Petra Thorbrietz

Wissenschaft, Journalismus, Internet: Das große Desinteresse der Forscher

Petra Thorbrietz | 24 Kommentar(e)

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Auch der Wissenschaftsjournalismus leidet unter der Krise der klassischen Medien. Dabei bot er zuletzt häufig nicht mehr als Verlautbarungs-Bleiwüsten und den Hang zur übereinfachen Antwort. Im Netz könnte er sich im Dialog mit bloggenden Wissenschaftlern neu erfinden – wäre da nicht das große Desinteresse vieler deutscher Forscher.

05.04.2009 | 

“Die unabhängige Wissenschaftsberichterstattung ist vom Aussterben bedroht.” – Das sagt Wall Street Journal-Wissenschaftsjournalist Robert Lee Hotz und ist zugleich das Ergebnis einer Studie, die das britische Wissenschaftsmagazin Nature in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht hat [via Medienlese].

In Deutschland sei der Negativtrend noch nicht angekommen, zitiert das renommierte Wissenschaftsmagazin Holger Wormer, Kommunikationswissenschaftler an der Universität in Dortmund, der sich auf die klassischen Wissenschaftsseiten von überregionalen Zeitungen wie der FAZ bezieht und betont, sie hätten Vorbildfunktion auch für die regionale Presse (mehr dazu hier).

Falsch! Wissenschaftsjournalismus war in Deutschland immer schon eine Bleiwüste aus Kongressberichterstattung und Verlautbarungen. Und die beschworenen Regional- und Lokalzeitungen benutzen die bunte Welt der Forschung vor allem, um damit durch Anzeigen verschuldete Restflächen auf dem Papier zu füllen. So ist es auch kein Wunder, dass die spannendsten Debatten über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft in den Feuilletons geführt werden – in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genauso wie etwa in der Süddeutschen, die übrigens gerade diskutiert, ob sie sich ihr ambitioniertes WISSEN-Magazin weiter leisten will oder nicht.

http://pix.sueddeutsche.de/wissen/845/301842/animg_0_1237474662_image_teasergross_0_18.jpg

Kein Wunder, dass die spannendsten Debatten über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft in den Feuilletons geführt werden

Die wichtigen Fragen sind nicht, wer wann was und auf welchem Kongress gesagt hat. Wichtig wäre zu beschreiben, wie Forschung und Technik sich auf unsere Welt auswirkt, was sie an unserem Alltag ändert, wer die Menschen sind, die den Wandel herbeiführen und was für Ziele sie antreiben. Wer gibt das Geld dafür? Mit welchen Motiven? Wer kontrolliert? Wer blickt überhaupt durch?

Viele dieser Fragen lassen sich nicht in 1:30 im Fernsehen beantworten oder als Zweispalter zusammenfassen. Der Qualitätsjournalismus, der mehr ermöglicht als Agenturmeldungen zusammenzufassen, ist jedoch in der Tat rasant im Schwinden begriffen – vor allem mit dem Untergang vieler Wochen-Medien stirbt eine Debattenkultur, die gerade dort wichtig ist, wo es keine einfachen Antworten, sondern Einstellungen, Meinungen und Haltungen gibt, die im Fluss sind – und bleiben müssen.

Diejenigen also, die – wie in Nature zitiert – kritisieren, dass die Online-Welt den Dingen nicht wirklich auf den Grund gehe, sollten realistischer zurückblicken (siehe auch hier). Gute Science Writer sind sich dessen schon längst bewusst und sammeln immer mehr Anhänger in ihren Blogs (z.B. Chris Mooney bei Discover oder Michael Pollan bei der New York Times). Plattformen wie Scienceblogs sind wahre Fundgruben für Interessierte und Engagierte, auch wenn deutsche Wissenschaftler sich noch schwer tun, die Öffentlichkeit auch nur ernst zu nehmen.

Das nämlich ist hierzulande eines der Hauptübel – das Desinteresse vieler Wissenschaftler, über ihren Tellerrand hinauszusehen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Es geht nicht nur darum, „hochwissenschaftliche Themen mit kritischer Distanz“ zu sehen, wie Caroline Neumann auf Medienlese schreibt. Als Wissenschaft vermittelnde Journalisten müssen wir konkrete Bezüge zu den Menschen herstellen, ob in Print, TV oder Netz.

Das Internet erweist sich dabei zunehmend als überlegenes Medium der Wissen(schaft)svermittlung. Der Wissenschaftsjournalismus muss mit bloggenden Wissenschaftlern um Deutungshoheit und Vermittlungskompetenz ringen. Nach einer Phase der Verwirrung sollte ihn dies bestärken, sich neu zu erfinden. Hingegen herrscht gerade auch bei der deutschen Wissenschaft erheblicher Nachholbedarf in Sachen Online-Dialog.

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24 Kommentare

  1. Thomas Wanhoff |  06.04.2009 | 11:24 | permalink  

    Auch wenn ich eher zu denen gehöre, die Forschungen verlautbaren, denke ich doch, es sind nicht alleine die Wissenschaftler, die kein Interesse an einer Metadiskussion haben. Zum einen sind sie gefangen im eigenen Veröffentlichungssystem: Wer nicht in den einschlägigen Zeitschriften publiziert wrid eben nicht ernst genommen, ja, gar wer bloggt gilt schon als nicht akzeptierbar. Dann ist es natuerlich auch eine Frage der Zeit: Es kann eben nicht jeder bloggen oder wissenschaftlich publizieren.
    Was mit mehr Sorge macht ist die Tatsache, dass es auf der einen Seite ein großes Interesse an wissenschaftlichen Themen gibt, die klassischen Medien aber ausser dem wöchentlichen dpa Paket und dem was in Nature steht, nichts veröffentlichen. Dabei gibt es doch in Deutschland hervorragende Forschung.
    Kein Wunder dass die Zeitungen untergehen wenn alle nur noch das Gleiche schreiben.

  2. thorbrietz |  06.04.2009 | 11:39 | permalink  

    @Wanhoff: Jaja, die Zeit, wer hat die schon? Ich habe selbst den zweiten Bildungsweg absolviert und kenne die Hybris von Wissenschaftlern, die vor einem Interview sagen: Hoffentlich haben Sie nochmal in Ihr Chemiebuch geschaut,bevor Sie mich hier von der Arbeit abhalten! Wie angenehm dagegen die Zusammenarbeit mit wirklich großen Denkern, Nobelpreisträgern zum Beispiel, die sich, wie etwa Günter Blobel, voll auf ihr Gegenüber konzentrieren und die Welt ernst nehmen, auch wenn sie kein Chemiebuch in der Hand hat, auch Journalisten oder Schüler zum Beispiel. Ein wunderbares Beispiel war auch eine BBC-Sendung über den gekrümmten Raum, Peter Ustinov als Moderator. Die Sendung fing so an: Steht ein Mann mit zwei Nobelpreisträgern vor einem Eimer mit Wasser, ein Stock darin…….

  3. Markus Behmer |  06.04.2009 | 11:51 | permalink  

    Ein kleines, optimistisches “Pfeiffen im Walde”: Vielleicht hat der Erfolg der ZEIT (die gerade ihre bislang höchste Auflage seit Bestehen vermelden konnte) auch ein wenig mit ihrem sehr guten Wissenschaftsjournalismus zu tun.
    Und: Spannend wäre natürlich zu wissen, wer die Nutzer der Wissenschaftsblogs sind. Gibt es dazu Studien? Meine, dass es auch hier, gerade hier weiterhin der Vermittlungsleistung der “klassischen” Medien bedarf, um eine wirklich breite Öffentlichkeit zu erreichen.

  4. Wolfgang Michal |  06.04.2009 | 12:19 | permalink  

    Vor einiger Zeit diskutierten wir in der damals wirklich lesenswerten “Wissenswerkstatt” von Marc Scheloske über Wissenschaftsblogs. Ich war der Auffassung, ein Science-Blog in Konkurrenz zu den gedruckten Blättern müsse vor allem 1. die umstrittenen (Wissenschafts-)Themen aufgreifen und die diesen Themen zugrunde liegenden Gutachten/Expertisen kritisch diskutieren (pro & contra) – von der Energieversorgung über die Pharmaforschung bis zur Bildungspolitik. 2. die vorgestellten Studien und Experimente auseinander nehmen (falsifizieren) – und zwar hinsichtlich des wissenschaftlichen (Aussage-)Werts, der „Seriosität“ der Messdaten, der Schlüssigkeit der Daten-Interpretation usw. Und 3. müsse es den traditionellen Wissenschaftsjournalismus unter die Lupe nehmen und – wo nötig – Fehler, verdeckte PR, ideologische Tendenz kritisieren (sciencewatch).
    Als Nebenfolge könnte sich dann eine Vernetzung von Wissenschaftlern ergeben, die am gleichen Thema interessiert sind.
    Das hat der Hubert Burda sofort begriffen und den Scheloske gleich rübergeholt in sein kleines Internet-Reich. Die anderen großen Verlage haben’s, glaub ich, nicht mal gemerkt.

  5. Robin Meyer-Lucht |  06.04.2009 | 12:33 | permalink  

    Ich glaube, dass das Netz vor allem auch unsere Vorstellung von “Publikum” und “Leser” verändert. Wir haben es nicht mehr unbedingt mit den Publikumsmassen der klassischen Massenmedien zu tun, sondern mit abgestuften Öffentlichkeiten zwischen Experte und breiter Öffentlichkeit. Die Wissensvermittlung läuft damit über verschiedene, verschaltete Filterebenen.

    Ich weiß auch gar nicht, ob wir noch einen Wissenschaftsjournalismus brauchen – oder nicht viel mehr wissenschaftlich informierte Fachjournalisten. Anders kann ich mir Qualitätsjournalismus gar nicht mehr vorstellen.

    Ich lese zum Beispiel http://themediabusiness.blogspot.com/ von Robert Picard. Picard ist Medienökonom und so erfahre ich seine Sicht auf die aktuellen Geschehnisse und Diskurse und verarbeite die dann auf Carta für ein etwas anderes Publikum unter etwas anderen Vorzeichen um.

    Ob es den klassischen Wissenschaftsjournalismus so sehr noch braucht, da bin ich allerdings skeptisch. Möglicherweise brauchen wir einen Journalismus, der systematisch bestimmte Wissenschaftsfelder im Blick hat, weil sie gesellschaftlich sehr wichtig sind.

    rml

  6. thorbrietz |  06.04.2009 | 13:55 | permalink  

    @ Wolfgang Michal: Der Club of Rome hatte vor 20 Jahren (sorry für die Historizität) mal einen Bericht über die “Zukunft des Lernens”, den ich bis heute wegweisend finde (typischerweise nicht von Wissenschaftlern der alten, sondern der damals noch “dritten” Welt verfasst). Darin hieß es, der Mensch könne heute nicht mehr lernen, indem er Gesehenes verarbeite und weiterzuentwickeln versuche. Dafür sei die Welt zu vernetzt und dynamisch geworden. Stattdessen müssen man Zukunft antizipieren, aber gleichzeitig permanent falsifzieren und den Kurs korrigieren, netzwerkökonomisch sozusagen. Für diesen Prozess aber sei es unbedingt notwendig, Laien und Experten miteinander zu verschalten und voreinander lernen zu lassen. Das finde ich persönlich eine ganz wichtige Funktion von Wissenschaftsjournalismus. Diese Strukturen zu schaffen, dazu zu motivieren,ist im Web technisch leichter, gleichzeitig schwindet die Intensität der Beziehungsebene. Zumindest eine interessante Herausforderung, dafür nach neuen Wegen im Netz zu suchen…..

  7. Elke Kaesbauer |  06.04.2009 | 18:27 | permalink  

    Forschung findet heute nicht mehr allein im «Elfenbeinturm» der Wissenschaft statt, sondern ist oft von breitem öffentlichem Interesse.

    Um Menschen eine Botschaft zu übermitteln, stehen doch zahlreiche Möglichkeiten
    zur Verfügung. Wir können direkt mit ihnen sprechen, wir können für sie schreiben. Der effizienteste Weg, ein breites Publikum zu erreichen, ist aber via die Medien: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen oder aber das Internet.
    Die Wahl der Form der Kommunikation folgt stets, wenn klar ist, wozu ich wem
    etwas mitteilen will. Nicht immer ist ein Thema für die breite Bevölkerung von Interesse, wohl aber vielleicht für politische Entscheidungsträger oder für spezifische
    Interessengruppen.
    Die Forschenden könnten Hilfe erhalten durch Medien- und Informationsdienste
    der Hochschulen, durch den Presse- und Informationsdienst oder durch
    einen Umsetzungsbeauftragten eines Nationalen Forschungsprogramms. Diese
    könnten sie bei der Medienarbeit unterstützen oder in ihren eigenen Publikationen
    über ihre Forschung berichten.
    Dafür müssen allerdings einige Bedingungen erfüllt sein:
    1. Die Forschungsresultate oder das Projekt sind von grossem öffentlichem und überregionalem Interesse.
    2. Die Forschungsresultate sind neu und herausragend in der Wissenschaft.
    3. Die Forschungsresultate haben einen Bezug zum Alltag der Menschen
    und/oder sind geeignet, in hohem Masse die Neugier eines Laienpublikums zu wecken.
    Medien schaffen keine Informationen. Sie verarbeiten und verbreiten diese. Als
    Forscher oder Forscherin sind sie dagegen Lieferanten von Informationen für die
    Medien. Medien und Forschung stehen damit in einem gegenseitigen Verhältnis
    von Geben und Nehmen. Mit anderen Worten: Die Medien sind grundsätzlich
    an wertvollen Informationen und guten «Geschichten» interessiert.
    Wissenschaft nimmt auch in den deutschen Medien eine oft untergeordnete Position
    ein. Wenige Medien verfügen über eigene Ressorts für wissenschaftliche Themen. Meiner Meinung nach viel zu wenige. Sind solche Ressorts vorhanden, so berichten darin Medizin- und/oder Wissenschaftsjournalisten meist über naturwissenschaftliche
    oder medizinische Themen. Berichte über Wissenschaft und Forschung finden aber auch in anderen Ressorts Platz; etwa in politischen, lokalen oder wirtschaftlichen.
    Wird über eine Forschungsarbeit, etwa über Ausländer im geschlossenen Strafvollzug, berichtet, so findet diese Berichterstattung in der Regel im gesellschaftlichen und politischen Kontext der Thematik statt. Oftmals sind diese Implikationen für Journalisten interessanter als etwa die Methodik der Forschung.
    Je nach Medium und Art der Berichterstattung ist ein Journalist, eine Journalistin
    auf unterschiedliche Formen von Informationen angewiesen: Journalisten, die für Tagesmedien arbeiten, stehen meist unter einem grossen Zeitdruck. Das Fernsehen wiederum ist darauf angewiesen, dass sich ein Thema in Bildern attraktiv
    darstellen lässt. Eine Wochenzeitung wünscht sich eher exklusive Informationen,
    wird die Forschung in einen breiteren Kontext stellen oder schreibt eine Reportage.
    Wenn der Mediendienst der Meinung ist, dass die Forschungsaktivitäten den Medien
    vermittelt werden sollten, dann wird er in der Regel eine Medienmitteilung
    schreiben und verbreiten. Ein Erfolg ist damit aber noch nicht garantiert: Täglich
    erhalten Redakteure Dutzende von Medienmitteilungen zugestellt. Die meisten
    wandern direkt in den Papierkorb, und nur wenige werden in einer Redaktion
    bearbeitet und publiziert. Medienkonferenzen sind nicht nur in der Organisation aufwändig. Sie sind auch für Medienschaffende mit einem grossen
    Aufwand verbunden. Diese überlegen sich sehr genau, ob es sich lohnt, eine Medienkonferenz zu besuchen. Wenn nicht ein hochaktuelles, brisantes Thema mit
    herausragenden Referenten angeboten wird, droht eine Medienkonferenz zu
    scheitern. Sie werden daher nur in Ausnahmefällen durchgeführt.
    Grosse Wissenschaftsjournale wie Nature, Science, The Lancet oder New England Journal of Medicine verfügen über eigene Mediendienste, welche die
    Medien über herausragende Neuigkeiten im Journal informieren.
    Aber wann erhält denn eigentlich mal ein Forscher oder eine Forscherin
    eine Anfrage seitens eines Journalisten oder einer Journalistin?
    Also stelle ich die Frage, ob das Desinteresse nicht auch gegenseitig ist?

  8. Wolfgang Michal |  06.04.2009 | 18:47 | permalink  

    @Petra:
    Das sehe ich auch als wichtige Aufgabe. Aber das “Verschalten” von Laien und Experten im Internet ist gar nicht so einfach. Denn es gibt unter Wissenschaftlern ähnliche Vorbehalte wie unter Journalisten: Sie verraten ungern, woran sie gerade arbeiten (Angst vor Ideenklau). Auch scheuen sich (deutsche) Wissenschaftler oft, andere Wissenschaftler (die sie nicht kennen) zu fragen oder gar zu unterstützen: „Ich habe da ein Problem, kann mir jemand helfen?“ (Diskussionen dieser Art verlassen die blackbox geschlossener Forschungsteams nur selten). Auch fürchten viele Wissenschaftler, sie müssten in Blogs irgendwelchen neugierigen Nichtexperten ständig ihre Arbeit erklären (d.h. bei Adam und Eva anfangen), ohne selbst von der Bloggerei wirklich profitieren zu können. Und genau an diesem Punkt kommt der Wissenschafts-Journalismus ins Spiel, dessen Notwendigkeit Robin (tsts!) in Frage stellt.

  9. petra thorbrietz |  06.04.2009 | 21:25 | permalink  

    @Wolfgang: Ich habe im vergangenen Jahr mit zwei professionellen Moderatorinnen aus der Bürgerdialog-Szene einen Nano-Jugenddialog betreut, bei dem Laien (zwischen 16 bis 26), Schüler, Arbeitslose, Lehrlinge, Studenten, Arbeitstätige, mit einigen Topwissenschaftlern zum Thema Nanomedizin ein Laiengutachten erstellt haben, das dann dem BMBF übergeben wurde (s. http://www.nano-jugend-dialog.de/). Die Jugendlichen und die Wissenschaftler waren begeistert! (Das BMBF hat das Ding vermutlich in die Schublade geschoben, aber trotzdem….) Wir haben das Ganze dann online ausprobiert und waren selbst erstaunt, wie so ein komplexes Thema in Chats abgehandelt werden kann und mit welcher Disziplin und Spaß die Jugendlichen dabei waren. (www.onlinedialogue.org/ee/index.php/nano/index/)Dieses Gutachten wurde dann dem Ethikbeirat des Bundestags übergeben. (www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/23041459_kw51_nanomedizin_jugendgutachten/index.html). War als Projekt eine echte Erleuchtung!

  10. Martin Eckert |  07.04.2009 | 12:22 | permalink  

    Versuchen Sie doch einmal in Deutschland “unbequeme” Forschungergebisse, vor allem solche, die dem “politischen Willen” entgenstehen in einem allgemein zugänglichen, durch Werbung finanzierten Medium “unterzubringen”. Sie werden es nicht schaffen. Selbst “kritische” Redaktionen sind oft noch viel zu obrigkeitshörig (und abhängig von den “Insider-Informationen” geneigter Hinterbänkler- Abgeordneter”), als dass Sie solche Beiträge veröffentlichen würden. Ich habe es gerade Anfang diesen Jahres wieder einmal erfolglos probiert. Der Glaube der Wissenschaftredakteurin an die ministerialen Verlautbarungen über offizielle Forschungsaktivitäten war unerschütterlich. Schade.

  11. petra thorbrietz |  07.04.2009 | 19:53 | permalink  

    @Martin: Vielleicht bloggen? Oder zumindest hier bloßstellen? (den Glauben der Redakteurin) :-)

  12. Christoph Butscher |  08.04.2009 | 17:01 | permalink  

    Passend zu dem Thema hier der Link auf einen Zeit-Artikel über die Open-Access-Bewegung und deren Gegner: http://www.zeit.de/2009/16/C-digitales-Publizieren?page=1

  13. Volker Stollorz |  08.04.2009 | 19:39 | permalink  

    interessanter Denkanstoss. Ich vermute, dass eine von der Wissenschaft strukturell unabhängige Beobachtung der Wissenschaft als soziales System für die Öffentlichkeit immer wichtiger wird. Warum? Einfach weil wir eine Einwanderungsgesellschaft für Neues Wissen geworden sind. Und die Menschen spüren das. Das Interesse an Wissenschaftsthemen schrumpft nicht, sondern wächst, dass zeigen immer mehr Leseranalysen zumindest für den Bereich Print. Gefragt ist Orientierungswissen über Wissen, über Expertise, ihren Gebrauch und Missbrauch. Die Menschen wollen wissen, wem sie noch vertrauen können. Und Journalisten könnten zu Vertrauensvermittlern werden, die signalisieren, wann Vertrauen und wann Misstrauen die richtige Haltung sind. Das geht nur durch Recherche. Und die kostet.

    Wissenschaftsjournalisten sollten die Wahrheit suchende Geschichtenerzähler bleiben, die vor allem im Interesse der Öffentlichkeit agieren, immer an der brodelnden Front dessen, was Wissen in der Gesellschaft anrichtet. Wissenschaftler – auch bloggende – können hier helfen, ein Ersatz für professionellen Wissenschaftsjournalismus sind sie nur begrenzt.

    Die derzeitige Krise des WJ hat vor allem strukturelle Gründe. Wir haben es in der Boom-Phase versäumt, uns unverzichtbar zu machen wie andere Ressorts. Die Popularität von Wissenschaftsthemen haben Chefredakteure leider noch nicht erkannt. Wer aber einmal die “Reader Scan”-Daten von Zeitungen studiert hat kann sehen, dass Themen aus der Wissenschaft populärer denn je sind und die Lesedauer und Lesequote einer Zeitung erhöhen können. Natürlich nur dann, wenn Wissenschaftsthemen vom Leser und seinen Fragen her aufbereitet werden. Die Zeitung der Zukunft wird mehr Wissen über die Wissenschaft verbreiten (müssen), einfach weil der Leser diese Orientierung sucht und vermehrt suchen wird.

    Wenn der Wissenschaftsjournalismus in Deutschland etwas über die angeblich mangelnde Wirksamkeit der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs schreibt, dann ist sein Problem nicht das Desinteresse der LeserInnen an diesem Thema. Sondern das Abschreiben halbgarer Thesen so genannter Gesundheitswissenschaftler, die den Nutzen einer Impfung bestreiten, ohne das zunächst einmal geklärt wäre, über welche Art der Expertise sie eigentlich in dieser komplexen Sache verfügen. Wer wirre Manifeste und Gerüchte als Wissenschaftsjournalist einfach weitererzählt, der stiftet nur Verwirrung. Ich finde, der Journalismus muss vor allem erst einmal (wieder) lernen, in Journalismus als Kraft zu vertrauen. Das scheint mir der Weg aus der Krise und hier kann das Web 2.0. mit seinen Ansätzen zu einer “Peer Review within Science Journalism” Anstösse geben zu können.

  14. gerda v. radetzky |  09.04.2009 | 10:15 | permalink  

    Petra: Gratulation zum neuen Blog.
    Zu “hierzulande” – die Journalisten der TELI http://www.teli.de/ diskutieren das Thema seit einer Weile – allerdings intern.
    Auf der anderen Seite des Ozeans sieht’s auch nicht besser aus:
    http://network.nature.com/hubs/nyc/blog/2009/03/31/the-evolution-of-science-journalism

    Und wie steht’s mit dem Interesse der Jugendlichen? Twittern die nur noch wie die Frauen zu ihren Katzen? Weit gefehlt: die Auswertung der Logfiles einer am 2. Januar 2009 online gestellten Website ( http://www.rotary-muenchen.org ), die Schülern in München Informationen zu Berufen anbietet, zeigt, dass beispielsweise Praktika in “Chemie”, “Biochemie”, “Mathematik” oder “Physik” sehr gesucht sind. Es liegt vermutlich an allen – Unternehmern, Professoren und Journalisten – die “Wissenschaft” so darzustellen, wie sie ist: äußerst spannend etc etc

  15. petra thorbrietz |  09.04.2009 | 18:39 | permalink  

    @ volker: Danke für den Hinweis auf die Science Journalism Reviewer! Hier eine Kostprobe: http://ksjtracker.mit.edu/! @ Und Gerda: Jawohl, die Unternehmen! :-) P

  16. antiferengi |  10.04.2009 | 10:54 | permalink  

    Entschuldigung, dies ist kein direkter Kommentar zum Blog aber @thorbrietz und Wolfgang Michal.
    Der Club of Rome hat vor 20 Jahren auch eindrucksvoll bewiesen wie man mit Hilfe der Wissenschaft, – aber unter der Prämisse:
    -Der Mensch könne heute nicht mehr lernen, indem er Gesehenes verarbeite und weiterzuentwickeln versuche.-
    eine ganze Gesellschaft in Katastrophenstimmung versetzen kann.
    Und das ganz nur mittels relativistischen Umdeutungen von simplen Begriffen wie Wahrheit und Beweis.Heute findet man die Leute im Umfeld des IPCC wieder.
    Deshalb, – nicht die Möglichkeite sind verloren gegangen, oder müssen neu erfunden werden, – es ist einfach kein Vertrauen mehr vorhanden.

  17. Christoph Koch |  10.04.2009 | 16:55 | permalink  

    Seit Wochenfrist nur versuche ich, mich diesem Text im Geiste eines sinnentnehmenden Lesens zu nähern. Nur, um wieder und wieder zu scheitern. Denn um was geht es hier? Meint “der Wissenschaftsjournalismus” im Sinne dieses Textes die Struktur, also die bestehenden Ressorts, oder ist es eine Methode? Ist das “ambitionierte WISSEN-Magazin” der SZ lediglich ambitioniert oder ein Schritt in Richtung Wunscherfüllung?

    Und bezahle ich mit reichlich Steuergeld Wissenschaftler dafür, dass sie fleißig forschen oder dafür, dass sie “gesellschaftliche Verantwortung” übernehmen; und hieße das, dass sie besser beraten wären, evangelische Akademien zu bereisen als ihre Labors auszulasten?

    Ist es jetzt gut oder schlecht, wenn die Praktiker selbst bloggen? Und was genau ist eine “spannende Debatte über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft”? Haben “spannende Debatten” bislang tatsächlich Einfluss auf die gesellschaftlichen Folgen von Wissenschaft gehabt? Und warum haben Feuilletons, wenn sie doch so spannend sind (und implizit also die Menschen besser dort abholen als die “Bleiwüsten” der Kongressberichterstatter) dann Lesequoten von drei Prozent?

    Und was, in Gottes Namen, soll ich denn mit Deutungshoheit anfangen? Wozu brauche ich Deutungshoheit? Geht es nicht vielmehr darum zu vermitteln, dass der wissenschaftliche Denkstil eine Errungenschaft ist, die allen Ressorts angelegen sein sollte und eine empirische Fundierung across the board qualitätskritisch ist?

    Wozu brauchen wir letztendlich eine diskrete Substruktur namens “Wissenschaftsjournalismus”, noch dazu mit “Deutungshoheit”? Wenn wir als einschlägig Vorgebildete es nicht bewirken, einen empirisch-kritischen Ansatz in alle Ressorts zu tragen, wird das zu wenig führen – denn drei Seiten weiter werden die Wirtschaftsressorts fortfahren, “Innovation”, “Zukunftstechnologie” et al. als Werte an sich zu preisen. Und mithin haben wir eine Methode zu verbreiten; doch eine Sonderwelt namens “Wissenschaftsjournalismus” mit Eigengesetzlichkeiten zu perpetuieren, so als ob ausschließlich in unserern Kreisen 1+1=2 wäre, hilft uns doch nicht weiter. Selbst dann nicht, wenn wir “die Menschen” bei “ihren Fragen” abholen.

  18. antiferengi |  10.04.2009 | 18:03 | permalink  

    @Cristoph Koch
    Donnerwetter, – Respekt.
    Endlich mal jemand der eindeutige und nachvollziehbare Fragen stellt.
    Und tatsächlich die Perfidität des Wortes Deutungshoheit endlich mal benennt.
    Hut ab, – keine Worte mehr.
    Der wissenschaftliche Denkstil allerdings war einmal eine wertvolle Errungenschaft, welche wir leider heutzutage getrost beerdigen können.

  19. petra thorbrietz |  12.04.2009 | 19:46 | permalink  

    @christoph: Du hast recht: Deutungshoheit ist ein blödes Wort. Aber ich denke schon, dass diejenigen Wissenschaftler, die mit Deinen und meinen Steuergeldern forschen, die Pflicht und Aufgabe haben, sich über die gesellschaftlichen Auswirkungen Gedanken zu machen und ihren Horizont zum Beispiel in der Medizin weiter als die Studienlage spannen. Sonst wärst Du doch auch kein Journalist geworden… Gesellschaftliche Verantwortung bedeutet natürlich nicht (nur), an Tagungen der Evangelischen Akademie teilzunehmen. Das ist Zynismus, der mir in seiner Vehemenz unverständlich ist.

    Mit Wissenschaftsjournalismus meinte ich die Auseinandersetzung mit Wissenschaft, in dem klassischen Ressort oder ressortübergreifend. Der hohe Grad an Spezialisierung benötigt Instrumente der Integration. Und ein wichtiges davon ist der Journalismus. Dein Medium ist doch ein Positivbeispiel. Viele andere sind es nicht. Auch deshalb ergreifen Wissenschaftler zumindest in den angloamerikanischen Ländern die Initiative, sich selbst zu dolmetschen.
    Das SZ-Magazin WISSEN ist ambitioniert, in Ziel und Praxis.
    Ja, es ist gut, wenn Praktiker selbst bloggen.
    Es gibt jede Menge spannender Debatten, die Einfluss auf die gesellschaftlichen Folgen von Wissenschaft hatten. Nimm die Gentechnik, die Auseinandersetzung um die Sterbehilfe, wo Ihr selbst sehr eindeutig Position bezogen habt, die Stammzellen, die Bildungsforschung usw.
    Dass die Feuilletons meiner Meinung nach mehr zur Auseinandersetzung mit Wissenschaft beitragen als die Wissenschaftsseiten wird durch die geringen Leserquoten nicht widerlegt. Schließlich sind der FAZ damals viele Medien gefolgt, als es zum Beispiel um die Digitalisierung, die Entschlüsselung der Gensubstanz oder Craig Venters Einfluss auf die Wissenschaft ging. Die Summe der Rezipienten war deshalb weit höher. Oder habt Ihr beim “stern” konsequent dran vorbeigelesen?
    Und ja, ich stimme Dir zu: es ist wichtig, einen kritisch-empirischen Ansatz in ALLE Ressorts zu tragen. Es geht um Kontext, und ich weiß selbst noch nicht genau, wie man den im Web herstellen kann. Aber ich sehe – und darum ging es in der nature-Studie, immer weniger Möglichkeiten im Print.

  20. Christoph Koch |  13.04.2009 | 11:10 | permalink  

    @petra:

    Nun, das für mich entscheidende Problem ist, zu welcher Schlußfolgerung Du uns führen möchtest und auf welchem Wege; Lee Hotz hat konstatiert, dass die amerikanischen Print-Medien – deren Niedergang derzeit eine hierzulande noch nicht zu erkennende Rasanz zeigt – ihre Wissenschaftsressorts wegsparen. Das sei ein kultureller Verlust, denn er bewirke das Aussterben der unabhängigen Wissenschaftsberichterstattung. Ist das für uns relevant?

    Wenn ich Dein nächstes Argument beim Wort nehme, nicht. Denn Dir zufolge existiert etwas Vergleichbares bei uns nicht, stattdessen aber eine “Bleiwüste aus Kongressberichterstattung und Verlautbarungen.” Wenn das zutrifft, gibt es nichts, dessen Aussterben wir fürchten müssen; allerdings kann das so auch wieder nicht stimmen, denn wäre es so, hätte sich niemand erregen müssen, als Hans Schöler im vergangenen Jahr die Kongressberichterstattung verbieten wollte, was dafür spricht, dass sie manchmal einen Sinn zu haben scheint.

    Auf jeden Fall halten wir for the sake of the argument einmal fest, dass die deutschen Wissenschaftsjournalisten nichts vergleichbar Schützenswertes herstellen wie ihre amerikanischen Kollegen.

    Wenn das Bewahrenswerte jedoch in ausreichendem Maße von Feuilletonkollegen hergestellt wird, wie Du in Deiner Replik anhand der FAZ nochmal unterstreichst (der viele Medien gefolgt seien), dann gibt es ja offensichtlich empfängerseitig kein ernsthaftes Problem: Der Leser findet die einschlägige Debatte in seinem Blatt, nur ist sie womöglich irreführend rubriziert. Wenn die Feuilletonisten das besser können, dann ist das in Ordnung.

    Dass die SZ ihr “Wissen” u.U. zur Disposition stellt, macht unglücklich, ist aber bei Betrachtung des Marktgeschehens nicht verwunderlich – im weiteren Segment gibt es viel, von P.M. bis zur GEO-Familie, was das Leben schon von vornherein schwer macht. Und im engeren Segment gibt es ZEIT Wissen, und es fällt nicht schwer zu raten, ob die Zielgruppen nicht womöglich ziemlich ähnlich sind. Die wiederum haben in der eigenen Familie “Gehirn und Geist”, dürfen sich auch noch gegenseitig mit Eigenanzeigen bewerben und so den Markt noch weiter zersplittern etc. Das Problem, das hier entsteht, ist weniger mangelndes Interesse sondern eine zu niedrige Markteintrittsschwelle (per Pressegrosso), die verhindert, dass einer der Wettbewerber kritische Masse und Marktdurchdringung erreicht. Das sehe ich nicht als kulturellen Notstand, sondern als Marktordnungsproblem an.

    Da es also – neben der womöglich besseren Durchdringung der Metaebene von Wissenschaft durch unsere Feuilletonkollegen – ein ganzes Bündel von Problemen gibt, vor denen sich unsere hoch geschätzten Werkmittler (die Verleger) sehen, weil sie ineffiziente Geschäftsmodelle als Signum der Meinungsvielfalt verklärt und sich in eine in vielen Segmenten nie mehr zu korrigierende Abhängigkeit von Anzeigenerlösen begeben haben (etwa durch Copypreis-Kämpfe), wird nun auf breiter Front geschrumpft. Sicherlich bei den Wochenmedien, da wissen wir beide, wovon wir reden, haben wir doch freudig an einem schönen Wochenmedium mitgearbeitet, das nie Geld verdient und in guten Wochen 22.000 Exemplare durch den Kiosk geschleust hat… Was diesen Teilmarkt angeht, haben wir selbst bei größtem Bemühen um die volksnahste und klügste Wissenschaftsberichterstattung keinen ausreichend langen Hebel in der Hand, um das Schicksal zu wenden. Wir können nicht öffentlich-rechtlich werden, auch wenn Jürgen Habermas so etwas nahegelegt haben mag… Und vielleicht deshalb ist Manfred Bissinger heute der begeistertste Corporate Publisher im Lande.

    Ich habe nun keinerlei Zweifel daran, dass, wenn Wissenschaft in einen breiten Diskurs projiziert werden soll, ein Bezug zur Lebenswirklichkeit hergestellt werden muss. Das ist unbestreitbar, zuallererst schon einmal deswegen, weil es unanständig wäre, sich vom Leser dafür bezahlen zu lassen, dass man über ihn hinwegschwadroniert. Und kann ja sein, dass das mancherorts liebgewonnener Usus ist. Aber natürlich hat auch dies sein Spiegelbild – denn genauso abgenuckelt wie “Kongress der Woche” ist das volkstümliche Motiv “Ein Problem, das uns alle angeht” oder “jeder ist mitverantwortlich für” oder “was Sie tun können, um”; viele Kollegen haben zu dieser, und nicht zu der staubtrockenen Seite hin, den schmalen Pfad des rationalen Diskurses verlassen, um sich der Church of Climatology, Inc., anzuschließen. Dabei übertreffen sie sich im Unisono, und die Reflexion darüber, was es eigentlich für die Fundamentalia eines wissenschaftlichen Diskurses bedeutet, wenn als dessen hervorstechendstes Qualitätsmerkmal herausgestellt wird, dass sich “mehr als 2000 der besten Fachwissenschaftler einig” seien, mag man sich denken. “Wahrheit ist Mehrheitsentscheidung” sollte jedenfalls nicht der Ausfluss der gesellschaftlichen Verantwortung des Forschers sein…

    Schließlich und endlich ist es doch so: Wenn wir hier in der elektronischen Welt ein Geschäftsmodell hätten, dass es Dir erlaubt, nach den bewährten Regeln der Kunst in die Tiefe zu recherchieren, deine Erkenntnisse auszuführen, sie zu diskutieren und dabei noch die Tragkraft und das Qualitätsversprechen einer etablierten Medienmarke zu transferieren, kann es nicht der entscheidende Punkt sein, ob wir das auf Papier drucken oder nicht; und wenn es in relevanter, belastbarer und mit dem Ethos der Wissenschaftlichkeit vereinbarer Form Öffentlichkeit findet, ist es mir auch eher gleich, ob Feuilleton oder Wissenschaft darüber steht.

    c

  21. antiferengi |  13.04.2009 | 12:42 | permalink  

    @petra
    den schmalen Pfad des rationalen Diskurses verlassen, um sich der Church of Climatology, Inc., anzuschließen.
    Ist dies ein zwar vestecktes, aber doch erstes öffentliches Bekenntnis?

    Ich weiss dass ich hier das Niveau der vielen Worte herunterziehe, – ich entschuldige mich dafür. Aber ich gehöre zu beiden Seiten. Eine Zeitlang durfte ich selber Zulieferer für das, was Journalisten dann daraus gemacht haben sein, und andererseits war ich Leser der journalistischen Leistung.
    Wissenschaft und Journalismus sprechen nicht die gleiche Sprache, aber den Lesern bleibt nichts anderes übrig als das zu glauben, was Journalisten abliefern.
    Dieser Zustand hat zu gesellschaftsweiten Auswirkungen geführt, und insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten auch die Wissenschaft in arge Bedrängnis gebracht. Jedenfalls soweit, dass diese wissenschaftliche Denkweise sich der journalistichen teilweise anpassen musste. Und sagen wir es einfach deutlich. Es hat zu einer unglaublichen Trittbrettfahrerei unter dem Dogma eines einzigen produzierten Meinungskontextes geführt. Ihr wisst ganz genau was ich mit meiner Anklage gegen den Club of Rome gemeint habe.
    Aber ich gehe jetzt einfach mal davon aus dass ihr es positiv, und ehrlich meint und dies ist auch meine letzte Einmischung.
    Ihr könnt unmöglich über Verbesserungen der Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Journalismus debattieren während ihr die Augen davor verschließt dass sich die Wissenschaft relativ bewusst, aber aus purem Vertrauensmangel heraus der Öffentlichkeit verschließt. Manche sage dazu “das Pferd von hinten aufzäumen”.
    Eine ehrlichere Möglichkeit wäre zum Beispiel mit den Wissenschaftlern zusammen ein öffentliches Bekenntnis zu wagen in welchem beide, Journalisten und Wissenschaftler einen Weg zurück finden der von Verantwortung geprägt ist.
    Dann werdet ihr auch die Bequemlichkeit finden, in welcher ihr wissenschaftliches Neuland übers Bloggen recherchieren könnt.

    Dies schreibe ich jetzt im Namen aller möglichen Leser, welchen nichts anderes mehr übrig bleibt als selbst noch das geschriebene Wort von Wissenschaftsjournalisten mit Skepsis zu betrachten.

  22. Joachim Müller-Jung |  23.04.2009 | 19:51 | permalink  

    Später Kommentar, aber was soll’s. Fürs Protokoll (Internet vergißt ja angeblich nichts): Das Desinteresse, liebe Kollegin Thorbrietz, ist zu beklagen, ja, aber doch nicht erst, seit es Blogs gibt. Ein mühsames Geschäft war es schon immer, Forscher zum Schreiben zu bekommen. Scilogs übrigens (u.a.) zeigt, dass die Wissenschaftsblogger-Community trotzdem wächst, also warum so pessimistisch? Vielleicht wächst da etwas heran?
    Was mich allerdings wirklich zu diesem Kommentar herausgefordert hat, ist natürlich Ihr Zitat: “… Falsch! Wissenschaftsjournalismus war in Deutschland immer schon eine Bleiwüste aus Kongressberichterstattung und Verlautbarungen. …”
    Das von einer gestandenen Redakteurin zu hören, gibt mir einigermaßen zu denken, angesichts der Veränderungen, die es in vielen Printmedien (plus der neueren Magazine) inzwischen gegeben hat. So unintelligent, kreativlos und ja auch destruktiv, wie das klingt, ist der – auch der unter Aktualitätsdruck arbeitende – Wiss.journalismus sicher nicht.
    Ich habe zunehmend den Eindruck bei solchen Diskussionen, dass Mythen und Legenden gepflegt werden (und diskutiert werden sollen), die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben. Volker hat zu Recht auf die Reader-Scans aufmerksam gemacht, die ja tatsächlich offensichtlich das genaue Gegenteil zeigen von Überdruß und Unzufriedenheit auf Seiten der Leser – der Leser des jeweiligen Produktes wohlgemerkt. Niemand sollte erwarten, dass man von allen geliebt oder gar gebraucht wird. Blogger nehmen das ja auch nicht in Anspruch, die am allerwenigsten.
    Sicher, vieles wird sich ändern für uns, die Blogosphäre gewinnt an bedeutung, klar. Aer ist denn Selbstkasteiung wirklich das richtige Mittel, darauf zu reagieren und neu nachzudenken? Ich sehe da nicht so schwarz. Und dass die Feuilletons den wichtigeren Wissenschaftsjournalismus machen, halte ich, der diese Entwicklung in der FAZ (hier gehört die Wissenschaft übrigens zum Feulleton) mit getragen hat, für reichlich idealisiert. Fakten und Paper (nicht Verlautbarungen) sind nunmal unser Geschäft, und wer über die Entwürdigung oder Selbstbestimmungsdefizite durch Gentests oder Stammzellimplantate debattieren will, muss sich vorher in der Sache kundig machen – oder informieren lassen. Diese Sachlichkeit will ein Klasse-Feuilleton primär aber gar nicht. Also: Debattenkultur setzt eine systematische Informationskultur voraus. Auch da stehen viele klassische Medien in ihrem (übersichtlichen) Nebeneinander von Kultur-, Politik-, Wirtschafts- und Wissenschaftssparten gar nicht schlecht da – was sich leicht feststellen lässt, wenn man nicht nur blättert, sondern liest.
    Nochmal, mir ist der Versuch, kritisch zu reflektieren, durchaus einleuchtend und sympathisch. Aber wir sollten die Kirche dann auch im Dorf lassen.

  23. Gerda v. Radetzky |  08.05.2009 | 14:50 | permalink  

    Hier ein weiterer Blick in die Kristallkugel der Wissenschaftsjournalisten:

    The Observatory — May 07, 2009 10:58 AM
    Science Journalism’s Crystal Ball
    By Cristine Russell

    http://www.cjr.org/the_observatory/science_journalisms_crystal_ba.php?page=all

  24. Antonio |  22.02.2010 | 14:06 | permalink  

    Kurz sagen, daß wie üblich hinter all dem Geld und vor allem gesunden Menschenverstand, dass wir uns an diese.

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