Wolfgang Michal | 29 Kommentar(e)
Obwohl Jakob Augstein, der quirlige Verleger des „Freitag“, durch die Medienlandschaft geistert wie kaum ein anderer Blattmacher, kommt das linke Meinungsmedium nicht so richtig aus den Puschen. Woran liegt’s? Eine Blattkritik.
18.03.2010 |
Über die Wochenzeitung Freitag (deren Leser ich seit zwölf Jahren bin), höre ich in letzter Zeit oft die Kritik, die ich seltsamerweise auch über die Linke und die SPD oft höre: Wieso profitieren die eigentlich nicht von der Krise?
In dieser Frage steckt – neben ernster Besorgnis – ein ordentliches Quantum Häme: Was sind das bloß für Loser!? Nicht einmal unter den besten Bedingungen kriegen sie es gebacken! Sie schaffen es nicht, die Krise des kapitalistischen Systems in Abonnenten umzuwandeln.
Nun war es freilich noch nie leicht, im Kapitalismus eine gute linke Zeitung zu machen: den einen geht sie immer zu weit, den anderen nie weit genug. Aber derzeit ist die Lage wohl besonders vertrackt.
Während aus den Randbezirken der EU eine Art Brüningsche Notverordnungspolitik ins Zentrum vorrückt, erstarkt nicht etwa die Linke, sondern die politische Rechte. Was läuft da falsch? Erklären die Linken die Krise nicht richtig? Kämpfen sie nicht um ihre Klientel? Haben sie keine Vorbilder? Sind sie zerstritten? Wissen sie keine Alternative?
Genau diese Fragen könnte man auch an den neuen Freitag richten. Denn die Linke, die SPD und der Freitag – sie sind sich so unähnlich nicht.
Am 26. Mai 2008 übernahm der Journalist und Spiegel-Anteilseigner Jakob Augstein das linke Traditionsblatt und verpasste ihm eine neue Redaktionsspitze, eine neue Blattstruktur, ein neues Lay-Out und eine „crossmediale Plattform zur Meinungsbildung und Debatte“. Das war mutig und nötig. Und so bekam der nach britischem Vorbild stark geliftete Freitag bei seinem ersten Auftritt im Februar 2009 zu Recht viele Vorschusslorbeeren. Der Freitag war „lesbarer“, „interessanter“ und „lockerer“ geworden.
Doch in der Linken sind das leider vergiftete Lobeshymnen. „Lesbarer“, „interessanter“ und „lockerer“ sind auch Synonyme für Oberflächlichkeit & Anpassung. Und genau das wird dem Freitag ein gutes Jahr nach dem Neustart vorgeworfen. Das Blatt biete nichts, was nicht auch in den Feuilletons von ZEIT, SZ, FAS, FAZ oder taz stehen könnte oder dort schon gestanden hat.
Das ist ungerecht, aber nicht von der Hand zu weisen. Ich z.B. nehme den Freitag jetzt lieber mit ins Zugabteil als früher. Denn er sieht aus wie eine moderne Zeitung. Man muss sich ihrer nicht schämen. Der Freitag ist gesellschaftsfähig geworden. Und genau das finden manche doof.
Denn das Sperrige, leicht Verklemmte, das den Freitag früher auszeichnete, stand eben auch für Haltung. Die war nicht unbedingt meine, aber dieser merkwürdige Freitag war dadurch tausend Mal obstinater als all die ironiebegabten Entertainment-Gazetten der großen Konkurrenz. Der Freitag fiel aus dem Rahmen. Er war unbeholfen und auf komische Weise ernst: Man ahnte sein berserkerhaftes Potential. Er war ein Widerhaken und hätte eines Tages sogar ein Enterhaken werden können. Nun ist er ein Häkchen geworden, das sich beizeiten krümmt.
Was am neuen Freitag sofort ins Auge fällt, ist die enorme Diskrepanz zwischen der multi-medialen Präsenz seines Verlegers und der doch sehr bescheidenen Lage des Blattes. Die verkaufte Auflage ist offenbar so beschämend, dass sie seit dem 4. Quartal 2009 nicht mehr an die IVW gemeldet wird. Ein verdienter Redakteur, ein Urgestein des alten Freitag, musste auf Druck des Verlegers seinen Hut nehmen – trotz lauter Proteste und inständiger Appelle. Der Freitag-Geschäftsführer verlässt nach nur zwei Jahren das Blatt, und ein harter Kern der Freitag-Community übt sich in „innerparteilicher” Opposition. Die alte Linke schlägt mit modernen Mitteln zurück.

Es ist geradezu ein Treppenwitz der Zeit(ungs)geschichte, dass das einzige linke Blatt in Deutschland mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise über kein eigenes Ressort für „Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verfügt.
Kann sich der Freitag in einem solchen Umfeld behaupten?
Betrachten wir das Blatt, wie es sich Woche für Woche den Lesern präsentiert: Der Freitag hat im Normalfall 28 Seiten und besteht aus drei Ressorts: Politik, Kultur, Alltag.
Das Ressort Politik erstreckt sich über 12 Seiten: Es beginnt – wie bei der ZEIT – mit zwei Leitartikeln auf Seite 1. Darüber – ebenfalls wie bei der ZEIT – eine krachbunte Fotomontage, die als Blickfang den „Schwerpunkt der Woche“ anzeigt. Dieser Schwerpunkt, ein Aushängeschild des Freitag, besteht aber zu selten aus originellen Freitag-Ideen oder herausragenden Einzelgeschichten, und zu oft aus ganz normalen Korrespondentenberichten, Kommentaren, Interviews und Graphiken – jenem Potpourri, das die Süddeutsche Zeitung jeden Tag auf Seite 2 präsentieren kann. Gerade der immer schneller rotierende Nachrichten-Hype (der selbst ein Leitmedium wie den Spiegel in Titel-Nöte stürzt) müsste den Freitag-Machern signalisieren: Wochen-beherrschende Themen gibt es nur noch selten. Die Chancen, komplett daneben zu liegen, steigen.
Auch die Seite 3 des Freitag orientiert sich an den Traditionen der Konkurrenz. Hier soll „die große Reportage“ stehen, die „Nahaufnahme“. An dieser Stelle geben die Qualitäts-Zeitungen normalerweise ihr Bestes. Doch der Freitag hat kaum Geld für Honorare, und so weicht er allzu oft auf billige (auf einem kleinen Interview beruhende) „Porträts“ aus, auf mittelmäßig geschriebene Features aus Übersee oder auf Übernahmen vom Kooperationspartner Guardian. Das geht dann oft an den Interessen der deutschen Leser vorbei. Und so muss der Freitag der bewunderten Süddeutschen Zeitung (deren Seite 3 gerade in den letzten Monaten zur Hochform aufgelaufen ist) ewig hinterher hecheln.
Der Rest des Politik-Ressorts (das über kluge und pfiffige Autoren verfügt) feiert gern die Pflichtthemen der Innen- und Außenpolitik ab, leicht garniert mit einer Essay-Seite für Gastautoren, etwas Zeitgeschichte und einer (absolut überflüssigen) Wochenchronik. All das erinnert mich an meine frühen Jahre bei der SPD-Wochenzeitung Vorwärts: Vom Ressortzuschnitt über die Machart und die redaktionellen Zwänge bis hin zur hervorragenden Qualität der politischen Karikaturisten (damals Kurt Halbritter und Loredano, heute Klaus Stuttmann!) – ein einziges Déjà-vu. (Die Ex-Leser der Woche wird der Freitag natürlich eher an die Woche erinnern).
Das zweite Ressort des Freitag, die Kultur, beginnt auf Seite 13 – und man hat das Gefühl, sie höret nimmer auf! Denn auch das abschließende Ressort, das beim Freitag tiefstapelnd „Alltag“ genannt wird, ist nichts anderes als ein angehängter „Kulturteil für alle“. Beim Vorwärts hießen diese vermischten Seiten „Journal“. Sie hatten die undankbare Aufgabe, alles, was in die anderen Ressorts nicht hinein passte, zu übernehmen. Und sie durften zeigen, dass auch Sozis Lebensart (und „Modernes Leben“) besitzen.
Die klassische Kultur (also die Theater-, Kino-, TV- oder Konzertkritik), ist beim Freitag – wie anderswo – längst zu einer „kurz+klein“-Seite geschrumpft. Erweitert wurden stattdessen die Spielräume für magazinige Beliebigkeit. Was beim Zeit- oder beim SZ-Magazin unter „Lifestyle“ oder „People“ firmiert, läuft hier unter Alltagsfreuden: Essen & Trinken, Wohnen & Leben, Familie & Garten, und all die Trends des mittelschichtigen Kulturbetriebs mit seinen unvermeidlichen Porträts und Interviews zu jeweils neuen Büchern und Filmen.
Der Freitag ist geschmackvoll und korrekt, sein aufgewecktes Lay-Out lässt selbst dröge Themen munter erscheinen (wovon die unübersichtliche und überladene Startseite von freitag.de durchaus lernen könnte). Die neuen Wissen-Seiten beackern das medizinische, psychologische und naturwissenschaftliche Feld: von der Suchtgesellschaft bis zur Klimadebatte. Aber auch sie referieren im Grunde nur, was die Großen der Branche genauso machen: Studienergebnisse vorstellen, ohne die Stichhaltigkeit dieser Studienergebnisse zu prüfen.
Auffallend – und wohl ein Markenzeichen des Freitag – ist die Aufmerksamkeit, die das Blatt den gebundenen Büchern schenkt. Bis vor kurzem gab es eine Doppelseite Bücher im Kulturteil; und eine weitere als „Leseprobe“ im Alltag. Dieser Hang zum guten Buch ist ein kluger Schachzug. Hier kann der Freitag seine finanzielle Schwäche in intellektuelle Stärke ummünzen: Denn Bücher (bzw. Vorabdrucke) senken die Kosten einer Zeitung immens.
Das Highlight des „Alltags“ ist aber die Gartenkolumne des Verlegers. Zum einen, weil man sie im Freitag nicht erwartet, zum anderen, weil man von einem Zeitungsmacher bestenfalls einen Cabrio-Testbericht erwartet (wie bei der ZEIT), zum dritten, weil man so viel verlegerische Kompetenz & Leidenschaft am ehesten auf den vorderen Seiten sehen möchte. In dieser wunderbaren Kolumne spiegelt sich das ganze Drama des begabten Blattes.
Denn Jakob Augstein ist Feuilletonist. Er ist streitbar und geschmeidig, bodenständig und witzig. Der Freitag ist sein Schrebergarten: hübsch angelegt und portioniert. Es gibt Hecken und Gemüsebeete, Oleander und Orchideen (Katrin Schuster z.B.). Aber es fehlt diesem Garten doch ein angeschlossener landwirtschaftlicher Betrieb, mit ordentlich Gülle, Traktor & Getriebeöl. Ein Blatt der Linken, in dem es naturgemäß ums Eingemachte geht, darf sich nicht in Marmeladen, Gurken & Gelees erschöpfen.
Es ist geradezu ein Treppenwitz der Zeit(ungs)geschichte, dass das einzige linke Blatt in Deutschland mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise über kein eigenes Ressort für „Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verfügt. Und so komisch es klingt, auch da eifert der Freitag den Großen seiner Branche nach: Es gibt – seit dem Untergang der alten Frankfurter Rundschau – keinen einzigen linken Wirtschaftsredakteur mehr in Deutschland (und jedes Mal, wenn der ARD-Presseclub einen sucht, muss er Professor Hickel aus Bremen holen). Und weil das so ist, holt eben auch der Freitag immer brav seinen Professor Fülberth aus Marburg.
Dieser Text ist eine Übernahme von MAGDA, dem Magazin der Autoren.


Die SPD und den Freitag als links zu bezeichnen, halte ich für etwas übermessen. Der Freitag ist vielleicht alternativ und gibt sich zum Teil ein bisschen wie die TAZ, aber inhaltlich ist er schlichtweg kritisch, interessant, vielseitig – aber macht ihn das gleich links? Manche verwenden hier gerne den Begriff “linksliberal”, wenngleich man auch darüber wieder streiten könnte. In diesem Artikel, nur das will ich sagen, wird der Freitag aber wie ein Organ der deutschen Linken dargestellt, was meiner Meinung nach nicht stimmt oder passt.
Passt diese Behauptung noch zur vorherigen, der Freitag wäre links? Ist doch die Süddeutsche Zeitung bekanntermaßen eher konservativ. Bewundert eine “linke Zeitung” eine solche? Oder war das mehr auf das Konzept und Erfolg bezogen, als auf den Inhalt und das Image?
Nein, der Freitag ist kein Parteiorgan. Er orientiert sich auch nur an den Konzepten der Großen, nicht an deren Tendenz. Links, linksliberal, irgendwo dazwischen – meinetwegen, aber man kann den Freitag nicht so einfach von seiner Herkunft trennen.
Darum geht’s doch momentan, oder?
“…Die verkaufte Auflage ist offenbar so beschämend…”
Wie kommen Sie zu dieser Aussage? Ist dies Ihre persönliche Vermutung oder gibt es Fakten, die diese Aussage untermauern?
Gruß
Das schrieb die taz vor kurzem: “Laut Augstein hat der Freitag seit dem Relaunch 2009 “ein paar hundert Abonnenten” verloren.”
@ Kernberg: Vielleicht weniger forsch nachfragen und einfach bei IVW.eu nachschauen.
Auszug für Sie:
Freitag (woe)
Zeitungsverlag Freitag GmbH (Berlin)
Titel-Nr.: 709, IVW-Nr.: 0339-00101, ZIS-Schlüssel: 102322
Wochenzeitungen
Hinweis: 16.11.2009: Titel/Anzeigenbelegungseinheit wird nicht mehr gemeldet.
Von 4/2007 auf 3/2009 sank die Abo-Auflage von 9.258 auf 7.650
Auch zu sehen ist, dass der Freitag massiv versucht hat, den Einzelverkauf zu puschen. In 3/2009 wurden im Schnitt 19.454 Exemplare in den EV gepumpt, aber nur 5.904 wurden verkauft, so dass 13.550 zurückkamen. Im Vorquartal lagen die EV-Remittenden im Schnitt bei 25.000 Exemplaren.
Falls Sie es nicht glauben
http://hotfile.com/dl/33443154/6247936/freitag_ivw.png.html
@michal:
Danke für den Hinweis!
Hier noch der Link zum erwähnten taz-Artikel:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=fl&dig=2010/02/25/a0056&cHash=15c65b9cb9
@doktor:
“…Vielleicht weniger forsch nachfragen…”
Sie sind aber sensibel! Das war doch nicht forsch. ;-)
Das Problem ist, dass die IVW-Zahlen eben nicht mehr aktuell sind. Ich hatte auf neuere Daten gehofft…
http://meedia.de/nc/details-topstory/article/ivw-analyse–zeitungskrise-verschrft-sich_100025760.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=23&cHash=3c2325f04c
Ich gehöre wohl zu der “alten Linken”. Dabei bin ich nicht einmal halb so alt wie der Verfasser dieses Artikels. Auch in der SPD spricht man gerne von Ewiggestrigen und vergisst, dass die schärfste Kritikerin (Franziska Drohsel) erst 1980 geboren wurde. Es ist auch die junge Linke, welche im alten Freitag ein zuhause gefunden und nun wieder verloren hat.
Auch möchte ich der Aussage “seit dem Untergang der alten Frankfurter Rundschau” gebe es “keinen einzigen linken Wirtschaftsredakteur mehr in Deutschland” widersprechen. Keynesianisch angehauchte Wirtschaftsjournalisten finden sich sich zum Beispiel weiterhin bei der Financial Times Deutschland.
[...] Update: Bei Carta ist heute übrigens eine Blattkritik von Wolfgang Michals erschienen. [...]
Ich sprach nicht von einem “Parteiorgan”, sondern von einer Zeitung, die, wie in dem Artikel behauptet wird, Sprachrohr für die deutsche Linke (und damit ist nicht die Partei, sondern, wie sie gerne genannt wird, die “Szene” gemeint) sein soll. Das ist aber keineswegs der Fall: Da passt dann doch eher z. B. die “junge Welt” oder das Wochenblatt “Jungle World” hinein.
Vielen Dank für diesen Beitrag. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Es gibt nicht mehr viele linke, linksliberale und kritische Medienorgane in dieser Republik. Neben dem Freitag, dessen Zukunft ungewiss scheint, gibt es noch die sehr guten Blätter (www.blaetter.de), die nicht nur in Krisenfragen gute Beiträge hatten und haben, und deren Mitherausgeber auch Rudolf Hickel ist. Die taz und die Frankfurter Rundschau, wobei die FR Federn lassen musste in den vergangenen Jahren (Du Mont renoviert/ruiniert), sind auch noch spannende Zeitungen. Aber dann? Da ist nicht mehr viel…
Zum neuen Freitag als Holzmedium kann ich nicht viel sagen, da ich mich nur kurz nach dem Relaunch und nach ca. drei gekauften Ausgaben entschlossen habe, dieses Produkt nicht konsumieren zu wollen.
Zum neuen Freitag online kann ich allerdings eine Menge sagen, da ich das Projekt aufmerksam verfolgt habe. Immerhin wurde da mitten in der Blätter-Aristokratie der Versuch unternommen und das Versprechen abgegeben, etwas Neues zu machen. Nun, was soll man sagen? Wenn der Versuch resp. das Versprechen je ernst gemeint waren, beide sind gescheitert. Ohne das arrogant zu meinen: Mir würden persönlich ad hoc zehn Features einfallen, die ich am Online-Auftritt verbesserungs- oder komplett austauschwürdig finde. Jeder dritte Zehntklässler kann heute mit ein paar Euros eine bessere Community-Website aufziehen. Auch insofern ist die Frage berechtigt: Was ist da los? Wird das Unternehmen irgendwie systematisch ausgebremst? Oder befinden sich Spuren von Ritalin im Redaktions-Trinkwasser? Was soll das Gerede vom “Guardian als Vorbild”? Die Seite des Guardian setzt in beinahe jeder Hinsicht (auch vom Design her) Maßstäbe, nichts davon hat der Freitag online übernommen. Wenn ich das richtig sehe, war die Freitag-Seite viele, viele Monate lang beta. Jetzt hat man das Beta-Schild vom Logo entfernt, aber geändert hat sich doch nichts.
Man kann den Leuten, die da Verantwortung tragen (oder dies perfekt simulieren) nur zurufen: Allein, es sei betont: allein der Spiegel Online kann sich ein etwas gestriges Online-Design leisten und dennoch erfolgreich sein. Alle anderen müssen etwas tun. Und der Spiegel-Auftritt ist funktional durchaus in Ordnung, und das ohne den ausdrücklichen Wunsch, eine riesige Community aufzuziehen.
[...] Was ist denn bloß beim Freitag los? — CARTA [...]
[...] Was ist denn bloß beim Freitag los? [...]
Bei Augstein riecht fast jeder Satz dermaßen streng nach SPD, dass ich mich schon nach einigen Ausgaben des “neuen Freitag” angewidert abgewendet habe. Warum noch so ein vorgebliches kritisches, am Ende aber doch schwächlich-konformistisches Redundanzblatt? Wer braucht denn so etwas? Die paar scheinheiligen Linksliberalen von der Öko-FDP? Na schön.
Und was soll an Augsteins prätentiöser Art denn so witzig sein? “Journalist und Gärtner in Berlin”, meine Fresse. Schnöder Berlin-Chic-Trashtalk der klischeehaftesten Sorte.
Nein, dann schon lieber die Jungle World. Die unterscheidet sich, bei aller Kritik, die ich an hier hätte, wenigstens noch zu mehr als 1 Prozent von dem publizistischen Einheitsbrei.
@ M. R. Genz: Du bringst auf den Punkt, was ich nicht in die richtigen Worte fassen konnte. Schön scharfzüngig.
Wenn die Blätter, Jungle World, taz und FR als Beispiele für die noch lesenswerte linke Presse erwähnt werden, sollte man auch auf Konkret, Ossietzky und auf das Blättchen http://das-blaettchen.de/ hinweisen.
Klingt vielleicht merkwürdig, aber mich interessiert gar nicht die Ausrichtung eines Blattes. Die wird allenfalls durch eine Themenauswahl und die Autoren hergestellt. Es ist doch gar nicht so, dass Menschen gerne Medien ihrer Meinung lesen wollen. Wenn etwas fade ist, dann der Mangel an Widerspruch und Breite und Anregung.
Das Wichtigste bei einer Zeitung oder einem Onlinemedium oder einem technischen Gerät für mich ist: Es muss “responsive” und praktisch sein. Das Meinungsmedium des Netzes ist und bleibt deshalb Heise.
FR ist erwähnenswerte “linke Presse”? Na ja. Konkret schon viel eindeutiger.
Ach, nein? Was denn dann? Ich für meinen Teil lese nicht gerne konservative Zeitungen oder Klatschpresse; da lese ich doch viel lieber die fundierten, kenntnisreichen und vor allem informativen Hintergrundberichte, Analysen und Kritiken in der Konkret, die auf Ansichten aufbauen bzw. solche als “selbstverständliche” Grundlage transportieren, mit denen ich (zumindest größtenteils) übereinstimme.
Der war gut! Die wenigsten Menschen in unserem Lande sind Sektier, die Konkret lesen und nachbeten. Sumpfen im eigenen Safte, ausgestattet mit fremden kruden Feindbildern zur Welterklärung, nein danke. Ja, es gibt Personen, die Hetz- und Hatzkreationen als Treppenwitz ostzonaler Volksbildung an der unsichtbaren Front auch nach 1989 als ihr Hobbyprojekt fortführen, weil sie das so sehr lieben.
Das ist manchmal unterhaltsam aber auch irgendwie “anstrengend”, und es hat so irre wenig mit unserem Leben zu tun. Sie erkämpfen ihre private Meinungshoheit darüber, was ihrer Ansicht nach “links” sei und erzählen Chimärchen.
Warum soll ich zum Beispiel ausgerechnet einen Schmähartikel aus der konkret gegen das BVerfG mit dem geballten Halbwissen des Verfassers lesen? Das BVerfG hat die VDS gekippt, dieses Blatt kübelt seinen übelsten Sermon. Nun, Chimärchen sind ja manchmal auch unterhaltsam. Aber es gibt so viel Wettbewerb im Bereich der schlecht recherchierten Medien, dass dieses Blatt einfach nicht bestehen kann.
Die Konkret bricht die Regel “Es ist doch gar nicht so, dass Menschen gerne Medien ihrer Meinung lesen wollen” nicht, sondern bestätigt sie. Denn solche Meinungen kann niemand aus eigener Anschauung gewinnen, es bleibt eine fremde Meinung einer Politsektenpriesterkaste für die Hartgesottenen, die sich durch die abgestandenen Freund-Feind-Schemata manipulieren lassen. Irgendwie faszinierend, dass der alte Drache noch faucht trotz alledem.
Man kann doch nicht von einer sektenhaften Zeitschrift reden, wenn es über die Konkret geht – hier schimmern scheinbar noch alte Vorurteile gegen über den “linksextremen Dogmatikern” durch. Konkret ist provokativ, sprachlich sehr ausgefeilt, anspruchsvoll und natürlich stark politisch, wenn auch zum Teil kontrovers. Da kann man der Behauptung, dass Menschen nicht gern Medien ihrer Meinung lesen, gewissermaßen doch zustimmen. Beispiel Nah-Ost-Konflikt: Die Haltung von Konkret gegenüber Israel wird wohl bekannt sein, ich lese die kritischen Kommentare zu aktuellen Ereignissen diesbezüglich trotz meiner nicht entsprechenden Ansichten sehr gerne. Konkret bezeichnet sich als “undogmatisch” und wirkt nicht so, als beanspruchte sie eine Meinungshoheit über “das echte Linke”. Was hier nun richtig links, zu links, nicht links genug oder – schenkt man den Vorwürfen glauben – sogar antideutsch ist, soll der Leser selbst entscheiden. Ich kann nur sagen: Es handelt sich um ein Medium, mit dem ich mich zumindest teilweise identifizieren kann, und zwar so weit, dass ich es gern lese und immer wieder nachdenken muss. Deshalb verstehe ich nicht, woher man die Aussage nimmt, dass die Menschen normalerweise nicht lesen, was ihrer eigenen Meinung entspricht. Wer soundso drauf ist, liest taz, nicht FAZ, oder? Und warum? Weil er sich damit identifizieren kann.
Nur als Fußnote, der Text, den ich meinte: http://bit.ly/EbXKq
Die Werbephrase des “Undogmatischen” hat in diesen Kreisen eine dogmatische Bedeutung, nämlich alles was einstmals nicht direkt “aus Moskau” kam, und wo man sich mal kreativ, abseitig und abstrus über etwas auslassen durfte. Das kann je nach Diskurs durchaus befreiend sein.
Der Freitag sieht sich als “irgendwie links”, was eine praktische Formel für den Garten ist. Konkret bekennt sich als “links” ohne einen Beleg dafür erbracht zu haben. Und sie zieht mittlerweile auch das Klientel an, das den “rechten” Kleinkriminellen in der Nachbarschaft hinterher spioniert im Sinne eines “linken” Projektes. Der “fruchtbaren Schoß” zielte wohl von Anfang an auf die puritanisch wachende Nachbarschaft. Oder es wird einfach alles hübsch negiert, was auf der Rechten an unzeitgemäßer Folklore gepflegt wird. Die Debatten versteht man natürlich nur, wenn man die genauso intensiv zur Kenntnis nimmt statt ignoriert.
Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist? Teilnahme an gegenwärtigen Debatten, Visionen, Pläne, Agenden, Projekten, Reformideen? Mitgestaltung? – Fehlanzeige.
Ich wollt ja nun gar nie “links” sein, aber mir gefallen ungemein die Formeln von Robert Kurz, wie er mit scharfer Analyse seinen Anhängern ihren Sermon um die Ohren haut, wie das ein Gegner nie hingekriegt hätte. Das ist große Unterhaltung, und für einen Nicht-Gläubigen intellektuell sehr anregend. Im Freitag füllt er manchmal die Lücke, die realexistierende Wirtschaft zu beacken. FTD bedient da natürlich den Leser besser und kenntnisreicher als ein fantastischer Theoretiker.
“Das Highlight des „Alltags“ ist aber die Gartenkolumne des Verlegers. Zum einen, weil man sie im Freitag nicht erwartet, zum anderen, weil man von einem Zeitungsmacher bestenfalls einen Cabrio-Testbericht erwartet (wie bei der ZEIT), zum dritten, weil man so viel verlegerische Kompetenz & Leidenschaft am ehesten auf den vorderen Seiten sehen möchte. In dieser wunderbaren Kolumne spiegelt sich das ganze Drama des begabten Blattes.”
So ist es. Das ist eine Kostbarkeit. Ich schreibe das lieber hier, weil ich – die ich ja auch beim “Freitag” blogge – ihm dort nicht hinterhersteigen mag. Aber, diese Kolumnen sind Preziosen ohne jedes Getue und Gemache.
Wenn es einen “Nachweis” gibt, dass da ein Menschenfreund links zugange ist, dann spürt man das an dieser Kolumne.
Alles andere ist – wie ich finde – sehr vom allgemeinen Bemühen und auch dem Bestreben, nicht zu dicht und nicht zu weit vom Mainstream zu schwimmen bestimmt und manchmal auch gestört. Aber ich weiß schon, dass der gute Wille nicht das Kriterium sein kann.
[...] Die ist Augstein offenbar zu wenig mainstreamig, und das ist gerade das Problem, das weit über die Querelen rund um die Zeitung hinausweist: „Links“ ist es jedenfalls, einen kritischen Ansatz zu dem jeweiligen Gegenstand zu [...]
@André Rebentisch
“Wenn etwas fade ist, dann der Mangel an Widerspruch und Breite und Anregung.” Das sehe ich auch so. Deshalb lese ich z.B. die FAZ so gerne, weil man sich hie und da so schön aufregen kann. Aber sie bietet in vielen Teilen fundierten Journalismus. Ich stimme den Inhalten oft nicht zu, aber die Beiträge ermöglichen es einem, dass man angeregt wird, für die eigene Meinung gute Gegenargumente zu formulieren. Das bieten auch ein paar andere, aber nicht allzu viele.
Deshalb kann ich den Beitrag von @Wolfgang Michal gut verstehen. Wir brauchen den Freitag!!! Ich “fürchte” mich davor, dass immer mehr Zeitungen wegbrechen und dieser ganze “Mainstreambrei” sich weiter Bahn bricht.
Es geht nicht darum, ob wir die Meinung einer Zeitung teilen, sondern darum, ob wir substantielle Auswahl haben , um eine fundierte Gegenmeinung zu bilden. Nur dann ist konstruktives Streiten möglich und das ist Demokratie!
[...] Sonntag, 21. März 2010 | Autor: zoom Medien: Was ist bloß beim Freitag los? … carta [...]
@ André Rebentisch: “Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist? Teilnahme an gegenwärtigen Debatten, Visionen, Pläne, Agenden, Projekten, Reformideen?” Von wegen Fehlanzeige: Konkret setzt sich Monat für Monat in diversen Kolumnen und Artikeln zu aktuellen Debatten mit dem “Zeitgeist” auseinander und hat eigene Visionen, Pläne, Reformideen – und darf sich auch als links bezeichnen, denn das Gesamtbild baut auf einer sozialistischen, nein kommunistischen Weltanschauung auf.
Der Freitag liefert zum Teil sehr interessante und spannende Artikel, das möchte man gar nicht abstreiten, aber “irgendwie links” kann jeder sein, auch ein SPD-Wähler. Diese Bezeichnung wäre nicht notwendig gewesen, passte man sich da nicht der Mode an. Man ist heutzutage schon “irgendwie links”, wenn man auch nur gegen rechts ist (trotz alledem will ich gar nicht zum Ausdruck bringen, der Freitag sei kein lesenswertes Blatt).
Danke erst mal, dass die Diskussion hier so engagiert verläuft. Ich muss dazu eine kleine Geschichte erzählen (und frage mich, wie die wohl zu bewerten ist): Am vergangenen Freitag fuhr ich im Zug nach Frankfurt, und ich hatte (wie oben beschrieben) den “Freitag” dabei. Ich las ihn, nach FAZ und Spiegel, als Letztes. Ich war gerade beim Ressort “Alltag” angelangt (Aufmacher: Nana Mouskouri). Kurz vor Frankfurt beugt sich eine Frau in meine aufgeschlagene Zeitung und flüstert: “Entschuldigen Sie, würden Sie mir sagen, welche Zeitung Sie da lesen?” – “Den Freitag”. – Ihr Gesicht bildete ein Fragezeichen. “Und wo erscheint die?” – “In Berlin”. – “Würde es Ihnen was ausmachen, mir die Zeitung zu überlassen, wenn Sie sie ausgelesen haben?” Ich schaute die Frau fragend an. “Ach wissen Sie”, sagte sie dann, “ich bin ein Fan von Nana Mouskouri, ich fahre extra wegen ihr nach Frankfurt, sie singt morgen in der Oper (zu Fritz Rau’s 80.!). Ich sammle alles über sie.” “Okaaaay”, sagte ich. Dann setzte sich die Frau wieder auf ihren Platz und begann, ihre Freundinnen in Berlin anzurufen (wahrscheinlich die Mitglieder der Nana-Mouskouri-Fangruppe). “Lauf zum nächsten Kiosk und kauf den Freitag!” sagte sie ihren Freundinnen. Ich weiß nicht, wie hoch ich die Auflage des Freitag im Einzelverkauf an diesem Freitag getrieben habe. Und ob es den Freitag an Berliner Kiosken überhaupt noch gibt. Aber ich hatte die leise Hoffnung, die Ressortleiterin des “Alltags” – die nach meiner Blattkritik sehr ungehalten reagierte – mit diesem Erlebnis ein wenig trösten zu können.
Da liegt dann wohl unsere Differenz, ich mag das politische Spektrum in der ganzen Breite. Sympathien werden themenbezogen verteilt. Auf europäischer Ebene habe ich es mit der quirligen Breite von sehr unabhängigen Abgeordneten aus ganz Europa zu tun, das macht indifferent gegenüber parteipolitischen Kästchen. Es scheint mir aber doch erschreckend wie wenig “links” denkenden Geistern zu der Bewältigung der Wirtschaftskrise einfällt. Die spannende Frage ist, was die “progressive” Agenda unserer Zeit ist, konservativ sind wir alle auf unsere Art ohnehin. Auch die genannte SPD steht wie alle sozialdemokratischen Parteien in Europa vor einer programmatischen Besinnung, das ist herausfordernd. Die FDP hat über Jahre gezeigt, wie mit einer sehr intensiven und professionellen Programmdebatte die Entwicklung unseres Landes beeinflusst werden kann. Die Piratenpartei zeigt wie eine Basis mit Offenheit und der Möglichkeit zur Mitarbeit mobilisiert werden kann, davon können die mitgliederstärkeren Parteien mit ihrem Wahlkampf aus der Agentur nur träumen. Die Linkspartei verlegt sich auf Populismus, nicht intellektuelle Führung, was die frustrierte Basis der Sozialdemokratie absorbiert. Das Beeindruckende an der sich links verortenden Zeitung Freitag finde ich das eigensinnige Profil, das mit Liebe gepflegt wird. Und zum Thema Feuilleton, da wäre ich sehr für einen neuen Zeitungremix, der nur aus dem Feuilleton von FAZ, Sueddeutsche usw. besteht, so wie die Herald Tribune die Washington Post und die New York Times remixt.
@Jan
Was die besagte “kommunistische Weltanschaung” betrifft, so ist jedenfalls meine Generation noch von der Ostzone geprägt und ihren 5. Kolonnen im Westen. Sie hat neben anderen Weltanschaungen ihren Platz gefunden. Warum gerade ihre negativen Aspekte publizistisch tradiert werden müssen, nämlich Agitation, Feindbilder und Denunziation, das will mir nicht einleuchten. Marx war wie Luther ein ätzender Polemiker. Die Schwäche schon bei ihm liegt in der Praxis des Kommenden, das was Kurz so herrlich als “Keimform” bezeichnete, die in der Gegenwart bereits angelegt sein müsse. So wie Freiheit und Demokratie nicht in einer Jakobinerherrschaft münden müssen, mag man das vielleicht als zweite Chance begreifen. Notwendig ist dann ein Bruch mit eben den Denkfiguren und Praktiken, die den Diskurs vergiften und zu Unfreiheit führen. Ich habe da so meine Zweifel, ob jemand, der die Prämissen dieser Weltanschauung teilt, von diesem Medium gut bedient wird. Es fehlt mir der konstruktive Beitrag, der sich selbst in der Arena zu beweisen hat. Der Giftzwerg sucht sich immer seine Chimäre, grad scheint es der Islam zu sein, morgen die Hecke des Nachbarn oder die “Banker”. Solche Leser sollte sich niemand heranzüchten.
Hier bekennt sich Augstein zum Liberalismus und meint, dass die Gesellschaft bei den Medien nichts mitzureden habe. Ob man mit solchen Zu- und Abneigungen ein linkes Blatt machen kann?
http://www.freitag.de/community/blogs/streifzug/leistungsschutzrecht-als-herrschaftsmodell
Was das Blattmachen generell angeht, würde ich “Aufmerksamkeit” (Kommentar 24) zustimmen.