Wolfgang Michal

Google und die Telekom: Sind das die neuen Verleger?

Wolfgang Michal | 20 Kommentar(e)


Während die Verteidiger der Netzneutralität das Internet als neutrale Pipeline erhalten wollen, drängen die Industrienationen darauf, Provider und Suchmaschinen für durchgeleitete und vermittelte Inhalte verantwortlich zu machen. Das könnte dazu führen, dass die privaten Dienstleister irgendwann zu Medienunternehmen werden.

16.12.2009 | 

„Im Kern“, schreibt Rechtsanwalt Thomas Stadler, „geht es darum, dass man einen Telekommunikations-Dienstleister, der eine rein technische und neutrale Leistung erbringt, nicht für die Kontrolle von Inhalten heranziehen darf, weil dies zwangsläufig eine Manipulation technischer Abläufe mit sich bringt.“

Absolut richtig, möchte man sagen.

Die Netzneutralität ist in den Richtlinien der EU verankert. Und auch die Bereitsteller von Internet-Pipelines (die Provider) halten diese Definition für sinnvoll. Sie lautet: Es ist uns schnurzpiepegal, was durch unsere Pipelines fließt, wir stellen lediglich die Transportmöglichkeiten zur Verfügung. Was die Nutzer mit den transportierten Inhalten machen, ist ihr Problem. Wir halten uns raus. So sieht es (derzeit noch) die Telekom, und so formulieren es auch Filesharer wie The Pirate Bay oder Blubster.

Sie alle berufen sich auf das Fernmeldegeheimnis, das die Neutralität des Telefonnetzes bzw. die Neutralität der Post garantiert. Schließlich weiß auch die Post nicht, was in einem Päckchen drin ist, und der Telefonleitung kann man nicht ansehen, welche Aussagen durch die Drähte fließen.

Aber kann man das Internet generell mit einer Pipeline – mit einem neutralen Dienstleister wie der Post – vergleichen? Beim E-Mail-Verkehr ist das unstrittig. Da kommuniziert eine Person mit einer anderen, und keine dritte Person soll mitlesen. Hier gilt – wie in allen Fällen von P2P-Netzwerken – das Post- und Fernmeldegeheimnis. Doch in weiten Bereichen des Internet kann (und soll) jeder sehen, was durch die Pipelines fließt – weil die Pipelines gläsern sind. Und sie sind absichtlich gläsern, denn das Netz soll jedem die Möglichkeit eröffnen, mitzulesen, mitzusehen, mitzuhören und mitzureden.

Das Internet ist sozusagen ein Zwitter. Es ist sowohl Pipeline als auch Massenmedium, es ist technische Dienstleistung und Bühne, es ist Postbote und Rundfunksender. Mit Hilfe des Internet schicken wir nicht nur blickdicht verpackte Inhalte-Pakete von A nach B, sondern legen auch durchsichtige Pakete auf eine Plattform und rufen: Völker, schaut auf diese Inhalte! Hier sind nicht mehr Post- oder Fernmeldegeheimnis gefragt, sondern Urheberrecht, Presserecht, Persönlichkeitsrecht. Und die sollen – nach dem Willen vieler Regierungen – auch für jene gelten, die gläserne Pipelines zur Verfügung stellen. Zugespitzt könnte man sagen: Telekom und Google werden zu „Verlegern neuen Typs“.

„Halt!“ schreien jetzt manche. Niemand käme doch auf die Idee, einen Papierhersteller für das verantwortlich zu machen, was andere Leute auf das Papier schreiben. Das Internet ist doch bloß ein Trägermedium. Das ist richtig, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Denn Papier- oder Druckmaschinenhersteller veröffentlichen und verbreiten keine Inhalte, Telekom und Google aber schon.

Diese „Verleger neuen Typs“ ziehen sich bislang auf die Position zurück, sie seien nur die Postboten, die irgendwelche Datenpakete zustellen – oder neutrale Auskunfteien, die verraten, wo man bestimmte Pakete abholen kann. Sie haben ihre Rolle als Verleger noch gar nicht richtig begriffen.

Möglicherweise haben wir uns (bedingt durch den staatlichen Ursprung der Telekom) etwas zu sehr an das Bild vom neutralen Durchleitungsnetz gewöhnt, obwohl der Zweck des Internets nie nur das Durchleiten, sondern immer auch das „Zur Schau stellen“ von Inhalten ist. Innerlich sperren wir uns gegen den „absurden“ Gedanken, dass die Verleger im Internetzeitalter nicht mehr jene traditionsstolzen Persönlichkeiten mit publizistischem Anspruch sind, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen, sondern „seelenlose“ Suchmaschinen und Telekommunikationsunternehmen. Diese Privat-Firmen (!) sind es, die heute den Zugang zur Öffentlichkeit ermöglichen und die Inhalte verbreiten. Sie finanzieren ihr Geschäftsmodell – ganz wie die alten Print-Verlage – über Werbung (Adwords) oder Vertriebserlöse (Zugangsflatrate). Zwar bezeichnen manche Netzpolitiker die Tätigkeit von Google gern als selbstlose Dienstleistung im Interesse der Menschheit, doch in Wahrheit handelt es sich um klassische Inhalte-Verwertung durch ein kommerzielles Unternehmen. Das einzige, was bei dieser Internet-Verwertung bislang fehlt, ist der Vertrag zwischen Urhebern und Verwertern.

Es ist doch kurios, dass wir erst durch die Anspruchshaltung der Burda, Springer & Co gegenüber Google und Telekom erkennen, wie sehr sich die Verhältnisse verändert haben. Denn die traditionellen Verlage, die heute ihren „fairen Anteil“ von den Suchmaschinen und Zugangsprovidern verlangen, geben damit indirekt zu, dass sie ihre Rolle als Verwerter verloren haben und im Internet wie einfache Produzenten oder Urheber auftreten. Ja, sie müssen – wie jeder freie Journalist – darum kämpfen, von den neuen Super-Verlagen „angemessen“ honoriert zu werden. (Und die Regierungen befördern diesen Rollenwechsel noch dadurch, dass sie die Provider für die „durchgeleiteten“ Inhalte verantwortlich machen.)

So gehen die traditionellen Verlegerleistungen

  • Vervielfältigung
  • Vertrieb
  • Rechtliche und publizistische Verantwortung für die verbreiteten Inhalte
  • Vergütung von Produzenten bzw. Urhebern

schrittweise auf die „Verlage neuen Typs“ über. Diese werden global agieren und größer sein als die heutigen Medienunternehmen. Es ist ein Konzentrationsprozess.

Die guten alten Verleger aber werden im Internet zu Inhalte-Anbietern wie du und ich.

Welcome to the Club!

Lesen Sie dazu auch: Wenn die großen Verlage überleben wollen… und Wie lange wird das Netz noch neutral sein?

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20 Kommentare

  1. Tobias Barth |  16.12.2009 | 21:39 | permalink  

    Ich weiß nicht, ob Sie da nicht ein paar Dinge zuviel durcheinander werfen. Bei der Netzneutralität geht es doch darum, den _Transport_ von Daten neutral zu behandeln. Datenpakete eines bestimmten Typs oder Inhalts sollen nicht bevorzugt bzw. hintangestellt werden. Darüber hinaus soll der Inhalt der Pakete nicht während des Transport verändert werden. Das zum einen.
    Etwas ganz anderes ist die Bereitstellung von Inhalten. Egal ob dies nun Suchergebnisse bei Google sind oder News auf der T-Online-Homepage. Hier handelt es sich natürlich um Publikationen oder Aufbereitung von Inhalten. Dafür gelten bestimmte Gesetze, die Publizierende ebenso wie Verlage z.B. beachten müssen.
    Das Problem Ihrer Argumentation ist meines Erachtens der Begriff “das Internet”. Es wurde schon so oft geschrieben, erwähnt, wiederholt: DAS Internet gibt es nicht. Selbstverständlich gelten bestimmte Regeln und Gesetze im Emailverkehr, andere beim veröffentlichen auf Homepages, wieder andere bei P2P-Netzwerken usw. usf. Wir legen eben keine “durchsichtigen Pakete” auf Homepages oder bei Diensten wie Facebook oder Twitter ab – wir veröffentlichen dort bestimmte Inhalte.
    Interessant für die Netzneutralität und damit letztlich das Fernmeldegeheimnis ist nur der Transport der Daten vom Veröffentlicher auf die Plattform und von der Plattform zum Konsomenten. Einzig und allein darum geht es. In diesem Bereich (sic!) sind die Zugangsanbieter wie T-Online, AT&T usw. tatsächlich nichts als Postboten!

  2. Robin Meyer-Lucht |  16.12.2009 | 21:56 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    jip, die Provider sollen immer mehr für die Inhalte herhalten. Dem steht allerdins das verfassungrechtliche “Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme” entgegen.
    http://carta.info/13113/zugangssperren-three-strikes-verfassungsgemaess/

    Mit anderen Worten: Wenn mich mein Provider potenziell immer abhört, dann ist unser Verhältnis verfassungsrechtlich unverhältnismäßig gestört.

    “Das einzige, was bei dieser Internet-Verwertung bislang fehlt, ist der Vertrag zwischen Urhebern und Verwertern.”

    Eben gerade nicht. Die Provider und Google haben längst verstanden, dass die das Content-Geschäft lieber anderen überlassen (einer Vielzahl von neuen Anbietern neben den klassischen Verlagen).

    Das Geld steckt im Infrastruktur-, Aggregations- und Anzeigenvermittlungsgeschäft für die neue publizistische Vielfalt.

    Google verdient mit AdSense 50 Prozent Marge. Das schafft man im Content-Geschäft never…

  3. Gläserne und blickdichte Pipelines – Orkpiraten |  16.12.2009 | 22:14 | permalink  

    [...] nach­ge­dacht, und die Frage auf­ge­stellt, ob Google und die Tele­kom nicht die „neuen Ver­le­ger“ seien. Das ist keine dumme Frage, und zeigt schön auf, daß das Inter­net hier [...]

  4. Wolfgang Michal |  16.12.2009 | 22:34 | permalink  

    Robin, als Verwerter muss man die Inhalte nicht unbedingt selber produzieren lassen. Man kann auch die Inhalte von anderen verwerten.

    Und wo steht geschrieben, dass Provider und Suchmaschinen nicht eines Tages verlegerische Kompetenzen übernehmen (wenn sie eh schon Inhalte analysieren und sortieren)? Hättest du gedacht, dass aus einem Röhrenproduzenten (für Pipelines!!) mal ein Telekommunikationsunternehmen wird? Oder aus Preussag-Stahl ein Touristik-Dienstleister? Alles fließt. Man muss nur den Mut haben, die Dinge mal mit anderen Augen zu sehen.

    (P.S. Die Gewährleistung der Vertraulichkeit betrifft deine E-Mail, nicht deinen Kommentar hier)

  5. Niggo |  17.12.2009 | 01:31 | permalink  

    Es tut mir Leid, aber in diesem Artikel werden einige Dinge vermischt, die nicht zusammen gehören.

    Netzneutralität bezieht sich nicht auf Suchmaschinen oder die Webseite(n) der Telekomm oder The Pirate Bay. Netzneutralität bezieht sich auf die Internet Service Provider (ISPs). Diese bieten tatsächlich nur eine Leitung an. Natürlich ist die Telekom aber nicht nur ISP sondern hat auch eine Webseite auf der sie Inhalte und Dienste Anbietet. Dieses zusätzliche Angebot hat aber nichts mit de Netzneutralität als der unbeeinflussten Durchleitung von Daten zu tun und darf daher nicht als Argument gegen Netzneutralität verwendet werden, da sie nichts miteinander zu tun haben.

    Die Analogie mit der gläsernen Pipeline stimmt so auch nicht. Das Internet ist nicht gleich mit dem WWW. Egal ob ich etwas auf eine Webseite für alle Welt öffentlich mache, heißt das nicht, dass ich alle Daten die ich zu dieser Webseite schicke oder von dieser erhalte auch der ganzen Welt zur Verfügung stelle bzw. stellen möchte. Dementsprechend gibt es auch kein Zwitter sondern das Internet als Pipelinesystem und das WWW, das (teilweise) Massenmedium ist.

    Denoch haben Sie damit recht, dass Google, The Pirate Bay und auch die Telekom (als Betreiber von Webportalen) u. a. klassische Verlegertätigkeiten erfüllen.

  6. Thomas Television |  17.12.2009 | 03:01 | permalink  

    “Denn Papier- oder Druckmaschinenhersteller veröffentlichen und verbreiten keine Inhalte, Telekom und Google aber schon.”

    Vielleicht sollte man sich in dem Zusammenhang auch immer mal wieder bewusst machen, dass das Content-Angebot von T-Online das mit Abstand meistbesuchte ist: http://tinyurl.com/yd4jegf

  7. Wolfgang Michal |  17.12.2009 | 10:58 | permalink  

    @niggo:
    Was wird hier vermischt?

    Das Internet ermöglicht die Nutzung verschiedener Dienste wie E-Mail, Usenet (Wandzeitung), FTP (Datenübertragung), Telefonie, Radio und Fernsehen und – ja – World Wide Web. Das WWW, das Netz aus öffentlich einsehbaren Webseiten, ist also eine (!) Nutzungsmöglichkeit des Internet unter mehreren.

    Nichts anderes sage ich. Die Provider vermitteln den Nutzern den Zugang zum Internet, also zu allen damit verbundenen Nutzungsarten. Manchmal ist der Provider tatsächlich nur Durchleiter, manchmal de facto ‘Verleger’ von Inhalten.

    Die Verwendung des Bildes „gläsern“ oder „blickdicht“ soll doch nur veranschaulichen, was, technisch aufgedröselt, für meinen Aspekt zu umständlich wäre.

  8. Lesestoff 17/12/2009 | ich:AG |  17.12.2009 | 16:16 | permalink  

    [...] Google und die Telekom: Sind das die neuen Verleger? „Halt!“ schreien jetzt manche. Niemand käme doch auf die Idee, einen Papierhersteller für das verantwortlich zu machen, was andere Leute auf das Papier schreiben. Das Internet ist doch bloß ein Trägermedium. Das ist richtig, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Denn Papier- oder Druckmaschinenhersteller veröffentlichen und verbreiten keine Inhalte, Telekom und Google aber schon. [...]

  9. Wolfgang Michal |  17.12.2009 | 16:59 | permalink  

    Googles Fast Flip wird umfangreicher (= Leistungsschutztaugliche Snippets)
    http://fastflip.googlelabs.com/search?q=section%3A%22Politics%22

    Interessant auch: Art Brodsky und Nate Anderson über den Copyright-Gipfel in Washington.
    http://arstechnica.com/tech-policy/news/2009/12/bidens-ip-roundtable-brings-together-big-content-fbi.ars

    http://www.publicknowledge.org/node/2818

  10. Pipelines & Netzneutralität, Nachtrag – Orkpiraten |  17.12.2009 | 17:13 | permalink  

    [...] einem Kom­men­tar auf Carta ver­sucht Wolf­gang Michal seine (von mir kri­ti­sier­ten) Aus­sa­gen noch ein­mal zu kon­kre­ti­sie­ren. Ursprüng­lich wollte ich direkt dort kom­men­tie­ren, [...]

  11. Robin Meyer-Lucht |  17.12.2009 | 17:16 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    Provider und Suchmaschinen übernehmen längst “verlegerische Kompetenzen”, weil Vertrieb und Aggregtion verlegerische Kompetenzen sind. Ob sie auch ins Content geschäft gehen? Eher würde ich auf noch mehr corporate publishing als Anbieter im Netz wetten. NGO-PR statt Journalismus. Aber schauen wir mal….

    gruss, rml

  12. Thomas Television |  17.12.2009 | 17:43 | permalink  

    @Wolfgang Michal:

    “Nichts anderes sage ich. Die Provider vermitteln den Nutzern den Zugang zum Internet, also zu allen damit verbundenen Nutzungsarten. Manchmal ist der Provider tatsächlich nur Durchleiter, manchmal de facto ‘Verleger’ von Inhalten.”

    Ich verstehe, was Niggo meint. In ihrem Vergleich sieht es so aus, als hätten die Provider quasi zwei “Abteilungen”, wovon einer dann die neuen Verlage sind. Vergleichbar, als würde ein Papierhersteller auch eine Zeitung produzieren (mit dem eigenen Papier).

    Die Frage, die ich mir stellen, und auch nochmal genauer wissen würde ist: Würde man den Provider auch ohne die Abteilung “Verlag” also etwa das Content-Angebot von T-Online, als “neuen Verlag” bezeichnen müssen. Und wenn ja wieso. Weil das WWW meistens einsehbar ist? Wegen der Art wie die Politik Provider behandelt (Urheberrecht, Netzzensur)?

  13. Wolfgang Michal |  17.12.2009 | 18:49 | permalink  

    @Thomas/Robin
    Der Streit um die Einordnung des Internets beginnt m.E. viel früher. Die ersten Gesetze, die das Netz zu definieren versuchten, sprachen nur von (neutralen) Dienste-Anbietern (denn der Zweck des neuen Instrumentes war es, den Warenverkehr, etwa innerhalb der EU, zu gewährleisten, zu beschleunigen, zu harmonisieren, also gleich, sicher und gerecht zu machen). Das Veröffentlichen von Inhalten im WWW war absolut zweitrangig. Man dachte in erster Linie an die Post, wenn man in Brüssel vom Internet redete.
    Heute, 15 Jahre später, arbeiten wir „Webkommunisten“ (Döpfner) kostenlos in einem riesigen Weltverlag, der unsere Inhalte verwertet. Anteile an diesem Weltverlag halten die Zugangsprovider und die Suchmaschinen. Erstere kassieren die Nutzer-Abos (ca. 25 Euro pro Monat und Nase), letztere kassieren den Großteil der Werbeeinnahmen (Milliarden!). Nur wir Webkommunisten, die wir die Inhalte produzieren, bekommen nichts (bzw. nur Brosamen: Michalis Pantelouris von „Print würgt“ hat im letzten Monat 6,37 Euro mit Werbung eingenommen). Ich will das nicht beklagen, denn wir sind ja, wie schon gesagt, Webkommunisten.
    Was mich an der Debatte stört, ist vielmehr, dass die oben geschilderten Fakten gern unter den Tisch gekehrt werden. Ich habe nichts dagegen, dass die Webkommunisten gegen die Webkapitalisten kämpfen (Klassenkampf macht Laune), aber ich wünschte mir, die Kämpfer (auch die Niggemeiers und Ikens) würden mal ein paar Schritte von ihren kleinen Scharmützeln zurück treten und einen Moment lang die Realität dieses gigantischen Weltverlags betrachten.

  14. Thomas Television |  17.12.2009 | 19:46 | permalink  

    Ein Weltverlag, an dem die Providers Anteilseigner sind, ist jetzt aber wieder was anderes, als der Gedanke aus dem Beitrag. Wie auch immer: die Grundaussage, dass es eben neue Verlage gibt, die ist sicher richtig, genau wie der letzte Satz (“Die guten alten Verleger aber werden im Internet zu Inhalte-Anbietern wie du und ich.”)

    Ich persönlich würde aber am ehesten Facebook und ähnliche als “Verlag” bezeichnen, da sie das bieten, was ja im Prinzip das Alleinstellungsmerkmal von Verlagen ist: Heimat und Lokales.

    Den Gedanken, dass der Nachrichtenstrom (m)eines Social Networks, bestehend aus Freunde, Bekannten, Informationen aus dem Berufsleben, von Dingen, von denen ich “Fan” bin, Unternehmen, Freizeit-Veranstaltern das ersetzt, was die Lokalzeitung sozusagen neben der Kritik- und Kontrolle wichtig gemacht hat (für meine Generation allerdings nicht mehr, auch vor dem Netz) habe ich schon öfter gehört.

    “ich wünschte mir, die Kämpfer (auch die Niggemeiers und Ikens) würden mal ein paar Schritte von ihren kleinen Scharmützeln zurück treten und einen Moment lang die Realität dieses gigantischen Weltverlags betrachten.”

    Die “Scharmützel” zwischen Niggemeier und Iken und anderen sind ja nichts anderes, als quasi der sichtbare Teil des “freien Spiel der Kräfte”, dass nach Ansicht entsprechender Ideologien dazu führen muss, dass am Ende – wenn die Verlage alles ausprobiert haben und sich mit kritischen Medienbeobachtern und schimpfenden Nutzern sowie deren Bedürfnissen eingepegelt haben – ein profitabler und guter Qualitätsjournalismus heraus kommt, der seine Aufgaben auch im Internet erfüllt.

    Vergleich etwa mit dem stabilen Weltwirtschaftssystem, dass wir auf dieser Denkschule geschaffen haben, in dem es keine Armut mehr gibt. ;)

  15. Julia Wagner |  18.12.2009 | 20:40 | permalink  

    Die Telekom ist mit dem T-Online Portal seit vielen vielen Jahren einer der Content-Anbieter in Internet, an dieser Entwicklung ist nichts neues. Und Google hat bisher seine Finger von Content gelassen (sieht man mal von knol ab) und wird das mit Weitsicht awohl auch zukünftig tun.

  16. eParanoid |  20.12.2009 | 11:31 | permalink  

    Manchmal hat die Sichtweise von “Nicht-Technikern” auf komplexe Zusammenhänge schon etwas anrührend Naives. :-)

    In einigen Kommentaren wurde schon auf das grundsätzliche Mißverständnis im Artikel hingewiesen. Den Antworten des Autors entnehme ich allerdings, daß diese Einwände bei ihm “nicht angekommen” sind. Deshalb versuche ich es einmal mit einem einfachen Beispiel:

    Zur Oetker-Unternehmensgruppe gehört neben dem bekannten Backpulver-Hersteller unter anderem auch eine Reederei. Daraus läßt sich aber nicht sinnvoll ableiten, daß bei der Herstellung von Backpulver auch die gesetzlichen Vorschriften für Reedereien beachtet werden müssen. Weder grundsätzlich für alle Backpulver-Hersteller im allgemeinen, noch für Oetker im besonderen.

    Zurück zum Artikel:

    Ja, es gibt ISPs die selbst auch Inhalte veröffentlichen. Im Rahmen dieser Tätigkeit sind sie natürlich in gewissem Umfang verlegerisch tätig. Unabhängig davon stellen sie in ihrer Eigenschaft als ISP eine Infrastruktur für die Zustellung von Datenpakete verschiedener Dienste (Protokolle) und unterschiedlichster Nutzer zur Verfügung. Eine vermischte Betrachtung dieser unterschiedlichen Tätigkeiten ergibt allerdings deshalb noc lange keinen Sinn.

    Problematisch wird das erst bei folgenden Handlungsweisen …

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Mobilkom-Austria-verkauft-Ortsdaten-von-Handynutzern-889962.html

    http://www.netzpolitik.org/2009/botnets-internetanbieter-und-politik-auf-sanften-sohlen-zu-neuen-nationalen-strukturen-der-internet-regulierung/

    … bei denen die im Rahmen der Infrastrukturdienstleistung entstandenen Daten anderweitig zweckentfremdet werden (sollen/können).

    Bei der Veröffentlichung auf eigenen (Web-)Seiten mag die Nutzung fremder Inhalte – falls vorhanden – betrachtenswert sein. Der Transport fremder Inhalte im Rahmen der ISP-Tätigkeit hat dagegen ausdrücklich keinen Veröffentlichungscharakter. (Ich beispielsweise lege Wert darauf, daß weder meine Online-Bankgeschäfte noch meine Online-Shopping-Exkursionen öffentlich stattfinden. Und auch meine persönliche Nutzung von Informationsangeboten im Netz ist nicht zur Veröffentlichung bestimmt, ausgenommen natürlich, wenn ich – wie jetzt hier – bewußt etwas veröffentliche.)

    Selbst die Tatsache, daß bei ISPs die eine Tätigkeit (eigene Veröffentlichung) von der anderen (Infrastrukturservice) querfinanziert sein könnte, ist prinzipiell unerheblich, solange dies keine kartellrechtliche Bedeutung hat. (Viele Firmen konzentrieren sich nicht nur auf ein Kerngeschäft, unter anderem deshalb, WEIL dies die Möglichkeit zum Ausgleich unterschiedlicher Geschäftsentwicklungen bietet.)

    Google übrigens ist meines Wissens gar nicht als ISP tätig, paßt also nicht in die Argumentationslinie, obwohl gerade Google Ansatzpunkte für die eigentliche Fragestellung (s. u.) liefern könnte.

    Ich finde es nicht verkehrt, sich mit der (neuen?) Rollenverteilung von Verlegern und Inhaltsproduzenten im Internet zu beschäftigen. Die Vermischung dieser Fragen mit technischen Infrastrukturtätigkeiten, die bei klassischem Verlagsgeschäft beispielsweise von Papierherstellern und Speditionen übernommen werden, sorgt meines Erachtens im besten Fall für Verwirrung und führt im schlimmsten Fall zu abstrusen Fehlschlüssen.

    eParanoid

  17. Wolfgang Michal |  20.12.2009 | 18:50 | permalink  

    @eparanoid
    Auch die Phantasielosigkeit von “Technikern” (und die mangelnde Bereitschaft, eine Möglichkeit durchzuspielen) hat bisweilen etwas rührend Naives.

    Worum es geht, was ich aber offenbar nicht verständlich machen konnte (und das geht voll auf meine Kappe!) ist folgendes:

    Bisher hatten die Medienunternehmen die gesamte Produktionskette in der Hand: von der Inhalte-Produktion über die Herstellung und die Werbevermarktung bis hin zu Druck und Vertrieb. Das brachte enorme Renditen. Im Internet ist diese Produktionskette zerrissen. Zum einen, weil ohne ISPs kein Zugang zu Inhalten möglich ist, zum anderen, weil die Suchmaschinen das Auffinden der Inhalte regulieren. Für diese Tätigkeiten kassieren die ISPs bei den Nutzern Geld, und die Suchmaschinen bei den Werbekunden. (Ersteres war früher der Vertriebserlös der Verlage, letzteres ihr Anzeigenerlös.)

    Nun sollen – auf politischen und gesellschaftlichen Druck hin – die ISPs (und irgendwann vielleicht auch die Suchmaschinen) verlegerische Verantwortung für die Inhalte übernehmen (=Filterung). Das heißt, sie werden Gatekeeper (und tun damit das, was man sonst den etablierten Medienmachern vorwirft).

    Von diesen Entwicklungen abgeleitet war meine Frage: Warum sollen ISPs und Suchmaschinen – wenn sie sowieso schon fast alle klassischen Verlegertätigkeiten wahrnehmen – nicht irgendwann auf die Idee kommen, das Verlegermodell selbst zu praktizieren? Sie könnten die Inhalte der bisherigen Verleger (die im Internet zu Urhebern zurückgestuft werden), sowie die Inhalte anderer Seitenanbieter und vielleicht auch ihre eigenen Inhalte sehr viel besser verwerten (sie verfügen nämlich über ein Geschäftsmodell).

    Wie gesagt, es ging lediglich darum, eine Entwicklung weiterzudenken, oder – wenn Ihnen das besser gefällt – weiterzuspinnen! Ein solches Denkmodell schließt auch ein, dass sich die Ansichten, Firmen, Gesetze aufgrund der vorherrschenden Praxis (= der normativen Kraft des Faktischen) ändern können.

    Doch bis dahin wollen Sie mir nicht folgen. Sie und einige andere Kritiker zerpflücken vor allem den Ausgangspunkt meines Denkmodells (die vermeintliche Schwachstelle). Mein Ausgangspunkt lautet: Zugangsprovider ermöglichen nicht nur die Veröffentlichung von Inhalten, sie beteiligen sich gleichzeitig an deren Veröffentlichung. Sie sind (zumindest potentielle) Verleger. Wäre es anders, würde z.B. niemand die ISPs für die Filterung von Inhalten verantwortlich machen (sondern sich an die Seitenbetreiber oder deren Webhoster wenden).

    ISPs, sagen meine Kritiker, sind gesetzlich zur Neutralität verpflichtet. Sie veröffentlichen keine Inhalte, sondern sie stellen nur die Möglichkeiten für solche Veröffentlichungen zur Verfügung. Beide Aktivitäten dürfe man nicht miteinander vermischen.

    Das ist mir schon klar, theoretisch. Und ich kann auch verstehen, dass Techniker nur in solchen klaren Trennungen denken wollen. Aber Historiker wissen, dass die Dinge so einfach nicht liegen, sonst gäbe es keine Interessenkämpfe um Neudefinitionen, Abgrenzungen, Zuständigkeiten, Einfluss.

    Praktisch ist es so, dass Online-Veröffentlichungen ohne das Nadelöhr ISP nicht möglich sind. Praktisch ist es so, dass man ohne Suchmaschine in den Weiten des Netzes verloren ist. Insofern besetzen Zugangsprovider und Suchmaschinen heute (und mehr noch in Zukunft) Schlüsselpositionen bei der Herstellung von Öffentlichkeit. Büßen die Printmedien, über welche ein Gutteil der Öffentlichkeit lange Zeit hergestellt wurde, ihre Funktion ein, weil sie kein lukratives Geschäftsmodell finden, wird diese Funktion über kurz oder lang von anderen übernommen, die ein Geschäftsmodell haben.

    P.S. Das alles heißt natürlich nicht, dass ich die Netzneutralität aufgeben möchte (siehe dazu meinen Carta-Beitrag „Wie lange wird das Netz noch neutral sein?“). Ich glaube allerdings, dass die Netzneutralität von Privatfirmen nicht gesichert werden kann.

  18. mark793 |  20.12.2009 | 23:46 | permalink  

    @Wolfgang Michal:

    Bisher hatten die Medienunternehmen die gesamte Produktionskette in der Hand: von der Inhalte-Produktion über die Herstellung und die Werbevermarktung bis hin zu Druck und Vertrieb.

    Hm. Nicht jedes Verlagshaus druckt auch selber; den nationalen Vertrieb wickeln Zeitungs- und Zeitschriftenhäuser über Grossisten ab. Fernsehsendern gehören weder die Kabelnetze noch die Astra- und Eutelsat-Erdtrabanten oder die DVB-T-Sender. Das Mediengeschäft war schon zu analogen Zeiten kein monolithischer Block mit durchgängig kontrollierten Wertschöpfungsketten. Die Fragen, die sich aus Zwitterrollen von Transporteur oder Plattformanbieter und Anbieter eigener Inhalte ergeben, sind ja auch nicht völlig neu. Da hieß das Stichwort dann halt “diskriminierungsfreier Zugang” statt “Netzneutralität”, aber gemeint war etwas ähnliches.

    Ich kann Ihnen zwar folgen, worauf Sie mit Ihrem Beitrag hinauswollen. Aber wie einige Vorredner schon angemerkt haben, ist der Rechtsnachfolger der Reichspost mit T-Online und dem T-Home Entertainment-TV-Paket schon längst ein großer Anbieter von eigenen Inhalten. Und die Aneignung von allen möglichen Inhalten, wie sie Google betreibt, ist ein davon derart verschiedenes Geschäftsmodell, dass es nicht sonderlich weit führt, beide Unternehmen hier in einem Atemzug zu nennen. Sicher, ohne ISPs keine Online-Veröffentlichung, aber ohne Kabelnetzbetreiber, Astra und Eutelsat wäre Fernsehen auch kein Massenmedium, ohne Grossisten und Postdienste müssten die Großverlage ihre bunten Blättchen auch selber durch die Republik kariolen. Kurz gesagt, dieses Logistikproblem, das sich so ähnlich natürlich auch im Internet stellt, ist gelernt von Medienunternehmen, damit kann man sich irgendwie arrangieren.

    Aber Google spielt in einer ganz anderen Liga. Im Prinzip kann man Google auch heute schon als eine Art Meta-Verlag verstehen. Der Suchalgoritmus, der die Suchtreffer nach irgendwelchen ausgeklügelten Relevanzparametern sortiert und aus der kontextbezogenen Werbung Erlöse abschöpft, ist doch jetzt schon ein sehr mächtiger Filter und Aggregator von Aufmerksamkeit. Von daher haftet Versuchen wie beispielsweise von Rupert Murdochs News Corporation, bestimmte Inhalte vor der Suchmaschine zu verstecken, etwas Verzweifeltes an. Es ist ein implizites Eingeständnis, dass man in die Defensive gedrängt worden ist von diesen Nerds, die selber keine griffigen Schlagzeilen texten können.

  19. eParanoid |  23.12.2009 | 12:11 | permalink  

    @Wolfgang Michal (17):

    Immerhin habe ich trotz der technikerspezifischen Phantasielosigkeit mit meiner frechen Eröffnung eine Antwort provoziert. (Ob es auch ohne diese geklappt hätte, bleibt Spekulation.) :-)

    Bei Suchmaschinen bin ich – zumindest teilweise – durchaus bereit, Ihrer Argumentation zu folgen. Nicht in Bezug auf die Verantwortung für (im technischen Sinn) indizierte Inhalte (s. u.), zumindest aber, wenn es um die bewußte Aggregation und Selektion medialer Angebote geht. Die entscheidende Frage wird sein, wer die beste Reputation für das Zusammenstellen seriöser Nachrichten haben wird. Ob das Redaktionen, Algorithmen, organisatorische Konstrukte oder vielleicht Communities sein werden, muß sich erst zeigen. Schlecht sind Suchmaschinen in diesem Kontext sicher nicht aufgestellt, auch wenn – vielleicht auch, gerade weil – sie natürlich mehr machen, als sich nur auf Journalismus zu konzentrieren.

    ISPs passen aber aus meiner Sicht weiterhin nicht ins Bild, denn sie bieten ja nicht nur Zugang zum sogenannten Qualitätsjournalismus, sondern ermöglichen Vieles, was mit Veröffentlichung im Mediensinne nichts zu tun hat (Online-Spiele, Diskussionsforen, EMail, Chat, Shopping, …). Eine nur moderat hinkende Analogie wäre m. E. die des Individualverkehrs. Natürlich kann ich mit meinem PKW zu einem Kiosk fahren, um eine Zeitschrift zu kaufen. (Meinetwegen laufe ich auch ökologisch korrekt zu Fuß auf dem öffentlichen Straßennetz zur Verkaufsstelle.) Meist nutze ich die Mobilitätsinfrastruktur allerdings für gänzlich andere Zwecke. Deshalb würde es mich stören, sie in erster Linie als Auslieferungsmittel für Verlagsdruckwerke anzusehen.

    Wenn ich meine eigene Internet-Nutzung betrachte, entfällt nur ein Bruchteil meiner Zeit auf den “Konsum” von Journalismus. Die meiste Aufmerksamkeit wende ich für (zeitversetzte) Kommunikation mit Menschen auf, die bestimmte (unterschiedliche) Interessen mit mir gemeinsam haben, ohne deshalb auch meine Ansichten teilen zu müssen. (Sonst könnte ich offline Selbstgespräche führen. :-) )

    Für eine Infrastruktur, die mir ausschließlich den Zugang zu Nachrichten bereitstellt, würde ich wahrscheinlich kein Geld ausgeben, zumal ich über GEZ-Gebühren bereits zwangsweise für die gleiche Leistung (plus Nachrichten-”Erstellung”) zahle.

    Die “verlegerische Verantwortung für transportierte Inhalte” (=Zensur) durch die ISPs lehne ich aus grundsätzlichen (bzw. grundgesetzlichen) Gründen ab und engagiere mich notfalls dafür, solche Vorhaben zu verhindern. Dies ist für mich kein logisch nächster Schritt, sondern eine bedrohliche Fehlentwicklung, die es zu verhindern gilt. Deswegen bin ich an dieser Stelle auch nicht bereit, Ihrer (die ISPs betreffenden) Logik zu folgen. Also nicht aus technischen, sondern aus gesellschaftlichen Erwägungen.

    eParanoid

  20. Wolfgang Michal |  28.12.2009 | 22:31 | permalink  

    Heute meldet meedia: “Telekom will Medienkonzern werden.”
    Na, wer sagt’s denn. Mehr Phantasie, Leute!
    http://meedia.de/nc/details-topstory/article/telekom-will-medienkonzern-werden_100025349.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=10d218c6f4

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