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Michael Spreng

Der Mut der Bettina Wulff

 | 14 Kommentar(e)


Aus einem gestreuten Gerücht ist mit Hilfe der Massenmedien eine Lawine geworden. Die Frau des früheren Bundespräsidenten setzt sich zur Wehr.

09.09.2012 | 

Bettina Wulff ist eine mutige Frau. Mit ihren Klagen gegen Berichte über ihre angebliche Rotlichtvergangenheit nimmt die Ehefrau des Ex-Bundespräsidenten in Kauf, dass diese Verleumdungen den Raum des Internets verlassen und die gesamte Öffentlichkeit erreichen. Aber ihre Ehre ist ihr wichtiger als eine mögliche zusätzliche Belastung ihrer Reputation. Dieser Mut verdient großen Respekt.

Aber auch am Tag der Berichte über Bettina Wulffs Feldzug gegen die Verleumder reichen bei Google schon die drei Buchstaben “Bet”, um “Bettina Wulff Escort” (14.300 Einträge) und “Bettina Wulff Prostituierte” (44.400 Einträge) aufscheinen zu lassen. Erst an vierter Stelle kommt bei “Bet” das Betreuungsgeld.

Diese Reihenfolge sagt viel über das häufig idealisiert gepriesene Internet. Es ist neben seiner aufklärerischen Funktion auch eine riesige Denunziations- und Verleumdungsmaschine, häufig sogar vor der Information. Die Freiheit des Internets gilt eben nicht nur für syrische Blogger, sondern auch für einen 88jährige Hamburger Rentner und eine niedersächsische FDP-Frau, die die Verleumdungsmaschine gegen Bettina Wulff in Gang gesetzt haben.

Und williger Helfer ist immmer die Suchmaschine Google, die – völlig neutral natürlich – jedem Verleumder die Plattform verbreitert und die Verleumdung ins Unendliche potenziert. Es ist nicht nur Bettina Wulff, sondern allen Opfern von Verleumdungen und üblen Nachreden zu wünschen, dass ihre Klage gegen Google Erfolg hat und alle Einträge gelöscht werden müssen.

Und es wäre ein – hoffentlich – abschreckendes Beispiel, wenn neben den Verursachern auch Google zu einem hohen Schadensersatz verurteilt werden würde.

Es ist eben etwas anderes, ob ein klatschsüchtiger Politiker einem Journalisten von den Gerüchten erzählt, der sie dann zu verifizieren versucht und, weil eine Verleumdung nicht verifizierbar ist, auf eine Veröffentlichung verzichtet, oder ob sich das Internet der Gerüchte bemächtigt.

Im freien Netz gibt es keine Kontrolle und journalistische Sorgfaltspflicht. Das haben nicht nur Bettina Wulff erlebt, sondern tausende oder zehntausende nichtprominenter Menschen, die im Internet gemobbt, denunziert und verleumdet werden.

Und das meist unter dem Schutz der Anonymität. Auch in meinem Blog tauchten immer wieder – natürlich anonyme – Kommentare über Bettina Wulffs angebliches Vorleben auf. Da jeder Kommentar von mir genehmigt werden muss, konnte ich sie alle löschen. Wenn eine solche Instanz fehlt, gelangt jede Verleumdung sofort ins Netz.

Aber der Fall Wulff zeigt auch, dass die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt worden ist. Durch die “Berliner Zeitung” und Günther Jauch. Beide hatten auf dem Umweg über ein Zweitgerücht (in Berlin werde gemunkelt, BILD könne mit einem Bericht über das frühere Leben Bettina Wulffs aufwarten) die Verleumdungskampagne befeuert. Aber, so die verlogene Ausrede des netten Herrn Jauch, er habe doch nur eine Zeitung zitiert. Hoffentlich ist Bettina Wulff auch in diesem Fall erfolgreich.

Die Konsequenz aus dem Fall Bettina Wulff kann nur sein, das Internet endlich kritischer zu sehen und nicht bei jedem Versuch, unsere Rechtsordnung auch dort durchzusetzen, reflexartig Zensur zu rufen. Es wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn es im Internet weiter erlaubt würde, die Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen.
 
Crosspost von Sprengsatz

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14 Kommentare

  1. OliverH |  09.09.2012 | 13:23 | permalink  

    Was genau will man Google denn vorwerfen? Dass Leute dort nach bestimmten Begriffen suchen dürfen?

  2. A. G. |  09.09.2012 | 13:31 | permalink  

    Eine Entscheidung gegen Google, die sinngemäß besagen würde, dass Suchmaschinen das Auffinden von denunzierenden Äußerungen nicht über ihre Suchalgorithmen ‚unterstützen‘ dürfen, würde die Architektur der Suchmaschinen umkrempeln, nicht nur im Fall Bettina Wulff.

    Google müsste dann künftig bei Beschwerden von Betroffenen eine Art „Unauffindbarkeitsalgorithmus“ einrichten. Das Netz würde damit an einigen Stellen zensiert werden, um die informationelle Selbstbestimmung zu schützen. Ich fänd’s auf den ersten Blick nicht verkehrt…

  3. OliverH |  09.09.2012 | 14:20 | permalink  

    Aber Google unterstützt überhaupt nichts. Die Suchmaschine sucht nach bestimmten Termini, nicht nach Aussagen. Und die Termini als solche sind weder denunzierend, noch ist eine solche Bewertung durch einen Algorithmus überhaupt machbar, denn der Algorithmus müsste ja den Tatsachengehalt der dahinterstehenden Aussage überprüfen können.

    Wesentlich sinnvoller ist es, gegen die Inhalte vorzugehen – da werden Tatsachenbehauptungen getroffen, die tatsächlich verboten werden können, und wenn es keine Inhalte gibt, dann findet Google auch nichts.

    Die informationelle Selbstbestimmung wird in diesem Aspekt überhaupt nicht von Google tangiert, denn Google hält die entsprechenden Daten nicht vor und speichert sie nicht, sondern lediglich die Tatsache, dass Menschen nach bestimmten Termini suchen.

  4. RB |  09.09.2012 | 14:38 | permalink  

    Sorry, aber Google sortiert diese Vorschlagsliste nicht nur nach der Anzahl der Artikel, die es dazu gibt, sondern vor allem nach der Nachfrage der Leute. Und “Niemand hat die Absicht, Suchanfragen zu Bettina Wulff zu erstellen” ist offensichtlich unwahr. Anklagen könnte man vielleicht eine Gesellschaft, die sich nicht zu schade ist, Menschen aufgrund ihres irgendwie gearteten (oder eventuellem, siehe Peter Altmeier) Sexlebens zu beurteilen. Aber das wäre dann der fünfte Untergang des Abendlandes heute ….

  5. Amira Passarge |  09.09.2012 | 17:42 | permalink  

    Drehen wir alle durch? was ist denn das Problem? Ich selber bin eine Germanistikstudentin und arbeite SEHR gerne als Prostituierte, jeder weiß es, dass ich es mache. Ich will es nicht verheimlichen! Was ist das Problem? es ist eine ganz normale Tätigkeit wie jede andere! Es ist die einzige Möglichkeit, um mein Studium und Ausgaben zu finanzieren …
    Amira Passarge (Nina-Karlsruhe, Nina-München, bw7)

  6. Karma |  09.09.2012 | 20:12 | permalink  

    Lächerlich. Google unterstützt doch gar nichts, sondern gibt lediglich die am meisten verwendeten Suchbegriffe wider. Abgesehen davon ist Google nicht die einzige Suchmaschine…

    http://www.paramantus.net/?p=6090

  7. Sandor Ragaly |  10.09.2012 | 08:58 | permalink  

    Ein ausdrucksstarker, klar und richtig positionierter Artikel, Herr Spreng!

    Anm. zur Folgerung, die Rechtsordnung im Internet durchzusetzen: Das ist grundsätzlich richtig und notwendig, denke ich, muss aber dennoch mit besonderem Augenmaß für neue Eigenheiten dieser (Internet-)Öffentlichkeit geschehen, also nicht unbedingt oder gar blindlings 1:1.

    Ich habe übrigens gestern selbst, auf meinem Blog “Auffälle”, etwas Kurzes geschrieben zum Thema Fr. Wullf/Google, auch wg. der bislang ungerechtfertiger Weise Google entlastenden Rechtsprechung in Deutschland (woanders sieht es anders aus):

    “Veröffentlichungen via “Autocomplete” sind Handlungen, die Google vornimmt”

    http://sandoragaly.wordpress.com/2012/09/09/veroffentlichungen-via-autocomplete-sind-handlungen-die-google-vornimmt/

  8. anfromme |  10.09.2012 | 12:26 | permalink  

    Ich verstehe schon die Praemisse nicht, die Michael Spreng hier setzt, naemlich dass Bettina Wulff um “ihre Ehre” kaempft.
    Davon abgesehen, dass ich nicht davon ausgehe, dass sie als Prostituierte/Escort gearbeitet hat, saehe ich auch nichts ehranruehriges daran, wenn sie es haette. Ich lese Sprengs Texte ja auch ganz gerne obwohl er mal BamS-Chefredakteur war und fuer sowohl Edmund Stoiber als auch Juergen Ruettgers als Berater taetig.

    Um zu illustrieren was ich meine: der Reporter Louis Theroux hat einmal einen Bericht ueber “White Power”-Aktivisten in den USA gemacht und in diesem Zuge auch einige Zeit mit entsprechenden Gruppen verbracht. Natuerlich kam dann irgendwann die Frage auf, ob er selbst eigentlich Jude sei. Seine Antwort: Er weigert sich, ueberhaupt die Frage zu beantworten, weil sie keinerlei Rolle bei der Bewertung seiner Person spiele, worauf die Frage im betreffenden Fall klar abziele.

    Was nun Google betrifft: Dagegen zu klagen, dass dort die haeufigsten Suchbegriffe der Nutzer bevorzugt in der automatischen Vervollstaendigung genutzt werden, zeugt einerseits von einer aergerlichen (aber nicht ueberraschenden) Technikunkenntnis – und aendert letztlich nichts. Die Leute haben ja schon in Massen nach solchen Begriffskombinationen gesucht, sonst wuerde “Bettina Wulff Escort” nicht automatisch vorgeschlagen. Wenn sie nun dagegen klagt, wird das Suchinteresse daran auch sicher nicht zurueckgehen. Stichwort Streisand-Effekt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt

  9. anfromme |  10.09.2012 | 12:41 | permalink  

    P.S.: Hinzu kommt, dass “Bettina Wulff Escort” erst einmal neutral ist – am Suchbegriffvorschlag sieht man bloss, dass Leute das Thema interessiert. Wo man mit diesem Suchbegriff landet, ist damit aber nicht ausgemacht – man koennte damit zum Beispiel hier oder bei anderen Beitraegen landen, die eben erklaeren, dass Bettina Wulff nicht entsprechend taetig war.

    Schon fast putzig auch, dass mal wieder das Netz als Bad Guy herhalten muss. Jauch bezog sich auf die Berliner Zeitung, die sich wiederum auf die BILD bezog. Sprich: Selbst in diesem Fall waren es die klassischeren Reichweitenmedien, die ihrerseits ja auch nicht ganz unerfahren im Veroeffentlichen von Gegendarstellungen sind. Beileibe kein neuzeitliches Phaenomen.

  10. steinhau | Können Suchmaschinen Instinkte haben? |  10.09.2012 | 13:10 | permalink  

    [...] und zu bewerten. Manche nennen das Zensur, andere sehen darin die Notwendigkeit zur Verantwortung. Die Grenzen sind hier fließend und werden noch zu vielen weiteren Konflikten [...]

  11. Art Vanderley |  10.09.2012 | 19:35 | permalink  

    Die Anonymität im Netz hat gute Gründe , zum Teil auch die angeführten – Leute mit selteneren Namenskombis können genauso zum Ziel unseriöser Angriffe im Netz werden.

    “Die Konsequenz aus dem Fall Bettina Wulff kann nur sein, das Internet endlich kritischer zu sehen und nicht bei jedem Versuch, unsere Rechtsordnung auch dort durchzusetzen, reflexartig Zensur zu rufen. Es wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn es im Internet weiter erlaubt würde, die Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen.”

    Richtig ;Ziel muß sein , die Balance zwischen Restriktion und Freiheit aus der realen Welt zu übertragen in die virtuelle , nachdem es in der realen – bei allen Problemen -ganz gut funktioniert , bin ich eigentlich optimistisch , daß dies auch gelingen kann.

    Wesentlich – auch an dieser Stelle – die ausreichende personelle Ausstattung von Polizei und Justiz, genau hier gibt es aber gravierende Defizite , auch das ein Auswuchs pathologischer marktliberaler Staatsfeindlichkeit.

  12. Aras Orhon |  11.09.2012 | 20:12 | permalink  

    “Im freien Netz gibt es keine Kontrolle und journalistische Sorgfaltspflicht. Das haben nicht nur Bettina Wulff erlebt, sondern tausende oder zehntausende nichtprominenter Menschen, die im Internet gemobbt, denunziert und verleumdet werden. Und das meist unter dem Schutz der Anonymität.”

    Das ist die Kernaussage, die ich voll unterstreichen kann. Die großen Anbieter machen es sich zu einfach, wenn sie pathologischen Verleumdern und Stalkern, die sich in der Kunst der virtuellen üblen Nachrede üben, ein Betätigungsfeld bieten. Für Aktionen, die im realen Leben 5 Jahre Knast oder Einweisung in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie bedeuten würden.

    Es ist in diesem Land nirgendwo verboten, für ein Buch oder eigene Werke Reklame zu machen, das gehört zum System. Verboten ist es, die Würde anderer Menschen in den Schmutz zu treten. Solange dieser Staat es nicht schafft, seinen Gesetzen auch gegenüber den Riesen im Onlinegeschäft durchzusetzen, lässt sich nicht von Rechtsstaat sprechen.

  13. OliverH |  11.09.2012 | 20:33 | permalink  

    Der Fall hat rein gar nichts mit Cybermobbing zu tun, denn hier wird eben gerade nicht jemand bewusst und absichtlich herabgewürdigt.

    Insbesondere bei dem Begriff “Escort” wird doch die ganze Aufregung als scheinheilig entlarvt und diejenigen, die sich aufregen, selbst als diejenigen, die hier anzügliche Gedanken haben. Denn die Suchkombination würde jede englischsprachige Seite finden, bei der sie oder jemand in ihrer Umgebung eskortiert wurde – z.B. durch die Polizei, Sicherheitspersonal etc.

    Wer Suchtermini mit Mobbing gleichsetzt, der macht nichts anderes als Mobbing zu trivialisieren, denn er suggeriert, dass Mobbing keine gezielte und bewusste Handlung sei.

  14. Le Marquis |  12.09.2012 | 08:32 | permalink  

    Frau Wulff macht was? Kampf gegen Windmühlen, den Streisand-Effekt befeuern? Nach Monaten des Abwartens. Vermisst sie die mediale Aufmerksamkeit? Vor einigen Tagen noch musste man “Bettina Wulff” vollständig bei Google eingeben bis man zusätzlich den Begriff Prostituierte vorgeschlagen bekam. Nun genügen bereits die Buchstaben “Be”. Diese typisch deutsche Bigotterie ist ja kaum auszuhalten.

    Kaum ist das Thema vergessen spielt sich das angebliche Opfer selbst wieder in den Mittelpunkt. Hat das Ausarbeiten der Medien und Verdienststrategie wirklich so lange gedauert? Die arme arme, bemitleidenswerte Frau Wulff, die nun, nachdem sie sich erfolgreich medial prostituiert, auf saftige Tantiemen gebettet zur Ruhe begeben kann. Ja, diese Art Mut ist zu loben, Herr Spreng. Vielen Dank für die Bereicherung der Menschheit um diese Episode. Frau Wulff, die Retterin des deutschen Biedermeier vor diesem schrecklich zügellosen Internet. Hohn und Spott gehört kübelweise über diese Donquicotterie ausgeschüttet.

    Le Marquis

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