Björn Sievers

Offener Brief an DJV-Chef Michael Konken

Björn Sievers | 12 Kommentar(e)

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Björn Sievers antwortet auf die Forderung des Deutschen Journalisten-Verbandes nach einer konzertierten Aktion von Verlegern, Politik und Urhebern gegenüber Google und der “Gratis-Kultur” im Netz.

20.07.2009 | 

Lieber Kollege Konken,

mit großer Verwunderung habe ich Ihre Statements zum Thema Urheberrecht und Google gelesen. Ich bin seit etwa zehn Jahren Mitglied im DJV, genauso lange wie ich hauptberuflich als Redakteur arbeite. Der DJV in seiner Funktion als Gewerkschaft hat mich in dieser Zeit nie vertreten, weil weder die Nachrichtenagentur ddp noch mein jetziger Arbeitgeber FOCUS Online nach Tarif zahlen. In beiden Fällen habe ich das für mich persönlich nicht als Nachteil empfunden. Meine Mitgliedschaft und mein zeitweiliges Engagement im Verein Berliner Journalisten war vor allem berufsethisch begründet. Ich habe den DJV immer mehr als Berufsverband, denn als Gewerkschaft verstanden. Ein bisschen hat der Verband auch als Netzwerk funktioniert, allerdings nie so gut wie zum Beispiel die Mailingliste jonet.org, Twitter, Facebook und andere. Heute nun frage ich mich, ob es nicht Zeit ist, aus dem DJV auszutreten.

Ich verstehe die Sorgen der Verleger, denn die Ausnahmestellung Googles in der Onlinewerbung ist inzwischen ein ernstes Problem für sie (und damit für Journalisten, denn auch mein Job hängt von Onlinewerbung ab). Die Anzeigenerlöse im Printgeschäft gehen zurück, gleichzeitig heben die Umsätze mit Onlinewerbung nicht so ab, wie das viele im Markt erwartet haben. Und aus dem vergleichsweise kleinen Online-Werbekuchen schneidet sich dann auch noch Google die größte Portion heraus. Das ist in der Tat dramatisch und stellt viele bisherige Erlösmodelle im Journalismus infrage. In diesem Zusammenhang verstehe ich Ihre Sorgen. Denn wo die Geschäftsmodelle zerfallen, da gehen auch Jobs verloren.

Aber ich verstehe nicht, warum ausgerechnet ein Journalistenverband nach schärferen oder neuen Gesetzen ruft. Ich zitiere Ihr Statement:

„Der Gesetzgeber muss einerseits der Gratis-Kultur des Internets zu Gunsten der Urheber einen wirksamen Riegel vorschieben und andererseits die Befugnisse des Bundeskartellamtes so ausweiten, dass die Behörde Meinungsmonopole im Internet verhindern kann.“

Welche Gratiskultur meinen Sie? Niemand, auch nicht Google, hat je einen Verlag oder andere Anbieter gezwungen, Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Sollen nun Gesetze verbieten, dass zum Beispiel FOCUS Online sich entschieden hat, Journalismus durch Werbung zu finanzieren? Oder sollen Gesetze verbieten, dass Blogger ihre Texte ins Netz stellen, ohne für den Abruf Gebühren zu verlangen? Soll es etwa freien Journalisten (als Urheber) verboten werden, für Onlinemedien (und heute sind ja fast alle Medien auch online) zu arbeiten, wenn deren Inhalte für alle Internetnutzer (und Google) kostenlos abrufbar sind?

Weiterhin ist mir unklar, welche Meinungsmonopole das Bundeskartellamt verhindern soll. Google kann an dieser Stelle nicht gemeint sein. Zwar ist das Unternehmen in Deutschland fast Monopolist mit seiner Suchmaschine, in vielen anderen Märkten ist das Bild weniger eindeutig. Darüber hinaus ist die Suche – also auch das Finden journalistischer Beiträge und damit das Finden von Meinungen – ja nicht das Problem, sondern – wie oben dargelegt – Googles Stellung im Online-Werbemarkt.

Gerade was Meinungsvielfalt angeht, komme ich zu einem anderen Ergebnis als Sie: Nach meinem Empfinden war es nie so einfach, seine Meinung öffentlich zu äußern. Und es war nie so einfach, Gehör zu finden. Auch weil Google zum Beispiel diesen offenen Brief indizieren wird und er damit gefunden werden kann (für einen vorderen Platz müsste ich allerdings noch etwas häufiger DJV und Konken schreiben).

In Ihrer Pressemitteilung heißt es weiter:

“Es sei nicht hinnehmbar, dass die Urheber ohne Zustimmung ihre Werke Google zu dessen kommerziellen Zwecken überließen.”

Auch dieses Argument verstehe ich nicht. Die Urheber sind die Journalisten, die ihre Werke in der Regel Verlagen zur Verwertung überlassen. Dafür schließen beide Seiten entsprechende Verträge. Die Verlage wiederum können entscheiden, zu welchen Konditionen sie Inhalte, für die sie die Verwertungsrechte haben, zugänglich machen. Stellen sie sie ins Internet, dann kann auch Google zugreifen, und zwar immer dann, wenn Verlag eben das gestatten (wie einfach Google und andere Suchmaschinen ausgeschlossen werden können, erklärt der Werbekonzern hier).

Google (und andere) indizieren die Inhalte (wofür sie kein Geld nehmen), diese stehen damit nicht mehr nur online, sondern sind auch zu finden (die Suche refinanziert Google über Werbung), was sich deutlich positiv auf die Abrufzahlen der Websites der Verlage auswirkt – und damit auch auf deren Werbeeinnahmen. (Dass sich im Netz Performance Marketing und damit vor allem Google AdSense als Werbeform durchgesetzt hat und das Displaygeschäft, das die Verlage vorwiegend betreiben, nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist nicht allein Schuld Verdienst es Suchkonzerns.)

Weiterhin ist mir unklar, wie Sie diesen Satz meinen, lieber Kollege Konken:

„Ein wirksames Vorgehen gegenüber Google setzt voraus, dass Verleger und Gewerkschaften an einem Strang ziehen.“

Was genau ist mein Interesse und das Interesse meiner Kollegen in diesem Zusammenhang? Kann ein “Vorgehen” gegen Google Arbeitsplätze retten? Vorausgesetzt, der DJV ist gemeinsam mit den Verlegern erfolgreich, wie stellen Sie sicher, dass Journalisten partizipieren, also Gehälter und Honorare steigen?

Um das am Ende dieses Schreibens noch einmal zu betonen: Google ist in der Tat zu einem sehr mächtigen Konzern geworden. Allein deshalb sollte das Kartellamt und jeder Einzelne darauf achten, ob Google seine Marktmacht missbraucht. Für Verlage und damit traditionelle Geschäftsmodelle im Journalismus wird die starke Stellung von Google in der Onlinewerbung in Kombination mit der generellen Entwicklung des Werbemarktes zu einer existenzbedrohenden Gefahr. Doch kann das schon Grund genug sein für einen Schulterschluss zwischen Journalistenverband und den natürlichen Gegenspielern, den Verlegern?

Aus meiner Sicht sollte ein Journalistenverband seine Energie (und meine Beiträge) darauf verwenden, über die Zukunft des Journalismus und neue Erlösmodelle nachzudenken. Allein der Blick nach vorn erscheint mir angesichts der schnellen, durch neue Technologien getriebenen Entwicklungen zielführend.

Die Gewerkschaft DJV hat mich noch nie vertreten, nun aber habe ich das Gefühl, dass es der Berufsverband das auch nicht mehr tut. Es würde mich freuen, lieber Kollege Konken, wenn Sie diesen Brief als Ermunterung auffassen würden, mit mir und vielen anderen Kollegen in einen Dialog einzusteigen. Themen haben wir genug.

Mit herzlichen Grüßen
Björn Sievers

Björn Sievers hat diesen offenen Brief auf seiner Website veröffentlicht. Wir übernehmen den Brief mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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12 Kommentare

  1. Markus Merz | Hamburg St. Georg |  20.07.2009 | 17:55 | permalink  

    Keine Widerrede. Nur als Anmerkung:

    > “Zwar ist das Unternehmen in Deutschland fast Monopolist mit seiner Suchmaschine,…”

    * Google ist nicht “fast Monopolist “. Die Suchmaschine wird ganz simpel viel benutzt.
    * Und “die starke Stellung von Google in der Onlinewerbung” existiert auch nicht deswegen, weil Onlinewerber oder Verlage zur Nutzung von Google Werbemitteln geprügelt werden.

    Dass die Verleger und Hr. Konken die Zugriffseinschränkung “disallow” nicht verstehen wollen, aber genau so ein “disallow” per Gesetz einfordern ist einfach nur unglaubliche Realsatire. Facepalm!

  2. earl |  20.07.2009 | 21:09 | permalink  

    Was die Journalisten/Verleger auch immer vergessen:

    Im Netz stehen sie in Konkurrenz mit viel mehr anderen. Da sind nicht nur Blogger, sondern zum Beispiel Zeitungen aus anderen Ländern.

    Immer mehr Menschen wandern ab wegen der miserablen Qualität ihrer Stammzeitungen im Netz – und wandern dabei nicht von der Rheinischen Post zur FAZ, sondern gleich zum Guadian oder zur New York Times.

    Und wenn ich mir zum Beispiel ein Bild über Nahost-Ereignisse machen will: Warum sollte ich die Süddeutsche fragen? Da frag ich lieber israelische und iranische Zeitungen und Blogger.

  3. Wittkewitz |  20.07.2009 | 22:42 | permalink  

    Lord Northcliffe:

    “News is what somebody somewhere wants to suppress; all the rest is advertising.”

  4. LinkListe , in|ad|ae|qu|at at in|ad|ae|qu|at |  21.07.2009 | 09:15 | permalink  

    [...] einem zunächst auf seiner Homepage , dann via CARTA publzierten “Offenen Brief an DJV- Chef Michael Konken” ventiliert der DJV- Journalist [...]

  5. MrBrook |  21.07.2009 | 19:45 | permalink  

    Das Problem der Verlage ist, dass sie auch in Zeiten des Internet am liebsten so weiter operieren wollen, wie vor 20, 30 Jahren. Zeitung drucken, die Werbeplätze sollen sich irgendwie verkaufen und die Leute sollen die Zeitung lesen. Internet? Naja, notwendiges Übel. Schließlich hat man einfach eine Internetpräsenz, die Leute wollen ja auch online etwas lesen. Aber Gewinn macht man höchstens mit der gedruckten Ausgabe.
    Dabei wird vollkommen verkannt, dass heutzutage vor allem die jüngere Generation keine Zeitung mehr lesen muss, um das Weltgeschehen mit zu bekommen. Wenn ich morgen früh meine Zeitung aufschlage, habe ich die wichtigen aktuellen Ereignisse mindestens 12 Stunden vorher im Internet gelesen und bin – dank Internet, Radio und Fernsehen – wahrscheinlich morgens auf einem aktuelleren Stand als die vor mir liegende Zeitung. Hinzu kommt: Im Netz kann ich mir meine Informationen individuell zusammenstellen. Zum Beispiel Spiegel online als Basis, weil die verdammt schnell sind. Ein oder zwei speziellere weitere Nachrichtenseiten und ein paar Blogs, um ein ausgewogeneres Bild zu bekommen und um die eigenen Interessenbereiche (Wirtschaft, Technik, Sport und was es sonst noch so gibt…) abzudecken.

    Warum soll ich also noch eine Zeitung abonnieren? Ganz einfach: Nur deswegen, weil sie mir einen Mehrwert liefert. Das sind dann in der Regel gut recherchierte Hintergrundberichte, differenzierte Berichterstattung mit möglichst vielfältigem Meinungsbild und ein Fokus auf den Bereichen, die mich besonders interessieren. Vielleicht noch etwas Exklusivität, welche sich durchaus auch durch die für die Zeitung schreibenden Autoren ergeben kann. Eventuell Lokalberichterstattung, wenn man daran interessiert ist.

    Viele Zeitungen berücksichtigen das aber meiner Meinung nach nicht, sondern machen weiter wie bisher: Nachrichten drucken. Ohne Mehrwert. Für mich als Kunde uninteressant, da wandere ich zu einer Zeitung ab, die es verstanden hat oder verzichte notfalls komplett.

  6. Frank Gröbel |  22.07.2009 | 19:52 | permalink  

    Was soll uns dieser offene Brief von Herrn Sievers sagen und warum wird so etwas bei Carta veröffentlicht bzw. zweitverwertet? Hat sich das “Mehrautorenblog” inzwischen zum Sprachrohr der Verleger gewandelt?

    Unfassbar …

  7. 2 Reaktionen auf den DJV « Nur mein Standpunkt |  23.07.2009 | 01:47 | permalink  

    [...] Bei Carta gibts einen offenen Brief an Michael Kronken, den man sich durchlesen sollte. [...]

  8. Christian Spließ |  23.07.2009 | 02:44 | permalink  

    @Gröbel: Wieso zum Sprachrohr der Verleger? Der Brief konstatiert nur das Offensichtliche – und erläutert zuvor, warum die Verleger momentan – zu Recht, zu Unrecht – besorgt sind. Es geht um die Werbeeinnahmen.
    Es ist allerdings offenbar zur Zeit en vogue zumindest darüber nachzudenken Bezahlcontent wieder einzuführen – insofern überrascht Herr Konken da nicht so ganz. Nur: Das Vorgehen gegen Google – Yahoo – Metager – und die diversen Realtimesuchmaschinen für Twitter und Facebook werden das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Sicher, würde man hochwertige Inhalte haben und nicht nur die Nachrichten von heute – oder gestern, je nachdem – könnte man den Leser vielleicht dazu bewegen sich das Ein oder Andere aus dem Archiv zu kaufen. Aber warum sollte ich für das reine Abdrucken von Meldungen, die meistens dann auch noch aus denselben Agenturen stammen – Google News hat da ja so manches aufgezeigt, nicht? – Geld ausgeben? Zumal: Wie sollte dieses Google-Ghetto hier in Deutschland von statten gehen? Hält Herr Konken die jungen Leute für unfähig Sperren zu umgehen? Wenn ja, tut er mir Leid.

    Wie schon weiter oben MrBrooks schrieb: Zeitungen können mit ihren Pfunden wuchern. Gut recherchierte Hintergrundberichte, Reportagen über aktuelle Ereignisse – das hilft mir als Leser bestimmt die Welt einzusortieren. Investigative und spannende Artikel. Das ist aber doch momentan das Problem: Der sogenannte “Qualitätsjournalismus” – ja, die Anführungszeichen sind bewußt gesetzt – hat in der letzten Zeit vor allem Schlagzeilen damit gemacht, dass er Mitarbeiter auf die Straße setzt – siehe WAZ-Konzern. (Damit soll dann Qualität machbar sein, mit weniger Menschen im Newsdesk? Ich bezweifle das.) Und vor allem eins hat er getan: Er hat sich gemein gemacht.

    Elend lange Klickstrecken zur Erhöhung der PI, Themen, deren Gehalt man schon mal mit der Lupe suchen muss, liebloses Zusammenstellen von Top-Listen – und da wundert man sich, dass es einem schlecht geht? Sicher, es gibt auch Ausnahmen von der Regel, es gibt natürlich gut gemachte Artikel, sicher. Das ist es nicht.
    Google als bösen schwarzen Mann auszumachen, der eine Gratiskultur erschaffen hat – so muss man das ja dann doch irgendwie verstehen – und das Internet nur als “Hypekultur” zu begreifen mit der Hoffnung, das geht schon weg man nur lange genug wartet – nun…

    Man sollte Herr Konken mal fragen ob er den Namen Phyrrus kennt. Vielleicht sollte er ihn mal nachschlagen im Brockhaus. Oder in der Britannica. Eventuell könnte er auch versuchen den IT-Fachleuten in seinem Haus zu sagen, dass man doch bitte zwei kleine Codezeilen implantieren möge damit das böse Google einen nicht mehr findet. Und dann könnte Herr Konken und der DJV vielleicht ahnen, was sie mit dem bewußten Phyrrus gemeinsam haben. Eventuell.
    Ad Astra

  9. David Pachali |  23.07.2009 | 15:47 | permalink  

    Mittlerweile gibt es auch eine Antwort des DJV, zu finden hier bei Björn Sievers oder hier bei Carta.

  10. Matthias |  23.07.2009 | 19:09 | permalink  

    Der DJV tut ja so, als würde Google Inhalte klauen. Tut es aber nicht. Sondern Google bietet eine Dienstleistung an – es führt User zu Artikeln. Sollen sich die Verlage doch besser freuen, dass ihnen Google diese Dienstleistung nicht in Rechnung stellt, sondern sich über Werbung finanziert. Ohne diese Dienstleistung wäre die Reichwerte der Verlags-Nachrichtenportale deutlich niedriger. Letztlich ist Google News nichts anderes als ein Online-Zeitungskiosk.

  11. Klaus Jarchow |  26.07.2009 | 11:27 | permalink  

    Geld in Form von ‘Paiud Content’ wird allenfalls noch für einzelne ausgewählte Artikel fließen, aber nicht für komplette Medienmarken. Wer im Netz angekommen ist, der wird ‘Die Süddeutsche’, den ‘Stern’ oder was auch immer im Netz niemals komplett abonnieren, weil er 90 Prozent des Inhalts in unserer informationsüberfluteten Landschaft schlicht nicht braucht. Er würde sich aber vielleicht bestimmte Artikel und Texte für sein Archiv kaufen – wegen des Blickwinkels oder weil er den Autor schätzt. Von diesen Artikeln erfährt er aber nichts, wenn die Indexmaschine Google für ihn nicht zum Trüffelschwein werden darf. Das eben ist das ‘mikromediale Dilemma’ – bzw. die ‘Rückkehr zum Autorenjournalismus’. Je nachdem, wie man es sehen will – eher aus der Verlegersicht oder doch lieber aus der Sicht der Journalisten. Hier Interessenidentität zu behaupten, wie der Herr Konken es tut, das ist fern aller Realität …

  12. Social Media Radar 21/07/09: Facebook Credits, Open Source, Social-Media-Kampagne von Adidas | ethority weblog |  31.07.2009 | 12:40 | permalink  

    [...] Wegen Google-Kritik Offener Brief an DJV-Chef Michae Carta.info [...]

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