Christoph Kappes | 34 Kommentar(e)
In deutschen Kulturressorts und Feuilletons schlägt Apple, Facebook und Google eine Tonalität wie kaum einer anderen Branche entgegen – und man darf wohl fragen: Was denken sich die Autoren bei ihren Artikeln?
17.11.2010 |
Nach der Lektüre von „Glücklich im Nutzergefängnis“ (SZ Online von heute) und rund einem Dutzend Artikeln mit ähnlicher inhaltlicher Linie aus deutschen Kulturressorts und Feuilletons darf man wohl fragen: Was denken sich die Autoren bei Artikeln gegen Apple, Facebook und Google?
Keine Frage, über Lock-In-Versuche, über Diskriminierung und über grenzwertigen Umgang mit Datenschutz muss man sprechen. Aber was ist das für eine Tonalität, die sich keine andere Branche gefallen lassen muß?
Sezieren wir den jüngsten Text:
Die drei Unternehmen möchten als Repräsentanten von „nicht greifbaren, überhöhten Werten wahrgenommen“ werden. Sprechen nicht auch Automobilhersteller von „Mobilität“ und „Freude“, Nahrungsmittelhersteller von „Glück“ und „Genuß“, Partnervermittlungen von „Liebe“ und Verlage von „Klugheit“ und „Pluralismus“? Ist dem Autor noch nicht aufgefallen, daß Marketing und Markenbildung überall zu solchen Überhöhungen greifen, unterwirft er auch Unilever, Ferrero und BMW denselben Maßstäben? Man fragt sich, ob der Autor entweder unter einem Stein lebt und durch eine Ritze nur Internetunternehmen sehen kann oder ob irgendetwas anderes die Wahrnehmung so derartig fixiert. Ist es vielleicht eine klammheimliche Abneigung gegen Werbung und Marketing, die sich hier an Zielobjekten Projektionsraum verschafft?
Weiter: „Denn alle wollen nur das Eine: uns, die Nutzer.“ Halten wir uns gar nicht erst mit einer Kritik der Rhetorik auf, bei der Selbstaufgabe, Einverleibung und Verschlungenwerden – der Verlust des Ich! – mitschwingen, sondern kommen gleich zum Thema: Ist irgendetwas wundersam oder gar verwerflich daran, daß ein Unternehmen Nutzer will? Möchten Verlage keine Leser? Wenn doch, ist das gut, oder irgendetwas hieran schlecht?
„Die drei Unternehmen arbeiten sich dabei von unterschiedlichen Seiten an uns heran und locken mit der Einlösung von Verheißungen…“. Ja, Entschuldigung, was machen denn Verlage jede Woche an meiner Straßenecke, wenn sie mich mit Studenten zur Abo-Gewinnung ansprechen? Was ist denn ein Probe-Abo, kein „Heranarbeiten“ an den Kunden? Und wenn Google mit der Verheißung der „Orientierung“ lockt – wo ist der Unterschied zur Verheißung der Qualitätspresse? Wohlgemerkt: Ich beschwere mich darüber nicht. So funktioniert Wirtschaft und Kundengewinnung ist ein legitimes Ziel. Warum also diese Kritik? Vielleicht doch eine subkutane Haltung aus dem Autoren-Mandelkern, daß Wirtschaft keine legitimen Ziele verfolgt?
Und: „Apple, ein ehemals siecher Hardware-Hersteller, der vor etwas mehr als 10 Jahren seine auch damals schon sehr schönen Produkte kaum an den Mann zu bringen wusste, treibt inzwischen mit jedem Quartal Umsatz und Gewinn in die Höhe.“ Bei Apple und Google seien „schon diese Margen … mythisch“.
Hier halten wir uns kurz bei der Frage auf, was an diesem Margen „mythisch“ ist: Sind Margen der alten Griechen bekannt? Sind 25% Umsatzrendite viel – oder vielleicht das Ziel vieler Unternehmen, von deutschen Banken bis Werbeholdings? Was ist eigentlich das Renditeziel der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), die 2002 immerhin knapp 20% erzielte und wie muss man die EBITDA-Rendite Axel Springers in Höhe von 26,3% im Segment Zeitungen national attributieren ?
Und, noch wichtiger: Hat der Autor wohl einmal darüber nachgedacht, wo diese Margen bleiben, wieviele Pensionsfonds Dividenden und Kurssteigerungen einstreichen, wieviel Innovation durch das Faktum von Unternehmenskäufen (Startups) ermöglicht wird, ob Gewinne ein Zeichen von Wertschöpfung sind? Wir wissen es nicht und bleiben auf Vermutungen angewiesen, solange wir nichts derartiges aus Kulturressorts hören und warten vergeblich auf den Tag, an dem sich Wirtschaftsressorts über die Wertschöpfung von Wagnerfestspielen auslassen. Bis dahin bleibt auch offen, in welchem Renditekorridor sich Unternehmen bewegen müssen, damit sie aus Leitmedien weder als “siechend” noch als “mythisch” bezeichnet werden.
Nun, sagt unser Autor, werden alle drei Anbieter „immer ähnlicher“ und führt drei Sachverhalte zum Beleg an. „Facebook will mit seiner gerade angekündigten Universal-Inbox vor allem die Nutzer von Google-Mail im großen Stil auf seine Seite ziehen“ heißt es – und es klingt gut. Wie aber kommt der Autor auf diese Idee? Oder könnte es alles anders sein, nämlich so, daß der Wechsel eines Mailkontos sehr unwahrscheinlich ist, Google je nach Messung nur zwischen 5 und 12% Marktanteil hat und Facebook genau auf den gegenteiligen Kundenkreis zielt, weil hier Marktanteile zu gewinnen sind?
Und: „Google bietet ebenfalls schöne Handys an.“ Könnte es sein, dass das Nexus One ein Flop war und Google derzeit kein Handy anbietet und auch die neuesten Gerüchte vielleicht auf genau ein einziges Handy hindeuten, das Google aber nicht herstellt, sondern von OEMs bezieht? Daß man also mit Fug und Recht behaupten könnte: Google bietet kein Handy an, und wenn, dann nur ein fremdes, das wieder floppen könnte?
„Und Apple hat dem iTunes-Store vor kurzem ein soziales Musik-Netzwerk, nämlich Ping, angeflanscht, über das sich iTunes- Nutzer über ihre musikalischen Vorlieben verständigen können.“ Soll man das wirklich kommentieren? Versuchen wir es in einem Satz: Ja, Apple hat Ping vorgestellt, aber es hat keine Akzeptanz und vor allem ist es nicht „die“ strategische Marschrichtung, sondern die unbedeutendste von etwa 20 Schlachten aller Player – Apple verdient sein Geld mit Hardware und will ganz bestimmt sein Geschäftsmodell nicht Richtung Facebook umstellen. Fazit: alle drei Belege sind fachlich falsch. Sie untermauern die These nicht, daß sich alle Player angleichen.
Weiter im Text: „ Ein Nutzerkunde soll eine komplette Internetwelt unter dem jeweiligen Firmenlogo vorfinden, die er bequem durchreist und nie mehr verlassen muss.“ „Wenn man so will, erfährt der Begriff des Ökosystems hier eine erweiterte Bedeutung: Ökologisch für den Nutzer. Ökonomisch für die Seitenbetreiber.“ Und, unter Verweis auf Wired, drei Viertel des „Datenaufkommens“ fänden in „prächtig gedeihenden und stetig anwachsenden Infrastrukturseiten der großen Firmen, (in) walled gardens, umzäunte(n) Gärten“ statt.
Auch das hört sich richtig an. Aber ist es richtig?
Erstens: noch bietet Googles Kernprodukt Suche vor allem eines: Links nach draußen, ein „walled garden“ sieht anders aus. Und wieso liefert Apple Safari auf jedem iPhone kostenlos? Zweitens: Das „Sollen“ mag sein, aber es ist nicht das „Ist“: 5% aller Visits in Deutschland finden auf Googles Suchmaschine statt, maximal 10% auf Facebook und bei Apple-Seiten Null. Drittens: Was will uns der Autor mit der Unterscheidung von Ökologie und Ökonomie sagen? Folgt die Nutzung der Dienste etwa nicht ökonomischen Gesetzen des Austauschs – kostenlose Produktnutzung gegen datenbasierte Werbung?
Man sollte meinen, daß allein das Faktum der Nutzung ein mächtiges Indiz für ein zweiseitiges ökonomisches Verhältnis ist, das übrigens auch ein publizistisches Qualitätsprodukt dadurch erreicht, dass der Leser es bequem durchreisen kann und nichts anderes mehr lesen muss. Doch irgendetwas an diesem Gedanken muss falsch sein. Aber was? Der Leser bleibt ratlos zurück.
Kommen wir zum Schluss. Unter der Zwischen-Headline „Lizenz zum Gelddrucken“ und einigen unbestreitbaren Bemerkungen zum Geschäftsmodell schließt der Autor: „Das Rennen der Giganten hat begonnen und wird vorerst kein Ende nehmen. Darum gehört das Streuen von Gerüchten über spektakuläre Erweiterungen der Angebote mit zu der Geschichte, welche die drei Firmen gerne über sich erzählt hätten. Und wir, die Nutzer? Wir müssen uns den Facebook-User wohl als glücklichen Menschen vorstellen.“ Satz 1 und 2: Ja, stimmt. Satz 3 und 4: Wir müssen uns den SZ-Leser nach der Lektüre wohl als glücklichen Menschen vorstellen – indes verunsichert und aufgescheucht von kraftvollen Wortgetümen, deren Inhalt entweder belanglos, falsch oder von unaufgedeckter Weltanschauung gespeist ist.


Das Feuilleton bestand schon immer überwiegend aus Quatsch, nur fällt es heute viel stärker auf.
Gut passt dazu auch der Kommentar der FAZ
http://www.faz.net/-01k379.
Der lässt sich natürlich einfach per Facebook-Button teilen.
ich weiss nicht wirklich, worauf du hinaus willst. eine richtige linie kann ich jedenfalls nicht erkennen.
Die Ausführungen im deutschen Feuilleton sind zwar unsachlich, erkennbar unsachlich, die Werbemaschen der drei Internetgiganten auch. Verkürzt:
Google = Gratis
Facebook = Freunde
Apple = Lifestyle
—————————–
= besseres Leben
================
Sich hierüber im Feuilleton geistig auszutoben, ist ok. Als Kopfgefängnis würde ich es nicht bezeichnen, denn die Feuilletoninsten bedienen sich der Masche der drei Giganten und versuchen die Gefühlswelt der Leser anzusprechen. Beim Feuilletonismus sei dies erlaubt – ebenso die sachliche Kritik daran.
@leinethegreat: Man kann sicherlich nicht alle Artikel über einen Kamm scheren, daher habe ich statt einer pauschalen Medienbeschimpfung den Artikel in der SZ ausgewählt.
Der verlinkte FAZ-Artikel fällt da für mich in eine andere Kategorie, da er ausdrücklich als Kommentar gekennzeichnet ist und logisch mit Datenschutz als Schwachstelle von Facebook argumentiert. Auf dieser Ebene kann man sich immerhin auseinandersetzen.
@all: Es gibt reichlich Gründe, die drei “Giganten” zu kritisieren, auch ich habe das zB hier auf Carta getan. Mein heutiger Beitrag betrachtet eine andere Ebene, nämlich die inhaltliche Qualität der Argumentation und eine diffus-naive Weltanschauung, die aber nicht aufgedeckt wird, sondern die sich der Leser selbst erarbeiten muss. Es wäre kein Problem zu sagen: “Gewinnoptimierung kann für einen gewichtigen Teilnehmer des Meinungsbildungsprozesses nicht der einzige Maßstab sein.” Darüber kann man dann diskutieren und ggf. Grenzen setzen. Solche Aussagen werden aber nicht getroffen.
@NoName:
Schöner Einwand. Mit etwas Distanz zum Thema und einigen Monaten Internet-Nutzung würde man aber doch merken, dass die elektronische Kommunikation emotionale Bedürfnisse nicht ganz erfüllt und das Lifestyle-Produkte weder dem Leben Sinn geben noch die Angst vorm Tode verringern. Ich könnte mir da eine viel entspanntere Sicht vorstellen.
Bravo, bravo, bravo!
Besonders gut gefällt mir Ihr Vergleich, wie unterschiedlich unsere lieben “Leitmedien” die einzelnen Branchen behandeln. Klar: ein Heilsversprechen der Automobilindustrie z. B. wird nicht kritisiert, den das würde die Anzeigenabteilung gar nicht mögen. Den bösenbösen Internetfirmen darf dagegen alles mögliche unterstellt werden, denn die schalten i. d. R. keine Printanzeigen und haben auch kein Product Placement nötig.
Stimme der kritik ander Kritik vollständig zu. Vor allem der Vergleich mit den Heilsversprechnungen anderen Branchen macht das Messen mit zweilerlei Maß zu. Einhziger Einwand: Apple verdient sein Geld immer weniger mit Hardware und immer mehr mit Paid Content. (Es geht also doch…)
@ttm: Danke. Zum Apple Geschäftsmodell: Apple macht mit iTunes rund 12% des Umsatzes, aber nur 1% des Gewinns. Details siehe http://carta.info/32377/google-apple-und-facebook-der-kampf-der-internetgiganten/ (Folie 19). Das Apple-Modell ist schon etwas pfiffiger, ich habe es für diesen Beitrag hier vereinfacht.
Die Kritikpunkt an Apple sind auf Folie 23.
Ich bewundere die Geduld, mit der du dich dieser journailistchen “Glanzleistung” der SZ widmest.
Also Autsch. Ich denke ich habe noch keinen Artikel gründlicher und trefflicher auseinadner genommen gesehen. Gratulation.
Solch eine Textkritik war überfällig, danke.
Dass die im Internet aktiven Firmen irgendwo zwischen mythologischem (!) Monster und faschistischer Großmacht tangieren, was die Wahrnehmung im Feuilleton angeht, hat vielleicht auch seine Ursache, dass auch im akademischen Betrieb manche nie bewiesenen Thesen zur Schädlichkeit des Mediums ihr untotes Dasein treiben. Zum Beispiel: Internet isoliert sozial oder die Online-Sucht gefährdet unsere Kinder.
http://alrightokee.de/medien/das-internet-macht-weder-einsam-noch-aua/
http://alrightokee.de/verlierer/computer-oder-freunde-die-frage-ist-gestellt/
Schön auseinandergenommen. Liegt das heute in der Luft? Daniel Fiene war ähnlich unterwegs: http://www.wasmitmedien.de/2010/11/16/der-hype-journalismus-im-schatten-der-web-giganten
@Vera: Ich sehe das ähnlich wie Daniel Fiene, muss aber fairerweise sagen, daß genau das der SZ-Autor kritisiert, wenn er schreibt: “Darum gehört das Streuen von Gerüchten über spektakuläre Erweiterungen der Angebote mit zu der Geschichte, welche die drei Firmen gerne über sich erzählt hätten.”
Die Apple-Beatles-Geschichte ist dabei das absolute Lowlight des Jahres 2010, denn die Relevanz für das Publikum ist null. Außer Apple, Apple, Jobs und die Beatles sowie die Anwälte beider Seiten interessiert das niemanden. Beatles-Fans werden die CDs gerippt oder “sonstige” Quellen haben, Nicht-Beatles-Fans interessiert das sowieso nicht.
Und wer hat trotzdem berichtet? Aktuell 526 News bei Google, u.a. heise, SZ, FAZ, Focus, ZEIT, Welt, tagesschau und ftd.
@Christoph
Ich finde, das passt gut zu dem allgemeinen Trend, über beinahe alles nur noch atemlos, gehyped oder sonstwie ‘übersteuert’ zu berichten. Klassische, sachliche, handwerklich gut gemachte und vor allem gut recherchierte Berichte findet man selten, falls ja, freut man sich darüber, als sei es etwas ganz Besonderes.
Da lob ich mir so manches Blog – die haben Qualitätsdingens nicht nötig. Die machen ihn einfach.
[...] Glücklich im Kopfgefängnis: Internetgiganten im deutschen Feuilleton — CARTA – Wir müssen uns den SZ-Leser nach der Lektüre wohl als glücklichen Menschen vorstellen – indes verunsichert und aufgescheucht von kraftvollen Wortgetümen, deren Inhalt entweder belanglos, falsch oder von unaufgedeckter Weltanschauung gespeist ist. Twittern Tags: | Mehr bei rivva var flattr_wp_ver = '0.71'; var flattr_uid = 'tencars'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_tle = 'Lesezeichen'; var flattr_dsc = 'Konstantin Neven DuMont – Offenbar nicht mehr FR-Herausgeber – sueddeutsche.de – Stuttgart 21: Bundesamt stoppt Bau von S-21-Schnellbahnstrecke | Wirtschaft | ZEIT ONLINE – Das Eisenbahnbundesamt verweigert der Bahn einem Magazinbericht zufolge die Baufreigabe für die neue ICE-Strecke durch die Schwäbische Alb. Der Grund: gestiegene Kosten. Tageblatt online – Grab von Harry Potter: Ein Touristen-Magnet – Auf seinem Grabstein steht fälschlicherweise, dass er 19 gewesen sei. Potter schummelte bei seinem Alter, um eingezogen werden zu können. Merkels konservative Tonlage ist eine Maske: Christin der Macht – taz.de – Karlsruhe hat wieder mal gezeigt, dass Merkel eine begnadete Technikerin der Macht ist. Kühl kalkuliert sie, was geht und was nicht. Der Preis dafür ist eine atemberaubende Entpolitisierung der Partei. Kommentar: Rote Karte für Facebook – FAZ.NET – Facebooks geplantes „Messages“-Angebot klingt verführerisch. Doch der Nutzer sollte von diesem Para'; var flattr_tag = ''; var flattr_url = 'http://www.2muchin4mation.com/lesezeichen-206/'; var flattr_lng = 'de_DE'; ähnliche Einträge: Lesezeichen [...]
[...] Carta frägt sich, warum bei Apple, Google und Facebook genau das verachtenswert erscheint, was bei … [...]
@vera: Ich will das Lob für Carta nicht mindern, aber professionelle Inhalteproduktion ist für mich etwas ganz anderes. Zeitdruck, Vollständigkeit, gleichbleibende Qualität, Komplexität der Redaktion, Autorenhonorare, Renditeerwartung, Wettbewerb, Leserschaft etc. – eigentlich alle Parameter. Mir geht es in diesem Artikel jedenfalls nicht um Q-Presse-Bashing zugunsten von Bloggern, die alles besser wissen. Dabei ist das “Sezieren” eines Artikels noch die einfachste Übung. Manche halten das für Medienkritik, ich finde das aber ehrlich gesagt auch nur in Massen konstruktiv.
Aus meiner persönlichen Sicht wäre schon viel gewonnen, wenn an manchen Beiträgen statt steiler Thesen aus fachfremden Gebieten mal ein vorsichtiges Abwägen, Zweifeln, Offenlassen stünde, man Qualität zu Lasten von Quantität filtern würde (offensichtlich “heruntergeschriebenes” Weglassen) und die Meinungen aufgedeckt würden, die Wertungen zugrundeliegen. Als aufgeweckter Leser erwarte ich zwar “Leitendes”, aber nicht zu jedem Thema, nicht immer in Stein gemeisselt – und ich hätte diese Meinung gern getrennt von der Berichterstattung.
als ich die SZ-Reportage gelesen hatte, dachte ich mir auch: So what? Überhöhung ist ja ganz nett, aber passen muss sie schon. Und Facebook, Google und vor allem Apple sind schon was anderes. Das ist ja so, als ob man Äpfel mit Birnen und Pfirsichen vergleichen würde…
Ich verstehe den Beitrag so: Herrn Graff wäre es lieber, die Nutzer müssten sich ihre Internetseiten wie früher selbst zusammenklöppeln oder teuer bezahlen. Dienstleister, die die Kommunikation fördern und damit die Diskussion und Meinungsbildung sind des Teufels, wenn es keine Verlage sind.
Also ich finde dass die aufregung von Herrn Kappes doch etwas größer ist, als die – unterstellte – Aufregung des Süddeutschen Artikels. der kommt zwar etwas schwurbelig daher trifft jedoch in der zweiten Hälfte einen wahren Kern. Die Infrasturkturanbieter Apple, Google und Facebook amchen sich in der Tat immer mehr das Terrain streitig, und repräsentieren immer weniger den Grundgedanken des freien www.
Das stellte Wired zwar schon vor Monaten fest, aber den deutschen Feuilletonleser mag das nicht erreicht haben. Insofern kann man den SZ Artikel prinzipiell als passabel stehen lassen, die Dünnhäutigkeit des Carta-Artikels überrascht da schon eher.
Ja, es gibt einen Konflikt zwischen Inhalte- und Infrastrukturanbietern, in diesem Falle Holzmedien und Plattformen. Die Holzmedien versuchen diesen Konflikt mit Meinungsmache zu beinflussen. Nicht elegent, aber auch nicht immer unzutreffend. Das muss man halt wissen, dann relativiert sich der Konflikt (duch DIESER hier) sehr schnell.
Stefan
[...] nur das Eine: uns, die Nutzer. So jedenfalls tönt es in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung, den der Blogger Christoph Kappes in einer herrlichen Replik zerlegt hat. „Halten wir uns gar nicht erst mit einer Kritik der Rhetorik auf, bei der Selbstaufgabe, [...]
@Stefan Herwig: “Die Infrasturkturanbieter Apple, Google und Facebook machen sich in der Tat immer mehr das Terrain streitig.” schreiben Sie. That is the question. So eine Aussage kann man ebenso betreiten, genauso wie die “Ähnlichkeit”. Was ist denn das jeweilige Terrain? Vom Geschäftsmodell ist Apple hier nicht vergleichbar, das Terrain “Online-Werbung” ist nur zwischen G und FB streitig, und wenn Sie da mal genauer hinsehen, dann müssen Sie Textwerbung und Displaywerbung unterscheiden. Am Ende ist das nämlich alles gar nicht so simpel, wie es aussieht. Das betrifft auch “Ähnlichkeit” , die kann man nämlich nicht einmal vernünftig diskutieren, wenn das Ähnlichmachende nicht benannt ist – oder wie im kritisierten Artikel dreimal falsch.
Und wenn es so wäre: was bedeutet dies? Machen sich Automobilhersteller und FMCGs etwa nicht das Terrain streitig? Wettbewerb kann doch auf Basis einer marktwirtschaftlichen Ordnung, nicht das Problem sein – es ist ERWÜNSCHT!
Zur Argumentation mit dem “Grundgedanken des freien WWW”: Das ist ein schönes Postulat, ich halte viel davon (!). Nur: INWIEFERN verstossen die drei Unternehmen dagegen – oder sind es Nutzer, die sich freiwillig in ihre Hände begeben und so ihre Freiheit nutzen? Wessen Freiheit wovon wird von z.B. Facebook tangiert ?
Schon historisch handelt es sich bei der “Freiheit” um eine nachträgliche Zuweisung: Tim Berners-Lee vernetzte INNERHALB des CERN die französischen mit den schweizer Standorten – was war hier “frei”?
Ist unternehmerische Tätigkeit im WWW kein Ausdruck von Freiheit? Und wenn doch, wo ist die Grenze?
Ich denke, wir müssen wirtschaftliche Abhängigkeit und Wettbewerbsdiskrimierung, sowie Meinungsfreiheit und einen funktionierenden Meinungsbildungsprozess unterscheiden. Sonst führt diese Diskussion zu nichts.
(Ich persönlich sehe die Gefahren nicht in “Freiheit”, sondern in wirtschaftlicher Abhängigkeit, Mißbrauch und Diskriminierung. Das ist aber bei allen Unternehmen mit einer dominanten Marktstellung ein Problem.)
Die eigentliche These von Kappes ist, dass in “Feuilletons Apple, Facebook und Google eine Tonalität wie kaum einer anderen Branche entgegenschlägt.” Nur: Sie stimmt nicht, im Gegenteil: Bei Apple wird jeder Furz gehypt, wie jetzt der Beatles Deal, und Google wird bewundert.
Man lese heute in Meedia den Artikel: “Googles Meisterstück”. Er ist ein Kniefall:
“Das US-Unternehmen hat es geschafft: Für die 20 größten deutsche Städte ist Street View online. Damit erweitert Google seinen Kartendienst nicht nur um ein Panorama-Tool, sondern setzte sich gegen eine kritische Öffentlichkeit, die Datenschützer-Bedenken und vor allem gegen eine Vielzahl von Politiker-Forderungen durch. Viele große Industrie-Konzerne wären unter dem Druck eingeknickt, nicht so die Amerikaner: Mit Street View legen sie in der europäischen Business-Welt ihr Meisterstück hin.”
Man tausche nur Google gegen den Namen eines Atomkonzerns wie Pfizer aus. Undenkbar auch der anschließende pure Pro-Google Zynismus: Der Meedia Autor schildert die Pressekonferenz hat großes Verständnis für den Google-Bluff: “Denn das Gebot der Stunde für die Web-Worker lautet noch immer: Vertrauenswürdig wirken und vor allem jedem das Gefühl geben, alle Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. So erklärte der Datenschutzbeauftragte des Konzerns, wie ernst man die Einsprüche nehme.” Tut man natürlich nicht.
Die Frage ist doch: Warum wird bei Google Raubtierkapitalismus, Rechtsbruch und Zynismus geradezu besungen, während das bei Eon oder Pfizer unmoralisch ist?
Nachtrag:
es muss natürlich heißen:
eines Atom- oder Pharmakonzerns wie Eon oder Pfizer
@23:
Was ist denn das jeweilige Terrain? Vom Geschäftsmodell ist Apple hier nicht vergleichbar, das Terrain “Online-Werbung” ist nur zwischen G und FB streitig,
Es geht (zum Beispiel) auch um eine Einrichtung wie Software Vertriebsplattformen, den iTunes App Store, bzw. das Google-Gegenstück. Hier sind die Platzhirsche auf demselben Terrain. Betriebssysteme, Browswer, die neue Facebook Applikation etc. Alles identische oder hart aneinandergrenzende Geschäftsfelder im Infrastrukturbereich.
“Und wenn es so wäre: was bedeutet dies? Machen sich Automobilhersteller und FMCGs etwa nicht das Terrain streitig? Wettbewerb kann doch auf Basis einer marktwirtschaftlichen Ordnung, nicht das Problem sein – es ist ERWÜNSCHT!”
Ich glaube auch nicht, dass der Artikel den Wettbewerb kritisiert, oder prinzipiell ablehnt. Er macht ihn lediglich bewust, und hebt damit die Firmen auf die Stufe anderer Industriezweige. Das ist nichts Neues, aber bei der Verklärung, die den Fimen teils entgegenschlägt (Siehe Post 24) darf ein Feuilletonartikel darauf hinweisen. Das ist m.E. legitim.
Ich empfehle Ihnen einmal, Ihren eigenen Standpunkt zu überprüfen und selbstkritisch zu fragen, ob der negative Ton, den Sie in den Artikel bewust hineinlesen, an allen Stellen wirklich existiert. In diesem Falle (unterstellte Wettbewerbsaversion) ist das nicht der Fall.
Ahnlich hier:
“Zur Argumentation mit dem “Grundgedanken des freien WWW”: Das ist ein schönes Postulat, ich halte viel davon (!). Nur: INWIEFERN verstossen die drei Unternehmen dagegen – oder sind es Nutzer, die sich freiwillig in ihre Hände begeben und so ihre Freiheit nutzen? Wessen Freiheit wovon wird von z.B. Facebook tangiert ?”
In der Tat begeben sich die Nutzer freiwillig in diese Netzwerke und nutzen sie immer öfter. Convenience wird hier dem Nutzer immer wichtiger. Aber auch hier hat das niemand kritisiert. Man wird aber doch wohl noch darauf hinweisen können.
“Ist unternehmerische Tätigkeit im WWW kein Ausdruck von Freiheit? Und wenn doch, wo ist die Grenze?”
Off topic:
Die Grenze ist beim Erreichen eines Monopols, bei untransparentem Geschäftsgebahren, bei Verstössen gegen den Datenschutz und beim bewusten Täuschen der Öffentlichkeit ….. Aber das Verhalten ist bei den drei Konzernen wohl sehr unterschiedlich ausgeprägt. Dieses Fass will ich jetzt auch nicht wirklich aufmachen.
“Ich denke, wir müssen wirtschaftliche Abhängigkeit und Wettbewerbsdiskrimierung, sowie Meinungsfreiheit und einen funktionierenden Meinungsbildungsprozess unterscheiden. Sonst führt diese Diskussion zu nichts.”
Dann muss man aber auch die eigene Dünnhäutigkeit/Subjektivität reflektieren. Wir müssen quasi-Monopolisten genau auf die finger sehen. Das macht der Artikel. Insofern ist Ihre Kritik leider nur ansatzweise gerechtfertigt.
Gruß,
SH
@Stefan Herwig: Bin ein bisschen ratlos, was ich Ihnen antworten soll.
Zur meiner “Dünnhäutigkeit”: Ja, ich war “leicht fassungslos” (Perlentaucher), und das ist das Ergebnis einer Reihe von Stücken aus deutschen Feuilletons.
Zur groben Linie: Meinen Sie, es ist Aufgabe eines Kulturessorts, auf Wettbewerb zwischen Internet-Infrastrukturanbietern hinzuweisen und so einer Verklärung entgegenzuwirken? (Ihr Abs. 4)
Zur Glaubwürdigkeit der Kritik: Sie meinen ernsthaft, dass der Autor mit diesem Artikel den “Quasi-Monopolisten genau auf die Finger sieht”? Ich dachte hier gezeigt zu haben, dass dort, wo es hätte genau werden sollen, leider falsch war.
@normalo: Meedia zählt für mich nicht zu den Kulturressorts / Feuilletons der Qualitätspresse. Dass Tech-Blogs, Medienfachblätter, Marketingzeitschriften zumeist genau das entgegengesetzte betreiben (nämlich unkritische Wiedergabe und Glorifizierung), ist auch mein Eindruck. Siehe mein Kommentar #14.
Vielleicht ist die Lösung, dass das PR-Zeugs in der Presse nicht unkommentiert und in epischer Breite berichtet wird, dann kann sich das jeweilige Kulturressort Maßregelungen und Warnhinweise sparen.
[...] Daniel Fiene Nach dem Facebook-Event: Der Hype-Journalismus im Schatten der Web-Giganten. Zum selben Thema: Christoph Kappes, Glücklich im Kopfgefängnis: Internetgiganten im deutschen Feuilleton [...]
Etwas vom unmittelbaren Thema abweichend: hier ein kurzer Einblick
darauf wie die Medien, in dem Fall die Zeitungen, reagieren, wenn sich
Grosswerber wie Aldi und Lidl entschliessen, auf Zeitungswerbung zu
verzichten.
Auf diese Aussteiger aus der Zeitungswerbung wurde massiver Druck
ausgeübt, soagr der BDZV wurde aktiv und verhalndelte mit Lidl.
Hier ein Artikel dazu bei meedia:
http://meedia.de/nc/details-topstory/article/aldi-prft-alternativen-zu-zeitungswerbung_100027465.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=7e80576ab1
Ebenfalls recht interessant die Aussagen von Burda vor kurzem,
dessen Zufriedenheit, das es Print wieder und gut geht.
Und:
… Eine elektronische Zeitung dürfe es auf keinen Fall geben, dann drohe “mehr als Krawall”. ….
http://meedia.de/nc/details-topstory/article/print-ist-back–der-optimismus-auch_100031600.html?tx_ttnewsbackPid=1716&cHash=772120dcc3
Sehr schön, danke sehr!
Wie sich die Bilder gleichen: Knapp ein Jahr ist seitdem (http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2010/01/im-netz-der-ignoranten.html) ins Land gezogen, gelernt wurde nichts!
In diesem Sinne: Auf die nächsten 100!
@Christoph Kappes
“@Stefan Herwig: Bin ein bisschen ratlos, was ich Ihnen antworten soll.”
ich leider auch, denn Sie lesen hier hauptsächlich an meiner Mail vorbei.
“Zur groben Linie: Meinen Sie, es ist Aufgabe eines Kulturessorts, auf Wettbewerb zwischen Internet-Infrastrukturanbietern hinzuweisen und so einer Verklärung entgegenzuwirken? (Ihr Abs. 4).”
Ich glaube es ist Aufgabe der Presse komplexe Sachverhalte aufzubereiten und verständlich zu machen, teils auch über einen langen Zeitraum hinaus. In der Tat ist es interessant, dass der Artikel im Feuilleutonressort steht, und nicht im Ressort Wirtschaft, oder Technik. Aber wenn man diesem Dreikampf – der ja auch das Netz entscheidend mitprägt – auch eine kulturelle Dimension zuweist, dann geht das schon in Ordnung.
“Zur Glaubwürdigkeit der Kritik: Sie meinen ernsthaft, dass der Autor mit diesem Artikel den “Quasi-Monopolisten genau auf die Finger sieht”? Ich dachte hier gezeigt zu haben, dass dort, wo es hätte genau werden sollen, leider falsch war.”
Nein, sie konstruieren meiner Meinung nach leider nur Vergleiche, die die Argumentation unsinnig erscheinen lassen. Aber diese sind genau das: Konstruiert. Ich habe ein paar Gegenvergleiche genannt (Browser, Hardware, etc.), die haben Sie ignoriert. Insofern konstruieren Sie selbst Vergleiche, und regen sich dann darüber auf.
Ich habe ihnen Gegenbeispiele genannt. darauf reagieren sie mit Ratlosigkeit. Bin jetzt auch ratlos, was sie da nicht verstehen.
Gruß,
SH
.
(OT: da es mir bei posterous zu kompiliziert ist, mein Kommentar hier)
Das Schlimmste – ich übersehe mal den langweiligen klickgenerierenden Hype im SZ-Artikel – ist die massive Recherchefehlleistung auf die selten dämliche Wired-Grafik zu setzen.
Es scheint als ob ein großer Teil der ach so investigativen Journalisten eine schwere Kontaktallergie gegen Kommentare hat. In den 162 Kommentaren unter der Grafik wurde selbige gefühlt 162,5-mal auseinandergenommen. Wer auch nur 3 aufeinanderfolgende Kommentare (<2%) am Anfang, Ende oder irgendwo liest, muss auch als absoluter Denklaie auf die Idee kommen, dass hier etwas nicht stimmt und man vielleicht mindestens mal zwei Sätze zum Datenaufkommen im Internet zu lesen. Oder sich zu fragen, warum auf den wundersamen USB-Stick in der Tasche eine ganze Bibliothek, aber nur ein Kinofilm passt. Oder wie die Trickser von Youtube das schaffen, Videos und Text auf dieselbe Seite zu stellen. Und warum das Web 2.0 heißt, wenn Videos doch nicht zum Web gehören. Oder…
Oder aber man hat lange genug geübt Fakten zu ignorieren, bevor Sie einem die Argumentationslinie für den tollen Artikel versauen, in dem man so herrlich Google, Facebook, Apple und Gefängnis zusammenbringen kann. Diese Freaks da von SEO (keine Ahnung, was die genau machen) waren jedenfalls begeistert, hat der Chef gesagt.
Und jetzt kann sich ja jeder, bei dem noch mindestens zwei der drei Affen im Oberstübchen leben, das Szenario aussuchen, welches ihr oder ihm wahrscheinlicher erscheint. Mit Journalismus haben beide nichts zu tun.
[...] Glücklich im Kopfgefängnis: Internetgiganten im deutschen Feuilleton — CARTA – Wir müssen uns den SZ-Leser nach der Lektüre wohl als glücklichen Menschen vorstellen – indes verunsichert und aufgescheucht von kraftvollen Wortgetümen, deren Inhalt entweder belanglos, falsch oder von unaufgedeckter Weltanschauung gespeist ist. Twittern Tags: | Mehr bei rivva [...]
[...] Glücklich im Kopfgefängnis: Internetgiganten im deutschen Feuilleton — CARTA – Wir müssen uns den SZ-Leser nach der Lektüre wohl als glücklichen Menschen vorstellen – indes verunsichert und aufgescheucht von kraftvollen Wortgetümen, deren Inhalt entweder belanglos, falsch oder von unaufgedeckter Weltanschauung gespeist ist. Tags: Carta.info | [...]