Robin Meyer-Lucht | 19 Kommentar(e)
Die “Kommission für die Ermittlung der Konzentration im Medienbereich” legt mit einer Studie nahe, dass Blogs vornehmlich abschreiben und Twitter für die Meinungsbildung kaum relevant sei. Statt auch die Chancen des Netzes aufzugreifen, bleibt die Aufsichtsbehörde im massenmedialen Denken verhaftet.
05.08.2010 |
Wenn es an einem Phänomen keinen Zweifel geben sollte, dann wohl daran, dass die von Carta so geschätzte digitale Öffentlichkeit die von der Medienpolitik mit so viel Interesse beobachteten “Meinungsbildungsprozesse” ganz erheblich verändert:
- Blogs veröffentlichen zunehmend wichtige Dokumente, wie etwa iRights.info im Fall des Leistungsschutzrechts.
- Im Netz laut werdende Kritik am Köhler-Interview half mit, dass Massenmedien das Thema erneut aufgriffen.
- Entwürfe des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags wurden im Netz veröffentlicht und detailreich diskutiert.
- Wikileaks hat eine neue Infrastruktur für Whistleblower geschaffen.
- Aggregatoren und soziale Netzwerke verändern die Art, wie Informationen gefiltert und verstärkt werden.
Derartige Verschiebungen sind aber, wenn man einer jüngst vorgestellten Studie glauben würde: marginal. Die großen deutschen Medienkonzerne hätten nämlich auch das Internet meinungstechnisch fest im Griff.
Die “publizistische Vielfalt” des Internets werde, so formuliert die Studie, “maßgeblich durch traditionelle Massenmedien bestimmt”. Viele Inhalte würden mehrfach verwertet und nur selten exklusiv für das Internet produziert. Blogs würden die Themen der Massenmedien lediglich aufgreifen. Der positive Einfluss von Twitter, Facebook und Co. sei nicht bestimmbar. Insgesamt erkennen die Autoren in der Online-Medienwelt vor allem viele “vielfaltsmindernde Faktoren”.
Die dpa fasste die Studie folgendermaßen zusammen:
So vielfältig, wie Informationsangebote im Internet erscheinen, sind sie in Wirklichkeit nicht.
Das Internet sei also vielfältig, möchte uns die Studie nahelegen – aber eben “in Wirklichkeit” nicht “so vielfältig”. Als Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie klingt dies zunächst einmal schon recht merkwürdig, um nicht zu sagen: politisch. Man kann sich eigentlich nur wundern, dass da nicht bereits bei Verbreitung der Meldung Mitte Juli mehr nachgehakt wurde.
Dabei ist die Studie reich an weiteren Merkwürdigkeiten, wie sich nun zeigt, da sie – Wochen später – zum Download angeboten wird.
So schreiben die Autoren:
Meinungsbildung vollzieht sich im Internet im Rahmen einer integrierten Netzwerköffentlichkeit, die sich in wesentlichen Punkten von der Öffentlichkeit der traditionellen Medien unterscheidet.
und:
Suchmaschinen wie Google, der “Microblogging”-Dienst Twitter und soziale Netzwerke wie Facebook haben erhebliche Bedeutung für die Lenkung von Nutzern auf journalistische Websites. Auch hieraus ergibt sich Meinungsmacht.
Im Internet gäbe also also eine “integrierte Netzwerköffentlichkeit”. Von Facebook, Twitter und Google gehe irgendwie auch Meinungsmacht aus. All dies aber sei “so vielfältig” nun wieder auch nicht. Eine verminderte “Dominanz” der inländischen Medienkonzerne in Fragen der Meinungsbildung sei trotz “Netzwerköffentlichkeit” nicht erkennbar.
Wie kann das bei einer wissenschaftlichen Studie sein?

Neue Meinungsmacht und "vielfaltsmindernde Faktoren": Die Vernetzung von 3.092 Websites mit Spiegel Online. (Quelle: KEK-Studie)
Die Studie ”Die Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung” der geschätzten Kollegen Christoph Neuberger (Kommunikationswissenschaft) und Frank Lobigs (Medienökonomie) zeigt zunächst einmal, wie wenig die Kommunikations- und Medienwissenschaft derzeit in der Lage zu sein scheint, die Strukturveränderungen der digitalen Öffentlichkeit empirisch zu messen und produktiv zu thematisieren.
Zur präzisen Messung fehlt der Wissenschaft hierzulande derzeit offenbar sowohl ein ausreichender theoretischer Unterbau für die Analyse post-massenmedialer Strukturen wie auch die empirischen Daten.
Die Meinungsbildung im Internet ist – wie die Autoren wohl zu vorsichtig andeuten – streng genommen also derzeit wissenschaftlich kaum zu erfassen. Unklar ist, welche Prozesse noch zur öffentlichen Meinungsbildung zu zählen wären und wie hoch die jeweilige Nutzung ausfällt.
Schnell kommt man zu Fragen, die die gesamte bisherige Medienregulierung auf den Kopf stellen könnten: Müssten nicht etwa auch Parteiwebsites der Meinungsmacht-Kontrolle unterworfen sein? Müssten nicht längst YouTube-Videos zum relevanten Bewegtbild-Markt gezählt werden? Verändern nicht Aggregatoren die Machtposition der publizistischen Produzenten?
Solche Fragen aber – und dies lässt sich aus der Studie ebenfalls deutlich herauslesen – wollte die Auftraggeberin nicht laut gestellt wissen. Die ”Kommission für die Ermittlung der Konzentration im Medienbereich” (KEK) ist eine Art Aufsichtsbehörde für Meinungsmacht im Fernsehen. Sie hat die Studie augenscheinlich so konzipiert, dass vor allem die fortwährende Bedrohung der Meinungsbildung durch inländische Medienkonzerne (ihre Aufsichtskunden) thematisiert wird. Entlastende Faktoren benennen die Autoren zwar fleißig – ins Resümee der Studie und damit in die Berichterstattung der Presse haben sie es aber nicht geschafft.
Stattdessen ist die Studie nun Zeugnis dafür, wie Aufsichtsinstitutionen an ihren Regulierungsmodellen festhalten – statt sich neutral zu fragen, wie Meinungsbildungsprozesse in der digitalen Öffentlichkeit zukünftig angemessen reguliert werden können.
Neue Chancen wie auch neue Bedrohungen bleiben so unberücksichtigt. Stattdessen werden die alten Bedrohungen durch die üblichen Verdächtigen beschworen. Neuen Erkenntnissen steht strukturkonservatives, im klassischen nationalen Massenmediensystem verhaftetes Denken im Wege.
Nachdem die Studie nun - allerdings erst Wochen nach der offiziellen Präsentation – zum Download bereitsteht, kann sich jedermann ein Bild von ihr machen – auch das eine Veränderung der Meinungsbildungsprozesse.
Die Studie enthält viele gute Ansätze – um am Ende aber letztlich vor allem das Vorverständnis ihrer Auftraggeberin zu bestätigen. Sie ist daher eine vertane Chance – bedauerlich indifferent gegenüber ihren eigenen normativen Vorannahmen und Schlüssen.
Die Stärke der Studie liegt folglich vor allem dort, wo sie deskriptiv bleibt – etwa wenn sie mit Hilfe der Hoppenstedt-Datenbank die crossmedialen Konzernstrukturen inländischer Medienunternehmen visualisiert (siehe Springer-Beispiel in der Abbildung).
Das eigentliche Ergebnis lässt sich wohl so beschreiben: Das Internet wird zwar für die Meinungsbildung immer wichtiger, was Twitter, Facebook, Google und Apple damit zu tun haben, können wir aber nicht so genau sagen. Dafür sind wir uns aber ganz sicher, dass RTL, ProSieben und Axel Springer weiter einer strengen Meinungsmachtaufsicht bedürfen.
Für eine Institution, die die Meinungsbildung in Deutschland im Auge behalten soll, ist das bedenklich wenig.
Disclaimer: Die Studie wurde im vergangenen Jahr von der KEK ausgeschrieben. Auch ich habe mich darum mit einem Autorenteam beworben. Ich habe mich daher entschieden, zu Presse-Präsentation zunächst nichts zur Studie schreiben, sondern nach reiflicher Lektüre erst jetzt, da sie auch zum Download bereitsteht.
Christoph Neuberger und Frank Lobigs: Die Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung, ALM-Schriftenreihe 43, Vistas Verlag, Download (PDF).




[...] This post was mentioned on Twitter by Thomas Mike Peters and Triffy, Robin. Robin said: Ein paar Gedanken von mir zur KEK-Studie: Twitter und Facebook haben Meinungsmacht – wir wissen aber nicht welche http://carta.info/31561/ [...]
Ich verstehe die Argumentation dieses Posts nicht: Worauf will er hinaus? Die fünf Beispiele in der Spiegelstrichaufzählung zu Beginn zeigen doch vor allem eines: Marginalität. Leistungsschutzrecht und Jugendmedienschutzstaatsvertrag sind wohl eher Themen einer sehr kleinen Teilöffentlichkeit. Der Anteil der Blogger an Köhlers Rücktritt ist vermutlich viel geringer als die Blogger das gerne hätten. Und Aggregatoren und soziale Netzwerke aggregieren vornehmlich Inhalte der traditionellen Contentproduzenten.
Wir wissen, dass der durchschnittliche Internetuser kaum mehr als die ersten drei Ergebnisse seiner Google-Suche anklickt, wo sie – wenn es um journalistische Inhalte geht – auf die Produkte der großen Konzerne stoßen. Das spricht in der Tat dafür, dass die angebliche Vielfalt so vielfältig nicht ist. Es spricht aber sehr wohl dafür, dass Googles Algorithmen eine größere Meinungsmacht besitzen als irgendein Twitterer.
Es mag ja sein, dass das Ergebnis der Studie am Selbstbewusstsein des einen oder anderen Bloggers nagt, der sich schon in einer Reihe mit Kai Dieckmann und Rupert Murdoch sah – aber das allein ist kein Argument gegen den Befund.
Ohne Zweifel verändert sich Meinungsbildung durch das Internet. Wie? Das weiß man in der Tat noch nicht. Man müsste dafür überlegen, wie sich diese Veränderungen empirisch prüfen lassen. Meine Arbeitshypothese dazu wäre: Die weniger Mächtigen werden ein kleines bisschen mächtiger durch das Internet. Die Mächtigen aber werden noch viel mächtiger.
Warum kann der Autor die zitierten Ergebnisse der Studie eigentlich nicht akzeptieren?
“Onlinemedien erzeugen keinen eigenen Inhalte die Meinungsbildung beeinflussen, sie replizieren sie lediglich und distribuieren sie über Netzwerkstrukturen.”
Das ist dich mal eine sehr klare Aussage, die ich voll unterstützen kann, weil sie auch meinen täglichen (professionellen) Mediennutzungs-Erfahrungen entspricht.
Aber statt (selbst-)kritisch zu hinterfragen, warum das eigentlich so ist, stellt der Autor gleich die ganze Studie in Frage und erklärt uns auch noch welche Machenschaften Forscher zu solchen Ergebnissen zwingen….
Der Artikel behauptet, mehr nicht. Und der Autor beharrt bockig darauf, dass nicht ist, was nicht sein darf, schließlich geht es ja um das “geschätzte Netz”.
Der Autor entpuppt sich so als Web-Ideologe der ersten Generation. Die KEK hat sehr gut daran getan, ihn nicht mit der Studie zu beauftragen. Falls sie Zweifel an ihrer Entscheidug hatte, dieser Artikel räumt sie alle aus.
Etwas mehr kritische Distanz zum Netz, bitte!
Wir brauchen keine Netz-Claquere mehr. Wir brauchen Autoren, die nach vorne schauen und sich z.B. fragen, was das eine Gesellschaft wird, die zwar ausgefeilte Netzwerkstrukturen hat, aber keine Plattformen (Institutionen, Medien etc) mehr, um einen ALLGEMEINEN Konsens zu bilden.
Natürlich verändert das Internet den Meinungsbildungsprozess. Allerdings nur für eine Informationselite. Liesschen Müller wird sicherlich nicht das Internet in ihre Meinungsbildung miteinbeziehen. Kontakte über Facebook zu pflegen mag dabei noch das verbreitetste sein, per Twitter am informationellen Geschehen teilzunehmen ist aber sicherlich nur den Early Adopters vorbehalten und es ist fraglich, ob solch ein Dienst jemals Teil ihrer Informationskultur wird. Auch RSS Feeds sind die meisten Internetnutzer_innen fremd. Alle haben schon einmal das orange Zeichen rechts neben der Internetadresse im Browser gesehen, aber die wenigsten wissen etwas damit anzufangen. Das sind alles keine Massenmedien, die Einfluss auf die Meinungsbildung nehmen, zumindest im Moment nicht.
Niklas Luhmann hat in seiner politischen Soziologie für das Warten plädiert. Seine Ausführungen zum modell einer idealen Öffentlichkeit lohnt es sich mal näher auf das Internet und das Kommunikationssystem dort zu beziehen.( ist anschlussfähig aber mehr auch nicht!) Der Sinn davon ist damit hinlänglich erklärt. Internet bietet eine neue Differnezierung von Kommunikation – Anschlussmöglichkeiten für personalisierte Kommunikation- das ist alles! Das ist auch eine gute Strategie um die Chancen des Internets für eine weitere Differenzierung des Medienangebotes an uns alle zu bewerten.Abwarten und erst mal ausprobieren was damit möglich ist! Öffentlichkeit ist im internet schlicht was anderes als in der Holzpresse und den öffentlich- rechtlich beschickten Medien, und das ist gut so!
Wer glaubt denn nicht wirklich daran, dass das internet etwas Neues ist, dass wir alle erst einmal ausprobieren dürfen um unsere Erfahrungen zu machen. Etablierte Mediennutzer werden ganz langsam die Veränderung erkennen und die Begeisterten machen einfach ihre personalisierte professionelle Öffentlichkeitsarbeit für meine Ideen, Themen – so wie ich. Was interessiert mich da was für Momentaufnahmen hier Experten abgeben. Jeder kann Kommunikationsexperte werden und das finde ich gut!
Interessant finde ich, dass dem Artikel mit seiner Kritik an der KEK-Studie in den ersten Kommentaren eine ideologische Debatte folgt, die genau daran krankt, was Robin kritisiert: Es fehlen innovative Mess-Methoden samt ihren Auswertungen um wirklich verifizieren zu können, wie weit die digitale Öffentlichkeit Meinungsbildungsprozesse schon beeinflusst (oder noch nicht).
Mein Gefühl sagt mir, dass der Blick auf Rankings in Suchmaschinen sowie auf die Seitenaufrufe der altbekannten Massenmedien im Netz ein trügerisch falsches Bild der Medienstruktur und Meinungsmacht abgibt. Nimmt man dazu dann noch den in Deutschland geringen Nutzungsgrad von Twitter, kommt man natürlich leicht zum Ergebnis, dass sich nichts Wesentliches geändert hat.
Dabei wäre es wichtig gewesen, genau zu erheben, wie Jugendliche und junge Erwachsene das Internet nutzen: Wie funktionieren hier Empfehlungs- bzw. Netzwerk-Effekte? Wie gelangen mediale Nachrichten in diese Kommunikationskanäle und wie sieht der zugrundeliegende Medien-Mix aus?
@Matthias Schwenk. Die Kritik richtete sich darauf, dass Robin in erster Linie beklagt hat, dass das Gutachten zu einem anderen Ergebnis kommt als er favorisiert.
Wer aber das Studiendesign für ungeeignet hält, kann dies nicht kritisieren, indem er das Studienergebnis in Zweifel zieht.
Das Gutachten macht sehr wohl deutlich, dass die Rolle des Internets bei der Meinungsbildung wächst. Man sollte aber drei Elemente auseinander halten:
- Meinungsbildung
- Meinungsverbreitung
- Meinungsvielfalt
Die aufgeworfenen Fragen:
“Wie funktionieren hier Empfehlungs- bzw. Netzwerk-Effekte? Wie gelangen mediale Nachrichten in diese Kommunikationskanäle und wie sieht der zugrundeliegende > Medien-Mix aus?”
befassen sich mit den ersten beiden Aspekten. Als wissenschaftliche Methode für den ersten Aspekt könnte man eine qualitative Inhaltsanalyse diskutieren, eventuell ergänzt durch Tiefeninterviews oder repräsentative standardisierte oder halb-standardisierte Befragungen.
Für die Meinungsvielfalt scheint mir die von den Gutachtern gewählte quantitative Inhaltsanalyse adäquat. Unabhängig davon, wie schnell und über welche Kanäle sich Meinungen verbreiten, ist es durchaus von Interesse, wie vielfältig die verbreiteten Meinungen sind. Es spricht ja als Ausgangsthese vieles dafür, dass soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook eben nicht zur Meinungsvielfalt beitragen, sondern dass durch sie sehr schnell eine sehr beschränkte Anzahl von Meinungen verbreitet wird.
In einem zweiten Schritt, und auch dazu scheint mir die quantitative Inhaltsanalyse die geeignete Methode zu sein, wird dann zu überprüfen sein, in wie weit die massenhaft durch das Internet verbreiteten Meinungen mit denen der ursprünglichen Contentproduzenten übereinstimmen. So haben das die Gutachter gemacht.
Nur wenn sich mit einem anderen Forschungsdesign herausstellen sollte, dass
a) durch das Internet mehr und vielfältigere Meinungen im Umlauf sind als bisher,
b) die durch soziale Netzwerke verbreiteten Meinungen mehrheitlich von nicht-traditionellen Contentproduzenten stammen,
wären die Aussagen des Gutachtens falsifiziert.
Twitter und Facebook haben Meinungsmacht – wissen Sie denn, welche, Herr Meyer-Lucht? Ich sehe keinen konstruktiven Ansatz in Ihrer Kritik – es scheint mir, Sie ärgern sich einzig über das Ergebnis – dafür die geschätzten Kollegen verantwortlich machen zu wollen, zeugt von einem gewissen Gram.
Ich freue mich auf Ihren Gegenentwurf zur Studie, – auf den erstmals (!) in dieser Weise erhobenen deskriptiven Ergebnissen, die ja auch Sie als Leistung anerkennen, lässt sich doch aufbauen, meinen Sie nicht?
@ Klardeutsch:
Ich kritisiere, dass die Studie selbst eine Netzwerköffentlichkeit und eine Meinungsmacht on Google/Twitter/Facebook konstatiert, dann aber keine Schlüsse daraus zieht.
Viel deutlicher hätte die Studie wohl heraustellen müssen, welche offenen Fragen es gibt.
Sie selbst schreiben:
Und genau so ein Vorbehalt fehlt in der Studie.
@ Mpunkt:
„ Das ist dich mal eine sehr klare Aussage, die ich voll unterstützen kann, weil sie auch meinen täglichen (professionellen) Mediennutzungs-Erfahrungen entspricht.“
Es mag zutreffen, dass diese Aussage für den Regionaljournalismus zutrifft – für überregionale Online-Publikationen gilt dies sicher nur teilweise.
Von einer wissenschaftlichen Studie ist zudem an weiteren Kriterien zu messen – nicht nur ob sie „Erfahrungen entspricht“.
Zudem wäre zu wohl fragen, worin das Problem besteht, wenn Inhalte crossmedial veröffentlicht werden? Die Autoren weisen in ihrer Studie sogar darauf hin, dass die vielen frei zugänglichen Inhalte (man kann nun viele Publikationen im Netz parallel nutzen – und hat nicht nur ein Zeitungsabo) die Vielfalt erhöhen.
Es wäre also auch zu fragen, welche Vielfalt eigentlich gemeint ist. Hier schwanken die Autoren leider zwischen der regulatorischen Anforderung (Vielfalt ist quantitativ zu verstehen) und der journalismuswissenschaftlichen (Vielfalt ist auch qualitativ zu verstehen). Allein dieser Umgang mit der Vielfalt wäre eigentlich ein Absatz in dem Text wert gewesen.
Ich empfehle die Voll-Lektüre der Studie: Die Widersprüche und Leerstellen werden dann deutlich.
Wenn Sie sich persönliche Angriffe ersparen können, wäre ich Ihnen dafür sehr dankbar.
@ Gibro:
„ Natürlich verändert das Internet den Meinungsbildungsprozess. Allerdings nur für eine Informationselite.“
Sehr richtiger und wichtiger Hinweis – hätte ich oben differenzieren sollen. Natürlich sind vor allem die „Informationseliten“ betroffen. Leider unterscheidet die Studie nicht zwischen Multiplikatoren/Meinungsführern und Nachzüglern. Ihr engeht damit ein ganz wichtiger Faktor, wie das Internet die Meinungsbildung verändert.
Die Studie orientiert sich weitgehend am Meinungsmacht-Modell der Regulierung, wonach Meinungsmacht proportional zur Reichweite ist. Eine Netzwerkstruktur mit Meinungsführern thematisiert sie nicht.
Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut: Die Worte Meinungsführer und Multiplikator kommen – laut PDF-Suche – in der Studie über Meinungsbildung nicht vor.
@Fuhrwerk:
Interessant ist auch der mahnende Hinweis der Autoren der Studie, dass die Online-Vielfalt dadurch begrenzt werde, dass es auch im Netz eine „Hierarchie“ gäbe.
Natürlich ist das so (gerade auch nach Habermas). Ohne diskursive Hierarchie wäre die Vielfalt Chaos. Jede sinnvolle Informationsordnung kann Hierarchie und Autorität.
Immerhin: Benkler wird zitiert
@ Matthias Schwenk:
Netzwerkeffekte werden nicht berücksichtigt – Das Meinungsmachtmodell orientiert sich weitgehend am Reichweitenanteil der publizistischen Anbieter.
Dass es – zumindest im überregionalen Bereich – nun sehr viel mehr Anbieter gibt als früher im Tageszeitungsmarkt und dass darunter nicht nur die üblichen Verdächtigen sind – all das finden die Autoren übrigens auch nicht sonderlich bemerkenswert. Phänomene wie die hohe Reichweite von Heise.de oder Yahoo News werden übersehen, weil sie nicht ins Bild paasen.
@ # Klardeutsch:
Wenn Sie mich duzen, haben Sie vielleicht auch einen Klarnamen?
Ich kritisiere die Studie nicht dafür, dass nicht rauskommt, was ich will – sondern dafür, dass sie ihre eigenen Ansätze nicht konsequent zuende denkt, offene Fragen nicht deutlicher herausstellt und die Vorannahmen zur Meinungsmacht nicht offensiver thematisiert. Der Einstieg mit den Spiegelstrichen war wohl ein Fehler…
Ihr Vorschlag
„ – Meinungsbildung
- Meinungsverbreitung
- Meinungsvielfalt“
ist ein interessanter Differenzierungsansatz. Vielleicht könnte man auch arbeiten mit:
- Universal Intake: Anzahl der veröffentlichten Meinungen
- Akkreditierungsmechanismus: Wie wird festgelegt wer, mit welcher Autorität meinen darf?
- Relevanz-Filter: Wie werden die Meinungen ausgewählt und gefiltertert
- Synthese-Mechanismen zu einer öffentlichen Meinung
All diese Aspekte würden zusammen einen Analyse-Rahmen bilden, wie Meinungsbildung im Netz funktioniert.
Forschungsfrage a) erscheint mir ganz richtig. Bei b) scheint mir die Unterscheidung zwischen traditionellen und nicht-traditionellen Anbietern fragwürdig. Mehr Vielfalt entsteht ja nicht nur durch mehr nicht-traditionelle Anbieter. Orientiert sich an meinem Raster so wäre etwa zu fragen: Gelinkt es neuen Anbietern sich zu akkreditieren?
Wenn ich hier die muntere Diskussion so mitverfolge – man hätte die Studie wahrscheinlich einfach in Zwischenschritten im Netz diskutieren sollen.
@ Dieter Asse:
Dass Twitter und Facebook Meinungsmacht haben, steht zunächst einmal so auch in der Studie. Als Vermutung kann ich das nur unterstützen.
Das Problem ist wahrscheinlich bereits, dass wir kein funktionierendes Modell von Meinungsmacht haben. Wir wissen insbesondere nicht, wie wir die Meinungsmacht von publizierenden „Amateuren“ bewerten sollen – und was alles genau zur öffentlichen Meinungsbildung zu zählen ist.
Man könnte sich ebenfalls an der Reichweite von Facebook und Twitter orientieren oder an den Refereren von Facebook und Twitter auf Nachrichtensites. Ersteres wäre wohl zu üppig gedacht – letzteres zu wenig.
Wahrscheinlich lässt sich die Frage nur anders herum sinnvoll beantworten: Welches sind die Gefahren für die Vermachtung von Meinungsbildungsprozessen im Internet?
Ich glaube, dass die strukturell zu thematisieren sind (Offenheit, Transparenz, Freiheit von Diskriminierung) – nicht auf der Ebene von Nutzermarktanteilen.
Blumenkübel: 50.000 Seitenabrufe für die Münstersche Zeitung…
Was bringt eigentlich so ein #Blumenkuebel-Hype konkret – in Seitenabrufen? Der Versuch einer quantitativen Annäherung ein die Twitter-Welle…….
Bernd hält die Bewertung von Kanälen für unterschätzt, aber Bernd liefert’s:
http://img208.imageshack.us/i/lolisi.jpg/
http://www.jugendwort.de/voting.cfm?
4Kanal liefert gleich Eimerweise:
http://techcrunch.com/2009/04/21/4chan-takes-over-the-time-100/
Wenn Multiplizierer wie Dwight D. Eisenhower und die Internetelite beschließen, ein Internetmanifest zu feröffentlichen, dann sind SPON & Co. voll geil drauf und verbreiten es – bis in die letzte Ritze der Unterschicht. Bernd hat dann wenigstens eine Trollierungsvorlage.
http://img831.imageshack.us/f/internetmanifest.jpg/
Dreimacht ist mit Bernd und er lauert meer.
Für alle, die die von “Bernd” genannten Seiten nicht kennen:
http://de.wikipedia.org/wiki/4chan
Dort gibt es unter “Öffentliche Präsenz” einige Beispiele für die Wirkmacht der englischen Variante des Forums im Netz.
Sorry, aber dieses KEK-Bashing finde ich ziemlich kleinlich. Man sollte froh sein, dass es zusammen mit dem Kartellamt und der Bahnaufsicht noch überhaupt wenige quasi staatliche Kritikanker in Deutschland gibt. Stattdessen wird kritisiert, die “Chancen des Netzes” würden nicht aufgegriffen. Das ist aber gar nicht die Aufgabe der KEK. Es wirkt, als sei hier jemand beleidigt, weil andere Menschen nicht das Gleiche denken wie er. Und dann noch nicht mal für seine Meinung bezahlen wollten. Und das, obwohl er doch zu den Guten gehört. Hmm. Setzen, sechs.
[...] KEK-Studie: Twitter und Facebook haben Meinungsmacht – wir wissen aber nicht welche “Die Meinungsbildung im Internet ist – wie die Autoren wohl zu vorsichtig andeuten – streng genommen also derzeit wissenschaftlich kaum zu erfassen. Unklar ist, welche Prozesse noch zur öffentlichen Meinungsbildung zu zählen wären und wie hoch die jeweilige Nutzung ausfällt.” [...]
[...] KEK-Studie: Twitter und Facebook haben Meinungsmacht – wir wissen aber nicht welche — CA… – (Tags: Twitter Facebook Meinungsführer blogrelevance ) [...]
Nach Lektüre dieser “Analyse” war ich versucht, etwas zu entgegnen. Zum Glück nehmen auch Carta-Leser nicht jedes weitgehend substanzlose Gequengel kritiklos zur Kenntnis, so dass eine Entgegnung meinerseits nicht mehr zwingend notwendig ist.
Ich bin inzwischen zu dem Entschluss gekommen, dass der Text so ungeschickt aufgebaut war. Durch den Spiegelstrich-Einstieg am Anfang wird zu stark ein Gegensatz aufgebaut, um den es so nicht geht.
Vielmehr hätte als Kritik deutlicher werden müssen:
– Die Studie benennt mit “Netzwerköffentlichkeit”, Meinungsmacht von sozialen Netzwerken und Vernetzung frei zugänglicher Angebote auch vielfaltsfördernde Faktoren, die nicht erkennbar ins Endergebnis einfließen. Dies hätte stärker verdeutlicht werden können.
– Die Studie analysiert die Macht aller klassischen journalistischen Akteure im Internet – und nicht die Macht einzelner publizistischer Online-Player (letztlich die Regulierungsfrage).
– Die Studie thematisiert nicht die Rolle von Meinungsführern für die Meinungsbildung.
– Die Studie bewegt sich unscharf zwischen den Polen qantitative und qualitative Vielfalt.
All dies wäre deutlicher geworden, wenn der Einstieg weniger konfrontativ gewesen wäre. Ich hoffe, beim nächsten Mal gelingt mir dies besser.
Vielen Dank für das Feedback.
Artikel und Thema erinnern mich an eine Talkshow-Retrospektive mit Anne Will namens “Das Ganze eine Rederei” aus dem Jahre 2003. Abgewandelt könnte man Facebook und Twitter auch als eine einzige Rederei oder Laberei bezeichnen. Also als eine millionenfache Fortsetzung und Vervielfachung dessen, was zuvor schon im Fernsehen gequasselt wurde.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,229956,00.html
@ Surfer: Facebook als “einzige Rederei” ist mir zu pauschal und zu negativ. So wie Soaps als Teil der gesellschaftlichen “Selbstvergewisserung” zur Meinungsbildung gezählt werden, kann Facebook auch als Faktor gelten.
Fuer die Medienregulierung ist übrigens die normative Qualitaet der Meinungen unerheblich.