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Daniela Warndorf

Besserwisser, Wichtigtuer und Paranoiker – was man vor fünf Jahren über Blogger dachte

 | 18 Kommentar(e)


Die guten alten Zeiten, als noch Einbahnkommunikation von einem Sender zu vielen Empfängern funktionierte und nicht jeder einfach seine Meinung in dieses Internetz schreiben konnte, sind vorbei. Das kann man mit #hach kommentieren. Oder mitmachen.

08.08.2012 | 

Es ist keine fünf Jahre her, da wurden das Internet noch als vorübergehende Erscheinung und Blogs als nicht ernstzunehmende Tagebücher von Freaks betrachtet. Netzwertig.com hatte sich im September 2007 mal die Mühe gemacht, eine Liste mit 50 Zitaten über das Internet und Blogs von Prominenten, Politikern, PR-Leuten und Journalisten zusammenzustellen.

Die Liste war damals schon sehr unterhaltsam, heute aber, fünf Jahre später, ist sie es noch viel mehr. Und man kann auf wunderbare Weise sehen, wie sehr sich seitdem die Wahrnehmung von Blogs verändert hat. Denn wer käme heute noch auf die Idee, Blogs wie zum Beispiel das Bildblog, das Lawblog von Udo Vetter oder das Medienblog von Stefan Niggemeier als “peinlich und pubertär” zu bezeichnen, oder sich darüber zu beschweren, dass Leute in Blogs “ungefragt ihre Meinung äußern” (Jean-Remy von Matt)? Eben!

Dazu kommt, dass sich Blogs mittlerweile völlig unauffällig in unseren Internet-Alltag integriert haben. Blogs sind im Grund nicht viel mehr als dynamische Webseiten, auf denen man auf sehr einfache Weise Texte, Fotos, Filme oder Tondokumente veröffentlichen kann. Die Leser können diese Inhalte per Feed abonnieren oder sogar Kommentare hinterlassen – also genau das, was mittlerweile jede kleine Tageszeitung auf ihrem Online-Auftritt bietet, ebenso wie die ganz großen Zeitungen und Magazine wie die Süddeutsche, Spiegel online, das Handelsblatt, die FAZ und wie sie alle heißen. Die meisten Unternehmensseiten basieren mittlerweile außerdem auf Blogsystemen wie WordPress: sie funktionieren zuverlässig, bieten unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten und kosten nicht so viel wie ein CMS, das man sich für viel Geld kaufen oder mieten muss. Blogs sind mittlerweile aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – doch vor einigen Jahren sah man das halt noch ein wenig anders…

Hier die Zitate:

  • “Blogger verdienen nach meiner Ansicht nicht den Schutz des Artikel 5.” (Stephan Holthoff-Pförtner, Gesellschafter der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung”, auf dem Medienforum NRW 2007, Quelle)
  • “Na ja gut, es gibt das Internet. Aber es dauert zu lange, bis Sie sich dort alles zusammengesucht haben, und dann sollten Sie es auch noch an diesem unsäglich doofen Bildschirm lesen. Da hilft die Zeitung und sagt: Das ist heute für dich wichtig.” (Michael Ringier, Verleger, im Interview mit der taz, 15.09.2007, Quelle)
  • “Im Internet wird zwar wahrscheinlich mehr kritisiert als in allen Zeitungen zusammen, aber kein Schwein interessiert das. Da gibt es Blogs und persönliche Homepages und weiß der Teufel was. Das findet aber niemand.” (Michael Ringier, Verleger, im Interview mit der taz, 15.09.2007, Quelle, leider nicht mehr online, ersatzweise)
  • “Besserwissern, Wichtigtuern oder Paranoikern, die sich im normal life intellektuell verkannt, sozial missachtet fühlen oder einfach viel Zeit haben, bietet das Web 2.0 ein überaus reichhaltiges Angebot, ihren Neigungen rund um die Uhr nachzugehen. «You can’t always get what you want» – diese Songzeile der Rolling Stones von 1969 gilt fortan vielleicht nur für ihr reales Leben, aber nicht mehr für ihre virtuelle Existenz. Im Mitmach-Web bekommen sie jenen sozialen Kredit oder können jenes soziale Kapital anhäufen, das sie im Alltagsleben vermissen oder das ihnen aus welchen Gründen auch immer von Kollegen, Freunden oder Bekannten vorenthalten wird.” (Rudolf Maresch im Januar 2007 in Telepolis, Quelle)
  • “Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?” (Jean-Remy von Matt im Januar 2006 über Weblogs, die “Klowände des Internets”, Quelle)
  • “Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.” (Hans-Ulrich Jörges vom Stern im Juni 2007 über die “Blog-Szene”, Quelle)
  • “Seit Internetnutzer ihre Bilder und Texte unkontrolliert auf extra dafür geschaffene Webseiten stellen können, scheint die Moral im Netz endgültig erodiert. Gewaltvideos und selbst gedrehte Pornos sind besonders beliebt. Auf Blogs, eine Art von Internettagebüchern und Kommentarseiten, beschimpfen sich User gegenseitig als Idioten oder drohen einander Schläge an.” (Marco Stahlhut im April 2007 anlässlich der re:publica bei Welt Online, Quelle)
  • “Blogs sind ja eine Aneinanderreihung von persönlichen Befindlichkeiten von Leuten, die eigentlich für den Journalismus oder für die Öffentlichkeit keine wirkliche Bedeutung haben.” (Manfred Bissinger, vielfacher ehemaliger Chefredakteur, im Deutschlandfunk, Mai 2007, (Quelle [mp3, leider nicht mehr online], gefunden bei Stefan Niggemeier)
  • “Schwätzen macht Spaß. Bloggen ist sogar geil. In Wahrheit ist es peinlich und pubertär.” (Klaus Kocks, PR-Berater, im November 2006, Quelle [das Blog scheint es nicht mehr zu geben])
  • “Blogs werden zu Briefen – und die werden ja auch oft nicht gelesen.” (Norbert Bolz, Medienwissenschaftler und Zukunftsforscher, auf der Next07-Konferenz, zitiert nach Thomas Knüwer, Quelle, [leider auch verschwunden])

Ich habe bei Netzwertig natürlich nachgefragt, ob ich die Zitate hier nochmals verbloggen darf – dafür nochmals vielen Dank!

Crosspost von warndorf

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18 Kommentare

  1. Verschiedenes aus August 2012 - suelz-koeln.de |  08.08.2012 | 16:49 | permalink  

    [...] Besserwisser, Wichtigtuer und Paranoiker – was man vor fünf Jahren über Blogger dachte Tweet Kategorie: Sülz-Klettenberger Veedelsblog [...]

  2. Ronald Reagan |  08.08.2012 | 17:42 | permalink  

    Mensch Daniela kennst Du etwa archive.org nicht?
    Zumindest Bolz (http://web.archive.org/web/20071214233701/http://prnachwuchs.blogs.com/prethik/2006/11/leserbrief.html) und Kocks (http://web.archive.org/web/20070508020235/http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1263) sind dort (hoffentlich) bis in die Ewigkeit zu finden. ;-)

  3. Vera Bunse |  08.08.2012 | 17:58 | permalink  

    Die Schuld liegt bei mir, ich habe nicht daran gedacht. Danke für die Links.

  4. szsfhq |  08.08.2012 | 19:46 | permalink  

    «Die meisten Kenner sind sich einig, dass das Internet-Angebot zu neunzig Prozent aus Schrott besteht. Aber die restlichen zehn Prozent bedeuten immer noch eine gewaltige Materialfülle.»
    Das war damals wahr, und es ist leider auch heute noch wahr.

  5. Vera Bunse |  08.08.2012 | 20:06 | permalink  

    @szsfhq
    Dann freuen wir uns doch über die 10 Prozent.

  6. Stefan Graunke |  09.08.2012 | 09:34 | permalink  

    Wobei ich behaupten möchte, dass das ‘Nicht-Internet-Angebot’ auch zu mindestens 50% aus Schrott besteht.

    Konservativ geschätzt.

  7. Daniela |  09.08.2012 | 09:36 | permalink  

    @Ronald Reagan Danke für den Hinweis, wir haben die Links ergänzt :)

  8. ThorstenV |  09.08.2012 | 14:43 | permalink  

    Nur ein kleiner Einwurf: Im Netz konnte schon jeder schreiben, der Zugang hat, spätestens seit http://en.wikipedia.org/wiki/Usenet

  9. Die zehn gefährlichsten Blogger Deutschlands | Wirtschaftswurm |  09.08.2012 | 14:53 | permalink  

    [...] Schuldenvergemeinschaftung da ist. Und Alternativen dazu findet man auch in Blogs. Und dies, obwohl Blogs ohnehin gefährlich genug sind. Das ermöglicht es mir, SPON in nichts nachzustehen. Hier also die Top 10 der [...]

  10. mal ne Frage |  09.08.2012 | 15:27 | permalink  

    Was bitte ist ein “vielfacher ehemaliger Chefredakteur”?

  11. Wolfgang Messer |  09.08.2012 | 17:34 | permalink  

    @mal ne Frage: Kleine Verständnishilfe:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Bissinger#Leben

  12. Daniela |  10.08.2012 | 10:02 | permalink  

    @ThorstenV: Ja, ich weiß. Dazu mehr in meinem Artikel “Geschichte des Weblogs” unter http://www.warndorf.com/2012/08/die-geschichte-des-weblogs/

  13. Mario H. |  12.08.2012 | 14:05 | permalink  

    Folgende Aussage aus deinem Artikel “kosten nicht so viel wie ein CMS, das man sich für viel Geld kaufen oder mieten muss” könnte allerdings, sorry, auch schon fünf Jahre alt sein. (Wobei auch schon damals das Enterprise CMS Typo3 sehr groß war – und natürlich kostenlos :-))

  14. Vera Bunse |  12.08.2012 | 15:43 | permalink  

    Der Text stammt aus einer Reihe über Corporate Blogs, deshalb bezieht sich CMS hier vornehmlich auf maßgeschneiderte Firmenlösungen.

  15. ThorstenV |  12.08.2012 | 20:26 | permalink  

    Der Punkt hier ist (und ich kann gern noch weiter zurückgehen: BBS, Z-Netz, Mausnet, …) das Treibende der elektronischen Vernetzung war von vorneherein der Diskussionswunsch. Inklusive Rechtsbrüchen an allen Ecken und Enden: interessante Artikel wurden abgetippt um darüber zu diskutieren, ohne dass sich irgendwer Gedanken darüber machte, was er da tut. Die technische Struktur des IP-Verkehrs kennt keine Unterscheidung zwischen Servern und Clients, weil vornherein beabsichtigt war, dass alle Teilnehmer gleichberechtigt als Sender und Empfänger interagieren. Der Ahnherr des (darauf aufsetzenden) autorenzentrierten Netzes war das http://de.wikipedia.org/wiki/Projekt_Xanadu Alten Sagen zufolge kann man noch heute in Vollmondnächten in verwinkelten Gängen großer Universitäten leises Messerwetzen hören, wenn die Rede auf Berners-Lee kommt.

  16. Die Geschichte des Weblogs — CARTA |  14.08.2012 | 13:39 | permalink  

    [...] erschienen in einem Sommer-Special über Corporate Blogs. Ebenfalls aus dieser Reihe bei Carta: Besserwisser, Wichtigtuer und Paranoiker – was man vor fünf Jahren über Blogger dachte     Die Erfindung des WWW und das erste Blog der Welt Ende der 90er-Jahre wurden [...]

  17. Spotlight (82) | Das rote Blog |  15.08.2012 | 08:49 | permalink  

    [...] blogge ich diesen Monat fleißig, aber warum? Blogger sind doch nicht der Rede wert. Besserwisser, Wichtigtuer und Paranoiker – was man vor f&#2… “Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?” [...]

  18. Nachrichten & Links, 8. September 2012 | volkerdaschner.de |  08.09.2012 | 03:59 | permalink  

    [...] Besserwisser, Wichtigtuer und Paranoiker – was man vor fünf Jahren über Blogger dachte — CARTA [...]

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