Doris Raßhofer | 43 Kommentar(e)
Richard David Precht sieht den “Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen”, bestimmte Zeitungen hält er jedoch für systemrelevant. Im Interview spricht er über moralische, wertvolle Medien, ihre pädagogische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und die Medienkompetenz von ‘Konsumkindern’.
13.10.2010 |
Herr Precht, Medien wird derzeit eine Fülle an Aufgaben übertragen: Öffentlichkeit bieten, Demokratie schaffen, die Jugend schützen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Qualität bieten. Ist das alles wirklich Aufgabe der Medien? Und können sie dies alles überhaupt erfüllen?
Richard David Precht: Die soziale Funktion von Medien ist es in erster Linie einmal, Öffentlichkeit herzustellen, so dass die Energien der Menschen gebündelt werden und sie sich über ähnliche Themen unterhalten können, damit überhaupt ein Austausch stattfindet. Natürlich sollen sie auch Pluralität und Vielfalt herstellen, aber in erster Linie sollen sie Schwerpunkte setzen und über diese die Menschen zusammenbringen. Das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe seit den ersten Zeitungen in der Renaissance.
Das Lagerfeuer.
Das Forum der Römer, die Piazzen der Renaissance, die Agora der Griechen.
Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie genau die Medien diese gesellschaftliche Verantwortung wieder besser wahrnehmen können?
Ein dringlicher Wunsch von mir wäre es, das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder unabhängiger vom politischen Einfluss zu machen. Der hat in Deutschland massiv zugenommen. Mit dem Ergebnis: Wenn die Demokratie nachlässt, verstärken sich die Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft. Hier müssen wir Korrekturen machen.
Sie vertreten die Meinung, dass Medien mit Wirtschaftsinteressen verseucht sind. Können denn privatwirtschaftlich finanzierte Medien so überhaupt gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

Precht: "Man hätte das Duale System als Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen ja nie einführen müssen." (Foto © Raimond Spekking / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 & GFDL)
Das Privat-TV hat überhaupt keine gesellschaftliche Verantwortung. Man könnte sagen, ihre Aufgabe bestünde darin, Regeln zu schaffen, die das schlimmste verhindern, aber nicht, sie zu einer moralischer erzieherischen Bildungsanstalt zu machen. Das ist völlig ausgeschlossen. Das private Fernsehen wurde nicht gegründet, weil Deutschland ein Moraldefizit hat, sondern um Geld zu verdienen. Und daran sollten und könnten wir auch gar nichts ändern.
Und Zeitungen?
Grundsätzlich haben sie auch keine gesellschaftliche Verpflichtung. Wenn ich morgen eine Zeitung gründe, kann ich damit machen, was ich will. Das ist auch immer die Argumentation des Privat-Fernsehens, die gleiche Freiheit zu genießen, die die Printmedien auch haben. Das ist auch richtig so, von den Schmerzgrenzen gegen die guten Sitten oder demokratisches Recht mal abgesehen.
Deshalb sind ja die Öffentlich-Rechtlichen so wichtig, weil man bei ihnen mit juristischem Recht auch einfordern kann, was man bei den privaten Medien nicht kann. Ich kann von einer Frauenzeitung nicht verlangen, dass sie einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag bringen muss. Von öffentlich-rechtlichen Medien hingegen schon.
Jetzt sind gerade viele privatwirtschaftlich finanzierte Medien Reichweitenmedien, die die Massen erreichen. Besteht hier wirklich keine inhaltliche Verantwortung?
Man hätte das Duale System als Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen ja nie einführen müssen. Eigentlich merkwürdig, warum man das je gemacht hat. Im Endeffekt bestand keine Not, nur Wirtschaftsinteressen. Aber die Wirtschaft wurde dadurch nicht wirklich voran gebracht, sondern nur in andere Bereiche verlagert. Wie im Leben: man baut nichts auf, solange man die Steine nur woanders herholt. So gesehen ist der Satz von Helmut Schmidt, der gesagt hat, das Privatfernsehen ist so gefährlich wie Kernenergie, nicht falsch. Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen.
Verstehe ich Sie richtig, Sie sagen, Privat-TV bräuchte man nicht, solange es einen funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt?
Unbedingt. Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr würde es ohne an nichts fehlen. Schon gleich nicht, seit es im Internet unglaublich viele elektronische Informationsmöglichkeiten gibt.
Und wie sieht es mit Printmedien aus?
Die gesellschaftliche Verantwortung, die von bestimmten Zeitungen übernommen worden ist, obwohl man sie nicht dazu zwingen kann, bereichern unsere Demokratie. Spiegel, FAZ, TAZ, Falter, SZ, sie halte ich für systemrelevant, weil sie einen Beitrag zur öffentlichen Debatte liefern. Und somit eine gewisse soziale Funktion erfüllen.
Übernimmt ein Qualitätsmedium auch gleichzeitig automatisch soziale Verantwortung? Oder anders: Wenn ein Medium soziale Verantwortung übernimmt, ist es dann ein Qualitätsmedium?
Das ist ein Streit um den Begriff Qualität. Wahrscheinlich würde ein islamistischer Fundamentalist in der Lage sein, ein hochqualitatives intellektuelles Fundamentalisten-Magazin herauszubringen, wo wir nicht sagen würde, das ist moralisch wertvoll, sondern moralisch gefährlich. Niveau allein garantiert noch keine Moral.
Sie sagen, es sei die Aufgabe eines Mediums, Öffentlichkeit zu schaffen und Informationen zu bewerten und einzuordnen. Im Internet tauscht sich eine Heerschar von Menschen untereinander mit einem Maximum an möglicher Öffentlichkeit aus und tut ihre Meinungen kund. Ein Qualitätsmedium per definitione?
Ich habe ja nicht gesagt, das Internet sei kein Qualitätsmedium. Eigentlich ist es überhaupt kein Medium im klassischen Sinn, sondern eine Plattform für Medien. Das ist per se noch nichts unmoralisches. Aber nur weil etwas moralisch ist, ist es nicht hochwertig. Und nur weil etwas qualitativ hochwertig ist, macht es nicht moralisch.
Die Boulevardmedien sind sehr moralisch auf ihre Art und Weise, das heißt sie machen im Namen der Moral Propaganda für oder gegen etwas, ohne dass ich deswegen sagen würde, das hat Qualität.
Es ist also eine ziemlich schwierige Balance, zwischen etwas moralisch wertvollem, das im Guten die Funktion Öffentlichkeit herzustellen erfüllt oder eben nicht erfüllt. Ich kann natürlich Öffentlichkeit herstellen, indem ich über Paris Hilton berichte, und alle reden über Paris Hilton. Die Frage ist nur, wie groß ist der gesellschaftliche Zugewinn, wenn alle nur noch über Paris Hilton reden. Vielleicht sollten sie auch von etwas anderem reden. Das heißt, wir haben hier eine Mehrkomponenten-Definition, von dem was wir wirklich brauchen.
Das Internet ermöglicht aber einen unglaublichen Nachfragedruck, die Menschen haben die Macht, zu bekommen, was sie wollen.
Hier finde ich eine Studie aus Amerika interessant: sie stellt fest, dass Menschen immer auf diejenigen Foren gehen, wo die Meinung vertreten wird, die sie sowieso schon haben. Das Internet ist also eher eine Maschine zur Verstärkung von Vorurteilen als zur umfassenden Weiterbildung. Das liegt an der Art und Weise, wie der User sich die Informationen raussucht. Man darf das Internet also nicht nach seinen Möglichkeiten messen, die es bereitstellt, sondern man muss den gesellschaftlichen Erfolg des Internets an der Art und Weise messen, wie es gebraucht wird.
VPRT-Chef Jürgen Doetz sagte einmal sinngemäß: Regt Euch doch nicht über die Qualität des Privat-Fernsehens auf, die Medien geben den Menschen nur das, was sie sehen wollen. Ein Spiegel der Gesellschaft.
Stellen Sie sich diesen Satz einmal ins Allgemeine hochgerechnet vor. Dann würde Kindererziehung darin bestehen, dass wir den Kindern immer sofort das geben, was sie von uns verlangen. Diese Kinder würden nicht erzogen sondern verzogen. Wenn man einen moralischen Auftrag hat, dann hat man auch einen pädagogischen Auftrag. Auch erwachsene Menschen müssen erzogen werden. Ob sie wollen oder nicht. Eine Gesellschaft, die darauf komplett verzichtet, ruiniert sich.
Jetzt fordert man aber gerade von Medien, nicht zu moralisieren und mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen.
Wir wollen möglichst umfassend informiert werden und wir wollen aber auch durch vorgeprägte Meinungen, die wir entweder unterstützen oder die uns zum Widerspruch reizen, gedanklich vorangebracht werden. Meinungsjournalismus heißt ja nicht, dass ich andere auf meine Meinung einschwören muss, vor allem dann nicht, wenn ich unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lasse. Die helfen mir, mein Urteil zu schulen. So gesehen haben sie eine pädagogische Funktion.
Ein reines Informationsmedium ist pädagogisch nicht sehr wertvoll. Das ist wie Schule ohne Lehrer, wo man mir nur Mathebücher zum Mathelernen hinlegt. Ich brauche aber jemanden, der mir Mathe vermittelt.
Wo sollte denn Medienkompetenz vermittelt werden?
Am besten schon im Kindergarten. Ich stelle mir hier ein Fach vor wie Konzentration, Lebenskunst, Meditation – etwas, das Kinder sehr frühzeitig vor den Aufmerksamkeitsräubern schützt, damit sie ihr wertvollstes Gut, was sie haben, die Neugier, nicht auf Dinge lenken, die ihnen langfristig nichts bringen, sondern nur der Werbewirtschaft nutzen. Sie müssen lernen, Filter und Sortiersysteme zu bilden. Da kann man nicht als Lehrer schimpfen über die Elternhäuser, wo die Kinder vor dem Fernseher oder Computer sitzen, da muss man dagegen arbeiten. Und das wäre das wichtigste Schulfach, wichtiger als alle anderen
ADS bei Kindern wird vielfach auch der schnellen Taktung in den Medien zugeschoben… Es gibt aber Stimmen, die sagen, Kinder haben ADS wegen der Patchworkfamilien, in denen niemand mehr Zeit hat für sie – deshalb sitzen sie vor dem Computer oder Fernseher mit der schnellen Taktung. Solche Kinder bekommen dann in der Schule Medienkompetenz vermittelt, um damit umzugehen, was ja nur Symptom ihrer Vernachlässigung ist.
Das ist natürlich ein Teufelskreis. Es gibt aber eine pädagogische Funktion, die Menschen vor sich selber zu schützen. Eine Gesellschaft, die darauf verzichtet, leistet einen Offenbarungseid. Ich will keine Gesinnungsdiktatur, aber ich will auch nicht auf diesen grundlegenden Schutz verzichten.
Sie sagen, Kinder hätten keine Faktentiefe sondern nur noch Empathie. Ist das nicht auch eine Chance für diese pädagogische Funktion, dieses Spüren, was richtig ist für den anderen und was nicht?
Die Empathie unserer heutigen Jugendlichen ist eine enorme Qualität, wenn es denn gelänge, sie auf langfristige Ziele zu setzen. Die Zahl der engagierten Jugendlichen hat sich jedoch seit den 70er Jahren nicht erhöht. Dafür hat sich die Zahl der ehrenamtlich engagierten Rentner verdreifacht. Trotz ihrer Orga- und Empahthiefähigkeiten, die Jugendliche im Web lernen, geben sie die ganze Energie eigentlich nur aus für Freundschaft, Liebe, Facebook und Selbstdarstellung. Und nicht für Dinge, die dazu beitragen, das Leben der anderen langfristig besser zu machen.
Haben wir das gemacht als wir jung waren? Ich nicht.
Ich schon. Ich komme aus einer Familie, in der soziales Engagement einen enorm hohen Wert hat. Meine Eltern haben zwei Kriegswaisen aus Vietnam adoptiert, als ich klein war. Und wir hatten Pflegekinder aus dem Kinderheim, die immer am Wochenende bei uns waren.
…grober Unterschied zu Konsumkindern.
Klar. Aber ich denke, dass mir diese Haltung nicht geschadet hat. Und deshalb möchte ich sie gerne weitergeben.
Doris Raßhofer ist stellvertretende Chefredakteurin des Monatsmagazins “Bestseller” vom österreichischen Horizont. Dieses Interview ist auch auf horizont.at erschienen.





Hat Precht das wirklich so gesagt? Das ist ja ein bestürzendes Verständnis von Freiheit. Mit derselben Argumentation könnte man auch gegen Joghurt, Notizhefte und beinahe beliebige andere Waren schießen.
Precht ist ein interessanter Mann, aber immer, wenn er über Wirtschaft spricht, wird es peinlich. Er scheint nicht zu begreifen, wie ein freiheitliches Wirtschaftssystem funktioniert und worin überhaupt der moralische Wert dieser wirtschaftlichen Freiheit besteht.
Und aus seiner Meinung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk muß man wohl schließen, daß er genügsam ist oder einfach keinen Zugang zu besseren Informationsquellen hat.
Genau. Weniger Demokratie wagen!
Precht spricht u .a von Moral, Erziehung durch die Medien.
Es gibt daneben auch noch einen anderen Aspekt, die von den Medien oft selbst
gewählte kulturelle Aufgabe und deren Dynamik.
Ein leicht boshafter Blick mal auf diese (a-moralische) Rolle.
Vor kurzem ging die SZ auf die TV Serie “Breaking Bad” ein und
beschrieb u.a. die Rolle des Fernsehens darin:
Der Fernseher ist nicht nur das Fenster zur Welt, sondern auch zur Unterwelt. “Wir fühlen uns seit jeher zu den Schlägern, Außenseitern und bösen Jungs hingezogen”, schreibt Richard Greene in dem Buch The Sopranos and Philosophy: I kill therefore I am über den seriellen Gangster-Boom: “Wir bewundern ihren rauen Individualismus und Erfindergeist, ihre Bereitschaft, ein Risiko einzugehen und die Notwendigkeit, das Leben als Experiment zu verstehen, es auf die Spitze zu treiben und einfach anders zu sein.”
Soweit die Kulturmenschen einer Zeitung.
Ein kurzer Blick dann in die Realität anhand eines noch eines eher harmloseren
Beispiel eines Menschen der in diesem Sinne Risiko eingeht, das Leben als
Experiment versteht:
http://whyy.org/cms/news/regional-news/delaware/2010/09/24/delaware-police-arrest-accused-highway-shooter/46540
Das mal ohne Schlussfolgerung, nur mal zur Illustration wie eines zum anderen
passt, wohin die Reise geht.
Herr Precht schafft es auch in diesem Beitrag , dass ich seine Meinung lesen kann, ohne sofort die Boxhandschuhe herauszuholen, was mir bei den meisten Politikern, Wissenschafter etc. – einfach nicht gelingen mag.
Und, Herr Precht vermittelt sein Wissen leise, sachlich, ohne auf sein Recht zu pochen und doch so, dass die Anwesenden zuhören, ohne ihn zu unterbrechen, dadurch wirkt er kompetent, was er wohl ist, und genau aus diesem Grunde habe ich die Muse, genau hinzuhören, was er zu sagen hat. Auch wenn ich nicht seiner Meinung sein sollte, gelingt es mir ruhig und unaufgeregt Pro und Contra abzuwägen und für mich zu einem Schluss zu kommen.
@ Timm
Und aus seiner Meinung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk muß man wohl schließen, daß er genügsam ist oder einfach keinen Zugang zu besseren Informationsquellen hat.
Manchmal ist weniger mehr, so einfach könnte es sein, wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihren Aufgaben gerecht würden statt sich immer mehr den Privaten anzupassen. Mehrwert für die Zuschauer: wohl eher nicht!
Ach ja, die besseren Informationsquellen wären mir fast entfallen: Wo gibt es die?
„…Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht…“
Glaubt Herr Precht denn wirklich, irgendjemand braucht den öffentlich-rechtlichen Infotainment-Quatsch, in dem er regelmäßig seinen pseudophilosopischen Sermon abgibt?
Genau, weg mit den Privaten – aber nicht nur TV Sendern. Ein paar ÖR Zeitungen können dann auch die jetzigen Zeitungen und Magazine ersetzen. Und überhaupt, lasst doch auch Klamottenläden, die Musikindustrie und alles Privatwirtschaftliche abschaffen und durch Öffentlich-rechtliches ersetzen.
@christoph
Herr Precht hat seine Meinung geäußert, na und?
- Ich kann dafür oder dagegen sein,
- mich ärgern und unsachlich werden
- ich kann aber auch das für mich Wichtige herauspicken und
- Argumente bringen oder aber
- ganz einfach diesen Artikel ignorieren.
Tja, und dann kann ich mich auch noch in die Ecke stellen und mit den Füßen stampfen :-))))
Wenn’s denn hilft – gr -
@gisela
Stimmt, Herr Precht hat seine Meinung geäußert – und ich habe seine Gedanken überspitzt weiter geführt. Man kann meine Ironie verstehen – oder auch nicht.
@ Giesela Rieger / 3
Im Internet, sie sind gar nicht so schwer zu finden. Wenn man sich zum Beispiel über Medienthemen oder die Kommunikationsgesellschaft informieren möchte, kann ich Ihnen CARTA ans Herz legen, eine deutlich bessere Informationsquelle als ARD oder ZDF. Abgesehen von Volksmusik kenne ich eigentlich kein Thema, bei dem die öffentlich-rechtlichen Sender spitze wären.
Herr Precht hat ja ganz gute Ansätze, aber seine Aussagen “springen” mir ein wenig zu kurz.
Ich glaube nicht, dass wir den teilweise schlechten Zustand der öffentlich rechtlichen Sender durch die Abschaffung der privaten Sender erreichen. Klar gibt es bei den Privaten viel Kommerzmist, aber, um nur ein Beispiel zu nennen, auf Sendungen wie die von dctp.tv (Alexander Kluge und Philip Banse) würde ich ungern verzichten wollen.
Die politische Einflussnahme bei den öffentlich-rechtlichen, da gebe ich Herrn Precht recht, müsste zurückgenommen werden, nur ist mir nicht ganz klar, wie das vonstatten gehen soll. Ich würde mir hier deshalb von Herrn Precht konkrete Lösungsansätze wünschen (das meine ich mit zu kurz gesprungen). Zudem müsste im Zuge der neuen Gebühren auch endlich einmal das Thema “Quote” auf den Tisch! Wenn alle Bürgerinnen und Bürger so viel Geld für das öffentlich-rechtliche Fernsehen bezahlen, muss das “Schielen” auf die Quote jetzt endlich weg!
Auch die von den 68ern beeinflusste Welt seines Elternhauses, die ich in ihrer konkreten Ausführung sehr respektiere, ist nicht 1:1 auf die heutige Welt übertragbar. Viele der, wie gesagt, respektablen Handlungen waren auch deshalb möglich, weil das Umfeld ein völlig anderes war. Das ist mir alles etwas zu idealistisch und zu rückwärtsgewandt.
Ich finde es auch sehr schade, dass Frau Raßhofer sich nicht an der Diskussion beteiligt, würde mir natürlich auch Herrn Prechts Beiträge wünschen.
“…etwas, das Kinder sehr frühzeitig vor den Aufmerksamkeitsräubern schützt”
Das halte ich für zutreffend, das ist genau der richtige Begriff, und das gilt nicht nur für Kinder. Es ist ein Problem, daß alle Leute denken, beim Fernsehen könnte man entspannen. Das geht vielleicht zukünftig einmal, wenn sich die Gehirne an die technisch determinierten Gewohnheiten angepaßt haben. Im Moment schauen wir noch fern mit den Reflexen und Konstitutionen der Jäger und Sammler. Und wir jagen und sammeln so eine Unmenge an Müll, mit dem wir im Nachhinein nichts anzufangen wissen. Ein so verarschter Jäger aber, der von allen Nachbarn lachend vorgehalten bekommt, daß er schon wieder auf der Hatz nach einem Phantom war, na? – Er wird aggressiv, was sonst.
“Deshalb sind ja die Öffentlich-Rechtlichen so wichtig, weil man bei ihnen mit juristischem Recht auch einfordern kann, was man bei den privaten Medien nicht kann.”
In welcher Welt lebt dieser Herr Precht?
Was will er denn bei denen einfordern?
Seine Gage vielleicht, wenn er dort auftritt?
Und wogegen soll geklagt werden? Wenn Klagen möglich sind, geht das auch gegen privat finanzierte Medien aller Art. Einen kleinen Unterschied gibt es allerdings: Wenn die ÖR mal verlieren, zahlen nicht die Verantwortlichen, sondern die Zwangsgeld-Opfer die Zeche,
Wenn es diese Möglichkeit der Klage gäbe, wären Dudelfunk und Unterhaltungs-TV längst abgeschafft und das Zwangsgeld würde nur noch 3 € betragen. Ich würde sofort gegen jeden Auftritt von Florian Silbereisen und vor Gericht ziehen. Vorwurf: Gewerbsmäßige Volksverblödung!
Wenn jemand das Privatfernsehen nicht braucht, kann er abschalten. Spart dann sogar Strom. Und kein Unternehmen wird gezwungen, dort zu werben.
Das Zwangsgeld der ÖR jedoch setzt folgenden Teufelskreis in Gang: Wenn man sowieso bezahlen muss, ob man nun schaut oder nicht, kann man sich den Fernseher auch hinstellen. Wenn er einmal da steht, wird auch geschaut anstatt z.B. zu lesen. Und davon profitiert auch Privat-TV. Deswegen wettern sie nicht ernsthaft gegen das geplante Zwangsgeld.
Wenn Herr Precht etwas begriffen hätte, würde er für die Möglichkeit plädieren, auf Fernsehen grundsätzlich verzichten zu können und damit Geld sparen zu können, jedes Quartal.
Der Verallgemeinerungsgrad der Information im Fernsehen ist viel geringer als beispielsweise beim Lesen. Deswegen ist die Informationsaufnahme im Fernsehen uneffektiv, die Anschaulichkeit aber lädt ein zur Emotionalisierung. Deshalb lenkt Fernsehen stark ab (vom eigenen Leben), macht es passiv, träge, dumm.
Nix Lagerfeuer. Die Erziehungsbedüftigen schauen sich die Tagesschau sowieso nicht an.
Warum sollte etwas besser funktionieren, wenn es Privat-TV nicht gäbe?
Die Verlockung, am Zwangsgeld unaufhörlich zu wachsen, damit das Zwangsgeld wieder wachsen kann, ist einfach zu groß.
Ach, Interviews …. da gerät wohl jeder leicht aufs Glatteis.
Erst wehrt Precht die Frage nach dem Gutsein der Medien ab (“Medien wird derzeit eine Fülle an Aufgaben übertragen: Öffentlichkeit bieten, Demokratie schaffen, die Jugend schützen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Qualität bieten. Ist das alles wirklich Aufgabe der Medien?”), und nach eifrigem Nachfragen kommt er dann doch in die volkserzieherische Ecke, wo die Medien “Aufgaben” haben und private Medien sogar überflüssig wären, wenn nur die Senderchefs und Aufsichtsgremien der ÖR-Medien moralisch intakt sind.
Das alte Sender-Empfänger-Modell hat aber nie ganz gestimmt und übrigens auch in früheren Zeiten keine moralisch besseren Menschen hervorgebracht. Außer Wechselwirkungen und Feebackschleifen der unterschiedlichsten Art ist es eine immer wieder faszinierende Grundtatsache, dass Empfänger Interpreten sind. Und oft sehr eigensinnige und widerborstige. Hat es je eine Diktatur gegeben, die allein mithilfe gleichgeschalteter Medien ihre Macht aufrecht erhalten konnte?! Klappt eben nicht.
Andererseits gibt es kein Medium, keine “Plattform” und keine Contentproduzenten, die nicht Kinder ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft wären. Ich denke, mit seiner ersten Antwort hat Precht alles gesagt und danach hätte er aufhören können. Medien sind per se Katalysatoren des gesellschaftlichen Bewusstseins, aber das Bewusstsein entsteht nicht dort, sondern strömt ständig weiter und verfädelt und verwirbelt sich mit der personalen Kommunikation. Alle selbsternannten Moralerzieher und Volksaufklärer, Politik-Lehrer, Menschenoptimierer und sonstige Schulfunker sind im realen Leben besser aufgehoben als in den Medien. Ich bin fest davon überzeugt, dass Medien immer wieder dann am besten ihre “Aufgaben” erfüllen, wenn es sie einfach gibt – und zwar in großer Vielfalt und mit wenig Vorgaben.
Dass wir das Privatfernsehen nicht bräuchten, finde ich von daher – aus dem Munde von jemandem, der mal ernsthaft Philosophie studiert hat – erstaunlich undialektisch und unfundiert. Am Öffentlich-Rechtlichen war genau wie am Zeitungsmarkt und im Büchermarkt nie das Ganze “gut”, sondern es waren immer nur die Ecken und Nischen, das Meiste war Müll. Diese Ecken und Nischen gibt es auch im Privatfernsehen und damit meine ich nicht nur Alexander Kluge. Denn Bewusstwerdung und Meinungsbildung brauchen keine Kommentarspalten in der FAZ. Die Stärke des Fernsehens liegt sowieso einzig und allein im Sichtbarmachen, im Dokumentieren, auch im Zuwortkommen lassen von Menschen, die sonst nirgends eine Stimme haben.
Wichtig und notwendig ist immer nur wenig. Aber nur das Ganze, zusammen mit dem Blöden und Überflüssigen, ist Kultur. Was Kulturbürger mit großem Latinum und kleinem Philosophicum nie verstehen. Und dann möchte jeder in bescheidener Selbstherrlichkeit zu Programmdirektor werden und aus den Menschen das machen, was nach seiner Meinung ein besser Mensch wäre.
Nettes Ziel. Funktioniert so aber nicht. Denn: Medien brauchen Freiheit. Möglichst viel. Viel Abstand zu den wirtschaftlichen und politischen Machtzusammenballungen. Viel kreative Freiheit. Viel ökonomische Freiheit. Viel Freiheit von moralisch überlasteten Hierarchien. Alles weitere kommt dann von ganz alleine.
Ich hatte zum Teil den Eindruck, der Text wäre gar kein echtes Interview sondern eine Parodie auf die Verteidiger von öff. Fernsehen und “Leitmedien”. Wir haben nicht den 1. April und die anderen Kommentatoren verstehen den Text als ernst gemeint. Ich möchte erklären, warum mich das Interview irritiert.
Erneut zu: “Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr würde es ohne an nichts fehlen.”
Mir würde was fehlen: Dr. House, Lie to me, Life (die Krimiserie mit 2 Staffeln), die frühen Criminal Intent-Folgen, Bones – die Knochenjägerin und The Mentalist. Das sind meine Lieblingsserien, und sie haben alles eines gemeinsam: sie laufen oder liefen auf Vox, Sat 1 oder RTL. Sie sind intelligent, witzig, spannend und anspruchsvoll. Ich würde mich freuen, wenn H. Precht schreibt, welche dieser Serien er gesehen hat und welche Serien aus dem öffentlich-rechtlichen Angebot mithalten können, was Qualität, Niveau und die Fähigkeit, zu überraschen betrifft. Und sie sollten vor 24 Uhr zu Ende sein und nicht ausschließlich auf ZDF neo laufen.
H. Precht sagt, Medien bräuchten Qualtität und Moral. Mit Moral ist offenbar nicht gemeint, dass sich die Medien moralisch unanfechtbar verhalten, sondern dass Fragen der Moral diskutiert werden. Ich finde, wenn man von H&M.com und 9 Live absieht, geht es beinahe ständig um Moral, nur das Niveau variiert stark. Bei Promi-Berichten (niedriges Niveau) geht es um Eskapaden, Verschwendung, Erfolg, Treue und darum, wie tief das Dekolletee sein darf. Bei meinen Lieblingserien geht es nicht nur um Krankheiten bzw. Kriminalfälle, sondern vor allem auch um Konflikte zwischen den Protagonisten untereinander und mit sich selbst. Die besten Angebote des Privat-TVs bieten also sowohl Qualität als auch Moral.
Möchte H. Precht, dass wir immer noch nur drei Sender empfangen können? Sollen junge intelligente Menschen Wetten dass, Volksmusik und Tatort schauen statt Dr. House? Wären die jungen Menschen dann klüger und engagierter?
Ich lese über US-Qualitätsserien Artikel im Feuilleton der “Leitmedien” und rede mit meinen Freunden und meinem Vater darüber. Die Serien sind Thema in Teilen der Gesellschaft. Das Angebot der öff. Sender wird natürlich auch diskutiert, in der Regel im Zusammenhang mit den GEZ-Gebühren.
Es gibt übrigens schon Ansichten, die ich teile. Ich glaube auch, dass das Internet die Auswahl von Informationen fördert, die der eigenen Meinung entsprechen.
Es wäre außerdem besser, dass öff. Fernsehen wäre nicht von der CDU und der SPD untereinander aufgeteilt worden.
Und exzessives Fernsehen schadet. Sogar Gutes!
[...] Precht: „Die Gesellschaft braucht das Privatfernsehen nicht“ Richard David Precht sieht den “Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen”, bestimmte Zeitungen hält er jedoch für systemrelevant. Im Interview spricht er über moralische, wertvolle Medien, ihre pädagogische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und die Medienkompetenz von ‘Konsumkindern’. (tags: internet medien precht philosophie gesellschaft) Trackbacks [...]
Als jemand, der beim Fitnesstraining von sieben Privatsendern parallel zwangsbestrahlt wird, bin ich der erste, der sich über dessen Qualität mokiert.
Trotzdem ist mein Verständnis von Freiheit, dass zwar jeder sagen kann “Wir brauchen” oder “wir brauchen nicht…”, aber dabei sollte es dann auch bleiben. Auch Privatfernsehen ist Wahrnehmung von Freiheitsrechten und grundrechtlich geschützt. Über ein Ob-”Wir”-brauchen entscheidet der Gesetzgeber also nicht.
Im übrigen kann man sehr wohl Ansprüche an das Privatfernsehen stellen – dessen privatwirtschaftliche Natur verbietet das ja nicht. Im Gegenteil, wenn man kritisiert, ändert sich vielleicht doch etwas.
Smarter Typ – inhaltlich ungewöhnlich.
@ Timm
Im Internet, sie sind gar nicht so schwer zu finden. Wenn man sich zum Beispiel über Medienthemen oder die Kommunikationsgesellschaft informieren möchte, kann ich Ihnen CARTA ans Herz legen, eine deutlich bessere Informationsquelle als ARD oder ZDF. Abgesehen von Volksmusik kenne ich eigentlich kein Thema, bei dem die öffentlich-rechtlichen Sender spitze wären
Ach ne, da wäre ich nun wirklich nicht drauf gekommen. Danke, dass Sie sich meiner Unwissenheit so freundlich angenommen haben. Ich dachte eigentlich mehr an die besseren Informationsquellen bei den Privaten. Und auch hier in Carta ist nicht jede Information auch eine gute Information.
Und, vielleicht hat nicht jeder Bürger dieser Republik die Gelegenheit, das Internet zu nutzen, könnte doch sein.
FS ist da wesentlich mehr verbreitet und bietet sich daher gut zur Verdummung an, nicht nur bei den Privaten.
@jaheira: Gefällt mir. Ich kenne das Zeugs zwar alles nicht. Aber niemand sollte so tun, als würde “Qualität” eher in einem ökonomischen Schutzraum entstehen als außerhalb davon. Das ist ja bei den Zeitungen auch nicht so. Schutzräume sind immer auch Machträume. Sie funktionieren daher auch besser, wenn es um sie herum Gegenmächte gibt.
Aber abgesehen davon: Die Medien zu Instanzen der Volkserziehung zu machen, ist ein mentaler Reflex, der seit Geburt der Zeitungen immer wieder auftaucht, seltsamerweise sogar in Gesellschaften, die sich für demokratisch halten. Ironisch könnte man sagen: Precht tritt für eine fundamentalistische Öffentlichkeitsstruktur ein.
Wenn irgendetwas, brauchen wir eine “authentische Öffentlichkeit” (siehe Negt Kluge: Erfahrung und Öffentlichkeit). Das bedeutet mehr echte Partizipation, mehr Kommunikation über die Themen, die mit der tatsächlichen Lebenserfahrung verbunden sind. Und es bedeutet auch mehr Vertrauen auf die Menschen, die nicht böse und schlecht sind, wenn sie das “falsche” Programm gucken.
#1, Tim, Ihren Kommentar finde ich treffend.
Wieso glorifiziert Herr Precht die ÖR? Er kritisiert den Einfluss der Politiker, ok, aber Qualitätsfernsehen ist das allgemein nicht, was uns bei den ÖR geboten wird.
Dann finde ich es immer wieder erstaunlich, wie Menschen den moralischen Zeigefinger erheben und sich am Untergang anderer ‚aus moralischen Gründen‘ erfreuen. So einen Satz kann man doch nicht bringen: „Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen.“ Pfui.
Bei Privatsendern – gucke die selbst nicht – wird es sicherlich die ein oder andere ‚wertvolle Sendung‘ geben. Die Privatsender über einen Kamm zu scheren, zeugt von Populismus, „philosophischem Populismus“. Kurz, was für WIKI, irgendwann: pPP (populistischer Philosoph Precht).
Herr Precht weiß es als gutaussehender Intellektueller – und davon gibt es wenige, Herr Schirrmacher? – bestens zu verstehen, seine Meinungen zu platzieren, sich zu verkaufen, seine Bücher, seine Ideen, aber das, was er sagt und schreibt halte ich manchmal für äußerst fragwürdig.
@ Gisela Rieger / 17
Fernsehen ist generell kein gutes Medium für politische Informationen. Jeder halbwegs begabte Fernsehjournalist kann seinen Zuschauern schnell das Gefühl vermitteln, daß sie nun Bescheid wissen über das gesendete Thema. Dieser Effekt ist Gift für komplexe politische Zusammenhänge. Gäbe es keine Politik mehr im Fernsehen, wären alle besser informiert.
@#1: Dann finde ich es immer wieder erstaunlich, wie Menschen den moralischen Zeigefinger erheben und sich am Untergang anderer ‚aus moralischen Gründen‘ erfreuen. So einen Satz kann man doch nicht bringen: „Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen.“ Pfui.
Was ist denn so entsetzlich an der Aussage, dass Herr Precht die Gesundschrumpfung der Privaten TV-Anbieter mit einem gewissen Vergnügen betrachtet und, was ist daran “pfui”? Seine Meinung muss ja nicht die Ihre sein oder werden, zumal ich nicht glaube, dass er beabsichtigt Sie und andere Leser, Hörer zu instrumentalisieren, was Sie ihm ja mit Ihrem Populismusvorwurf unterstellen. Er hat seine Meinung zu den entsprechend gestellten Fragen in einem Interview wiedergegeben und jeder Einzelne kann für sich entscheiden ob er sie gut findet oder nur Teile oder nichts davon. Ich weiß, es ist heute schick, alles was auch nur den Hauch von Moral verbergen könnte, in die passenden Begrifflichkeiten (wie lächerlich diese auch sind) zu packen, vermutlich ohne sich wirklich mit dem Inhalt des Begriffs Moral auseinander gesetzt zu haben. Moral ist ein Grundwert, gegen den nichts einzuwenden sein sollte, zumal davon nicht mehr viel in diesem Lande vorhanden ist. Der “Moralische Zeigefinder”, welch platte Aussage und ein gern verwendetet Begriff, um jemanden mundtot zu machen.
Weniger ist oft auch mehr und dies trifft auf die Privaten Sender genauso zu wie auf viele andere Bereiche unseres Lebens. Vielleicht verringert sich dann die ungefilterte Verdummung der Menschen, die über Stunden von Werbung berieselt werden und der man bei den Privaten als Zuschauer kaum entgehen kann. Und damit beurteile ich nicht die Qualität der Beiträge bei den Privaten.
@Gisela Rieger: „Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen.“ Was hat den Prechts Vergnügen mit Meinung zu tun?
Herr Precht packt alles was en vogue ist gedanklich in einen Mixer, lässt es verquirlen, verkettet dann Worte, Systeme, Geschichtliches, nennt bedeutende Namen, er konstruiert, bildet sich seine Meinung, was er kann und tun soll, unterstreicht seine Meinungen mit Empfindungen. Das Wort „systemrelevant“ finden Sie im Interview natürlich auch. Er verkauft sich dabei gut, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als wenn er sich in Widersprüchen verstrickt.
Vielleicht nutzt er einfach auch intensiv http://www.wordle.net/ . ;) Ich weiß es nicht, Gisela Rieger. Aber Herrn Precht gedanklich zu folgen, ist anstrengend; nicht alles wirkt logisch. Er setzt sehr auf Wirkung und mediale Inszenierung. Der FDP, ausgerechnet der FDP, erklärt er was, ‚liberal‘ ist – und das bei seiner Biographie. Das ist sicherlich lukrativer als den Grünen zu erklären, was ‚grün‘ ist und den Linken, was ‚links‘ ist. Und überhaupt, was heißt ‚systemrelevant‘? Seit zwei Jahren versuche ich diese Frage beantwortet zu bekommen, weil ich mich weiterbilden will, verstehen will. Auch insoweit kann ich Herrn Precht nicht folgen: „Das Internet ist also eher eine Maschine zur Verstärkung von Vorurteilen als zur umfassenden Weiterbildung.“ Ja, wer Precht folgt, folgt vielen Vorurteilen.
Die Welt braucht keinen Herrn Precht, der Vertretern von Wirtschaftszweigen sagt, dass sie überflüssig sind. Oder ist er TV-Experte? Oder Experte für alles?
Die Diskussionen, die Precht mit seinen Gedanken anstößt, finde ich gleichwohl interessant.
Sorry, die Komma-Taste habe ich versehentlich bei der Erstellung von #22 zu oft falsch angetippt. ;)
@noName
Kurze Antwort auf Ihren sehr kurzweiligen Beitrag:
:-))) was Sie als reines Vergnügen von Herrn Precht ansehen, ist für Herrn Precht vermutlich eine eher unverkrampfte oder auch charmante Anmerkung zu seiner Meinung.
@ Vielleicht nutzt er einfach auch intensiv http://www.wordle.net/ . ;)
Nun, unbestritten ist doch, dass die Partei, die Sie hier anfügen, Großmeister ist im Erfinden von irgendwelchen Schlagworten oder Wortkompositionen. Nun, ich kannte den Link nicht, aber danke, vielleicht schau ich dort des öfteren einmal nach, wenn Herr Westerwelle wieder seine Wortkeule hervorzaubert, ob er ebenfalls diesem Link gefolgt ist :-)))
@Die Welt braucht keinen Herrn Precht, der Vertretern von Wirtschaftszweigen sagt, dass sie überflüssig sind. Oder ist er TV-Experte? Oder Experte für alles?
Nun, die Welt benötigt so vieles nicht, auch nicht eine knapp über Fünf-Prozent-Partei, die für sich den alleinigen Anspruch auf Wissen, Weisheit und Gerechtigkeit in Anspruch nimmt.
In diesem Sinne Ihnen noch einen angenehmen Abend und weiterhin viel Spaß beim Diskutieren.
@Gisela Rieger: Danke gleichfalls.
„Nun, ich kannte den Link nicht, aber danke, vielleicht schau ich dort des öfteren einmal nach,…“ Den Link habe ich auch aufgeschnappt. :) Das Web bildet eben. Möglich, dass Herr Westerwelle Wordle-Experte ist. Fehlt nur das exklusive Seminar für die FDP in einem schicken Hotel:
Modernes Brainstorming – WORDLE mit Herrn Dr. Precht. ;))
Wenn ich kurz noch dazusenfen darf?
Ich finde Herrn Prechts Überlegungen sehr nachvollziehbar, ganz besonders: “Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr würde es ohne an nichts fehlen.”
Man muss aber in der Tat hinzufügen, dass die Öffentlich-Rechtlichen endlich wieder mehr Qualität und Unabhängigkeit aufbauen müssen. Herr Precht sieht das wohl ähnlich: “Ein dringlicher Wunsch von mir wäre es, das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder unabhängiger vom politischen Einfluss zu machen. Der hat in Deutschland massiv zugenommen.”
Aber ob ich dem zustimmen kann?
Herr Precht, ich bin ein gutes Gegenbeispiel, denn lese ich carta.info.
@Tharben: Hier finde ich eine Studie aus Amerika interessant: sie stellt fest, dass Menschen immer auf diejenigen Foren gehen, wo die Meinung vertreten wird, die sie sowieso schon haben.
Herr Precht, ich bin ein gutes Gegenbeispiel, denn lese ich carta.info.
Also, grundsätzlich bemerke ich die Tendenz bei mir, mich schon wohler zu fühlen, wenn ich spüre, meine Meinung ist zugelassen. Und deshalb schreibe ich hin und wieder, wenn das Thema mich interessiert, bei carta. Lesen ist eine regelmäßige Pflicht hier bei carta.
Aber die Tatsache, dass ich lieber schreibe, wenn ähnliche Meinungen vertreten werden, würde ich nicht rundheraus ablehnen wollen. Manchmal, wenn mich bestimmte Meinungen provozieren, antworte ich, gebe aber spätestens dann auf, wenn der Tenor aller Antworten aus der für mich provokanten Ecke kommen, da ich es sinnlos finde, mich mit solchem Klientel herumzuschlagen, da es absolut nichts bringt als unangemessene Rechthaberei und Schärfe und zwar von beiden Seiten.
Mir persönlich geht es ganz konkret so mit Mitgliedern einer Fünf-Prozent-Partei, bei der meine Geduld und Toleranz sehr schnell ihr Ende findet.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auf mich trifft diese amerikanische Studie zumindestens in Teilen zu, obgleich ich carta.info lese. :-)))
@Gisela Rieger (#27)
Kennen Sie das? Entweder Sie verfassen einen Kommentar, weil Sie sich ganz besonders freuen und dem Autor des Eintrags das Gefühl der Bestätigung schenken wollen und weil Sie aus demselben Motiv den Kommentarcounter – sieh her, das ist wichtig! – nach oben treiben wollen, oder Sie kommentieren weil Ihnen Fehler auffallen, die Sie korrigieren wollen, bzw. der Autor grundlegende Zusammenhänge außer Acht lässt und somit (willentlich) zu schrägen Schlüssen gelangt.
Im Grunde aber haben Sie natürlich ebenso recht. Man fühlt sich unter Gleichgesinnten eher zuhause. Aber Obacht! Sich zu sehr in der eigenen Gewissheit suhlen schadet dem eigenen Horizont. Ich will wissen, was die Gegenseite denkt. Und hin und wieder erkenne ich, dass ich tatsächlich falsch liege.
Immer noch 5%? Die sind nicht tot zu kriegen, was? Ich wünsche uns weiterhin viel Spaß beim Lesen von carta.info.
@Tim (#20)
Ich kann ihnen da nur zustimmen. Von mir aus kann alles Fernsehen sofort abgeschaltet werden, kein Verlust, für niemand. Aber immense Einsparungen für die ganze Gesellschaft.
Also nicht nur Privat-TV, sondern auch ÖR sind verzichtbar.
In einem hat er allerdings recht: Mit der Zulassung von Privat-TV wurde die Büchse der Pandora geöffnet, eben weil es erst n a c h dem ÖR-TV zugelassen wurde.
Man musste auf Quote kommen, um Werbung zu verkaufen.
Und das gelang, in dem man einen großen Teil der Zuschauer dort abholte, wo sie schon waren, so in ihrem Unterhaltungsbedürfnis und Bildungsniveau. – Und dort beließ man sie dann.
Und die ÖR hatten endlich eine Ausrede, auf Quote schielen zu müssen.
So unterstützen sich Dudelfunk und Unterhaltungs-TV – ob nun privat oder öffentlich-rechtlich ist völlig egal – gegenseitig in ihrem Wachstum.
Mit dem Entwurf zum 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag setzen die “Medienpolitiker” nun noch einen drauf, weil man nichts mehr sparen kann, wenn man auf die Glotze verzichtet.
Nutznießer werden eher noch die Privaten als ÖR sein, siehe hier:
http://www.ard.de/intern/basisdaten/fernsehnutzung/marktanteile_20der_20fernsehprogramme_20nach_20z/-/id=55032/1ow8zll/index.html
RTL war der beliebteste Sender, jetzt schon.
Der Öffentlich-rechtliche Radiofunk macht kräftig mit, in dem er am laufenden Band die nächsten Fernsehsendungen preist, anstatt Informationen zu bringen.
Folgende Maßnahmen hätte Herr Precht empfehlen können:
1. Den Entwurf zum Zwangsgeld für alle zurückziehen.
2. “Rundfunkgebühren” für Mobiltelefone und Computer sofort vom Tisch.
3. Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk bringt “free” nur noch Bildung und Information, Unterhaltung gehört in einen Pay-Bereich, um mit den Einnahmen die Rundfunkbeiträge zu senken oder das Geld in Bildungsfernsehen, Reportagen und Nachrichten zu investieren.
Dann hätte er das “Lagerfeuer” und geistig gesunde Bürger würden nicht mehr gezwungen, völligen Schwachsinn mit sauer verdientem und bereits versteuertem Geld zu finanzieren.
Ach, @ Tharben. Der Satz “Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr würde es ohne an nichts fehlen” ist ein typischer Fall von Pseudoargument aus der Kiste der klassischen Rhetorik. An die Stelle von “Privatfernsehen” kann man fast jedes beliebige andere Ding einsetzen, von Toaströster über Fußballstadien bis Bierbüchsen. Viel schlimmer aber ist die Verwechslung der eigenen Perspektive mit jener der “Gesellschaft”.
Bitte, wer oder was ist denn “die Gesellschaft”, die auf einmal nicht mehr Fernsehen darf?
Fakt ist, dass die Gesellschaft mehrheitlich das Privatfernsehen in Gebrauch hat. Offenkundig möchte da also jemand ohne besondere Legitimation und ohne nachvollziehbare Begründung dekretieren, was der Gesellschaft frommt und was nicht, komplett über die Köpfe der Gesellschaft hinweg. Am gutbürgerlichen Mittagstisch kann ich mir so ein Gesumpfe gut vorstellen – wie aber so etwas aus dem Munde eines Menschen kommt kann, der mal Philosophie studiert hat und mithin halbwegs über die logischen Ausweglosigkeiten solchen Erziehungswillens bescheid wissen müsste, das – ich habe das ja schon oben erwähnt – ist einigermaßen verwunderlich.
Und ach, lieber Peter. Du kannst auch nur “nur noch zustimmen” und würdest am liebsten das ganze Fernsehen abschalten. Einfach weil du das Glück eines höher angelegten Bildungshorizonts hast. Und dann hättest du bitte dein Bildungsfernsehen gratis, indem du den Plebs für seine niedrige Unterhaltung zahlen lässt. Ganz schön clever. Aber weißt du was? Der Pöbel bezahlt heute schon in Deutschland Zig-Milliarden für die Kultur von deinesgleichen, namentlich für Oper, Theater und Museen, aber auch für diverse andere schöne Institutionen, ohne dass er daran das geringste Interesse hätte. Was ist daran gut, gerecht und moralisch? Und was ist daran moralisch, dass Bildungsbürger darüber entscheiden wollen, woran der Plebs Vergnügen haben darf und woran nicht? Wer gibt ihnen das Recht dazu, außer dass sie sich ganz übergesacheit vorkommen, wenn sie den Blick über ihre Bücherregale streifen lassen?
Vielleicht kann das ja Gisela erklären, die sich mit dem Bgriff und den Schwierigkeiten der Moral schon tiefer auseinandergesetzt zu haben scheint.
Nur zur Erinnerung: Moral ist ganz wesentlich damit verbunden, von den eigenen Interessen absehen zu können und die Rechte und Berechtigungen anderer anzuerkennen.
Ehrlich gesagt: Da platzt mir die Hutschnur, wie schnell hier hinter der Tarnung einer höheren Bildungsweihe anderen das Vergnügen weggenommen werden soll, ja sogar die Legitimität ihres Vergnügens aberkannt wird, während man sich selbst ganz mit sich und der guten Bildung im Reinen weiß.
Und wie unglaublich schlau der Precht ist … wirklich wahnsinnig schlau. Reicht meiner bescheidenen Meinung nach aber eben nur für ARD Talkshows. Jedenfalls wenn er Interviews gibt. Eventuell verfügen ja seine Essays über mehr Gedankenschwere.
@ Tharben: Kennen Sie das? Entweder Sie verfassen einen Kommentar, weil Sie sich ganz besonders freuen und dem Autor des Eintrags das Gefühl der Bestätigung schenken wollen und weil Sie aus demselben Motiv den Kommentarcounter – sieh her, das ist wichtig! – nach oben treiben wollen, oder Sie kommentieren weil Ihnen Fehler auffallen, die Sie korrigieren wollen, bzw. der Autor grundlegende Zusammenhänge außer Acht lässt und somit (willentlich) zu schrägen Schlüssen gelangt.
Hi Tharben, dass ist mir alles viel zu kompliziert gedacht. Ich bin da ganz einfach gestrickt. Ich lese einen Artikel und bilde mir eine Meinung. Ein anderer schreibt seine Meinung über eben diesen auch von mir gelesenen Artikel und mir fällt zu der Antwort noch etwas ein, was mir beim ersten Lesen nicht bewusst war, und erst der Beitrag des anderen Lesers mich darauf brachte.
- Also, einfach nur einen Austausch, aus dem ich klarer als vorher den Eingangsbeitrag verstehen kann.
- Nichts damit, jemanden das Köpfchen und sein Ego zu kraulen,
- was interessiert mich der Kommentarcounter und seine Höhe (Sie haben mich erst darauf gebracht :-))))
- und einen anderen zu korrigieren steht mir gar nicht zu.
Mit dem Zuhause fühlen in Diskussionsrunden, die z. B. meinen politischen Ansichten näher stehen als z. B. die Fünf-Prozent-Regierungs-Partei, die ich anführte, wäre die richtige Zuordnung. Auch in solch einem Bereich ist die Spanne der Sichtweisen sehr weit auseinander, sodass ich in der Tat sehr häufig meine Meinung zu mindestens überprüfen, wenn nicht gar revidieren muss und dieses auch tue. So sollte es doch sein.
Um nochmals auf die Fünf-Prozent-Regierungs-Partei zurückzukommen. Wenn ich versuche, mit Anhängern dieser Partei zu diskutieren oder mich nur austauschen zu wollen, dann stoße ich auf ein Bollwerk von eingebläuten und gebetsmühlenartig vorgetragenen Phrasen, die ein einziges Totschlagargument bedeuten. Ja, und denen habe ich in der Tat nichts entgegenzusetzen, egal wie sehr ich mich bemühe. Der Punkt, an dem ich das Handtuch werfe ist heute für mich viel eher erreicht, als noch vor 20 Jahren. Damals konnte ich gut dagegen halten, heute ist es für mich Zeitverschwendung, da ich solche Art der Diskussion nicht ehrlich finde und diese auch nicht erforderlich ist für mich, da ich nicht das Gefühl habe, solche vorgetragenen Argumente könnten mich weiterbringen. Und was die Gegenseite denkt, kann man ja auch an ihren Taten messen. Die, die ich hier anführe, sind die Hardliner. Auch dort gibt es Menschen, die ihren Standpunkt versuchen verständlich erläutern, ohne dass der Mitdiskutant als bekloppt abqualifiziert wird, leider sind mir solche Diskutanten sehr selten begegnet..
Aber in diesem Lande gibt es ein sehr breites Spektrum der Meinungsbildung, sodass ich nicht die Sorge habe, mein Horizont könnte nicht mehr erweitert werden und ich eines Tages mit einem Betonkopf dastehe :-))).
Ich hoffe, ich konnte verständlich ausführen, worum es mir ging und weshalb ich der amerikanischen Studie teilweise zustimme.
Ich habe nichts dagegen zu den 5 % zu gehören, die noch etwas an diesem Thema finden, worüber man sich austauschen kann.
Einen schönen Abend
@ Fritz
Nach diesem Rundumschlag meine Frage : Geht es Ihnen nunmehr besser?
@Fritz (#30)
Ja, lieber Fritz, Du hast vollkommen recht, ich hatte zwar nicht das “Glück eines höher angelegten Bildungshorizonts”, aber nie das Geld für die volle Fernsehgebühr übrig.
Das hat mir die beglückende Erfahrung vermittelt, wie gut man informiert und unterhalten sein kann, ohne in diese Kisten zu schauen.
Ein paar Dinge hast Du mir aber hier unterstellt, die so nicht in meinem Text stehen.
Und vor allem verwechselst Du den Grad des Zwanges, der da ausgeübt wird, auch auf den vermeintlichen “Plebs”.
Ich nenne Dir nur ein Beispiel: “Von mir aus” kann man TV abstellen. Anders gesagt: Ich würde nichts unternehmen, damit es wieder auf Sendung geht. Wenn andere das tun, ist das ihre Sache.
Aber wenn ich schon zur Zahlung herangezogen werde, für ein Trägermedium, das ich hasse wie die Pest, dann doch bitte für Inhalte, die die Leute nicht auch noch davon abhalten, zum Beispiel mal das örtliche Kino aufzusuchen oder miteinander zu reden oder irgendeine der anderen zigtausend Unterhaltungsmöglichkeiten zu nutzen. Ja selbst Bildungsfernsehen kann unterhaltend sein.
Woher, lieber Fritz, weißt Du eigentlich, dass Oper, Theater und Museen hier mit jährlich mehr als 8 Milliarden gefördert werden? Neben den direkten und indirekten Einnahmen durch Touristen?
Und dann noch etwas, den von Dir hoffentlich nur ironisch gemeinten “Pöbel” betreffend: Die Verkäuferin, die gerade 50 € über Hartz IV verdient, soll ja künftig zwangsweise lebenslänglich ab rund 18 € aufwärts zahlen, pro Monat.
Und für die Herren Schächter und Boudgoust und Silbereisen und andere “Besserverdiener” gilt der gleiche Tarif.
Soviel zur “Moral” des öffentlich-rechtlichen Fernsehsystems.
Hier, lieber Fritz, noch eine Leseempfehlung ( ist nur ein kurzer Textanriss ) :
http://www.message-online.com/104/kleinsteuber.html
Precht-Interviews – immer für eine interessante Nachdiskussion gut.
@Jaheira
Sie schauen Dr. House, Lie to me und The Mentalist tatsächlich noch in einer schlechten deutschen Synchronisation, mit elenden Werbeunterbrechungen und Monate nach ihrer TV-Premiere? ……tja.
@Jens Best
US-Serien zeitnah nach der Erstaustrahlung, im Orginalton und ohne Werbeunterbrechung – wo gibt es das denn? Doch wohl nur illegal beim Filehoster. Da komme ich nicht heran.
Sie haben Recht, im Orginalton wären die Serien noch besser. Ich bin mit der Synchronisation aber zufrieden und bleibe dabei: im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt es kaum Angebote, die mithalten können.
@Fritz
Ich finde Ihren ersten Absatz sehr gut. Klug gedacht und gut erklärt, wer kann schon sagen, was für andere Menschen das Richtige ist? Allerdings machen Sie meiner Meinung nach einen Denkfehler bei der Übertragung dieses Gedankens auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Man muss nicht für jeden Menschen in unserer Gesellschaft ein gebührenfinanziertes Abgebot schaffen. Die Martwirtschaft kann das nämlich oft besser als der Staat und so ein Organisationsungetüm wie der Komplex aus Fernsehrat und den öff. Sendern. Wenn wir die Fernsehunterhaltung dem privaten Sektor überlassen, kann jeder Zuschauer selbst bestimmen, was er konsumiert und wieviel Geld er dafür ausgibt.
Für Informationsangebote macht ein staatliches Angebot möglicherweise doch Sinn. Der freie Markt für Fernsehunterhaltung funktioniert: die Privatsender haben gute Angebote, man kann DVDs gucken und das Internet nutzen. Ich schaue kaum Nachrichten und Dokus im TV: ist das Angebot der Privaten da auch gut oder braucht man dafür öffentlich-rechtliches Fernsehen?
Nun zum Argument der Ungleichheit: wäre es ungerecht Infos über Gebühren zu finanzieren und Unterhaltung nicht? Ich glaube, dass auch die Soap- und Volksmusik-Gucker gerne kräftig Fernsehgebühren sparen würden und dafür bereit wären, sich Ihre Unterhaltung anders zu organisieren.
Soll das jetzt der linke Beitrag zur “Leitkulturdebatte” sein?
Da darf dann der “islamistischer Fundamentalist” natürlich nicht fehlen, der sein “hochqualitatives intellektuelles Fundamentalisten-Magazin” herausbringt.
Nachtrag:
“Wenn die Demokratie nachlässt, verstärken sich die Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft. ”
Irgendwie fehlen mir da die Kirchen, die bisweilen auch ungestraft ihren fundamentalistischen Dreck in die Sendungen abkippen dürfen, siehe Bischof Overbeck bei Anne Will:
[...] ist mir nach der Lektüre des Interviews mit Richard David Precht zur Überflüssigkeit des Privatfernsehens aufgefallen. Wobei da noch nicht einmal [...]
#37: Vermutlich wären solche Äußerungen eines Bischoffs in einem Talk bei einem Privatsender gar nicht erst gefallen. Oder der oder die ModeratorIn hätte den Gast vor die Tür gesetzt. Frau Will hätte dazu einen Grund gehabt – nur bei der ARD, da geht’s wohl nicht!?
Welchen Einfluss hat die Kirche bei ÖR über ihre Mitglieder im jeweiligen Rundfunkrat? Herr Precht scheint einen möglichen Einfluss der Kirche bei ÖR offenbar nicht erkannt zu haben. Schlecht, Precht.
@ Gisela Rieger Entschuldigung. Habe mich schon wieder beruhigt. Rein rhetorische bringen mich normalerweise nicht gleich aus der Fassung. Erst wenn dann von allen Seiten Beifall aufbrandet, werde ich nervös.
@ Peter Ja, ist schon richtig. Die ÖR sind in meinen Augen vor allem Institutionen, deren finanzielle Sitten und Gebräuche nicht genügend beaufsichtigt werden. Der Selbstbedienungsladen, der letztes Jahr in Hamburg aufflog, ist sicherlich nicht gang und gäbe. Generell habe ich aber schon früher immer geflaxt: “Mein Traumjob ist Redakteur bei so einer Rundfunkanstalt.” Das ist pures Lebensvergnügen bis hin zur überhöhten Betriebsrente. Man ist kolossal wichtig, kann – statt selbst etwas zu tun – Aufträge vergeben, bringt den halben Arbeitstag mit munteren Gesprächen zu. Und ist unkündbar. Da wird alles, was getan wird, zu teuer getan. Warum auch nicht? Früher oder später werden dann eben die Gebühren erhöht.
Unterdessen, während die ÖR immer teuerer werden, sinkt die Nutzung. Ich kann mich erinnern, irgendwann letztes Jahr wollte ich mal Radio hören. Weiß nicht mehr warum. Bei der Gelegenheit habe ich überrascht festgestellt: Wir haben in unserem 4 Personen Haushalt schon lange kein funktionierendes Radio mehr. Ich kann mich erinnern, früher gelegentlich abends im HR bestimmte Musiksendungen gehört zu haben. Die wurden aber vor einigen Jahren mit Stumpf und Stil ausgerottet – zu dieser Zeit muss auch mein Interesse am Radio endgültig entschlafen sein. Das Seltsame ist, dass die ÖR in ihren populären Sparten es völlig aufgegeben haben, irgendeine Form von Charakter, Vision oder Mission zu entwickeln. Jedenfalls so weit ich das verfolgen kann, scheint die Grundhaltung zu sein: Achtung, niemand wagt sich aus der Deckung. Niemand entdeckt irgendetwas. Niemand probiert etwas Neues.
Zahlen tue ich für den Keks übrigens doppelt: Einmal privat, einmal betrieblich.
Wir hatten hier aber eine andere Debatte: Ist das Privatfernsehen überflüssig? Und da habe ich eine Meinung, die konträr ist zu meinen Medienerfahrungen (ich gucke sehr wenig TV und kenne die hier angesprochenen Serien nicht einmal dem Namen nach): Lasst sie leben. Und lasst auch den ÖR leben. Dabei lege ich einen leicht emphatischen Unterton auf das Wort “leben”. In allen Medien – auch in den Zeitungen, der Musik, den Bücher – überall gibt es viel Totes. Das sind immer die Dinge, wo die Kapitalinteressen jede Kreativität und eigenwillige Kommunikationsinteressen ersticken. Dieses Phänomen taucht auch in den vor Kapitalinteressen geschützten Räumen des ÖR auf – die denken dort genauso, auch wenn am Ende niemand darauf achtet, dass die Kasse stimmt.
Die Fehlfunktion der ÖR gegenüber ihrem eigentlichen Auftrag hat eine lange Geschichte und lässt sich z.B. im Bereich der populären Musik verfolgen. Bis die Beatles mal in einer kleinen Ecke einer ARD Anstalt erklingen durften – das dauerte. Weil das ja viel zu … ähem, unmusikalisch war, dieses Gekreisch. Wenn ich mich nicht irre, werden große Teile der zeitgenössischen Jugendkultur permanent ausgeblendet. Diese Angst vor neuen Sounds – das ist typisch und halt viel mit der Angst vor den Gremien und dem Senderchef zu tun, der wiederum direkt abhängig ist von den Rundfunkräten. Die Überalterung der Publikumsstruktur von ARD und ZDF ist eben kein Zufall. Das Privatfernsehen erscheint dagegen redaktionell beinahe wie befreit, jedenfalls vielfach kreativer und experimenteller.
Und die Kultur? Das ist eine Frage der Lebendigkeit. Friedell hat mal gesagt: “Kultur ist Reichtum an Problemen”. Also an Sichtweisen. Debatten. Aufbrüchen. Überraschenden Fragen. Ideen. Emotionen natürlich auch. Es ist das Gegenteil von verwalteter Schlafmützigkeit und Stillstand. Deshalb ist mir retrospektiv betrachtet die Einführung des Privatfernsehens lieber als noch mehr Selbstgefälligkeit und Stillstand der ÖR. Damit ist jedenfalls ein gewisses Spannungsfeld entstanden – mehr Vielfalt und mehr Produktion.
Wenn ich mir dann eine Medien-Utopie ausmalen würde, dann würde das TV sicherlich insgesamt auf allen Kanälen ein anderes Bild abgeben. Subjektive Utopien an populäres Breitenmedium zu stellen halte ich allerdings für vertane Liebesmüh.
@Fritz (#40)
Die Debatte, ob denn Privatfernsehen überflüssig sei oder nicht ist so überflüssig wie Kekse mit Schokoladenüberzug bzw. die Debatte darüber, ob man Kekse mit Schokoladenüberzug anbieten sollte oder nicht. In einer freien Gesellschaft muss so etwas einfach möglich sein und fertig. Niemand wird gezwungen, Kekse mit Schokoladenüberzug zu produzieren, zu listen, zu verkaufen oder zu kaufen oder gar zu essen. Und mit dem Privat-TV ist das genauso. Ich denke, das wusste auch der Precht. Er brauchte nur irgendwie einen Aufhänger.
Der wollte einfach mal so ein bissl gut Wetter für die ÖR machen. Vermutlich hat er irgendwie was davon.
Und deshalb sollte man ihm bei der Gelegenheit die ÖR ordentlich um die Ohren hauen, denn es gibt eine ganze Menge Leute, die dieses Verfahren und diese Apparate aus gutem Grund nicht mehr lustig finden. Die ÖR sind eine Fortschrittsbremse erster Güte.
Allein die Verkaufsförderung für Fernseher, die entsteht, wenn man sowieso bezahlen muss, beschert uns blöde Kinder und dicke Patienten. Das ist dann die vierte Zeche, nach Zahlung privat und Zahlung am Arbeitsplatz und Zahlung über Steuern für die dann nicht mehr befreiten Empfänger von Transferleistungen.
Mit dem Hörfunk habe ich eine ähnlich schlechte Erfahrung gemacht, allerdings ging es bei mir um einen Nachrichtensender, die Inhalte und die Empfangsqualität.
Außergewöhnlich blauäugig ist die Vorstellung, im ÖR gäbe es vor Kapitalinteressen geschützte Räume. Wenn die Intendanten und ihre Direktoren durch stromlinienförmiges Agieren ihre sechsstelligen Jahressaläre schützen, sind das sehr wohl Kapitalinteressen. Und das ist nur ein kleines Beispiel. ARD und ZDF agieren doch längst wie ein riesiger Konzern, inklusive Lobbyismus, bestellter Gutachten, Eigenwerbung bis zum Erbrechen. Umsatzsteigerung um jeden Preis, denn den Preis zahlen ja andere. Und man selbst erwirbt Versorgungsansprüche. Je größer man ist, ja schwerer und langsamer kann man auch wieder eingegrenzt werden, wenn die Gesellschaft mal erkennt, was da gespielt wird. So sieht ein perfektes Geschäftsmodell aus, aber keinesfalls die Erfüllung eines Auftrages.
Die Erfüllung eines Auftrages kann man nur durchsetzen, wenn man in der Lage ist, diesen Auftrag auch wieder zu entziehen und auf seine Erteilung zu verzichten oder ihn anderweitig zu vergeben. Das Geld wäre in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen ohnehin besser angelegt. Aber wie soll eine Politikerkaste da sinnvolles durchsetzen, die selbst verfilzt ist mit den ÖR und deren Kontrollgremien? Die Posten tauscht man ja inzwischen mit Medienecho, zumindest in der Spitze.
Ich meine, Öffentlich-Rechtliche Anstalten sollten nur „leben“ können, wenn endgültig geklärt ist, dass aus dem „Leben“ niemals mehr ein Wuchern wird.
Hier noch eine Ergänzung, ist zwar von 1999, gilt aber noch heute.
http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen,did=189834.html?view=renderPrint
Das Argument an sich ist stimmig. Allerdings: Hier den Stereotyp des islamistischen Fundamentalisten als Beispiel zu nennen – wo bleiben die christlichen und anderen Fundamentalisten? – halte ich für richtig unglücklich.