Matthias Schwenk

Die Mailbox für Alles: Facebook will mehr als nur ein banaler E-Mail-Client sein

Matthias Schwenk | 15 Kommentar(e)


Facebook hat seine mit Spannung erwartete Lösung für E-Mails vorgestellt und sich damit geschickt positioniert. Nicht als “Gmail Killer” sondern als “Social Inbox” der Zukunft: Einfach, schnell und mehrere Dienste integrierend.

16.11.2010 | 

Facebook kann jetzt auch E-Mail, auch wenn das neue Produkt kein dezidierter E-Mail-Client ist. Statt dessen versucht das neue Feature mehrere Messaging-Funktionen unter einen Hut zu bringen: E-Mail, Instant Messaging, SMS und das schon vorhandene Facebook-interne Messaging sollen sich nahtlos über eine Oberfläche verwalten lassen.

Der Anspruch, der dahinter steckt, ist nicht ohne Ambition: Egal mit wem und wie man kommunizieren möchte, als Facebook-User soll man dazu nur ein einziges Tool verwenden müssen. Funktioniert das in der Praxis wie versprochen, ließe sich damit die nicht unerhebliche Fragmentierung der verschiedenen digitalen Nachrichtentools und -systeme endlich (weitgehend) überwinden. Facebook könnte so seine User noch enger an sich binden und für sie zur vollumfänglichen Kommunikationsdrehscheibe werden.

Da spielt es dann auch keine Rolle, dass das neue Kind noch keinen richtigen Namen hat: Mark Zuckerberg sprach von der “Social Inbox“, Facebooks Blogartikel zum Event nur von “Messages”. Mehrfach betont wurde dagegen, dass es sich nicht um einen E-Mail-Client handelt und auf Nachfrage äußerte Mark Zuckerberg, dass man sich damit nicht in Konkurrenz zu Googles Gmail sieht.

Auf der technischen Ebene blieb unklar, wie das System entscheidet, über welchen Weg eine neu verfasste Nachricht an den Empfänger weitergeleitet wird. Der User soll einfach nur den Adressaten auswählen, den Text schreiben und ihn abschicken. Den Kanal zur Übermittlung bestimmt das System dann selbst, was nicht nur Technik-Freaks, sondern auch Datenschützer in erwartungsvolle Stimmung versetzen dürfte.

Für ältere Zeitgenossen mag das alles nicht besonders eindrucksvoll wirken. Für jüngere Menschen dagegen, die laufend SMS verschicken, chatten oder die Message-Funktion von Facebook nutzen und dabei teils über ihren PC, teils vom Mobiltelefon aus kommunizieren, kann die Bedeutung dieser Ankündigungen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn hier wird nichts weniger als eine einheitliche Plattform in Aussicht gestellt, mit der sich Kommunikation stationär und mobil wie aus einem Guss ergeben dürfte.

Die Frage, ob sich über dieses System auch verbale Kommunikation (“Voice”) wird abwickeln lassen, beantwortete Mark Zuckerberg zurückhaltend: Erst einmal müssten die vorgestellten Möglichkeiten reibungslos funktionieren, bevor man an Erweiterungen denken könne. Mobilfunk-Provider bzw. Unternehmen der Telekommunikationsbranche generell werden das mit Schaudern zur Kenntnis genommen haben. Denn hier deutet sich an, dass die Zeit der säuberlich getrennten Kanäle zu Ende geht und am Ende intelligente Clients wie das neue Messaging von Facebook alles in sich vereinen werden. Spezielle Funktionen für Telefonie, SMS oder Chats, die separat bepreist und abgerechnet werden können, gehen damit ihrem Ende entgegen.

Gänzlich übergangen wurde beim Presse-Event die Tatsache, dass künftig Microsofts Office Dokumente als Anhänge zu den neuen Messages mitgeschickt werden können. Gut möglich, dass Mark Zuckerberg das in seiner offensichtlichen Aufregung einfach vergessen hat. Denkbar ist aber auch, dass er diesem Feature keine große Bedeutung beimisst und es deshalb nicht erwähnt hat. Während für Microsoft eine Welt ohne Office Dokumente kaum vorstellbar sein dürfte, könnte für Mark Zuckerberg die Zukunft anders aussehen: Warum umständlich Anhänge verschicken, wenn man Inhalte viel einfacher per Link zugänglich machen kann?

Es bleibt also spannend, nicht zuletzt weil das Rollout für das neue Produkt eher langsam und über mehrere Monate verteilt erfolgen soll. Wer nicht so lange warten will, kann sich um eine Einladung bemühen.

Insgesamt könnte Facebook damit gelingen, was Google mit Wave versagt blieb: Einen großen Erfolg bei den Usern landen. Das neue Messaging wirkt als Konzept schlüssig und seine Bedienung könnte einfach, um nicht zu sagen, kinderleicht, sein. Google Wave war das genaue Gegenteil: Komplex und alles andere als selbsterklärend, ein Produkt von Technikern für Techniker.

Facebook zeigt damit, dass man die Bedürfnisse seiner User kennt und versucht, praktische Lösungen dafür zu entwickeln. Zugleich schafft sich Mark Zuckerberg damit eine neue Differenzierung am Markt und einen Wettbewerbsvorsprung. Gut gemacht! Jetzt muss das neue Messaging samt Social Inbox nur noch in der Praxis auch so funktionieren, wie es angekündigt wurde.

Mehr zu : | | | | |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

15 Kommentare

  1. horst |  16.11.2010 | 04:21 | permalink  

    Ehm wozu brauche ich das?
    Facebook ist bei mir im IM zum Chatten bereits eingebunden.
    SMS verschicken via Facebook dürfte doch wohl Geld kosten.
    Dokumente lade ich jetzt bereits per einfaches verschieben auf den Festplatte in einen Onlinespeicher, wo ich sie direkt verlinken kann.
    Auf meine Facebook E-Mail Adresse wird mir wohl kaum jemand schreiben, mit dem ich nicht auf Facebook befreundet bin. Und ich werde wohl in Zukunft auch meinen Dozenten keine Mails schicken die den Absender strangeguy88@facebook.com haben.
    Und die eigene Email adresse wird man kaum bei Facebook einpflegen wollen, Datenschutzgründe.
    Der einzige Aspekt der mir sinnvoll erscheint, ist der Konversationen mit Freunden chronologisch über Pinnwandeinträge, Nachrichten und Kommentare hinweg darstellen zu können, und ggf. auch die Funktion zu haben wie in einem Archiv nach zu kucken wann man mal was gepostet oder geschrieben hat.
    Allerdings ist das Ziel dieser Idee klar; die ulimative Kundenbindung zu erhalten.

  2. Neues Nachrichtensystem: Facebook arbeitet an der Ablösung von E-Mail » netzwertig.com |  16.11.2010 | 05:22 | permalink  

    [...] Carta: Die Mailbox für Alles: Facebook will mehr als nur ein banaler E-Mail-Client sein [...]

  3. theofriedrich |  16.11.2010 | 06:38 | permalink  

    So gut, so schön. Wieder einer der sich zum Monopolisten mausert. Monopol bedeutet Macht, Macht wird nicht in meinem Sinne gebraucht, also laß ich auf jeden Fall meine Finger von Facebook, Google, Twitter & Konsorten.. Und sobald es Linux für Dummies gibt hat sich auch Microsoft für mich erledigt. Immer schön unabhängig bleiben, auch wenn es dann den einen oder anderen Click mehr erfordert. Bequemlichkeit führt zu Abhängigkeit.
    LG Theo F.

  4. Mc.Herb |  16.11.2010 | 09:43 | permalink  

    Warum umständlich Anhänge verschicken, wenn man Inhalte viel einfacher per Link zugänglich machen kann? … weil es Inhalte gibt, die nicht im Netz stehen. Mir erschließt sich der tatsächliche Fortschritt (auch) nicht so ganz (vgl. #1). Aber ich rechne auch nicht zur Zielgruppe von Facebook.

    Sinnvoller wäre es in diesem Zusammenhang m. E., weniger die privaten Plauderfunktionen miteinander zu verbinden – zu welchem Zweck auch immer – als vielmehr sichere juristisch relevante Eigenschaften den betreffenden Diensten (Stichwort: ePost, De-Mail) zu geben, also z. B. in großem Stile Gesetzeskonformität im eMail-Verkehr zu ermöglichen.

    Aber das ist wahrscheinlich zu “geschäftsorientiert” … und aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu kompliziert.

  5. Alex |  16.11.2010 | 10:57 | permalink  

    “Spezielle Funktionen für Telefonie, SMS oder Chats, die separat bepreist und abgerechnet werden können, gehen damit ihrem Ende entgegen.”

    Die waren bisher teilweise auch schon obsolet oder werden weiterhin ihre Einsatzbereiche haben. Das älteste Chatsystem, IRC, ist seit je her frei zugänglich und erfreut sich nach wie vor riesigem Zuspruch. Auch Facebook wird das nicht ändern, weil die Zielgruppe, die im IRC ist, Datenkraken wie Facebook traditionell ablehnend gegenüber steht. Wenn ich geschäftlich VoIP nutzen will, werde ich das zukünftig sicher auch nicht über Facebook machen, sondern über einen spezialisierten Anwender, weil das professioneller ist.

  6. Matthias Schwenk |  16.11.2010 | 11:34 | permalink  

    Die hier vorgebrachten Einwände haben alle ihre Berechtigung und bei Facebook wird man das auch wissen. Nur zielt das neue Messaging im Kern nicht auf User, die das Internet schon in den 1990ern (und vielleicht auch schon davor) genutzt haben, sondern auf Jugendliche und junge Erwachsene.

    Darin dürfte auch der Grund liegen, warum eine relativ veraltete (und in Europa sehr teure) Technologie wie die SMS eingebunden wird: Junge Menschen sind Heavy Users und Zuckerberg will sie nicht umerziehen, sondern bei ihren Gewohnheiten einfangen und es ihnen noch bequemer machen.

    Damit bleibt dann auch zwangsläufig außen vor, die elektronische Kommunikation sicherer und im juristischen Sinn praktikabler zu machen (Signaturen, ePost, DE-Mail….). Facebook geht es primär nur um Reichweite.

  7. Facebooks Eierlegende Kommunikationsmilchsau - Netzlogbuch |  16.11.2010 | 12:07 | permalink  

    [...] Die Mailbox für Alles: Facebook will mehr als nur ein banaler E-Mail-Client sein von Matthias Schwenk, Carta.info [...]

  8. bwl zwei null · IT im Maschinenbau: Konvergente Kommunikation im Web als Trend |  16.11.2010 | 12:09 | permalink  

    [...] ist schon ein interessanter Zufall: Während Facebook sein neues, integriertes Messaging vorstellt, spricht man beim VDMA (dem Verband der [...]

  9. Mc.Herb |  16.11.2010 | 13:00 | permalink  

    # 6 … das leuchtet (mir) ein.

  10. Hyperboreas |  16.11.2010 | 13:39 | permalink  

    Ich kann die Begeisterung für dieses Feature nicht ganz nachvollziehen. Wo ist denn das Problem mit verschiedenen Kommunikationskanälen? Wenn ich das Ganze richtig verstehe, dann tut Facebook doch nur Folgendes:

    Ich gebe meine Nachricht bei Facebook ab, Facebook sucht den geeigneten Kommunikationskanal und liefert die Nachricht beim Empfänger ab. Aber das kann ich doch wohl auch selber. Wieso soll ich in meine gesamte Kommunikation Facebook als Vermittler einschalten?

    Am meisten profitieren dürfte davon doch Facebook selber, denn damit stelle ich alles, was ich andern mitteilen möchte, Facebook zu Verfügung. Der vermeintliche Bequenlichkeitsvorteil bringt vor allen Dingen Facebook die Möglichkeit, noch mehr Daten anzusammeln zu was weiß ich für Zwecken. Also, was bekomme ich für einen so hohen Preis?

  11. vera |  16.11.2010 | 15:37 | permalink  

    Lieber @Matthias,
    bei aller Begeisterung bitte auch ein bißchen abwägen: http://www.netzpolitik.org/2010/facebook-will-unsere-konservationshistorie-speichern/

    Also, ich finde das nicht erstrebenswert. Nicht im Geringsten.

  12. Thomas Hans |  16.11.2010 | 23:23 | permalink  

    Die sind auf dem Weg zu Apple und Google zum dritten Big Player im Internet

  13. facebookmarketing.de | Facebook Messages – Der große Wurf? |  17.11.2010 | 09:39 | permalink  

    [...] Die Mailbox für Alles: Facebook will mehr als nur ein banaler E-Mail-Client sein Facebook kann jetzt auch E-Mail, auch wenn das neue Produkt kein dezidierter E-Mail-Client ist. Statt dessen versucht das neue Feature mehrere Messaging-Funktionen unter einen Hut zu bringen: E-Mail, Instant Messaging, SMS und das schon vorhandene Facebook-interne Messaging sollen sich nahtlos über eine Oberfläche verwalten lassen. [...]

  14. Paul Ney |  19.11.2010 | 02:36 | permalink  

    [bei mir bist du ... vollversorgt] (war “scheen” im Lied) Das entspricht eigentlich dem allg. Geschäftsprinzip, “umsorge deine Kunden, auf das sie dir fest erhalten bleiben…” Ich besuche Facebook ab&zu, würde mir eine FB-eMail-Adresse aber nicht einrichten. Auch deshalb freue ich mich über den Beitrag und die Diskussion als Informationsquelle. In der Frankfurter Rundschau vom 12.11.2010 wurde bereits über den FB-Browser RockMelt berichtet:
    http://www.fr-online.de/digital/so-funktioniert-der-neue–facebook–browser/-/1472406/4828164/-/index.html

    Bei der ganzen Diskussion um Social Networking wird m.E. oft übersehen, daß AOL (America OnLine) http://www.aol.com auch eine Vorreiterrolle gespielt hat — seit einigen Jahren hat sich auf die USA stark zurückgezogen — und zwar als ISP (Internet Services Provider). Wer bei AOL zuhause ist bzw. bleiben will, ist z.B. mit dem Browser-Plugin stets informiert über seine FB-Freunde und kann mithalten, mit AOL-Mail kann man weitere Mailkonten bei Yahoo! oder Google abrufen, zudem gibt es auch den AIM (AOL Instant Messenger). Mit der AOL-Software (wer will, kann sie installieren und im Gast-Modus probieren) gibt es auch die systeminterne Kommunikation (die Buddy-List zeigt, wer gleichzeitig online ist); bei solchen elektronischen Nachrichten bleibt der Header bis auf wenige Daten weg, vermutlich (?) zeigt auch die FB-eMail nur an, wer wem was & wann geschickt hat. ++ *nota bene* — das ist hier sicherlich keine AOL-Werbung, ich wollte nur die Debatte auch um einen historischen Rückblick ergänzen…

  15. Top 5 Social Media Trends 2011 |  21.12.2010 | 17:36 | permalink  

    [...] Der Durchschnittsnutzer könnte da schnell überfordert sein. Hier kommt wieder Facebook ins Spiel. Gerüchteweise plant der Internetriese einen Messagingdienst, der alle Kanäle vereint, sei es Instant Messaging, [...]

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.