Michael Spreng | 7 Kommentar(e)
Wie in einer Abschiedssinfonie: Die Männer in der CDU scheinen zu schwach, um in ihren Führungsämtern durchzuhalten. Zähigkeit, Geduld, Pflichtbewusstsein – und das ohne Rückfall in eine politische Machokultur – sind wohl zu viel erwartet. Angela Merkels Partei braucht neue Männer.
19.07.2010 |
Die Abschiedssinfonie der CDU-Männer geht weiter. Wieder geht einer mitten in der Vorstellung. Wieder verabschiedet sich einer, diesmal Ole von Beust in Hamburg. Er ist der bisher letzte in einer Reihe “starker Männer”, die zu schwach waren, in ihren Führungsämtern durchzuhalten, um ihre Position und um ihre Politik zu kämpfen oder sie bei Wahlen zu verteidigen.
Den Anfang machte Friedrich Merz. Er floh vor Angela Merkel an die Fleischtöpfe der Wirtschaft. Dann scheiterte Dieter Althaus an seiner Selbstinszenierung nach dem tragischen Skiunfall. Günther Oettinger zog die Brüsseler Höhe der baden-württembergischen Ebene vor. Im Mai verlor erst Jürgen Rüttgers die NRW-Wahl, dann ging Roland Koch. Er sah für sich weder in Hessen noch auf Bundesebene eine politische Zukunftsperspektive. Schließlich ließ sich Christian Wulff ins angenehm ruhige Präsidentenamt wegbefördern. Und jetzt Ole von Beust. Fast alle haben eines gemeinsam: gewogen und für zu leicht befunden.
Es wäre zu billig, das jetzt alles bei der angeblich männermordenden Gottesanbeterin Angela Merkel festzumachen. Natürlich hat sie den einen oder anderen Abgang befördert, aber gescheitert sind die “starken Männer” schon selber und an sich selbst. Wer hat denn gesagt, er sei kein “Alphatier”? Wer verkündete, Politik sei nicht sein Leben? Wer flüchtete denn immer, wenn es zu heiß in der politischen Küche in Hamburg wurde, ins luftige Sylt? Die vermeintlich starken Männer sind am Ende doch auch weiche, verletzliche Seelchen.
Sag`mir, wo die Männer sind. Männer, die auch mal Durststrecken ertragen, die die Phantasie haben, sich aus politischen Karrierefallen zu befreien, denen es neben der Person vielleicht auch noch um die Sache geht. Denen das Wort Pflicht noch etwas bedeutet. Die Zähigkeit, Geduld und Stehvermögen haben? Es geht hier nicht darum, einen politischen Macho-Kult zu beschwören, aber ein bisschen mehr Härte, vor allem gegen sich selbst, kann man von führenden Politikern schon erwarten.
Wobei Ole von Beust ohnehin eine Ausnahmekarriere hatte, die er nicht eigener Kraft, sondern Ronald Schill verdankte. Nach einer verheerenden CDU-Niederlage machte ihn der furchtbare, aber erfolgreiche Populist zum Bürgermeister und verschaffte Ole von Beust mit seinem Erpressungsversuch das Stahlbad, das diesem erst den eigenen Wahlsieg ermöglichte. Jetzt geht Ole von Beust und wird die CDU in Hamburg bei der nächsten Wahl wieder ins politische Nichts befördern. Dorthin, wo die CDU in NRW schon ist.
Aber das ist nicht so wichtig. Spannender ist die Wahl im nächsten Frühjahr in Baden-Württemberg. Geht auch die für die CDU verloren, dann wird die Überlebende des CDU-Männer-Massakers, Angela Merkel, endgültig zeigen können, ob sie wirklich härter als die ”starken Männer” ist. Oder ob das Land neue Männer braucht. In der CDU sind sie bisher nicht in Sicht.
Dieser Beitrag erscheint als Crossposting via Michael Sprengs Blog Sprengsatz.





[...] This post was mentioned on Twitter by Carta and do-panic, Carta. Carta said: Sag’ mir, wo die Männer sind http://goo.gl/fb/8xg3b [...]
Die Zuspitzung ist in einigen Teilen deutlich zu überpointiert und eine Formulierung wie “CDU-Männer-Massaker” geht an der Sache vorbei.
Warum sieht man den Sachvehralt nicht so:
1. Merz war ein Solitär ohne Vernetzung in der Fraktion
2. Althus war ein sehr einfacher, populistisch Typus ohne Chancen in der Bundespoltik.
3. Wulff war amtsmüde in Nidersachen und wollte sich persönlich verändern.
4. Koch hatte gesundheitliche Probleme und war politisch ermattet.
5. Rüttgers hat halt verloren.
6. Günther Oettinger hatte Sprachschwierigkeiten.
Die SPD hat mit Kurt Beck und Matthias Platzeck zwei Parteivorsitzende als Ministerpräsidenten verschlissen. Das muss man auch mal sehen.
Es kommt nicht darauf an, ein Mann zu sein, sondern auf die Form und Variante von “Männlichkeit”. Dazu kann auch zählen, vorwiegender ein guter und sachlicher Administrator zu sein, wie z.B. Stoiber, Frank Walter Steinmeier oder Thomas de Maiziere. Hat Angela Merkel nicht eine Menge “Männlichkeit”? Wieviel Männlichkeit haben die ganzen “94er”, die sie stützen”, und die Riege der stellvertrenden Fraktionsvorsitzenden seitns der CDU?
Viele wollen starken wirken? Wer ist wirklich stark? Joachim Gauck war eine starke Persönlichkeit. Gauck war das Orginal zum präsidialen Stil von Merkel und Wulff. Die ZEIT hatte doch quasi Gauck gegen Merkel gefordert. Wäre Gauck auch zu leicht gewesen? Aber die CDU/CSU Fraktion wollte keinen Pfarrer gegen die Pfarrerstocher setzen. Die CDU könnte Gauck sogar als Kanzler aufstellen.
@ Christian Edom: Koch hatte gesundheitliche Probleme? Aha, so steht das denn? Oettinger ist wohl nicht wegen “Sprachschwierigkeiten” nach Brüssel gegangen.
In Ihren Ausführungen haben Sie Ole v. Beust vergessen.
@Robin Meyer-Lucht: Soweit ich mich erinnere, ging vor einiger Zeit durch die Medien, dass Koch einige medizinische Eingriffe über sich ergehen lassen musste. Mir stellt sich schon die Frage, wie es um Belastbarkeit und Fitness steht. Oettinger konnte bundespolitisch wegen seiner kommunikativen Performanz keine Rolle mehr spielen. Das hatte außerdem vermutlich auch lokale Gründe, dass er abgelöst wurde.
Natürlich zieht Führungsstil und ausgeübte Praxis von Merkel Probleme und Folgen nach sich. Es sollte insgesamt diskutiert werden, wie die deutsche Parteiendemokratie mit und ohne Regierungsbeteiligung im Bund die Rolle der stellvertretenden Bundesvorsitzenden definiert.
Es ist ein Fehler, dass oft der Eindruck erweckt wird, Merkel habe Wünsche ihrer Männer nicht erfüllt. Das ist das Bild der schlechten und ungnädigen Mutter. Fatal auch die Suggestion von “Spiegel Online”: “Merkel ohne Männer”. Was ist das für eine Frauenbild? Diese heftige Personalisierung entpolitisiert Streitthemen und wirklich relevante Fragen wie die Zukunft des EURO und der Währungsunion.
Politik basiert auf Willen und nicht auf Wünschen. Wünsche werden nicht wie bei Kinder für das “bravsein” erfüllt. Ole von Beust hätte seinen Stil aufgeben müssen und bundespolitisch offensiv polarisieren müssen, um ein Mandat für eine bundespolitische Rolle zu haben, die ein Amt in Berlin hätte nach sich ziehen können. Das ist schon wegen des Familienbildesfür das er steht in der konservativen Union schwierig. Weil Merkel Protestantin ist, scheint jeder bürgerliche Liberale in der Union unter Verdacht zu stehen, dabei ist Merkel recht lutherisch und preußisch autoritär, wenn auch im Stillen und durch exoterische Schweigsamkeit als Regierungsstil. Aber der Bürgermeister von Hamburg kann anders als Helmut Schmidt oder vielleicht Voscherau in der alten Bundesrepublik heute einfach keine hervorgehobenere Rolle spielen. Nur Hans-Ulrich Klose ist geblieben. Denn Hamburg ist einfach zu klein und heute ist in Deutschland nicht nur Hamburg einzigartig liberal und weltoffen. Andererseits kann ein Hamburger aus eben diesen Gründen nicht wegen Proporz auf ein Amt in der CDU hoffen, weil größeren Verbänden der Vorzug gehört. Der letzte war Volker Rühe.
Ich hoffe, dass dies meinen Blickwinkel etwas abrunden konnte. Man kann keine klare Linie ausmachen, weil einfach nicht nach klarer Linie entschieden und gehandelt wird in der Union und der Regierung, sondern situativ, inkrementalistisch und tastend, vielfach wägend und auf einen hinreichenden Schuss harmonische Aura und konflikfreien rund um das Führungsnetzwerk geachtet wird. Gerade Wulff steht für die Illusion von Politik als Konfliktfreiheit und ist deshalb beliebt. Politik braucht aber Konfliktbereitschaft. Und hier hat Michael Spreng im Kern ganz klar recht: Die “Männer” wünschen sich Konfliktfreiheit und sowas wie eine gute Mutter.
Jetzt ist amtlich: CDU-Regierungschef von Beust ist als Hamburger Bürgermeister zurückgetreten. Das ist, wie wir alle gelesen haben, der sechste CDU Landeschef, der nicht mehr da ist. Da beklagen die Politiker die Wahlmündigkeit der Bürger, aber ist es nicht so, dass die Politiker amtsmüde sind. Sind das noch unsere Vorbilder? Ich glaube nicht. Nur ist halt die Frage, wie soll es weitergehen.
[...] Edmund Stoiber im Wahlkampf 2002, der Journalist Michael Spreng, hat in seinem Blog und im Magazin Carta unter die Titel „Sag’ mir wo die Männer sind“ die aktuellen Ereignisse in der [...]
“Zähigkeit, Geduld, Pflichtbewusstsein” sind in meinen Augen äußerst zweischneidige Eigenschaften, die ich bei Politikern gerne vermisse (Pflicht wem gegenüber?). Nett wären Risikobereitschaft und Originalität.