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Marcel Weiß

Unbegründet: Norbert Bolz’ Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung

Marcel Weiß | 36 Kommentar(e)


Die Abschottung in digitale Echokammern zwischen Gleichgesinnten ist eher ein Randphänomen. Vielmehr vermischen sich Interessen, Gruppen und Nischen durch die Macht der Verlinkung: Im Netz entscheidet jeder immer wieder neu, was relevant ist. Damit nähern sich Diskurse den tatsächlichen Interessen der Bürger an.

30.08.2010 | 

Robin Meyer-Lucht weist auf einen Artikel von Norbert Bolz in der Süddeutschen hin. Bolz ist Medien- und Kommunikationstheoretiker an der TU Berlin. Der Essay ist ein Rundumschlag zu aktuellen Vorgängen im Web, allerdings gespickt mit Buzzwords und rar an Inhalt.

Der Text ist an vielen Stellen zu diskutieren, aber ich will mich auf eine Aussage beschränken, die leider auch anderenorts zustimmend zur Kenntnis genommen wird. Auch Norbert Bolz sieht eine Fragmentierung der Gesellschaft durch die Ausdifferenzierung des Internets. Er formuliert das etwas verschwurbelt wie folgt:

Suchmaschinen produzieren die Homogenität der Gleichgesinnten in Geschmacks-Clustern. Hinzu kommt die Selbstselektion der Gleichgesinnten in den Communities, den virtuellen Gemeinschaften. Das 21. Jahrhundert hat also nicht mehr das Problem des Massenkonformismus durch Massenmedien, sondern das Problem der Gleichgesinntheit in digitalen Echokammern. [Hervorhebung Carta]

Vor einem Monat hatte ich mich bereits mit der überzogenen Angst vor der Fragmentierung der Öffentlichkeit auseinandergesetzt und schrieb:

Fragmentierung online bedeutet nicht, dass sich einzelne Menschengruppen in abgeschotteten Räumen treffen und dort von den anderen Gruppen nichts mitbekommen.

Ein banales Beispiel: Es dürfte nur wenige Twitternutzer in Deutschland gegeben haben, die der Fußball-WM entkommen konnten. Twitter ist mit seinem Follower-Prinzip das Paradebeispiel der systemimmanenten Fragmentierung. Und es zeigt recht deutlich: Fragmentierung im Netz bedeutet nicht Abschottung. Gerade das Webdienste zunehmend dominierende Follower-Prinzip ermöglicht mehr Individualisierung während es gleichzeitig Gruppenabschottung hemmt.

[..]

Neben der Gruppendurchlässigkeit wirken auch Aggregatoren gegen eine tiefgehende Spaltung der Öffentlichkeit durch Fragmentierung. Man denke nur etwa an Google News, Rivva, Techmeme, Digg und andere Beispiele.

Die irreführende Annahme von Befürchtern der Fragmentierung, wie es Bolz einer zu sein scheint, liegt in der vermuteten Natur der Online-Gruppierungen und ihrer gegenseitigen Abgrenzung und Abschottung.

Das aber geht mehrheitlich an der Realität vorbei.

Interessen, Gruppen und Nischen vermischt

Die sich online formierenden Gruppen (oder negativ und unnötig pseudoinstitutionalisiert “Echokammern”) fußen auf den Interessen der Mitglieder. Die Mitglieder selbst bewegen sich aber in mehreren mehr oder weniger verschiedenen Gruppen, die auf ihren unterschiedlichen Interessen beruhen. Online ist durch die einfachere Informationsbeschaffung eine stärkere Diversität innerhalb der Gruppen und bei den Gruppenzugehörigkeiten der Einzelpersonen möglich. Oder anders: Die Gruppen fransen schneller an den Rändern aus oder bestehen bereits nur in einer flüssigen Ad-Hoc-Form (Stichwort Follower-Prinzip).

Ein relativ banales Beispiel:

1. Ich interessiere mich überdurchschnittlich stark für Technologie und die Entwicklung des Webs und beschäftige mich aufgrund meiner Arbeit intensiv mit diesen Themen.

2. Ich habe außerdem ein sehr großes Interesse an Musik. Ich habe jahrelang den lokalen Plattenladen regelmäßig mit Platten im Wert von 100 DM (und später Euro) und mehr verlassen. Freunde von mir betreiben kleine Labels und leben von Auftritten als DJs und/oder Livemusiker oder haben das jahrelang getan. Auch ich bin eine Zeit lang regelmäßig aufgetreten. Ich habe also ein hohes Interesse daran, wie sich Musik im allgemeinen und die Musikbranche entwickelt.

3. Aufgrund meines Hintergrundes (BWL-Studium) bringe ich Kenntnisse in wirtschaftlichen Fragen mit.

Alle drei Felder zusammen genommen sind die Grundlage für meine Betrachtungen von aktuellen Entwicklungen wie etwa dem Filesharing und was dies für die betroffene Branchen, wie etwa die Plattenindustrie, bedeutet.

Wenn ich jetzt in einem Forum verkehre, in dem sich vor allem Musiker unterhalten, kann ich dort meine eigene Sicht zu Themen wie Filesharing einbringen. Jeder kann im Netz leicht auf Informationen von außen verweisen, was Diskussionen online zumindest theoretisch fundierter machen als ihre Offline-Pendants.

Mein heutiger Kenntnisstand setzt sich nicht zuletzt aus der Lektüre vieler Nischenblogs zusammen, die aus meinen jeweiligen Interessensbereichen stammen können. Vielen anderen wird es ähnlich gehen. Die Erkenntnisse aus Techblogs wie Techdirt finden auf dieser Basis ihren Weg in Musikerforen oder Musikerblogs.

Zu unterstellen, dass eine Gruppe von Personen in sich konform ist, weil die Personen ein Interesse teilen, ist eine unzulässige Vereinfachung der Realität. Zu einer in sich konformen Gruppe gehört mehr als der kleinste gemeinsame Nenner auf einem Gebiet als Auslöser der Gruppenbildung.

Die Senkung der Suchkosten für Informationen durch das Internet ist eine nicht zu unterschätzende Kraft, die in alle Richtungen wirkt.

Die Macht der Verlinkung

Yochai Benkler hat sich in seinem 2006 erschienen Klassiker The Wealth of Networks (Affiliate-Link) ebenfalls mit Befürchtungen zur Fragmentierung der Öffentlichkeit auseinandergesetzt. So schreibt er auf S.256 zum Einbeziehen von Quellen:

Jack Balkin has argued that the culture of linking more generally and the “see for yourself” culture also significantly militate against fragmentation of discourse, because users link to materials they are commenting on, even in disagreement.

Der hier vorliegende Text, in dem ich oben auf den Artikel von Bolz linke, dem ich nicht zustimme, ist ein Beispiel dafür.

Benkler geht außerdem auf die Verlinkungen zwischen den verschiedenen Sphären in der politischen US-Blogwelt ein und bezieht sich (S. 257) auf eine Studie, die jene Verlinkungen untersucht hat. Das Ergebnis: Die großen Blogs der jeweiligen Lager verlinkten in 15 Prozent der gesetzten Links auf ein Blog aus dem anderen Lager. Das bedeutet, dass einer von sechs oder sieben Links in das gegnerische Lager verwies. Das galt ungefähr gleich für beide Lager. Eine durchaus bemerkenswerte Vernetzung über das Spektrum hinweg.

Man vergleiche das mit den Querverweisen innerhalb von Massenmedien in Print, TV oder Hörfunk, die oft prozentual niedriger oder zumindest nicht direkt mit genannter Quelle stattfinden und immer weitaus schwerer zu verfolgen sind.

Die oft befürchteten Online-Echokammern sind also bei weitem nicht so abgeschlossen wie oft a priori angenommen wird.

Mit der Zunahme an Diensten, die dem Follower-Prinzip von Twitter folgen, werden die Gruppen, wie oben bereits geschrieben, außerdem flüssiger. Entgegen dem Raum-Prinzip (Foren) gibt es beim Follower-Prinzip quasi keine an externen Faktoren verankerbare feste Gruppe mehr. Das hat wiederrum zur Folge, dass Informationen und mit ihnen die Diskurse in solchen Systemen noch effizienter Verbreitung finden sollten.

Warum ist Fragmentierung überhaupt negativ?

Der Grund, warum Fragmentierung problematisch ist, wird oft nicht mehr angeführt. Auch Bolz schreibt einfach von einem Problem, bevor er zum nächsten Punkt auf seiner Liste springt:

Das 21. Jahrhundert hat also nicht mehr das Problem des Massenkonformismus durch Massenmedien, sondern das Problem der Gleichgesinntheit in digitalen Echokammern.

Die oft implizierte Gefahr liegt in einer Gesellschaft, die sich nicht mehr über die Öffentlichkeit organisieren kann, weil keine Diskurse mehr auf einer Ebene geführt werden, die zu einem gesellschaftsweiten Konsens (oder zumindest zu dessem Anschein) führen.

Die Befürchtung: Wenn jeder nur noch auf der Website seines Anglervereins verweilt, statt die FAZ von vorn bis hinten zu lesen, zerfällt die Gesellschaft. Oder: Wenn sich jeder nur noch auf radikalen Blogs am kollektiven Schulterklopfen beteiligt, statt sich über Massenmedien allgemein zu informieren, zerfällt, zersplittert, die Gesellschaft.

Studien, wie die, die Benkler in seinem Buch zitiert, scheinen die letztgenannten Befürchtungen bereits vor 2006 widerlegt zu haben. Das Abschotten scheint eher ein Randphänomen statt ein systemweites zu sein.

Was die Anglervereinshypothese angeht: Informationen und Diskurse besitzen eine unterschiedlich hohe Interessanz für den einzelnen. Je interessanter oder relevanter etwas erscheint, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Information über Gruppen hinweg verteilt werden, die unter Umständen mit dieser Art von Information oder Diskurs gar nichts oder nur wenig zu tun haben.

Der Unterschied zum Fortpflanzen des Diskurses im Web zum selbigen Vorgang im Massenmedienzeitalter ist folgender:

Im Web entscheiden die Einzelpersonen zunehmend selbst, ob sie die Nachricht für verbreitenswert halten. Im Massenmedienzeitalter entscheidet der an der Spitze der internen Hierarchie stehende Redakteur.

Die Trennung von Produktion und Distribution: Das heißt, statt einer Entscheidung einer Einzelperson oder einer kleinen Gruppe, oder mehrerer kleiner Gruppen, die sich gegenseitig beeinflussen (die Redaktionen der überregionalen Tageszeitungen etwa), entscheidet eine sehr viel größere Masse an Menschen für jeden Artikel, jede Information und jeden Diskurs auf’s neue, ob er relevant für sie ist oder nicht, und ob sie ihn verbreiten wollen oder nicht.

Die Folge: Die Verteilung der Diskurse nähert sich den tatsächlichen Interessen der Bürger an. Nicht zuletzt, weil die Verbreitung nicht mehr an industrielle Produktionsbedingungen gekoppelt ist.

Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit eintreten wird, aber: Eine Konsequenz davon kann, muss aber nicht, natürlich sein, dass die nationale Schicksalsgesellschaft nicht die Interessen der Bürger widerspiegelt. Ein deutscher Schauspieler hat immerhin mehr mit einem französischen oder einem russischen Schauspieler gemein als mit einem deutschen Bauarbeiter.

Sollte also die Verschiebung der Diskursbasis langfristig unsere Gesellschaftsstrukturen so maßgeblich unterwandern, dass Nationalstaaten in ihrer heutigen westlichen Form nicht mehr funktionsfähig sind, dann wäre das keine Folge isolierter Gruppenbildung.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Auflösung der Isolation:

Wenn dieser Fall eintreten sollte, dann wäre das vielmehr ein Sichtbarmachen von etwas, das vorher lediglich von den Begrenzungen der Massenmedien zurückgehalten wurde. Die Folge also des Aufhebens eines historischen Zufalles.

Meyer-Lucht hat recht, wenn er meint, dass man sich Texte wie jenen von Bolz nicht mehr zu Gemüte führen muss. Erkenntnisse findet man in ihnen nicht.

Crosspost von neunetz.com.

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36 Kommentare

  1. noName |  30.08.2010 | 21:19 | permalink  

    Sehr gut. Da stecken Sie aber einige, die sich mit Prof.-Titeln schmücken, in die Tasche. Und Sie schreiben verständlich. Kompliment.

  2. Jens Best |  31.08.2010 | 00:05 | permalink  

    @Marcel Good writing (as usual).

    zu Bolz: rechtkonservativer Intellektueller, der nicht erkennt, dass der analoge Spiessbürger von gestern ist und dem aufgeklärten digitalen Citoyen die Zukunft gehört. Wenigstens heult er nicht so rum wie die ganzen Streetview-Verächter, er schwindet einfach erhobenen Hauptes dahin..

  3. Stefan Herwig |  31.08.2010 | 00:58 | permalink  

    @2:
    Könnten wir mal diese unsäglichen “ad Hominem” Totschlagsargumente weglassen? Und auch die Unterteílung in “aufgeklärte Digitalheroen” und “analoge Spiessbürger” zeugt ja von besonderer Reflektionsfähigkeit. steichenen wir alles möglichst schwarz und weiss, dann wird die Urteilsfindung besonders einfach.

    Ausserdem “verschwindet” Bolz er nicht, er schreibt einen Text auf einer relativ wichtigen Seite. Ironischerweise psiegelt sich in den Kommentaren auf Carta seine Erkenntnis bestätigend wieder:
    In “internet hurra!” Gemeinschaften werden solche Texte natürlich mit einem Potpurrie an konstruktiven und wneiger konstruktiven Argumenten ausgehölt. Nur Eines scheint eine merkwürdige Konstante zu sein: Nie wird dem Autor gelegenheit gegeben, auf das über ihn Geschriebene zu reflektieren. dabei wäre doch gerade im Netz die gelegenheit dazu groß. Aber da fragmentiert man sich lieber im Dunklen. anosnten kommt da noch Gegenwehr.

    SH

  4. Sven Grammes |  31.08.2010 | 10:14 | permalink  

    @Stefan Herwig:
    Populistische Totschlagargumente scheinen doch eher das Dogma von Herrn Bolz zu sein. Ich zitiere: “Deshalb baut man Zäune, pflanzt Hecken, und Gardinen stellen sicher, dass man durch die Fenster hinaus-, aber nicht hineinsehen kann. Nur ein kindischer anti-bürgerlicher Affekt kann das “spießig” finden.”

    Bolz´ Text bleibt vage und so offensichtlich oberflächlich, dass der Vorwurf der Provokation mehr als gerechtfertigt ist. Er schreibt ohne Tiefgang und ohne Stringenz; zahlreiche Schreckensszenarien des digitalen Zeitalters reiht er wahllos aneinander (#1: “(…) Google als eine Art Geheimdienst des Alltags (…)” / #2: “Was mit der Unterscheidung von privat und öffentlich auf dem Spiel steht, ist die Idee der bürgerlichen Freiheit.” / #3: “(…) die Homogenität der Gleichgesinnten (…)” / #4: “(…) Herrschaft der Suchmaschinen (…)”.

    Und dann kritisiert er auch noch einen faktischen Zugewinn an Freiheit (“Deshalb werden die Gatekeeper, die eine Auswahl vor der Publikation treffen, zunehmend durch Navigatoren ersetzt, die eine Auswahl nach der Publikation ermöglichen.”), denn die redaktionelle Auswahl journalistischer Texte in den Printmedien ist nichts anderes als eine subjektive Auswahl, die für die Masse vorgekaut wurde (Bolz selbst spricht ja auch von “Nadelöhr”). Eine Navigation durch eine größere Variation an journalistischen Inspirationsquellen scheint mir der kreativere und auch mehr Substanz versprechende Ansatz zu sein.
    Als Beweis könnte schon ein Vergleich der Texte von Bolz (populistisch ohne Tiefgang/klassisches Medium) und Weiss (unaufgeregt die Gegenargumente analysierend/Blog) dienen.

    Und wie oft schreibt Bolz eigentlich “bürgerlich”? Mir dünkt, dass da jemand seinen Platz in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit den Argumenten des 18. Jahrhunderts zu verteidigen sucht.

  5. cervo |  31.08.2010 | 10:44 | permalink  

    Es bleibt die Frage, warum man Bolz, ähnlich wie Sarrazin, überhaupt eine Plattform bietet? Bolz veröffentlicht unter dem Deckmantel des “Medientheoretikers” bestenfalls selbstreferentielle und eitle Texte, oft aber auch politische (extrem konservative) Botschaften. Er ist der “RTL-Experte” des bürgerlichen Intellekts, sein wissenschaftlicher Titel verkauft die Nachricht. Es nervt, dass man sich immer wieder mit solchen Leuten auseinander setzen muss. Deshalb und trotzdem Danke an Marcel Weiss (und auch Sven Grammes, Jens Best, etc.).

  6. Marcel Weiss |  31.08.2010 | 11:14 | permalink  

    @Stefan Herwig
    Mein Text ist frei zugänglich und kann zB von Suchmaschinen gefunden werden. Er kann hier und auf meinem Blog frei kommentiert werden. Die Kommentare werden nachts auch nicht geschlossen. Herr Bolz kann sich wie jeder andere ohne weiteres hier und bei mir zu Wort melden, wenn er das will.
    Das ist alles mehr an offenen Partizipationsmöglichkeiten für alle Beteiligten als man bei ähnlichen Debatten etwa im Printfeuilleton zur Verfügung hat.

    Zu behaupten, man würde sich hier vor Gegenwehr abschotten, ist Unsinn.
    Ich kann beim besten Willen nicht sehen, wo hier im Dunkeln fragmentiert wird.

  7. Stefan Herwig |  31.08.2010 | 11:15 | permalink  

    @ 5:
    Also wie gesagt, ich kenne seine anderen Texte nicht, aber für diesen Text trifft die Kritik an Bolz nicht zu. Deswegen ist es m.E. nicht legitim diesen text wegen der (vermeintlichen) Qualität anderer Texte abzuwerten. Hat zumindest nichts mit dem Thema zu tun, sondern ist auch “ad hominem”.

    @Sven Grammes:
    “Bolz´ Text bleibt vage und so offensichtlich oberflächlich, dass der Vorwurf der Provokation mehr als gerechtfertigt ist. Er schreibt ohne Tiefgang und ohne Stringenz; zahlreiche Schreckensszenarien des digitalen Zeitalters reiht er wahllos aneinander (#1: “(…) Google als eine Art Geheimdienst des Alltags (…)” / #2: “Was mit der Unterscheidung von privat und öffentlich auf dem Spiel steht, ist die Idee der bürgerlichen Freiheit.” / #3: “(…) die Homogenität der Gleichgesinnten (…)” / #4: “(…) Herrschaft der Suchmaschinen (…)”.”

    Ich finde nicht, dass Bolz vage bleibt. Mir leuchten seine Argumente prinzipiell ein, und ich halte sie auch für valide. Nur ein Beispiel: Google= Geheimdienst Vergleich: Wenn sich eine firma in Sachen Datamining so stark auf eine neue Dimension hievt, indem sie die Nutzerdaten mit Geodaten verknüpft, ist m.E. in der Tat eine neue Dimension des “Targeted Advertising” erreicht, die nahe am “Ausspitzeln” ist. Man muss diesen Ansatz erst einmal zuende denken, um zu verstehen, was das heisst, wenn mnán nun an jede IP addresse eine Hausnummer knüpfen kann. .

    Ich glaube in der Tat, dass dieser Vergleich deswegen angebracht ist. Wo ist das vage und wo ist es unbegründet? Es ist vielleicht populistisch geschrieben, aber das sagt doch nichts zum Sachverhalt an sich aus. Und vor allem reicht es nicht, den Text an sich abzuqualifizieren.

    “Und dann kritisiert er auch noch einen faktischen Zugewinn an Freiheit (“Deshalb werden die Gatekeeper, die eine Auswahl vor der Publikation treffen, zunehmend durch Navigatoren ersetzt, die eine Auswahl nach der Publikation ermöglichen.”), denn die redaktionelle Auswahl journalistischer Texte in den Printmedien ist nichts anderes als eine subjektive Auswahl, die für die Masse vorgekaut wurde (Bolz selbst spricht ja auch von “Nadelöhr”).”

    Mir hat dieser Vergleich zwischen vorgelagerter und nachgelagerter Selektion zunächst auch nicht eingeleuchtet, aber wenn man es mit dem Punkt der Fragmentierung der Nutzergruppen verknüfpt wird ein Schuh draus:

    Nur die Inhalte transformieren sich in die Öffentlichkeit, die dem Interesse einer fragmentierten Nutzerguppe entsprechen. Nehmen wir mal diesen Artikel selbst als Beispiel: Marcel Weiss behauptet, dass Bolz’ These dadurch widerlegt wird, dass er überhaupt auf den Artikel verlinkt wird. Aber noch vor der Verlinkung selbst fällt der Autor schon ein vernichtendes Qualitatives Urteil und beeinflusst damit die Meinung des Lesers – direkt in der Headline. Neutrale Auseinandersetzung sieht anders aus.

    Und natürlich läuft dieser Text dem Interesse vieler Carta-Leser entgegen. Internet-Kritik-Kritik (sic!) ist ja hier sehr gerne gelesen. Also ist ein Interese vorhanden., Und auf welchen ebenen die relfektion typischerweise stattfindet (Ad Hominem totschlag) sehen wir ja auch hervorragend an den obigen Beispielen.

    SH

  8. Stefan Herwig |  31.08.2010 | 11:23 | permalink  

    @6:

    Also als ich noch Journalistische Aktivitäten betrieben habe, galt es als angebracht, elute über die Veröffentlichung eines sie negatvi betreffenden Artikels vorab zu informieren, und ihnen ggf. sogar möglichkeiten zur STellungnahme zu geben.

    Zu glauiben, dass sich jeder automatisch (ironischerweise per Google, die sind ja mit das Thema) reinklinken muss, halte ich für ein neues Paradigma, und ich finde es auch nicht fair. Wo liegt das Problem den Beschriebenen mit den Aussagen aktiv zu konfrontieren, anstatt zu erwarten, er möge sich doch bitte täglich selbst googlen.

    SH

  9. Sven Grammes |  31.08.2010 | 11:38 | permalink  

    @Stefan Herwig:
    “Ich finde nicht, dass Bolz vage bleibt. Mir leuchten seine Argumente prinzipiell ein, und ich halte sie auch für valide.”
    Mir leuchten seine Argumente ja auch ein und ich sehe auch nicht alles positiv. Ich denke, dass der zentrale Vorwurf an Herrn Bolz aber ist, dass er seine “Schreckensszenarien” ultimativ hinausposaunt und so die Relevanz des Themas einschränkt, anstatt konstruktiv daran mitzuarbeiten, die neuen technischen Möglichkeiten so zu nutzen, dass die Vorteile genutzt werden!

    Als ich etwa folgenden Satz las, musste ich lachen: “Der schwerste Angriff auf die Privatsphäre geht dabei übrigens nicht von Regierungen und Unternehmen aus, sondern von den sozialen Netzwerken.” Nicht etwa weil er so falsch ist, sondern weil er so wahr (!) ist und gleichzeitig das wirkliche Problem ausblendet. Spätestens seit den Datenschutzproblemen Anfang des Jahres bei Facebook weiß auch die breite Masse der deutschen Gesellschaft um die Sensibilität der eigenen Daten im Internet. Aber anstatt diese Diskussion zu ergänzen und sinnvoll weiterzuführen, schreit Bolz in die Welt: ein ANGRIFF auf uns!
    Der Text von Bolz konzentriert sich so stark auf das Problem und sowenig auf die Möglichkeiten, dass ihm entweder Ignoranz oder Populismus vorzuwerfen ist. Ich habe mich für letzteres entschieden.

    Wir sollten den Pessimismus, gepaart mit Passivität aufgeben und stattdessen beginnen unser Leben im digitalen Zeitalter aktiv zu gestalten, dann entscheiden WIR, wer, was, wann, wo sieht oder liest.

    “Das Internet führt zur Erhöhung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft” – sehr lesenswert: http://www.scribd.com/doc/30482424/Lotus-Jam-Camp

  10. Sandra |  31.08.2010 | 11:46 | permalink  

    @Stefan Herwig
    Hier geht es um eine inhaltliche Auseinandersetzung, die nicht ad personam geführt wird. Ein Kommentar, der verallgemeinert, ist da noch nicht die ganze Debatte.

    Ob man Kritik an einem Text zutreffend findet, darf ja zum Glück noch jeder selbst entscheiden ;)

    Herrn Bolz bleibt es unbenommen zu antworten, aber es zeichnet Blogs gerade aus, dass offene, meinungsstarke Debatte geführt wird, und man nicht neutral alle Standpunkte mit einbinden muss. Gerade auf Carta werden doch auch oft Beiträge veröffentlicht, die eben nicht bestimmten Mehrheitsmeinungen entsprechen – und dann eben im Zweifelsfall sehr lebhaft diskutiert werden.

  11. Marcel Weiss |  31.08.2010 | 12:06 | permalink  

    @Stefan Herwig:
    “Zu glauiben, dass sich jeder automatisch (ironischerweise per Google, die sind ja mit das Thema) reinklinken muss, halte ich für ein neues Paradigma, und ich finde es auch nicht fair.”

    Das einzig Ironische ist, dass ich ‘Suchmaschinen’ geschrieben habe, und du ‘Google’ gelesen hast. In Deutschland sind die Google-Kritiker eben immer auch die Google-User.

    Ich halte die Veränderung für sinnvoll, weil sie der veränderten Publikationslandschaft sinnvoll entspricht.
    Der Mythos der “Ausgeglichenheit” hat im Journalismus daneben bereits zu oft dazu geführt, dass absurdesten Argumenten Platz eingeräumt wurde; einfach um eine Gegenseite präsentieren zu können. Das halte ich nicht für erstrebenswert. Für eine Debatte stehen notfalls schließlich außerdem immer noch die Kommentare bereit.

    Im Kommentarbereich einer Publikation dieser vorzuwerfen, sie würde sich vor Debatte und Gegenwehr drücken, hat im Übrigen auch etwas Ironisches. ;)

  12. Jens Best |  31.08.2010 | 12:09 | permalink  

    @Stefan Herwig

    Bolz Inszenierung von Fakten erfolgt in einem Rahmen eines meiner Meinung nach überkommenen Menschen- und Gesellschaftsverständnisses. Es mag vielleicht noch mehrheitsfähig sein, aber es ist dermaßen vorgestrig, das man tatsächlich als digital-aufgeklärter Bürger stockt, bevor man sich in diskurs-verpflichteter Notwendigkeit dann doch zu einem (inneren) Gespräch mit dem Herren aufrafft.

    Ich finde ja Leute wie Schirrmacher oder m.E. auch Bolz noch interessante Vertreter einer analogen Borniertheit. Wenigsten drücken sie sich einigermaßen eloquent aus und ihre Argumentation ist stellenweise nicht völlig aus der Luft gegriffen oder in irrationalen Ängsten verwurzelt.

    Ab und an machen diese Herren sogar einen Punkt, der nicht uninteressant ist. Schließlich ist man ja nicht der “Aktivist der blinden Fortschrittsgläubigkeit”, als den anderen einen gerne hinstellen (und btw auch nicht vor einem personenkritischen Artikel versuchen ins Gespräch zu kommen; eine Unart die nicht nur Blogger, sondern auch Qualitätsjournalisten alter Manufaktur befällt).

    Deswegen ist es ja auch so, dass man sich an Bolz abarbeitet. Er zwingt einem die eigene Weltsicht kritisch zu beleuchten. Hoffnungsvoll liest man diese Texte, befreit sich zumindest für den Moment von der vorgefertigten Verachtung des überkommenen Menschenbildes – um dann am Ende vom Text enttäuscht zurück zu sinken, weil es, trotz des geistvollen schriftlichen Gegenübers, zu keiner Neubewertung oder wenigsten Weiterentwicklung kommt.

    Das ist das Moment, in dem man sich, vielleicht berechtigt, fragt, wie viele Texte von analogen Vorgestrigen man noch lesen sollte, um die Transition der Gesellschaft auch für diese Bevölkerungskreise sinnvoll und mit Respekt zu befördern. An dieser Stelle Stefan ist es dann auch berechtigt ad hominem zu argumentieren, denn es ist ja durchaus so, dass wir Menschen mit Meinungen sind und keine Glaubensroboter.

    Insofern ist ein leidenschaftliches ad hominem Argument dienlich das präsentierte Faktenverständnis in einen sozialen Kontext zu setzen. Denn nur so kommt man, im respektvollen Streit miteinander, wirklich mal zu einem Punkt an dem zeitgerechtes gemeinsames Handeln wieder möglich wird. Und ist es nicht das, was langsam so dringlich auf unser aller Agenda blinkt, wenn wir an die digital geprägte Gesellschaft im Informationszeitalter denken?

  13. migrant |  31.08.2010 | 13:51 | permalink  

    Vielfalt ist im Netz nicht mehr nur ein Wort. Das verwirrt die in den starren Ordnungen von gestern. Das war schon immer so.

  14. Bernd |  31.08.2010 | 13:57 | permalink  

    @Jens Best

    Ich muss Herrn Herwig zustimmen, dass ihre Rhetorik vom “überkommenen Menschen” bzw. vom “analogen Vorgestrigen” sehr unglücklich ist. Dass man zu einer “respektvollen” Auseinandersetzung kommt, in dem man bestimmte Positionen derart abqualifiziert, wage ich zu bezweifeln.

    Ich stehe Bolz politisch nun wirklich nicht sehr nahe, finde in seinem Text aber mehr Denkanstöße als in ihrer “dem neuen Übermenschen gehört die Zukunft”-Polemik. Was soll eigentlich in ihrer Zukunftsvision mit den Vorgestrigen passieren? Was, wenn sie an der von ihnen beschriebenen “Transition” der Gesellschaft nicht mitmachen wollen? Von Freiheit kann schließlich nur dann gesprochen werden, wenn man auch die Möglichkeit hat, sich anders zu entscheiden.

    Bleibt im Paradigma der totalen Information (das, wie Bolz ganz richtig schreibt, immer auch ein Paradigma der Kontrolle ist) noch Platz für diese Freiheit der Andersdenkenden?

  15. Jens Best |  31.08.2010 | 14:13 | permalink  

    @ ach “Bernd”

    Dein gekünstelter Versuch mich in einen Nazi/Übermenschen/Verachter-Kontext zu stellen, zeigt, dass die erbärmlichen Online-Trolle auch nicht ansatzweise mithalten können, wenn erwachsene Menschen sich in gegenseitigem Respekt und angebrachter Leidenschaft über die Gesellschaft unterhalten.

    Lernen sie doch erst einmal richtig zu lesen. Wenn schon nicht zwischen den Zeilen, dann doch wenigsten die Worte selbst. Ich schreibe “überkommenes MenschenBILD” nicht “überkommene Menschen” – da war wohl eher ihr Wunschdenken Vater ihres versuchten Zitates.

    Aber wenn sie schon soviel Erkenntnisgewinn aus dem Bolzschen Text ziehen, warum teilen sie nicht ein paar von den Groschen, die bei ihnen angeblich dabei gefallen sind.

    Was ich damit sagen will: Für Troll-Leute wie dich hab ich seit kurzem nur noch ein schlichtes “Piss die Wand an”.

  16. Bernd |  31.08.2010 | 14:25 | permalink  

    Und wenn ihm die Argumente ausgehen, dann wird er beleidigend, der Jens Best.

    Oder hatte er noch nie Argumente? Auf jeden Fall hat er keine Antworten auf meine Fragen.

    Aber das kenn ich schon von einigen Piratenpartei-Vertretern und anderen “aufgeklärten digitalen Citoyen” (ich lach mich schlapp). Wenn ihnen nix mehr einfällt, rufen sie “Troll”. Immer schön diffamieren, dann muss man sich nicht damit auseinandersetzen.

    Aber hey, du weißt wie das ist, mit dem Streiten im Internet: “Even if you win…”

    in diesem Sinne, ciao
    Bernd

  17. Stefan Herwig |  31.08.2010 | 14:43 | permalink  

    @15:
    +1

    Ich muss Bernd zustimmen. Auch hier: Andersdenkende werden mit “Ad hominem” Argumenten (Troll!) runtergeputzt.

    Auch wenn die “Übermenschen”-Rethorik von bernd nicht glücklich ist, sie zeigt an, dass es in Jens’ Bests wWltbild eine problematische Schwarz/Weiss polarisierung gibt. Diese Polarisierung ist der Diskussion nicht zuträglich. Und die Ad H9ominem Argumente auch nicht.

    Wenn das Netz die diskussionskultur und die reflektionsfähigkeit auf ein neues Nveau heben soll, finde ich bei den Bolz-Kritikern leider nur wenig Bestätigung dafür.

    Und deswegen nochmal: In dieser Diskussion spiegeln sich ironischerweise Bolz’ Thesen und bestätigen diese soagr.

    Also, kölnnen wir zurück AM THEMA diskutieren?

    @Marcel Weiss
    “Der Mythos der “Ausgeglichenheit” hat im Journalismus daneben bereits zu oft dazu geführt, dass absurdesten Argumenten Platz eingeräumt wurde; einfach um eine Gegenseite präsentieren zu können. Das halte ich nicht für erstrebenswert. Für eine Debatte stehen notfalls schließlich außerdem immer noch die Kommentare bereit.”

    Also ich halte es schon für Erstrebenswert, b ei einer debatte beide Seiten zu zeigen. das Problem ist, dass prinzipiell einhe Uneinigkeit hier herrscht, wann ein Argument “absurd” ist. wenn es intelligent diskutiert wird, dann kann es nicht absurd sein.

    Und: Wenn Blogger sich über vielbeschäftige Menschen äussern, ohne diesen zumindest mitzueteilen, dass eine Äusserung erfolgt ist, behalten sie in 98% aller Fälle das letzte Wort – in 2% der Fälle hatte der Autor die Chance, ZEITNAH darauf zu reaghieren.

    Gegenfrage: Wie viel zeit wendet man auf, dem Autor seinen kritischen Kommentar zukommen zu lassen? 2 Minuten? 5 (inkl. Recherche der Mailaddresse)? Soviel zeit muss dioch sein.

    Ansonsten gewinnen in der Diskussion diejenigen mit viel Freizeit gegen diejenigen mit wenig Zeit für Google-Recherche. Ergo: Echokammer.

    SH

  18. Jens Best |  31.08.2010 | 16:31 | permalink  

    Ok. Aber Stefan, vorweg; es ist ein Unterschied, ob ich den Text eines bekannten rechtkonservativen Intellektuellen zugegebenermaßen zugespitzt in den Kontext seines Denkens setze, oder ob ich einen kleinen Troll in Kommentaren zurechtweise, weil er versucht mich zu beleidigen indem er einen Nazi-Vergleich aufbaut.
    Ersteres ist ein leidenschaftlicher Streit zwischen verschiedenen wohlüberlegten Sichtweisen von zwei erwachsenen Personen, letzteres ist der, zugegebenermaßen sinnlose Versuch, kommunikativen Schmutz von der Schulter zu wischen.

    Und lieber Bernd (man soll ja nie aufgeben), ich habe den Text von Bolz hier sogar ausgedruckt vor mir liegen, weil er in einen Aufsatz einfliesst. Von irgendeinem Paradigma, sei es von dem der totalen Information(?) oder der Kontrolle schreibt er nichts. Deswegen nochmals, wahrscheinlich zwecklos an deine Adresse gerichtet zwei Dinge: “lerne zu lesen” und “es geht nicht ums Gewinnen”.

    Zu Bolz:

    Seine Argumentation ist faserig, in einem hilflosen aus dem Kontext zitierenden Dreisprung über Dewey, Benjamin und Brecht landet er vor dem Jägerzaun und deklariert diesen zum Werkzeug bürgerlicher Selbstverteidigung. Weil er selbst weiss, wie ungeschickt er hier Namedropping und Vorurteilspflege zu einer Schein-Argumentation verknüpft hat, legt er noch einen nach, indem er jegliche Kritik daran als kindisch deklariert.

    Ab diesem Punkt in seinem Text könnte es jetzt spannend werden, denn er fängt an vielfach mit dem Wortpaar “privat” und “öffentlich” um sich zu werfen.

    Man könnte jetzt hoffen, dass er mit Max Weber argumentiert, indem er fragt wie der rationale Interessenausgleich im neuen gesellschaftlichen Raum zu gestalten wäre. Im Angesicht der algorithmischen Datenverknüpfungen, die den Menschen in Bolz Augen durch Mausklicks seiner Identität berauben (noch so eine Abenteuerliche Verkürzung des Menschenbildes, die Bolz einfach mal so einführt) wäre dies eine durchaus spannende Frage.

    Noch viel mehr wäre es spannend gewesen, wenn Bolz die Habermas’sche und vorallem Arendt’sche Kritik des Verwischens von Handeln und Arbeit durch totalitäre Systeme anführt, die eben genau damit eine Kontrolle über das Private des Menschen erlangen wollen.

    Arendt hat dies im Angesicht ihrer Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Zeit sehr genau analysiert und kann uns heute in einer wesentlich ideologie-freieren, aber dafür nicht minder umbruchskräftigeren Gesellschaft dienlich sein, wenn wir uns unserer notwendigen Freiheitsräume gegenüber der Gesellschaft gewahr werden wollen.

    Der gesellschaftliche Raum wird von Arendt in einer modernen bürgerlichen Weise definiert, die sowohl in ihrer Verteidigung des Gemeinsamen, also des Öffentlichen als auch in der Abwehr des Totalitären eine Inspiration für den digitalen Citoyen sein kann. Von einem solchen modernen Bürgerverständnis aus lässt sich Verantwortung definieren.

    Bolz hingegen pflegt die Angstmaschine statt auf selbstreflektierte Verantwortung zu setzen. Seine Sprache verrät seine eigentliche subtile Absicht, nämlich den Fortschritt des Gemeinsamen Handelns klein zu reden und in den Händen derjenigen zu halten, die damit nach seiner Ansicht umgehen können.

    Werfen wir einen kurzen Blick auf seine emotional wirkkräftigen Worte
    “Der Datenschützer….als hilfloser Repräsentant” “absolute Transparenz” “wirtschaftliche Suggestion” “auf verlorenem Posten stehen” usw.

    Dann erklärt er noch alle die nicht Bürger sein wollen im Bolzschen Sinne zu exhibitionistischen Mini-Celebrities. Reputation (etwas was man sich mit einem Professur-Titel zu erarbeiten hat) ist für die “webcommunity” nichts mehr als ein “Feedback-Profil”. Welch ein verkürzendes Bild des digitalen Menschen. Bolz ist voll mit Vorurteilen und deswegen blind gegenüber dem notwendigen Hinterfragen bestehender Strukturen.

    Bolz macht den Fehler, den alle analogen Vorgestrigen machen, wenn sie ihre Selbstwahrnehmung und ihre Sicht auf die analogen sozialen Räume unreflektiert auf das zugegebenermaßen noch junge digitale Bürgertum anwenden.

    Sie erkennen nicht die neue Qualität an betterplace.org oder fixmystreet.co.uk, sie realisieren nicht die bedeutungsvolle Entwicklung, wenn Menschen kostenfrei mehr als 100 Millionen Stunden Arbeit in wikipedia stecken, während gleichzeitig andere unfreie analoge Konsumsklaven 200 Milliarden(!) Stunden jährlich an TV-Werbespots verschwenden.

    Analogwelt-Verteidiger wie Bolz erkennen nicht den Mehrwert einer Realität, in der das Wissen um die Zustände nicht mehr davon abhängt, jahrelang an einem speziellen Thema zu Arbeiten, sondern wo es gelingt mit geschickter Programmierung Datenvisualisierung herzustellen, die es jedem gleichermaßen ermöglicht die soziale, ökologische und was-auch-immer Realität z.B. seines Wohnviertel zu erkennen. DAS kann im ersten Augenblick unangenehm sein, aber das Verschliessen der Augen vor der neuen Darstellung der Realität durch die geordneten allen verfügbaren Datenmengen im Web ist eine der gefährlichsten Kulturverweigerung, der wir als Gesellschaft gegenüberstehen.

    Bolz ist gefährlich, denn er versucht diese Entwicklung kleinzureden. Er erkennt nämlich richtigerweise, dass diese vielleicht in Teilen schmerzhafte Befreiung noch nicht alle erreicht hat, wenn er schreibt:

    “Diese Aktivisten machen den Begriff einer durchschnittlichen Beteiligung nämlich sinnlos. Statistisch gesprochen: Der Median der Internet-Nutzung liegt weit unter dem Durchschnitt. Es gibt also keinen repräsentativen Internet-Nutzer.”

    Wir stehen als junge kulturelle Entwicklung an einem kritischen Punkt. Nachdem es zu einer Befreiung der Produktionskräfte kam und jeder ohne großen materiellen Aufwand veröffentlichen konnte, rückt nun die Frage der machtfreien Entwicklung sinnvoller Filter peu a peu in den Mittelpunkt unserer Bemühungen.

    Auch wenn vielen der weniger online-affinen Menschen noch nicht mal das eigene Potential der freien Veröffentlichung bewusst ist und deswegen dieses dort weiter propagiert und vermittelt werden muss, tritt quasi im Kern der Entwicklung die Aufgabe der herrschaftsfreien Filterung in den Fokus.

    Media literacy, also die Medienbefähigung muss weiter als Massenaufgabe forciert werden. Die aktuellen Eindrücke, dass es auch zur Produktion von augenscheinlich Belanglosem kommt, mag selbst im eigenen Auge des Digitalen Citoyen so erscheinen, aber deswegen ist die Möglichkeit der befreiten Produktion trotzdem zu verteidigen.

    Es darf hier nicht das (r)evolutionäre herumspielende Kind mit dem ersten Badewasser ausgeschüttet werden, aber sicher wäre es sinnvoll als Nächstes über die Befähigung zur freien Bildung, über eigenverantwortliche Daten-Exegese und offene Selbstbestimmtheit im gegenseitigen Respekt zu reden; quasi als wichtiger Badezusatz, damit das revolutionäre Baby namens “Mensch im digitalen Zeitalter” weiter gedeihen kann.

    Das klingt jetzt alles dramatischer als es im Alltag sein mag, aber an den Bruchlinien der Gesellschaft, deren Brechen es zu verhindern gilt, muss man wissen, warum man standhaft bleiben sollte gegen diejenigen, die den zarten Aufbruch in eine andere Gesellschaft aus innerer Gemütlichkeit oder Angst verhindern wollen. Die digitalen Werkzeuge gehören in die Hände von Jedermann.

  19. Detlef Borchers |  31.08.2010 | 20:29 | permalink  

    Ist es nicht auffällig, wie viele dieser pompösen Medientheoretiker den tontechnischen Begriff der Echokammer ausbuddeln? Wenn ich ihn lese, biege ich ab und höre auf, ob Bolz ob Meckel, alles dieselbe Gedankenfaulheit. Dagegen hilft nur noch die Erinnerung, dass die Echokammer, die The Doors nutzten, die versiffte Toilette der Band war. –Detlef

  20. Stefan Herwig |  31.08.2010 | 23:13 | permalink  

    @19:
    Schirrmacher nennt das gleiche Phänomen Informationskaskade, dann gibt es noch die Informationsasymmetrie und dasselbe Phänomen zu beschrieben.

    Aber sagt das nicht was aus, wenn diverse Personen parallel daselbe Phänomen beschreiben, ob nun mit demselben Vokabular oder anderem Vokabular? Wenn ihnen der egriff nicht gefllt, muss da snicht zwangsläufig heissen, dass das dazugehörige Phänomen nicht existiert. aber ihnen reicht es trotzdem, um den Text dann zu ignirieren. Interessant. Welchen Begriff müsste man denn für das Phänomen benutzen, damit sie bei der Stange belieben?

    @18:
    “Noch viel mehr wäre es spannend gewesen, wenn Bolz die Habermas’sche und vorallem Arendt’sche Kritik des Verwischens von Handeln und Arbeit durch totalitäre Systeme anführt, die eben genau damit eine Kontrolle über das Private des Menschen erlangen wollen.”

    Ich finde nicht, dass das noch spannender gewesen wäre. Denn wir haben hier recht wenig Berührungspunkte mit totalitären Systemen, aber extrem viele Berührungspunkte mit wirtschaftskonzernen, die gerade dasselbe leisten.

    Deswegen die frage: Sollte nicht die sensibilität der Aushölung von Privatsphäre durch wirtschafskonzerne noch kritischer hinterleuchtet werden als die gleiche Motivation von staatlichen und politischen Systemen?
    Auf jeden Fall ist ersteres für uns DEUTLICH relevanter, und die fehlende Sensibilität für diese vorgänge halte ich für erstaunlich.

    Und deswgeen hilft es auch nicht weiter, die Erkenntnisse aus dem dritten Reich auf die neuzeit zu projezieren, denn die aktuelle und vom Autor beschrieben Situation ist doch eine ganz andere. Unsere undesregierung braucht noch eine Volkszählung, fr google hat sich sowas – zumindest für den “digitalen Citoyen” (*g*) schon längst erledigt.

    Und in diesem Zusammenhang “Franst der Text” auch nicht aus. Für Die Länge des Textes ist die argumentative Dichte schon OK. Ich warte immer nnoch auf sinnvolle Gegenargumente, die sich nicht auf Buzzwordichte, oder Echokammern oder “ad hominem” Klassifizierungen beschränken. Von jan best lerne ich gerade nur, dass er den Text dann gut findet, wenn er so geschrieben wäre, dass er genau seinen Meinungspräferenzen entspricht. Auch eine Art von Diskussionskultur… Und wieder eine positive spiegelung dessen, was der autor behauptet. Wir setzen uns nur gerne mit dem auseinander was unserer Meinung entspricht.

    “Bolz hingegen pflegt die Angstmaschine statt auf selbstreflektierte Verantwortung zu setzen. Seine Sprache verrät seine eigentliche subtile Absicht, nämlich den Fortschritt des Gemeinsamen Handelns klein zu reden und in den Händen derjenigen zu halten, die damit nach seiner Ansicht umgehen können.”

    Ich glaube nicht, dass Bolz ein Problem mit “gemeinsamen Handeln” sondern eher mit dem kollektiven Verwerfen von Privatheit und dem fragmentierten Reflektieren von Inhalten ein Problem hat. Es ist diese art von “kreativer umdeutung”, die mir große Sorgen bereitet. da wird autoren etwas in den mund gelegt, was sie nicht gesagt haben, und was sie wirklich sagen wird komplett ignoriert. Wir konstruieren uns also eine eigene Realität, wa sman auch an deinem Schlussplädoyer sieht, in dem die skizzierte Entwicklung einfach an jüngst gemachten Erkenntnissen deutlich vorbeigeht.

    SH

  21. Jens Best |  01.09.2010 | 03:38 | permalink  

    Stefan, dein Problem ist, das du denkst, Bolz würde argumentieren. Das macht er aber nicht. Wen führt er mit was an?

    Dewey

    Einen der wichtigsten Vertreter der philosophischen Anthropologie, der mit “The Public and its Problem” eines der wichtigsten Bücher des frühen 20.Jahrhundert über das Verständnis von Öffentlichkeit geschrieben hat, verkürzt Bolz auf eine Aussage, die Dewey in seinen früheren Forschungen zur Pädagogik getroffen hat und die sich auf Verhalten von Schülern hinsichtlich der Erarbeitung ihrer eignen Identität bezieht. Absicht?

    Benjamin & Brecht

    Mit Walter Benjamin, übrigens ein Freund von Arendt, der vor den Nazis fliehen musste und sich in der Nacht vor der Auslieferung 1940 das Leben nahm, begeht Bolz das anmaßendsten Zitat seiner sogenannten “Argumentation”.
    Krypto-Emigration, ein Wort, das dieser in Diskussionen mit Brecht ausgehend vom kommunistischen Untergrund auf den jüdischen Exodus aus Europa bezogen hatte. Und zwar 1939, wenige Monate vor seinem Selbstmord, als er bereits auf der Flucht war! – Und aus diesem Zusammenhang setzt Bolz es neben seine sinnbefreite Wortschöpfung “digitale Selbstverteidigung.”

    Bei aller notwendigen Kritik an der Datenkrake Google ist dies für eine funktionierende Demokratie, die sich gerade in den Wehen ihrer informationellen Weiterentwicklung befinden, mehr als anmaßend. Wie immer, wenn Bolz sich bei linken Denkern bedient, pervertiert er deren Idee geschickt, oftmals bis ins Gegenteil. Nochmals im Klartext: Bolz setzt die spiessbürgerlichen Ansprüche an einen überdehnten Begriff von Privatheit den Angstäußerungen von linken Juden gleich, denen die Nazis auf den Fersen waren.

    Wenn das für dich, Stefan, eine gelungene, wenn auch verkürzte Argumentation sein soll, müssen wir glaube ich nochmals grundlegend an dein Verständnis von der heutigen Gesellschaft rangehen.

    Nichts haben also diese drei Personen damit am Hut, aber drei schöne Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen und mit einem schönen bildhaften Ende versehen (“Zaun” als Grenze) wirkt auf den Unbeholfenen wie eine Argumentationskette.

    Bleibt die Frage, was will Bolz mit dieser Schein-Argumentation erreichen. Das sehen wir, wenn wir dem Verlauf des Artikels zu seinem emotionalen Crescendo folgen:

    Welch’ billiger Vorwurf, ich, ausgerechnet ich, würde mich nur mit Meinungen, die der meinen entsprechen auseinandersetzen. Wenn du hier versuchen willst, mich zwischen den Zeilen herabzuwürdigen, dann musst du früher aufstehen.

    Wie verstehst also du Herrn Bolz? (akzeptieren wir mal für einen Moment die Illusion, er hätte argumentiert)

    “Das kollektive Verwerfen von Privatheit” – da haste ein paar schöne Worte ausgesucht. Verwerfen, das hört schon ja schon ganz negativ an. Und dann auch noch Privatheit, das ist ja quasi die moralische erweiterte Privatsphäre. Also personenbezogene Daten plus was der Einzelne noch sonst so ad absolutum für “seins” sprich für “privat” erklärt. “Du guckst mein Haus nicht an”, schreit die malträtierte Spiesserseele unverstanden in die digitale Echokammer (siehe Artikel Rheinische Post, 4 Rentner vor ihrem Haus) und fragt sich kurz darauf, warum sie jetzt mit Barbra Streisand verwechselt werden. Dieses Kollektiv ist wahrlich noch nicht bereit für das Digitale, hier gibt es noch viel Aufzuklären und zu Unterrichten. Dennoch ihre Häuserfassaden kommen ins Netz. Jetzt.

    Uuuund es wird noch besser, du schreibst “der Fragmentierte Umgang mit Inhalten”, da höre ich doch das Echo von Richard David Prechts Frage auf den letzten Münchner Medientagen: “Wo bleibt der soziale Kitt in Zeiten von Abermillionen Websites?”
    Ein berechtiger Punkt. Ich vertraue den Menschen zwar, dass sie auch in den digitalen Zeiten Wege entwickeln werden, um den großen und kleinen Buschfunk umzusetzen und des weiteren verweise ich auf meinen obigen Text über das notwendige Entwickeln von freigewählten Filtern.
    Aber vielleicht sind wir hier bei diesem scheinheiligen Besorgtsein über den sozialen Zusammenhalt auf den Kern der Panik vor dem gesellschaftlichen Kontrollverlust bei Bolz gestossen.

    Das nämlich geht Bolz so gegen den Strich: Alle dürfen jetzt über Filter nachdenken, sie sogar selbst gemeinsam entwickeln. Wie soll man denn da, um mit der Kanzlerin zu sprechen, noch die Übersicht behalten, in welche Kanäle man seine PR und Marketing durchseuchten Desinformationen streuen kann, damit Hanni und Nanni sich zwar aprilfrisch und frei FÜHLEN dürfen, aber doch bitte im Rahmen der Vorgaben funktionieren sollen. Bolz kotzt es an, dass die Kontrolle flöten geht. Bis zur Diskussionsebene um Echokammern kommt der garnicht, der macht vorher schon den geistigen Vorhang dicht.

    Der Mann bekommt sich garnicht mehr ein, dass in seiner Vorstellung irgendwelche dahergelaufenen Nerds im Web das Geschehen programmieren. Und das Muttertier Google sei also das Schlimmste von all denen, die da draußen filtern wollen. Man sollte sich, um zu verstehen, diese Passagen von Bolz nochmal unter diesem Blickwinkel zu Gemüte führen:

    Zitat Anfang
    ” Doch nicht die Massen beherrschen das Internet, sondern die Aktivisten. Das muss man im Auge behalten, wenn man verstehen will, wie sich heute das bürgerliche “Publikum” zersetzt. Früher war die Veröffentlichung das Nadelöhr für den Autor, heute ist es die Aufmerksamkeit. Das Motto des Web 2.0 lautet: erst publizieren, dann filtern. Deshalb werden die Gatekeeper, die eine Auswahl vor der Publikation treffen, zunehmend durch Navigatoren ersetzt, die eine Auswahl nach der Publikation ermöglichen.”
    Zitat Ende

    Und dann geht es weiter:

    Zitat Anfang
    ” Diese rigorose Ausschaltung vermittelnder Zwischeninstanzen führt ganz zwingend zur Herrschaft der Suchmaschinen. Und dieser Plural ist fast schon ein Euphemismus. Google kontrolliert den Flow.”
    Zitat Ende

    Es schreit hier ein Mensch, der es nicht ertragen kann, dass es die Möglichkeit gibt, dass Menschen sich ohne vorbestimmte “Gatekeeper” und “Zwischeninstanzen” informieren und organisieren lernen. Und um diese neue Unabhängigkeit zu unterminieren, wird sie verknüpft mit Google. Die berechtigte Kritik an Google wird in den Mündern der Analog-Vorgestrigen zu einer Abrechnung mit den Freiheitschancen des Web.

  22. Detlef Borchers |  01.09.2010 | 10:31 | permalink  

    @20 Mir gefällt der Begriff Echokammer nicht, weil er vollkommen falsch ist. Eine Echokammer wird in der Tontechnik gebaut/benutzt, um besonders schöne Hall-Effekte zu erzeugen. Es geht nur um das Nachhallen von Tönen. Nix Informationsverstärker, Informationskaskade, Gebrabbel Gleichgesinnter etc.

  23. Stefan Herwig |  01.09.2010 | 11:33 | permalink  

    @Jens Best:

    Dreh’ mal bitte wieder ein bisschen herunter. Die zahlreichen wertungen lassen dich hier leicht unsouverän erscheinen. “Sinnbefreite Wortschöpfung”, “mehr als anmaßend”, “Bolz pervertiert geschickt…” etc.. Ich sehe deine Echauffierung hier nicht gerechtfertigt.

    Bolz mag Benjamin in unangemessenen Kontext zitieren, aber dasselbe hast du bei Ahrend und Habermas auch getan. Mit Namedropping sollte sich nur derjenige schmücken, der die gemachten Äusserungen in einen sinnvollen Kontext setzen kann, und das ist sowohl Bolz auch auch Dir hier nicht gelungen.

    Besorgniserregend finde ich aber deine weiteren ideologisch höchst aufgeladenen Rückschlüsse die du machst. Es geht ihm wirkliuch um Kontrollverlust? Woraus liest du das? Dies ist dein Kernargument mit dem du seinen text abwertest, und du tust es nur, weil es mit deinen ideologischen Grundvorstellungen kollidiert. Dabei gibst du ihm in der Sache recht: Google ist eine Datenkrake, und das Internet muss an seinen Filtern arbeiten.

    Insofern gehen doch die Beteiligten in der Hauptsache schonmal konform. Weswegen also diese Frontenbildung, die du hier rethorisch vollkommen überladen ziehst?

    Du hast augenscheinlich stark idelologisch gefärbte vorstellungen, was das Netz informationstechnisch leisten soll:

    “Wie soll man denn da, um mit der Kanzlerin zu sprechen, noch die Übersicht behalten, in welche Kanäle man seine PR und Marketing durchseuchten Desinformationen streuen kann, damit Hanni und Nanni sich zwar aprilfrisch und frei FÜHLEN dürfen, aber doch bitte im Rahmen der Vorgaben funktionieren sollen. Bolz kotzt es an, dass die Kontrolle flöten geht.”

    Es ist DEINE ganz persönliche Meinung, dass es im Netz um die Dekonstruktion von angeblichen Propagandamechanismen gehen soll. Diese OPTION wird natürlich erhalten bleiben. Aber:

    “Ich vertraue den Menschen zwar, dass sie auch in den digitalen Zeiten Wege entwickeln werden, um den großen und kleinen Buschfunk umzusetzen.”

    Ich vertraue den Menschen da ehrlich gesagt garnicht. Im Gegenteil, ich sehe gerade, wie sich Informationen asymmetrisch durch das netz verbreiten, nur weil sie in die Agenda eine relativ kleinen Aktionsmehrheit passt, und ich sehe auch, dass Informationen, die nicht in diese Agenda passen verkürzt, verzerrt, polemisiert werden. So konstruiert sich eine alternative realität, die lediglich auf “Third Hand Informations” besteht. Und wenn diese Informationen kollektiv in die Gesellschaft zurücksickern, dann haben wir ein Desinformationsdimension gegen das sich die angebliche aktuelle Medienverzerrung ausnimmt, wie ein laues
    Lüftchen gegen einen permanenten Schwelbrand. Und DAS destabilisiert die Gesellschaft, unabhängig davon, welche ideologischen erwartungen wir nun an Informationsberiuchterstattung im Netz knüpfen.

    Und last not least: das letzte mal als in deutschland ein neuer Informationskanal in den Händfen einer Interessensgruppe befand ist was ganz Schlimmes passiert. Damit will ich nicht sagen, dass uns ein neues Drittes Reich bevorsteht, sondern will lediglich skizzieren, welche gesellschaftlichen Kräfte frei werden können, wenn Informationskanäle aus dem Ruder laufen.

    SH

  24. Stefan Herwig |  01.09.2010 | 11:34 | permalink  

    @22.Detlef Borchers

    Also aus der tontechnik komend ist Echokammer anders besetzt, aber nochmal: das reicht nicht, um den Text abzuwerten. Schlagen Sie doch eine bessere Vokabel vor.

    SH

  25. Marcel Weiss |  01.09.2010 | 11:52 | permalink  

    @Stefan Herwig
    ” Ich warte immer nnoch auf sinnvolle Gegenargumente, die sich nicht auf Buzzwordichte, oder Echokammern oder “ad hominem” Klassifizierungen beschränken.”

    Und da dachte ich, die hätte ich im Artikel geliefert.

  26. Ulrike Langer |  01.09.2010 | 12:07 | permalink  

    @Stefan Herwig

    Was soll schlecht daran sein, dass hier bei Carta über den Text und Marcel Weiss (wie ich finde sehr zutreffende und gut formulierte) Analyse diskutiert wird? Hier gibt es wenigstens eine Debatte, und die ist kontrovers und anregend. Offenbar ist es nicht nur ein Randphänomen einer im Bolzschen Sinne fragmentierten Nischengruppe, hier bei Carta zu kommentieren. Wo ist denn die Debatte bei Süddeutsche.de? Sie existiert nicht. Der Originalbeitrag hat bis heute nur einen einzigen Kommentar bekommen.

  27. Stefan Herwig |  01.09.2010 | 12:25 | permalink  

    @Ulrike Langer:

    Die diskussion über den Text an sich ist doch gar nicht abzulehnen, das habe ich auch nicht getan.. Befremdend finde ich nur die Argumente, die (zumindest in den Kommetarzeilen) dafür herhalten müssen: Ad Hominem, Buzzworddichte, Vokabularkritik reichen doch nicht wirklich, um einen Text qualifiziert zu reflektieren. Und ja, kontroverse Diskussionen sind gut, aber nur wenn sie auch argumentativ reflektiert sind und nicht polemieiserend. Ich befürchte, der Thread läuft aber gerade in eine unkonstruktive Richtung.

    Gut dagegen der Hinweis auf die Diskussionsfrequenz auf der Südeutschen verglichen mit Carta. Das mag aber auch daran liegen, dass die Süddeustche Kommentare über ihre Artikel nach 19 Uhr unmöglich macht. Wann glauben die denn, dass man ihre Artikel liest´und ausnehmend kommentiert?

    @Marcel Weiss:
    Richtiger Hinweis, dein Text wird hier kaum diskutiert. Er widmet sich aber nur dem informationsasymmetrischen Anteil, und nicht dem Gesamttext. du greifst also nur einen Teilaspekt heraus. Sollte ich heute abend Zeit dazu haben, werde ich nochmal etwas dazu schreiben. Kann es aber nicht versprechen, da Termine.

    SH

  28. Jens Best |  01.09.2010 | 12:43 | permalink  

    Ach Stefan, jetzt enttäuscht du mich aber. Wenn du nicht die Muse hast angemessen auf meine Antwort einzugehen, dann warte doch ein wenig mit dem Reply. Wir haben doch hier keine Deadline für die Kommentare.

    Arendt schreibt sehr viel über das Verständnis von privat und öffentlich, oder wie es bei ihr heißt “Gesellschaftlicher Raum”. Ich empfehle zum (Wieder)Einstieg “Vita Activa”

    Dass Bolz das Namedropping nur benutzt, um gegenüber der Leserschaft als total bewandert auszusehen, wurde glaube ich durch meine inhaltlichen Erläuterungen zu Dewey, Benjamin und Brecht deutlich. Ein Professor muss halt schon sehr professoral rüberkommen in der Medienwelt. Kompetenz und Sinnhafter Bezug der “Argumente” ist da zweitrangig.

    Und im zweiten Teil meiner Antwort führe ich aus, was diejenigen die machtvoll (aber unkundig) gegen das Web anschreiben, im Inneren bewegt – es ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Es ist die Angst, dass die freien Tools des Web falsch verwendet werden.

    Das kann sogar durchaus ein ehrenwerter Gedanke sein, denn schließlich haben wir, wie du anführst, genug Medienmissbrauch erlebt, es seien nur genannt Hitler, Berlusconi, die RTL-Gruppe etc.pp. Selbst im Kleinen bestimmen Verleger und Chefredakteure die “Richtung” ihres Mediums, indem sie bewusst in die Berichterstattung eingreifen und so mundgerecht aber verfälscht über alles mögliche berichten. So ist es halt, aber so muss es nicht sein.

    “Die Freie Presse ist frei vor den, der sie besitzt”, ich weiss gerade garnicht wer dies zuerst öffentlich festgestellt hat, aber ich denke, darüber sind wir uns hier alle im Klaren. Kontrolle von Öffentlichkeit kann also der Vermeidung von Grausligem dienen, aber es dient auch zu Kontrolle der Menschen. Das Web vernichtet diese Kontrollmöglichkeit, und ich denke du wie ich kennen genügend Leute, denen das richtig gegen den Strich geht.

    Und deswegen benutzen diese Kräfte jeden Anlass um gegen Google und die angstfreie Benutzung des Web vorzugehen. Wenn es im Falle von streetview z.B. keine Diskussion gegeben hätte und irgendwann hätte mal in Heise gestanden, dass 3700 Menschen still und leise ihr Haus haben pixeln lassen, dann hätte wahrscheinlich jeder, ich inklusive, gedacht, okay ein paar Nachzügler gibt’s immer, ein paar deren Ängste so tief liegen, dass sie keine Chance haben dagegen anzugehen.

    Aber es geht doch darum, dass dieses Angstpotential genutzt wurde von der Politik und anderen Feinden von Google/freiem Web, um die wenig online-affine Bevölkerung gegen die Einbindung des Web in ihren Lebensalltag anzustacheln. Funktioniert ja auch gut, Big Brother ist ein eingeführtes Wort, historisch (WKII, Stasi, Volkszählung) hat der Deutsche generell ein vorgeprägtes Angstmem gegen Datenverbindung im Kopf.

    Nicht das Web ist das Problem, sondern das aktuelle System, das den Menschen nicht genug in der verantwortungsvollen Anwendung von Information fördert und fordert. Da habe ich vielleicht ein zu idealistisches Menschenbild. Aber hej, mit irgendeinem Anspruch muss man schon an zu große Aufgaben rangehen.

  29. Sven Grammes |  01.09.2010 | 18:22 | permalink  

    Hier ein Text, der Google auch sehr kritisch sieht, den ich aber ernst nehmen kann. Denn im Gegensatz zu Bolz´ argumentiert (!) Gibson nachvollziehbar und unaufgeregt; darüber hinaus bietet er sogar Handlungsvorschläge, um mit dem “Monstrum” Google in Zukunft umzugehen und die “Allwissenheit” beherrschbar zu machen: “(…) perhaps the company should issue children with free “training wheels” identities at birth, terminating at the age of majority. One could then either opt to connect one’s adult identity to one’s childhood identity, or not.” (http://www.nytimes.com/2010/09/01/opinion/01gibson.html?_r=2&ref=opinion)

    Zudem möchte ich anmerken, dass ich es müßig finde, diese Diskussion mit Hilfe der Theorien von Dewey, Arendt, Benjamin et al. zu führen, sie zeitweise mit dem 3. Reich zu vergleichen und daraus Rückschlüsse auf eine Gesellschaft zu ziehen, die keine Referenz zu irgendeiner anderen besitzt. Gerade ihre Singularität macht sie ja so diskussionswürdig (im besten Sinne!). Der Vergleich mit entweder linken, rechten oder bürgerlichen Gedanken erübrigt sich – hier verliert sich jede Diskussion in Selbstreferenzialität; egal von welcher Seite sie begonnen wird.

    Als Anstoßpunkt möchte ich an dieser Stelle Manuel Castells und Bruno Latour einbringen, die sich weitaus aktueller, und ebenso profund wie die sogenannten “Klassiker”, mit den zeitgenössischen sozialen Veränderungen durch Internet und Technik auseinandersetzen.

  30. Stefan Herwig |  02.09.2010 | 13:30 | permalink  

    @Sven Grammes:

    “Zudem möchte ich anmerken, dass ich es müßig finde, diese Diskussion mit Hilfe der Theorien von Dewey, Arendt, Benjamin et al. zu führen, sie zeitweise mit dem 3. Reich zu vergleichen und daraus Rückschlüsse auf eine Gesellschaft zu ziehen, die keine Referenz zu irgendeiner anderen besitzt. Gerade ihre Singularität macht sie ja so diskussionswürdig (im besten Sinne!). Der Vergleich mit entweder linken, rechten oder bürgerlichen Gedanken erübrigt sich – hier verliert sich jede Diskussion in Selbstreferenzialität; egal von welcher Seite sie begonnen wird.”

    D’accord! Stimme zu.

    @Jens Best:
    “Ach Stefan, jetzt enttäuscht du mich aber. Wenn du nicht die Muse hast angemessen auf meine Antwort einzugehen, dann warte doch ein wenig mit dem Reply. Wir haben doch hier keine Deadline für die Kommentare.”

    Ach Jens, es würde deinen Kommentaren und der Diskussion gut tun, wenn sie nicht oftmals mit väterlich herablassenden Wertungen eingeleitet würden.

    “Ein Professor muss halt schon sehr professoral rüberkommen in der Medienwelt. Kompetenz und Sinnhafter Bezug der “Argumente” ist da zweitrangig.”

    Das scheint für die “digitalen Citoyens” auch ein gangbarer Weg zu sein.

    “Und im zweiten Teil meiner Antwort führe ich aus, was diejenigen die machtvoll (aber unkundig) gegen das Web anschreiben, im Inneren bewegt – es ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Es ist die Angst, dass die freien Tools des Web falsch verwendet werden.”

    Du führst es nicht aus, du UNTERSTELLST einfach, dass die Kritik an Google und die Warnung vor dem Verlust der Privatheit im Netz lediglich vorgeschoben sind für einen angeblichen Kontrollverlust der klassischen Medien (denen Bolz üpbrigens nicht angehört). Das ist weder wissenschaftlich, sondern deine REINE MEINUNG, die noch komplett unbelegt daherkommt. Woran manifestiert sich die angebliche Angst vor dem Kontrollverlust? Lediglich daran, dass Bolz Google kritisiert? Im Umkehrschluss hieße dieses, dass jede mediale Kritik an Google also einem Kontrollverlust geschuldet sei, und dies wäre dann ein Totschlagsargument par excellence. für den Beleg deiner Behauptung wären Argumente notwendig gewesen.

    Um nun mal wieder die Ebene DEINER Interpretation zu verlassen, und wieder am Originaltext zu arbeiten:

    Bolz stellt fest, dass die Kritik und der Aktivisimus gegen Google Street View die Bürgerliche Reaktion auf ein kommerziell intendiertes Datamining ist. Der Bürger hat das Recht zu sagen: “Bis hierhin und nicht weiter!” Er hat das Recht, jederzeit blickdichte Vorhänge vor seine Fenster zu hängen, sowie Hecken und Zäune zu pflanzen, wenn er nicht möchte, dass Leute seinen Kindern beim Spielen Im Garten zuschauen, seiner Gatting beim Sonnenbaden oder wissen wollen, welches TV Programm er denn nach 23 Uhr schaut.

    Google Street View nimmt ihm dieses Recht, und zwar nicht aufgrund irgendienes Gutmenschentums oder einer Förderung von Tourismusaktivitäten (Wie von google freecherweise behauptet) , sondern aufgrund von rein kommerziellen Interessen. Und hier nochmal das Argument, welches bisher alle Leute übersehen (auch Bolz):

    Haben wir verstanden, was passiert, wenn Google unsere Clickarbeiterinformationen mit unseren Geodaten hausnummerngenau verknüpft? Glaubst du es war ein Versehen, dass die Street View Autos parallel W-lan Mapping betrieben haben, sowie den W-lan Verkehr mitgeschnitten haben? Ein harmloser Jux von Google-Praktikanten? Ein technsiches experiment?

    Nein, wenn wir die Google Nutzerinformationen den Geodaten des Nutzers zuordnen, dann haben wir eine neue Dimension des “Targeted Advertising” ermöglicht: “In diesem Stadtteil suchen gerade 200 Leute einen neuen Kleinwagen, 614 suchen gerade eine Seitensprunggelegenheit und 139 leiden an einer Geschlechtskrankheit.”

    Die ermöglicht eine neue Dimension des Targeted advertising die weit über reine Netzwerbung hinausgeht, sondern zurückscheint in die physische Welt. Heute noch auf Friendscout24 gesurft, morgen schon die Partnervermittlungsagenturwerbung im Briefkasten.

    Hast du dass verstanden? Denn ich glaube du hast es nicht….

    Nahezu jede Firma auf der Welt dürfte Google Street View betreiben – nur nicht Google. Weil sie die Informationen auf eine Art und weise mit Geodaten verknüpfen können wie niemand sonst auf der Welt. Schöne, neue targeted Advertsing Welt.

    Stefan

  31. Jens Best |  02.09.2010 | 13:58 | permalink  

    Die Kritik an Google ist teilweise genauso so angebracht wie total überzogen. Aber darum ging es mir nicht.

    Bolz arbeitet sich in den von mir in Kommentar #21 zitierenden Stellen an den “Aktivisten” ab, die seiner Meinung nach das “Bürgerliche” zersetzen. Warum?

    Weil die alte Kontrolle, was in die Öffentlichkeit gelangt durch altherrschaftliche “Veröffentlichungsfilter” ausgeführt wurde. Jetzt geht es um “Aufmerksamkeitsfilter” nach der Veröffentlichung. Da dreht sich Bolz der Magen um. Tja.

    Wie ich bereits oben (#18, Ende) kurz ausführte, steht die Netzentwicklung aktuell vor der wichtigen Aufgabe, die freien Filtertechniken weiterzuentwickeln. Aktuelle Erfahrungen z.B. bei wikipedia zeigen Grenzen der Basisidee auf, nun muss der crowd-sourcing Prozess optimiert sowie größere Bevölkerungskreise zur positiven Mediennutzung befähigt werden.

    Bolz ist diese Entwicklung zuwider, das merkt man an seiner Wortwahl. Und deswegen ist es nichts weiter als ideologisch geprägte Taktik die web-erfahrenen Bürger (“Aktivisten” in Bolzscher Sichtweise) in einen Sack mit Google zu stecken und schön kräftig draufzuhauen.

    Du siehst also, Stefan, es ist keine Unterstellung, wenn ich Bolz eine feindliche Haltung gegenüber dem freien Web attestiere. Es ist halt einfach nicht sein Menschenbild, ich bin da auch garnicht böse auf ihn. Ich halte es da mit den Fraggles – http://www.youtube.com/watch?v=WNoicUQ78GQ#t=0m10s -
    Aber ich werde nicht dulden, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird (siehe dazu auch #18 Ende)

  32. André Rebentisch |  02.09.2010 | 14:28 | permalink  

    Ich dachte die Fragmentierungssorgen stammen von Habermas? Bei ihm hat mich das schon nicht überzeugt. Menschen brauchen Provinz.

  33. Stefan Herwig |  02.09.2010 | 23:13 | permalink  

    @Jens Best:

    Ich zitiere mal deinen Absatz aus Kommentar#21:

    “Es schreit hier ein Mensch, der es nicht ertragen kann, dass es die Möglichkeit gibt, dass Menschen sich ohne vorbestimmte “Gatekeeper” und “Zwischeninstanzen” informieren und organisieren lernen. Und um diese neue Unabhängigkeit zu unterminieren, wird sie verknüpft mit Google. Die berechtigte Kritik an Google wird in den Mündern der Analog-Vorgestrigen zu einer Abrechnung mit den Freiheitschancen des Web.”

    Ehrlich gesagt lese ich das aus dem Text von Bolz und auch aus den von dir gewählten Zitaten nicht heraus. Die Frage von Bolz ist, welche Texte nach welchem Muster den Rezipienten erreichen. Vorher gab es einen redkationellen Zwischenfilter. Anstelle des redaktionellen Zwischenfilters tritt jetzt ein Suchalgorhythmus. Der suchalgorythmus sagt in aller Einfachheit: Popularität = Relevanz. Je höher die Popularität eines Textes desto höher seine Relevanz in der wahrnehmung. Das wird noch durch die Diggs, die Retweets und die “i like’s” erneut verstärkt.

    Ist das für einen Nachrichtenraum wirklich ein guter Filter, wenn es um neutrale Informationsvermittlung geht? Nein, es erzeugt eine asymmetrische Verbreitung von Information, bestimmte Nachrichten werden aufgeblasen, andere abgeschwächt, und zwar unabhängig von Ihrer tatsächlichen Relevanz für den Leser. Das Pagerank Tuning nimmt einen systemischen Einfluss auf die inhalte, der m.E. warscheinlich fataler ist als der redaktionelle Filter der bisherigen Medien.

    Das hat nichts mit Kontrollverlust zu tun, wenn man anmerkt, das der neue Filter womöglich schlechter sein könnte als der alte. Und dass der neue filter auch voin einer Interessensgeleiteten Instanz kommt.

    Und nochmal, da will niemand freie Rede oder selbstgeschriebene Texte im Netz verbieten oder schlecht machen. Das interpretierst nur du in seinen Text hinein. Über die Motive kann man nur spekulieren.

    Die systemische Struktur die durch diese Suchmaschinenalgorythmen entsteht sollte besser beleuchtet werden. Und man muss sich immer klar machen, dass das Fehlen des redaktionellen Filters nicht nur positive Auswirkungen hat, sondern auch negative.

    Ich habe oben schonmal angemerkt, dass ich es problematisch finde, dass hier “über” Leute geschrieben wird, ohne den Beschriebenen darüber zu informieren. Ich finde auch eine fehlende Trennung von Meldung und Kommentar in Texten nicht gut. Hier findet die Wertung schon in der Titelzeile des Artikels statt, noch bevor darauf verlinkt wird. Im Schulunterricht hatte uns unser Deutschlehrer vor genau diesen Medien gewarnt.

    Wir lassen im Netz essentielle journalistische Standards fallen, die jahrelang seriöse Medien definiert haben. Das in Kombination mit dem Wegfall eines allgemeinen redaktionellen Filters, UND einer möglichen systemischen Verzerrung des ZUGANGS auf Inhalte sollte man ernst nehmen, und nicht mit Unterstellung eines angeblichen Kontrollverlusts totschlagen.

    SH

  34. cervo |  05.09.2010 | 07:24 | permalink  

    Ich stimme Jens Best in seiner Argumentation 100% zu.

  35. Medial Digital» Journalismus Neu Social Web » Die Debattenkultur bei Zeit Online und Sueddeutsche.de – ein Vergleich |  15.09.2010 | 22:40 | permalink  

    [...] sondern ganz woanders, wo die Debattenkultur hochgehalten wird. Ein Beispiel: Unter dem Beitrag “Unbegründet: Norbert Bolz’ Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung” von Marcel Weiss bei Carta entspann sich ab dem 30.8.2010 eine angeregte Diskussion (wobei 34 [...]

  36. Monika Scheele Knight |  16.09.2010 | 10:29 | permalink  

    Ein sehr interessanter Artikel! Ich bin gerade erst durch die Analyse bei „medial digital“ darauf gestoßen. Ich finde die Argumentation von Norbert Bolz auch nicht überzeugend, glaube aber, dass er trotzdem mehr Recht haben könnte, als mir und vielen anderen Netzaffinen lieb ist. Um mal von den abstrakten und theoretischen Überlegungen zu ‘Konformität versus Diversität’ und ‘Gemeinschaft versus Fragmentierung’ zu einem ganz konkreten Beispiel zu kommen: ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Minderheitenthema Behinderungen und Internet. Das Positive liegt auf der Hand: im Internet können Menschen mit Behinderungen auf einfachere Weise denn je zuvor ihre Anliegen kommunizieren und potentiell weltweit Resonanz finden. Foren, Weblogs und Communities verschiedenster Behinderungen und chronischer Erkrankungen sind ein lebhaftes Zeugnis des Informationsaustausches, und auch der Überwindung von Einsamkeit und Isolation.

    Allerdings bewegt sich die Interessensgruppe tatsächlich in einem eigenen Raum, der kaum jemals von Menschen betreten wird, die nichts mit Behinderungen zu tun haben. Das Argument der Durchlässigkeit, das sicherlich auf ganz, ganz viele Themen zutrifft (gerade Technik, Musik, Wirtschaft) greift bei „wirklichen“ Minderheiten leider kaum bis gar nicht. Menschen mit Behinderung sind in der virtuellen Welt genauso randständig wie in der wirklichen.

    Und hier ergibt sich die eigentliche Gefahr: bisher waren diese Minderheiten randständig, aber ihre Interessen wurden vertreten und berücksichtigt – eben durch etablierte gesellschaftliche Mechanismen, die bei Bolz vielleicht unglücklicherweise „bürgerlich“ heißen. Es gibt Verbände und Gremien, wichtige Vertreter der Interessen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen. (Vom Journalismus will ich mal nicht reden, denn die Gatekeeper der Medien lassen das Thema genauso wenig durch wie das Internet, da nehmen sich diese beiden Opponenten nichts.) Den Gremien und Verbänden aber geht der Nachwuchs aus. Da sitzen meist Männer und Frauen im Rentenalter, die nächste Generation kommt nicht mehr nach – u..a. auch, weil sie ins Internet abgewandert ist. Im Internet aber werden keine Entscheidungen getroffen und das Internet hat keine Mechanismen, die dafür sorgen würden, dass diese Gruppe von Menschen zumindest prozentual gemäß ihres Vorkommens (2009 waren laut Zahlen des Statistischen Bundesamts in Deutschland 8,7% der Bevölkerung schwerbehindert) berücksichtigt und inkludiert wird. Die tatsächliche Interessensvertretung wird immer geringer.

    Während sie früher ein vielleicht abgeschobener, aber immerhin noch durch Institutionen notgedrungen wahrgenommener Teil der Gesellschaft waren, verschwinden die Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen nach der Abwanderung ins Internet endgültig von der Bildfläche einer breiteren Wahrnehmung. Die Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung ist nicht völlig unbegründet (auch wenn sie mir nach Bolz’ Argumentation auch nicht einleuchtet, aber darum habe ich ja so einen langen Kommentar geschrieben).

    Das Internet ist am Ende vielleicht leider doch mehr ‚Konformitätspumpe’ als ‚Diversitätsmaschine’, um Ronnie Vuine zu zitieren.

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