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Daniel Leisegang

Google StreetView: Die Öffentlichkeit als Ware

Daniel Leisegang | 13 Kommentar(e)


Schafft Google eine „digitale Öffentlichkeit“? Wird das Private mit mit Street View nun öffentlich? Nichts dergleichen: Google privatisiert die öffentliche Sphäre. Mehr noch – die demokratische Öffentlichkeit selbst verkommt zur Ware.

30.08.2010 | 

Mario Sixtus mahnt zu Wachsamkeit: Kritik an Google Street View komme einem Angriff auf die Grundrechte jedes Einzelnen gleich. Google Street View mache den öffentlichen Raum erst wirklich öffentlich. Dem Geschwätz von „Phobikern“ sei daher keine Beachtung zu schenken.

Der IT-Berater Jens Best münzt diese Weisung kurzerhand in praktisches Handeln um. Mit einer PR-Aktion in eigener Sache hat er sich geschickt in die Debatte um Street View eingeschaltet: Er will die „freie Zugänglichkeit“ des „digitalen öffentlichen Raums“ mit der Kamera in der Hand verteidigen. Wenn es sein müsse, tönt er, sei er sogar „bereit, ins Gefängnis zu gehen.“

Dem kühnen Aufrührer springt schließlich Michael Seemann zur Seite: Der Kritik an Google begegnet er mit digitalem Darwinismus: „Der Sprung ins kalte Wasser wird niemandem erspart bleiben, so oder so. [...] Willkommen in unserer Welt.“

Was veranlasst diese Riege wackerer „Netzaktivisten“, den neuen Google-Dienst nicht nur willkommen zu heißen, sondern ihn zudem mit martialischer Rhetorik und couragiertem Einsatz gegen Kritik zu verteidigen?

Zum einen unterliegen sie offenbar einem falschen Eindruck davon, was Googles Geschäft im Kern ausmacht. Der Konzern verdient sein Geld in erster Linie mit den persönlichen Daten der Nutzer. Auch Street View wird dazu beitragen, mehr und mehr Informationen über uns zu gewinnen, die das Unternehmen dann zu zunehmend komplexen Profilen zusammenführen kann.

Zum anderen verteidigen Sixtus und Co. etwas, das so überhaupt nicht existiert. Die Befürworter von Street View gehen davon aus, dass Google mit Hilfe des neuen Dienstes nicht weniger als eine „digitale Öffentlichkeit“ der Allgemeinheit verfügbar mache. Das genaue Gegenteil ist indes der Fall: Google eignet sich nun auch noch in einem bislang nicht gekannten Ausmaß unsere Öffentlichkeit an. Diese wird dabei nicht nur kommerzialisiert – die öffentliche Sphäre wird von den ökonomischen Interessen Googles geradezu durchdrungen und so am Ende selbst zur Ware.

Auf diese Weise gehen dem öffentlichen Raum zahlreiche Kriterien verloren, die ihn zuvor als solchen kennzeichneten:

Erstens dient „öffentlich“ als Gegenbegriff zu „privat“. Der private Raum bezeichnet eine Handlungssphäre, in der die Gesellschaftsmitglieder persönliche Ziele und Lebensprojekte verfolgen können, ohne sich kollektiven Ansprüchen unterwerfen oder sich gegenüber der Gesellschaft für ihre Handeln rechtfertigen zu müssen.

Zweitens lässt sich „öffentlich“ als Gegenbegriff zu geheim oder vertraulich verstehen. Somit sind beispielsweise Wissensbestände, die abgeschirmt sind gegen Beobachtung aber auch gegen den Einfluss von Außen, aufgrund eingeschränkter Zugangsbedingungen nicht öffentlich. Oders anders gesagt: Öffentlich beschreibt auch und vor allem die kollektive Verfügung über Ressourcen, Stichwort: öffentliches Eigentum.

Drittens verweist „Öffentlichkeit“ auf ein Kollektiv mit einer Kommunikationsstruktur, und damit auf eine bestimmte Formation der Gesellschaft, in der sich Meinungen bilden, die dann eine eigenständige politische Wirkung entfalten können.

Knapp zusammengefasst lässt sich also sagen, dass in einer demokratischen Öffentlichkeit die Bürger miteinander verhandeln, wie ihr gemeinsamer Raum und seine Infrastruktur ausgestaltet sein soll. Damit obliegt es ihnen auch zu bestimmen, wo die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre verläuft.

Offensichtlich nehmen zahlreiche Bürger das Fotografieren „ihrer“ Straßen und Hausfassaden als Eingriff in die Sphäre wahr, die ihnen eigentlich Schutz vor dem unerwünschten Eindringen kollektiver oder fremder privater Ansprüche gewähren soll. Bereits die Wahrnehmung, dass Google als privat-wirtschaftlicher Akteur systematisch in das Private einzudringen scheint, sollte demnach eigentlich ausreichen, den Grenzverlauf zwischen öffentlicher und privater Sphäre ernsthaft zu prüfen und möglicherweise anzupassen – statt die Kritiker des Dienstes, wie Sixtus es tut, als Phobiker zu beschimpfen.

Und selbst wenn die Befürworter des Dienstes Recht behalten sollten, dass Google allein den öffentlichen Raum fotografiert habe, so verfolgt auch Street View in erster Linie das Ziel, mit einem aufgemotzten Stadtplan den Privatpersonen weitere private bis intime Informationen zu entlocken, die Google dann zu Werbezwecken verwertet. Über die weitergegebenen Informationen verlieren die Nutzer jedoch nicht nur vollständig die Kontrolle, sie werden regelrecht ihrer privaten Daten enteignet.

Google Street View hat somit – auf die eine oder andere Weise – durchaus Einfluss auf unseren privaten Raum. Entscheidend für die aktuelle Debatte ist jedoch, dass nach der langjährigen Kommerzialisierung der privaten Daten nun auch die zunehmende Aneignung des Öffentlichen folgt.

Denn das virtuelle Abbild der „Öffentlichkeit“ verfolgt eben nicht den Zweck, demokratische Entscheidungen herbeizuführen und kollektive Verantwortlichkeiten zu organisieren. Auch bedürfen die Entscheidungen und Handlungen Googles keinerlei demokratischer Legimitation, der Konzern unterliegt nicht einmal der Notwendigkeit sich gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Somit verfügen die Nutzer über keinen entscheidenden Einfluss auf die Unternehmenspolitik Googles – und damit auch nicht auf die „digitale Öffentlichkeit“.

Wie könnten wir verhindern, dass Google – was noch am wahrscheinlichste ist – die „öffentlichen“ Daten von Street View mit denen anderer Diensten verknüpft? – Wir wissen ja nicht einmal, welche Daten Google überhaupt erhebt und in seinem Besitz hat. Wie kann sicher gestellt werden, dass die Informationen, die Google besitzt, nicht gestohlen oder an andere Unternehmen verkauft werden? Oder was können wir dagegen unternehmen, wenn Google morgen entschiede, dass fortan nur noch eine bestimmte Nutzergruppe kostenfreien Zutritt zu Street View erhält?

Das Gegenteil von öffentlichem Gemeingut, über das alle betroffenen Bürger gleichermaßen demokratisch verfügen und Macht ausüben können, heißt jedoch: Privateigentum. Und der Global Player Google will uns dieses Privateigentum obendrein als öffentlichen Service verkaufen.

Damit aber verwandelt sich der demokratische Souverän bei Street View in passive Konsumenten; das in der öffentlichen Sphäre demokratisch legitimierte Recht schrumpft auf die von Google einseitig diktierten Allgemeinen Geschäftsbedingungen zusammen. Daher kann diese Form der „digitalen Öffentlichkeit“ schließlich ebenfalls nicht dem freien gemeinsamen Austausch der Bürger untereinander zugute kommen.

Die „digitale Öffentlichkeit“ von Google Street View erfüllt daher in keiner Weise den Charakter einer demokratischen Öffentlichkeit. Stattdessen verwandelt Google diese in ein kommerzielles Produkt. Das Unternehmen ist zur Sicherung eigener Vertriebswege inzwischen auch bestrebt, die Netzneutralität, eine Grundbedingung des unbeschränkten Datenverkehrs im Internet, auszuhebeln.

Wir sehen uns somit derzeit einer Entwicklung gegenüber, in der eine kommerzielle Kolonialisierung des Internet – auch und vor allem durch Google – nicht nur unser Verständnis von Öffentlichkeit, sondern obendrein auch noch die offene Vernetzungsstruktur des Internet bedroht. Was aber braucht es noch, um den Wohltäter vom Übeltäter unterscheiden zu können?

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13 Kommentare

  1. Christian Stenger |  30.08.2010 | 16:55 | permalink  

    Wiederum klingt dieser Artikel, als müssten die Google Streetview Kritiker verteidigt werden, weil ihnen die eigenen Argumente fehlen, oder sie sich nicht mit den Fakten beschäftigt haben.

    Darüber hinaus irritieren mich dir folgenden Behauptungen und Äußerungen doch sehr:

    [...], so verfolgt auch Street View in erster Linie das Ziel, mit einem aufgemotzten Stadtplan den Privatpersonen weitere private bis intime Informationen zu entlocken, die Google dann zu Werbezwecken verwertet.
    Bis ins Intime? Private Daten? Wie denn das, ohne mein Zutun? Und mein Verhalten auszuwerten, um mir passende Werbung zu zeigen, was ist denn daran so schlimm? Das hat schon der Kaufmann vor Hundert Jahren getan. Seine Kunden beaobachtet, sich deren Verhalten gemerkt, und ihnen passende Angebote gemacht. Sowas nennt man CRM.

    Über die weitergegebenen Informationen verlieren die Nutzer jedoch nicht nur vollständig die Kontrolle, sie werden regelrecht ihrer privaten Daten enteignet.
    Ich verliere die Kontrolle nur über Daten, die ich bewusst ins Netz schicke. Das weiss der mündige Bürger aber zuvor. Und die Daten über mein Verhalten im Netz stören mich nicht, ist in o.g. Punkt bereits erläutert. Ich will keine Werbung über Strickanleitungen o. ä. sehen. Passt also. Und enteignet? Meinen Sie nicht, dass dieser Begriff etwas daneben ist? Unpassend sowieso.

    Google Street View hat somit – auf die eine oder andere Weise – durchaus Einfluss auf unseren privaten Raum.
    Sehe ich nicht. Streetview ist eine Momentaufnahme. Ich kann mich an jedem fotografierten Punkt aufhalten und privates nach Aussen kehren, was in Streetview niemand sehen wird. Oder laufen Sie nackt durch die Fussgängerzone? Also, ..

    Wie könnten wir verhindern, dass Google – was noch am wahrscheinlichste ist – die „öffentlichen“ Daten von Street View mit denen anderer Diensten verknüpft?
    Was wäre so schlimm daran? Ein Button an einem abgelichteten Restaurant, dass mich direkt zu Qype Kritiken führt. Das wäre doch prima!

    Und der Global Player Google will uns dieses Privateigentum obendrein als öffentlichen Service verkaufen.
    Äh, wie kommt denn plötzlich das Wort Privateigentum da rein? Der fotografierte, öffentliche Raum ist Privateigentum? Sie stellen einen Vergleich an. Das Privateigentum als Gegenteil des öffentlichen Raums, den Google ablichtet, soll verkauft werden?

  2. Marc B. |  30.08.2010 | 17:04 | permalink  

    Die Kritik ist nicht nachvollziehbar. Insbesondere erwirbt Google ja kein Monopol auf Straßenansichten, sondern wird nur zum größten von mehreren Anbietern solcher Bilder. Daher kann auch aus dieser Perspektive von einer Privatisierung der Öffentlichkeit nicht gesprochen werden.

  3. Tim |  30.08.2010 | 17:31 | permalink  

    Google macht Angst, weil wir nicht wissen was intern passiert. Das kann ich verstehen. Aber wieso wird Google dadurch zum “übeltäter”? Was ist böse an Streetview? Eine gefühlte Bedrohung macht noch keine Bedrohung. Ich verstehe es einfach nicht.

    BTW, um zu kommentieren bekommt man hier angeboten sich mit Facebook oder Twitter einzuloggen. Das empfinde ich z.b. als bedeutend stärkeren Eingriff in meine Privatsphäre. Was geht es facebook oder twitter an, wo ich was kommentiere? Was geht es Carta an, wer auf Facebook oder Twitter meine Freunde sind? Wo ist die Kontrolle über meine Daten?
    Ja, es ist freiwillig auf diese Knöpfe zu drücken, genauso wie es freiwillig ist eine echte email-adresse anzugeben. Ich mache es nicht, aber es würde mich nicht wundern, wenn so mancher streetview-kritiker durchaus gerne mal auf “like” drückt oder ein login nutzt ohne sich klar zu machen, was da eigentlich grade passiert.
    Wieso wird so offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen? Das wäre doch mal einen interessanten Diskussionsartikel wert.

  4. adrian oesch |  30.08.2010 | 18:52 | permalink  

    deine definition von öffentlichkeit ist meiner meinung nach nicht zutreffend. vielleicht bezeichnet sie eine “demokratische öffentlichkeit”, aber nicht den begriff, der gemeinhin benutzt wird.
    bps: wenn ich in den supermarkt einkaufen gehe, dann passiert das doch in der öffentlichkeit, jedoch sicher nicht im privaten. dann könnte man die parallele ziehen das dein haus bei google streetview auch in der öffentlichkeit steht, vielleich keine “demokratische öffentlichkeit” aber doch für alle einsehbar. oder nicht?

  5. matrose |  30.08.2010 | 19:09 | permalink  

    Ich sehe es als einen großen Vorteil an, dass Google ein Konzern ist und keine multilaterale Organisation (etwa auf UN-Ebene), eben weil eine Konzern viel innovativer sein kann bzw. muss, was der Entwicklung des Internets bzw. der “digitalen Gesellschaft” und damit mittelbar auch der Menschheit insgesamt zur Gute kommt. Wenn die Politik als Vertreter des “demokratische Souveräns” das Internet gestalten würde, hätten wir heute wahrscheinlich noch Zustände wie zu BTX-Zeiten.

    Der “demokratische Souverän” muss sich bei Google allerdings nicht zwangsläufig in einen “passive Konsumenten” verwandeln. Er hat die Wahl, Google oder halt jeden anderen Informations”organisator” zu nutzen. Google hat schließlich kein Monopol auf öffentliche Daten.

    Diese öffentlichen Daten gehören allen, jeden Bürger und eben auch jeder Firma. Da ich als Privatperson jedoch nicht die Ressourcen habe, diese Daten für mich nutzbar zu machen, bin ich Google und jeder anderen Firma die dies für mich tut, zutiefst dankbar.

    Damit wir auch Zukunft noch die Wahl zwischen Google und anderen Informationsorganisatoren habe können, ist indes jede Einschränkung der Netzneutralität abzulehnen – den dies könnte mittelfristig zur einer Monopolisierung von Google mit all seinen im Artikel erwähnten negativen Auswirkungen führen.

  6. Sean Kollak |  30.08.2010 | 20:51 | permalink  

    Guter Artikel, auch wenn ich anderer Meinung bin.

    Google privatisiert nicht die Öffentlichkeit, sondern verändert mit seinen Technologien ebenso wie Facebook und Twitter unsere Konzeption von Privatem und Öffentlichem.

    Gut finde ich, dass in dieser Artikel eine Gegenposition zu Sixtus, SpOn und Jeff Jarvis einnimmt, die sich über die Sorgen der Deutschen aus den falschen Gründen lächerlich machen. Ja, was Internet angeht, sind wir Teutonen etwas innovationsresistent oder sollte ich sagen – reflektierter?

  7. Jens Best |  30.08.2010 | 23:10 | permalink  

    Hallo Daniel,

    gehe davon aus, dass du nur den “kompakten” SPON-Artikel über meine Aktion gelesen hast und nicht das ein oder andere Interview, in dem ich nicht auf Schlagworte verkürzt wurde oder den ein oder anderen Kommentar z.B. hier auf carta zum Thema. Macht nix, hätte dir aber gezeigt, dass wir garnicht soweit voneinander entfernt liegen.

    Hannah Arendts Begriff des öffentlichen Raums als Ort des Handelns verträgt sich natürlich nicht mit dem Google-Style Strassenkatalog Streetview. Hab ich nie in Abrede gestellt. Ich habe lediglich, trotz aller sehr notwendigen Kritik an Google, festgestellt, dass es, wiedermal, Google ist, die die Einbindung von analogen Informationsräumen in die digitale Realität vorantreiben. und das ist gut so.

    openstreetmap ist besser, weil zivilgesellschaftlich und open source. Dass es in einem von privatwirtschaftlichen Infrastrukturen geprägten Internet einen wirklichen digitalen öffentlichen Raum schwerlich geben kann hat Tina Pickhardt in ihrem Blog Themenriff kürzlich auch nochmal ausgeführt (vielen Dank an dieser Stelle Tina für die guten Diskussionen in den letzten Monaten).

    Es wäre ein superduper Ansatz, wenn es staatliche Förderung geben würde für mehr zivilgesellschaftliche geprägtes Engagement im Digitalen. An anderer Stelle habe ich das ja schon ausgeführt, hier seien schnell genannt: Zivildienst/digitales Ehrenamt für Personen, die z.B. mit GPS-Trackern openstreetmap verbessern oder Heimatmuseen helfen ihre Bestände von alten Fotografien mit Online-Karten zu versehen. Open Data als allgemeines Stichwort. Alles Handlungsfelder, die x-fach positiver sind, als gegen den Deutschen Michel zu agieren, der sein kleines Spiesserhäuschen nicht im Netz sehen will.

    Aber es war notwendig, auch wenn man sich da in eine Linie mit Google stellt, an dieser Stelle zu sagen, dass die Selbstverständlichkeit des Fotografierens im öffentlichen Raum im Digitalen nicht plötzlich ein moralisch verwerfliches Handeln sein kann, weil es ein paar Analog-Spiesser nicht passt. Ähnliche Aufschreie der reaktionären Armseligkeit gab es als von der Staffelei zur Fotoplatte gewechselt wurde.

    Nachdem du dich ja jetzt in knapp 7500 Zeichen über Öffentlichkeit als Ware ausgelassen hast, würde ich mich freuen zu hören, ob die Öffentlichkeit im digitalen Raum generell für möglich und sinnvoll hältst? Und wenn ja, wie du dir das vorstellen könntest, wenn es eine Firma wie Google ja auf keinen Fall machen sollte. Dann hätte das ganze Streetview-Geschrei und Gegen-Geschrei vielleicht doch was gebracht.

  8. pikarl |  31.08.2010 | 12:58 | permalink  

    > Diese wird dabei nicht nur kommerzialisiert – die öffentliche Sphäre wird von den
    > ökonomischen Interessen Googles geradezu durchdrungen und so am Ende
    > selbst zur Ware.

    Die öffentliche Sphäre ist längst zur Ware verkommen: Dem kann man sich schon in der Offlinewelt nicht mehr entziehen kann. Ist das nicht sogar ein Merkmal kapitalistischer Gesellschaften? – Man kann nichts tun gegen jene leicht bekleidete Damen, die von haushohen Plaketen über unsere Städte blicken und vom sozialen Nutzen des Glimmstengelsaugens überzeugen wollen. Wir können nichts tun gegen die hysterischen Werberstimmen im Autoradio, das wir nur angeschaltet haben, um die nächsten Verkehrsnachrichten zu hören. – Die Vermarktung unserer Welt ist Teil unseres Gesellschafts- und Wertekanons, ob man das gut findet oder nicht.

    Daher ist es durchaus gerecht, dass Google auch selbst einen Gewinn aus der fotografierten Öffentlichkeit macht. Die Öffentlichkeit wird schon lange kommerziell ausgeschlachtet.

    Aber anders als die Bekleber von Großleinwänden oder die Werbekunden des Privatrundfunks gibt Google der Gesellschaft etwas zurück: Nützliche Dienste und die Möglichkeit, diese für eigene Vorhaben zu nutzen, die durchaus auch mit Geldverdienen zu tun haben dürfen, ohne dass sich Google daran stört. Google will nicht nur nehmen, sondern auch geben. Dadurch setzt es sich angenehm den meisten kommerziellen Akteuren dieses Landes ab.

  9. Antworten für die Öffentlichkeit « H I E R |  31.08.2010 | 15:29 | permalink  

    [...] Daniel Leisegang hat einen langen Artikel auf Carta veröffentlicht, in dem er den Begriff der digitalen Öffentlichkeit empfindlich angreift. Kernthese: Google könne keine digitale Öffentlichkeit bereitstellen, denn es ist eben ein Privatunternehmen. Im Gegenteil, Google privatisiere öffentliches Gut. [...]

  10. Lesenswert (5) « massenpublikum |  02.09.2010 | 07:51 | permalink  

    [...] Nach wie vor ist Google Street View ein großes Thema. Meiner Meinung nach geht es bei der ganzen Diskussion nicht um den Dienst selbst sondern um das Verständnis von Öffentlichkeit. Insofern möchte ich zwei Postings empfehlen, die sich eben diesem Gedanken widmen: Eins von Michael Seemann und eins von Daniel Leisegang. [...]

  11. Daniel Leisegang |  03.09.2010 | 11:11 | permalink  

    Vielen Dank für die Kommentare, da ich mich derzeit weitgehend offline in der Türkei aufhalte, kann ich leider erst einmal nur kurz auf diese eingehen

    @Christian Stenger:
    Ich möchte tatsaechlich darauf hinweisen, dass der Begriff des Öffentlichen bzw. der digitalen Öffentlichkeit unpassend scheint für das, was Google macht bzw. anbietet.
    Ich verliere bereits die Verfuegung über meine Daten bei Google, wenn ich etwas mit der Suchmaschine finden moechte: Ich weiss nicht, wie Google die erhaltenenen Informationen speichert, mit gesammelten Daten von anderen Seiten verknüpft (Stichwort: Google Analytics) und dann nutzt, spricht: vermarktet.
    Und selbst, wenn ich Google Dienste meide, wird mein Surfverhalten über eingeblendete Werbung u.a. auf anderen, auch Google-fremden Seiten getrackt. Selbst wenn ich eine Email an jemanden schreibe, der oder die eine Gmail-Adresse hat, liest das Unternehmen mit und vermarktet diese Inhalte. Der Unterschied zum Kaufmann ist somit offensichtlich – und dieses Speichern und Vermarkten geht weit über das sog. CRM hinaus. Vor allem aber dient es auch vollkommen anderen Zwecken.
    Eine Wahl für oder gegen Google haben wir somit nicht immer. Auch und erst recht dann nicht, wenn Google die Daten ‘missbraucht’. Bei wirklicher demokratischer Kontrolle und damit oeffentlicher Verfuegung waere das anders.
    Privateigentum ist es daher dann, wenn es nicht unter öffentlicher Verfügung steht.
    Alle anderen Punkte sind in meinen Augen (ebenfalls) oben begründet worden.

    @Marc B.:
    Hast Du/Haben Sie den Text gelesen?

    @Tim:
    Das Einloggen mittels anderer Dienste ist ja freiwillig. Aber die Buttons von Flattr, Facebook und anderen ‘hören’ auch mit. Man kann diese Angebote mit geringem Aufwand aber auch ausblenden. Insofern ein richtiger Hinweis.

    @adrian oesch:
    Mir ging es vor allem um den Begriff der ‘digitalen Öffentlichkeit’. Will man diesen sinnvoll nutzen, muss man ihn zuvorderst abgrenzen. Ich habe drei Definitionen von Öffentlichkeit/öffentlich herangezogen. Googles Street View hat mit keinem dieser viel zu tun. Welchen aber nehmen wir dann stattdessen? Und würde es Sinn machenö Googles Gesachaeftsangebot noch ‘Öffentlichkeit’ zu nennen?

    @pikarl
    Dem stimme ich im Grunde zu. Nur scheint mir recht unklar, was wir Google für seine Dienste genau zahlen. Bei der GEZ und selbst bei dem Privat-TV ist das anders. Und wir können in der Werbepause umschalten. Da scheint mir immerhin noch mehr Transparenz zu bestehen.

    @Jens Best
    Natuerlich habe ich auch andere Artikel und Aussagen von Dir dazu gelesen. Aber die Zuspitzung in dem Spon-Artikel fiel natuerlich geradezu ins Auge.
    Ich denke, dass die Diskussion um ‘digitale Oeffentlichkeit’ erst am Anfang steht. Mir scheinen indes bislang noch die Begriffe, die diese Debatte praegen, recht unscharf. Daraus begruenden sich aus meiner Sicht auch die vorschnellen Hurra-Rufe fuer Google und das neue Angebot. (Und von der Fokussierung auf die – angebliche – Veroeffentlichung privater Daten, auch wenn ich die Kritik erst einmal nicht vollkommen abwegig finde.)

  12. Daniel Leisegang |  03.09.2010 | 11:13 | permalink  

    Tut mir leid, das tuerkische i macht offenbar Schwierigkeiten. Ich hoffe, mein Kommentar ist noch leserlich.

  13. Tinbrain » Google Street View: Die Öffentlichkeit als Ware |  13.11.2011 | 13:59 | permalink  

    [...] Text erschien auch auf Carta.info. Share and [...]

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