Robin Meyer-Lucht | 24 Kommentar(e)
Politik und Journalisten sind augenscheinlich mit allen Kräften bemüht, die tiefe Verunsicherung, die von einem so schrecklichen Verbrechen wie dem Amoklauf von Winnenden ausgeht, durch größtmögliche Bestätigung des eigenen Vorverständnisses in den Griff zu bekommen. Anders kann ich mir das, was ich gestern Abend im ARD Brennpunkt gesehen habe, nicht erklären.
13.03.2009 |
Wenn junge Menschen heute in Deutschland durchdrehen, dann liegt das wahrscheinlich an Ego-Shooter-Spielen, vielleicht an Gewaltvideos und ganz sicher am Internet. So zumindest kann ein Fazit des gestrigen ARD Brennpunkts lauten. Das Netz erschien in der Sendung als zentraler Faktor in einem Zirkel aus Rückzug und Zynismus, in dem immer mehr Jugendliche gefangen scheinen.
Dabei ist eine solche Darstellung des Internets nichts weiter als ein Chiffre für das zunehmende Unverständnis der Generationen untereinander – und die Angst der älteren Generationen vor den medialen Eigenwelten der Jüngeren.
Der ARD Brennpunkt vom Donnerstagabend präsentierte uns zunächst genüßlich den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech, der noch einmal erklären durfte, Tim K. habe seinen Amoklauf in aller Drastik in einem Online-Forum angekündigt (”mal so richtig gepflegt grillen”). Rechs Darstellung erwies sich bekanntlich gut eine Stunde später als falsch – aber sie passte perfekt zum Tenor der Sendung.
Bei Minute 5:20 der Sendung kündigt uns Moderator Frey dann einen Beitrag speziell zu den Reaktionen im Internet an: Das Netz sei “nicht nur eine Plattform für potenzielle Täter“, sondern dort sei auch ein “virtueller Wutausbruch” zu beobachten: “Die, die sich dort ihr ganz eigenes Bild vom gestrigen Amoklauf machen, können mit der Debatte um Schuld und Verantwortung wenig anfangen.”
In dem dann folgenden Beitrag wird nahe gelegt, im Netz herrsche eine Atmosphäre von Tätersympathie, Zynismus und entrückter Eigenbrödelei:
– Hier würden sich die Nutzer “ihre eigene virtuelle Wirklichkeit der Bluttat” bauen. Den Massenmedien würden sie “Scheinheiligkeit” vorwerfen.
– Hier herrsche “virtuelle Trauer zwischen ästhetisiertem Schrecken und schönem Schauer”.
– Der Amoklauf werde im Netz zur “tragischen Kunst” stilisiert.
Scheinheiligkeit? Tragische Kunst? Der Beitrag ist tatsächlich reich an der berühmten Suggestivkraft des Fernsehens, vor der uns das Verfassungsgericht schützen möchte. Bei erneutem Schauen wird dies rasch deutlich:
– Den Vorwurf der “Scheinheiligkeit der Medien” durch eine relevante Zahl von Nutzern kann der Film nicht untermauern. Das etwas lautsprecherisch daherkommende YouTube-Video, das gleichzeitig im Beitrag gezeigt wird, ist zumindest harmlos. Auch wird nicht weiter deutlich, worin denn die Scheinheiligkeit bestehen sollte.
– Den eigentlichen Anker des Beitrags aber bildet das von der ARD als “Amok”-Song titulierte Stück “Der letzte Schultag” des Rappers “Swiss“. Genüßlich wird in dem Beitrag noch einmal die Zeile “Wenn ich komme, ist es Zeit für Euch zu gehen” zitiert und die YouTube-Illustration eines Soldaten im Sonnenuntergang gezeigt. Der Zuschauer muss denken, hier würde mit machohafter Lästerhaftigkeit die Tat von Winnenden kommentiert. Völlig falsch: Der Song ist ein Jahr alt und steht auch seitdem auf YouTube. Und natürlich gibt es diesen Song auch nicht nur im Internet.
Die ARD tut sich keinen Gefallen damit, aus Erklärungsnot in Klischees zu flüchten. Der Kitsch aus Anlass eines tragischen Ereignisses wurde diesmal vor allem auch im Fernsehen zur besten Sendezeit zelebriert. Ästhetisierter Schauer? Eigene Realität? Diese Vorwürfe fallen auf die ARD selbst zurück.
Sehr zu empfehlen auch zum Thema Winnenden & die Medien:
– Stefan Niggemeier: Pöbeljounalismus & Amok-Twittern







Aus meiner Sicht zeigt sich bei solchen Ereignissen auch der Fluch der Digitalisierung.
Wie hätte ein solches Ereignis vor 30 Jahren im Fernsehen ausgesehen?
Autos und Ticker gab es auch damals schon, also wären Reporter wohl ähnlich schnell zur Stelle gewesen.
Und dann? Hätten sie Zeit gehabt. Mangels live-Möglichkeit und Mobilfunk wäre die nächste Sendung viele Stunden entfernt gewesen. Zwangsläufige Zeit für Recherche, Begreifen, Einordnung, Schreiben, Berichten – und schließlich: Senden.
Und die gesamte Anstrengung hätte sich auf einen, vielleicht zwei Beiträge am Abend konzentriert.
Heute ist es umgekehrt. Die Reporter sind quasi mit dem Aussteigen aus ihrem Auto live-on-air und wissen kaum, wie der Ort des Geschehens auch nur buchstabiert wird.
Nicht nur dass die Reihenfolge der Produktion umgekehrt ist – erst senden, dann begreifen, der live-Druck verhindert geradezu die Recherche. Wer vor Ort durchgehend Sondersendungen und dazu noch parallel diverse Spartenkanäle gleichzeitig “bedienen” muss, hat keine Chance, als Journalist den Boden zu berühren.
Die so genannte “digitale Dividende” saugt die Inhalte leer, weil die Sender nicht in gleichem Maß ihre Ressourcen ausbauen. Immer mehr Sendeflächen zu füllen wird zum Selbstzweck. Oder wie es Emily Bell im Guardian formuliert: “The biggest mistake of the past 10 years? Too much stuff”
Manchmal wünsche ich mir, dass Fernsehnachrichten wieder ausschliesslich auf Filmumkehr-Material gedreht und mechanisch geschnitten werden.
Berichte aus Winnenden hätten dann ganz anders ausgesehen.
[...] Sie also stattdessen bitte den Beitrag von Robin Meyer-Lucht auf [...]
Komisch, die Links zum ARD-Brennpunkt laufen ins Leere. Ist denen die Sendung inzwischen so peinlich, dass sie sie aus dem Netz genommen haben?
Es war gestern keine Sternstunde für den Journalismus. Den Täter als aus der düsteren Welt der Gewaltspiele und des Internet kommenden Durchgedrehten zu identifizieren, macht es den etablierten Medien allerdings eben sehr einfach, eine – wenn auch auf Ahnungslosigkeit beruhende – Begründung für die Tat zu liefern. Und zugleich können sie sich – stern.de inklusive, wie von Stefan Niggemeier eindrucksvoll gezeigt – als Ort des einzig wahren, schönen, guten, reinen Journalismus davon absetzen.
Eine Anmerkung: Dass Tagesschau und Brennpunkt nach 20 Uhr noch mit der Chat-Ankündigung hantieren, ist auch mit 247-live nicht zu erklären und rechtfertigen. Die Zweifel an der Authentizität des angeblichen Chat-Screenshots und das klare Dementi des Board-Betreibers standen da schon seit Stunden im Raum.
Es ist schon erschreckend, wie die Medien allesamt wieder in ihre klassischen Erklärungsmuster zurückfallen. Es ist wohl offensichtlich, dass eine solche Tat nicht allein durch das Internet oder Ego-Shooter-Spiele erklärt werden können. Vielmehr ist es doch ein Zusammenspiel von ganz unterschiedlichen Faktoren, die man in der Tiefe wohl nie wirklich verstehen wird. Umso schlimmer, dass auch die sogenannten Experten der einzelnen TV-Sender sich auch immer wieder auf diese Klischees berufen. Man möchte den Leuten die Tat wohl einfach nur etwas nachvollziehbarer machen – auch mit dem Wissen, dass dies eigentlich gar nicht machen kann.
Gleich dazu noch hier der FAZ-Artikel über die Erklärungsversuche von Plasberg & Co.:
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E7DBD9F88BD794763AED61279EB69501D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Es geht immer weiter bergab mit den Massenmedien – traurig.
Leider kann man den Brennpunkt in der mediathek nicht mehr aufrufen und er ist auch nicht auf youtube zu finden. Hat ihn wer auf einer anderen Seite entdeckt?
[...] schalten; wenn Internetnutzer ohne nach zu denken Informationen zum Amoklauf verbreiteten; wenn der ARD-Brennpunkt Stunden nach der Tat bereits das Netz als Hauptursache identifiziert hat und suggestiv Halbwahrheiten von [...]
@ Ullrik: Die Links zum ARD-Brennpunkt im Text müssten jetzt wieder gehen…
Schule ist ein Ort, an dem soziale Probleme und gesellschaftliche Fehlentwicklungen gebündelt auftreten und daher dort schnell spürbar sind.
Es ist jedoch völlig absurd, den Lehrern hier Versagen vorzuwerfen. Die Lehrer tun sehr wohl ihre Arbeit und diese wird gerade im Hinblick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft immer schwieriger.
Und was ist aus der Erziehungs- und Bildungspflicht der Eltern geworden? Schauen Eltern überhaupt noch hin, wenn ihre Kinder am PC zu virtuellen Massenmördern werden?
Wer an den Schulen etwas verbessern will, muss dafür erst einmal die Voraussetzungen schaffen. In Klassen mit 32 Schülern haben Lehrer kaum Zeit, allen Kindern die Aufmersamkeit und Zuwendung zukommen zu lassen, die sie zu Hause nicht bekommen.
@ informantiker: Die “digitale Dividende” saugt die Inhalte leer? – Das ist mir zu fatalistisch. Was mit der digitalen Technik angestellt wird, entscheiden schließlich Journalisten und andere. Es bedarf daher einer neuen Kultur des verantwortlichen Umgangs mit diesen Mitteln.
Die digitale Technik ist zudem an der fragwürdigen Berichterstattung im ARD-Brennpunkt nicht schuld, sondern deckt sie im Gegenteil erst auf.
@ Oliver Schröder: Tatsächlich sind wir von der Bildungsrepublik noch sehr weit entfernt. Dafür wird es dieses Jahr eine kräftige Rentenerhöhung geben. Jugend hat in diesem Land keine gute Lobby (mehr).
Hier ein lesenswerter Kommentar von Don Alphonso, nachdem er in der FAZ sanft gefordert hatte, Killerspiele aus dem Verkehr zu ziehen.
http://blogbar.de/archiv/2009/03/13/uber-das-freischalten-der-kommentare/
Kommt davon.
Hätten die ÖR mit Online ihre 3. Säule bekommen, dann wär das sicher alles nicht passiert.
@Hubert:
Ob es nun gerade an den ÖRA liegt, da bin ich mir nicht so sicher – eine gewisse Abneigung des institutionalisierten Journalismus gegenüber dem Internet spricht aber sicher auch aus diesem Beitrag – nach dem Motto: Das haben wir nun davon, dass wir Journalisten nicht mehr die Deutungshoheit haben. Der Aspekt fehlte sicher im Text noch.
Hier auch noch der Hinweis auf einen guten Kommentar in der FTD:
http://www.ftd.de/meinung/kommentare/:Kommentar-Rech-falsche-Meldung-falsche-Priorit%E4t/486830.html
Rech – falsche Meldung, falsche Priorität
von Joachim Dreykluft
Ein Innenminister parliert über Erkenntnisse aus dem Internet – hübsch garniert mit Screenshot und knackigem Zitat. Dass das alles wohl gar nicht stimmte, ist natürlich peinlich. Aber selbst wenn alles gestimmt hätte: Ein verantwortlicher Politiker sollte anderes in den Fokus rücken.
@ rml
Mit “Digitaler Dividende” ist hier der politische terminus technicus gemeint: durch die Digitalisierung erweitert sich das technische Frequenzspektrum um den Faktor 8 bis 12. Die dadurch entstehende Kapazität für zusätzliche Kanäle ist die Dividende, die auch gefüllt werden muss. Die öffentlich-rechtlichen Sender verlangen ja lautstark, an dieser Dividende anteilig fair beteiligt zu werden. Das heisst konkret, zusätzlich zum Hauptprogramm noch eine Reihe von Spartenkanälen veranstalten zu dürfen. Das Budget steigt aber nicht und auch nicht die Zahl der Redakteure – die müssen nur plötzlich wesentlich mehr Fläche füllen. Und das geht automatisch zu Lasten der journalistischen Qualität, saugt die Inhalte leer. Bei den Privaten ist es nicht anders. Da muss ein Reporter im Zweifelsfall den hauseigenen Nachrichtensender (n-tv, N24) und weitere Vollprogramme simultan beliefern. Recherche ist da einfach nicht mehr drin.
[...] nicht nur dort lauern Gefahren, die ARD hat in ihrem Brennpunkt noch weitere üble Quellen im Internet lokalisieren können und im ZDF berichtet Plasberg hart aber [...]
@Wolfgang Michel: Sie bringen da ein paar Dinge durcheinander. “Don Alphonso” schreibt nicht für die FAZ,* sondern ist Gastblogger im FAZ.net (Der nahe liegende Begriff “Hoffnarr” wäre eine Beleidigung für eben diese).
Von einer “sanften” Forderung kann angesichts der ebenso abgehobenen, wie dumpfen, und fachlich weitgehend unbeleckten Provokationen in den beiden zur Diskussion stehenden Blogbeiträgen auch nicht die Rede sein. Wenn Sie ein Beispiel suchen, warum Blogger keine Journalisten sind, sind die “Blogbar” und Meyers Blog im FAZ.net hingegen eine gute Wahl.
*Auch das einzig mir bekannte Stück in der gedruckten FAZ ist nicht journalistischer Natur, sondern eine (nicht gekennzeichnete) Eloge für eine intime Bekannte (”Die talentierte Frau Diener”, FAZ vom 11.10.2008, Nr. 238, S. 35). Die Kunstfigur “Don Alphonso” würde in diesem Zusammenhang wohl den Begriff “Mietmaul” verwenden und hyperventilierend eine Transparenz einfordern, die er selber regelmäßig schuldig bleibt.
[...] grausamen Tat in Ba-Wü (nein, ich schreibe nicht das A-Wort, das in dem Ort mit W standfand) das Internet sofort als Hauptschuldigen geißelten. Egal, ob nun youtube, Internetforen, Blogs, Twitter: Alle bekamen ihr Fett weg. Und das [...]
[...] Kübelweise Klischees im ARD-Brennpunkt über Winnenden [...]
[...] CARTA: Kübelweise Klischees im ARD-Brennpunkt über Winnenden [...]
@ Informantiker: Da der Brennpunkt ja im ARD-Hauptprogramm lief, kann die “Digitale Dividende” eigentlich nicht verantwortlich sein – es sei denn, man meint, dem Brennpunkt würden nun die Reporter fehlen, weil die alle für Phoenix und EinsExtra unterwegs sind.
rml
[...] http://carta.info Im Anschluss daran eine Live-Schaltung zu unserem Reporter vor Ort. Wie grausam war es denn, Herr [...]
[...] als auch für die z.T. nachträglich aus dem Ruder gelaufene Berichterstattung zu sehen (1; 2; 3). Wo liegen für Sie die Ursachen für diese scheinbar existierende [...]
[...] Michal: Flatrate für Journalismus – oder geht es uns wie der Musikindustrie Robin Meyer-Lucht: Kübelweise Klischees im ARD-Brennpunkt über Winnenden Christiane Schulzki-Haddouti: Wie realistisch ist eine Kulturflatrate für Journalisten? Robin [...]