauer der Tagesschau (TV + Stream) mit den clicks der Bloggs vergleichen – und dann kommt nicht zu viel Geld rum. Denn seien wir doch ehrlich: das Internet ist wie die Zeitung – wenige lesen die Content-Bloggs / FAZ, viele schauen sich lieber Titten und Autos an (also Bild / Autobild).
2. Bloggs sind klasse und vielleicht werden sie sogar investigativ. Was sie aber nicht können und was ja mal die eigentliche Grundaufgabe von ARD/ZDF war – die umfassende Basisberichterstattung. Wenn ich also einen Überblick über das Tagesgeschehen bekommen möchte, dann finde ich es sicher nicht bei carta – wohl aber bei ARD/ZDF. Man darf also nicht das gesamte Budget vergleichen, sondern muss auch bei den öff. R’lichen schauen, mit welchem Anteil der Gebühren diese in “Konkurrenz” zu den Bloggs treten – DIESEN Teil des Geldes könnte man schon eher überlegen zu verteilen.
3. ich halte wenig von begrenzten Ausschreibungen, weil der Mensch nach Sicherheit strebt. Wer hauptberuflich vom Journalismus leben möchte, braucht die Sicherheit, ein Auto über vier Jahre abbezahlen zu können oder auch ein Haus. Begrenzten wir hingegen alle Projekte, werden sich Journalisten (sicher nicht alle, aber doch einige) nach anderen Sicherheiten umsehen. Die SPD macht das schon schön vor, indem sie sich an vielen Tageszeitungen beteiligt und darüber freien Mitarebitern, die auch (und besonders) für Zeitungen schreiben, an denen sie nicht beteiligt ist, einen “Notfall-Job” in eigenen Häusern anbieten. Wenn also in der freien Zeit lieb für die SPD geschrieben wird, dann winkt im Notfall ein Job in einer Zeitung, an der die SPD beteiligt ist.
Sofern wir also nicht zu einer Kultur kommen wollen, in der sich Journalisten mit einem “normalen” Beruf das Leben sichern und in ihrer Freizeit nur schreiben, brauchen wir größere Häuser, die Qualität AUSBILDEN (auch dieser Aspekt kam bisher zu kurz, woher soll eigentlich ein Journalist sein Handwerk am 1. Tag können) und auch Qualität SICHERN. Damit haben wir dann schon viel gewonnen.
Den Vorschlag der Umverteilung von TV hin zu neuen Medien finde ich nur konsequent.
Die Schaffung einer Komission sehe ich kritisch. Wie schon angemerkt wurde ist hier ebenso Partei-taktisches Kalkül zu erwarten, wie es jüngst im Fall Bender beim ZDF offensichtlich wurde. Aber wie wäre es mit einem Verteilungsschlüssel auf Basis gewisser (wohl noch zu entwickelnder) Kennzahlen?
Zusätzlich könnten “herausragende” investigative Leistungen gewürdigt werden.
Danke für die sehr guten Kommentar-Beiträge. Ich würde sagen, die sind alle förderungsfähig.
;)
Im Text steht kurz und bündig:
“Collins hätte auch schreiben können: In einem offenen Mediensystem ist es zunehmend zweckfremd, dass eine Organisation Gebührengelder erhält und alle anderen nicht.”
Zwei Ansatzpunkte aus meiner Sicht:
1. Ich zweifle nach wie vor an der Verfassungsmäßigkeit der GEZ.
2. Gemäß Collins könnte es verfassungswidrig sein, dass von der GEZ nur eine Organisation bevorzugt wird und Gebührengelder erhält, alle anderen jedoch nicht.
Was wäre zu tun?
1. Die GEZ und ihre dubiosen Methoden müssen ständig öffentlich angeprangert werden. Nur in Deutschland kann der Bürger dazu gezwungen werden, für seine eigene systematische Verdummung zu bezahlen.
Die GEZ und ihr Gebührenmodell ist für mich ebenso verfassungswidrig, wie es die Industrie- und Handelskammern sind. Keiner braucht sie, keiner will sie. Aber jeder ist dieser legalisierten Zuhälterei ausgeliefert aufgrund fragwürdiger Gesetze, die im Interesse der Parteien-Diktatur, aber nicht der Wille des Volkes sind.
In einer richtigen Demokratie, wie z.B. in der Schweiz, hätte “Zuhälterei im Auftrag des Parlaments” keine Chance. Wir müssen erreichen, dass alle Bürger durch Abstimmung über die Rechtmäßigkeit solcher “Geldverbrennungsanlagen” entscheiden.
2. Ein Verfassungsrechtler müsste sich der Angelegenheit annehmen. Gutachten und Verfassungsklage wären wahrscheinlich der richtige Weg.
Die Finanzierung dürfte kein Problem sein, wenn jeder Blogger, Twitterer, etc. ein paar Euros spendiert.
[...] Richard Collins: ARD & ZDF Gebührengelder abnehmen und an Blogger verteilen? — CARTA (tags: Media Blogs) [...]
@ Horst Deckert: Vor dem Verfassungsgericht schätze ich die Chancen derzeit eher gering ein. Daher erscheint eine breite gesellschaftliche Diskussion dieser Thema zunächst der bessere Weg.
rml
[...] einzelne Organisationen statt Strukturen zu fördern, die Qualität ermöglichen (mehr hier). Auch hierzu bietet der Rundfunkstaatsvertrag keine [...]
[...] GEZ-Gebühr auch für Blogger? [...]