Wolfgang Michal | 33 Kommentar(e)
An der Entwicklung der Musikindustrie können Journalisten studieren, was ihnen blüht. Im Musikgeschäft führte die Digitalisierung zu völlig neuen Produktions-, Vertriebs- und Erlösstrukturen. Der Übergang von den „alten“ Trägermedien CD und DVD zu online abrufbaren Musikstücken veränderte die Rahmenbedingungen für Musiker, Studios und Plattenfirmen dramatisch.
17.12.2008 |
Da heute im Prinzip jeder mit geringen Mitteln Musikstücke produzieren und über das Internet verteilen kann, haben wir es mit einer gewaltigen De-Professionalisierung – aber auch mit einer gewaltigen Befreiung zu tun: Die hervorragend ausgestatteten, mit Fachkräften besetzten Musikstudios und die Plattenfirmen werden ersetzt (bzw. unterwandert) durch kleine Wohnzimmerklitschen, in denen Amateure ihre Stücke selbst produzieren und per Netz-Communiy bekannt machen und vertreiben.
Diese Befreiung von der Bevormundung durch Musikstudios und Plattenfirmen führt zu einem anarchischen und qualitätsfernen Angebot. Aber das wird nicht so bleiben. Sobald die Honorare, die Provisionen, die Gewinne und die Umsätze im Netz die heutigen Cent-Beträge übersteigen, werden sich auch Qualitätsstrukturen im Netz herausbilden.
Und damit sind wir beim Journalismus: Setzen wir Musiker und Journalisten gleich, Redaktionen und Studios, Printmedienverlage und Plattenfirmen, so sehen wir eine ähnliche Ausgangslage: Auch im Journalismus revolutioniert das neue Trägermedium die Branche.
Mit welchem Ergebnis? Die großen Verlage subventionieren ihre Internetauftritte mit dem Geld, das sie im Printbereich (noch?) verdienen. Der große Rest der freien journalistischen Netzproduzenten treibt sein anarchisches Unwesen als brotlose Liebhaberei, als Lust am Neuen, als gesellschaftliche Alternative, als Wette auf die Zukunft. Die freien Netzproduzenten setzen ihre Hoffnung (vergeblich?) auf reiche Onkel, zivilgesellschaftliche Stiftungen, Wagniskapitalgeber und philanthropische Erben.
Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft aus großzügig alimentiertem Netzjournalismus und brotloser Kunst gerät nun unter Druck. Die Verlage sparen und die kleinen Netzproduzenten schlittern – wenn sich ihre prekäre Situation weiter verschärft – in eine Schaffenskrise. Ohne Moos nix los. Das Ergebnis wäre ein technisches, journalistisches und demokratisches Entwicklungsdefizit, das sich eine auf Erneuerung abonnierte Gesellschaft eigentlich nicht leisten kann.
Immer drängender wird deshalb die Frage: Wie sollen gute Einkommen und gute Qualität im Netz erzielt werden, wenn a) die Anzeigenkunden nichts für das Umfeld und b) die Leser – wie schon die Musikliebhaber – nichts für die Nutzung der Inhalte bezahlen wollen?
Da die herrschende Gratis-Mentalität wohl kaum zu ändern ist (und aus Bildungsgründen auch nicht geändert werden sollte), spricht alles für eine demokratische Lösung: Die Anbieter von Breitbandanschlüssen (die ja aus einem öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsbetrieb – der Post – hervorgegangen sind) müssten auf politischem Wege davon „überzeugt“ werden, einen Teil ihrer Flatrate-Einnahmen – sagen wir: 25 Prozent – für künftige Internet-Programme abzuzweigen. Die aus dem „Gebührenanteil“ der Flatrate finanzierten (öffentlich-rechtlichen) Internetanstalten könnten dann sowohl die Technik (die Studios) für die Programmanbieter bereitstellen als auch die Honorierung der Musikgruppen, Netzeitungen, Blogger etc. übernehmen.
Bei fast 20 Millionen DSL-Anschlüssen mit einer durchschnittlichen monatlichen Flatrate von 25 Euro stünden jährlich rund 1,5 Milliarden Euro für Internet-Programme zur Verfügung. Zusätzlich könnten die Netz-Angebote (nach US-Vorbild) durch eine Autoren-Abgabe der Suchmaschinenbetreiber finanziert werden. Beides zusammengenommen entspräche in etwa dem Jahresetat des ZDF.
Fließt erst richtiges Geld, kommt auch die Qualität.


Lieber Wolfgang,
so viel Sympathie ich für die Idee habe: Sie läuft auf eine Internetsteuer zur Finanzierung von Journalismus hinaus. Es gibt bei diesen Flatrate-Modellen eine ganz erhebliche Zahl von Problemen:
- Wer definiert und bestimmt, was Journalismus ist und wer nicht mehr an die Töpfe darf?
- Neben der Journalismus-Flatrate brauchen wir dann noch eine Musikflatrate, eine Filmflatrate, eine Buchverlagsflatrate und eine TV-Flatrate, die alle auch noch auf den DSL-Anschluss aufgeschlagen werden.
- Ein betrugssicheres Abrechnungssystem wird eine schwere Aufgabe sein.
- Siehe auch hier: http://www.neunetz.com/2008/03/17/kulturflatrate-wird-nicht-funktionieren/
- Der Zusammenhang Mehr Geld–>Mehr Qualität ist leider viel zu unterkomplex gedacht.
- Ich finde nicht, dass man jemanden zwingen sollte, sich an der Finanzierung von Online-Journalismus zu beteiligen, auch wenn er gar keinen Online-Journalismus nutzt.
Dennoch erscheint mir die Idee extrem prüfenswert. Carta bindet schon die Zählpixel der VG Wort in die Texte ein – auch in diesen Text. Man müsste diesen VG Wort-Ansatz aufnehmen und für das Internet erweitern und anpassen.
Sehr interessant erscheint mir der Ansatz eines Zusammenschlusses von Inhalte-Anbietern, die eine gemeinsame Flatrate anbieten. Das Modell würde ein wenig dem Geschäftsmodell im amerikanischen Kabelfernsehens ähneln.
Das Ganze wird nur unfassbar schwer auf den Weg zu bringen sein. Vielleicht ein gutes Thema für ein re-publica-Panel.
Ich muss da aber auch noch mal drüber nachdenken.
robin
Das ist ja eine alptraumhafte Perspektive! Wozu brauchen wir “Internetanstalten”, wenn ohnehin aus jedem Wohnzimmer heraus produziert und gesendet werden kann? Zudem ist für mich nicht erkenntlich, was daran “demokratisch” sein soll. Nach welchen Kriterien würden denn die Kapazitäten der “Internetanstalten” vergeben?
Damit würde erst recht eine massive Wettbewerbsverzerrung herbeigeführt, wie wir sie heute schon anhand der Internetangebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben. Meinungsfreiheit und Chancengleichheit im (deutschsprachigen) Internet wären damit erledigt.
@Matthias
Noch mal zur Ausgangslage: Die Verlage sind (mit ganz wenigen Ausnahmen) nicht imstande oder nicht bereit, journalistische Arbeit im Netz angemessen zu finanzieren. Ich könnte da viele Beispiele von (insbesondere freien) Kollegen bringen. Die Honorare betragen nur einen Bruchteil der Printhonorare. Das geht auf Dauer zu Lasten der Qualität.
Warum also kein Plan B? Warum kein gesellschaftliches Modell? Das wäre immerhin eine Alternative. Dass ein Unternehmensberater das anders sieht, verstehe ich ja, Matthias. Soll er mal Alternativen nennen!
@Robin
Mir geht es zunächst um das grundsätzliche gesellschaftliche Problem, vor dem der Journalismus (der ja eine demokratische Aufgabe hat) hierzulande steht. Wie ein Bezahlmodell im einzelnen aussehen könnte, wie öffentlich-rechtliches Internet organisiert werden sollte, das müsste die Diskussion erst in einem zweiten Schritt entwickeln.
Natürlich ist das Interesse groß, ein solches Denkmodell schon im Ansatz zu verwerfen.
Viele von Robin angeführten Argumente sind stichhaltig. Allerdings glaube ich, dass darin ein grundsätzliches Missverständnis eingewoben ist. Eine solches Finanzierungsmodell von Qualitätsjournalismus dürfte kein steuerbasiertes sein, sondern könnte auf Gebühren aufgebaut sein, ähnlich dem der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Deren Gründungsväter gingen davon aus, dass Rundfunk staatsfern finanziert werden müsse, weil die dort publizierten Inhalte einen wesentlichen Beitrag zur Willensbildung liefern. Zu den wichtigsten Argumenten für dieses Modell gehörten damals die begrenzte Anzahl von Kanälen und der Wunsch, den Rundfunk vor politischem Missbrauch zu schützen.
Im Internet ist die Ausgangslage eine andere: Dort ist die Anzahl von Kanäle schier unendlich groß, die daraus resultierende Gratiskultur verhindert im Moment, dass Qualitätsjournalismus ordentlich finanziert werden kann. Insofern muss vor der Frage, ob ein öffentlich-rechtliches Gebührenmodell sinnvoll ist oder nicht, eine andere geklärt werden: Will sich unsere Gesellschaft auch in Zeiten, in denen die Geschäftsprinzipien des gesamten Medienmarkts umgeworfen werden, eine lebendige Medienkultur leisten, egal, ob im Internet, auf Papier, im Rundfunk oder projiziert auf eine Hauswand? So sehr ich ein gutes Buch und einen schönen Film schätze, so sehr bin ich davon überzeugt, dass eine solche Diskussion der herausragenden Funktion von Journalismus gerecht werden muss.
Es geht dabei beileibe nicht um die Arbeitsbedingungen eines einzelnen Journalisten, sondern um die Weiterentwicklung einer Gesellschaft. Wer erleben möchte, wie sich eine Demokratie in einem komplett unterfinanzierten Medienmarkt entwickelt, muss nur nach Südafrika blicken. Dort laufen im gebührenfinanzierten Fernsehen fast ausschließlich Talkshows von Oprah Winfrey und billig produzierte Soaps, die Tageszeitungsverlage sind in Monopolen organisiert, für Qualitätsjournalismus gibt es eine einzige Wochenzeitung und Politikmagazine im Pay-TV, das sich nur eine kleine wohlhabende Schicht leisten kann. Die Folge sind Korruptionsskandale von biblischem Ausmaß und Bürger, die von der Teilhabe am Willensbildungsprozess so weit entfernt sind wie der Tafelberg von den Hütten der Kapstädter Townships.
Zugegeben: Die Bedingungen in Südafrika sind mit denen in Deutschland nicht zu vergleichen. Ich will damit nur sagen: Ein funktionierendes Mediensystem fällt nicht vom Himmel.
@Kai:
Die Rundfunkgebühr ist selbstverständlich eine Steuer – die aber nur anders heißt. Sie wird von den Landtagen festgelegt. Die GEZ zieht die Gebühren nur für den Staat ein. Die Nichtzahlung ist mit staatlichen Sanktionen behaftet.
Ich denke auch, man könnte auf der Strukturebene über so einiges nachdenken. Andererseits befinden wir uns in einer Übergangszeit. Wir wissen etwa überhaupt nicht, ob die “Gratismentalität” von Dauer sein wird.
@Robin
Ich möchte selbst optimistisch darauf hoffen, dass sich am Ende dieser Übergangszeit die Gratiskultur verändert haben wird. Aber mit jedem weiteren Gespräch, in dem mir jemand erzählt, dass er früher die Süddeutsche abonniert habe, inzwischen seinen Informationshunger aber nur noch im Internet stille, schwindet ein Stück mehr dieser Hoffnung.
Die Musikindustrie ist doch selbst schuld, Apple hat es doch mit iTumes vorgemacht, dass man sehr wohl mit bezahlten Inhalten Geld verdienen kann.
Der Anzeigenmarkt für Immobilien und Gebrauchtwagen verschiebt sich auch ins Internet und wie sind die Zeitungen positioniert??? autoscout24.de, mobile.de, http://www.immobilienscout24.de….
Bezahlte Inhalte funktionieren ebenfalls siehe New York Times…
[http://www.basicthinking.de/blog/2008/11/07/warum-retten-sich-die-zeitungen-nicht/]
Die Verlage sollten halt mal aufhören rumzujammern, und ihren Arsch in Bewegung setzen.
Wie wird Qualitaet in den Medien gemessen, oder in der Musik? Einerseits durch die Quote, andererseits durch Kritik und Reputation.
In gluecklichen und nicht seltenen Faellen schneiden sich diese Mengen. Ueber die Qualitaet wird weiterhin gestritten. Ob ein erfolgreicher Blog oder erfolgreiches Computerspiel, je kulturell wirkungsvoller desto bedenkenvoller melden sich die Kulturpessimisten. Es gibt aber keine objektiven Kriterien, die festlegen dass ein Karajan oder Eric Clapton qualitaetiv bessere Musik hervorbrachten als ein Sid Vicious oder Sven Vaeth. Stattdessen gibt es Statistiken die erstaunlich gut greifen. Ob IMDB oder metacritic.com, ob pitchforkmedia oder wikipedia.
Die alten Medien sind kein Garant fuer Kultur und Qualitaet mehr.
So sinnvoll ein Flatratemodell waere, so wenig macht es Sinn die Trennung von E und U Kultur die bereits die Gema/Stagma zur Legitimierung nutzte unbedacht fortzusetzen.
Technisch gesehen wird bereits heute z.b. ueber Google Ads Content refinanziert. Aus den oeffentlich verfuegbaren Daten der diversen torrent tracker laesst sich bis aufs ituepfelchen ausrechnen welcher Film in welcher Woche von wo am meisten heruntergeladen wurde. Die Medienindustrie nutzt diese Daten laengst zur Erfolgsanalyse. Es waere ein leichtes im Rahmen einer umfassenden Urheberrechts- und Net-neutrality-reform, sowohl von Providern wie auch Torrent-betreibern entsprechend Einnahmen einzutreiben, die ganz direkt den Rechteinhabern zu gute kommen, proportional zu den durchaus gut messbaren Downloads. Das ist fuer Musik, Ebooks und sogar Plagiate logistisch, statistisch und technisch durchaus umsetzbar.
Ein solches Modell waere wahrscheinlich sogar weniger betrugsanfaellig als die jetzigen Singleverkaufscharts, Gema-verteilungsschluessel und Radioplaylisten. Es erfordert aber politische Aenderungen und schmerzhafte Umstrukturierungen.
Dagegen stemmt sich der gesammelte Konservativismus der gewachsenen Strukturen, Institutionen, mit ihren Arbeitsplaetzen, Wissen und Workflows, Studios, Büros und Standards – die aber leider direkt nichts mit Qualitaetsicherung zu tun haben, wie man jeden Tag aufs neue in Funk, Fernsehen und Zeitungen nachpruefen kann. Nur weil etwas “offizieller” daher kommt ist es nicht wahrer, aktueller oder qualitativ hochwertiger. Im Bereich der Techniknachrichten vergleiche man einmal Spiegel Netzwelt mit Techmeme, oder waehrend des US Wahlkampfs die Tagesschau mit dem aktuellen Angebot auf Youtube. “Der Fisch stinkt vom Kopf her”
Die GEMA/GVL/GEZ international z.b. nach dem Modell der Bundesnetzagentur auf die Bedingungen dieses Jahrhunderts anzupassen schafft die Vorrausetzung um den Wandel nicht bloss auf Kosten der ehemals etablierten Inhalte-Produzenten zu vollziehen, die strategischen Fehler und anhaltende Beratungsresistenz der etablierten Medienkultur laesst sich damit nicht gutmachen.
[...] carta.info gibt es einen ähnlich vergleichenden [...]
[...] wir eine Art “Flatrategebühr für Internetprogramme”? Wolfgang Michal (Carta) hat unlängst eine solche Lösung vorgeschlagen, weil sich guter Journalismus anders nicht [...]
[...] Wolfgang Michal: Flatrate für Journalismus – oder uns geht es wie der Musikindustrie — CARTA. [...]
Lieber Robin, sollte es Wolfgang Michal tatsächlich gelungen sein, dich zu einer Überprüfung deiner ö-r-skeptischen Haltung zu bringen? Was ist denn beim nochmaligen Nachdenken herausgekommen? Ich kann grundsätzlich die Stichhaltigkeit deiner Argumente akzeptieren, sehe darin aber eher eine Herausforderung als eine Widerlegung. (Nicht dass ich schon brauchbare Antworten parat hätte…)
Vor einem halben Jahr habe ich (auf KoopTech) auch mal über diese Fragen nachgedacht:
http://blog.kooptech.de/2008/07/its-not-only-the-economy-stupid/
Lieber Lorenz,
ich gar bin nicht so ö-r-skeptisch, wie du offenbar meinst. Deinem Fazit “Wir brauchen beides: einerseits mehr Wettbewerb im privaten Mediensektor, andererseits einen funktionierenden öffentlich finanzierten Bereich, der den Markt dort ergänzt, wo dieser den gesellschaftlichen Erfordernissen einer ausreichenden publizistischen und kulturellen Vielfalt nicht gerecht wird.” kann ich nur voll zustimmen.
Es gilt aus meiner Sicht sehr genau abzuwägen, wo ein “Marktversagen” in Bezug auf das Angebot von Journalismus im Internet vorliegt. Dabei gibt es im Netz aus meiner Sicht keine stichhaltigen Strukturmerkmale für ein ökonomisches Marktversagen mehr. Worüber wir also reden ist: normatives Marktversagen. Ob ein solches vorliegt, darüber brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte. Meine Antwort lautet: ja, in einem eng umrissenen Bereich.
Zugleich erkenne ich im Wirken der Ö-R erhebliche Anzeichen von Staatsversagen: Sie konzentrieren sich zu wenig auf ihre Qualitätsaufgaben und erledigen ihre Aufgabe nicht mit der gebotenen Vielfalt und mit hoher Ineffizienz.
Ich bin daher inzwischen zum Vorschlag von Wolfgang Michal zu folgendem Schluss gekommen:
1. Ich sehe zur Zeit keinen Handlungsbedarf und plädiere dafür, erstmal abzuwarten und dem Neuen eine Entwicklungschance zu geben.
2. Mir sind am liebsten zivilgesellschaftliche Initiativen, die den Journalismus unterstützen. Ich bin also Anhänger vom ProPublica-Stiftungsansatz.
3. Eine Abgabe auf die Internetnutzung zur Journalismusförderung kommt für mich nicht in Frage, da ich eine solche Sondersteuer für falsch und nicht begründbar halte. Staatliche Förderung, etwa in Form einer Kulturförderung für den Journalismus, sollte von der Allgemeinheit durch die allgemeinen Steuern finanziert werden. Dabei tragen Wohlhabende dann auch verstärkt zur Finanzierung bei.
lg,
robin
Eine breitere politische Diskussion des von mir angedeuteten “Geschäftsmodells” Flatrate für Internet-Journalismus hätte positive Auswirkungen sowohl auf die Verlage als auch auf den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk:
1. wären die Verlage durch die angebotene Alternative gezwungen, endlich ein eigenes Geschäftsmodell zu entwickeln, das auch für die beteiligten Journalisten tragbar ist. Das jetzige planlose Kleckern & Klotzen, Hü & Hott etc. können sich die Verlage nur deshalb erlauben, weil sie den Internet-Journalismus nicht oder nur schlecht bezahlen müssen. Für die Verlage besteht keine Notwendigkeit, sich in Sachen Internet-Journalismus zu bewegen. Für die Gesellschaft besteht diese Notwendigkeit sehr wohl.
2. wären auch die Rundfunkanstalten mit einer Alternative konfrontiert: nämlich einer moderneren, die Fehlentwicklungen des (Staats-)Rundfunks nicht übernehmenden Organisationsform.
Lieber Robin, wenn man von den alten Schablonen ausgeht (hier freier Verlegermarkt, dort beamtenähnlicher Staatsrundfunk), kann man das Öffentlich-Rechtliche leicht verdammen. Weder das eine Klischee stimmt noch das andere. Eine “Politik der ruhigen Hand” hilft uns Journalisten nicht weiter.
[...] Michal beschrieb die Lage ganz treffend: Die großen Verlage subventionieren ihre Internetauftritte mit dem [...]
[...] Flatrate für Journalismus – oder uns geht es wie der Musikindustrie — CARTA [...]
Das Modell geht in die völlig falsche Richtung. Wer die Musikbranche beobachtet bemerkt, dass sich bezahlte digitale Musik auf Dauer nicht durchsetzen wird – sie wird kostenlos und als Werbung für Konzerte vertrieben und diese Entwicklung hat bereits stark eingesetzt.
Was das für den Journalismus bedeutet wird sich zeigen, ich glaube allerdings, dass sich die skizzierten Flatratemodelle nicht realisieren lassen. Vielmehr müssen sich Journalisten damit befassen, ein tragfähiges Geschäftsmodell für sich zu entwickeln, denn die skizzierte Entwicklung in der Musikbranche lässt sich, wie bereits angemerkt, auch auf andere Branchen übertragen. Während allerdings Bücher, Kinos und Theaterstücke noch einen eigenen Wert haben, ist dies bei den Journalisten nicht so, hier ist nur die reine Information vorhanden. Ich halte es allerdings für eine Aufgabe der Journalisten, sich hier ein neues Geschäftsmodell zu überlegen, das kann nicht die Aufgabe der Politik sein.
@Dineniso
Es wäre Aufgabe der Verlage, endlich ein Geschäftsmodell zu präsentieren, das die derzeitigen Hungerhonorare im Netz beendet. Wir brauchen auch im Netz guten Journalismus. Aber die Verlage sind auf diesem Gebiet erstaunlich phantasielos. Sie lehnen sich zurück wie die Jungen Liberalen von Dineniso und sagen: der Markt regelt das schon. Nein, er regelt es eben nicht. Und deshalb ist es Aufgabe der Politik bzw. der Gesellschaft, diese Diskussion jetzt zu führen. Art.5 GG geht uns alle an.
werte kollegen,
wolfgang michal hat mit seiner ausgangsthese ganz recht – und man kann sie ja noch weiter fassen: alle, die mit leicht zu digitalisierenden waren handeln, sollten auf die musikindustrie schauen, um zu sehen, was ihrem business blüht. das gilt für medien, werber, filmfirmen, literaten etc.
wer die entwicklung im musikbiz verfolgt sieht auch: die flatrate-idee geistert zwar durch die panels z.b. der musikmesse popkomm, die realität aber ist eine andere. Musik ist der kostenlose oder zum symbolpreis angebotene köder um andere produkte zu verkaufen. apple verkauft nicht musik, sondern iphones und ipods. coca-cola verschenkt downloadcodes um sein brause zu verkaufen…
Das Modell der Zukunft – auch für uns Journalisten:
Inhalte – Musik, Filme, Texte – werden verschenkt, finanziert durch Anzeigenkunden, die angelockt wird vom Versprechen, zielgruppengenaue und Streuverlustarme Werbung machen zu können.
Wie das aussehen könnte, zeigt seit 2007 die u.a. von Peter Gabriel finanzierte Website we7.com: we7 verschenkt Musik. Um Gratissongs zu bekommen müssen sich Nutzer registieren und Daten zur Person angeben. Vor den eigentlichen Song pappen Werbekunden sekundenkurze Werbetrailer, die sich nach einigen Wochen entfernen lassen.
Am Ende sind alle glücklich:
- Das Publikum bekommt Musik geschenkt.
- Der Anbieter hat zweierlei Einnahmequellen: durch die Werbekunden und durch die erhobenen Nutzerdaten. we7 sieht genau, welche Zielgruppe welche Art von Musik herunterlädt und setzt dieses Wissen als Verkaufsargument bei den Werbetreibenden ein.
- Das macht die Werbekunden glücklich. Denn sie können ihre Spots im Laufe der Zeit immer zielgruppengenauer platzieren, suchen sich exakt das Musikgenre heraus, auf dessen Publikum ihr Produkt zugeschnitten ist.
Was heißt das für die Medien?
1. Die altbekannte Modelle a la VG Wort – Stichwort: Abgabe an die Medien via Gerätekaufpreis – oder GEMA – Grundgebühr via Breitbandabo – werden sich in der Kostenloskultur des Netzes nicht durchsetzen und sind auch bei der Industrie nicht gewünscht (Bürokratie, Preisdruck etc.)
2. Journalistische Angebote im Netz werden in Zukunft weiter gratis angeboten.
3. Qualität hat die Chance, als Mittel zum Zweck den Verlagen weiter Geld zu bringen. Pures Agenturfutter hat auf Dauer keine Chance.
4. Qualität bringt Masse, Masse bringt Geld: Gute Texte oder exklusive Inhalte etc. locken Nutzer an. Viele Nutzer locken Werbekunden an. Demographisch genau erfasste und damit für Unternehmen nicht mehr anonyme Nutzer locken noch mehr Werbekunden an.
5. Die Definition von Qualität: Guter, nach den klassischen Kriterien gemachter Journalismus ist Qualität. Aber auch Infos, die sonst keiner bietet. Überleben werden deshalb die Großen, die sich individuellen, aufwändigeren Journalismus leisten können (z.B. Spiegel Online) oder regionale Angebote, die über exklusives Herrschaftswissen verfügen, das Ort viele, 150 Kilometer entfernt aber niemanden mehr interessiert: Das, was vor der Haustür passiert. Das funktioniert, wenn man weiss, wie man Onlinejournalismus ohne lokaljournalistischen Mief aufzieht.
Der Faustregel nach machen Abozeitungen bereits jetzt zwei Drittel ihres Umsatzes mit Werbung. In Zukunft werden es 100 Prozent sein müssen. Oder es gibt keine Zukunft. Natürlich lassen sich die bisherigen Umsätze nicht mal ansatzweise im selben Umsatz ins Netz rüberretten. Das ist bis auf weiteres das grösste Problem. Hätten wir darauf bereits eine Antwort, würden wir diese Diskussion hier nicht führen.
[...] Alternative wäre ein nicht-staatliches Gebührenmodell (wie ich es im Dezember bei Carta vorgeschlagen habe). Erhoben würde die Gebühr von den Breitbandanbietern. Verteilt würden die [...]
[...] endlich einmal vorurteilslos zur Kenntnis zu nehmen. Das will ich versuchen (auch wenn er meine Position mit ein bisschen Schaum vor dem Mund für einen „irrwitzigen Vorschlag“* [...]
Ich denke, dass es richtig ist, was Robin Meyer-Lucht auf spiegel.de schreibt: Leser von Print-Produkten zahlen den Preis in erster Linie für Herstellung und Vertrieb ihrer Zeitung (also für das Schwärzen toter Bäume). Dennoch ist es bereits heute so, dass Verlage ihren Kunden online-Abos verkaufen bzw. dies versuchen. Die Preise dafür liegen jedoch häufig nur wenig unterhalb dessen, was sie für Zeitungs-Abos verlangen (und damit eklatant zu hoch).
Da wir hier im Kern davon sprechen, dass sich das “Trägermedium” für die jeweilige Nachricht/Information in absehbarer Zeit ändern wird (von Print zu online), wird deutlich, dass die Distributions-Preise für OJ künftig sehr deutlich unter denen für bisherige Printprodukte liegen müssten, um im Markt bestehen zu können.
Leser sind durchaus bereit, für guten OJ zu bezahlen, sofern Nutzwert geboten wird, z.B. gut recherchierte, strukturierte und aktuelle Artikel mit Verweisen auf weiterführende Informationsangebote, Archive, multimediale Ergänzungen und stets auch lokale Bezüge. Mit Copy&Paste ist es sicher nicht getan.
Eine Anhebung von GEZ-Gebühren erscheint mir in diesem Zusammenhang nicht sinnvoll, da hiermit ausschließlich die öffentlich-rechtlichen Angebote finanziert werden, die bislang ohnehin nur in begrenztem Umfang Content (hier: Texte) für das Netz liefern dürfen. (vgl. die Diskussionen um den 12. Rundfunkänderungs-staatsvertrag)
Da mir Micro-Payment viel zu kompliziert und verwaltungsintensiv erscheint, wäre die Idee vielleicht ein Zeitungsverlag, der mit Telefongesellschaften/Providern kooperiert und Online-Abos von Tages-Zeitungen über eine geringe monatliche Gebühr (etwa 2 Euro pro Abo) verkauft und dazu den Kunden das passende Lesegerät (z.B. ein Netbook mit WLAN-Anschluss) gleich mitliefert. Die monatlichen Gebühren würden dann zusammen mit der Telefonrechnung eingezogen und an den jeweiligen Verlag abgeführt werden können.
Zeitungen würden dann für die Mehrheit der Abonnenten künftig im Netz entstehen. Dadurch entfiele gleichzeitig die Notwendigkeit, die Printausgabe im Netz “nachbauen” zu müssen/zu wollen.
Hinzu kämen bei solch einem Modell ab einem bestimmten Zeitpunkt (kritische Masse von Online-Abonnenten) die Werbeeinnahmen und (vermutlich in geringerem Umfang als bisher) das Anzeigengeschäft.
Das wäre es dann schon! Alles andere wird in Zukunft nicht (mehr) funktionieren, fürchte ich.
Da bei einem solchen Modell den geringeren Einnahmen auch deutlich geringere Produktions- und Distributionskosten gegenüber stehen würden, wären vermutlich weitere Personalkürzungen in den betroffenen Arbeitsbereichen die Folge – nicht aber Einbußen bei der journalistischen Qualität.
@A
Das 2-Euro-Abo ist (auf den ersten Blick) eine gute Idee. Einige Verlage arbeiten dran (etwa der Bonner Generalanzeiger). Aber das Surfen im Netz hat die innere Bindung an die eine Lieblingszeitung längst aufgehoben. Das heißt, es entstünde das Problem, dass die “Verweise auf andere Angebote” (sprich: Links) in andere 2-Euro-Abos einbrechen müssten. Folge: Der Markt journalistischer Angebote würde sich gegenseitig abschotten. Man bräuchte also ein Abo-Modell, das die Verlinkung zu anderen Abos mit einschließt – und wenn man das weiterdenkt, sind wir am Ende wieder bei einer Art Flatrate für viele Angebote. Egal, wie man es dreht und wendet und wie stark der Widerstand auch sein wird: die Flatrate wird kommen. Und hier zum 1000.sten Mal: eine Flatrate ist keine Zwangsgebühr und keine Steuer, es ist ein für Anbieter wie Kunden vereinfachtes Abrechnungssystem: sozusagen ein Pauschal-Abo auf Inhalte.
@Wolfgang Michal
Als Kunde sehe ich das Ganze relativ undogmatisch.
Das Abo-Angebot sollte es nur zu einem fairen Preis geben, finde ich. Fair bedeutet in diesem Falle, dass die erheblichen Kostenvorteile von Online-Publikationen an den Endkunden weitergeben werden.
Eine Flatrate für unabhängigen Qualitätsjournalismus, der seinen Namen verdient, fände ich insofern auch völlig in Ordnung, weil angebracht und in nur wenigen Jahren sicher auch verdammt notwendig.
Das Verlinken auf fremde Inhalte ist fester Bestandteil des Netzes. Es findet heute bereits in der Form des Zitierens statt und wird durchweg als legitim und medienimmanent betrachtet.
Der vorgeschlagenen Flatrate steht daher nach meiner Ansicht nichts im Wege. Am Ende entscheidet ohnehin der Markt – und der wird es sehr bald schon tun…
Fairness, Kosten und Qualität sind gute Argumente für die Bestimmung von Preisen. DEN gerechten oder gar fairen Preis gibt es aber nicht! Letzten Endes gilt immer noch die volkswirtschaftliche Regel: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Nur gesetzliche Regeln können diesen Mechanismus aushebeln.
Ergo, solange es ein großes Angebot an frei zugänglichen Inhalten im Netz gibt (über die Qualität bilde sich jeder sein eigenes Urteil), wird es schwierig sein dafür Geld zu verlangen. Die viel gescholtene “kostenlos Mentalität” gibt es nicht. Die Nutzer und Konsumenten waren schon immer auf der Suche nach dem günstigsten Angebot, ob bei Aldi, Saturn oder im Internet.
Apple ist es gelungen für Musik Geld zu verlangen, weil sie ein geschlossenes, sicheres und komfortables System geschaffen haben, Musik Online zu verbreiten. Im Unterschied zu den meisten Journalistischen Inhalten,
- gab es m.E. kein legales kostenloses Angebot der Musikverlage im Internet,
- nutze ich die Lieder, die ich über iTunes downloade mehrfach, so dass meine Zahlungsbreitschaft höher ist als für journalistische Inhalte,
- kann ich ein geschlossenes System für das Downloaden, Verwalten und Abspielen der Lieder nutzen, mit vergleichweise hohem Komfort.
Interessant auch ein Blick in die Welt der wissenschaftlichen Publikation: Hier wird für Online-Inhalte sehr wohl bezahlt. Sie bieten erheblich Vorteile für die wissenschaftliche Arbeit. Die Forderung von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Institutionen die Inhalte kostenfrei zugänglich zu machen, hat dazu geführt, dass die Bezahlung der Leistung des elektronischen Publizierens vom Nutzer (bzw. den Bibliotheken) auf die Autoren verlagert werden. D.h. wer wissenschaftlich publizieren möchte und dies ist ja Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere, muss die Veröffentlichung seiner Inhalte bezahlen. Dies funktioniert insofern als dass die Budgets von den Bibliotheken auf die Wissenschaftler umgeschichtet werden.
Was bedeutet dies für den Journalismus: Solange Online-Medien Interesse an der Verbreitung ihrer Inhalte haben (wegen der Leserbindung, Nutzerzahlen, Markenbildung oder warum auch immer), werden sie es finanzieren müssen, z.B. über Anzeigenerlöse. Wenn sie sich das nicht mehr leisten können oder wollen, müssen sie ihre Publikationen einstellen. Sobald es keine journalistischen Online-Inhalte im Überfluss gibt, werden die Leser natürlich dafür auch Geld bezahlen.
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Ja was macht denn das “Handbuch” Geheimwissen Schlüssendienst dort in der Lade?
Das würde ich gern wissen, als Mitarbeiterin von dem Autor des Buches.
Bitte um Entschuldigung – hab mich im Beitrag verirrt.
Danke für Ihr Verständnis!