szmtag
Robin Meyer-Lucht

Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs

Robin Meyer-Lucht | 15 Kommentar(e)


Die Musikindustrie beklagt das “digitale Problem”, aber sie kann zugleich kaum fassen, dass sie es selbst nicht in den Griff bekommt. Dieter Gorny fordert auf einem Branchenhearing, dass das Internet endlich “geschäftsfähig” werde. Doch die Musikindustrie kommt von ihren alten Medien und ihren alten Geschäftsmodelle nicht weg.

12.05.2009 | 


Es war eine merkwürdig verdrukste Stimmung, die auf dem Branchenhearing Musikwirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums vor einer Woche herrschte: Das aufgeräumt-selbstbewusst-modernistische Ambiente des Berliner Radialsystems wollte so gar nicht zu einer Branche passen, die offensichtlich mit sich und ihrer Zukunft nicht im Reinen ist.

Im Rahmen ihrer Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft wollte das Bundeswirtschaftsministerium wissen, wie es ihr denn so geht, der Musikindustrie? Und wie ihr der Staat möglicherweise helfen könnte? Geladen waren die großen Vertreter der Branche, Dieter Gorny, Frank Briegmann oder Marek Lieberberg, aber auch die Vertreter kleinerer Labels und Vertriebe. Allen Teilnehmern gemeinsam war eine gewisse Survivor-Attitüde: Man kennt sich aus besseren Zeiten.

branchenhearing1

Aufgeräumtes Ambiente: Innovationsversagen oder doch Systemkrise?

Die Musikindustrie beklagt das “digitale Problem”, aber sie kann zugleich selbst kaum fassen, dass sie es selbst nicht in den Griff bekommt. Man fühlt sich halb als Opfer einer technologischen Entwicklung, halb gibt man innerlich zu, wie verstockt man an den alten Geschäftsmodellen festhält. Die Kreativität dieser Kreativbranche reicht augenscheinlich bislang kaum aus, um sich mit dem Netz zu arrangieren. Ein bisschen fassungslos über sich selbst ist die Branche da schon: Eigenes Innovationsversagen?

Oder doch Systemkrise? “Ohne Schutz des geistigen Eigentums gibt es keine Kreativindustrie”, dröhnt Dieter Gorny in seiner Keynote. Er weiß selbst, dass dies viel zu verkürzt ist. Es braucht kein Geld, damit gute Musik entsteht, wie später ausgerechnet ein Rechtsanwalt die Branche erinnern muss. Es gibt kaum Forderungen an diesem Tag, hinter die sich alle stellen mögen. Nicht untypisch bei Branchenhearings. Doch hier ist es besonders spürbar.

asdfasdf

Dieter Gorny: Alle sind an diesem Tag für "mehr Urheberrecht"

Alle sind an diesem Tag für “mehr Urheberrecht”, aber alle spüren auch, dass sie sich ändern müssen. Nur wie beides passieren soll, das bleibt unklar. Dieter Gorny sagt später, es gehe um den Prozess: “Das Internet muss ein geschäftsfähiges Medium werden.” Doch wie kommt man dahin: Einige, selbst aus dem Independent-Bereich, liebäugeln mit Olivenne-Sperren. Andere sagen ganz deutlich, dass sie keine Lust auf Kriminalisierung haben.

Ausgerechnet die Musikindustrie: Ausgerechnet eine Branche, die über Jahrzehnte das Aufbegehren verkauft hat — sie hadert nun damit, nicht mehr zu technologischen Avantgarde zu gehören und den Staat anzurufen. Sie wäre so gerne die glanzvolle, postindustrielle Zukunftsindustrie. Doch an diesem Tag ist die Musikindustrie “Leitbranche für die Kreativindustrie” nur beim Thema Ratlosigkeit über die Digitalisierung.

Immerhin zieht das Hearing eine Bilanz über den Abstieg der Musikbranche in den vergangenen fünfzehn Jahren. Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung stellt einige Zahlen vor:

  • In den letzten dreizehn Jahren ging der Branchenumsatz um 40 Prozent zurück.
  • In der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen hat sich der Tonträger-Umsatz in den letzten zehn Jahren mehr als halbiert.
  • Je jünger die Nutzer, desto höher der Anteil der Nutzer illegaler Download-Quellen.
  • Obwohl die Musik die gleiche Bedeutung und Nutzungshäufigkeit behalten hat, wird weniger gekauft.
  • Fast die Hälfte aller Tonträger wird heute von Personen über 50 Jahren gekauft.
  • Zwei Drittel der Einnahmen aus dem Musikmarkt stammen inzwischen aus Veranstaltungen.

Die Zahlen dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr die Musikindustrie an ihren alten Medien und alten Geschäftsmodellen hängt. Die Online-Umsätze erreichen bis heute nur 8 Prozent des Branchenumsatzes.

Hier die Folien zu Wolfgang Adlwarths Vortrag auf dem Branchenhearing:

Mehr zu : | | | | |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

15 Kommentare

  1. Thomas |  12.05.2009 | 17:48 | permalink  

    Ich finde ja, Musik muss billiger werden, damit man sie wieder kaufen kann. Man sollte die illegalen Downloads einfach als Mitbewerber sehen. Zwar hört man ein Album ja recht häufig und oft über viele Jahre, aber man hört eben nicht nur das eine oder wenige, sondern sehr sehr viele. Besser etwas Geld, als gar kein Geld. Simple as that.

  2. Michael |  13.05.2009 | 10:57 | permalink  

    Ich hoffe, Sie werden besser bezahlt und nicht mit etwas Geld oder mit gar kein Geld!
    Und ich frage mich, ob es anderen hilft, wenn Sie etwas mehr denken oder besser gar nicht.

  3. »Lesenswertig« am 13. May 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer |  13.05.2009 | 12:03 | permalink  

    [...] Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs Shared um 08:09 Uhr via Delicious Die Musikindustrie beklagt das “digitale Problem”, aber sie kann zugleich kaum fassen, dass sie es selbst nicht in den Griff bekommt. Dieter Gorny fordert auf einem Branchenhearing, dass das Internet endlich “geschäftsfähig” werde. Doch die Musikindustrie kommt von ihren alten Medien und ihren alten Geschäftsmodelle nicht weg. [...]

  4. Thomas |  13.05.2009 | 13:15 | permalink  

    “Ich hoffe, Sie werden besser bezahlt und nicht mit etwas Geld oder mit gar kein Geld!”

    Das was ich an kreativer Energie habe, teile ich kostenlos auf meinem Blog. Da müssen sie den Vergleich ziehen nicht beim Job. Das man mit dem Vertrieb von Musik mal reich werden konnte ist eben von gestern. Heute ist anders. Jetzt verdient man soviel wie alle anderen auch. Oder, wenn man an den veralteten Vertriebsstrukturen festhalten will, eben bald gar nix mehr. Tolle Musik wirds trotzdem geben, die machen viele Bands schon jetzt in ihrer Freizeit.

  5. Robin Meyer-Lucht |  13.05.2009 | 14:24 | permalink  

    @ Michael: Was soll ich von so einem Kommentar halten? @ Thomas: Danke für den Hinweis.

  6. Digiprotect und Kornmeier wie weiter vorgehen? - Seite 326 - netzwelt.de Forum |  13.05.2009 | 18:49 | permalink  

    [...] Digiprotect und Kornmeier wie weiter vorgehen? Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs — CARTA Kein Internetzugang mehr: Britische Firmen im Kampf gegen File-Sharing ROLLING STONE ONLINE – [...]

  7. maria |  13.05.2009 | 19:08 | permalink  

    Mir kommen echt die Tränen ob der darbenden MI :)
    Die Künstler bekommen nur die Krümel das ist ja bekannt.

    Krümelliste zum Hochrechnen was sonst so hängen bleibt.

    http://unterhaltung.t-online.de/c/14/09/33/76/14093376.html

    So wie dort rumgejammert wird ist das eher ein Fall für die Steuerfahndung

  8. Steffen |  13.05.2009 | 22:10 | permalink  

    “A rule of economics is that for manufacturing and mature businesses, eventually the price of the good goes to the marginal cost of its production and distribution. Well, in the digital world, for digital goods, the marginal cost of distribution and manufacture is effectively zero or near zero. So, certainly, for that category of goods, it’s reasonable to expect that the free model with ancillary branding and revenue opportunities is probably a very good thing.” (E. Schmidt)

    … mehr will man dazu eigentlich gar nicht mehr sagen!

  9. Robin Meyer-Lucht |  14.05.2009 | 20:47 | permalink  

    @ Steffen: Kann ich nur beipflichten. Bedeutet aber, die Musikindustrie muss auf Werbefinanzierung umsteigen und sich mit den damit zu erzielenden Einnahmen zufrieden geben.

    Das ist eine bittere Erkenntnis, keine Frage.

  10. Interessante Postings aus meinem Feedreader - 15. May 2009 | (( echoraum )) |  15.05.2009 | 06:09 | permalink  

    [...] Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs [...]

  11. Jürgen Kalwa |  15.05.2009 | 20:39 | permalink  

    @ Steffen: Das ist mir einen Hauch zu überheblich. Die Kosten für das Produzieren von Musik liegen nicht bei Null. Das beginnt schon mit der notwendigen technischen Ausstattung. Von der Zeit, die es kostet, Musik zu schreiben, aufzunehmen und so zu mischen, dass sie vernünftig klingt, wollen wir gar nicht reden. Das ist auch in den letzten Jahren nur marginal billiger geworden.

    Davon abgesehen: In der Musikindustrie kommen zur Zeit einfach sehr viele Faktoren zusammen. Das Radio als Promotionschiene hat abgedankt. Das Fernsehen zuletzt mit MTV (und Viva) hat als Multiplikator ausgedient. Die Ersatzbeschaffung von Tonträgern durch die Umstellung von Vinyl auf CDs ist vorbei. Das bedeutet, dass der MI alt bekannte und einst ziemlich gut funktionierende Hilfsaggegrate für ihr Geschäftsmodell fehlen. Warum ist das ein Problem? Anders als man gerne annimmt, saßen in den Plattenfirmen nie viele Leute, die kreativ denken und nach vorne schauen. Man erinnere sich daran, von wievielen Firmen die Beatles abgelehnt wurden. Das gesamte Phänomen der Rockmusik fiel der Branche vor 50 Jahren in den Schoß (weil es damals keine andere Pipeline gab, die die Popularisierung des generationsbestimmten Formats vorantreiben konnte).

    Als kreativer Mensch mit einem umfangreichen Archiv an eigener Musik (die ich gerne auf den Markt bringen würde) wünsche ich mir im Prinzip nichts sehnlicher als eine Branche und einen Geschäftsbetrieb, von dem ich einen Nutzen hätte (und sei er noch so klein). Ich sehe schon seit Jahren nicht, wie sich in der MI von heute solche potenziellen Partner herausschälen. Ich hoffe, dass bald eine neue Generation von Musikalienhändlern heranwächst, die Ideen und Energie hat. Ich bin als Content-Lieferant bereit.

  12. Neue digitale Musikindustrie: Musik als Strom ohne Eigentum? — CARTA |  25.05.2009 | 19:02 | permalink  

    [...] Robin Meyer-Lucht: Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs [...]

  13. Querdenker |  30.06.2009 | 10:59 | permalink  

    Ich finde es vollkommen albern, dass von der Musikindustrie so auf Tauschbörsenbenutzer rumgetrampelt wird. In meiner Generation der Endzwanziger un ab 30 Aufwärts haben wir nicht mehr die Zeit und Geduld uns die Alben illegal und unvollständig aus dem Netz zu laden.

    Das Problem der Musikindustrie ist ein ganz anderes:
    In den letzten Jahren haben sich die Speichermedien (Festplatte, externe Festplatten, Mp3Spieler, Handys) so weiterentwickelt und sind so günstig geworden, dass wir Musikhörer ein Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber Musik haben. Jeder von uns hat auf seinen Festplatten und indirekt über das Internet oder die Sammlungen von Freunden Zugriff auf soviel Musik, dass wir überhaupt keinen Anreiz mehr haben, Musik zu kaufen. Wir haben genug Musik, die wir erstmal hören müssen. Der Besitz von Musik hat für uns Hörer überhaupt keinen emotionalen Wert mehr, und die CD landet nach dem Rippen als Mp3 wieder im Regal und darf verstauben.
    Auch deshalb ist der Besuch von Konzerten weiterkin boomend, weil wir da ein emotionales Erlebnis bekommen.
    Vielleicht sollte die Musikindustrie einfach den umgekehrten Weg gehen, und die Musik kostenlos herausgeben. Bands wie Coldplay und Radiohead haben das schon ausprobiert und damit sehr viel Erfolg gehabt. Über virales Marketing verbreitet sie sich schon von selber, und über die Konzertauftritte und Merchandising können die Bands verdienen.

  14. Kay |  14.07.2009 | 17:18 | permalink  

    14 Jahre nach Amazon und eBay fordert Herr Gorny, dass das Internet endlich „geschäftsfähig“ werde. Mein Tipp, umdrehen und weiterschlafen. N8 Musikindustrie!

  15. Internetsperren 13.-15.07.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk |  15.07.2009 | 22:18 | permalink  

    [...] Zum Thema Urheberrecht und Internet Indiskretion Ehrensache: Oh, strömet herbei, Ihr wohligen Klänge Carta: Musikindustrie: Bilanz eines Abstiegs [...]

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.