Matthias Schwenk

No Economy: Ein Buch nur für Internetpessimisten

Matthias Schwenk | 11 Kommentar(e)

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Die Ökonomie-Professorin Gisela Schmalz hat ein Problem mit dem Internet: Frei zugängliche Inhalte, narzisstische Blogger, Wikipedia-Ideologen und Google – sie alle stehen angeblich für “Gratiswahn” und Verantwortungslosigkeit. In ihrem Buch “No Economy” fordert Schmalz endlich mehr Mikrozahlungen. Mehr als Argumente für das nächste Stammtischgespräch liefert sie damit nicht.

23.04.2009 | 


Läuft das Internet Gefahr, durch einen “Gratiswahn” zerstört zu werden? Diese Frage erörtet Gisela Schmalz in ihrem Buch “No Economy“, das jetzt im Eichborn Verlag erschienen ist. Das Erstaunliche daran ist, dass hier nicht etwa eine verbitterte Journalistin schreibt, die das Internet arbeitslos gemacht hat, weil ihre Zeitung Personalkosten einsparen musste. Nein, die Autorin ist Professorin für Medienökonomie (FH Köln) und forscht zudem am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (Berlin).

Grundsätzlich setzt das Buch schon an einer Achillesferse an, der Tatsache nämlich, dass im Internet nahezu alles frei und kostenlos zirkuliert, was sich nur digitalisieren lässt. Dass dabei die Frage nach dem geistigen Eigentum bzw. dem Urheberrecht häufig genug auf der Strecke bleibt, ist aber nicht direkt Thema des Buches. Gisela Schmalz befasst sich vielmehr mit den ökonomischen Folgen einer solchen Gratiskultur.

Sie sieht für Anbieter im Internet nur ein Geschäftsmodell, nämlich die Onlinewerbung. Und weil Werbung im Internet nach Klickraten bzw. Traffic bemessen und vergütet wird, können auf Dauer nur sehr große Anbieter damit Erfolg haben. Ein Konzentrationsprozess mit Oligopol- bzw. Monopolbildung ist die Folge, während gleichzeitig die kostenlos abzugebenen Inhalte und Dienstleistungen an Qualität verlieren und schließlich “Einfalt statt Vielfalt” vorherrschen wird.

Eine solche These kann man schon aufstellen. Die Frage ist nur, wie sie begründet wird. Bei Gisela Schmalz muss es der Jargon richten, der das gesamte Buch durchzieht. Ein paar Kostproben gefällig? “Blogger, die sich smart anstellen, können sich auf vielfältige Weise an ihrem Schreibdrang bereichern” (Seite 123). Zur Stützung der Kernthese des Buches trägt der Exkurs über die Blogger zwar nichts bei, aber schaden kann er offenbar auch nicht. Den Autoren der Wikipedia geht es kaum besser: Sie müssen sich als “Wikipedia-Ideologen” bezeichnen lassen (Seite 98) und dem gesamten Abschnitt ist ein deutliches Befremden darüber anzumerken, dass Menschen sich viel Zeit nehmen, “um mehr oder minder fundierte Wissenseinheiten ins Netz zu tippen und diese außerdem in mühsamer Kleinarbeit mit Links und Literaturangaben zu versehen, ohne dafür Honorare zu verlangen oder zu wünschen, namentlich als Autoren erwähnt zu werden” (Seite 97 bis 98).

Um es deutlich zu sagen: Die Autorin hat offensichtlich ein Problem mit dem Medienwandel, den das Internet ausgelöst hat. Denn Blogs oder die Wikipedia sind kein Beleg für einen zerstörerischen “Gratiswahn”, sondern im Gegenteil Teil einer Strömung, die Wissen demokratisiert. Das kann nur gut sein. Freilich: Wo jeder etwas veröffentlichen oder an der Wikipedia mitschreiben kann, sinken Status und Bedeutung traditioneller Wissensträger. Die alten Eliten müssen sich leider umstellen, was ihre Urteile über die Veränderungen beeinflussen mag.

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No Economy: Der Jargon muss es richten.

Dem Buch hätte so gesehen ein neutralerer Blick auf die Dinge gut getan. Denn es bleibt nicht beim Abgesang auf das Internet stehen, sondern stellt der negativen Perspektive eine positive Vision gegenüber, die “Yes Economy“. Damit appelliert Gisela Schmalz an die Vernunft und Verantwortung aller Nutzer im Internet, eben nicht der Verführung der Gratismentalität zu erliegen, sondern Qualität auch zu honorieren. Mit der Honorierung guter Leistungen könnte dann auch das Modell der Mikromärkte im Sinne von Alvin Toffler Realität werden. Leider führt die Autorin diesen Aspekt erst am Ende des Buches ein und diskutiert ihn nicht mehr weiter aus.

Insgesamt hinterlässt ihr Buch deshalb einen sehr zwiespältigen Eindruck. So richtig und wichtig die Feststellung ist, dass wir im Internet zu viel Gratismentalität haben, so einseitig ist die Darstellung einer Gefahr der Dominanz großer Konzerne.

Zudem fehlt eine ausführlichere Betrachtung von Geschäftsmodellen, die gerade nicht auf die Gratisstrategie setzen und doch funktionieren. Unter den Zeitungen wäre dies etwa das Wall Street Journal, bei den Social Networks sind Xing und LinkedIn zu nennen. iTunes (Apple) oder die Pro-Accounts von Flickr sind weitere Beispiele.

Natürlich haben weite Teile der Unternehmen im Internet es sich lange sehr leicht gemacht und gedacht, sie könnten ihre Leistungen verschenken und allein von Werbung leben. Das stellt sich spätestens jetzt als Irrtum heraus. Die Auswege aus dieser Falle sind aber schon in Sicht: So zeigen Applikationen (erstmals von Facebook ermöglicht), die auf offenen Entwickler-Schnittstellen basieren, immer deutlicher, dass hier mit dem “Freemium-Modell” ein Konzept besteht, mit dem kostenlose und entgeltliche Leistungen gut in Einklang gebracht werden können.

Gisela Schmalz geht darauf leider nicht ein. Vielleicht, weil sie sonst ihr eigenes Bild vom Internet und den Tenor des Buches hätte ändern müssen? Wie dem auch sei: Wer Konzepte oder Vorschläge zu den aktuellen Problemstellungen des Internets sucht, kann auf die Lektüre dieses Buches getrost verzichten.

Wer aber das Internet noch nie mochte, ist mit “No Economy” gut bedient und kann sich freuen, dass nicht irgendwer, sondern eine Professorin für Medienökonomie die Argumente für das nächste Stammtischgespräch liefert…

Das Buch “NO ECONOMY: Wie der Gratiswahn das Internet zerstört” von Gisela Schmalz ist beim Eichborn Verlag erschienen. Es kostet 16,95 € und kann hier bestellt werden. Zum Buch gibt es auch eine Website.

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11 Kommentare

  1. bwl zwei null · No Economy: Buchrezension auf Carta |  23.04.2009 | 14:31 | permalink  

    [...] Carta habe ich eine Rezension zum Buch “No Economy” von Gisela Schmalz geschrieben. Vom Eichborn-Verlag gab es dazu freundlicherweise ein [...]

  2. Wittkewitz |  24.04.2009 | 10:08 | permalink  

    Es ist schon bezeichnend, wenn jemand eine C4-Professur inne hat und nicht mal die einzelnen Geschäftsmodelle des Web von 1995 bis heute durchdekliniert, um dann ihre Kritik anzubringen. Noch weitaus lächerlicher macht man sich als Ökonom, wenn man noch nicht einmal die Cashstreams verfolgt, die aktuell und/oder historisch im Web fliessen. Social Media und Klassische digitale Umblättermaschinen der Verlage miteinander zu vergleichen, entlarvt die Arroganz eines unsauber arbeitenden Akademikers. Kurz gesagt, wenn sie mal bei Springer veröffentlichen will, sollte sie vorher doch noch etwas gehaltreichere Diplomarbeiten lesen oder gar selbst forschen. Aber zumindest die Wharton School sollte sie kennen… Es ist immer wieder erschreckend, welche Kapazitäten die Jugend unterrichten. Ein Wunder, dass die überhaupt eine Uni verlassen ohne hochgradige Unterforderungserscheinungen.

  3. Matthias Schwenk |  24.04.2009 | 12:12 | permalink  

    @Jörg Wittkewitz: Bei aller Kritik – ein Ökonom muss nicht mit jedem Buch gleich auf den Nobelpreis schielen. Man kann auch mal eine kleinere Streitschrift schreiben, um die öffentliche Debatte über ein Thema zu beleben. Allerdings sollte man auch da im Ansatz den Anforderungen an den von Dir zitierten “Diplomarbeiten” gerecht werden.

    Aber vielleicht macht es Frau Prof. Schmalz auch wie Andrew Keen, der aktuell im Spiegel-Interview von seinen extrem kritischen Standpunkten etwas abrückt und diese als Polemiken bzw. Witze verstanden wissen will!

  4. Christian Henner-Fehr |  24.04.2009 | 12:42 | permalink  

    Ob die Gratiskultur nun schadet oder nicht, ist eine spannende Frage. Pauschal lässt sie sich ganz sicher nicht beantworten. Langweilig ist es aber, sich darüber nur aufzuregen. Gerade eine ökonomische Analyse wäre in diesem Fall interessant gewesen…

    Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Gratiskultur den Mikromärkten gegenüber stellen können? Ich vermute, dass wir irgendwann demnächst den Übergang von der Gratiskultur zu Micropayment-Angeboten angehen werden, quasi als evolutionäre Entwicklung. Für mich ist das ein logischer Schritt, denn wir werden feststellen, dass uns bestimmte Leistungsangebote so viel Qualität bieten oder andere Vorteile haben, dass wir gerne bereit sind, dafür Mikrobeträge zu zahlen.

  5. Matthias Schwenk |  24.04.2009 | 12:59 | permalink  

    @Christian Henner-Fehr: Micropayment ist ganz sicher eine Sache mit großer Zukunft! Allerdings fehlen uns noch weithin die Strukturen dafür.

    Man denke nur mal an Twitter: Wer wollte, dass man ihm auf Twitter nur gegen Entgelt folgen kann, kann dies derzeit nicht realisieren. Die Plattform bietet diese Möglichkeit nicht, obwohl es technisch nicht schwer zu realisieren wäre. Medien wie der Spiegel können deshalb ihre Eilmeldungen (@spiegel_EIL) nur kostenlos verbreiten – schlecht für den Spiegel und schlecht für Twitter…

  6. Christian Henner-Fehr |  24.04.2009 | 21:00 | permalink  

    @Matthias Schwenk: bei uns existieren leider noch überhaupt keine Strukturen, um Micropayment in irgendeiner Form nutzen zu können. In den USA ist man da schon etwas weiter, dort experimentiert man seit einiger Zeit mit Applikationen, mit denen sich via Twitter Geld transferieren lässt.
    tipjoy ist so ein kleines Tool, das ganz interessant aussieht. Oder Twollars . Es gibt sie also und ich hoffe, die Entwicklung geht weiter, damit es auf diese Weise möglich sein wird, mit einem Klick Mikrobeträge zu transferieren.

  7. Lesenswertig am Tuesday, 28. April 2009 | Denkwertig |  28.04.2009 | 12:42 | permalink  

    [...] No Economy: Ein Buch nur für Internetpessimisten — 15:12 via Delicious Um es deutlich zu sagen: Die Autorin hat offensichtlich ein Problem [...]

  8. Oliver Schwartz |  18.08.2009 | 17:27 | permalink  

    Ich denke ebenfalls, dass Buch ist als Streitschrift durchaus beachtenswert und rückt einfach einige Sachverhalte aus ökonomischer Sicht ins rechte Licht. Ist es so pessimistisch sich die Geldverbrennung der derzeitigen Hype-Portale mal bewusst vor Augen zu führen. Plattformen wie Youtube und Facebook erweitern ihre Serverparks quasi jede Stunde und zu welchem Zweck? Die Kernbotschaft besteht doch darin, dass sich durch die Verklumpung der webspezifischen Gratisökonomie keine Demokratisierung sondern die Bagatellisierung und damit eine Entwertung des Webs insgesamt einstellt. Das halte ich weder für Pessimismus noch Einseitigkeit. Allerdings stimme ich der Rezension dahingehend zu, dass der konstruktive Teil des Buches etwas kurz greift.

  9. Matthias Schwenk |  19.08.2009 | 13:20 | permalink  

    @Oliver Schwartz: Wird das Internet wirklich dadurch entwertet, weil auf YouTube oder Facebook überwiegend nur Banalitäten gezeigt bzw. kommuniziert werden? Diese “Bagatellisierung” sehe ich nicht als Entwertung, weil das Internet insgesamt keine knappe Ressource ist und damit genügend Speicherplatz auch noch für die dümmsten Äußerungen bietet.

    In diesem Punkt liegt genau der Unterschied zwischen der “alten” Medienökonomie, deren Medien stets knapp in ihren Flächen waren und die deshalb bei der Auswahl des zu druckenden Contents Qualitätskriterien anwenden mussten. In der “neuen”, digitalen Medienökonomie gibt es diese Form der Knappheit nicht mehr: Weder sind Webseiten in ihrer (darstellenden) Fläche nennenswert knapp, noch fehlt es an Speicherkapazität.

  10. GB |  27.08.2009 | 18:41 | permalink  

    Peter Weibel (Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker) sagte einmal sinngemäß, dass eigentlich jeder Mensch sein gesamtes Leben dokumentieren könnte und der Speicherplatz im Internet würde noch lange nicht ausgenützt sein. Das heißt, wie oben bereits beschrieben, die technischen Möglichkeiten sind derartig groß und so billig, dass dies natürlich auf die etablierten Medien einen großen Einfluß ausüben muss.
    Was die Qualität anbelangt könnte ich mir ohne weiters themenspeziefische Plattformen im Web vorstellen die qualitativ hochwertig gestaltet sind und für die auch bezahlt wirde (Mikrobeträge) In Summe würde das kombiniert mit Werbung auch die Finanzierung von Profijournalisten ermöglichen. Mit Passwortzugang kein Problem.

  11. Warum man sich auf Gisela Schmalz’ “Yes Economy” einlassen kann. | Der Dieckmann |  14.10.2009 | 15:02 | permalink  

    [...] sinkenden Bedeutung traditioneller Wissensträger zurecht – so beispielsweise beim Rezensenten Matthias Schwenk [...]

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