Heiko Hilker | 7 Kommentar(e)
Deutschlands Chefmedienpolitiker Kurt Beck schiebt die Abschaffung der Fernsehwerbung bei ARD & ZDF weiter hinaus und hat sich offenbar ein Finanzierungsmodell für den kommenden Werbeverzicht ausgedacht: die volle PC-Gebühr.
16.03.2010 |
Die Landtagsfraktion der NRW-SPD hatte den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD), Anfang März zu ihren „Villa-Horion-Gesprächen“ eingeladen. Es ging um eine mögliche Verfassungsklage gegen das ZDF – und um das neue Gebührenmodell. Bei beiden Themen ging Beck erkennbar in die Initiative: Er droht mit einer eigenen Verfassungsklage, falls sich die CDU nicht kompromissbereit zeigen sollte. Und auch bei den Gebührenplänen trug Beck neue Ideen vor:
Beck möchte das neue Gebührenmodell mit einem schrittweisen Ausstieg aus der Fernsehwerbung bei ARD und ZDF verbinden. Als Gegenfinanzierung schwebt im offenbar die volle PC-Gebühr vor.
Kurt Beck will zum einen, dass ARD und ZDF aus Fernsehwerbung und Sponsoring im Umfeld von ‘Nicht-Sportsendungen’ aussteigen. Die Werbung im ARD-Hörfunk wie auch das Sponsoring im Rahmen von TV-Sportübertragungen bei ARD und ZDF soll bleiben. Der Ausstieg auf der Hörfunkwerbung sei zu schwierig, da die einzelnen Bundesländer die Werbevorschriften jeweils im Detail für ihre Sender regeln. Und ohne Sponsoring und Werbung würde man im Sportbereich viele TV-Rechte nicht mehr erhalten.
Der begrenzte Werbe- und Sponsoringausstieg soll in zwei Schritten erfolgen. Zum 1. Januar 2015 sollte die TV-Werbung von montags bis freitags halbiert werden (von 20 auf 10 Minuten täglich). An Samstagen solle sie verboten sein. Zwei Jahre später, am 1. Januar 2017, also zu Beginn der übernächsten Gebührenperiode, solle der zweite Schritt erfolgen.
Kurt Beck sei für diese schrittweise Abschaffung der Fernsehwerbung bei ARD und ZDF, weil es „ein Stück Flexibilität auf dem Weg“ brauche, „um überhaupt voranzukommen.“
Doch gibt es wohl zwei andere, wesentliche Gründe. Zum einen schindet Kurt Beck damit zwei Jahre Zeit, in denen ARD und ZDF noch die Werbequelle voll weiter nutzen können. Hatten doch die Bundesländer bereits im Dezember 2008 beschlossen, dass Sponsoring bei ARD und ZDF ab dem 1. Januar 2013 an Werktagen nach 20.00 Uhr sowie an Sonn- und bundesweit einheitlichen Feiertagen nicht mehr erlaubt sein soll (mit Ausnahme der Sportsendungen).
Zum anderen hat er damit schon die Gegenfinanzierung der Werbeerlöse in der Tasche. Wenn – so wie er und andere es wollen – die 2,4 Millionen Gebührenzahler, die bisher nur die Grundgebühr bezahlen (also die ausschließlichen Radio- und PC-Nutzer), die volle Fernsehgebühr bezahlen müssen, dann haben ARD und ZDF etwa 350 Mio. Euro mehr im Jahr zur Verfügung. Bei den anderen von der Rundfunkkommission diskutierten Gebührenmodellen werden die Unternehmen um etwa 230 Mio. Euro entlastet. Die privaten Haushalte werden für Mehreinnahmen von circa 60 Mio. Euro im Jahr sorgen, da die Abschaffung der Zweit- bzw. Drittgebühr durch die Erhöhung der PC-Gebühr auf die Fernsehgebühr mehr als kompensiert wird. Die „restlichen“ 120 Mio. Euro entsprechen in etwa der Hälfte der Werbeerträge von ARD (mit Hörfunk) und ZDF.
Allerdings reicht die Betrachtung der Werbeerträge nicht aus. Schließlich werden ja die Werbeeinnahmen zum Teil ins Programm gesteckt. Und Programm muss weiter produziert werden. So lagen im Jahre 2009 die Nettoumsätze beim ARD-Werbefernsehen bei 157 Mio. Euro und im ARD-Werbefunk bei 186 Mio. Euro.
Nun, offensichtlich ist jedoch, dass man mit dem neuen Gebührenmodell ARD und ZDF schrittweise werbefrei machen, dabei die Unternehmen entlasten und die Zweit- bzw. Drittgebühr für Garten, Arbeitszimmer und Dienstwagen abschaffen kann, ohne die Fernsehgebühr erhöhen zu müssen. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass ARD und ZDF zudem noch über insgesamt mehr Gebührenmittel verfügen können. Schließlich bekommen sie in 2013 und 2014 dann noch volle Werbeeinnahmen – die nach derzeitigen Prognosen steigen. Gleichzeitig steigt die Rundfunkgebühr für 2,4 Mio. Zahlerinnen und Zahler auf mehr als das Dreifache. Doch sie sind eine Minderheit: Nur etwas mehr als 5% der Zahler. So werden die Proteste eher leise ausfallen. Für die Mehrheit würde es seit Jahren erstmals keine Gebührenerhöhung geben.
Beschlossen werden müsste all dies in diesem Jahr. Im März 2011 sind übrigens in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen. – Kurt Beck tritt wieder an.



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“Gleichzeitig steigt die Rundfunkgebühr für 2,4 Mio. Zahlerinnen und Zahler auf mehr als das Dreifache. Doch sie sind eine Minderheit” – schön gesagt. Das sind vor allem kleine Gewerbetreibende und Selbstständige, die privat auch schon einmal zahlen, oft Leute mit geringstem Einkommen und Nöten ihre Krankenversicherung zu finanzieren. Oder Leute mit geringem Einkommen im Nebenverdienst. All jene dürfen dann das Dreifache zahlen – einmal als Haushalts und einmal als Betriebsstättenabgabe.
Vielleicht sollte man es insgesamt bei sinkender Bevölkerung und schwindenen Beitragszahlern auch einfach mal mit Sparen versuchen!
Was von den SPD-Vorschlägen aus dem Hause Beck und Eumann zu halten ist kann man auch hier gut nachvollziehen:
http://blog.gebuehren-igel.de/archives/284-Die-SPD-und-ihre-Grundwerte-im-Spiegel-ihrer-Position-zur-Rundfunkgebuehr.html
“So werden die Proteste eher leise ausfallen.”
Glaub ich nicht. Gerade der Verzicht auf Fernsehen ist immer noch eine Entscheidung von einer gewissen Tragweite. Nicht nur im privaten Bereich wird noch viel über diese oder jene Sendung geredet, auch in der Presse spielt die Berichterstattung über “TV-Ereignisse” eine große Rolle. Sich bewusst davon abzukapseln, ist ein Schritt, bei dem man sich es kaum gefallen lässt, wenn dieser “von Staats wegen” rückgängig gemacht wird. Von den Selbständigen, denen TV-Konsum während der Arbeitszeit unterstellt wird, ganz zu schweigen.
Wer wird den TV-Werbeverzicht öffentlich-rechtlicher Sender bezahlen?…
Heiko Hilker (Landtagsabgeordneter der Partei Die Linke) rechnet vor, wer Kurt Becks Plan bezahlen soll, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten im TV ab 2013 weitgehend auf Werbung verzichten. Es sind die Haushalte, die kein Fernsehen mehr haben! …
Das sollen also Menschen gegen ihren Willen zu einem Vorteil dritter herangezogen werden. Zum Vorteil jener, die Fernsehen rezipieren und natürlich zum Vorteil der Fernsehschaffenden. 2,4 Millionen Menschen will Kurt Beck eben mal einfach so bestrafen, weil sie es wagen, sich der Berieselung und der Passivität, die im TV steckt, zu entziehen. Das hat schon etwas von Schutzgelderpressung und Minderheitendiskriminierung, was der SPD-Mann Beck da vorlegt. Ihm geht es wohl vor allem um das Wohlverhalten der Sender in der Berichterstattung und um den (Zwangs-) Wirtschaftsfaktor ZDF in seinem Bundesland. Eine (nicht geringe) Minderheit wird gezwungen, einen (später sicher wieder steigenden) Beitrag zu leisten, um Verhältnisse für eine Noch-Mehrheit und die sie Beherrschenden zu zementieren. Dagegen hilft wohl nur noch der Klageweg.
[...] Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, hat vorgeschlagen, Werbung und Sponsoring bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schrittweise zu [...]
[...] der Blog carta.info berichtet, hat der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, vorgeschlagen, Werbung und Sponsoring [...]