Netzlese
Wolfgang Michal | 4 Kommentar(e)
In der Süddeutschen Zeitung, die seit ihrer Layout-Umstellung immer etwas frösteln macht, wird heute über dem Zeitungskopf die urdeutsche Frage gestellt: „Hatte Karl Marx doch recht?“
21.09.2012 |
Inzwischen geizt die Süddeutsche Zeitung ja mit Informationen. So fehlt z.B. seit der Layout-Reform die Seitenangabe für den Lesetipp, der über dem Zeitungskopf prangt. Der Leser soll wohl erst noch ein bisschen herumsuchen müssen, weil man darauf spekuliert, dass er beim Hin- und Herblättern noch weitere Leseperlen entdeckt.
Unter dem Zeitungskopf findet man bei der SZ inzwischen auch ein beruhigendes Schmuckbild – wie bei der Zeit oder der FAZ. Diese Wohlfühlstrategie (Du und deine Zeitung) unterstreicht die aktuell stattfindende Umwandlung der Zeitungen von Nachrichten- zu magazin-ähnlichen Hintergrund-, Unterhaltungs- und Gesellschaftsblättern. Wobei mich als Leser natürlich interessieren würde, ob es heute nur deshalb so viele Bleiwüsten im Blatt gibt, weil keiner der großartigen Autoren mehr Lust hat, kleine Meldungen zu verfassen oder weil die knauserige calvinistische schwäbische Medienholding kein Geld mehr für Nachrichtenredakteure übrig hat.
Es gibt nun fast auf jeder Seite der SZ endlose Riemen zu lesen – und weil die neuen Schriften so schlank und glatt und schnörkellos geworden sind, hat man auch ständig das Gefühl, einem Gottesdienst in der Münchner Frauenkirche beizuwohnen. Die wirkt von innen so überwältigend aufgeräumt und streng protestantisch, dass die Gläubigen lieber in die heimeligen Barockkirchen der Nachbarschaft ausweichen (etwa in die Bürgersaal- oder in die Sankt Michael-Kirche).
Pardon, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der Wirtschaft.
Nachdem ich also gefühlte drei Jahre in der heutigen Freitag-Ausgabe der SZ herumgeblättert hatte, stieß ich auf Seite 22 auf die (reichlich späte) Antwort zur oben erwähnten Frage: „Hatte Karl Marx doch recht?“ Da sich die Süddeutsche aber (wohl unter dem Druck des bösen Internets) inzwischen ein wenig wie ein Debattenportal verhält, präsentiert man uns nicht die von einem Leitmedium erwartete klare Antwort, sondern ein innerredaktionelles Pro und Contra. Die Feuilletonistin Franziska Augstein erklärt den Lesern „Warum Marx recht hat“ und der Wirtschaftsredakteur Nikolaus Piper erklärt ihnen „Warum Marx unrecht hat“ (= klassische Rollenverteilung zwischen Wirtschaft und Feuilleton).
Franziska Augstein bedient sich bei ihrer Marx-Verteidigung – wie unlängst Sahra Wagenknecht – beim derzeit angesagten britischen Marx-Exegeten Terry Eagleton, der sehr eloquent und sehr katholisch versucht, den „grundguten“ Marx so weich zu spülen, dass er sogar zu einem Hardcore-Liberalen wie Ludwig Erhard passt. Franziska Augstein hält die Analysen von Marx denn auch für so zeitgemäß, dass sie perfekt auf die aktuelle Finanzkrise angewendet werden können.
„Die selbstzerstörerische Funktionslogik des Kapitalismus beschrieb Karl Marx so gut, dass einige seiner Analysen heute besser zutreffen denn zu seinen Lebzeiten.“
Nikolaus Piper hält den „schlechten“ Marx dagegen für komplett überholt und den Kapitalismus für schlauer und anpassungsfähiger als Marx dies in seinen pseudowissenschaftlichen ‚Gesetzmäßigkeiten’ prophezeit hat.
„Marx… irrte fast immer, sobald er die Geschichte voraussagen wollte. Das war schon 1857 so – die große Krise war 1859 vorbei… Der Kapitalismus hat sich noch immer als viel dynamischer erwiesen, als seine Gegner dachten.“
Das Interessanteste an diesem Pro und Contra sind aber weniger die Argumente als die Entwicklungen der beiden Autoren. Franziska Augstein, die ehemalige FAZ-Redakteurin, hält die antikapitalistische Fahne der Occupy-Bewegung hoch, während Nikolaus Piper, der ehemalige Vorwärts-Redakteur, vor den Gefahren des Marxismus warnt und dem schöpferischen Kapitalismus den Vorzug gibt.
Vielleicht hatte Ernst Jandl ja in die Zukunft geschaut, als er 1966 sein Gedicht ”lichtung” veröffentlichte: manche meinen/lechts und rinks/kann man nicht/velwechsern./werch ein illtum!





Marxistisch gesehen, dürfte es beide Positionen so nicht geben: Die Millionärserbin Franziska Augstein ist für Marx und die Ausgebeuteten, während Nikolaus Piper, der Angestellte bzw. Lohnsklave, für die Kapitalbesitzer und Rentiers schreibt: Beide verraten ihre objektiven Klasseninteressen. Wie geht das denn?
Hier wäre nachzulesen, wie sich die jeweilgen Vorteile dieser beiden Verknüpfungsmöglichkeiten elegant miteinander vereinen ließen: durch eine permanente plebiszitäre Planung bzw. Ermittlung der Bedürfnisse und eine marktwirtschaftliche Preisfindung der entsprechenden Löhne und Preise:
http://misanthrope.blogger.de/stories/2094275/#kapitel6
@ beyerle (N°1)
Das stimmt nicht unter jeder Voraussetzung. Man kann auch annehmen, dass die Millionärserbin Franziska Augstein hier nur das tut, was Marx schon immer den Kapitalisten zugesprochen hat, nämlich dem Proletariat das unbedingt lebensnotwendige zuzusprechen. Mit Bismarks Worten den berechtigten Teil Ihrer Forderungen zu erfüllen. Es geht nur darum den Aufstand zu verhindern. Und das heute lebensnotwendige bewegt sich zwangsläufig auf einem höheren Niveau als zu Marx Zeiten. Reine Überlebensstrategie.
Nikolaus Piper, der Angestellte bzw. Lohnsklave tut seinerseits auch nur was des Angestellten bzw. Lohnsklaven ohne Klassenbewusstsein ist (Parallelen ergeben sich hier z.B. zu den Tatort-Autoren, die sich für die Verwertergesellschaften in die Bresche werfen ohne zu erkennen, dass sie damit ihre Unterdrücker am Leben erhalten). Er biedert sich an in der Hoffnung ein paar kleine Krümel vom Kuchen mögen bei ihm landen. Verständlich, aber traurig.
Und mit den Worten Lenins möchte ich fragen: “Was tun?”
Le Marquis
Dass Marx’sche Analysen heute besser zuträfen als die zu den ökonomischen Umständen des 19. Jahrhunderts kann ich nicht erkennen. Der konnte sich ja die substanziellen Fragen zur Gegenwart gar nicht stellen und war offenbar mit zu wenig Phantasie gesegnet, um intuitiv richtige Vorhersagen über die Gesellschaft der (damaligen) Zukunft zu machen. Das beste Beispiel dafür ist die Erwartung dessen, was er unter “Verarmung der Massen” verstand. Gerade die Kollektivierung des produktiven Eigentums hatte eine Verarmung von Massen gegenüber wenigen Auserwählten zur Folge, während die konsequente Ausbeutung von Arbeitsbereitschaft auf die Dauer dazu führte, dass man durch die bloße Arbeitsverweigerung in die Schicht der Ausbeuter im korrekt nach Marx und Engels interpretierten Sinne aufsteigen kann. Dass es den Betroffenen dabei nicht gut geht, weil sie ein niedriges Einkommen haben, ist hinsichtlich ihres Ausbeuterstatus` irrelevant. Das Massen sind es jedenfalls nicht, die heute arm sind. Und es könnte uns noch wesentlich besser gehen, wenn wir nach 1990 vernünftigere Regierungen gehabt hätten. Nun frage mal jemand, wo die Demokratie ihre prinzipiellen Makel hat.