szmtag
Wolfgang Michal

No Copyright – eine radikale Streitschrift

 | 15 Kommentar(e)


Die Niederländer sind in gesellschaftspolitischen Fragen meist etwas freizügiger als die Deutschen. Sie trauen sich mehr (zu). Soeben ist im Alexander Verlag Berlin die holländische Streitschrift „No Copyright“ erschienen. Ilja Braun hat sie ins Deutsche übertragen.

11.06.2012 | 

In der Streitschrift „No Copyright“ sprechen sich die beiden Utrechter Wissenschaftler Joost Smiers und Marieke van Schijndel – in provozierender Absicht – für eine komplette Abschaffung des Urheberrechts aus. Begründung: Dieses Recht sei pervertiert und nütze nur einigen Großkonzernen und Stars, während die erdrückende Mehrheit der Urheber und kleinen Verwerter über den Löffel balbiert werde. Für die Masse der Nutzer wirke das restriktive Urheberrecht sogar wie Zensur: durch künstliche Verknappung des Wissens und der Kommunikation (per Exklusivrecht) verhindere es die Entfaltung vernetzter Gesellschaften. Im derzeitigen „Machtkampf der Kulturkonzerne“, in dem sich die Urheber als willige Fußtruppen für die Beibehaltung eines möglichst rigiden Urheberrechts aussprächen, gehe es letztlich darum, dass sich nur wenige Player die Erzeugnisse einer Kultur aneignen und für die Profit-Steigerung monopolisieren.

Das ist starker Tobak. Doch es kommt noch besser. Die Verfasser erteilen nicht nur dem bestehenden Urheberrecht eine klare Absage, sie verwerfen auch alle gut gemeinten Versuche, das Urheberrecht durch Reformen zu retten – egal, ob es sich dabei um die Einführung von Fair Use-Regeln, um Kulturflatrates, Creative Commons-Lizenzen oder die Reformvorstellungen der Piratenpartei handelt.

Smiers und van Schijndel gehen mit ihrer Streitschrift aufs Ganze: Jedem Menschen soll nach ihren Vorstellungen künftig erlaubt sein, die geistigen Erzeugnisse der anderen nach Belieben zu kopieren, zu verwerten und zu verändern. Geistige Schöpfungen, die einmal in der Welt seien, stünden grundsätzlich allen Menschen zur Nutzung und zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. Nicht nur der Tausch nicht-kommerzieller Privatkopien solle erlaubt sein – auch die kommerzielle „Vervielfältigung“ fremder Werke stünde jedem absolut frei.

Das klingt wie heller Wahnsinn, doch genau mit dieser „Schockstrategie“ wollen die beiden Autoren einen „Paradigmenwechsel“ beim Nachdenken über das Urheberrecht erzwingen.

Wie sieht ihre „No Copyright“-Alternative aber konkret aus? Smiers und van Schijndel plädieren dafür, den Markt nach der Abschaffung des Urheberrechts allein über das Wettbewerbsrecht zu regulieren – und mit Hilfe einer „Aufpassermentalität“ der Nutzer dafür zu sorgen, dass sich niemand auf Kosten anderer an fremden Werken schadlos hält.

Die Anwendung des Wettbewerbsrechts würde zunächst verhindern, dass sich marktbeherrschende Konzerne bilden können. Bestehende Monopolisten würden zerschlagen, d.h. entflochten (wie seinerzeit AT & T oder American Tobacco durch die amerikanische Regierung). Übrig blieben überschaubare Produktionseinheiten, die Musik, Filme, Fotos, Romane, Software etc. verlegen, die sie zuvor von Künstlern erworben haben. Würde z.B. der Verlag A viel Geld und Vorleistungen in einen Künstler „investieren“ und dessen Werk nach langer Vorbereitungszeit herausbringen, so könnten theoretisch alle anderen Verlage dieses Werk vom Tage seines ersten Erscheinens kopieren und selbst günstiger auf den Markt werfen – ohne dafür auch nur einen Cent in den Künstler investiert zu haben. Klingt krank, oder? Nein, sagen Smiers und Schijndel. Aufmerksame Nutzer würden ein derart mieses Spiel nicht dulden. Der düpierte Verlag würde nämlich öffentlich machen, von welchem „Gelegenheitsdieb“ er betrogen worden ist. Und die Nutzer würden einen solchen Trittbrettfahrer in allen sozialen Netzwerken sofort an den Pranger stellen. Der üble „Nachdrucker“ wäre gesellschaftlich diskreditiert und geschäftlich erledigt. Niemand würde bei einem solchen ‘Verwerter’ noch etwas kaufen.

Das klingt so verblüffend naiv, dass es einem fast die Sprache verschlägt. Glauben die beiden Wissenschaftler ernsthaft, dass das funktioniert? Oder wollen sie nur mit einer gelungenen Satire auf die wunden Stellen der Urheberrechtsdebatte aufmerksam machen?

Vermutlich meinen es die beiden Autoren aber bitter ernst. Sie wollen den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und plädieren deshalb für eine reine – nicht durch Kartelle, Monopole und Investitionsschutzgesetze verzerrte – marktradikale Lösung. Sie plädieren für den täglichen Kampf der Urheber und Verwerter ums Dasein, und vertrauen dabei auf die korrigierende Kraft moralisch integrer Verbraucher. Das ist so heroisch und zugleich so überaus blauäugig, dass man fast schon wieder schmunzeln muss.

Doch vielleicht finden wir die konkrete Utopie der beiden Niederländer nur deshalb so abwegig, weil die Urheberrechts-Debatte hierzulande schon drei Jahre weiter ist – die Originalausgabe von „No Copyright“ erschien 2009, der Denkansatz stammt bereits aus dem Jahr 2005!

Möglicherweise ist das tollkühne Buch aber auch eine Ermahnung, dass wir gerade dabei sind, unsere besten Denkansätze in den unbarmherzigen Mühlen des pragmatischen (und faulen) Kompromisses zermahlen zu lassen.

Joost Smiers, Marieke van Schijndel, Alexander Verlag Berlin, Köln 2012, 168 Seiten, € 9,95

Hier als pdf in englischer Sprache

P.S. Am Dienstag, den 26. Juni um 20:00 Uhr stellt Joost Smiers sein Buch in Berlin vor (HBC, Karl-Liebknecht-Straße 9). Im Anschluss daran diskutiert er seine Thesen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Dr. Leonhard Dobusch von der Freien Universität Berlin. Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Alexander-Verlag und von iRights.info präsentiert.

Mehr zu : | | |

CARTA Kaffeekasse

15 Kommentare

  1. Subliminal_Kid |  11.06.2012 | 12:28 | permalink  

    Ein sehr radikaler Ansatz, der zwar gute Grundgedanken enthält, aber in letzter Konsequenz (Stichwort: Wettbewerbsrecht) lächerlich ist. Ich habe an anderer Stelle (http://theorieedit.culture-jamming.de/?p=573) skizziert wie es funktionieren könnte…

  2. sofias. mint |  11.06.2012 | 15:57 | permalink  

    der ansatz klingt in sofern etwas altbacken als das verlegern noch eine bedeutsame funktion zugewiesen wird, statt das ganze den dem freien markt der meme mit auf basis bereits gröstenteils vorhandener infrastrukturen (kommunikationsnetze, p2p und payment).
    wenn die verleger jedenfalls auf gleicher augenhöhe mit modernen filesharingnetzen konkurrieren müssten, hielte ich eine große monopolisierung für ziemlich unplausibel.
    auch die monopolisierung von netzdiensten, geht wohl nicht zuletzt auf staatliche monopolierung durch copyright und ähnliches zurück. die effekte sind hier aber weniger klar.

  3. Ilja Braun |  11.06.2012 | 18:17 | permalink  

    Danke für die Rezension! Ich würde nur gern darauf hinweisen, dass das Buch für die deutsche Übersetzung umfassend überarbeitet und aktualisiert wurde. Es ist also nicht einfach der alte Text von 2009, auch wenn Smiers den – sicher streitbaren Ansatz – tatsächlich schon länger vertritt.

  4. Wolfgang Michal |  11.06.2012 | 18:41 | permalink  

    Die Aktualisierung ist äußerst sparsam verlaufen. :-) – ändert aber natürlich nichts an der Grundforderung.

  5. No Copyright – eine radikale Streitschrift |  12.06.2012 | 11:17 | permalink  

    [...] CARTA: “Die Niederländer sind in gesellschaftspolitischen Fragen meist etwas freizügiger als die De… [...]

  6. DieterK |  12.06.2012 | 11:59 | permalink  

    “die Originalausgabe von „No Copyright“ erschien 2009, der Denkansatz stammt bereits aus dem Jahr 2005!”

    Mir ist Smiers zum ersten Mal 1999 aufgefallen. Damals hat er unter dem Titel “THE ABOLITION OF COPYRIGHTS: BETTER FOR ARTISTS, THIRD WORLD COUNTRIES AND THE PUBLIC DOMAIN” die Abschaffung des Copyrights im Kunstbereich (“field of artistic culture”) gefordert, wobei er den Kunstbereich von anderen gesellschaftlichen Bereichen abgrenzte (“The arts may be phenomenons which function more or less separated from the daily social activities”).

    Da es diese angebliche Sonderstellung der Kunst nicht gibt, ist es nur konsequent, wenn Smiers inzwischen soweit ist, Copyrights und Urheberrechte ganz abschaffen zu wollen.

    “Smiers und van Schijndel plädieren dafür, den Markt nach der Abschaffung des Urheberrechts allein über das Wettbewerbsrecht zu regulieren (…) [sie ] wollen den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und plädieren deshalb für eine reine – nicht durch Kartelle, Monopole und Investitionsschutzgesetze verzerrte – marktradikale Lösung.”

    Als Kunstprofessoren müssen die Autoren keine Ahnung von Ökonomie haben, aber ist es nicht gerade die Aufgabe des Wettbewerbsrechts, “marktradikale Lösungen”, an deren Ende (zwangsläufig) Monopole stehen, zu verhindern?

    Und woher kommt überhaupt der naive Glaube an das Wettbewerbsrecht, an “überschaubare Produktionseinheiten” usw.?

  7. No copyright | Die wunderbare Welt von Isotopp |  12.06.2012 | 17:17 | permalink  

    [...] No Copyright – eine radikale Streitschrift Die Niederländer sind in gesellschaftspolitischen Fragen meist etwas freizügiger als die Deutschen. Sie trauen sich mehr (zu). Soeben ist im Alexander Verlag Berlin die holländische Streitschrift „No … [...]

  8. Tim |  14.06.2012 | 09:45 | permalink  

    Sie wollen den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und plädieren deshalb für eine reine – nicht durch Kartelle, Monopole und Investitionsschutzgesetze verzerrte – marktradikale Lösung.

    Sobald hier irgendwo der Begriff “Neoliberalismus” auftaucht, wird es immer unsinnig. Der Neoliberalismus war damals ja die Antwort auf Kartelle und Monopole.

    Mein Tipp: Den Begriff einfach meiden, wenn man die Grundlagen nicht kennt.

  9. Wolfgang Michal |  14.06.2012 | 11:33 | permalink  

    @Tim: So wie Sie den Neoliberalismus interpretieren, stimmt das Zitierte m.E.. Die beiden Autoren erinnern den Neoliberalismus an seine eigentliche Bestimmung (keine Kartelle oder Monopole zuzulassen, sondern Wettbewerb unter gleichen Voraussetzungen). Der Neoliberalismus war halt nur theoretisch erfolgreich, in der Praxis gab es ihn nie in Reinform.

    Unter dem Namen Neoliberalismus verstanden die meisten dann einfach Sozialabbau, Privatisierung öffentlicher Leistungen und Deregulierung.

    Mein Tipp: Einfach akzeptieren, dass solche Begriffe von verschiedenen Menschen nie ganz deckungsgleich verwendet werden.

  10. Tim |  14.06.2012 | 11:55 | permalink  

    Mein Tipp: Einfach akzeptieren, dass solche Begriffe von verschiedenen Menschen nie ganz deckungsgleich verwendet werden.

    “Nie ganz deckungsgleich”? Ich lach mich schlapp. Viele Leute (so in meiner Erinnerung nach auch Sie in diversen Artikeln) nutzen “Neoliberalismus” als nebulösen Kampfbegriff für alles Böse aus der Wirtschaft. Hätten wir irgendwo im Westen auch nur den Ansatz einer neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitik, hätte es die Krise der letzten Jahre nie gegeben. Statt dessen wird “der Neoliberalismus” sogar für die Krise mitverantwortlich(!) gemacht, eine unglaubliche Verkennung der Tatsachen! Überall Staatsquoten zwischen 40 und 50 Prozent, überall Regulierung ohne Ende (sehr stark übrigens im Bankensektor, was bizarrerweise von vielen geleugnet wird), überall Sozialisierung von Verlusten – und die Leute beklagen: den Neoliberalismus?!? Was für eine Realitätsverdrehung ist denn das, bitteschön?

    Aber ich will mich hier nicht weiter beschweren, ist in diesem Artikel ja zugegebenermaßen reichlich off-topic. Aber ich habe diesen begrifflichen Mißbrauch einfach nur gründlich satt.

  11. DieterK |  14.06.2012 | 12:43 | permalink  

    “Sie wollen den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und plädieren deshalb für eine reine – nicht durch Kartelle, Monopole und Investitionsschutzgesetze verzerrte – marktradikale Lösung.”

    Aus der englischen Version des Buches geht nicht hervor, das die Autoren eine andere als die “übliche” Vorstellung von Neoliberalismus, von dessen “eigentlichen Bestimmung” usw. haben. Im Buch kommt der Begriff “Neoliberalism” genau vier Mal vor:

    “we [are] (…) swimming against the tide of neoliberalism” (S. 8)
    “Under pressure from neoliberalism, companies have been allowed to grow bigger and bigger, including in the cultural sectors.” (S. 40)
    “It has to be said that the tool of competition, or anti trust policy functions in a rather ramshackle fashion these days. This can quite possibly be blamed on neoliberalism, the philosophy of which was actually refraining from intervening in markets, as they will automatically tend to the optimal good. We might be forgiven for having our doubts about that now.” (S. 40)
    “Neoliberalism having settled in our consciousness, we have forgotten how to think productively about how to organise markets differently” (S. 44)

    Die Autoren grenzen sich vom Neoliberalismus ab. Sie plädieren NICHT für eine “marktradikale” (oder “neoliberale”) Lösung, sondern wollen – im Gegenteil – über Eingriffe in den Markt (das Wettbewerbsrecht) die Konglomeratsbildung verhindern, Chancengleichheit gewährleisten.
    “Where the application of competition or anti trust law is concerned, we suggest introducing various ownership regulations.” (S. 41)

    Abgesehen davon, dass es “ownership regulations” usw. längst gibt, ist fraglich, ob die Analyse der Autoren, dass Urheberrechte / Copyrights die Grundlage für Marktmacht sind, überhaupt stimmt: Apple und Spotify dominieren den trägerlosen Musikvertrieb, ohne Rechte an den Songs und Aufnahmen zu besitzen. Und welche Urheberechte / Copyrights besitzt Google?

  12. Der Copytexter |  16.06.2012 | 10:09 | permalink  

    „Und die Nutzer würden einen solchen Trittbrettfahrer in allen sozialen Netzwerken sofort an den Pranger stellen. Der üble „Nachdrucker“ wäre gesellschaftlich diskreditiert und geschäftlich erledigt. Niemand würde bei einem solchen ‘Verwerter’ noch etwas kaufen.“

    Moral als Regulativ des Konsums. Gute Idee. Funktioniert ja auch in anderen Bereichen ganz hervorragend. Schließlich leben wir ja schon lange vegetarisch, essen nur Eier von glücklichen Hühnern, tanken ausschließlich Biokraftstoff und kaufen überhaupt nur ökologisch einwandfreie, fair gehandelte Produkte, die von zufriedenen Arbeitern unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt wurden.

    Wissenschaftler müsste man sein. Dann wäre die ganze weite Welt da draußen ein einziger großer Abenteuerspielplatz.

  13. Stefan Herwig |  17.06.2012 | 21:28 | permalink  

    @ DieterK & Copytexter:

    +1

  14. Wolfgang Michal |  18.06.2012 | 16:48 | permalink  

    @DieterK: Hier kann man den Bedeutungswandel des Neoliberalismus schön nachlesen, deshalb lassen sich die Vorschläge von Smiers zum Urheberrecht recht gut mit der ursprünglichen Bedeutung begründen, während Smiers’ Kritik am Neoliberalismus der späteren Bedeutung entspricht.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus

  15. linsenspaeller |  02.07.2012 | 08:36 | permalink  

    Es war längst zu vermuten: In einer so turbulenten Zeit sind die Ideen von 2005 Ideen von gestern. Doch folgender Gedanke läßt mich nicht los: Ohne das obligatorische Copyright bekämen wir doch eine Evolution von Plagiaten. Und zwar in allen Bereichen von der Wissenschaft bis zum Boulevard. Und manche dieser Plagiate wären sicher besser als das Original, andere schlechter. Die besseren hätten Gelegenheit, sich auszulesen, empfohlen zu werden usw. Im Theater ist das eigentlich schon Normalität. Ich nehme mal an, es ist diese Urangst der Autoren vor den erfolgreichen Plagiaten, die das verhindern will?

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.