Michalis Pantelouris | 23 Kommentar(e)
Vermutlich fänden die Meisten Vollbeschäftigung erstrebenswert. Vermutlich sehen auch die Meisten einen Sinn in bezahlter Arbeit. Nicht so die Piraten.
28.11.2012 |
Die Piraten haben also den Beweis angetreten, dass sie inhaltlich arbeiten können, und sich mit den „Bochumer Beschlüssen“ eine Art Grundsatzprogramm vervollständigt.
Partei-Grundsatzprogramme bestehen rein rhetorisch oft aus viel heißer Luft, nicht nur bei den Piraten, wirklich füllen kann sie eine Partei nur durch konkrete politische Arbeit, das kann man den Piraten kaum anlasten. Aber ich würde mich gerne ein bisschen mit dem beschäftigen, was da konkret beschlossen wurde.
Als oller Sozi nehme ich einmal stellvertretend den Bereich „Arbeit und Mensch“ aus den Bochumer Beschlüssen. Und ich kann vorweg schon mal sagen, dass ich schockiert bin, richtig tief schockiert, nicht allein ob der bizarren handwerklichen Qualität der Beschlüsse, sondern auch wegen der Inhalte. Aber gucken wir uns den Abschnitt kurz in seiner Gesamtheit an.
Arbeit und Mensch
Arbeit ist für uns nicht nur eine handelbare Ware, sondern immer auch die persönliche Leistung eines Menschen. Es ist daher ein Gebot der Menschenwürde, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, welchen Beruf er ausüben will und welche Arbeit er annehmen will, aber auch, dass diese Leistung entsprechend gewürdigt wird.
Die technologische Entwicklung ermöglicht es, dass nicht mehr jede monotone, wenig sinnstiftende oder sogar gefährliche Aufgabe von Menschenhand erledigt werden muss. Wir sehen dies als großen Fortschritt, den wir begrüßen und weiter vorantreiben wollen. Daher betrachten wir das Streben nach absoluter Vollbeschäftigung als weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert. Stattdessen wollen wir uns dafür einsetzen, dass alle Menschen gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden und werden dazu die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens prüfen.
Und nun der Reihe nach:
Arbeit ist für uns nicht nur eine handelbare Ware, sondern immer auch die persönliche Leistung eines Menschen.
Fasse ich das richtig zusammen als „Arbeit ist mehr wert als nur das Geld, das man dafür bekommt“? Merken wir uns das kurz.
Es ist daher ein Gebot der Menschenwürde, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, welchen Beruf er ausüben will und welche Arbeit er annehmen will, aber auch, dass diese Leistung entsprechend gewürdigt wird.
Ich meine, das kann man im Gesamtkontext nur so verstehen: Menschen sollten keine Arbeit annehmen müssen, die sie nicht ausführen wollen. Der falsche Bezug bei der Leistung (gemeint ist wohl „ihre Leistung“, nicht „diese Leistung“, die im Annehmen der Arbeit bestände, die man annehmen will) überdeckt wahrscheinlich die Forderung, dass Arbeit leistungsgerecht entlohnt werden soll? Da sich die Piraten nicht grundsätzlich vom Kapitalismus verabschieden, nehme ich an, sie meinen auch hier vor allem, dass Menschen nicht durch materiellen Druck zu unangenehmen Arbeiten gezwungen werden sollen? Sondern dass diejenigen wenig sinnstiftenden, monotonen und gefährlichen Arbeiten, die noch keine Maschine übernehmen kann, dann wenigstens besonders gut bezahlt werden sollen?
Das wäre eine kongruente Haltung – irgendwie gefühlt jedenfalls –, aber es steht da nicht. Da steht, dass jeder arbeiten soll, was er will, und das soll „entsprechend“ gewürdigt werden. Zusammen mit dem ersten Satz, der klarstellt, dass Arbeit mehr ist als eine bezahlte Ware, könnte die entsprechende Würdigung dann auch sein, zu sagen: „Du machst das doch eh so gerne, das bezahlen wir nicht“? Oder eine staatliche Stelle, die morgens einen Abgesandten an die S-Bahn stellt, der sich bei den zur Arbeit Eilenden für ihr Engagement bedankt? Ich weiß es nicht.
Die technologische Entwicklung ermöglicht es, dass nicht mehr jede monotone, wenig sinnstiftende oder sogar gefährliche Aufgabe von Menschenhand erledigt werden muss. Wir sehen dies als großen Fortschritt, den wir begrüßen und weiter vorantreiben wollen.
Das gilt spätestens seit der Erfindung des Rasenmähers. Oder so. Mehr heiße Luft geht nicht, aber richtig böse wird es erst jetzt.
Daher betrachten wir das Streben nach absoluter Vollbeschäftigung als weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert.
Wie bitte? Das Streben nach Vollbeschäftigung ist sozial nicht wünschenswert? Das Streben? Das ist ja nun totaler Unfug. Wahrscheinlich ist gemeint, der Zustand der Vollbeschäftigung selbst wäre nicht wünschenswert (was auch immer an „absoluter Vollbeschäftigung“ noch absolut voller als voll sein soll).
Ich nehme an, hier ist mit Vollbeschäftigung nur die landläufige, engere Definition gemeint, nämlich der Produktionsfaktor Arbeit – also der Zustand, in dem jeder Arbeitswillige auch Arbeit hat. Das finden Piraten sozial nicht wünschenswert? Oder missverstehen sie die Definition von Vollbeschäftigung, und meinen eigentlich, es solle nicht jeder arbeiten müssen, weil das … was auch immer? Weil manche eben was Besseres zu tun haben? Ich entferne mich hier vom Text, der nur sagt, „das Streben nach Vollbeschäftigung“ sei unzeitgemäß und nicht sozial wünschenswert, aber ergibt das einen Sinn? Ich kann die Partei in beiden Fällen nicht wählen, denn ich finde sowohl das Streben nach Vollbeschäftigung als auch die Vollbeschäftigung als solche sehr wünschenswert, gerade auch sozial, aber wer formuliert denn diesen Quatsch? Der Schwarm? Arbeitsgruppen? Der Parteitag? Und das wird dann so verabschiedet? Puh.
Stattdessen wollen wir uns dafür einsetzen, dass alle Menschen gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden und werden dazu die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens prüfen.
Statt Arbeit lieber ein ordentliches Bedingungsloses Grundeinkommen. Steht da wirklich: Stattdessen. Es ist das Streben danach, strukturelle Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sozial nicht wünschenswert, stattdessen soll lieber jeder „gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden“ – nicht dadurch, dass er die gerechte Chance erhält, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern offensichtlich einfach durch Geld. Die Arbeit des Menschen ist – wir haben uns das oben gemerkt – mehr als nur handelbare Ware, offensichtlich deshalb, weil es nach Ansicht der Piraten sowieso nicht genug davon gibt, und deshalb wird sie rationiert: Es ist nicht zeitgemäß und wünschenswert, dass alle arbeiten, deshalb werden einige fürs Nichtstun bezahlt.
Das ganz Merkwürdige bei den Piraten ist für mich, dass bei mir das Gefühl bleibt, das können sie gar nicht gemeint haben. Das muss ihnen so durchgerutscht sein, sie wollten etwas ganz anderes sagen. Sie können vielleicht einfach nicht so gut Beschlüsse formulieren. Aber dafür steckt da zu viel Arbeit drin, zu viele Stunden und Augenpaare und Gedanken und was auch sonst noch. Das ist so verabschiedet und veröffentlicht – das gilt. Und für mich sind die Piraten damit nicht nur unwählbar, sondern ein echter politischer Feind.
Ich bin dieser Partei von ferne mit einiger, manchmal schmunzelnder Sympathie begegnet. Ich fand sogar das Chaos eine ganze Weile lang okay. Aber wer behauptet, Arbeit sei mehr als nur das Geld, das man dabei verdient, um gleichzeitig zu sagen, Vollbeschäftigung sei nicht zeitgemäß und sozial erwünscht, weil die Leute schließlich auch ein irgendwie benamstes Arbeitslosengeld bekommen und dann machen können, was sie wollen – der hat mit der Realität von Menschen keinen Kontakt mehr. Ich empfinde es als zynisch, einem Langzeit-Arbeitslosen mitzuteilen, er solle doch einfach ein bisschen mehr Lebenskünstler sein, ein bisschen mehr wie Johannes Ponader, das sei jetzt sozial so erwünscht und zeitgemäß.
Ich glaube, dass sich die Würde eines Menschen auch über seine Arbeit definiert, darüber, dass er sein Leben mit seiner Arbeit fristen kann. Ich halte Vollbeschäftigung für ein extrem soziales und legitimes Ziel. Aber was weiß ich schon, ich halte es ja auch für vernünftig, dass ein Bundesparteitag in der Lage ist, ordentliche Beschlüsse zu Problemen zu fassen, die dieses Land wirklich hat, die seine Bewohner wirklich haben – und sich nicht mit Zeitreisen abzukaspern.
Das sieht Johannes Ponader anders, der auf Twitter wieder die Medien dafür verantwortlich macht, dass nicht jeder bejubelt, was die Piraten da beschlossen haben.
Medien, die uns für Zeitreisen schelten und gleichzeitig Machtpolitik & Hierarchisierung als Professionalisierung loben. Finde den Fehler.
Ich sag mal so: Ich finde den Fehler.
Crosspost von Michalis Pantelouris





Danke für diese gründliche Auseinandersetzung mit den unfassbaren Beschlüssen, diesem Konvolut, das als Parteiprogramm zu bezeichnen ich mir versage.
Eine wichtige Frage ist zu stellen und schwingt in Ihrer Argumentation mit: Wenn alle am Gesamtwohlstand teilhaben sollen ohne selbst dazu beizutragen,
- WER soll denn dann die Arbeit machen
- WER definiert und bewertet den Gesamtwohlstand
- WER entscheidet über die Verteilung
Einige Dumme arbeiten und die anderen, Schlauen werden alimentiert?
Welch Kindergarten verzogener und verwöhnter Träumer ;=(
[...] Michalis Pantelouris zum Beispiel mit dem Absatz “Arbeit und Mensch” der Piratenpartei auseinander setzt, fällt die Kritik meiner Meinung nach härter als als notwendig gewesen wäre. Denn manchmal sind [...]
Ich kann dem Autor genauso wie Connie Müller-Gödecke empfehlen, das im Wikipedia-Artikel verlinkte Buch von Rifkin (“Das Ende der Arbeit”) zu lesen. Rifkin argumentiert darin warum Vollbeschäftigung unmöglich seiner Ansicht nach unmöglich ist (viel besser, als ich das hier könnte). Er entwirft aber auch Szenarien, wie Politik mit dem Mangel an Arbeit umgehen kann, inklusive warum ein Streben nach Vollbeschäftigung keine gute Idee ist.
Auch wenn sie sich möglicherweise nicht der Meinung von Rifkin anschließen werden, verstehen sie dann vielleicht besser wie Menschen auf so einen Programminhalt kommen.
und wie viele der Piraten haben Rifkin gelesen und akzeptiert? Das wollen Sie doch nun nicht wirklich behaupten, oder?
Ich wage mal zu behaupten, dass einige Piraten über deutlich mehr Weitblick verfügen als manche hier beweisen.
ja, Weitblick zum Beispiel für Zeitreisen ;=)
Spaß beiseite, manche sicherlich, aber nicht die liquid schwarm intelligenz
[...] CARTA – Mein letzter Text zu den PiratenCARTADie Piraten haben also den Beweis angetreten, dass sie inhaltlich arbeiten können, und sich mit den „Bochumer Beschlüssen“ eine Art Grundsatzprogramm vervollständigt. [...]
Die Piraten haben da irgendwas falsch verstanden. Die Idee vom Grundeinkommen ist eigentlich, alle jetzigen Sozialleistungen durch ein Grundeinkommen zu ersetzen. Ausnahemen werden dort gemacht, wo Menschen aufgrund einer Krankheit oder Behinderung mehr Geld oder andere Hilfe benötigen. Mit der Vollbeschäfitung hat das gar nichts zu tun, die Leute müssen halt genug verdienen, um würdig leben zu können.
Tja , da haben die Piraten wohl den wunden Punkt getroffen.
Ein weiteres Mal zeigt sich , daß der deutsche Arbeitswahn keineswegs zwingend von konservativer Seite kommt , sondern in erheblichen , vielleicht sogar entscheidenden Teilen von links , wenn man die kleinmütige Sozialdemokratie mal so bezeichnen will.
Wer ernsthaft glaubt , das Leben bestehe hauptsächlich aus Arbeit , kann Einem eigentlich nur noch leid tun , insbesondere aufgrund der hochgradigen Krankhaftigkeit unserer Arbeitswelt.
Wir brauchen keine Vollbeschäftigung , wir brauchen viel mehr Flexibilität , Teilzeit für jeden , der will , flexible Arbeitszeiten , wo möglich , Auszeiten ,usw usw , und ja , auch die Freiwilligkeit der Arbeit hat im Vordergrund zu stehen, Arbeiten ist keine Einbahnstrasse , sie ist ein Geben und Nehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern , und man muß schon mit völliger Blindheit geschlagen sein , um nicht zu erkennen , zu welcher Seite das Pendel derzeit ausschlägt.
Auch wird hier die Funktionsweise des Marktes Null begriffen , wie jeder Markt hat auch der Arbeitsmarkt die Tendenz zur einseitigen Konzentration , und dem muß etwas entgegengehalten werden.
Ob das BGE oder andere Ideen , alles kann diskutiert werden , aber die Bedingungslosigkeit berührt einen entscheidenden Punkt – wer wählen kann , hat Marktmacht und kann die Arbeitsbedingungen beeinflussen (nichts anderes als das Streikprinzip) , die Neoliberalen haben das schon vor langen Jahren begriffen und nur umgekehrt , zu ihren Gunsten , eingesetzt , indem sie Hartz 4 und Co. durchgesetzt haben .
Überhaupt ist die Freiwilligkeit ein Basispfeiler unserer Gesellschaft , und wir kranken daran , daß diese – besonders im Arbeitsmarkt – zunehmend mit Füßen getreten wird.
Die Piraten gehören zu denen , die das begriffen haben , aber ich fürchte ,Artikel wie der obenstehende gehören zu jenen stammtischartigen Beißreflexen , wie sie in der hoffnungslos zurückgebliebenen Sozialdemokratie oft zu finden sind , solche Themen diskutiert man lieber mit Wertkonservativen oder Werteliberalen.
Zum Thema “Bedingungsloses Grundeinkommen” empfehle ich den “Spiegelfechter”:
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/8709/konstruktionsfehler-des-grundeinkommens
Ja, wir Piraten kritisieren das Dogma Arbeit, das zu Abhängigkeit, Herrschaft, HartzIV, Prekariat führt.
Wir haben uns vom Dogma Arbeit abgekehrt.
Für unsere Argumente, warum das so wichtig ist, und welche besseren Alternativen es gibt, empfehle ich die Zusammenfassung “Die Abkehr vom Dogma Arbeit. Das Wirtschaftsprogramm der Piraten” unter:
http://de.thecitizen.de/2012/11/27/the-departure-from-the-dogma-work-pirate-party/
Ich bin erschüttert! Die Piraten wollen tatsächlich etwas anders machen als die etablierten Parteien, die doch seit Jahrzehnten all unsere Probleme lösen! Ketzerei ist das, Ketzerei!
Das Streben _des Staates_ nach Vollbeschäftigung _ist_ weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert! Vollbeschäftigung kann es innerhalb unseres Wirtschaftssystems nur geben, wenn ein Großteil der Arbeitenden nicht vom Erwerbsentgelt leben kann und auf staatliche Versorgung angewiesen sind, also nur mittels Niedriglöhnen, Leiharbeit, Dauerpraktika, etc. Würden wir in unserem jetzigen System Vollbeschäftigung haben, müsste sich ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung beim Jobcenter vorwerfen lassen, dass sie Schmarotzer seien, da sie zum Amt gehen, obwohl sie ja arbeiten. Diese Situation haben wir ja jetzt auch schon. Der Aufstocker hat keine Möglichkeit, Nein zu sagen. Und darum wird sich für ein Grundeinkommen eingesetzt. Nicht weil der Aufstocker dann den ganzen Tag im Bett bleiben kann, sondern weil er dann nicht zu Arbeit gezwungen werden kann, die er nicht machen will.
So wie gegenwärtig vonseiten des Staates auf Vollbeschäftigung hingearbeitet wird, geht das zulasten einzelner Menschen. Konkret bedeutet das „Streben nach Vollbeschäftigung“ nichts anderes als Arbeitszwang ohne eigene Entscheidungsfreiheit. Das gegenwärtige Streben nach Vollbeschäftigung ist asozial und unmenschlich.
Das Streben nach Vollbeschäftigung dient der Wirtschaft, die billige Arbeiter will, nicht den Menschen.
@Andre Trecksel: Ihr glaubt das Zeug echt, oder? Wie erklärt Ihr eigentlich die Schweiz?
Oder noch was: Was ist daran sozial, wenn der Staat wegen des Strebens nach Vollbeschäftigung eine alleinerziehende Mutter zwingt, einer Arbeit nachzugehen, die sie gar nicht machen will, folglich auch nicht besonders gut darin sein wird und bei der sie kaum mehr bekommt als ALG II, obwohl sie eigentlich beschäftigt ist und eine der vllt. die wichtigste Arbeit überhaupt macht.
So einen Asozialstaat braucht niemand!
Ah, jetzt verstehe ich. Ist eigentlich das komplette Wirtschaftsprogramm der Piraten von dir?
@Michalis Pantelouris Wie ich/wir die Schweiz erklären??? Die Schweiz ist ein Land mitten in Europa, dass (zugunsten von z.B. Singapur) erst langsam aufhört, weltweite Sammelstelle für Gelder aus kriminellen Machenschaften zu sein und es sich von diesem kriminellen Geld gutgehen zu lassen.
Aber ich glaube Du möchtest die Frage nochmals anders.
PS: Ich bin im übrigen ausgetreten und spreche mich nicht für das Piratenprogramm aus, sondern gegen die Dummheit des Strebens nach Vollbeschäftigung.
Ich möchte die Frage nochmal anders? Nö, ist schon gut.
@Michalis Pantelouris Du hast ein Flüchtigkeitsfehler entdeckt und darfst mir selbstredend aufgrund dessen jegliche Kompetenz absprechen, brauchst keinesfalls auf das von mir geschriebene eingehen und deine unverständliche Frage musste natürlich auch nicht richtig stellen geschweige denn auf das näher eingehen, worauf du hinaus willst. Nicht dass ich noch etwas an deiner Meinung ändere.
@André Trecksel:
“wenn der Staat wegen des Strebens nach Vollbeschäftigung eine alleinerziehende Mutter zwingt, einer Arbeit nachzugehen, die sie gar nicht machen will, ”
tja, was sind das für Kriterien: “die sie nicht machen will” und “deshalb macht sies auch nicht gut”
wer soll denn sonst für sie bezahlen? Sollen diejenigen, die arbeiten, die jenigen, die die Arbeit nicht machen wollen, also die Faulen, mitdurchschleppen?
Das ist ein arg konstruiertes Beispiel, Herr Trecksel, und damit man in Ihre moralische Falle tappt, geht es natürlich um die alleinerziehende Mutter.
Ich habe in meinem langen Arbeitsleben viele Menschen angetroffen, die ihre Arbeit nicht machen wollten, sie aber machten, vielleicht deshalb nicht besonders gut waren, aber mit ihren Sozialabgaben sicherlich viele andere mitfinanziert haben.
Ich habe noch bei keinem der Piraten-Argumente irgendeine Antwort gefunden, woher das Geld denn kommen soll für diejenigen, die die Arbeit nicht machen wollen…
@Connie Müller-Gödecke Ich empfinde es als asoziales Menschenbild, grundsätzlich jedem Faulheit zu unterstellen, der keine Arbeit hat. Und ich hatte wirklich nicht vor, eine „moralische Falle“ aufzustellen, sondern ein konkretes, reales, alltägliches Beispiel heranzuziehen.
Du meinst also, eine Mutter die sich um ihr Kind kümmert ist faul? Du meinst also, dass Mutter sein, keine Arbeit ist? Du meinst also, die Mutter muss z.B. zum Toilettenputzen gezwungen werden und ihr Kind muss währenddessen in einen Hort? Wer zahlt noch gleich den Hort? Wohl nicht die Mutter! Willst Du mir erzählen, die Variante sei billiger aus Sicht der Steuerzahler als die Mutter mit ihrem Kind zu unterstützen?
Mal ’ne Frage, warum bist Du eigentlich bereit, für die Gläubiger Griechenlands (_nicht_ für die Griechen!), die keinerlei Leistung erbringen sondern lediglich Kredite ausgaben, zu arbeiten, aber für eine Alleinerziehende Mutter mit Kind nicht?
Du erwähntest „Kriterien“. Willst Du mir wirklich weißmachen, dass jemand, der die Arbeit nicht machen will, genauso leistungsfähig sein kann, wie jemand dem die Arbeit wirklich Spaß macht?
„wer soll denn sonst für sie bezahlen?“ Hast Du Dich mal mit unserem Steuersystem beschäftigt oder mit Grundeinkommensmodellen? Wieso zahlt jemand mit 50.000 €/Jahr Einkommen als Angestellter den Spitzensteuersatz, jemand der aus selbständiger Tätigkeit aber monatlich 500.000 € im Jahr oder sogar im Monat erhält aber nicht mal 20 % Steuern??? Also, wer soll wohl dafür bezahlen?
„Ich habe in meinem langen Arbeitsleben viele Menschen angetroffen, die ihre Arbeit nicht machen wollten […]“ Ja klar, wer geht schon gerne zur Arbeit? Sehr viele behaupte ich! Du scheinst die Sache mit dem Grundeinkommen zu sehr aus der jetzt Hartz-IV-Sicht zu sehen.
Ich find das schade, dass die tatsächlichen Leistungsträger der Gesellschaft de facto am meisten Einkommensteuer zahlen. Ich persönlich favorisiere ein Kombination aus Konsumsteuer und sehr spät greifender Erwerbseinkommensteuer. Weil Leistungsbereitschaft nicht durch Steuern beeinträchtigt werden soll.
Es geht beim Grundeinkommen eben nicht darum, die Leute zu alimentieren und ruhig zu stellen und sie für ihre spätere Verwendung zu parken, wie bei Hartz IV, das sinnvolle Beschäftigung verhindert, wenn diese den Interessen der Wirtschaftsbosse zuwiderlaufen. Sondern mit einem Grundeinkommen kann jeder seine Arbeit sogar für Null Euro anbieten, weil Arbeit eben mehr ist als nur Broterwerb sondern auch Sinn stiften kann. Wer nicht auf Arbeitseinkommen angewiesen ist, wird sich stets weiterbilden können, also danach bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Ich bin jemand, der der Mehrheit unterstellt, leistungsbereit und arbeitswillig zu sein. Und jedem, der behauptet, dass mit Grundeinkommen keiner mehr arbeiten ginge, unterstelle ich, als erstes mit der Arbeit aufzuhören. Weil solche Personen, wie alle anderen auch, von sich auf andere schließen!
„Ich habe noch bei keinem der Piraten-Argumente […]“ Du solltest von einer Newcomer-Partei nicht erwarten, dass sie das bezahlte Wirtschaftsprofis hat, wie bei den anderen Parteien die es seit über 30 Jahren gibt. Aber zur Sache: Mehrere Wirtschaftsinstitute haben bereits einige Modelle durchgerechnet und demnach sind sie selbsttragend.
Es gibt beim Grundeinkommen nichts oben drauf! Schau, heute hat jeder einen Steuerfreibetrag der über entsprechendes Einkommen verfügt. Diesen Steuerfreibetrag gibt es, um die Grundversorgung sicherzustellen. Mit anderen Worten, der Staat lässt einem bereits heute indirekt ein Grundeinkommen zukommen, nur wird es nicht explizit ausgezahlt, sondern man darf es von dem, was man eigentlich an Steuern zahlen müsste behalten. (ja, besser kann ich das auch nicht erklären, fragt doch die die das ausgerechnet haben)
Theoretisch, wenn Grundeinkommen auf heutigem Hartz-IV-Niveau eingeführt werden würde, würde das Gesamtsystem billiger! Warum? Weil jeder bereits jetzt mindestens das ALG-II-Einkommen hat. Billiger würde es deshalb werden, weil an die zu Hartz-IV-Zeiten noch Bedürftigen kein zusätzlicher Cent mehr ausgegeben würde, während die Ausgaben für Arbeitsagenturen, Jobcenter und die ganzen Träger vollständig wegfallen können. Die sind ja heute auch schon weitestgehend überflüssig.
Nochmals zurück zum Begriff „Faulheit“. Wenn heute jemand wirklich faul sein will, kann er das auch. Fakt. Grundsätzlich jedem ALG-II-Empfänger Faulheit zu unterstellen, ist asozial. Allerdings einem Grundeinkommensbezieher der gar nicht daraus macht, als Faulpelz zu bezeichnen, ist dann absolut angebracht. Hartz IV hingegen verhindert geradezu, das Menschen in Arbeit kommen bzw. sich einbringen können.
Ich behaupte, wir machen in Deutschland zwei wesentliche Fehler:
Unsere Sozialpolitik richten wir nach den verschwindend geringen Zahlen von tatsächlich Faulen aus und verhindern dadurch, dass leistungswillige Hilfebedürftige zu Leistungsfähigen werden.
Unser Familienpolitik hingegen richten wir ausschließlich nach den Eltern aus, die alles richtig und selbst machen können, und dabei lassen wir Jahr für Jahr tausende von Kindern im Stich die vor ihren Eltern geschützt werden müssten und die sich dann später in die Jobcenterschlagen einreihen müssen.
Michalis Pantelouris schrieb:
[quote]Da sich die Piraten nicht grundsätzlich vom Kapitalismus verabschieden, nehme ich an, sie meinen auch hier vor allem, dass Menschen nicht durch materiellen Druck zu unangenehmen Arbeiten gezwungen werden sollen? Sondern dass diejenigen wenig sinnstiftenden, monotonen und gefährlichen Arbeiten, die noch keine Maschine übernehmen kann, dann wenigstens besonders gut bezahlt werden sollen?[/quote]
Dem stimme ich zu 100 Prozent zu.
Die Gesellschaft muss aber nun mal endlich einsehen, dass der Versuch, “klassische Vollbeschäftigung” aufrecht zu erhalten, in der heutigen Zeit, wo immer mehr unangenehme und monotone Arbeiten von Maschinen übernehmen werden, allenfalls verlangsamt, keineswegs aber verhindert werden kann.
Parallel dazu haben sich jetzt schon viele Sachen, vor allem im Kreativ- und Kulturbereich herausgebildet, die nicht automatisierbar sind, von der Bevölkerung benötigt werden, aber im jetzigen Kapitalismus-System nicht rentabel sind. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein BGE hier eine Lösung schafft.
DJ Nameless
Der Denkfehler des Autors und einiger Kommentatoren ist doch, dass sie sich strikt weigern, den Begriff “Arbeit” zu definieren. Ist Kindererziehen keine Arbeit? Ist Ehrenamt keine Arbeit? Ist Nachbarschaftshilfe keine Arbeit? Ist Kunst keine Arbeit? Sind politische Aktivitäten keine Arbeit?
Was würde eigentlich passieren, wenn die ganze unbezahlte Arbeit eingestellt würde? Keine freiwilligen Feuerwehren? Um die Berufsfeuerwehren aufzustocken wären etliche Millionen notwendig. Mütter würden ihre Pflege- und Erziehungsarbeit aussetzen – wie viele Milliarden bräuchte man wohl, um die Erziehungsarbeit zu professionalisieren?
Was würde passieren, wenn die ehrenamtlichen Telefonseelsorgen eingestellt würden? Wie viele Milliarden bräuchte man wohl, um das durch professionelle Seelsorger oder Psychologen auszugleichen?
Was würde passieren, wenn Amateurmusiker nicht mehr die Leute unterhalten würden? Nur noch billige Popmusik im Radio?
Fakt ist: Ohne unbezahlte Arbeit würde das Wirtschaftssystem zusammen brechen.
Auf der anderen Seite sehen wir Menschen, die wie verrückt versuchen, eine bezahlte Tätigkeit auszuüben, obwohl diese Menschen ihre Zeit viel sinnvoller im Ehrenamt einsetzen können, mit viel größerem Rückfluss in die Gesellschaft. Es ist volkswirtschaftliche Kapitalverschwendung, Menschen hunderte erfolgslose Bewerbungen schreiben zu lassen, wenn es ohnehin nicht genug Arbeitsstellen gibt. Das ist gemeint mit der Abkehr von der Vollbeschäftigung: Menschen die Möglichkeit geben, für die Gesellschaft zu arbeiten.