Matthias Schwenk | 11 Kommentar(e)
“Shift happens” ist das mutige Motto der Social-Media-Konferenz re:publica, die in diesen Tagen zum dritten Mal in Berlin stattfindet. Aber was will man damit sagen? Dass das Web 2.0 inzwischen auch in Deutschland angekommen ist?
01.04.2009 |
Gewiss: Die Konferenz setzt mittlerweile ein Zeichen. Und Dienste wie Twitter oder Facebook sind längst keine Insider-Themen mehr für die Blogosphäre, sondern werden auch in den klassischen Medien thematisiert. Ergänzend liessen sich an dieser Stelle gleich reihenweise Statistiken und Berichte anführen, wonach immer mehr Deutsche immer mehr Zeit im Internet verbringen.
Rosige Zeiten also für das Internet und Social Media? Nicht ganz. Der Blick trübt sich, sobald man von einer eher diffusen Allgemeinheit absieht und konkret Institutionen ins Auge fasst. Fangen wir ganz oben an, beim Staatsoberhaupt. Unser Bundespräsident, Horst Köhler, hat zweifelsfrei den Weg ins Web 2.0 noch nicht gefunden. Robin Meyer-Lucht bezeichnet ihn denn auch als “TV-Präsident, der das Interesse am Neuen und an Bürgerbeteiligung eher plakativ vor sich her trägt.”
Das es auch anders geht, beweist ausgerechnet das britische Königshaus. So ist die königliche Familie schon länger mit einem eigenen Kanal auf YouTube vertreten und macht mit bald 80 Videos stilvoll Werbung für die Monarchie für Großbritannien. Ist es da zu viel verlangt, die Reden unseres Bundespräsidenten nicht nur als Pdf-Datei zum Download, sondern auch als Video verfügbar zu machen?
Werfen wir als nächstes einen Blick auf die Wissenschaft. Deutschland ist bekanntlich das Land der Ideen sowie der Spitzenforschung. Hat man hier das Web 2.0 schon für sich entdeckt?
Nicht wirklich. So kann die Max-Planck-Gesellschaft zwar eine aufgeräumte Website vorweisen. Ihre Filme aber muss man herunterladen und z. B. mit dem Windows-Media-Player anschauen. Damit ist man immerhin schon deutlich weiter als bei der ebenfalls sehr renommierten Fraunhofer-Gesellschaft, die in ihren Internet-AGB’s penibel regelt, wohin und wohin nicht verlinkt werden darf! Jan Theofel berichtet darüber – vorsichtshalber ohne Link auf Webseiten der Gesellschaft.
Immerhin führen die Experten von Fraunhofer schon zwei Profile auf Twitter, während der User maxplanck, nun ja…
Aber nicht alle Wissenschaftler sitzen im Elfenbeinturm, wie die metaroll von Benedikt Köhler zeigt: Rund 300 Blogs führt sie unter der Rubrik “Science” und zeigt damit, dass zumindest der wissenschaftliche Nachwuchs die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wirklich stolz machen kann das aber noch nicht. Denn ein Vergleich zeigt, dass allein die Harvard University unter ihren Dozenten der Business School aktuell 39 Blogs auflisten kann, während das Berkman Center der Harvard Law School auf 48 Blogs kommt. Darf man da fragen, warum in den USA bald schon jeder namhafte Professor ein Blog führt, während sich bei uns die führenden wissenschaftlichen Köpfe immer noch vornehm zurückhalten?
Ein weiterer Bereich, dem Social Software gut zu Gesicht stünde, wären die Verbände in Deutschland. Denn diese haben für die Bereiche, die sie jeweils vertreten, natürlich auch eine Vorbildfunktion.
Leider ändert sich auch hier der Befund nicht: Wer nach guten Beispielen sucht, sucht buchstäblich die Nadel im Heuhaufen. Immerhin: Die Industrie- und Handelskammer Hannover führt ein Blog, auf dem seit Dezember 2008 schon beachtliche drei Artikel publiziert worden sind. Das lässt hoffen…
Man könnte diese Betrachtung noch lange weiterführen und auf weitere gesellschaftlich relevante Bereiche ausdehnen. Der Befund wäre immer der Gleiche: Von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen, sticht ins Auge, dass Dialogmedien wie Blogs oder Twitter, ebenso kollaborative Instrumente wie Wikis, noch kaum irgendwo über den Status eines Randphänomens hinausgekommen sind.
Die Eliten in unserem Land machen noch immer einen auffällig großen Bogen um die Tatsache, dass das Internet sich weiterentwickelt hat und nicht bei den einfachen Webseiten aus den 1990er Jahren stehen geblieben ist. Einzig der Mediensektor geht mittlerweile stärker auf Tuchfühlung, getrieben von wirtschaftlichen Zwängen und der Einsicht, dass es ohne das Internet für die wenigsten Medien eine Zukunft geben wird.
So bleibt der re:publica einmal mehr eine mahnende Rolle. Bezeichnend ist, dass ihr Hauptsponsor ein namhaftes IT-Unternehmen aus den USA ist. Das bekannteste deutsche IT-Unternehmen wollte sich offenbar nicht engagieren…





[...] lautet das Motto der diesjährigen re:publica und so habe ich auch meinen Artikel genannt, der auf Carta erschienen ist. Darin hebe ich darauf ab, dass noch viel zu wenig gesellschaftlich relevante [...]
[...] Shift happens: Nur wo?: Matthias Schwenk beschreibt auf Carta, warum der derzeit so viel zitierte SHIFT längst noch nicht überall angekommen ist. Für ihn hat die re-publica 2009 quot;mahnende Funktionquot;, sich mit den aktuell brennenden und zukunftsweisenden Themen der IT-, Netzkultur und Netzpolitik auseinanderzusetzen. [...]
Nun ja, der Vergleich zwischen deutschen und US-amerikanischen Professoren lässt sich so nicht direkt ziehen. Wer in den USA ein “Professor” ist, würde für den denselben Job in Deutschland eine andere Jobbezeichnung erhalten, nämlich “Doktorand” oder “Privatdozent” oder ähnliches. Zwar entwickelt sich die deutsche Universitätsstruktur mit Einführung von Juniorprofessuren in eine ähnliche Richtung, aber bisher lässt sich das nicht vergleichen.
[...] 4. “Shift happens: Nur wo?” (carta.info, Matthias Schwenk) “Ein Vergleich zeigt, dass allein die Harvard University unter ihren Dozenten der Business School aktuell 39 Blogs auflisten kann, während das Berkman Center der Harvard Law School auf 48 Blogs kommt. Darf man da fragen, warum in den USA bald schon jeder namhafte Professor ein Blog führt, während sich bei uns die führenden wissenschaftlichen Köpfe immer noch vornehm zurückhalten?” [...]
@ beza1e1: Gut, der Begriff “Professor” mag dehnbar sein. Dennoch lassen sich für die USA problemlos namhafte Wissenschaftler mit einem Blog finden, wo bei uns gähnende Leere herrscht. Beispiel: Greg Mankiw (Harvard University).
Es wird sich sicher einer finden, der nun von einem Kulturwandel schreibt. Wahrscheinlich werden sogar mehrere selbsternannte gesellschaftliche Entwicklungen anmahnen oder gar feststellen. Das hatten wir schon, als noch die Thesen von Marshall McLuhan diskutiert wurden. Warum es in Deutschland noch nicht losgeht? Das ist eigentlich immer dasselbe Programm, wenn etwas in den USA in der prekären Bevölkerungsschicht angekommen ist, dann wird es in Deutschland von führenden Köpfen als dernier cri und must have praktiziert. Das war beim Skateboard so , es war beim Internet so und beim iPhone. Warum sollte es bei den smart mobs anders sein?
@Wittkewitz: Mein Beispiel des britischen Königshauses auf YouTube zeigt aber doch wohl, dass es hier nicht mehr um den Kulturwandel (als Thema) geht. Die Windsors haben ihn vollzogen. Einer prekären Bevölkerungsschicht gehören sie auch nicht gerade an. Zudem sind sie nicht für postmoderne Eskapaden bekannt, sondern gelten als durch und durch konservativ.
Deshalb bleibe ich dabei: Wenn die königliche Familie in Großbritannien YouTube ganz selbstverständlich nutzt, darf hierzulande gefragt werden, warum die Reden unseres Bundespräsidenten noch immer nur als Textdatei im Pdf-Format verfügbar sind.
[...] die Vorzüge der digitalen Medien hinreichend diskutiert. Matthias Schwenk hat zudem darauf hingewiesen, dass die Zeiten für Internet und Social Media gegenwärtig nicht rosig aussehen. Die [...]
Ich würde auch fast den IT-Sektor da mit einschliessen und vielleicht auch gar Web-Entwickler. Denn auch hier scheinen viele Themen, die vor allem in den USA schon viel diskutiert werden (Open Web, virtuelle Welten), nur seeeehr langsam Einzug zu halten. Auch wundert es mich ein bisschen, dass aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich immer nur aus den USA (sicherlich hauptsächlich aus dem Valley) kommen. Man hat ja durchaus die Möglichkeit dort mitzumachen, wenn eben auch nicht immer face2face, aber in den Communities könnte man ja durchaus mitdiskutieren, Ideen entwerfen usw.
Auch hier wäre ein “shift” wohl wünschenswert.
@Christian: Interessante Ergänzung. Mir scheint bisweilen, dass man sich in den USA leichter mit dem Internet identifiziert (vielleicht weil man denkt, es sei dort erfunden worden), während bei uns das Internet vielfach eher als etwas Fremdes, von außen kommendes, gesehen wird.
[...] die neuen Medien noch nicht angekommen sind: Shift happens: Nur wo? | [...]