szmtag
Wolfgang Michal

„Die erste Freiheit der Presse ist es, kein Gewerbe zu sein“

 | 10 Kommentar(e)


Frank Schirrmacher hat vollkommen Recht: Außer extremer Selbstausbeutung, schlecht funktionierenden Geschäftsmodellen und mühsamer Crowdfinanzierung hat der aufbegehrende Netz-”Journalismus” nicht viel zustande gebracht. Das war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts bei Zeitungen ganz ähnlich.

27.11.2012 | 

Damals kämpfte die Presse noch um ihre Freiheit. Und Zeitungen waren ungefähr das – was heute diese Dings… diese Blogs im Internet sind: neu, überheblich, frech und lästig.

Einer dieser Zeitungsschreiberlinge hieß Karl Marx. Weil ihm die preußische Regierung die ersehnte Professur verweigerte, wurde er halt Journalist (Wer nix wird, wird Journalist). Denn es gab da diese neuen Medien, mit deren Hilfe man sich Frisch-Luft zufächeln konnte im preußischen Provinzmief. Liberale Bürger aus Köln hatten 1842 die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe gegründet. Kurz darauf betrat der 24-jährige Karl Marx die Redaktion (die er wenige Monate später übernahm) und ging sofort in medias res. Er befasste sich zuallererst mit den Bedingungen dieses neuen Dings… dieses überaus frechen und lästigen „Journalismus“.

Am 5. Mai 1842 begann er eine Artikelserie unter dem Titel „Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen“. Marx kritisierte darin die Reden der Landtagsabgeordneten, etwa jene, in denen die Meinung vertreten wurde, die Zensur sei doch „ein geringeres Übel als der Unfug der Presse“. Marx griff aber nicht nur Abgeordnete an, die den Zeitungen einen Maulkorb umlegen wollten, er kritisierte auch jene wohlmeinenden Bürger, die in der Pressefreiheit lediglich eine Unterform der Gewerbefreiheit sehen wollten. Marx schrieb seinen berühmten Satz: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Und er fügte hinzu: Man könne journalistische Arbeit schließlich nicht in „befugte“ und „unbefugte“ unterteilen (heute: Qualitätsjournalismus vs. Netzjournalismus).

Marx’ Rheinische Zeitung (RZ) war die Stimme der aufkommenden oppositionellen rheinischen Bourgeoisie, die das Korsett des preußischen Absolutismus als zu eng empfand. Aber schon 15 Monate nach dem ersten Erscheinen wurde das nichtsnutzige Blatt von den staatlichen Behörden verboten. Neue Medien, die sich gegen das Bestehende richten, sind eben permanent vom Scheitern bedroht. Und deshalb hat Frank Schirrmacher vollkommen Recht, wenn er dem Neuen, dem Fremden, dem Unbefugten, das da kommen soll (aber nicht kommt) voller Abscheu und Enttäuschung leere Versprechungen, Großmäuligkeit und Versagen vorhält.

Aber wirklich unterkriegen lassen sich neue Medien, die von neu entstehenden ökonomischen Strukturen und einer neuen Gesellschaftsschicht getragen werden, nicht. Im Revolutionsjahr 1848 machte Karl Marx – die Stimmung hatte sich wieder gedreht – mit der „Neuen Rheinischen Zeitung“ (NRhZ) einfach weiter. Obwohl die Verdienstmöglichkeiten seiner „Correspondenten“ äußerst prekär waren.

Wie übrigens die ganze vermaledeite Finanzierung! Die ersten Aktionäre seines nicht vorhandenen „Geschäftsmodells“ Neue Rheinische Zeitung waren liberale Risikokapitalgeber, von denen sich die Hälfte nach dem Erscheinen der ersten Nummer wieder aus dem Staub machte. Marx investierte deshalb den Rest seines väterlichen Erbes. Und reiste durchs Land auf der Suche nach Sponsoren und anderen Geldgebern. Viel Erfolg war ihm nicht beschieden. Nach 301 Ausgaben stellte die NRhZ am 19. Mai 1849 ihr Erscheinen ein. Karl Marx wurde des Landes verwiesen (und schrieb, weil er ja sonst nichts zu tun hatte, „Das Kapital“).

Aber wozu erzähle ich das?

Weil die Presse nach 1849 doch noch ein sehr sehr lukratives Gewerbe wurde. Sie wurde es so sehr, dass sie irgendwann anfing, den Lauf der Zeit aufhalten zu wollen. Heute kämpft sie für die Konservierung ihrer Privilegien und ihres Komforts. Und die bürgerlichen Liberalen von heute sitzen in den verkrachten Blogs und erklären dem alten Gewerbe geduldig (aber auch ein bisschen frech und überheblich), dass seine Zeit unwiderruflich vorbei sei.

Diese Kämpfe haben gerade erst angefangen.

Mehr zu : | | | | | | | |

CARTA Kaffeekasse

10 Kommentare

  1. Matthias Krämer |  27.11.2012 | 15:55 | permalink  

    Ich bin sehr erfreut, dass die Zeitungsgeschichte in der Krise als Orientierungsmöglichkeit wiederentdeckt wird! :-) Lehren aus der Geschichte lassen sich zwar nicht erzwingen. Aber inspirierend ist der Blick auf das historisch Andere, das wir heute in verwandelter Gestalt wiedererkennen, jedenfalls.

    Seeßlen hat ja auch angedeutet, dass es eine andere, postbürgerliche “Klasse” ist, die sich nach der Zeitung anderer Kommunikationsmittel bedienen wird. Bisher hat es den Anschein, dass der alte Marx falsch lag und die neue Klasse sich weniger an der Trennlinie zwischen besitzend und besitzlos von der bürgerlichen Klasse abgrenzt, sondern an der Trennlinie zwischen analog und digital oder materiell und ideell.

  2. Thomas Weiss |  27.11.2012 | 16:23 | permalink  

    Danke, den Link auf Döpfners Geschenk hatte ich in der Diskussion tatsächlich vermisst.

  3. Matthias Krämer |  27.11.2012 | 16:26 | permalink  

    Als 150 Jahre später ein angehender Journalist nach Köln kam, sah die Welt ganz anders aus:
    Elite statt Gescheiterte; lokales Bürgerkind statt auswärtiges Aufsteigerkind; Berufswunsch Journalismus statt Notfallplan Journalismus; dann steile Karriere statt Exil; Respekt der Mächtigen statt Verachtung; Frau statt Mann.

    Andere Verhältnisse sind gleich geblieben:
    Sie wollten wissen, wie man “die Welt verbessert, die Unterschiede zwischen Armen und Reichen verkleinert und eine gerechtere Gesellschaft schafft”. Sie studierten dazu Wirtschaft und Staat, “das perfekte Studium für den Journalismus”. Sie hatten ein Selbstbild als jemand, der für eine stumme Masse spricht. Sie bissen sich ständig die Zähne an Politikern aus.

    http://www.zeit.de/campus/2012/06/mensa-marietta-slomka/komplettansicht

  4. Wolfgang Michal |  27.11.2012 | 16:39 | permalink  

    Und 170 Jahre danach? Hilfsjob. Irgendwas mit Medien. PR statt Journalismus. Notfallfonds Künstlersozialkasse. Frau+Mann.

  5. Matthias Krämer |  27.11.2012 | 16:45 | permalink  

    Nicht für die aufgehenden Sterne der Öffentlich-Rechtlichen! Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen dem Journalismus 1842 und 1992/2012:

    Vom Staat verfolgt vs. vom Staat bezahlt.

  6. Aktuelles 28. November 2012 — neunetz.com |  28.11.2012 | 11:35 | permalink  

    [...] „Die erste Freiheit der Presse ist es, kein Gewerbe zu sein“ — Carta "Marx’ Rheinische Zeitung (RZ) war die Stimme der aufkommenden oppositionellen rheinischen Bourgeoisie, die das Korsett des preußischen Absolutismus als zu eng empfand. Aber schon 15 Monate nach dem ersten Erscheinen wurde das nichtsnutzige Blatt von den staatlichen Behörden verboten. Neue Medien, die sich gegen das Bestehende richten, sind eben permanent vom Scheitern bedroht. Und deshalb hat Frank Schirrmacher vollkommen Recht, wenn er dem Neuen, dem Fremden, dem Unbefugten, das da kommen soll (aber nicht kommt) voller Abscheu und Enttäuschung leere Versprechungen, Großmäuligkeit und Versagen vorhält." [...]

  7. Too much information - Papierkorb - Lesezeichen vom 29. November 2012 |  29.11.2012 | 23:30 | permalink  

    [...] „Die erste Freiheit der Presse ist es, kein Gewerbe zu sein“ — Carta Diese Kämpfe haben gerade erst angefangen. Tags: | senden an: Facebook, G+.oder Twitter | Kurz-URL  [...]

  8. Holger E. Dunckel |  30.11.2012 | 12:27 | permalink  

    Diese Kämpfe haben gerade erst angefangen. – Dabei geht es ganz besonders um die Freiheit von Kunst und Kultur, weil hier die Presse heute ein sehr lukratives Gewerbe zu sein scheint. Eine geradezu totalitäre Verschreibung von kommerziellem Mainstream vernetzt Kreativität jedoch nicht, sondern zeigt sich als ein zu eng geschnürtes Korsett. So wird dem Leben als solchem der Atem immer mehr versagt, und nicht nur weil echten Insidern beim Lesen vieler inkompetenter Kommentare der Atem wegbleibt.
    „Die Tatsache, dass der Mensch Vernunft und Vorstellungsvermögen besitzt, führt nicht nur dazu, dass er ein Gefühl seiner eigenen Identität braucht, er muss sich auch geistig und gefühlsmäßig in der Welt orientieren.“ (Erich Fromm – „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ – S.67) – Es bleibt zu hoffen, dass auch weiterhin im Internet irrige bis irrsinnige Positionen korrigiert werden können: Kommunikative Defizite generieren nämlich lediglich suboptimale Resultate. Dies gilt übrigens auch für die zu sehr institutionalisierten “Geisteswissenschaften” … und auch wenn es sich meist nicht empfiehlt Friedrich Nietzsche zu zitieren, hier hatte er Recht: Irrtum ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit …
    Empfehlung zum Thema:
    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/557338/For-The-Love-Of-God-Die-Caspar-David-Friedrich-Dose

  9. 5x lesenswert: Presse & Freiheit, Facebook von gestern, Geschäftsmodelle digitaler Verlage | medienrauschen |  30.11.2012 | 15:39 | permalink  

    [...] Crowdfinanzierung hat der aufbegehrende Netz-”Journalismus” nicht viel zustande gebracht. „Die erste Freiheit der Presse ist es, kein Gewerbe zu sein“, [...]

  10. Mehr Inhalte, bitte… « …Und So Zeug |  02.12.2012 | 15:50 | permalink  

    [...] muss”): Eine interessante Koinzidenz dabei war der Rückgriff auf Marx, völlig  unabhängig voneinander, selbst  bei einem Text, in dem es wirklich ums Politische ging, wurde der alte [...]

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.