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Hans-Joachim Otto

Warum so ein Wind um die “Tagesschau-App”?

Hans-Joachim Otto | 28 Kommentar(e)


Morgen wird die NDR-Rundfunkratsvorsitzende verkünden, dass die Tagesschau-App ohne gesonderte Prüfung eingeführt werden kann. Hans-Joachim Otto, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, erklärt, dass es hier nicht um eine “kleine App”, sondern ums Prinzip geht. Eine Tagesschau-App auf dem iPad sei fast schon eine elektronische Zeitung.

19.07.2010 | 

Eine kostenlose Anwendung für kostenlose aktuelle Nachrichten auf Smartphones – das klingt zunächst einmal ganz prima – und vor allem unverdächtig. Wenn dann noch ein seriöser Anbieter dahinter steht, der für die Qualität der Nachrichten bürgt, dann müsste man sich doch eigentlich freuen können. Warum dann also so ein publizistischer Wind um die “Tagesschau-App”?

Verlage appellieren an die Politik, Print- und Mediendiensteanbieter sehen den Wettbewerb verzerrt, und auch einige Politiker – nicht zuletzt der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien – ermahnen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Mäßigung. Wiederum andere interessierte Beobachter kritisieren die Kritiker – “viel Lärm um nichts”, heißt es. Lasst doch der ARD ihre kleine “App”.

Nun, so einfach und “klein”, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es dann leider doch nicht. Denn was so unbedenklich erscheint, könnte Geschäftsmodelle bedrohen. Der Wind bläst also nicht ganz unberechtigt.

Denn hinter der Anwendung, um die es hier geht, steht eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die sich über Rundfunk- (also Zwangs-) gebühren finanziert. Eine kostenlose “App” eines solchen Anbieters ist damit also letztlich von den gebührenzahlenden Bürgern finanziert – mitnichten also “kostenlos”. Sie tritt damit in Konkurrenz zu Angeboten privater Medienanbieter, die sich ausschließlich durch den Verkauf ihrer Produkte und Werbeeinnahmen finanzieren müssen. Nur: Wer zahlt schon für etwas, wenn er es auch – scheinbar – unentgeltlich bekommt?

Kurzum: öffentlich-rechtlich finanzierte und für den Nutzer kostenlose Applikationen führen zu Wettbewerbsverzerrungen gegenüber privaten Anbietern. Und sie können dadurch die deutsche Medienlandschaft, vor allem aber die für unsere Demokratie unverzichtbare Medienvielfalt, insgesamt beeinträchtigen. Es geht hier – und auch vielen der oben genannten Kritiker – nicht um diese “kleine App” an sich, sondern ums Prinzip.

Man stelle sich einmal vor, ein öffentlich-rechtliches Rundfunkunternehmen hätte vor 20 Jahren angefangen, eine “kostenlose” qualitativ hochwertige Tageszeitung anzubieten. Ob wir dann noch über einen so vielfältigen Zeitungsmarkt wie heute verfügen würden, darf man sicherlich bezweifeln. Denn Zeitungs- und Zeitschriftenverlage verdienten zumindest früher ihr Geld ausschließlich mit dem Verkauf ihrer Druckerzeugnisse und mit Werbung – und wenn es eine kostenlose Zeitung gegeben hätte, wären viele kostenpflichtige Zeitungen schlicht in den Regalen liegen geblieben. Das hätte das Aus für nicht wenige Anbieter bedeutet.

Für die Tagesschau-App gilt, übertragen auf die heutige Zeit, fast das gleiche. Denn im Zeitalter des Internet mit der jederzeitigen Verfügbarkeit hochaktueller Informationen hat sich das Verhalten der Medienkonsumenten erheblich verändert.

Wir befinden uns in einem massiven Umbruch – zunehmend weg von Druckerzeugnissen und hin zu elektronisch verfügbaren und vor allem gegenüber Printmedien viel aktuelleren Informationsdiensten.

Dieser Umbruch erfordert auch von den Medienunternehmen neue Geschäftsmodelle, damit sie sich am Markt behaupten können. Während vor ein paar Jahren die Online-Angebote von Verlegern eher – wenn überhaupt – ein Nebengeschäft waren, entwickelt sich das elektronische Angebot immer stärker in Richtung Hauptgeschäft. Die Verfügbarkeit dieser Angebote nicht nur zu Hause am PC, sondern überall auf mobilen Geräten, verstärkt diese Entwicklung.

Wenn zu den Smartphones nun auch noch elektronische Pads wie etwa das “iPad” oder das “WePad” kommen, wird sich dieser Trend und damit der Umbruch auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt weiter beschleunigen.

Die Medienunternehmen haben die Zeichen der Zeit längst erkannt und stellen sich auf die neuen Rahmenbedingungen ein. Sie bieten ihre Dienste immer häufiger auch gegen Entgelt an, und das zunehmend mit Erfolg. Nur über diese neuen Geschäftsfelder werden sie sich weiterhin erfolgreich am Markt behaupten können.

Dass diese Geschäftsmodelle zukunftsträchtig sind, belegt auch eine aktuelle Studie, die der Branchenverband BITKOM im Frühjahr 2010 veröffentlicht hat. Danach sind immer mehr Internetnutzer bereit, für kulturelle Inhalte im Internet Geld zu zahlen. Insbesondere für Qualitätsjournalismus würden fast 40 Prozent der Online-Nutzer Geld ausgeben, wenn hochwertige Artikel nicht mehr gratis verfügbar wären.

Web-Inhalte, das zeigt diese Studie und das zeigen auch die zunehmenden entgeltlichen Angebote im Netz, dürfen also durchaus etwas kosten. Es gibt hierfür einen Markt, der gerade erst entsteht.

Ein Markt, der zu neuen innovativen Inhalten und neuen Geschäftsmodellen führt; ein Markt, der Arbeitsplätze sichert und schafft und der für den Erhalt der erforderlichen Medienpluralität unabdingbar ist; aber er befindet sich noch in den Kinderschuhen und darf deshalb nicht unnötig gestört werden. Marktverzerrungen müssen deshalb vermieden werden. Und genau eine solche Marktverzerrung bewirken vermeintlich kostenlose Angebote gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Anstalten. Deshalb ist der Wind um die Tagesschau-App mehr als verständlich – und gerechtfertigt.

Niemand will dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Verbreitung ihrer Rundfunkangebote über das Internet verbieten. Doch der Blick auf eine freiheitliche und qualitativ wie quantitativ vielfältige Medienlandschaft einerseits und einen auftragsgemäßen und zurückhaltenden Umgang mit unseren Gebührenmilliarden andererseits gebietet, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Kernauftrag erfüllen: hochwertige Rundfunkprogramme anzubieten; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Hans-Joachim Otto ist Bundestagsabgeordneter, Vorsitzender der FDP-Kommission für Internet und Medien und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.

Dieser Text erschien zuerst in der in der Zeitschrift “Print” des LOBBYVERBANDS Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).

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28 Kommentare

  1. Tweets that mention Warum so ein Wind um die “Tagesschau-App”? — CARTA -- Topsy.com |  19.07.2010 | 14:43 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by Carta and Robin, Carta. Carta said: Warum so ein Wind um die “Tagesschau-App”? http://goo.gl/fb/2xbnm [...]

  2. Silentjay |  19.07.2010 | 15:56 | permalink  

    “Dieser Text erschien zuerst in der in der Zeitschrift “Print” des LOBBYVERBANDS Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).”

    Bitte sowas gerne auch an den Anfang des Textes stellen. Das spart Zeit, die man opfert sich über den Artikel zu wundern in seiner ewig gleichen Litanei.

    Die Aufgabe der öffentlich Rechtlichen wurde hinlänglich geklärt, ihre Aufgabe ist eine Umfassende Versorgung des Bürgers mit Informationen und Unterhaltung.

    Wenn die privaten Medien sich zu Tode sparen, weil sie die Qualität der Rendite opfern, ist das nur ein Grund mehr an den öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten und ihrem breiten Programm festzuhalten.

    Denn der Satz:
    “Danach sind immer mehr Internetnutzer bereit, für kulturelle Inhalte im Internet Geld zu zahlen. Insbesondere für Qualitätsjournalismus würden fast 40 Prozent der Online-Nutzer Geld ausgeben, wenn hochwertige Artikel nicht mehr gratis verfügbar wären.”
    trifft so momentan nicht auf die Privatmedienlandschaft zu.

    Kultur und Qualitätsjournalismus trifft man online sehr selten. Hier sind ARD/ZDF quasi Monopolisten, da die werten Kollegen aus der Privatwirtschaft lieber auf Boulevarisierung und 70teilige Klickstrecken Wert legen.

    Deswegen kann man den obrigen Satz auch gerne modifizieren.
    Eine steigende Anzahl von Internetnutzern ist bereit für Qualitätsjournalismus und Kultur online auch die Offlinegebühr zu entrichten.

  3. swordfish |  19.07.2010 | 16:30 | permalink  

    Was schreibt Lobby-Otto da? “Niemand will dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Verbreitung ihrer Rundfunkangebote über das Internet verbieten.”

    Ja klar, und in der DDR hatte nie jemand vor, eine Mauer zu bauen!

    Honi soit qui mal y pense …

    Liebes Carta-Team, habt Ihr es wirklich nötig, dieses Lobby-Geschwätz zu verbreiten? Mich würde mal interessieren, wieso Herr Otto – mittlerweile ja Statssekretär und Koordinator der Bundesreg. für die maritime Wirtschaft – hier für den BDZV Lobbyarbeit betreibt. Ist er in seinem Ministerium nicht ausgelastet?

    MfG

  4. igor |  19.07.2010 | 17:43 | permalink  

    Immer dieses Rumreiten auf “kostenlos” – alle Konsumenten von Produkten, deren Hersteller Werbung schalten, bezahlen diese Werbung indirekt mit.
    Das ist halt nur eine andere Form der Bezahlung.

  5. Robin Meyer-Lucht |  19.07.2010 | 17:43 | permalink  

    @ Silentjay

    “Die Aufgabe der öffentlich Rechtlichen wurde hinlänglich geklärt, ihre Aufgabe ist eine Umfassende Versorgung des Bürgers mit Informationen und Unterhaltung.”

    stimmt, sein Auftrag ist aber rundfunkbezogen (suggestivkraft, aktualität und so weiter). Seine Tätigkeit dient zudem der Steigerung von Meinungsvielfalt – so dass darauf geachtet werden muss, dass er andere Akteure (Privatwirtschaft, unkommerzielle Anbieter) nicht unverhältnismäßig bedrängt.

    Sonst könnte es passiert, dass Qualitäts- und Kulturjournalismus in gebührenfinanzierten Händen “monopolisiert” werden würde.

    @ swordfisch:

    Carta hat in der Vergangenheit rotgrünen Politikern, wie Malte Spitz oder auch Frank-Walter Steinmeier Gelegenheit gegeben, sich zu äußern. Wir haben einen halben Boell-Studienband veröffentlicht. Wir haben dem Lobbyverband Freischreiber nahe stehenden Autoren Platz eingeräumt. Nun war mal Hans-Joachim Otto dran.

    Hättest Du außer ad hominem Rhetorik noch ein anderes Argument?

  6. Robin Meyer-Lucht |  19.07.2010 | 18:01 | permalink  

    @igor: Jip, Anstalts- und Verlagswebsites kosten alle etwas – entweder mittels Gebühren oder durch Werbung.

  7. Lorenz Lorenz-Meyer |  19.07.2010 | 18:34 | permalink  

    Die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Systems ist ungefähr ebenso rundfunkbezogen, wie die Aufgabe von Straßen kutschenbezogen ist. Alles andere ist interessengesteuerter Rechtspositivismus und/oder schlicht dumm.

  8. Robin Meyer-Lucht |  19.07.2010 | 18:57 | permalink  

    @ Lorenz Lorenz Meyer: Stimmt, deswegen gehört die Lufthansa ja auch zur Deutschen Bahn.

  9. OH |  19.07.2010 | 19:54 | permalink  

    Für den Vorsitzenden der FDP-Kommission für Internet und Medien ist ein derartiger Beitrag schlichtweg peinlich. Man hat den Eindruck, dass Herr Otto noch nie in den Android Market geschaut hat. Sonst wüsste er, dass es sowohl für private wie für öffentlich-rechtliche Newsportale dort Apps dutzendweise gibt – und zwar mit gewaltiger Redundanz. Warum? Weil diese Apps eben häufig nicht von den Portalen selbst zur Verfügung gestellt werden sondern von Dritten progammiert werden.

    Die mögliche Bedrohung der Geschäftsmodelle anderer ist daher ein Hirngespinst und das Verweisen auf dieselbe in sich ein Attacke gegen das Geschäftsmodell von Apple, bei dem Apps wesentlich restriktiver zur Verfügung gestellt werden als bei Android. Die Tagesschau-App wird früher oder später kommen – wenn nicht von der ARD dann von anderen. Genau wie es BBC-Apps in Bataillonsstärke gibt. Selbst wenn von ihr eine Bedrohung der Geschäftsmodelle anderer ausginge so würde diese Bedrohung nicht dadurch abgewendet, dass man der ARD verbietet, die App zur Verfügung zu stellen.

  10. Jens Best |  20.07.2010 | 02:06 | permalink  

    Sag mal Robin, warum müssen wir denn jetzt so eine Lobbyisten-Scheisse hier lesen?

    Die Grundversorgung mit Information, Unterhaltung und Kultureller Bildung ist durch die Öffentlich-Rechtlichen sicherzustellen, WEIL die privaten Anbieter dies nicht in der nötigen Umfänglichkeit und Neutralität bieten können. DAS ist die Aussage der wichtigen Entscheidungen der Bundesrichter zu diesem Thema.

    Hoffentlich wird es eine große “tagesschau”-App mit jeder Menge animierten Schaubildern und vielen Links, am besten alle Links, die die Redakteure für ihre Recherche benötigt haben. und hoffentlich können die App-Zuschauer selbst Inhalte und Anregungen beisteuern.

    WEIL sie es schliesslich bezahlt haben, weil DIES ein moderner ÖRR im digitalen Zeitalter ist. Tranparenz und Innovationsfähigkeit wegen finanzieller Unabhängigkeit von Verlegerinteressen. Die ÖRR sind die einzigen Medien, die im digitalen Zeitalter gemeinschaftlich kontrolliert werden können(hier besteht auch Entwicklungsbedarf).
    Der marktgesteuerte “Qualitätsjournalismus” hat lange abgedankt, und zwar nicht wegen “dem Internet”, sondern weil das Aufweichen kritischer Berichterstattung schon immer das Ziel der Burdas und Springers gewesen ist.

  11. Vorsitzender der FDP-Kommission für Internet und Medien zur Tagesschau-App-Debatte |  20.07.2010 | 07:30 | permalink  

    [...] und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, auf Carta über eine Tagesschau-App für Smartphones und Tablets und warum sie seiner Meinun… Kurzum: öffentlich-rechtlich finanzierte und für den Nutzer kostenlose Applikationen [...]

  12. hape |  20.07.2010 | 08:31 | permalink  

    @Jens Best: “Die Grundversorgung mit Information, Unterhaltung und Kultureller Bildung ist durch die Öffentlich-Rechtlichen sicherzustellen, WEIL die privaten Anbieter dies nicht in der nötigen Umfänglichkeit und Neutralität bieten können. DAS ist die Aussage der wichtigen Entscheidungen der Bundesrichter zu diesem Thema.”

    Wann hat das Bundesverfassungsgericht das entschieden und in welchem Zusammenhang? Meines Wissens nach galt das für den Rundfunk und bewiesen haben die Richter es nie, dass private Veranstalter im Rundfunk nicht in der Lage sind, den Ansprüchen zu genügen, sie haben es nur behauptet. Sie mussten es auch nicht unbedingt beweisen, weil die Entscheidungen auch präventiv gedacht waren, wegen der besonderen Rolle des Rundfunks. Jetzt haben wir eine Medienwelt, wo nicht mehr die Rundfunker unter sich sind, sondern alle Medienproduzenten zusammen im Internet aufeinandertreffen. So zu tun, als ob die Urteile des Bundesverfassungsgerichts darauf vorbereitet waren und einfach die alten Kriterien und das duale Modell weiter hochzuhalten, ist in etwa das, was die Politik und die Sender gemeinsam vertreten. Ein Internetnutzer sollte es besser wissen.

  13. Wolfgang Michal |  20.07.2010 | 10:05 | permalink  

    Warum sind elektronisch verbreitete Inhalte Zeitung? Könnte man doch mit dem gleichen Recht Rundfunk nennen. Oder?

  14. rml |  20.07.2010 | 10:45 | permalink  

    @ Wolfgang Michal: Genau darum geht es: Mit Rundfunk und Presse sind bekanntlich nahezu diametral unterschiedliche Regulierungskonzepte verbunden.

    Online-Angebote sind übrigens “Telemedien” – also weder Zeitungen noch Rundfunk.

  15. Jens Best |  20.07.2010 | 18:05 | permalink  

    @hape

    Ich bezug mich auf der 4. Rundfunk-Urteil aus 1986 BVerfG.

    Aber du hast natürlich recht, dass die gesamte Begründung für einen durch die Gemeinschaft finanzierten Medienkörper im digitalen Zeitalter aus anderen Gründen richtig und relevant ist.

    Übernommen werden denke ich kann die Begründung, dass privatfinanzierte, dem Markt ausgesetzte Medien die “öffentliche Kommunikationsaufgabe” nicht erfüllen können, weil durch Werbefinanzierung/Querfinanzierung “populäre, massenattraktive Programme” eine Bevorzugung erfahren.

    In aller Kürze ergeben sich für mich drei positive Definitionen des ö-r Auftrages im digitalen Zeitalter:

    - Transparenz (welche Schwerpunkte werden gesetzt, welche Interessengruppen vertreten die Bürger wie etc.)

    - Innovationsfähigkeit abseits von unmittelbarer Refinanzierung durch Verwertungsketten. Innovation im storytelling, in Formaten, in der Themenvielfalt

    - Unabhängigkeit Journalistische Arbeit befreit von den Kostenzwängen privatwirtschaftlicher Informationsbetriebe und den offiziellen oder inoffiziellen Leitlinienvorgaben der Verleger

    Dass das Web das Medium ist, in dem die Konvergenz der Medienformate realisiert wird, und dass es somit zum Primärmedium wird…naja, wer das in Frage stellt, mit dem kann ich gerne unabhängig von diesem Kommentarbereich mal diskustieren.

  16. hape |  20.07.2010 | 19:00 | permalink  

    @Jens Best: “Übernommen werden denke ich kann die Begründung, dass privatfinanzierte, dem Markt ausgesetzte Medien die “öffentliche Kommunikationsaufgabe” nicht erfüllen können, weil durch Werbefinanzierung/Querfinanzierung “populäre, massenattraktive Programme” eine Bevorzugung erfahren.”

    Nehmen wir an, dass diese einfache Gleichung “werbefinanziert”=”Suche der Masse” und damit Ungeignetheit gegeben ist, was ich bezweifele, aber die Annahme wird ja oft vertreten.

    Dann reicht das aber nicht, um eine öffentlich-rechtliche Konstruktion notwendig zu machen. Diese basierte auf den Besonderheiten des Rundfunks und eigentlich letztlich nur noch des Fernsehen. Die Bundesverfassungsrichter sprachen von “Breitenwirkung, Aktualität und Suggestivkraft”, die im Zusammenhang mit dem großen finanziellen Aufwand, der für Fernsehen betrieben werden muss, eine Konzentration in diesem Medium besonders gefährlich erscheinen ließ.

    Das sehe ich fürs Internet, das in erster Linie immer noch ein Textmedium ist, nicht. Die Marktzutrittsbarrieren sind gering, die Suggestivkraft ist im geringeren Maße nur für Video gegen, das aber noch eine ziemliche Nebenrolle spielt, Breitenwirkung im Sinne von Massen, die einer bestimmten Botschaft ausgesetzt sind, ist im zersplitterten Netz nicht da, zumal auch meist direkte Kommunikation mit anderen Nutzern möglich ist, sich viele Dinge also relativieren.

    Ich denke, gäbe es die öffentlich-rechtlichen Anstalten noch nicht, käme niemand auf die Idee, solche fürs Internet einzurichten, einfach weil der Bedarf nicht da ist. Worum es letztlich geht, das ist, Institutionen in die neue Medienwelt herüberretten, auch wenn die Bedingungen, die für ihre Existenz maßgeblich waren, nicht mehr vorhanden sind.

    Das führt dann zu solchen Verzweifelungstaten wie diesem komischen Drei-Stufen-Test, der den öff-r Angeboten Legitimität bringen soll, oder die Ausweitung der Rundfunkgebühr auf alle Bürger, weil die Anstalten ja sowas von wichtig für die Demokratie sind. Das hätte man vor 20 Jahren machen können, als es noch kein Internet gab. Jetzt, wo ich die Positionen von taz bis WELT ohne großen Aufwand parallel lesen kann, ist der Gedanke einer Binnenvielfalt, die das gesamte Meinungsspektrum im gleichen Medium wie die Presse zur Verfügung stellt, tot.

  17. Peter |  21.07.2010 | 00:18 | permalink  

    @Jens Best @swordfish @Silentjay

    Wie das eine mit dem anderen zusammen hängt und aufeinander wirkt, muss nicht jedem einsichtig sein. Langzeitwirkungen zu analysieren, ist nicht jedermanns Sache und auch nicht jedermanns Fähigkeit.
    Aber vielleicht ein paar Fragen aus der Praxis:
    Warum geben die öffentlich-rechtlichen Anstalten das mit Abstand meiste Geld für flache Unterhaltung aus?
    Warum kann man ausgerechnet die Öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender unterwegs so schlecht empfangen, während der öffentlich-rechtliche Dudelfunk immer mit voller Stärke ins Autoradio schlägt?
    Weil sie ihren Auftrag längst aus dem Blick verloren haben!
    Es geht nur noch darum, groß, wichtig und teuer zu bleiben, egal, wie überflüssig man längst ist. Hape hat das weiter oben sehr schön erklärt.
    Dazu gehört ein Abpressapparat, der heute Geräte so lange umdefiniert, bis sie gebührenpflichtig sind und der spätestens ab 2013 überlegen wird, wie man doch aus einer Gebührenpflicht zwei machen kann, in dem man meint, die Leute in einer Wohnung führten ja zwei Haushalte oder die Garage in der Stadt könnte ja doch eine Betriebsstätte sein. Wetten, dass die Schnüffelei noch ekliger wird als die der GEZ jetzt!
    Der Apparat zeigt sein wahres Gesicht mit den Drohschreiben, die die GEZ versendet und mit den Einschüchterungsversuchen, die die “Beauftragten” vor Ort unternehmen. Das Programm ist die Maske. Das Abkassieren ist es, worum es geht.

  18. OH |  21.07.2010 | 08:01 | permalink  

    @Peter
    :
    “Warum kann man ausgerechnet die Öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender unterwegs so schlecht empfangen, während der öffentlich-rechtliche Dudelfunk immer mit voller Stärke ins Autoradio schlägt?”

    Vielleicht weil wer Schrott kauft auch nur Schrott empfängt? Mit jedem halbwegs vernünftigen Autoradio kannst Du problemlos Deutschlandfunk empfangen. Aber wer eine derartige Vorliebe für Schrott hat, dem wird im Traum nicht einfallen, DLF einzustellen.

    @hape

    “Das sehe ich fürs Internet, das in erster Linie immer noch ein Textmedium ist, nicht. Die Marktzutrittsbarrieren sind gering, die Suggestivkraft ist im geringeren Maße nur für Video gegen, das aber noch eine ziemliche Nebenrolle spielt, Breitenwirkung im Sinne von Massen, die einer bestimmten Botschaft ausgesetzt sind, ist im zersplitterten Netz nicht da, zumal auch meist direkte Kommunikation mit anderen Nutzern möglich ist, sich viele Dinge also relativieren. ”

    Bitte – wir sind nicht mehr in den Neunzigern. YouTube ist eine der meistbesuchten Webseiten überhaupt – wer da behauptet, Video spiele im Internet eine Nebenrolle, ist nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Bei den Unruhen im Iran haben YouTube-Videos eine massive Rolle in der Berichterstattung gespielt weil aufgrund der Zensur kein anderes Material zur Verfügung stand. Selbst private Medienangebote für’s MOBILE Internet schließen Videos mit ein, ob wir jetzt von Applikationen von Stern oder Huffington Post reden.

    Auch die Negation von Breitenwirkung ist realitätsfremd. Das Gegenteil ist der Fall: Das Internet ermöglicht auch extremistischen Splittergruppen, eine weltweite Breitenwirkung zu erzielen und sei es wissenschaftlich widerlegten Unfug (Stichwort Kreationismus etc.), sei es verfassungsfeindliche Inhalte (Stichwort Neonazis etc.) derart breit zu streuen, dass sich eine kritische Masse zur Weiterverbreitung auch durch “direkte Kommunikation mit anderen Nutzern” bildet. Da relativiert sich nichts, im Gegenteil, die Fehlinformation kann sich hochschaukeln, weil genügend Manipulierbare sie finden, die sie OHNE das Internet nie gefunden hätte.

  19. Peter |  21.07.2010 | 09:24 | permalink  

    @OH (#18)

    Ah, verstehe, die bösen Autoradios sind schuld! Und die Schrott-Käufer, die vielen, auch! Aber die sind ja sowieso blöd. Die wollen ja gar keine anspruchsvollen Sender hören!
    Die Schrott-Hersteller machen offenbar zum Beispiel den Empfang von mdr-Info mit Absicht schlecht und den der anderen Sender gut.

    Aber vor allem hast Du hier das Grundprinzip nicht verstanden. Es geht um Freiheit.

  20. hape |  21.07.2010 | 10:28 | permalink  

    @OH: “Bitte – wir sind nicht mehr in den Neunzigern. YouTube ist eine der meistbesuchten Webseiten überhaupt – wer da behauptet, Video spiele im Internet eine Nebenrolle, ist nicht ganz auf der Höhe der Zeit.”

    Die Netznutzer sind nicht nur jungdynamisch. Selbst nachdem ARD und ZDF ihre Videonutzungsstatistik für ihre ARD-ZDF-Onlinestudie aufgepeppt haben, kamen sie auf 50-60% der Nutzer, die überhaupt mal Videoseiten Im Netz angesteuert haben. Andere Umfragen kamen bei der Videonutzung nicht über 30% hinaus. In der Top-Ten der Nutzungsarten taucht Videogucken bei der ARD-ZDF-Onlinestudie nicht auf. Lesen und schreiben sind immer noch die Hauptbeschäftigungsarten im Netz.

    Dass Youtube eine der meistbesuchten Seite ist zeigt was? Wie hoch ist dann ihr Marktanteil, also wieviel Prozent oder sollte man sagen Promille der Nutzer, die gerade im Internet sind, nutzen Youtube? Und wieviele davon gucken das gleiche Video? Solche Geschichten wie bei jetzt z.B. bei der Fußball-WM, wo man per Massenhysterie 80-90% Marktanteile erobert, sind im Netz ausgeschlossen. Selbst die geringen Marktanteile, die ARD und ZDF bei den 14-49-jährigen erreichen, sind für Internetverhältnisse unerreichbar. Das Zusammenspiel von Breitenwirkung, Suggestivkraft und Aktualität funtktioniert im Netz nicht.

    Wenn man Breitenwirkung bei der Stückzahl einer Schülerzeitung anfangen lässt, dann erzielen auch Neonazi-Angebote Breitenwirkung. Nun mögen sich die Kameraden da gegenseitig hochschaukeln, sobald sie sich außerhalb ihrer Zone bewegen, relativiert sich das durch den Gegenwind anderer Nutzer. Ich kann nicht sehen, dass nach einem Jahrzehnt ansteigender Massennutzung des Internets rechtsradikale Parteien Zulauf erhalten hätten. Die einzige Partei, die durch das Internet profitiert hat, waren bisher die Piraten – und die Nichtwähler, weil zu viel an Information schlecht ist für auf einfache, fernsehtaugliche Parolen gestrickte Parteien.

  21. Wolfgang Michal |  21.07.2010 | 12:24 | permalink  

    @Robin (14): Der ehemalige Bundesverfassungsgerichts-Präsident sagt: “Begibt sich die Presse allerdings auf das Gebiet des Rundfunks, der im modernen Sinne auch Internetangebote umfasst, muss sie die öffentlich-rechtliche Konkurrenz aushalten.” Könnte man dieses Papier-Papier mal dokumentieren?

  22. StefanHer |  23.07.2010 | 10:04 | permalink  

    Ist es nicht auch so, dass die Zeitungsverleger plötzlich merken, dass ihnen ein wenig die Felle davon schwimmen, weil man dort einem Geschäftsmodell anhing, dass gar nicht funktionieren konnte? Jahrelang war man doch dort der Meinung, man müsse auf Teufel komm’ raus im Internet präsent sein und seine wertvollen Inhalte kostenlos verschleudern. Präsenz im Internet werde dann schon automatisch die Printabonnenten nach sich ziehen. Upps, hat irgendwie nicht funktioniert. Wie überraschend aber auch… Und jetzt prügelt man doch lieber auf die Öffentlich-Rechtlichen ein, ist bequemer, als über das eigene Versagen nachzudenken.

  23. Leser |  24.07.2010 | 06:27 | permalink  

    @ igor:
    “”mmer dieses Rumreiten auf “kostenlos” – alle Konsumenten von Produkten, deren Hersteller Werbung schalten, bezahlen diese Werbung indirekt mit.
    Das ist halt nur eine andere Form der Bezahlung.”

    Das Werbebudget der Wirtschaft steigt nicht, nur weil es zustätzliche Medien gibt. Das Budget wird nur ggf. anders aufgeteilt.

    Oder anders ausgedrückt:
    Unternehmen müssen und werden immer werben.
    ———————————————-
    Und:
    Staatliche Medien (finanziert durch eine Steuer) sind in einer Demokratie und Republik pure Realsatire. Ör Rundfunk gibt es aus genau einem einzigen Grund: MACHT. Nur so kann die Politik ihre Macht ausüben. Propaganda war schon immer DAS Instrument zur Unterdrückung von Freiheit.

  24. OH |  24.07.2010 | 19:36 | permalink  

    @Peter:

    “Es geht um Freiheit”. Jaja, das alte Lied. Nein, es geht nicht um Freiheit. Es geht darum, die eigene Politik mit dem Mäntelchen “Freiheit” zu schmücken, damit man sich nicht die Mühe machen muss, demokratische Mehrheiten dafür zu suchen. Und die FDP merkt nach wie vor nicht, dass sie damit auf die Schnauze fällt.

    @Hape:

    Kennst Du den Spruch von Dieter Nuhr bezüglich was man tun sollte, wenn man keine Ahnung hat?

    Hier ein paar Zahlen zum Nachdenken:
    http://www.alexa.com/siteinfo/youtube.com

    “Wenn man Breitenwirkung bei der Stückzahl einer Schülerzeitung anfangen lässt, dann erzielen auch Neonazi-Angebote Breitenwirkung. Nun mögen sich die Kameraden da gegenseitig hochschaukeln, sobald sie sich außerhalb ihrer Zone bewegen, relativiert sich das durch den Gegenwind anderer Nutzer. Ich kann nicht sehen, dass nach einem Jahrzehnt ansteigender Massennutzung des Internets rechtsradikale Parteien Zulauf erhalten hätten. ”

    Und das soll was belegen? Das keine Breitenwirkung existiert? Nur weil PARTEIEN keinen Zulauf erhalten?

    Du lebst in einer Fantasiewelt. Der “Gegenwind” an den Du glaubst wird durch die Größe des Internets gerade verhindert. “Andere Nutzer” können nicht überall sein und es gibt viel zu viele Baustellen. Es gibt auch viel zu viele Sites, die absoluten Unfug ins Netz stellen und dann von Ideologen aller Couleur zitiert werden können als Beleg dafür, dass ihre Ideologie eben doch richtig ist. Gerade WEIL solche Seiten häufig frei zugänglich sind, seriöse Information (z.B. wissenschaftliche Fachjournale) aber häufig nicht, ist es wesentlich einfacher, unseriöse Information zu finden.

    Das Internet ist eine Hochburg für Kreationisten und Verschwörungstheoretiker aller Couleur -gerade weil sie dort zu jedem Blödsinn “Belege” finden. Und genau deswegen ist ein kostenloses, seriöses Informationsangebot durchaus sinnvoll.

  25. Peter |  28.07.2010 | 22:58 | permalink  

    @ OH (#24)

    Ein kostenloses seriöses Informationsangebot gibt es nicht. Entweder ist es kostenlos, oder es ist seriös. Die Frage ist immer, wo die Kosten anfallen, wer sie aufbringt und wer an den Verteilstellen sitzt.
    Und wie kostenintensiv das angeblich seriöse ( ist es nicht, von dem Geld wird der größte Teil für seichte Unterhaltung ausgegeben, die Polittalks sind Lachnummern) Informationsangebot der ÖR ist, wissen wir ja: 8 Milliarden € jährlich!! – Das ist sowieso ein Sonderfall, den lassen wir mal weg, hoffentlich auch bald im richtigen Leben.
    In den von Dir geschilderten Strukturen steht nirgendwo, wie denn das seriöse Informationsangebot den Unsinn verdrängen soll. Kann es auch gar nicht.
    Soll es auch nicht. Eine offene, sich entwickelnde Gesellschaft lebt von Auseinandersetzungen in der Sache, nicht von Denk- und Sprechverboten.

    Anderen wirfst Du Ahnungsloskeit vor, unterstellst ihnen “Leben in einer Fantasiewelt” oder reduzierst den Freiheitsbegriff auf FDP.
    Das ist nicht nur schlechter Stil. Hier gnatzt schon jemand, der allmählich merkt, wie dünn seine Argumente sind und wie leicht zu widerlegen.
    Deiner Argumentation fehlen die Logik und der Blick darauf, wie das eine das andere bedingt und beeinflusst.

    Noch mal zum Mitschreiben: Nur dort, wo man ungestraft den “Blödsinn” ins Netz stellen darf, darf man auch ungestraft die reine Wahrheit ins Netz stellen, denn andernfalls gäbe es eine höhere Instanz, die dann entscheidet, was Blödsinn ist und was Wahrheit und diese “höhere Instanz” hätte sehr schnell eigene Interessen.
    Es würde sehr schnell nur noch die vermeintlich einzig seelig machende Wahrheit dieser Instanz dominierend angeboten.

    Verschwörungen, Gerüchte, dummes Gespinne wurde zu allen Zeiten und in allen Systemen erdacht und verbreitet. Das hat noch nie jemand “eingedämmt”. Aber mit dem Versprechen, man wäre dazu in der Lage, kann man viel Geld abziehen.

    Leute wie Du fallen ja zum Beispiel darauf rein.

  26. Peter |  29.07.2010 | 22:06 | permalink  

    Zur Ergänzung, auch schon zu anderen Texten von anderen Kommentatoren verlinkt:

    http://www.zeit.de/2010/31/Oeffentliche-Anstalten

    Damit ist eigentlich alles gesagt.

  27. Jens Best |  29.07.2010 | 22:28 | permalink  

    @peter

    Der Jessen-Text. Hab mich schon gefragt, wann der hier auftaucht.

    Der Jessen-Text sagt ja gerade nichts gegen einen Öffentlich-Rechtlichen Online-Auftrittes aus. Im Gegenteil, wie der Text richtig erfasst, bringt die Gebührenfinanzierung den ÖRR die Möglichkeit markt-unabhängig den Auftrag für Information, Kultur und Bildung umzusetzen.
    Und Jessen erkennt sehr richtig, dass die ÖRR hier (total) versagen.

    Wenn wir uns einen Moment von den ineinander verkeilten Streithähnen lösen und wenn wir die Frage, ob es sinnvoll ist ein solidarisch finanziertes, transparentes und unabhängiges Info-Medium zu haben, mit einem Ja beantworten, müssen die ÖRR morgen ihre TV-Kanäle abschalten und NUR noch im Web “senden”. Denn so ist es möglich zeitunabhängig wertvolle Informations-, Kultur- und Bildungsformate zu sehen.

    Ich bezweifle, dass es deswegen eine noch größere Partialisierung geben wird, wie es Precht und Merkel in unterschiedlichen Kontexten beklagen. Ich wage sogar zu behaupten, dass viele Sendungen im Web zu ihrem Starttermin (oder zeitlich sehr nahe dran) angeschaut werden und so der soziale Talk über die Inhalte erhalten bleibt. Es wird sicher weitere Aufmerksamkeitswellen geben, und mit all den vielen schönen weak ties werden die Inhalte auch über die Grenzen der peer groups hinaussenden, wenn sie denn gesellschaftliche Relevanz besitzen. Und es wird von den Menschen entschieden und nicht von der 15min-boys&girls der tagesschau.

    Aber ich wollte auf etwas anderes hinaus, die starken Inhalte, die Jessen fordert, müssen natürlich konform des Mediums umgesetzt werden. Die Zeit ist vorbei, in der die Formate aus herkömmlichen Medien einfach ins Web transferiert wurden. Es wäre doch beschämend, wenn ein Videobeitrag nicht auch in einer animierten Grafik zusammengefasst werden kann (für die mit ganz wenig Zeit) und mit vielen Links versehen wird, um die Recherche des Journalisten nachzuvollziehen und tiefer in das Thema einsteigen zu können (für die, die viel Zeit haben) und diskutiert und verteilt werden kann von denen, die gerne ihren mehr oder weniger gescheiten Senf beitragen und ihre Info-Trüffelschwein-Kompetenz zeigen wollen.

    Der Jessen-Text ist ein verstecktes Plädoyer für mehr (reformiertes, transparentes, unabhängiges) Öffentlich-Rechtliches Handeln im Internet.
    Das, was Jessen von den ÖRR-TV-Machern verlangt, kann mit neuer Energie, mit einem neuen befreiten Mindset im Web umgesetzt werden.
    Und wenn sich dann rausstellt, das der Musikantenstadl die größten Abrufzahlen hat, dann können wir immer noch gemeinsam am deutschen Volke verzweifeln.

  28. Peter |  29.07.2010 | 23:26 | permalink  

    @Jens Best (#27)

    Gut, wir sind mit unseren Auffassungen nicht mehr ganz so weit voneinander entfernt, aber immer noch ganz beachtlich, denn ich sehe da noch ein paar Probleme bzw. die Angelegenheiten so nicht ganz zu Ende gedacht.

    Der ÖR müsste erst mal überhaupt nix an Information, Kultur und Bildung markt-unabhängig umsetzen, was der Markt auch ohne ÖR sowieso liefert. Sonst haben wir nämlich so eine Art Sozialismus, wo man erst die Anbieter kaputt macht und dann sagt, nur der Sozialismus verhindert, das gehungert wird, nur er kann versorgen.

    Macht man das anders, entstehen zwei Probleme:
    Erstens: Auch niveauvollste Programm kostet ein Vielfaches dessen, was es kosten müsste.
    Zweitens: Sie würden so viel anbieten, das sogar die Bandbreite für andere weg ist, die Konkurrenz sozusagen von der Datenstrasse drängen. Das erreicht man, in dem man die HDTV-Auflösung zum Download ins Netz stellt.

    Dewegen ein wenig anders: Der ÖR macht genau das, was sonst überhaupt nicht veröffentlicht wird. Das wäre die einzige Rechtfertigung für Zwangsfinanzierung.
    Also: Nichts von dem, was über Werbung oder direkte Bezahlung durch die Nutzer sowieso finanzierbar wäre (natürlich ohne die heute übliche Verschwendung, die die ÖR anheizen mit unserem Geld). Nicht vom dem, was sowieso staatliche Veröffentlichungspflichten sind.
    Nichts von dem, was Interessengruppen, die leistungsfähig sind, sowieso eben auf Grund ihrer Interessen zum Abruf anbieten werden.
    Das heißt es bliebe, denen eine Stimme zu verschaffen, die sonst keine hätten und es blieben anerkannte Bildungsangebote. Oh, wie immens würde der Rundfunkbeitrag sinken! Dafür die Akzeptanz steigen.

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