Falk Lüke | 23 Kommentar(e)
Der neue Spiegel-Titel “Facebook & Co: Die Unersättlichen” macht viel Wind um den Handel mit Kundendaten. Das hat Falk Lüke, bis vor kurzem für Datenschutz zuständiger Referent beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, zu einer Replik herausgefordert. Er meint, die Verlage sollten auch vor der eigenen Tür kehren.
09.01.2011 |
Datenschutz ist ein spannendes Thema für Journalisten. Da gibt es Böse, Unschuldige, Unwissende und Ratlose. Schöne Geschichten lassen sich anhand solcher Bilder gut erzählen: Das große böse Unternehmen X, der arme kleine Bürger Y, ausgebeutet vom internationalen Großkonzern, um am Ende entblößt dazustehen.
Tatsächlich ist an diesen Geschichten viel Wahres dran. Datenschutz ist und bleibt ein Stiefkind der Unternehmenskulturen. Denn Rechtslage und Durchsetzung, aber auch die grundsätzliche kulturelle Frage des Umgangs mit Informationen, die die eigene Person oder gar Dritte betreffen, sind nicht abschließend gelöst, und es gibt auch niemanden, der in den vergangenen Jahren durchgängig klare und praktikable Konzepte entwickelt hätte (einzig der ideologiegetriebene Post-Privacy-Utopismus, in dem niemand etwas zu verbergen hat, weil die Welt bereit dafür ist, traut sich so lange messianisch hervor, bis es um die Privatsphäre seiner Fürsprecher geht).
Wie bei fast allen Problemen der digitalen Gesellschaft machen erst bestimmte Erscheinungen im Internet diese begreifbar und in den Dimensionen anschaulich. Ob dabei Facebook, Bürgel, Arvato Infoscore, Easycash, das Einwohnermeldeamt, das eingestellte Neuromarketing-Verkaufsverfahren der Hamburger Sparkasse oder Google mehr negative Auswirkungen für den Einzelnen mit sich bringen, lässt sich seriös kaum beantworten.
Einfach und verständlich ausgedrückt: Es gibt Firmen, die verdienen mit Daten Geld. Viel Geld. Zum Beispiel die deutschen Verlage.
Warum äußert sich etwa der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger immer wieder zu Datenschutz-Gesetzesnovellen? Man könnte darüber erstaunt sein. Doch Daten von Kunden für andere nutzbar zu machen, ist für viele Verlage eine Einnahmequelle. “Leserumfragen mit Gewinnspiel” dienen nicht zuletzt der Datengenerierung. Für ihre eigenen Werbeaktionen nutzen manche Verlage auch Daten Dritter.
Wer könnte zum Beispiel ein starkes Interesse an der Abonnentenkartei einer Fernsehzeitschrift haben? Natürlich eine Organisation, die gerne Leute ertappen würde, die angegeben haben, keinen Fernsehapparat zu besitzen. Zufällig sitzt in einem Kölner Vorort ein solcher Interessent. Die Daten kaufen? Das darf die GEZ nicht. Aber das muss sie ja auch nicht.
Verlage sind in der Regel nicht identisch mit ihren Redaktionen. Andererseits sind Redaktionen auch nicht so unabhängig von den Verlagsinteressen, wie Lehrbücher es gerne glauben machen möchten. Dass es für Journalisten viel einfacher ist, einen externen Player wie Facebook oder Google beim kritischen Thema Datenschutz anzugreifen als den eigenen Verlag, liegt auf der Hand. Schon das Schreiben über andere Publikationen, über Journalisten eines anderen oder des eigenen Hauses ist oft mit Debatten verbunden. Wer wollte da glauben, dass Spiegel-Reporter das eigene Unternehmen zur Titelstory machen: “Datenkrake Spiegel Verlag”? ‘Selbstinvestigativer’ Journalismus ist ein eher theoretisches Arbeitsgebiet für Journalisten. Eventuell mal ein schönes Thema für investigative Blogger?
Dass Journalisten sich eher mit anderen Playern beschäftigen, ist am Ende vielleicht sogar wünschenswert. Bei ihren eigenen Verlagen wären sie wohl zu nah am Beobachtungsobjekt.
.
Lesen Sie zu diesem Thema auch Richard Gutjahrs Text über die Doppelmoral des “Spiegel”.
Texte auf Carta zum Thema Facebook: 1. Ein Sonderfall; 2. Facebook Places; 3. Ein Zwischenruf
Außerdem: Spiegel Online – die wahre Krake im Netz



Danke für diesen Artikel.
In meinen Augen muss man bei der Betrachtung aber noch einen Schritt weiter gehen. Es gibt nicht die Großkonzerne im Social-Media-Bereich auf der einen Seite und die Verlegerkonzerne auf der anderen Seite. Wie das Beispiel Arvato zeigt, gibt es hier zusätzliche Verknüpfungen. Arvato = Bertelsmann etc., aber lesen Sie selbst http://de.wikipedia.org/wiki/Arvato und Bertelsmann hält unter anderem 25,5% am SPIEGEL über Gruner & Jahr, was wiederum eine Bertelsmann-Tochter ist.
Es gibt inzwischen so viele Verflechtungen, dass man sich fragen muss, wer eigentlich hier noch wen kontrolliert.
Im Rahmen der Kontrollverlustbegeisterung und des oben Erwähnten “einzig der ideologiegetriebene Post-Privacy-Utopismus, in dem niemand etwas zu verbergen hat, …” ist das, was wirklich wichtig ist, nämlich die rechtlichen Grundlagen zu erhalten bzw. zu schaffen, die uns überhaupt noch ein konzernfreies kommunizieren – in dem Sinne, dass der Kunde nur noch zur Datengenerierung dient, während Firmen gleichzeitig rechtsfernes Gatekeeping betreiben – ermöglichen.
Ich habe heute einen sehr guten tweet dazu gelesen:
http://twitter.com/furukama/status/23751818123157504
Ergänzend kann ich nur sagen: ich hoffe das.
Das Bundesverfassungsgericht ist längst die wichtigste Institution in diesem Land.
[...] Geschäfte mit privaten Daten: Warum sich der “Spiegel” mit der … [...]
Den Terminus “des ideologiegetriebenen Post-Privacy-Utopismus” hätte ich gerne noch mal genauer erklärt. Und um mal der Daten-Grabber-Paranoia zu widersprechen: Was kann denn schlimmstenfalls passieren wenn Verlage, Facebook etc. ihre Daten mit Werbepartnern abgleichen? Dass man personalisierte Werbung statt “anonyme” Werbung, die zum User überhaupt nicht passt, bekommt? Sorry, aber das bereitet mir keine schlaflosen Nächte :)
Natürlich hast du Recht, aber wir brauchen da nicht einmal in die Welten des Netzes auszuwandern. Jede große Stadt in Deutschalnd verkauft gegen Bares auch Deine Daten für 5 – 15 Euro an intressierte Unternehmen.
[...] Geschäfte mit privaten Daten: Warum sich der “Spiegel” mit der halben Wahrheit begn… [...]
@frank krings:
das problem ist nicht personalisierte werbung.
das problem ist, dass ich als user kaum einfache opt-out-möglichkeiten habe, wenn ich nicht will, dass andere daten über mich erheben. warum ich das nicht will, ist meine sache, dafür muss sich niemand rechtfertigen.
zweiter punkt: über die datensammelei an sich in diversen, getrennten datenbeständen könnte man noch hinwegsehen – über die potenzielle verknüpfung von datenbeständen, die auf ein profiling hinausläuft, sollte man nicht hinwegsehen.
zur frage, was schlimmstenfalls passieren kann: das, was das US-justizministerium gerade mit twitter (und vermutlich anderen) macht, nämlich die daten der user zu verlangen, die wikileaks unterstützen. aus vielen solcher datensätze ergibt sich ein profil, das in einer datenbank über den verdächtigen bürger gespeichert werden kann. so werden aus usern und konsumenten ruckzuck sympathisanten von “terroristen”. aber das muss man natürlich auch nicht unbedingt schlimm finden.
[...] Geschäfte mit privaten Daten: Warum sich der “Spiegel” mit der halben Wahrheit begnügt [...]
[...] diesen Artikel gibt es bereits reichlich Prügel im Netz, zum Beispiel bei Was mit Medien und bei Carta. Die inhaltlichen Fehler, die Autor Manfred Dworschak einsammelte, die schiefen Wortbilder und [...]
[...] nicht angefertigte Fehler-Strichliste” von Mario Sixtus noch schreibt. Richard Gutjahr und Carta (hier auch) haben außerdem festgestellt, dass der Spiegel und besonders der Verlage, genauso [...]
Noch eine nette Ergänzung:
turi2 spricht in seinem Artikel von der “digitalen Raupe Nimmersatt”, die das Cover des SPIEGEL ziert.:
http://www.turi2.de/2011/01/10/heute2-spiegel-erntet-titelstory-kritik-internetgemeinde-10341307/
Das Originalbild, dem das Cover wohl nachempfunden wurde, ist von A. Paul Weber und ist eines von mehreren Bildern des Künstlers zur Gesellschaftskritik.
Der Titel lautet: “Das Gerücht”
http://www.weber-museum.de/werk/geskrt/images/geruecht.jpg
Nun mag sich jede/r selbt raussuchen, welche Varinte ihr/ihm besser gefällt :-)
[...] auch die Carta-Autoren Falk Lüke und Wolfgang Michal, “Indiskretion Ehrensache” Thomas Knüwer, mspr0 oder “Was [...]
[...] Geschäfte mit privaten Daten: Warum sich der “Spiegel” mit der halben Wahrheit begnügt. [...]
[...] über Netzthemen zu schreiben. Einige Antworten auf den Spiegel Titel: Gutjahr, Wasmitmedien und Carta (schöne Zusammenfassung bei [...]
@nbo ja das schlimmstenfalls oder mindest genauso schlimme wird nur leider heute gerne übersehen, und das wundert mich doch ein wenig. Da könnte man schon fast auf die Idee kommen, dass die Probleme in der Anwendung der rechtlichen Bedingungen im Bereich Datenschutz, die nicht zuletzt durch die Materie selber aber auch durch die “Verstreuungstaktik” auf unterschiedliche Gesetze enstehen, zumindest in Kauf genommen werden. Am Ende schreien alle dann nach einfacheren Gesetzen, wollen tun sie es aber eigentlich nicht. Andererseits, wenn man sich die Ideen zum Internet-Radiergummi anschaut, ist weniger Gesetz manchmal mehr Gesetz…
@nbo Ja das mit der Twitter-Daten-Übergabe an US-Behörden hat mich dann auch ein wenig nervös gemacht. Aber wie soll ich, wie soll man darauf reagieren? Nichts Politisches mehr twittern und facebooken? Initiativen (erfolglos) starten, die solche Dienste auffordern unsere Daten niemals an staatliche Behörden weiterzugeben? Gesetze gegen Datenverknüpfung einfordern? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach zu naiv und un-paranoid: Aber ich glaube, es wird nicht so schlimm kommen, dass unsere SocialWeb-Aktivitäten zu ernsthaften Problemen für uns werden. Betone “glaube”…ich weiß es nicht.
[...] stärke 3,5 auf der richterskala. mit dabei, das medienmagazin was ist mit medien, der autorenblog carta und die online-redaktion meedia.de. im netz rutscht man zusammen. verlage wie blogger. noch nicht [...]
@frank krings:
deine frage, was man tun solle, trifft natürlich leider den wunden punkt. einmal im jahr die “freiheit statt angst”-demo (die sich vor allem gegen staatliche überwachung richtet), ist bei weitem nicht genug.
ich habe lange zeit multiple identitäten befürwortet (und praktiziert), aber das funktioniert angesichts der verknüpfungsmöglichkeiten auch immer weniger zufriedenstellend.
vielleicht doch ein digitaler exodus? oder ganz offensiv auf die tube drücken und täglich irgendwo die wörter taliban, jihad, kommunismus etc. unterbringen, um data-mining-techniken zur überlastung zu bringen? wenn alle potenzielle terroristen sind, ist es keiner mehr ;-)
Datenschutz ist doch nur eine Farce….wer will bekommt alles über jeden raus. Es bedarf nicht einmal viel Mühe.
Wir bekommen in der Regel mind.15 Angebote pro Woche von Firmen die Ihre
Datenbanken anbieten, wir haben uns einmal den Spass erlaubt und eine Kartei von 100 Namen gekauft.
Ergebnis jeder Name konnte zugeordnet werden, da waren dann Geb.Datum, verheiratet oder ledig aber sogar welche Führerschein Klassen vorhanden sind…!?
In der heutigen Zeit, in der Masse der Daten die wir tagtäglich hinterlassen, sei es per Internet oder an der Supermarkt und Tankstellenkasse mit Payback, Agipinis, Treueherzen und der 10er Karte Kaffeebon dürfen wir uns einfach nicht mehr wundern noch ärgern…denn gerade die die am lautesten brüllen nach Datenschutz posten im gleichen Moment bei Facebook dass Sie Ihre Tel.Nummer geändert haben und in die Gruppe “Hinz und Kunz für jedermann” eingetreten sind und am besten noch dank Ihrem Geburtsdatum Unmenge Glückwünsche auf Ihre Wall gepostet bekommen…!?
Anyway der Ausverkauf der Daten hat begonnen und die kommen Volkszählung trägt Ihr Übriges bei ….;))
Dass ein Gesetz das irgendwann mal abschließend regeln wird, halte ich auch für ein Gerücht. Denn wer von den Leuten, die das in der Hand hätten, will das denn im Endeffekt? Wenn sogar eben Genannte Daten außerhalb des Rechtsweges zukaufen. Und der BND, der ist ohnehin außen vor, da der ja (unter dem Deckmantel des Terrorschutzes) operiert. Wer weiß wo die Daten überall ausgestreut werden?
-Wissen ist Macht, v.a. in der Politik- und keiner freien Willens sägt wohl freiwillig, an dem Ast worauf er gerade sitzt.
Ich vergleich das mal mit dem recht anschaulichen Zeitschriften Phänomen. Die gelesene Zeitschrift wird auch nicht gleich in den Papiercontainer verfrachtet. Sondern lagert erstmal ein paar, u.U. Jährchen an dem Platz wo noch mehrere, für ein Individuum, interessante Schmöker liegen. Man könnte ja die Informationen darin, nochmal abrufen wollen. Vielleicht ein nicht ganz optimales Beispiel, aber zumindest ist es beispielhaft für den Inforamationsdurst des menschlichen Wesens.
Die Vorteile der Vernetzung erkauft man mit Kontrollverlust über die eigenen Daten. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit.
Ob es doch einen Weg gibt, das eine zu bekommen, ohne das andere zu verlieren, kann ich nicht sagen.
Man sollte danach suchen. Allerdings nicht allein der Gesetzgeber.
“Die Vorteile der Vernetzung erkauft man mit Kontrollverlust über die eigenen Daten.” Besser könnte ich das nicht formulieren.
@nbo Dein letzter Vorschlag ist sehr orginell aber unrealistisch. Besonders wenn man auf seine Online-Reputation achtet. ;O)
[...] Auch carta.info setzte sich mit dem SPIEGEL-Artikel offensiv auseinander und kritisierte das Sammeln von Kundendaten durch den [...]
[...] Ein weiterer lesenswerter Artikel zum Thema, diesmal von Falk Lüke (@flueke): “Geschäfte mit privaten Daten: Warum sich der “Spiegel” mit der halben Wahrheit begnügt&…. Er durchleuchtet die Ursache dieser Doppelmoral als Folge des Verlagswesens und kommt zum Schluss, [...]