Matthias Schwenk

Lieber Hubert Burda, gegen Google helfen keine Gesetze …

Matthias Schwenk | 34 Kommentar(e)

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Werden Verlage im Internet schleichend enteignet? Hubert Burda vertritt diese Auffassung aktuell in der FAZ und macht sich für ein Leistungsschutzrecht stark. Statt aber nach dem Staat zu rufen, sollten die Verlage Google mit seinen eigenen Waffen schlagen und auch selbst Angebote à la Google News machen.

01.07.2009 | 

Das Internet muss transparenter werden, fordert Hubert Burda in der FAZ und verlangt zugleich nach einem Leistungschutzrecht für Verlage. Rhetorisch macht er das geschickt, denn wenn der Gesetzgeber im Sinne von Hubert Burda aktiv würde, hätten alle etwas davon: Die Allgemeinheit bekäme mehr Transparenz im Internet und die Verlage Geld von Suchmaschinen wie Google oder Bing. Wer wollte da dagegen sein?

In einem Land, in dem Politiker dem scheinbar ahnungslosen Volk verkünden, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein dürfe, wollen offenbar die Verlage nicht zurückstehen. Deshalb setzt sich Hubert Burda für eine Transparenz ein, die außer ihm selbst kaum jemand am Internet vermisst. Im Gegenteil: Erst vor kurzem beschloss die Regierung in Berlin das Zugangserschwerungsgesetz (in Sachen Kinderpornografie). Diese “Erschwerung des Zugangs” war ja gerade deswegen notwendig geworden, weil das Internet im Lauf der Zeit offenbar mehr Transparenz zeigte, als dies politisch und gesellschaftlich erwünscht war.

So differenziert aber betrachtet Hubert Burda das Thema Transparenz im Internet nun wieder nicht. Ihn stört viel eher, dass im Laufe der Jahre Suchmaschinen wie Google eine dominierende Stellung bekommen haben und damit inzwischen sehr viel Geld verdienen. Sein Argument: Online-Werbung funktioniere zwar, bleibe aber vor allem bei den Suchmaschinen hängen.

Diese Behauptung unterschlägt, dass viele Menschen in Suchmaschinen nicht nur nach Zeitungsartikeln suchen. Ein Blick auf Google Zeitgeist macht dies deutlich. Zudem könnte die herausragende Stellung der Suchmaschinen auch damit zu tun haben, dass die Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften über Jahre ihre seiteneigene Suche sträflich vernachlässigt haben.

Noch vor weniger als einem Jahr empfahl David Pogue in seinem Blog bei der New York Times, man möge doch die Suchfunktion der meisten Webseiten (einschließlich der New York Times!) ignorieren und gleich bei Google suchen. Man käme so viel schneller zum gewünschten Ziel. Wohlgemerkt: David Pogue ist ein bei der renommierten Zeitung angestellter Journalist und dort Experte für den Bereich “Technology”.

Die Argumentation von Hubert Burda sieht in diesem Licht denn auch eher danach aus, als wolle man von den eigenen Versäumnissen ablenken. Auch seine Behauptung, dass “andere kommerzielle Anbieter” heute aus dem Qualitätsjournalismus einen größeren wirtschaftlichen Nutzen ziehen würden, als die Verlage selbst, ist schon einigermaßen kühn. Denn woher will Hubert Burda das wissen? Stellt er einfach den Bilanzgewinn von Google neben den seiner Verlagseinheiten? Oder rechnet er alles zusammen: Kabelnetzbetreiber, Hardware-Hersteller und Software-Anbieter?

Fast sieht das bei ihm so aus, als würden all diese Unternehmen nur deshalb Geld verdienen können, weil Verlage Inhalte ins Internet stellen. Studien belegen aber, dass “Information” nur eine von mehreren Kategorien ist, die bei der Nutzung des Internets angegeben wird. Das wissen übrigens auch die Suchmaschinen-Optimierer, die mit eigenen Analysen zeigen können, welches Ergebnisse bei Google am häufigsten auf den vorderen Plätzen landen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind dies die Wikipedia und Amazon. Immerhin finden sich unter den ersten 10 auch der Spiegel sowie Focus.

So schlecht sieht es also für Verlage im Internet gar nicht aus. Aber Hubert Burda reicht das nicht: Er unterstellt den Suchmaschinen, sie würden Verlagsangebote “umgehen”. Deshalb müsse der Gesetzgeber durchsetzen, dass Verlage in Suchmaschinen nach “objektiven und nachvollziehbaren Kriterien” gefunden werden können. Zudem müssten sie an den Erlösen (also am Umsatz, nicht am Gewinn!) der Suchmaschinen partizipieren.

Dass ein Mann wie Hubert Burda sich dazu hergibt, einen solchen Unsinn zu fordern, ist schon erstaunlich. Diese Forderungen zeigen aber auch, dass unsere Verlage praktisch immer noch nichts von der Funktionsweise einer Suchmaschine verstehen. Bekanntlich geht die Sortierung der Suchtreffer bei Google auf einen Mechanismus zurück, den Larry Page entwickelt hat. Es ist der PageRank. Dieser misst die Bedeutung einer Seite im Internet daran, wie oft auf sie verlinkt wird. Je mehr eingehende Links eine Seite zählt, desto höher wird sie in den Ergebnissen bei Google angezeigt.

Nun haben aber speziell unsere Zeitungen seit Jahren ein eher negatives Verhältnis zu genau diesen Links. Zeitungen wollen nicht verlinkt werden und setzen auch selbst kaum Deep-Links (also Links auf eigene Seiten). Ist es da ein Wunder, dass ihre Artikel bei Google nur auf den hinteren Plätzen auftauchen?

Der PageRank war der Mechanismus, der Google zur erfolgreichsten Suchmaschine bis heute gemacht hat. Etwas peinlich mutet es da schon an, wenn Verlage diese Tatsache seit bald 10 Jahren mehr oder weniger ignorieren und heute von der Politik verlangen, sie möge per Gesetz dafür sorgen, dass ihre Medien in Suchmaschinen angemessen repräsentiert werden.

Zudem ignorieren die Verlage damit auch, dass Google sich nicht selbst zur Nummer 1 gemacht hat, sondern von den Nutzern des Internets. Diese können bei jeder Suche neu entscheiden, ob sie etwas bei Google, Yahoo, Bing oder einer anderen der zahllosen Suchmaschinen finden wollen. Warum sollten in diesem Kontext ausgerechnet für deutsche Verlage künftig andere (einfachere) Regeln gelten?

Auf diese Frage hat Hubert Burda natürlich eine Antwort. Er führt als stärkstes Argument an, dass es hier um nichts weniger als die “Bewahrung eines Kulturgutes” geht und der Qualitätsjournalismus natürlich eine wichtige Funktion für die Demokratie hat. Das ist schön formuliert, aber zu kurz gedacht. Denn im Internet können auch andere Angebote für sich beanspruchen, eine wichtige Funktion für die Demokratie zu erfüllen: Eine lebendige Szene von Politikblogs etwa, oder die Parteien selbst mit ihren Internetauftritten. Natürlich auch Radiosender und Fernsehprogramme.

Aufgabe der Politik wird es deshalb vorrangig sein, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle zu schaffen und nicht etwa einzelne Medien zu bevorzugen. Heikel wird dies beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, demgegenüber die Zeitungen wahrlich keinen leichten Stand haben. Das rechtfertigt aber noch lange nicht, neue Subventionen einzuführen und noch mehr gemütliche Nischen fernab des rauhen Wettbewerbs zu schaffen.

Verlage sollten sich lieber auf ihre Stärken besinnen und endlich innovativ werden! Sie sollten ihre Leser darauf vorbereiten, dass die Zukunft im Internet liegt und dass sie sie dort viel besser und umfassender informieren können.

Jede Zeitung, die es schafft ihren Leserstamm zu halten, kann sehr gut überleben, wenn sie ihre Printausgabe aufgibt und die Abogebühr auf die Hälfte reduziert. Freilich bedarf es dazu erheblicher Kreativität und auch innovativen Mutes für einen Journalismus, der nicht mehr in den Kategorien von Print denkt, sondern konsequent alle Möglichkeiten des Internets nutzt. Hochwertige und originelle Inhalte schaffen die Basis für Paid Content, in dem ein Teil der Inhalte (nicht alles) den zahlenden Lesern vorgehalten wird.

Dazu gehört auch die Offenheit für Diskussion und Partizipation. Der moderne Kunde will nicht mehr nur passiv konsumieren, sondern intensiv beteiligt werden. Insbesondere die junge Generation nutzt Medien heute ganz anders als noch ihre Eltern. Dem müssen sich Verlage und Medienhäuser stellen.

Im Übrigen gilt: Gegen Google helfen keine Gesetze. Google muss man mit seinen eigenen Waffen schlagen. Warum also nicht dort ein paar gute Leute abwerben? Heute noch sind viele Verlage voll von Redakteuren und Managern, die das Internet nicht verstehen und es auch nicht verstehen wollen. Diesen Augias-Stall sollten sie ausmisten, Herr Burda! Schaffen Sie rigoros Platz für neue Leute und holen Sie sich diese anfangs von Google, Facebook, Amazon und Twitter.

Dann ist auch zu schaffen, was Sie selbst schreiben: “Erfolgreiche Verlage wird es auch in Zukunft geben”.

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34 Kommentare

  1. Alexander Missal |  01.07.2009 | 12:30 | permalink  

    Ist es nicht auch so, dass Journalisten jeden Tag Informationen verarbeiten, die sie in der Regel unentgeltlich von ihren Quellen erhalten haben? Wenn Betriebsräte oder Wissenschaftler Geld nehmen würden für die Zeit, die sie für Gespräche mit Journalisten aufwenden, oder für das Wissen, das sie dabei weiterleiten, gäbe es das Geschäftsmodell Journalismus ohnehin nicht. Journalisten (ich bin ja auch einer) profitieren also davon, dass es sich so eingebürgert hat, dass man uns gratis Informationen liefert und wir dann neben den daraus entstehenden Artikeln Werbung schalten oder sie für Geld am Kiosk verkaufen. Können wir uns dann ernsthaft über Google beschweren?

  2. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 12:51 | permalink  

    @Alexander Missal: Vielleicht kann man es künftig ja so machen, dass Zeitungen ihre Quellen “fair und zu überprüfbaren Konditionen” an den Erlösen partizipieren lassen?

    Was den Verlagen gegenüber Google recht ist, sollte ihnen bei ihren eigenen Quellen nur billig sein… ;-)

  3. Wittkewitz |  01.07.2009 | 12:59 | permalink  

    Es kostet eine Zeile in den Metatags aller Onlineseiten des Burda-Verlags und sie sind draußen aus dem bösen Google.

    META NAME=”ROBOTS” CONTENT=”NOINDEX, NOFOLLOW”

    Damit ist seine gesamte Argumenation entweder widerlegt oder seine IT-Abteilung lächerlich gemacht. Ich glaube Ersteres.

  4. Ulrike Langer |  01.07.2009 | 13:07 | permalink  

    D’accord!

    Meine Replik auf Hubert Burda habe ich gestern nacht gebloggt:
    http://medialdigital.de/2009/06/30/dann-boykottiert-doch-google/

  5. Robin Meyer-Lucht |  01.07.2009 | 13:09 | permalink  

    @ Ulrike: Sehr schöner Text. Ich finde, so langsam zeigt sich, dass das Netz so einiges zur Meinungsbildung beitragen kann. Deinen Text haben wir vorne ja auch verlinkt….

    gruss,

    rml

  6. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 13:20 | permalink  

    @Jörg Wittkewitz: Das Interessante ist ja, dass die Zeitungen sich eben nicht aus Google ausklinken. Die Verlage denken allen Ernstes, dass sie mit Flankenhilfe der Politik dort Geld bekommen können.

  7. Christian Frank |  01.07.2009 | 13:29 | permalink  

    Toller Artikel und Kommentar! Ich will an der Stelle den Unsinn des Hubert Burda nicht weiter kommentieren, nur zu einem Punkt Stellung nehmen:

    “Jede Zeitung, die es schafft ihren Leserstamm zu halten, kann sehr gut überleben, wenn sie ihre Printausgabe aufgibt und die Abogebühr auf die Hälfte reduziert.”

    Da würde ich ein bisschen wiedersprechen – eine Zeitung wie den Kölner Stadt-Anzeiger lese ich z.B. fast nur im Print (zum Frühstück), eine Zeitung wie Der Standard nur digital und den Spiegel sowohl als auch; das alles hat etwas mit Kundenbindung bzw. -orientierung und gutem Marketing zu tun und weniger etwas mit Print vs Online. Und auf keinen Fall bedarf es dazu den Gesetzgeber …

  8. Robert |  01.07.2009 | 13:31 | permalink  

    Irgendwie “vergisst” Herr Burda, dass ich über Google (News) auf seine Onlinezeitungen KLICKE und damit auch seine Werbeanzeigen ertrage. Google schafft doch schon den Mehrwert für die Verlage.
    Ohne Google blieben seine Angebote wohl recht ungelesen….

  9. Wittkewitz |  01.07.2009 | 13:45 | permalink  

    Echte Medien wie WSJ oder Economist schaffen Werte und kosten Geld. Warum soll das bei deutschen Medien anders sein. Es reicht doch, dass die Banken und ausgesuchte Geschäftsmodelle aus dem vorletzten Jahrhundert nun Hartz4 bekommen. Wenn ich überlege, wieviele Googles, Amazons und Apples von Morgen man für 10 Milliarden Existenzgründerhilfe auf die Strecke geschickt hätte, dann kommen mir die Wehwechen der Medienmilliardäre vor wie ein fieses Fiepen in meiner Bentleysammlung in der Großgarage in einem meiner Chalets in St. Moritz oder war es die Ranch in den Rockies, das Penthouse an der Rue Faubourg St.Honoré oder gar gegenüber der Sagrade Familia…

    Öffentliche Demut angesichts der Millionen von Hungernden, die jetzt noch mehr zu leiden haben als vor der Kreditkrise wäre sicher ein Zeichen eines gereiften Charakters gewesen. Alter bedeutet mitnichten Weisheit. Es kommt eben auf die Lebensführung an, ob man seinen Geist nutzt oder sich von ihm nutzen läßt.

  10. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 14:54 | permalink  

    @Christian Frank: Das Beispiel mit dem Kölner Stadtanzeiger ist gut. Wenn das auf der regionalen Ebene mit Print noch funktioniert, spricht nichts dagegen. Die überregionalen Blätter dagegen schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie ihren Printbereich aufrechterhalten und gleichzeitig auch Online sehr gut sein wollen.

  11. Der Machtkampf um die vierte Gewalt im Staat fängt erst an auf (un)zeitgemäße betrachtungen |  01.07.2009 | 16:09 | permalink  

    [...] Matthias Schwenk: Lieber Hubert Burda, gegen Google helfen keine Gesetze … — CARTA Diesen Beitrag speichern oder verlinken: [...]

  12. Mela Eckenfels |  01.07.2009 | 17:42 | permalink  

    Eine Idee für deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenverlage wäre es ja auch den Kindle in Deutschland publik zu machen und das eigene Medium für den Kindl aufzubereiten.

    Damit würde man wieder die jüngere Lesergeneration ansprechen, die einem derzeit noch ins Internet davonrennt.

    Statt dessen lehnt man sich zurück, tut nichts und lässt es geschehen, dass die deutschen Telekomunternehmen den Kindle ausbremsen. ( http://www.mela.de/archives/1029-Kein-Kindle-in-Deutschland.html )

    Die Verlage wollen nicht überleben, oder wenn doch, dann bitte nicht nach den Regeln dieser Emporkömmlinge aus dem Internet. Irgendwie mutet derzeit vieles nach Adel an, der versucht sich gegen die aufstrebenden Gemeinen mit extra für ihn geschaffenen Gesetzen zur Wehr zu setzen.

  13. Jürgen Kalwa |  01.07.2009 | 17:43 | permalink  

    Ich würde gerne noch auf folgende Inkongruenz aus der Stellungnahme von Hubert Burda aufmerksam machen. Sein Vergleich mit anderen Medien, die vom Urheberrecht leben. So gab es zwar schon immer vertragliche Arrangements zwischen Musikern und Plattenfirmen bzw. Komponisten und Musikverlagen, die den Geschäftsbetrieben die intensive Auswertung der Rechte zugestanden. Aber Teil der Vereinbarung war, dass Geld an die Kreativen zurückfließt, und zwar abhängig von den Umsätzen. Ich weiß nicht, ob die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, die nun den Autoren komplett die Nutzungsrechte abquatschen wollen, auch nur im Traum daran denken, den Urhebern von den dadurch erzielten Erlösen auch nur irgendetwas abzugeben.

    Natürlich geben die Verwerter nicht gerne irgendetwas freiwillig ab. So gab es neulich in Hollywood, wo es aus Tradition einen starken gewerkschaftlichen Rückhalt gibt, einen langen Streik der Autoren, die den Grundgedanken in den Musterverträgen durchgesetzt haben, dass die digitale Auswertung von Filmen und Fernsehproduktionen honorarpflichtig ist. Natürlich argumentierten die Produktionsfirmen nach dem Motto, sie hätten den Urhebern vorneweg schon genug Geld gezahlt. Ganz zu schweigen von dem unternehmerischen Risiko und was man sonst noch so sagt, wenn man das Recht des Stärkeren durchsetzen will. Aber die Autoren ließen nicht locker.

    Wenn wir in Deutschland auch solche Autoren hätten, sehe die Sache halb so dramatisch aus. Ein wochenlanger Streik der organisierten Journalistenschaft würde endlich klare Verhältnisse schaffen. Entweder kämen bessere Verträge dabei heraus oder die Erkenntnis, dass Journalisten sich unterbuttern lassen.

  14. Die Diskussion um Burdas “Fairplay in der digitalen Welt” — CARTA |  01.07.2009 | 17:45 | permalink  

    [...] Schwenk ist in diesem Blog verwundert über Burdas Forderung, die Verlage sollten nach “objektiven und nachvollziehbaren [...]

  15. Uwe Sander |  01.07.2009 | 17:47 | permalink  

    Naja, die allseits beliebte Verlegerbeschimpfung mit den immergleichen Argumenten droht allmählich ein bisschen steril zu werden.

    Zum Beispiel finde ich schon, dass ein bisschen kritische Distanz zu Google und seiner Linkökonomie nicht schaden könnte. Jaron Laniers Warnungen vor dem “digitalen Maoismus” sind jedenfalls nicht aus der Luft gegriffen, ebenso wenig wie Don Alphonsos Klage über “inzestuöse Linkfickerei”. Beide sind bekanntlich keine Verleger.

    Und die c´t-Redaktion, die sicher nicht aus Digitaldeppen besteht, hat anlässlich der von ihr selbst initiierten Causa “Hommingberger Gepardenforelle” schon vor Jahren vor unkritischem Umgang mit Google-Resultaten gewarnt. Ein von c´t ausgerufener SEO-Wettbewerb mit dem Ziel, das Fabelwesen im PageRank nach vorn zu bringen, hatte 2005 binnen 4 Wochen dazu geführt, dass Google für die Gepardenforelle gut 6-mal so viele Treffer auswies wie für die real existierende Forelle).

    Nach meinem persönlichen Eindruck ist die Suche mit Google im Zeitverlauf eher schlechter als besser geworden, weil relevante Dokumente nach unten gerutscht sind. Vielleicht ist der Link als einziges Relevanzkriterium ein bisschen dürftig?

  16. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 18:15 | permalink  

    @Uwe Sander: Ihre Argumente gegen eine distanzlose Verbrüderung mit Google sind sicher richtig. Ich habe im Artikel Google auch nur beispielhaft herausgegriffen, weil die Diskussion weiterer Suchmaschinen den Text unnötig in die Länge gezogen hätte.

    Fakt ist, dass Google sich einem relativ harten Wettbewerb stellen muss und keineswegs als träger Monopolist agieren kann. Ablesen kann man das daran, dass jedes Jahr neue Suchmaschinen auf den Markt kommen und versuchen, sich von dem lukrativen Kuchen ein Stück abzuschneiden. Microsoft hat jüngst sogar seine Suchmaschine umbenannt (”Bing”) und technisch auf neue Beine gestellt.

  17. Robin Meyer-Lucht |  01.07.2009 | 18:57 | permalink  

    Man kann im Grunde den Text von Hubert Burda und den von Jens Mühling zusammendenken:
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/Urheberrecht;art772,2835794

    In beiden Fällen geht es um Rollenverteilungskonflickte. Mühling beschreibt dies am Beispiel der Dreiecksbeziehung Kreativer, Verwertungsunternehmen und Nutzer. Die Verwertungsindustrie, aber auch die Kreativen kommen in der neuen digitalen Konstellation in Legimations- und Rechtfertigungsdruck, wie Mühling sehr gut ausführt.

    Die Inhalte-Anbieter und die Suchmaschinen als neue Gatekeeper stehen sich tendenziell auch auf eine Art antagonistisch gegenüber, die es bislang so nicht gab.

    Dabei nimmt Google den Inhalte-Anbieterns nichts weg. Google konzentriert sich mit der Aggregation aber auf die eigentlich rare Ressource im Netz – und steht damit paradigmatisch für eine neue Internet-Medienindustrie.

    Tatsächlich muss man Google sehr genau beobachten. Die Suchmaschine plant offenbar, den Besuch der indexierten Seiten zunehmend überflüssig zu machen, in dem die Suchergebnisse immer tiefer auf die Inhalte zugreifen und diese umfassend bereits in der Suchergebnismaske darstellen. Noch aber ist das nicht der Fall.

    Stark verwunderlich erscheint, dass Burda eine Art “Must Show”-Regel für Suchmaschinen fordert — analog zu den “Must carry”-Vorschriften für Kabelbetreiber. Das scheint so gar nicht zu dem sonst von ihm vertretenen ordnungspolitischen Vorstellungen zu passen.

  18. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 19:12 | permalink  

    @Robin: Man kann zwischen Inhalte-Anbietern und Suchmaschinen einen Antagonismus sehen, muss aber nicht. Denn man kann auch die Suchmaschine für sich arbeiten lassen, um mehr Traffic zu bekommen. Weite Teile der Blogosphäre haben jahrelang Google nicht als Feind, sondern als Freund betrachtet und immer wieder diskutiert, wie man als “kleines” Blog in den Suchergebnissen auf die vorderen Plätze kommen kann. Wenn es also auf dieser Ebene einen Konflikt gibt, ist dieser eher kulturell-emotionaler Art (Print versus Online).

    Sollte Google tatsächlich immer mehr Inhalte abgreifen wollen und so den Traffic auf seinen Seiten halten zu wollen (wovon mir nichts bekannt ist), wäre dies keine gute Entwicklung. Aber hier gilt wieder: Anstatt nur tatenlos zuzusehen und zu jammern, sollten die Verlage selbst innovative Produkte entwickeln und damit überzeugen (im Sinne von Lutz Schumacher).

    Ein Problem dürfte freilich sein, dass gegen die geballte technische Kompetenz von Google nur schwer anzukommen ist…

  19. Emanuel |  01.07.2009 | 20:30 | permalink  

    wollte man es drastisch ausdrücken, könnte man dem herrn hubert burda bei dem, was er da vorhat, schmarotzertum unterstellen. so weit möchte ich allerdings nicht gehen. auf jeden fall treten hier die gleichen symptome wie bei der musik- und filmindustrie zutage: da klammern sich menschen an einen status quo, der in zeiten der digitalisierung überkommen ist, anstatt die herausforderung anzunehmen und ihre geschäftsmodelle an die zeit anzupassen. traurige sache.

  20. Mela Eckenfels |  01.07.2009 | 21:20 | permalink  

    @Matthias Schwenk

    Es gibt Schelme die behaupten hinter der neuen Bing-Oberfläche arbeite die alte Live-Suchmaschine.

  21. Matthias Schwenk |  01.07.2009 | 22:03 | permalink  

    @Mela Eckenfels: Als es “Bing” machte, war wohl noch stellenweise “Live” unter der Haube, das stimmt. Inzwischen aber arbeitet Microsofts Suchmaschine weltweit mit der Bing-Technologie (was immer das auch genau ist).

  22. Thorstena » Blockademeister Burda und Online-Geschäftsmodelle |  01.07.2009 | 23:22 | permalink  

    [...] nur Ulrike Langer, auch Anja Seeliger (Perlentaucher) und Matthias Schwenk zum Beispiel haben lesenswert zu diesem Thema [...]

  23. bwl zwei null · Kampf der Kulturen? Analoges Denken in der digitalen Zeit |  02.07.2009 | 08:01 | permalink  

    [...] darauf von Anja Seeliger im Perlentaucher und Ulirke Langer auf medial digital. Mein Artikel auf Carta zielt auf die technische Ebene und endet mit einem Plädoyer an die Kraft der [...]

  24. Noch 4. Gewalt? Verleger rufen nach dem Staat » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  02.07.2009 | 12:23 | permalink  

    [...] und  Google-Vize Drummond blickt optimistisch in die Zukunft von Print. Matthias Schwenk meint auf carta.info: “Hubert Burda … unterstellt den Suchmaschinen, sie würden Verlagsangebote [...]

  25. Wolfgang Michal |  02.07.2009 | 17:04 | permalink  

    @Lieber Matthias, drüben bei Engert, da dachten Sie, ich hätte Sie gemeint, also habe ich Ihren – wie immer – interessanten Text sofort gelesen. Ja, auffallend ist es schon, wie wir uns hier ständig den Kopf darüber zerbrechen, ob die Verlage noch auf der Höhe der Zeit sind.
    Währenddessen haben die Verleger Ihre Stellungnahmen beim Justizministerium längst abgegeben, wie denn die Gesetze in der nächsten Legislaturperiode in ihrem Sinne zu gestalten wären.

  26. Hofnarr Florian |  02.07.2009 | 22:26 | permalink  

    Der Aspekt, dass viele Medien-Formate stark von Google profitieren geht mir hier ein wenig zu sehr unter.

  27. Matthias Schwenk |  02.07.2009 | 22:46 | permalink  

    @Hofnarr Florian: Ich formuliere mal eine radikale Gegenthese: Keine namhafte Publikation im Internet braucht Google. Denn eine starke Marke mit sehr hoher Bekanntheit sollte im Internet das Publikum auch direkt anziehen können – und nicht erst über den Umweg einer Suchmaschine. Dazu kommt: Suchen die Surfer im Web nach speziellen Themen, so könnten sie dies auch direkt über die Suchfunktion ihres bevorzugten Nachrichtenmediums tun. Dieses wiederum könnte über seine Suchfunktion nicht nur das eigene Archiv, sondern ergänzend Inhalte von Dritten erschließen – der geschäftspolitischen Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Entscheidend wäre, dass die Seitenbesucher möglichst lange auf den Seiten unserer namhaften Publikation bleiben.

    Da das aber kaum irgendwo gemacht wird, muss ich Ihnen zustimmen: Viele Medien-Formate profitieren stark von Google – viel stärker, als es eigentlich nötig wäre. Nur sollte man die Schuld nicht bei Google suchen!

  28. swordfish23 (swordfish23) 's status on Thursday, 02-Jul-09 20:55:28 UTC - Identi.ca |  02.07.2009 | 22:56 | permalink  

  29. Wittkewitz |  02.07.2009 | 23:37 | permalink  

    Wenn man aber eine Suchfunktion bauen wollte, müsste man sich eingestehen, dass die Filterfunktion aus einer Erwartung (Nutzer) und einer Erfüllung (Ordnung von Inhalten + Inhalte) besteht. Da aber deutsche Firmen seit 400 Jahren entweder auf Basis der Kommandostruktur oder der Strategischen Planung organisiert werden, ist es ihnen qua Organisation unmöglich eine erfolgreiche Suchmaschine in die Welt zu setzen. Präzision und Gehorsam zerstören jede Innovation in dieser Hinsicht (wer Belbin-Bögen in internationalen Firmenkonglomeraten einsetzt, weiß, was ich meine).
    Google basiert auf dem nächstkomplexeren Organisationsmodell und wird dann wieder abgelöst werden von evolutionär-basierten oder selbstorganisierten ökonomischen Einheiten. Ist eine strukturelle Sache, die hier kaum einer versteht (verstehen will), weil das nicht im BWL-Lehrplan steht…

  30. BTW09blog |  03.07.2009 | 00:33 | permalink  

    Noch ein Blogkommentar… :-) : “Was die Verleger hier vorschlagen richtet sich jedoch nicht gegen Google & Co. Tatsächlich betreiben die Verleger eine Entkopplung ihrer Verwertungsrechte von einer vertraglichen Rechtseinräumung durch den Urheber, also den Autoren. Die Verwerter wollen ein originäres eigenes Leistungsschutzrecht, ein eigenes “Copyright”. Sie wollen nichts anderes als die schlagartige Enteignung der schreibenden Zunft. Je nach Ausgestaltung wären es dann in Zukunft denkbar, für die Zweitverwertung von Print-Artikeln keine Vergütung an den tatsächlichen Urheber mehr zu zahlen. Die Verleger untergraben systematisch die Grundlagen, auf denen ihre Geschäftsmodell aufbaut, nämlich den Wert der schöpferischen Leistung ihrer Autoren. Säßen in den Print-Medien die Qualitätsjournalisten, für die sie sich selbst halten, es müsste ein Aufschrei durch den Blätterwald gehen (sofern dies die redaktionellen Freiheiten zulassen).

    http://tr.im/qFNJ

  31. Wittkewitz |  03.07.2009 | 09:31 | permalink  

    @BTW09blog
    Das ist wohl zutreffend. Und es mag sogar sein, dass sie kurzfristig durch Schützenhilfe der staatlich bezahlten Lobbyisten in den Parteien ihre Pfründe schützen. Mittel- und langfristig gehen sie denselben Weg wie Hersteller großer schwerer SUVs. Im Grunde ist das schon ganz beeindruckend: Sie stehen mit tressenbesetzer Brust stolz in ihrer Titanic und spucken auf die kleinen Segelboote, weil sie sich vom Wind abhängig machen und keine ehrenvolle Autonomie anstreben, weil sie glauben mit dummbatziger Anpassung an die Gegebenheiten besser überleben zu können. Man könnte da noch weitaus unangenehmere Assoziationen ausführen…

  32. tantetrudeausbuxtehude |  04.07.2009 | 17:38 | permalink  

    Würden die kein Geld verdienen, ließen sie es, richtig?

  33. Matthias Schwenk |  05.07.2009 | 13:40 | permalink  

    @Tante Trude: Wenn sich die Frage auf Google bezieht: Ja, natürlich. Würde Google kein Geld verdienen, würde sich ein Hubert Burda keinen Deut um das Unternehmen und seine Suchmaschine kümmern.

  34. Are You Ready For The 21st Century? Michel Cartier versus Ilse Aigner | Minced Marketing |  19.01.2010 | 23:39 | permalink  

    [...] seit Jahren ihre Interessen vor Gericht (gegen ihre Kunden) und verbreitet Angst, Verlage fordern Entschädigungen von Google (und stossen auf Verstaendnis bei der Politik), die Politik selbst weist (infolge von Unkentnis?) [...]

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