Stephan Ruß-Mohl | 4 Kommentar(e)
Wenn Zeitungen jetzt an Milliardäre und Oligarchen fallen, wünscht sich so mancher „kulturell eingebundenes“ Kapital zurück. Doch statt auf einen neuen Axel Springer zu hoffen, sollte man lieber über “Volksaktien” nachdenken.
06.02.2009 |
In Deutschland hat soeben David Montgomery das Handtuch geworfen. Der „Heuschrecken“-Investor hat einen Teil seines Presse-Imperiums, zu dem als Flaggschiff die Berliner Zeitung gehörte, verkaufen müssen. In den USA sind Chicago Tribune und Los Angeles Times dank des Hasardeurs Sam Zell bis über die Halskrause verschuldet, mussten Insolvenz beantragen und werden wohl demnächst einen neuen Eigentümer finden. Die Hedgefonds, die sich erst kürzlich bei der New York Times eingenistet hatten, sind inzwischen mit dramatischen Verlusten wieder ausgestiegen. Dafür hilft jetzt ein mexikanischer Multimilliardär, Carlos Slim, dem hochverschuldeten Zeitungshaus aus der Klemme. Und in England hat soeben ein russischer Oligarch und früherer KGB-Mann, Alexander Lebedev, den Evening Standard gekauft.
Man stelle sich einmal vor, in Deutschland würden Süddeutsche Zeitung oder die Bild von einem Geheimdienst-Mann aus der Ukraine übernommen, oder ein bulgarischer Milliardär kaufte sich in der Schweiz bei der Neuen Zürcher Zeitung ein. Würde das bei uns einen Aufschrei provozieren?
Weil häufige Eigentümer-Wechsel so hochsensiblen Produkten wie Zeitungen eher schaden als nützen, hat sich der Zürcher Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren jüngst „kulturell eingebundenes“ Kapital zurückgewünscht, zu gut Deutsch: Familieneigentümer, die behutsam mit dem Kulturgut Zeitung umgehen, weil sie langfristig denken und investieren. Das klingt gut, hat aber drei Haken: Auch umsichtige Investoren brauchen ein Geschäftsmodell – und ebendies ist den Printmedien dank Internet, verschärftem Wettbewerb und Alles-gratis-Mentalität der nachwachsenden Generation soeben abhanden gekommen. Ausserdem sind Familien-Eigentümer nicht per se die besseren Unternehmer – im Gegenteil lehrt die Erfahrung, dass dynamischen und erfolgreichen Gründer-Unternehmern oftmals in zweiter oder dritter Generation weniger tüchtige und zerstrittene Erben folgen. Nicht zuletzt scheint mir „kulturell eingebundenes Kapital“ die vornehm-wissenschaftliche Umschreibung für einen Patriarchen, der das Sagen hat – und spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob wir wirklich Axel Springer und Hans Dichand zurück haben möchten? Als Demokraten träumen wir ja – trotz Krise – auch nicht von der Monarchie.
Aussichtsreicher scheint mir da doch das Modell der links-alternativen taz in Berlin. Seit Jahren macht das Blatt vor, wie sich in einer treuen Lesergemeinde Geld einsammeln lässt. Vielleicht sollten notleidende Blätter, ehe sie sich Investoren wie Slim und Lebedev ausliefern, es lieber einmal mit „Volksaktien“ probieren. Die Dividende für die Anteilseigner bestünde dann allerdings nicht in Barem, sondern in der Gewissheit, dass das eigene Leib- und Magenblatt unabhängig bleibt und weiterhin täglich Freude bereitet – sei es gedruckt, sei es online.
Stephan Russ-Mohl ist Kolumnist der österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sein Text erscheint hier in leicht redigierter Fassung mit freundlicher Genehmigung des Autors.




Ich spinne Ihren Vorschlag weiter: Warum bei Aktien (oder Genossenschaftsanteilen) stehen bleiben? Es gibt neuerdings ein Modell im Amateurfussball – http://www.deinfussballclub.de -, bei dem die “Anteilseigner” in der Praxis mitbestimmen dürfen, z.B. welche Spieler verpflichtet werden, wie die Mannschaftsaufstellung aussehen soll. Dafür gibt’s in die Gegenrichtung einen exklusiven Informationsfluss durch den Trainer. Übertragen auf Zeitungen: Welches soll die Titelgeschichte werden, was kommt auf Seite 1, welche Themen sollen weiterverfolgt werden? All das und noch viel mehr könnte Gegenstand der “Mitbestimmung” der Anteilseigner sein.
Hm, ich bin der Meinung, die Redaktion sollte der Souverän sein. Mich nerven schon Verleger, die sagen: Es ist IHR Medium. http://www.freitag.de/politik/0906-editorial-betauser
Solche Medien mag es auch geben. Aber ich mag Medien, die aus dem Gestaltungswillen von Journalisten entstehen. Vielleicht altmodisch.
rml
Bei dem Fußballbeispiel hat der Trainer, was die Mannschaftsaufstellung angeht, noch das letzte Wort. Wie weit man die “Anteilseigner 2.0″ mitreden lässt, ist sicher austarierbar. Es sollte halt über das reine Aktionärsdasein hinausgehen. Das Modell an sich auf Zeitungen gemünzt bietet viele Vorteile: Erweiterung der Finanzbasis, Leserbindung, neue Inputs. Und um mal die Kurve auf mein Spezialthema zu kriegen: Wieso gibt es eigentlich so viele Rundfunkgebührenzahler, die so wenig zu sagen haben? Wär da nicht auch mal ein bisserl Mitbestimmung angesagt?
[...] Furche / Carta, 6. Februar [...]