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Christoph Bieber

Acht Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte

Christoph Bieber | 15 Kommentar(e)


Vor dem Hintergrund einer erheblich größer und „normaler“ gewordenen Nutzerschaft werden gesellschaftlich relevante Konfliktbereiche offenbar, die noch vor wenigen Jahren als eher exotische Politik-Gegenstände galten. Damit werden digitale Bürgerrechte zu einem echten Politikfeld.

30.06.2009 | 

1.
Die Feststellung, dass der Online-Wahlkampf im Fokus der Öffentlichkeit stehen wird, hat abermals Nachdruck erhalten. Im Gegensatz zum positiv besetzten US-Präsidentschaftswahlkampf diesmal allerdings negativ: der Kampf der Ahmadinedschad-Regierung in Iran gegen die auch via Internet aufbegehrende Opposition ist ein globales Medienthema.

2.
Auch die deutsche Zensur-Debatte erhält damit neue Facetten: „Hätten die Mullahs im Iran solche Stoppschilder gehabt, hätte vielleicht nichts über Twitter in die Welt gelangen können“ – auch wenn die griffige Formel von Hajo Schumacher nicht ganz zutreffen mag, so bringt er doch das Wesentliche auf den Punkt: wenn eine technische Möglichkeit zu Überwachung und Kontrolle von digitalen Kommunikationsnetzen erst einmal vorhanden ist, dann liegt auch deren pervertierte Nutzung in der Luft.
Es wirkt dann beinahe zynisch, dass die Infrastruktur, die in Iran zur Deep Packet Inspection, dem digitalen Aufzeichnen, Abhören und Klassifizieren einzelner Nachrichten, vom deutsch-finnischen Joint-Venture Siemens/Nokia bereitgestellt wurde. Während in Iran allmählich die Regierung die Oberhand gewinnen zu scheint, bleibt die Diskussion über den revolutionären Gehalt der Twitter- und Facebook-Nutzung jedoch das nächste große Kapitel in der politischen Geschichte des Internet.

3.
Vor dem Hintergrund einer erheblich größer und „normaler“ gewordenen Nutzerschaft werden gesellschaftlich relevante Konfliktbereiche offenbar, die noch vor wenigen Jahren als eher exotische Politik-Gegenstände galten: Datenschutz und Datensicherheit, Online-Überwachung und digitale Privatsphäre, die Modernisierung des Urheberrechts und den Umgang mit (Software-)Patenten oder eben am grundlegendsten freie Meinungsäußerung und Kontrolle von Online-Inhalten. „Das Internet” zieht sich heute für viele Menschen durch Arbeitsleben und Alltag – damit wird dieses Bündel nicht mehr wirklich neuartiger Bürgerrechte zu einem echten, “wertigen” Politikfeld.

4.
Leider scheint die professionelle Politik diesen Entstehungsprozess nicht zu bemerken – Desinteresse und Fehler bei der Entwicklung des Gesetzesentwurfs leisten einem Legitimationsverlust der Regierungsparteien Vorschub. Sie haben gerade unter Beweis gestellt, dass sie nicht in der Lage sind, eine adäquate Politikformulierung zu leisten. Die #zensursula-Episode führt so zu einem spürbaren Bruch zwischen etablierten Organisationsformen und politischen (oder politisierbaren), informierten, oder auch einfach nur interessierten Onlinern – die Politik „mache sich für die Digitale Generation unwählbar“ hieß es dazu in der Stellungnahme des Online-Beirats.

5.
Durch die Verabschiedung des “Zugangserschwerungsgesetzes” haben die handelnden Akteure das Segment der digitalen Bürgerrechte zur nachhaltigen Besetzung durch andere Akteure freigeben. Zu den ersten Profiteuren zählen scheinbar die Grünen, selbst wenn es auch hier kein einheitliches Abstimmungsverhalten gegeben hat: die interne Suche nach den #zensursula-Unterstützern wird von der Netzgemeinde goutiert und könnte durchaus der Glaubwürdigkeit in Sachen Internet-Politik dienen.

6.
„Digitale Bürgerrechte“ können zum Ansatzpunkt für die Entstehung einer neuen Single Issue-Organisation werden – müssen es aber nicht. Erste Adresse dafür ist in Deutschland die Piratenpartei. Das Abschneiden bei der Europawahl war zwar nicht mehr als ein Achtungserfolg und hat immerhin für die öffentliche Sichtbarkeit gesorgt. Inzwischen verfügt sie auch schon über einen virtuellen Bundestagsabgeordneten: in einer nicht anders als spektakulär zu nennenden Aktion war mit Jörg Tauss ein altgedienter Internetpolitiker der SPD am 20. Juni aus seiner Partei ausgetreten und zu den „Piraten“ gewechselt.
Allerdings haftet an seiner Person der Makel des Pädophilie-Verdachtes in einem noch laufenden Gerichtsverfahren, zudem verkörpert er als typischer „Berufspolitiker“ ein populäres Feindbild vieler „Basis-Piraten“. In internen Diskussionen ist Tauss bereits das sprachlich passende Etikett des „zweischneidigen Schwertes“ zugetragen worden, andererseits könnte die Kooptierung eines systemerfahrenen „Haudegens“ auch positiven Anpassungsdruck im piratischen Parteifindungsprozess ausüben.

7.
Die gesamte Thematik ist überaus kampagnenfähig, dies hat vor allem die erfolgreiche Online-Petition beim Deutschen Bundestag gezeigt. Aber: die mehr als 130.000 Mitzeichner/innen sind momentan nicht viel mehr als die Andeutung einer ereignisbezogenen Politisierbarkeit im Netz. Das ist nicht wenig, aber längst noch kein sicherer Hinweis auf einen bevorstehenden Wandel – so ringt etwa die Piratenpartei derzeit noch in mehreren Bundesländern um die benötigten Stimmen für die Zulassung zur Bundestagswahl. Dennoch gibt es eine „digitale Infrastruktur“ aus Wikis, Blogs und Twitter-Hashtags, die in der heißen Wahlkampfphase schnell aktiviert werden kann.

8.
„Digitale Bürgerrechte“ sind ein transnationales Politikfeld. Es ist dabei keineswegs ausgemacht, dass in Deutschland ein ähnlicher Etablierungsprozess wie etwa in Schweden stattfinden wird. Dennoch ist die globale Dimension des Problems eine Besonderheit dieser neuen policy. Die Ereignisse in Schweden um das Gerichtsverfahren gegen die Tauschbörse „The Pirate Bay“ (und der damit verbundene Aufstieg der „Piratpartiet“) oder die heftige Diskussion in Frankreich um die Verabschiedung des Hadopi-Gesetzes zur Bestrafung im Falle (wiederholter) Urheberrechtsverletzungen deuten in eine ähnliche Richtung. Im Augenblick werden die mit digitalen Bürgerrechten verbundenen Konflikte auf nationaler Ebene ausgehandelt und im Rahmen lokaler Wahlkämpfe im Zeichen der jeweiligen Besonderheiten verstärkt – doch aufgrund einer weltweiten Kommunikationsinfrastruktur im Hintergrund wird dies nicht so bleiben.

Nachbemerkung:

Im Umfeld der Abstimmung im Deutschen Bundestag zum „Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen“ (BT-Drucksache 16/13411 vom 17.6.2009, PDF) habe ich als Mitglied des Online-Beirats der SPD an einer Stellungnahme an die Fraktionsmitglieder mitgewirkt, in der auf verschiedene Mängel am Entwurf hingewiesen wird. Beinahe noch wichtiger als die – zum Zeitpunkt der Versendung der Mitteilung an die Abgeordneten – schon längst bekannte Sachkritik am Entwurf sind die Hinweise auf die politischen Konsequenzen der  Zustimmung zum #zensursula-Gesetz.

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15 Kommentare

  1. Internetsperren 30.06.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk |  30.06.2009 | 18:48 | permalink  

    [...] Carta: Acht Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte [...]

  2. Online-Wahlkampf trotz Internetsperren | keine experimente |  30.06.2009 | 18:54 | permalink  

    [...] Acht Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte von Christoph Bieber (Uni Gießen) [...]

  3. Gernot G. |  30.06.2009 | 21:06 | permalink  

    Single-Issue Organisationen gibt es doch in diesem Bereich schon viele, wie den Chaos Computer Club oder Netzpolitik.org. Bisher hat die Piratenpartei in Deutschland nichts selbst geleistet, sondern man profitiert von den erfolgreichen Schweden und schleppt immer nur die eigenen Fahnen zu Veranstaltungen von anderen.

  4. Christoph Wagner |  30.06.2009 | 22:23 | permalink  

    @Christoph Bieber:
    Sehr schöner Artikel!
    Eine Anmerkung jedoch zu Tauss: Soweit ich weiß gibt es keinen “Pädophilie-Verdacht”. Ich meine es geht in der etwaigen Anklage darum ob er im rechtlichen Rahmen seiner Tätigkeit als MdB gehandelt hat.

    @Gernot G.:
    a) LöschenStattSperren. Aber naja. Wollte eigentlich sagen
    b) Der CCC macht super Arbeit. Aber wenn von den Parteien befragte Experten (was ja häufig CCCler sind) einfach ignoriert werden, bringt das leider nichts. Wenn aber Wahl-Stimmen auf dem Spiel stehen hat das schon eine ganz andere Bedeutung.

  5. Neun Thesen zur #zensursula-Debatte « Internet und Politik |  30.06.2009 | 23:10 | permalink  

    [...] und Anmerkungen zu einigen Folgen der Debatte in acht Thesen zusammengefasst (der Text ist bei CARTA und bei politik-digital.de [...]

  6. Thorstena |  30.06.2009 | 23:12 | permalink  

    Ich finde nicht, dass Datenschutz und Datensicherheit bislang als “exotische Politik-Gegenstände” galten. Ist es nicht eher so, dass sie auf gesellschaftlich breiterer Ebene schon einmal ein Thema waren und nun via Netzgemeinde langsam wieder hochkommen? Ich denke da zum Beispiel an die Rasterfahndung zur RAF-Zeit oder die Volkszählung 1987; diese staatlichen Aktionen waren sehr umstritten, und die Diskussionen ragten weiter in den so genannten Mainstream hinein als bei #zensursula.

  7. web and variants | “Das Internet” ist… |  30.06.2009 | 23:30 | permalink  

  8. Florian |  30.06.2009 | 23:47 | permalink  

    Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die SPD sich noch vor CDU/CSU-FDP in eine vernünftige Netzpolitik retten kann, da sie nach Zensursula die Breitseite aus dem Netz und den Aufstieg der Piraten irgendwie schneller begriffen hat. Aus den unteren Reihen der SPD und von der jungen Basis kommt da viel mehr, als von den bürgerlichen Parteien. Wirkt, als würde sich die SPD-Basis auf eine Neusondierung in der Opposition vorbereiten, während man bei der CDU allein die konservative Übernahme erwartet. BTW: Ich denke die Piratenpartei wird bis Jahresende einen viel stärker kreativ-radikalen Flügel mit Abspaltungstendenz bekommen. My two cents ;-)

  9. falsepositive |  01.07.2009 | 12:58 | permalink  

    Petition zu den grünen Enthaltungen bei der Entscheidung zum ZugErschwG…

    Ich hatte das Tab schon tagelang auf und war trotzdem noch nicht dazu gekommen, die Petition Netzsperren: Grüne kritisieren Enthaltungen mal zu lesen geschweigedenn zu unterschreiben.

    Der Freitag zwitscherte mir den Artikel Acht Thesen zu den Folge…

  10. Interessante Postings aus meinem Feedreader - 2. July 2009 | (( echoraum )) |  02.07.2009 | 06:04 | permalink  

    [...] Acht Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte [...]

  11. Generation # « Real Virtuality |  02.07.2009 | 10:13 | permalink  

    [...] Juli 2009 Ich glaube es war dieser Beitrag bei Carta, bei dem mir zum ersten mal deutlich auffiel, wie sehr ein neues typografisches Zeichen vom [...]

  12. Wochenrückblick 27.06. – 08.07.2009 « Sikks Weblog |  09.07.2009 | 00:23 | permalink  

    [...] 30.06.09: Acht Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte: http://carta.info/11004/acht-thesen-zu-den-folgen-der-zensursula-debatte/ [...]

  13. Piratenalarm « Internet und Politik |  17.07.2009 | 13:28 | permalink  

    [...] Thesen zu den Folgen der #zensursula-Debatte bei CARTA und [...]

  14. Entwarnung in Sachen Internetsperren? « sozlog |  03.08.2009 | 20:10 | permalink  

    [...] Kern eines wachsenden Generationengrabens (Matthias Schwenk) die Etablierung von Netzpolitik als neuem mobilisierungstauglichem Politikfeld. (Christoph Bieber). Dass von der Leyen gelogen hat, durften wir bereits vor längerem bei Thomas [...]

  15. KoopTech » Medien » Gehlens zwiespältige Forderung nach einer Debatte über Netzpolitik |  23.12.2009 | 12:08 | permalink  

    [...] hierzulande. Die ist nun wirklich nicht neu – und wird seit etwa einem Jahrzehnt immer wieder von mehr oder weniger prominenten Personen und Organisationen angeschoben. Das findet aber eben in [...]

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