Matthias Schwenk

Digitale Ahnungslosigkeit: Alte und neue Medien kennen sich gegenseitig nicht

Matthias Schwenk | 14 Kommentar(e)


Dass die Macher der alten Medien oft wenig vom Internet verstehen, ist bekannt. Vertretern der neuen Medien geht es umgekehrt aber kaum besser. Die Netz-Evangelisten prahlen mit Reichweite und Netzwerkmacht, während die Skeptiker zurecht die Frage nach den Umsätzen stellen.

15.04.2009 | 


Johnny Haeusler hat gut reden: Er empfiehlt Journalisten, die Themen bei ihren Zeitungen nicht unterbringen, diese doch einfach (unter eigenem Namen) zu bloggen. Ein schöner Vorschlag, zumindest auf den ersten Blick. Die Realität in vielen Redaktionen dürfte so etwas aber gar nicht zulassen, es sei denn, man arbeitet frei.

Damit zeigt sich einmal mehr, dass Blogger zwar viel über das Internet und die neuen Medien wissen, aber eher wenig von den Mechanismen der alten Medien verstehen. Sehr deutlich wird das auch an einem Artikel von Brian Solis für das Blog TechCrunch. Brian Solis ist nicht irgendwer in den USA, ebenso wenig wie das Blog TechCruch.

Dass aber in eben diesem Blog so ein Artikel erscheinen kann, offenbart sehr deutlich, dass nicht wenige der Experten des Web 2.0 mit einer leichten Hybris den Medienwandel thematisieren. Bei der Lektüre kann nämlich leicht der Eindruck entstehen, es müssten nur alle Medienmacher und Journalisten anfangen zu twittern, mit Public Profiles auf Facebook vertreten sein und Beziehungen zu ihren Lesern aufbauen, um im neuen Zeitalter der digitalen Medien aufblühen zu können.

Unterschlagen wird dabei, dass nicht wenige der von ihm genannten Medienkanäle selbst noch gar kein tragfähiges Geschäftsmodell haben und derzeit auch für gute Blogs die Luft (in Sachen Monetarisierung) reichlich dünn ist. Brian Solis sieht praktisch nur die Reichweite, nicht aber die Umsatzperspektive. Immerhin: Wie man mit Social Media heute Reichweite erzielt, hat er gut herausgearbeitet. Doch: 350.000 Twitter-Follower für Techcrunch bedeuten nicht, dass der klassische Qualitätsjournalismus kein Umsatzproblem hätte.

Eine sachgerechte Betrachtung müsste allerdings auch stärker hinterfragen, für wie viele Menschen ein Medium wie Twitter langfristig und nachhaltig Relevanz erlangt. So zeigt eine aktuelle Studie, dass Twitter speziell bei Jugendlichen in Deutschland noch kaum bekannt ist.

So weit aber kommen die Befürworter der klassischen Medien mit ihrer Kritik an den Ausführungen von Brian Solis gar nicht, weil sie (immer noch) zu wenig von Social Media verstehen. Die beiden Lager reden also weiterhin schön aneinander vorbei, weil sie von der jeweils anderen Seite zu wenig wissen.

Während aber Blogger und Social Software Geeks dabei wenig bis nichts zu verlieren haben, steht den klassischen Medien ihr “Unbehagen am Internet” allmählich immer schlechter zu Gesicht. Denn bei ihnen geht es um sehr viel Umsatz, Arbeitsplätze und Reputation.

Vielleicht sollten deshalb gar nicht so sehr die Journalisten anfangen zu bloggen, wie Johnny Haeusler meint. Eher sollten deren Manager und Herausgeber mehr praktische Erfahrungen mit dem Internet sammeln und zudem den Dialog mit Bloggern suchen. Der Antagonismus zwischen alten und neuen Medien sollte schleunigst überwunden werden. Denn nur so werden sich für die Institutionen der alten Medien tragfähige Geschäftsmodelle im neuen Medium finden lassen — und einige von ihnen brauchen wir noch.

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14 Kommentare

  1. Leander Wattig |  15.04.2009 | 22:54 | permalink  

    Robert Scoble meinte vor ein paar Tagen: “What are the tech bloggers missing? Your business!” http://tinyurl.com/d5b5y2

    Insgesamt habe ich aber doch das Gefühl, dass sich die Akteure in den alten und neuen Medien zunehmend aufgeschlossen begegnen und sich um Verständnis der Gegenseite zumindest bemühen. Oder täuscht das?

  2. Ulrike Langer |  15.04.2009 | 23:34 | permalink  

    @leander

    Ich glaube, das täuscht. Ich war jüngst auf zwei Veranstaltungen, wo Medienmacher tiefe Gräben zwischen klassische Medien und Bloggern zogen.

    25. März, Köln, Tag des Wirtschaftjournalismus: Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer wettert in einer – allerdings sehr denkwürdigen Tirade – gegen Steffen Klusmann, G+J, Chefredakteure ohne Rückgrat und vor allem aber gegen Medienblogger.

    1. April, Berlin, re:publica 09: Freitag-Chef Jakob Augstein gibt schon durch seine Körperhaltung auf dem Podium zu erkennen, dass ihn das anwesende Bloggerpublikum offenbar ensetzlich langweilt. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sich unter den Bloggern auf seiner Online-Plattform schon Unmut ob der Unprofessionalität breitmacht.

    Als nächstes bin ich beim European Newspaper Congress in Wien. Bin gespannt, ob dort die Diskussionen zielführender und mehr auf Augenhöhe sind.

  3. Leander Wattig |  16.04.2009 | 00:06 | permalink  

    @Ulrike
    Ein Problem ist sicherlich auch, dass sich viele zwar bemühen, es aber dennoch nicht verstehen. Von daher ist der Rat von Johnny Haeusler auf jeden Fall richtig. Vieles muss man selbst probiert haben. Von daher hier der Hinweis auf ein gutes Beispiel eines Selbstversuches:
    “Gelungener Twitter-Selbstversuch bei jetzt.de”: http://tinyurl.com/cryy39

  4. Matthias Schwenk |  16.04.2009 | 00:08 | permalink  

    Meine Erfahrungen mit Verlagen bzw. Zeitungen (überwiegend in Baden-Württemberg) lassen noch nicht unbedingt darauf schließen, dass die Aufgeschlossenheit zunimmt.

    Ein Problem ist meist, dass Herausgeber bzw. Manager über 50 Jahre alt sind und es gewohnt sind, Dinge zu delegieren. Das Internet kann man aber nicht delegieren, man muss es buchstäblich selbst erleben! Diese persönliche Unmittelbarkeit aber ist etwas, was den Erfahrungsmustern und Denkgewohnheiten einer ganzen Manager-Generation zuwider läuft.

    Für diese (ältere) Generation ist es ein Privileg, viele Dinge nicht selbst tun zu müssen und etwa von Sekretärinnen abgeschottet zu werden. Wer in so einer Welt lebt, für den sind Blogs oder Twitter etwas ziemlich Unverständliches – denn damit geht ja das “Privileg” des nicht-direkt-ansprechbar-Seins wieder verloren. Im Grunde ist es also eine kulturelle Kluft.

  5. 6 vor 9: Netz-Evangelisten, Musical, Krise » medienlese.com |  16.04.2009 | 08:54 | permalink  

    [...] 1. Das große Unverständnis (Carta, Matthias Schwenk) Warum die alten Medien skeptisch sind: “Die Netz-Evangelisten prahlen mit Reichweite und Netzwerkmacht, während die Skeptiker zurecht die Frage nach den Umsätzen stellen”, schließlich sei derzeit auch für gute Blogs die Luft in Sachen Monetarisierung reichlich dünn. [...]

  6. Simon Salzmann |  16.04.2009 | 10:19 | permalink  

    danke! ein schöner, ausgewogener beitrag, der auch mal einen zentralen bias der blogosphäre thematisiert, weil der autor sich offensichtlich in beiden sphären gut auskennt und nicht notorisch die argumente (und zwänge) der “alten medien” ignoriert

  7. Jean-Lou Cloos |  16.04.2009 | 10:51 | permalink  

    Ich kenne Vertreter der neuen und der alten Medien, die das Phänomen Web 2.0 kühl analysieren, auf Chancen abklopfen und fleißig an Geschäftsmodellen basteln. Es ist nur eine Frage der Zeit bis diese das Licht der Welt erblicken. Die Frage ist, ob man bereit ist, eine Chance auch als solche zu begreifen oder ob man sie eher als Gefahr empfindet. Das hat primär nichts mit Ahnungslosigkeit zu tun.

  8. Gordon Bujak |  16.04.2009 | 11:12 | permalink  

    ganz so extrem ist die Kluft ja nun nicht

  9. Alexander Missal |  16.04.2009 | 16:28 | permalink  

    Ich stimme zu, dass der Dialog zwischen “alten” und “neuen” Medienschaffenden (“Blogger” und “Journalisten” als Gegensatz finde ich nicht so treffend) dringlichst vorangetrieben werden sollte. Eine Ergänzung: Im Netz als Einzelkämpfer auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ist die eine Seite. Doch allein schon für die publizistische Bedeutung bzw. Reichweite benötigt man ein Selbstvermarktungstalent à la Sascha Lobo oder Jeff Jarvis, das gerade viele festangestellte Journalisten nicht besitzen bzw. auf das sie auch nie Wert gelegt haben. Das werden immer nur einige wenige können. (Und, wenn mir die Bemerkung erlaubt ist, bei Sascha Lobo finde ich die Selbstvermarktung angenehm ironisch gebrochen, bei Jeff Jarvis geht sie mir bei aller Sympathie bisweilen ziemlich auf den Senkel.) Deshalb würde ich dafür appellieren, dass sich die alten und die neuen Journalisten, also News Gatherers, Editors und Producers (wie es Andres DeVigal von der New York Times schildert: http://training.dw-world.de/ausbildung/blogs/lab/?p=109) zusammensetzen und endlich mal auch in Deutschland richtig gute Multimedia-Geschichten machen.

  10. Matthias Schwenk |  16.04.2009 | 17:00 | permalink  

    @Alexander Missal: Ein sehr guter Punkt! Das Social Web erfordert ein ganz erhebliches Maß an Talent zur Selbstvermarktung. Das liegt nicht jedem und dürfte zudem für Medienschaffende, die schon lange in ihrem Beruf arbeiten und bislang in feste Strukturen eingebunden sind, sehr ungewohnt sein. Außerdem liegt hier sehr viel Konfliktpotenzial, zumindest für fest Angestellte: Einerseits müssen sie loyal ihren Arbeitgeber (und dessen Medienmarke) unterstützen, andererseits werden sie im Web herausgefordert, ihren eigenen Namen zu vermarkten (via Blog, Twitter, Facebook, Xing…).

  11. Wittkewitz |  16.04.2009 | 17:17 | permalink  

    Hallo Matthias, ich hoffe, Du verzeihst, dass ich meine etwas tiefer und länger greifende Antwort nicht hier gepostet habe, aber es war so ohne formatierende Möglichkeiten schlicht unmöglich Zitate etc. kenntlich zu machen:

    http://www.digitalpublic.de/failblatt-irgendwas-mit-inhalt-medien-presse-publikation-content-gehalt

  12. links for 2009-04-16 « Nur mein Standpunkt |  16.04.2009 | 21:27 | permalink  

    [...] Digitale Ahnungslosigkeit: Alte und neue Medien kennen sich gegenseitig nicht — CARTA Unterschlagen wird dabei, dass nicht wenige der von ihm genannten Medienkanäle selbst noch gar kein tragfähiges Geschäftsmodell haben und derzeit auch für gute Blogs die Luft (in Sachen Monetarisierung) reichlich dünn ist. Brian Solis sieht praktisch nur die Reichweite, nicht aber die Umsatzperspektive. Immerhin: Wie man mit Social Media heute Reichweite erzielt, hat er gut herausgearbeitet. Doch: 350.000 Twitter-Follower für Techcrunch bedeuten nicht, dass der klassische Qualitätsjournalismus kein Umsatzproblem hätte. (tags: blogs Internet web2.0 medien) [...]

  13. Die alten Säcke von Twitter |  23.04.2009 | 09:42 | permalink  

    [...] also derzeit eher ein Dienst für ältere Semester zu sein -  betrachtet man sich die enge Verkoppelung von Blogs/Web 2.0 und Twitter scheint das logisch zu sein. Es bedarf derzeit wohl einer gewissen Interneterfahrung um [...]

  14. Rivva: Die verfehlte Schadenfreude der F.A.Z. — CARTA |  06.05.2009 | 12:18 | permalink  

    [...] merkwürdige Sicht der FAZ verwundert aber umso mehr, wenn man weiß, dass Rivva eine Art Brücke zwischen neuen und alten Medien ist. Denn Rivva registriert nicht nur die Verlinkungen der Blogs untereinander, sondern [...]

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