Robin Meyer-Lucht | 49 Kommentar(e)
Mathias Greffrath findet in der taz, dass die neuen Öffentlichkeiten des Internets die Gesellschaft wie ein Urknall zersplittern, eine “gemeinsame Erfahrungswelt” und “Zwangskultivierung” jedoch das eigentlich Erstrebenswerte sei. Vom merkwürdigen Verständnis der “bürgerlichen Öffentlichkeit”.
21.07.2010 |
Bei Mathias Greffrath (Jahrgang ’45, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac) kann man heute in der taz noch einmal nachlesen, wieso ein strukturkonservativer Teil der Linken ein so großes Problem mit dem Internet hat: Sie wünscht sich ihre alte Öffentlichkeit zurück.
Das alte Mediensystem, in dem es nur wenige (TV-)Sender gegeben habe, sei nämlich, so Greffrath, “demokratietheoretisch ein Segen” gewesen:
Da alle dasselbe hörten, wenn sie am Radioknopf drehten, synchronisierten sie sich ihre Erfahrungswelten. Jeder, der sich zuschaltete, nahm, ob er wollte oder nicht, an der pluralen Kultur dieses Landes teil: Bertolt Brecht und Willy Millowitsch, Heinz Erhardt und Hans Magnus Enzensberger, die “Welt der Arbeit” und der Operettenzauber. Die Nachrichten waren für alle dieselben, und in den ersten Fernsehjahren konnte man noch Hamlet zur Primetime im Ersten sehen.
Wenn also alle – ob sie wollen oder nicht – dasselbe schauen müssen, dann ist das laut Greffrath gut für die Demokratie. Wo Helmut Schmidt das Privatfernsehen schon für ”gefährlicher als Kernenergie” hielt, hat sich nach Greffrath durch das Internet alles noch weiter verschlimmert:
Seit wir die mediale Vielfalt haben, sind die Erfahrungswelten getrennter – und einfältiger – geworden. [...] Bedenklicher noch als der “Kulturverfall” ist die Zersplitterung der Diskurse in einer Gesellschaft
Greffrath möchte also am liebsten zurück zur 68er Öffentlichkeit von Bild, FAZ und – später – taz.
Das Ideal der “bürgerlichen Öffentlichkeit” entlarvt sich in Greffraths Kolumnen-Traktat grandios selbst als Sprechmechanismus für bürgerliche Eliten. “Gute Öffentlichkeit” herrscht demnach vor, wenn wohlgeordnete Institutionen dafür sorgen, dass wenige Köpfe und Leitmedien den Diskurs bestimmen. Der Diskurs soll damit gerade nicht offen für jeden, jedes Argument und jedes Ergebnis sein, sodern hierarchisch, hermetisch, vorhersehbar.
Auf diese Weise soll “die Fähigkeit zu intelligentem Streit und Konsens” hergestellt werden. Bürgerliche Öffentlichkeit besteht demnach folglich auf einer Diskursökonomie der Verknappung und der elitär festgelegten Regeln.
Von Greffrath wird eine Öffentlichkeit herbeigesehnt, die von Großjournalisten und anderen Philosophenkönigen dominiert wird. Eine Sprechakthygiene für den öffentlichen Raum zugunsten eines medialen Adels. Ein von paternalistischen Institutionen durchsetztes Diskurshegemoniesystem.
Die Souveränität des Publikums bei der Auswahl seiner Inhalte sowie ein zu großer Wettbewerb der Inhalte wird als öffentlichkeits- und diskurszersetzend wahrgenommen.
Die merkwürdige neue Debatte um Parteiendemokratie vs. Volksabstimmung findet hier ihr mediales Spiegelbild: Greffrath fordert strukturierende, einschränkende Institutionen statt breit gestreuter, nichthierarchischer Öffentlichkeiten. Sei es bei Volksabstimmungen oder im medialen Raum – dem souveränen Subjek wird erheblich misstraut.
Statt sich zu überlegen, wie linksliberale Positionen in einer neuen Öffentlichkeit Legitimität erwerben können, fordert Greffrath die alte Öffentlichkeit zurück, in der sich seine Positionen in einem sicheren Kokon (“Gefäß des gemeinsamen Denkens”) durch die Aufmerksamkeitsökonomie bewegen.
Derartige Positionen sind antiaufklärerisch, antimodernistisch und antidemokratisch. Yochai Benkler ist in “The Wealth of Networks” längst weiter, indem er erklärt, dass das Internet mit seiner dezentralen Publizität das viel bessere Medium für den politischen Diskurs ist – und hier letztlich neue, sehr wertvolle Institutionen entstehen.
So, jetzt bin ich aber mal auf die Diskussion gespannt:




[...] This post was mentioned on Twitter by Carta, korbinian polk, Sebastian K., David, Carta and others. Carta said: Die Öffentlichkeit des Internets: Gefährlicher als Kernenergie? http://goo.gl/fb/5unrZ [...]
ja mei, aber das ist ja erkennbar gar keine politische argumentation, über die man diskutieren könnte, sondern reine nostalgie. sehnsucht nach der guten alten zeit, als greffrath noch jung war. so etwas wird dann zwangsläufig reaktionär.
Da kann ich nur zustimmen.
Der Wunsch und die Sehnsucht in Teilen der deutschen Linken nach einem Kultur- und Gesellschaftsbegriff, der holistisch ist und an Homogenität orientiert ist, der kann nur verwundern. Wenn man aber in Betracht zieht, wer sehr z.B. Jürgen Habermas sich an Hans-Georg Gadamer orientiert und diesen Hegelianismus – Gadamer selbst nannte seinen liberal -, der im Grunde auch von einem Primat an Sinn über dem Ganzen ausgeht, dann entsteht ein schlüssiges Bild. Warum haben die intellektuellen Teile der deutschen Linken, die über einige ihrer bundesdeutschen Leitfiguren so stark von Heidegger beeinflusst sind, noch nicht neuere, noch stärker an Differenz und Heterogenität orienierte Ansätze in Philosophie, Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Kulturwissenschaften rezipiert? Poststrukturalismus, Judith Butler, Levinas und Derrida wären zu nennen. Sogar auf den liberalen Ernst Cassirer muss man verweisen, der auch die Heterogenität schätzte, ganz wie es die viel zitierten “postmodernen” Denker tun. Wieso diese eigentlich sehr deutsche Sehnsucht nach Homogenität und Struktur? Wird die eigene Haltung zugetraut?
Denn wie Geffrath ausführt: “Dem Ideal einer ‘bürgerlichen Öffentlichkeit’ folgt das schon lange nicht mehr. Diese, so kürzlich noch einmal Jürgen Habermas, braucht Leitmedien, in denen die wichtigen Fragen der Nation ‘zu Problemstellungen verarbeitet und mit begründeten Stellungnahmen zu konkurrierenden öffentlichen Meinungen gebündelt” werden.’, dann ist festzuhalten, dass sich Habermas am 18. Jahrhundert orientiert hat und von “literarischen Öffentlichkeiten” sprach. Das wird heute in China genaustens rezipiert nach allem was man hört.
Wo Geffrath eine “Zersplitterung” sieht, die er empirisch nicht belegt, wäre doch die Diagnose einer “Aufsplitterung” viel gerechter. D.h. es gibt einfach Differenzierung. Wieso orientiert sich Gefrath, der mit einer Monographie über Montaigne hervorgetreten ist, weiter an einer von Massenmedien geprägten “Gesellschaft”?
Verstören muss auch, dass die Kultur herhalten muss, um Unterschichten zu erkären? Wo ist der Materialismus bei dieser idealistischen Vergeistlichung? Verstören muss dieser hegelianische Verweis auf Alternativlosigkeit. Mit Adorno wäre an die Spannung von Freiheit und Notwendigkeit zu erinnern.
Fremdeln diese Linken, die hier in der Sache wie Geffrath fühlen und denken, mit der Masse? Die Masse löst sich medial durch Vielfalt an Kommunikation doch auf. Möchte man eigentlich endlich die eigenen Kulturgüter wie ein Fühlhorn weit streuen und verbreiten, da es jetzt technisch möglich wäre? Werden hier nicht Erinnerungen an eigene Erlebnisse von geistiger Erweckung und seelischem und sozialem Aufstieg melancholisch reanimiert? Hat man Angst, es würde etwas wertvolles geschichtsphilosophisch gleichsam aufgehoben, in dem es ad acta gelegt wird ohne aufbewahrt zu werden?
Es braucht “offene Situationen”, offene Strukturen, damit eine spontane “Lichtung” entstehen und geschehen kann. Verstehen und Geschehen hängt zusammen, wie Gadamer erinnerte. Und eine feste, vertikal gegliederte Struktur zu fordern, das ist geschichtsphilosophisch überholt. Folgt Geffrath nicht fakisch konservativen Kulturkritikern vom Schlage eines Arnold Gehlen oder letztlich auch Adorno, wenn er vielleicht sogar mit Heidegger implizit Technik kritisch sieht und gleichzeitig sich der einseitigen Diagnose der pessimistischen anderen vom “Erfahrungsverlust” anschließt? Derrida hat das Konzept der “Struktur”, die ein Zentrum hat, im Sinne von Heidegger einer Destruktion unterzogen. Richard Rorty hat schon Anfang der 90er Jahre für eine “Kultur ohne Zentrum” plädiert. Passt den die alte Kritik an der Industriegesellschaft auf die Fragen der Gegenwart? War früher nicht Kultur eine Antwort auf die Industriegesellschaft, während diese Antwort aktuell die neuen Fragen gar nicht versteht? Dafür wird fleißig an alten Autoritäten und ihren Argumenten festgehalten und einst vermeintlich erkämpftes verteidigt.
Wieso schließt sich Geffrath Alexander Kluges Formulierung vom “Gefäß” an, die reichlich kabbalistisch klingt? Das Wort “Senderflut” klingt fasst nach Sinflut. Das Internet ist doch nicht der in der späten Kabbala beklagte “Bruch der Gefäße”. Sammeln sich nicht im Gegenteil im Internet die Lichtfunken wieder? Entfalteten sich im Internet Logos und Vernunft nicht frei? Welche Schönheit fehlt, dass ihr Mangel begklagt wird? Setzt Geffrath mit Walter Benjamin auf die Aura des Kunstwerkes?
Logos hängt mit lesen und auslesen zusammen, mit sammeln und aussortieren, wie die von Heidegger betriebene “Exegese” verdeutlich. Und auch Jürgen Habermas schloss sich in “Faktizität und Geltung” (1992) dieser Wertschätzung des Sortierens als Teil von Deliberation und Parlamentarismus an. Hier ist anzuknüpfen, am Habermas von 1992 und nicht am Habermas von 1962 in “Strukturwandel der Öffentlichketi”, der sich mitunter geschmeidig an Carl Schmitt anlehnte. U.a. mit Haralod Bloom und anderen wäre an die Differenz zwischen dem altgriechischem “logos” und dessen impliziten Harmonielehre und dem alten hebräischem “dawar” zu erinneren. Diese Konzeption von Sprache und Geist ist nicht harmonisch wie die der alten Griechen. Es setzt mehr auf ein Hinaustreiben als auf ein harmonisches Gleichgewicht und Wohlgeordnetheit, die für “logos” typisch ist. Es wäre spannend, ob David Gelernter hierzu etwas zu sagt.
In den alten Öffentlichkeiten vergangener Jahrhunderte mangelte es noch an Alphabetisierung. Alte Gelehrterepubliken und hermetische Geheimgesellschaft (Koselleck “Kritik und Krise”) sind heute fern ab vom Schuss als Treibmittel bürgerlicher Gesellschaft. Die Berliner Republik sollte alten Hegelianismus und Marxismus ablegen und sich lieber am Geist von Friedrich Schleiermacher orientieren, dem großen liberalen protestantischen Theologen und Übertrager von Platon ins Deutsche, den Habermas 1962 in seiner Habilitation bemerkenswert beschwieg. Bürgerlichkeit und Öffentlichkeit waren bereits dessen Ideen. Die damalige Berliner Salonkultur hatte Maßstäbe gesetzt und die “Theorie des geselligen Betragens” von Schleiermacher markiert gültige Ideen. Bürgerlichkeit bedeutet freie Assoziation und nicht gehorsam ins Glied einzurücken. Mit dem Internet entstehen die aufgeweckten Zwischenräume, die es heute wirklich braucht.
Nicht nur die Link denkt so:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Merkel-Das-Web-macht-es-der-Politik-schwerer-1042655.html
> Nicht nur die Link(e) denkt so
(Typos sind grausam)
Ehrlich gesagt: ich bin ja auch in den 70ern aufgewachsen, aber von Berthold Brecht und Hans Magnus Enzensberger hab ich im Fernsehen nichts mitbekommen. Da war mehr Millowitsch, Heinz Erhardt und Operettenzauber angesagt. Ich würde aber nicht sagen, dass ich im Unterschichtenmilieu aufgewachsen bin.
Der alte Herr lebt anscheinend in einer anderen Realität. Die gab es schon immer, auch vor dem Privatfernsehen, vor dem Internet. Dass mangels Angebot auch das eine oder andere schlichte Gemüt damals was von “gehobenen” Medienangeboten mitbekommen hat, war sicher nicht schlecht, aber auch nicht weltbewegend. Trotzdem würde ich sagen: Ja, für unsere junge Demokratie war es gut, dass es nur Öffentlichrechliche gab – aber irgendwann muss auch die Demokratie erwachsen werden.
Nicht dass ich gegen die Öffentlichrechlichen bin. Im Fernsehen und Rundfunk haben sie noch ihre Berechtigung – und damit auch mit Film- und Tonangeboten im Internet.
Wer aber denkt wie Mathias Greffrath, wer der alten Zeit nachtrauert und “heute kann man nur noch Dämme einbauen” trauernd bekundet, der sollte seine Meinung lieber zu Hause beim Kaffee im Garten kundtun. Er tut den Öffentlichrechtlichen keinen Gefallen, Der will nur Recht haben.
wer sich den umgang des menschen mit medien und somit auch dem internet anschaut, der wird schnell feststellen, dass der ruf nach zentralität und somit einheitlichkeit sehr groß ist. es gibt da ein fundamentales verlangen. carta selbst lebt ja davon oder versucht es zumindest.
wesentlich spannender wäre die frage, ob das internet der menschlichen angewohnt der realitätskonstruierung entgegenwirkt… oder ob es sie durch seine dezentralität nicht gar noch dadurch befeuert, dass jeder sich genau das aussucht, was er lesen und hören will.
mfg
mh
@mh: Ich denke die Frage, “oder ob es sie durch seine dezentralität nicht gar noch dadurch befeuert, dass jeder sich genau das aussucht, was er lesen und hören will” kann derzeit jeder nur für sich beurteilen, allgemein kann man nur raten.
seh ich anders… ich stelle bekanntlich nur fragen deren antworten ich kenne. :P
mfg
mh
@mh: dann her mit den wissenschaftlichen Studien.
+1 für “So, jetzt bin ich aber mal auf die Diskussion gespannt:”
Je unfassbarer Medienkanäle werden, desto besser. Das bedeutet nur, dass sie unangreifbarer und unkontrollierbarer werden. Der Verlust der Kontrolle #ctrlverlust ist wieder einmal ein Segen.
Eine Diskussion nutzlos wie ein Kropf. Das Internet ist nunmal da und wird auch kaum jemand abschaffen können oder wollen. Also was soll’s? Medien und Zeiten ändern sich. Es werden sich auch im Internet große zentrale Plattformen herausbilden. Sie sind ja längst da und bieten viel interaktivere mediale Möglichkeiten des Austauschs als vor dem Internet.
Sowas hab ich doch heute schonmal gelesen… aber von der anderen Seite des politischen Spektrums.
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Merkel-Das-Web-macht-es-der-Politik-schwerer-1042655.html
Ich glaube, wenn es darum geht, dass ich gleichgeschaltete Medien besser beherrschen lassen, sind sich in Berlin alle einig.
@ Surfer
Diese Diskussion wird aber geführt und zwar von den den Vertretern der Medienorthodoxie, und diese geben sich nicht geschlagen.
In Deutschland besteht immer noch die Gefahr dass man versucht Rundfunkregulierung im Internet einzuführen, z. B. Rundfunklizenzen für Internetradios oder gar wie in Italien Lizenzen fürs Bloggen bzw. das Betreiben einer Webseite.
[...] » Die Öffentlichkeit des Internets: Gefährlicher als Kernenergie? [...]
@harald: ich muss jetzt nicht extra noch die studien raussuchen. das ist doch simpelste medientheorie. die basis all dessen was hier ständig diskutiert wird. der mensch, als gesamtheit nicht als einzelfall, sucht sich raus, was er ohnehin als meinung empfindet. deswegen brauchen zeitungen einen klar erkennbaren standpunkt, deswegen liest die “web 2.0 elite” bevorzugt techblogs oder zeugs über böse medien etc.
der irrglaube ist nur, dass die wahlmöglichkeiten des internets daran etwas ändern würden. je mehr wahlmöglichkeiten bestehen, je dezidierter kann man sich ein angebot auf die eigene meinung zuschustern. es passiert also genau das gegenteil… diskussionen ändern daran nix, sie verhärten höchstens die standpunkte.
rein von der mechanik her ist das auch nicht sonderlich verkehrt, es erzeugt gesellschaftliche stabilität durch den bestand mit steter veränderung durch neue einflüsse (über die jugend und ihr abgrenzungsverhalten).
mfg
mh
Tscha – ein offensichtlicher Habermas-Schüler mit dessen “formierter Gesellschaft” als Ideal: Alle marschieren in Reih und Glied auf den ausgetrampelten Pfaden des “rationalen Diskurses”, wobei uns die Militärkapelle der Meisterdenker den Takt vorschreibt.
Ziemlich genau das selbe sagen auch die Linken in Frankreich und
gehen dabei Hand in Hand mit der alten rechten Seite.
Da geht es jeweils um die Wahrung von Besitzständen bzw. angestrebte
Hörigkeitsverhältnisse.
Wortgefecht, ein Blog, hat dazu einen recht interessanten Beitrag
mit Blick auf Frankreich:
“Die Auslagerung des Kopfes”
http://www.wortgefecht.net/personen/serres-auslagerung-des-kopfes/
Ironischerweise waren es gerade Brecht und Enzensberger, die eine Erweiterung der Medien wünschten.
Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts forderte Bertolt Brecht die Rundfunkintendanten auf, „aus dem Radio eine wirklich demokratische Sache zu machen“. Der „Lebenszweck“ des Rundfunkgerätes bestehe nicht darin, ein „reiner Distributionsapparat“ zu sein, der die Informationen nur in eine Richtung verteile. Der Dichter schlug stattdessen vor, das Radio in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln – „also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“
Das Radio konnte dieser optimistischen Aufforderung Brechts nicht gerecht werden. Mit dem Internet, das über gänzlich andere Voraussetzungen als das Radio verfügt, scheint Brechts medienpolitische Utopie heute tatsächlich in greifbare Nähe zu rücken.
Hinzu kommt: Die gegenwärtige Situation stellt sich geradezu diametral anders da, als Greffrath es gerne hätte – und das nicht erst seit einigen Jahren. Die Printmedien sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen, während sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegen die politische Einflussnahme durch die Parteien stemmen muss (Fall Brender).
Die neuen Öffentlichkeiten im Internet sind gerade nicht länger der Kokon, der den Angriffen und Okkupationsstrategien der Konzerne und der Parteipolitik hilflos ausgeliefert ist – und das ist begrüßenswert. Denn das Internet kann sich im Gegensatz zu den klassischen Medien einer Kolonialisierung durch kommerzielle oder politisch-administrative Interessen weitaus besser erwehren (Beispiel: Proteste gegen Vorratsdatenspeicherung, Internetsperren und Facebook vs. Diaspora).
Diese Abwehrmechanismen beruhen aber gerade auf der prinzipiellen Offenheit des Netzes. (btw @ chat Atkins (16): Ein Schluss, zu dem man gerade mit Habermas kommen kann.)
Das Grundproblem des Textes ist seine Kategorisierung: Dieses derzeit so prominente Linke-Bashing. Es muss sich nur ein Widerhaken finden, schon katalogisiert man reflexartig irgendwelche KOllektivgemeinschaften, die de facto nicht gegeben sind. Dass der Chaos Computer Club das ein genuin linkes Phänomen ist (zumindest die Entstehung auf dezidiert linke Zentren zurückgeht), das passt nicht ganz ins Bild, das man zu zeichnen versucht hat.
Dass es innerhalb der Linken solche Argumente gibt: Wow, welch Erkenntnis. Interessanter ist doch, warum Schirrmacher und Greffrath in diesem Punkt einer tendenziell einer Meinung sind.
@Christian Edom |Zumal auch der Verweis auf Kluge insofern hinkt, als dies eindeutig dessen Thesen von anno 1984 (vgl. auch hier: http://www.cognitiones.de/doku.php/alexander_kluge) widerspricht.
Ich mag Silverstones Bild der “zweiten Heimat”, das Greffrath anführt: Ein (schon damals) virtueller Raum, der Zugehörigkeit schafft.
Greffrath wünscht sich, dass die Medienwelt die erste Heimat abbildet und stabilisiert. Bzw. die erste Heimat überhaupt neu erschafft, weil sie ja nur noch von Fussball-Hype, Politiker- und Bahn-Dissen zusammengehalten wird. (Habe ich noch was vergessen, was “wir” gemeinsam haben?)
Ich bin froh, dass ich in der gegenwärtigen Medienwelt meine “zweite Heimat” *wählen* (im Sinne von: aussuchen, zusammenstellen) kann.
Damit ist zwangsläufig verbunden, dass genau diese Heimat dann auch *nur meine* Heimat ist. “Liquid Heimat” sozusagen.
Eine konstruktive Diskussion fehlt noch (auch in der Netzwelt): Was bedeutet das für “Gesellschaft”? Braucht es mehr “erste Heimat” oder “zweite Heimat” für den Zusammenhalt? Was passiert, wenn sie fehlt? Was tritt an ihre Stelle?
@mh: Mit der “simplen Medientheorie” gebe ich mich nicht zufrieden. Sicher gibt es die Trennungen in der Mediennutzung. Für die Erkenntnis brauche ich noch nicht einmal das Wort Medientheorie zu kennen.
Ich denke aber schon, dass sich das Internet – im Bereich HTML / Social Networks – deutlich unterscheidet vom Fernsehen und anderer altherbrachten Medien.
Die Frage, ob weitere Gräben aufgerissen oder zugeschüttet werden stellt sich nach wie vor.
Schönes Thema, schön repliziert auf Greffrath, den ich andererseits auch immer gerne lese, weil ich ihn gut verstehen kann. Es geht um leitmedienwechselbedingte dramatische Veränderungen in den Sinnmaschinen der Gesellschaft. Da rappelts gewaltig. Und definitv zur Disposition steht:
Wie und mit wem und unter welchen Bedingungen läuft künftig der Diskurs, der der Bildung gesellschaftlicher Bedeutungen vorausgeht?
Und: Wie werden politische Entscheidungen vorbereitet und ausgehandelt?
Weil dies nicht mehr im alten Modus läuft, scheint alles “prekär” also unberechenbar geworden, auch die sicher geglaubten “fortschrittlichen” Bastionen. Das mag man im Einzelnen bzw. Konkreten bedauern. Andererseits wundert es, dass Greffrath, der Fortschrittliche, nicht sieht, dass erst dadurch Möglichkeiten sich eröffnen, die einstigen radikaldemokratischen Visionen wenigstens in den Horizont der Potenzialitäten zu bekommen. Wenn “Volksabstimmungen” – bisher einziges institutionalisiertes Partiziaptionsinstrument – neuerdings vowiegend durch die Reaktion in Gang gebracht werden, dann zeigt dass nur, dass echte Partizipation viel zu spät einsetzt und es an brauchbaren Instrumenten dafür noch fehlt. Und wenn “der” Diskurs im Internet nicht gefällt, dann zeigt das alles Mögliche, und vielleicht auch, dass mancher in fortgeschrittenem Alter für eine Migration in die neue Kulturstufe der Gattung schon zu müde ist. Schade, aber muss ja nicht.
Die Souveränität des Publikums bei der Auswahl seiner Inhalte
Souveränität? Auswahl?
Frauentausch, Dschungelkamp, Modelshow, Reportagen über Brustvergrößerungen und Bordelle… tolle Auswahlmöglichkeiten sind das. Aber mancher fühlt sich vielleicht wirklich souverän, wenn er sieht, dass im Fernsehen jemand anders sozial hingerichtet wird und es nicht in selbst trifft.
Korrektur: …ihn oder sie selbst trifft.
[...] Die Öffentlichkeit des Internets: Gefährlicher als Kernenergie? — CARTA "Wieso ein strukturkonservativer Teil der Linken ein so großes Problem mit dem Internet hat" (tags: internet Journalismus) [...]
@Chat Atkins: Also für “formierte Gesellschaft” steht doch Ludwig Erhard, dem Rüdiger Altmann, Schüler von Carl Schmitt und Wolfgang Abendroth – bei letzterem habilitierte sich freilich Habermas – ein Konzept unter diesem Namen schrieb. Auch darin ging es allerdings um den Begriff Kommunikation.
Die Hinweise auf die Distanz zur Brecht und gewisse Überschneidungen von Schirrmacher und Greffrath sind gut :-)
Den Seitenhieb zum Fall Brender würde ich etwas differenzierter sehen. So unschuldig ist Brender nun auch nicht gewesen. Da wurde aus verschiedenen Gründen mitgemischt. Die traditionellen großen Medien versuche die Regierung auch erheblich unter Druck zu setzen, weil ihnen das Internet und Regulierung gewaltige Probleme bereitet.
@ Christian Edom: Gut, es mag ja sein, dass Habermas den eingeführten Begriff selbst nicht explizit verwandt hat. Seine Vorstellungen sind aber noch immer von der einen, einzigen und diskursprägenden Öffentlichkeit geprägt, und von der überragenden Rolle des Intellektuellen oder ‘Mandarins’, der uns den Weg hin zu Fortschritt und Zukunft weist: “Jürgen Habermas warnte in Dresden, obwohl das Internet den Diskurs erleichtere, bestehe die Gefahr, Online-Debatten könnten zu einer Fragmentierung des Massenpublikums in eine Vielzahl themenspezifischer Teilöffentlichkeiten führen.” Ja, und? Was ist denn schlimm an vielen Öffentlichkeiten? Und gab’s die nicht schon immer – bis auf das Faktum, dass viele unpublizierte Öffentlichkeiten bisher keine ‘Produktionsmittel’ besaßen, um sich zu artikulieren? Im Kern fällt mit dem Internet nur das Verlegermonopol auf artikulierte Meinung … oder – in Richtung Linke gewandt – das Publikationsmonopol einer intellektuellen Kaderpartei, die besser als die Masse weiß, wie die Masse ins Paradies gelangen soll.
Hui, was für gute Diskussion – danke, ich bin sehr angetan, angeregt und habe einiges gelernt.
Möchte mich für die späte Kommentierung entschuldigen – ich habe den Text gestern Abend geschrieben – und war bis eben unterwegs.
@ #2 Christian Edom: Senderflut Sintflut finde ich sehr, sehr schön beobachtet.
@ # 7 mh: “Carta lebt vom Verlangen nach Zentralität” – Es wäre schön, wenn wir einen kleinen Knotenpunkt im Sinne von Benkler darstellen könnten.
Der Medienraum und die “zweite Heimat” (@ #22 Joeran) braucht natürlich Institutionen und “Gefäße”. Im Unterschied zu Greffrath bin jedoch der Meinung, dass sich derartige Institutionen aus der Netzwerkkommunikation heraus bilden können und legitimieren sollen.
@ #17 Chat Atkins: Vielleicht etwas sehr pointiert zugespitzt die Darstellung. Zu “formierter Gesellschaft” hat ja Christian Edom schon etwas gesagt. Den Begriff hätte ich so auch nicht Habermas zugeordnet.
@ #18 JF: Sehr schöner Hinweis. Man müsste im Grunde viel mehr auf Frankreich schauen.
@ #24 Lisa Rosa Die Formulierung von “sicher geglaubten “fortschrittlichen” Bastionen” finde ich sehr treffend. Genau darum geht es.
@ #20 Ichgehschlafen: “Interessanter ist doch, warum Schirrmacher und Greffrath in diesem Punkt einer tendenziell einer Meinung sind.”
Ganz genau: Ich würde noch ergänzend sagen Greffrath und Schirrmacher sind hier beide Kulturkonservative. Sie betonen den Verlust klassischer medialer Institutionen statt sich, wie Benkler, der optimistisch Institutionenkunde des Netzes zuzuwenden. Aber da liegt sicher noch viel mehr drin.
[...] einem Kommentar Dr. Robin Meyer-Lucht, Leiter des Berlin Institutes, hat auf Carta entschieden einem Plädoyer in der TAZ des Publizisten Mathias Greffrath [...]
“Ja, und? Was ist denn schlimm an vielen Öffentlichkeiten? Und gab’s die nicht schon immer – bis auf das Faktum, dass viele unpublizierte Öffentlichkeiten bisher keine ‘Produktionsmittel’ besaßen, um sich zu artikulieren? Im Kern fällt mit dem Internet nur das Verlegermonopol auf artikulierte Meinung … oder – in Richtung Linke gewandt – das Publikationsmonopol einer intellektuellen Kaderpartei, die besser als die Masse weiß, wie die Masse ins Paradies gelangen soll.”
Ich sehe das leider anders und muss MH und ichgehschlafen prinzipiell zustimmen.
Es ist nicht damit getan, dass wir hier schlicht “mehr Medienkanäle haben”, sondern das sich innerhalb dieser selbstreflekierenden Medienkanäle fragmentarische Realitäten von “Mehrheiten” bilden bilden, die in Wirklichkeit kleinste Minderheiten sind.
Im Rahmen dieser Portale halten sich diese Minderheiten aber für repräsentative Mehrheiten.
Das zweite problem ist, dass diese Spartenmeidenkanäle Medienkanäle definitiv nicht den Themenüberblick und die Meinungsneutralität haben, die große Leitmedien offerieren.
Wir tauschen also “kollektiv/objektiv” gegen “fragmentaisch/subjektiv”aus.
Wenn man die Medienkompetenz hat, das zu reflektieren sollte der Schaden gering sein. aber diese kompetenz traue ich leider 75% der Nuter nicht zu.
Ergo: Desinformation und Realitätsverzerrung.
SH
ich würde den geffrath artikel eher so lesen wollen dass er fragt was denn eine staatlich bezahlte medienversorgung ist. wenn die staatskanäle mit dem medienschrott der privaten kanäle mithalten wollen ist und bleibt es eben werbefernsehen – das haben wir jetzt.
stattdessen werbefreiheit denn das ermöglicht nicht-normatives fernsehen
“…auf Werbung zu verzichten – und sie so auf Dauer vom Quotendruck befreit. ”
stattdessen gemeinfreiheit, das bereichert das netz noch mehr.
“…und Archivschätzen offensiv ins Netz zu drängen”.
stattdessen werden die öff-rech durch die privatwirtschaft gezwungen ihre internet präsenzen nur als hinweise auf ihre jeweiligen TV und Rundfunk angebote zu benutzen. das ist skandalös in hinblick auf durch steuergelder geschaffene ressourcen, skandalös auch in hinblick auf inhalte, meinungsfreiheit, diversität.
@ Bureau: Das in der Tat auch ein Aspekt des Geffrath-Textes. Ich fand aber die oben zitieren Thesen von Geffrath in diesem Fall wichtiger, zentraler und von grundsätzlicherer Natur. Dass Geffrath seine Privatfernsehabneigung hier auf das Internet in Gänze ausweitet ist, denke ich, keinem entgangen.
Ich verstehe die Kritik am TAZ-Artikel und sie ist, wie hier formuliert wurde, sicherlich auch berechtigt. Allerdings gehen diese Argumente am wesentlichen Kern des Problemaufrisses vorbei. Ja, das alte Fernsehen war eine Domäne der Eliten, doch bei allen privilegierten Sprecherpositionen wurde wenigstens gesprochen und zwar nicht nur über das tollste Waschpulver für die perfekte Hausfrau, sondern auch über gesamtgesellschaftliche Themen räsoniert. Das war ja seit jeher der Eliten liebste Disziplin.
Zwar ist es heute nicht mehr so ohne weiteres möglich die einzelnen Diskurse zu beherrschen, aber diese verlieren sich in den endlosen Weiten des web. Was ihr Schicksal im Fernsehen und Rundfunk besiegelte – die Fernbedienungstaste welche mit DSDS und Boulevard lockt, findet sein Pendant in den Portalstrukturen, die das Internet zweifellos hervorgebracht hat. Ich bin umweltpolitisch engagiert – wunderbar: hier ist der Komplex der umweltpolitischen homepages und da der link zu Sozial- und Finanzpolitischem. Der einzige Hacken ich BIN schon politisch interessiert.
Die Sphäre des Internet ist eindeutig ein dezentrales Sammelsurium von Informationen und Diskursen, doch die Meisten scheinen zu vergessen, dass wir sie erst betreten müssen. Dieser Zugang ist im selben Maße von der Kulturindustrie beherrscht wie es im Fernsehen und Rundfunk der Fall ist. Auf entsprechend kreative, wichtige und kritische Seiten zun stoßen ist genauso voraussetzungsvoll wie zu arte zu zappen.
[...] Interessant ist das Phänomen, dass der politische Antipode von Frau Merkel, Mathias Greffrath, in d… 50.732704 7.096311 [...]
@bureau @Stefan Herwig (#33, #32)
Ein wenig mehr kollektiv und dadurch vielleicht ein wenig mehr objektiv stand und steht schon immer neben fragmentarischer und dadurch vielleicht (aber nicht immer, Fachwissen und nicht immer gleich Fachidiotie) ein wenig subjektiver.
Den Angehörigen von Interessengruppen zu unterstellen, sie hielten sich auf einmal für eine Mehrheit, obwohl sie nach wie vor nur eine verschwindend kleine Minderheit sind, nur weil sie jetzt besser miteinander kommunizieren können, ist eher eine Frechheit als ein Argument.
Im Netz können sie alle nebeneinander existieren, die großen Diskurse auf den vielbesuchten Seiten, die Themenüberblick und “Meinungsneutralität” bieten und “Spartenkanäle”, die jene zu Wort kommen lassen, die mit ihrem sehr spezifischen Problem sonst kaum Gehör fänden. Das dabei auch viel schädliches zur Verbreitung angeboten wird, damit muss eine offene Gesellschaft leben können.
Ein Verlegermonopol auf artikulierte Meinung hat es nie gegeben, da es keinen Monopolverleger gibt. Seit Jahrzehnten gibt es dort viel mehr harten Wettbewerb, der nur dort nachläßt, wo den Verlegern die Einnahmen so wegbrechen, das im besten Fall einer übrig bleibt. Das betrifft die Regional- und Lokalpresse.
Die “Gemeinfreiheit”, die das Netz angeblich “noch mehr bereichert” und die “Archivschätze” mit denen die Öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten doch möglichst offensiv das Netz verstopfen sollen anstatt sich von dieser angeblich ach so bösen und so schlagkräftigen Privatwirtschaft Beschränkungen auferlegen zu lassen, sind die eigentlich Gefahr, wie zu den Zuständen zu kommen, die sich Strukturkonservative wie Greffrath so sehr zurück wünschen. Steuergelder sind es übrigens nicht, da könnte Brüssel besser einschreiten. Man hat andere Konstruktionen gefunden. Und versucht, die gute alte Welt der Meinungsaristokraten durch die Hintertür wieder zu etablieren.
a) in dem man die finanziellen Mittel via jetzt “Rundfunk- und Fernsehgebühr” (für Computer, für Handys ! ), ab 2013 via “Rundfunkbeitrag” von jedem Haushalt und jeder Betriebsstätte von vorn herein abzieht und dadurch die Wahlmöglichkeiten der Rezipienten und Kommunikatoren einschränkt.
b) in dem man nach diversen Formen der Internetkontrolle sucht.
Mit Erschrecken lese ich hier in CARTA manche Kommentare.
Da gibt es Leute, die schreiben ( siehe unter “Wind um Tagesschau-App” ) von angelblich leicht Manipulierbaren, die nun dank Internet auf die “Fehlinformation” stoßen, die sie sonst nie gefunden hätten.
Stefan Herwig (#32) traut hier 75 % der Nutzer Medienkompetenz nicht zu.
Und so weiter, und so fort.
Das Lied vom Volk, welches vor Unbill ( zum Beispiel der Fehlinformation ) bewahrt werden muss, erinnert mich an etwas.
An China.
Und an die DDR.
@Peter:
“Den Angehörigen von Interessengruppen zu unterstellen, sie hielten sich auf einmal für eine Mehrheit, obwohl sie nach wie vor nur eine verschwindend kleine Minderheit sind, nur weil sie jetzt besser miteinander kommunizieren können, ist eher eine Frechheit als ein Argument.”
Es wäre nur dann eine Frechheit, wenn ich behaupten würde, dass dies 100% der Nutzer täten. Das tue ich aber nicht. Aber es gibt viele Nutzer, die die Leitmedienkanäle durcdh höchst fragmenatarische Kanäle ERSETZEN, nicht nur BEREICHERN.
Und das ist in der Tat ein Problem, wenn man fragmentarische Ausschnitte für repräsentat5ive realitäten hält.
Ein Beispiel: Nach der Bundestagswahl gab es etliche der Forumsteilnehmer des filesharerforums gulli, die völlig konsterniert waren, dass die Piratenpartei nicht mindestens 25% der Wählerstimmen geholt hatte. Davon waren diese Nutzer in ihrer abgeschirmten forumsrealitättatsähllich ausgegangen.
“Stefan Herwig (#32) traut hier 75 % der Nutzer Medienkompetenz nicht zu.
Und so weiter, und so fort.
Das Lied vom Volk, welches vor Unbill ( zum Beispiel der Fehlinformation ) bewahrt werden muss, erinnert mich an etwas.”
Hier ziehen Sie einen Schluss, der meiner Meinung nach völlig am Gesagten vorbeigeht: Nur weil ich dreiviertel der Bevölkerung keine Medienkompetenz zutraue, sage ich nicht, dass wir fragmentarische Kanäle abschaffen müssen. Aber wir müssen uns diesem realen Problem bewust sein.
Wie gesagt, wenn wir fragmentarische Kanäle unsere bsiherige Medienwelt bereichern lassen ist wenig daran auszusetzen. Wenn fragmentarische Kanäle jedoch die bisherige Medienwelt ersetzen sollen – und die Tendenz ist m.E. überdeutlich – wirft das ein Problem auf.
Um dieses Problem zu lösen muss man nicht die Medienpolitik Chinas oder der DDR kopieren, sondern Medienkompetenz unserer Nutzer schärfen.
Das ist in etwa das Gegenteil von dem, was Sie mir unterstellt haben.
SH
@Immo
Die Vergrößerung und Vervielfachung der Medienwelten in Fernsehen, Rundfunk und Internet hat sicher den Nachteil einer ungeheuren Fragmentierung der Informations- und Diskussionsplattformen gebracht. Es gibt keine alleinigen Verlautbarungsplattformen mehr wie früher nur drei Fernsehsender. Wobei ich auch bezweifeln würde, dass sich früher so sehr viel mehr Leute für politische Sendungen wie etwa den Presseclub interessiert haben als heute in einer ausgefächerten Medienwelt.
Aber was bringts? Die negativen Folgen neuer Medienrealitäten nur zu bejammern, bringt leider nichts. Was sind Greffraths Alternativen? Das Internet und die Privatsender wieder abreißen?
Leitmedienkanäle, es stellt sich mir massiv die Frage, welche denn damit eigentlich gemeint sind. Die klassischen öffentlich-rechtlichen, so wie sie denn in der Tat sind, oder so wie man sie denn gerne sehen würde oder hätte? Wird hier nicht eigentlich auch ein bißchen an der Realität vorbei geredet, gerade dann, wenn es um ihre Rolle im Internet geht?
Als eine aus der jüngeren Generationen, kann ich ihnen versichern, dass um die Medienkompetenz im Internet und anderswo bestens bestellt ist. Denn, und das sollte man auch beachten, die Nutzung des Internets bedeutet auch, dass damit ein Lernprozess von statten geht. Je früher man damit anfängt, desto umfangreicher ist der Lernprozess. Ergo kann man als mündiger Bürger bald entscheiden zwischen Spartenkanälen/-Seiten von Minderheiten, subversiver Meinungsmache und investigativer, gut recherchierter, sachlicher Information.
Im Übrigen, das wurde hier auch vergessen, gibt mir das Internet vor allem die Möglichkeit zu vergleichen! Und da lesen sich oft Beiträge der taz, der faz, der Zeit oder der Welt oder eben auch auf carta, zum gleichen Thema sehr verschieden. Und das ist auch gut so, denn dadurch ist das Bild das ich mir zum Thema formen kann, weitaus differenzierter und informierter, als es das wäre, wenn ich mich dau auf einige wenige Leitmedienkanäle verlassen würde.
Leitmedienkanäle, es stellt sich mir massiv die Frage, welche denn damit eigentlich gemeint sind. Die klassischen öffentlich-rechtlichen, so wie sie denn in der Tat sind, oder so wie man sie denn gerne sehen würde oder hätte? Wird hier nicht eigentlich auch ein bißchen an der Realität vorbei geredet, gerade dann, wenn es um ihre Rolle im Internet geht?
Als eine aus der jüngeren Generationen, kann ich ihnen versichern, dass es um unsere Medienkompetenz im Internet und anderswo bestens bestellt ist. Denn, und das sollte man auch beachten, die Nutzung des Internets bedeutet auch, dass damit ein Lernprozess von statten geht. Je früher man damit anfängt, desto umfangreicher ist der Lernprozess. Ergo kann man als mündiger Bürger bald entscheiden zwischen Spartenkanälen/-Seiten von Minderheiten, subversiver Meinungsmache und investigativer, gut recherchierter, sachlicher Information.
Im Übrigen, das wurde hier auch vergessen, gibt mir das Internet vor Allem die Möglichkeit zu vergleichen! Und da lesen sich oft Beiträge der taz, der faz, der Zeit oder der Welt oder eben auch auf carta, zum gleichen Thema, sehr verschieden. Und das ist auch gut so, denn dadurch ist das Bild, dass ich mir zum Thema formen kann, weitaus differenzierter und informierter, als es das wäre, wenn ich mich da auf einige wenige Leitmedienkanäle verlassen würde.
@Stefan Herwig (#38)
Ich frage mich, welchen Weg sie vorschlagen, die “Medienkompetenz” der Nutzer zu schärfen?
Weiterer Ausbau des Öffentlich-rechtlichen Angebots? Inclusive Elefantenfriedhof, eifriger Personentausch mit der etablierten Politik und immer weiter steigenden Zwangsbeiträgen?
Und ein paar Versprengte, die das unbezahlt machen, dürfen in ihren Internet-Nischen weiter publizieren, falls sie den letzten Rechtsstreit finanziell überstanden haben?
Genau in diese Richtung läuft unsere schöne neue Medienwelt im Moment, so sind zur Zeit die Rahmenbedingungen gesetzt.
Wer es nicht an den Inhalten merkt, das da etwas nicht mehr stimmt, der merkt es vielleicht bald am Geldbeutel.
Und wenn ab 2013 zwei Millionen Fernsehhasser dreifach zur Kasse “gebeten” werden, hat die Partei eine Chance, die den aufgeblähten Apparat der Öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten auf ein gesundes Maß zu reduzieren in ihr Programm schreibt, welche auch immer das sein wird.
So einer wie Greffrath hat in dieser Konstellation gerade noch gefehlt.
Wie Medienkompetenz entsteht, habe sie selbst in ihrem Beispiel beschrieben. Die Nutzer von “Gulli” haben da wohl gerade einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht, falls ihr Beispiel stimmen sollte.
Nur wer sich irren darf, kann auch lernen.
Hoppla. Mit dem Internet befasst sich Greffrath doch eigentlich nur in einem Nebensatz. Im Wesentlichen verteidigt er in seinem taz-Beitrag die vor kurzem beschlossene Haushaltsabgabe (und stellt sie der Grundversorgung für Wasser, Strom und Theater-Kultur gleich). Er unterstreicht noch einmal den Informations- und Bildungs-Auftrag des ö.-r. Rundfunks.
Im Rückblick verklärt er vielleicht ein wenig die Zustände des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den 50er, 60er und 70er Jahren. Obwohl wir damals – in den Anfängen – alle gemeinsam vor dem Grundig-Fernseher saßen, um der Krönung von Königin Elisabeth II. “beiwohnen” zu können oder einem Durbridge-Straßenfeger, entstand daraus kein gemeinsamer gebildeter Diskurs des Volkes und der Edlen über Monarchie und Demokratie oder die Herstellungsbedingungen von Halstüchern. Diese Diskurse entstanden in den fragmentierten Öffentlichkeiten, in den Nischen, im Underground, in den Randgruppen. Damals wie heute (heute im globalen Netz).
In der knappen Aussage zum Internet gibt Greffrath lediglich zu verstehen, dass er sich mehr Inseln im Online-Meer wünscht, auf denen ernsthafte Diskussionen geführt, zusammengefasst und gewichtet werden – im Sinne von “Leitmedien”. Und dass ihm der jetzige Zustand zu fragmentarisch erscheint. Daraus kann man ablesen, dass er mit 65 keine Lust mehr hat, sich mit dem neuen Internet-”Zeuch” zu beschäftigen.
Auch der bei ihm zutage tretende pädagogische Eros (der immer noch Volksbildung gegen Volkserniedrigung setzt) mag für Internet-Nutzer etwas antiquiert klingen. Aber die Generationen der Greffrath, Staeck und Habermas (also die aufgeklärten, immer vom Mai 1945 her denkenden Linken) werden wir nicht mehr ändern.
Und vielleicht zeigt ja das immer wieder in die selbe Kerbe hauen (Internet = Müll) irgendwann doch Wirkung. Dann trifft sich sonntags um 12 Uhr wieder Werner Höfer zum Frühschoppen mit fünf Auslandskorrespondenten aus vier Ländern und qualmt uns auf der “Frühschoppen-App” der ARD (oder der taz? Oder der FAZ?) etwas vor.
@werkstattwort:
“Leitmedienkanäle, es stellt sich mir massiv die Frage, welche denn damit eigentlich gemeint sind. Die klassischen öffentlich-rechtlichen, so wie sie denn in der Tat sind, oder so wie man sie denn gerne sehen würde oder hätte? Wird hier nicht eigentlich auch ein bißchen an der Realität vorbei geredet, gerade dann, wenn es um ihre Rolle im Internet geht?”
Also mit Leitmedienkanälen meine ich persönlich TV, Print und (mit Abstrichen) Radio. Es geht mir hier also garnicht um den krieg Öffentlich-Rechtlich vs. Privater Rundfunk, sondern darum, welche kanaäle wir überhaupt nutzen.
“Als eine aus der jüngeren Generationen, kann ich ihnen versichern, dass es um unsere Medienkompetenz im Internet und anderswo bestens bestellt ist. Denn, und das sollte man auch beachten, die Nutzung des Internets bedeutet auch, dass damit ein Lernprozess von statten geht. Je früher man damit anfängt, desto umfangreicher ist der Lernprozess. Ergo kann man als mündiger Bürger bald entscheiden zwischen Spartenkanälen/-Seiten von Minderheiten, subversiver Meinungsmache und investigativer, gut recherchierter, sachlicher Information.”
Das ist eine schöne Vision. Aber glauben sie nicht, dass sie da vielleicht ihre eigene Medienkompetenz auf andere projezieren?
@Peter:
“Ich frage mich, welchen Weg sie vorschlagen, die “Medienkompetenz” der Nutzer zu schärfen?”
Abgesehen davon, medienkompetenz als Schulfach einzuführen wäre ich dafür, mal ein wneig diesen ganzen übertriebenen internetoptimismuszu reativieren – auch in den medien. nicht falsch verstehen, ich fordere mitnichten, dass das Netz wieder zurück in die Schachtel muss, aber die ganze recht unkritische Rumjubelei gepahrt mit dem schon fast obligatorischen Institutionenbashing wenn es um herrkömliche medien geht zeugt mir nicht von sondelrich großer Objektivität im umgang mit dem Netz und anderen Medien.
Wir nüssen lernen, Medien nicht qualitativ abzukanzeln, nur weil sie online bzw. nicht-online sind. Das ist erst einmal nur ein neuer Vertriebsweg, aber oft wird daraus in der Beurteilung eine Religion gemacht.
“Weiterer Ausbau des Öffentlich-rechtlichen Angebots? Inclusive Elefantenfriedhof, eifriger Personentausch mit der etablierten Politik und immer weiter steigenden Zwangsbeiträgen?
Und ein paar Versprengte, die das unbezahlt machen, dürfen in ihren Internet-Nischen weiter publizieren, falls sie den letzten Rechtsstreit finanziell überstanden haben?”
Ich frage mich ernsthaft, wie man aus einer Forderung nach mehr Medinkompetenz solche Implikationen spinnen kann. Ich habe nichts gegen Nischanangebote im netz, und “sperren” wird man sie sowieso nicht können, noch sollen, noch wollen.. Und der Kahlschlag dieser Angebote wird sich für den großteil dieser Plattformen automatisch einstellen, wenn man realisiert, dass die Netzwerkökonomie für journalistische Angebote nur für die Market Leader funktioniert und eh nach Monopolen strebt.
“Wie Medienkompetenz entsteht, habe sie selbst in ihrem Beispiel beschrieben. Die Nutzer von “Gulli” haben da wohl gerade einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht, falls ihr Beispiel stimmen sollte.
Nur wer sich irren darf, kann auch lernen.”
Woher wollen sie wissen, dass da ein reflektierter Lernprozess eingesetzt hat?
SH
Hier findet man einen schönen Artikel von Stefan Münker, den er einst als Replik auf eine Rede von R.D. Precht bei den Münchener Medientagen geschrieben hat.
Die Argumentation gefällt mir ganz gut und vieles passt auch ganz gut an diese Stelle.
http://www.perlentaucher.de/artikel/5824.html
@ Stefan Herwig (#44)
Am “Institutionenbashing gegen herkömmliche Medien” habe ich mich nicht beteiligt, denn dieser Begriff wirft Dinge in einen Topf, die ganz eindeutig in völlig unterschiedliche Töpfe gehören.
Habe ich auch nur eine Zeile gegen die Existenz einer freien Presse geschrieben?
Die “Netzwerkökonomie für journalistische Angebote” funktioniert für die “Market Leader”? Erzählen sie das ihren Kunden? Diese Ökonomie funktioniert für jene, die die Netzwerke gegen Geld bereit stellen, aber garantiert nicht für die Ersteller des journalistischen “Content”. Die werden noch immer von den Print-Käufern bezahlt. Werbung ist nur ein Aufsatz, der gerade bei journalistischen Angeboten immer mehr an Bedeutung verliert.
Auch online oder offline ist hier nicht die Frage. Offenbar habe ich mich da nicht klar genug ausgedrückt:
Es geht immer darum, woher das Geld kommt, die journalistischen Angebote zu erstellen.
Wenn eine Ministerpräsidentenrunde beschließt, wieviel Geld die Anstalten bekommen, wird daraus ein Landesjubelfunk. Das haben wir.
Auch im Internet.
Wenn 100 000 Leser freiwillig eine Zeitung kaufen, von ihrem schon versteuerten, sauer verdienten Geld, oder selbige gar abonnieren, obwohl sie ja so vieles im Netz und via Rundfunk und TV “umsonst” bekommen könnten, dann ist das eine sehr ehrliche Ansage und noch immer die beste Voraussetzung für anspruchsvollen, freien und kritischen Journalismus.
@Peter:
“Am “Institutionenbashing gegen herkömmliche Medien” habe ich mich nicht beteiligt,.”
Hatte ich auch gar nicht behauptet.
“Die “Netzwerkökonomie für journalistische Angebote” funktioniert für die “Market Leader”? Erzählen sie das ihren Kunden? Diese Ökonomie funktioniert für jene, die die Netzwerke gegen Geld bereit stellen, aber garantiert nicht für die Ersteller des journalistischen “Content”. Die werden noch immer von den Print-Käufern bezahlt. Werbung ist nur ein Aufsatz, der gerade bei journalistischen Angeboten immer mehr an Bedeutung verliert.
Auch online oder offline ist hier nicht die Frage. Offenbar habe ich mich da nicht klar genug ausgedrückt:
Es geht immer darum, woher das Geld kommt, die journalistischen Angebote zu erstellen.”
Wissen sie was? D’accord! Stimmen ihnen größtenteils zu, dass vor allem die infrastrukturanbieter hier die ökonomischen Gewinne einfahren. Aber in fast jeder Struktur profitiert auch ein Market Leader, nennen wir ma bei den klassischen Online medienpräsenzen als beispiel spiegel Online. Die meisten anderen schauen eher in die Röhre. Ich wollte den Umstand nicht beklatschen. Wnn nur die “Market leader” führt das auf dauer zu Monopolen, und das ist weder wirtschaftlich noch medial eine Idealsituation.
SH
Ich weise in Sachen ‘Habermas’ und ‘Öffentlichkeit’ mal auf diesen Text hin …
[...] Carta über strukturkonservative Linke und das Internet [...]