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Stephan Ruß-Mohl

Kommunikationswissenschaft soll wieder zuverlässig für Überraschungen sorgen

Stephan Ruß-Mohl | 7 Kommentar(e)


Die Kommunikationswissenschaft wurde an den Hauptstadt-Universitäten im deutschen Sprachraum lange stiefmütterlich behandelt. Jetzt könnte endlich wieder so etwas wie Aufbruchsstimmung entstehen.

06.05.2010 | 

Der Wissenschaftsbetrieb folgt seinen ureigenen Gesetzen. Nur so lässt sich halbwegs begreifen, weshalb ausgerechnet in den drei Hauptstädten des deutschen Sprachraums über Jahre hinweg ein Fachgebiet stiefmütterlich behandelt wurde, das sich bei Studierenden größter Beliebtheit erfreut und eigentlich auch in der Politikberatung eine wichtige Rolle zu spielen hätte: die Kommunikationswissenschaft. Es drängt sich geradezu auf, dass sie an Regierungssitzen ein wichtiger Sparringpartner und Impulsgeber sein sollte – bei all den brennenden Fragen und Problemen, die sich für Politik und Gesellschaft, für Journalismus und Medienbetrieb und somit für die demokratische Öffentlichkeit im Internet-Zeitalter als Folgen der neuen Kommunikationstechnologien stellen.

In Wien, Berlin und Bern haben die Universitätsleitungen indes jahrelang Zustände geduldet, die es den dort Lehrenden trotz guten Willens nahezu unmöglich machten, einen geordneten Studienbetrieb aufrecht zu erhalten. Inzwischen wurden Weichen gestellt, die endlich wieder so etwas wie Aufbruchstimmung entstehen lassen könnten. Vakante Professuren wurden und werden besetzt, das Fach soll erkennbar an Profil gewinnen.

In Österreich erwartet dabei Klaus Schönbach, der jetzt im Mai von der Universität Amsterdam in die Donaumetropole wechselt, eine Herkules-Aufgabe, bei deren Bewältigung er das, was er seit Jahrzehnten lehrt, gewiss praxisnah zum Einsatz bringen kann: persuasive Kommunikation. Möge ihm mit seiner ganzen Überzeugungskraft an seiner neuen Wirkensstätte – an der so herausragende Forscher wie Paul Lazarsfeld die Grundsteine der Disziplin gelegt haben – das gelingen, was Schönbach seit langem als eine Hauptaufgabe des Journalismus sieht, was aber auch als Distinktions-Merkmal exzellenter Forschung taugt: zuverlässig für Überraschungen zu sorgen. Konkret im Blick auf die neu zu Berufenden: Sie sollten das Fach in Wien, Berlin und Bern neu erstrahlen lassen und mit ihren Forschungsleistungen ein Scherflein dazu beitragen, dass der Journalismus und die Medien in turbulenten Zeiten ihre dienende, aufklärerische Funktion für eine demokratische Gesellschaft weiterhin erfüllen können.


Diese Kolumne hat Stephan Ruß-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.

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7 Kommentare

  1. Michi |  06.05.2010 | 22:13 | permalink  

    Ein Loblied auf die Kommunikationswissenschaft.. aber, äh, warum denn überhaupt?
    Also jetzt aus kommunikationsmäßiger Sicht fehlen dieser Kolumne doch wesentliche Punkte:
    Was sind denn die brennenden Fragen der Zeit auf die einzig die Kommunikationswissenschaft Antworten liefern kann? Was davon kann z.B. eine Medienwissenschaft, die ja wächst und gedeit, davon nicht leisten? Oder ein Publizistik? Mir drängt sich da nichts auf. Und Überraschungen ja, die sind immer gut.. find ich toll. Ein Loblied auf Überraschungen… aber in der Wissenschaft?

  2. Michi |  06.05.2010 | 22:14 | permalink  

    sorry ich nochmal. Gerade fällt mir auf, dass “zuverlässige Überraschungen” wie wir sie dem Titel nach erwarten können, irgendwie auch keinen Sinn ergeben.

  3. martin lindner |  07.05.2010 | 10:03 | permalink  

    seien sie mir nicht bös: aber die kommunikationswissenschaft, d.h. die akademische beschäftigung mit journalismus und alten medien, ist mit sicherheit eine der letzten disziplinen, von denen wir überraschungen erwarten können.

    von erkenntnissen ganz zu schweigen.

    ich habe KW in den 1980er jahren studiert, und es war damals schon ein fach, das seinen gegenstand fast vollständig verfehlte. soweit es einen noch einigermaßen brauchbaren theoretischen kern gab, stammte und stammt der 1950er und frühen 1960er jahren, aus der “massenkommunikation”-forschung. einen theoretisch vertieften begriff von “die medien”, d.h. die elektronischen medien in verstädterten gesellschaften seit ca. 1850, gab und gibt es nicht.

    in der kommunikationswissenschaft, die sich als “empirische sozialforschung” versteht, lernt man *nichts* über “die medien” als system, medial vermittelte kommunikationsflüsse, medial vermittelte informationsströme … man hat so gut wie nichts über das fernsehen gelernt, als es noch leitmedium war. man hat nichts über das radio gelernt. man hat nichts über “news” als zeichen-zirkulationsmaschine gelernt. und jetzt lernt man *nichts* über das web.

    die interessantesten medien-und kommunikationswissenschaftlichen theorien, die es derzeit gibt, sind die rasend schnell entstehenden neuen web-applikationen selbst. die müsste man ausbuchstabieren und zu verstehen versuchen.

    eine wissenschaftliche katastrophe.

    (das gilt übrigens fast genauso für die konkurrierenden geisteswissenschaftlichen varianten von “medienwissenschaft”, aber das steht auf einem anderen blatt.)

    soweit es ernst zu nehmende medien- und kommunikationswissenschaft derzeit überhaupt gibt, ist sie nicht-akademisch und findet im web statt, in englischer sprache, auf den blogs von leuten, die sich an der schnittstelle von software-design und wildwüchsigem essayismus bewegen.

    um einigermaßen wahllos ein paar prominentere namen fallen zu lassen: David Weinberger, Doc Searls, Steven Johnson, Matt Webb, Peter Merholz (weil ich gerade ein interview höre), Peter Morville, und viele, viele andere, auch ein paar namenlose aus dem akademischen mittelbau natürlich, aber das ist wahrhaftig kein verdienst von academia.

    wichtige akademiker? Clay Shirky und Lawrence Lessig, und wer noch? (Und der letztere ist Jurist.)

    gibt es *irgendwelche* prominenten akademischen kommunikationswissenschaftler derzeit, die wichtig sind, weil sie den lebendigen diskurs über medien und kommunikation (den es im web gibt) steuern und bündeln? weil sie echte erkenntnisfortschritte anstoßen?

    die nicht bloß hilflos mit obsoleten unterkomplexen theorien den entwicklungen hinterstolpern in irrelevanten pflicht-papers, die veraltet sind, bevor sie in sinnlosen papier-publikationen begraben werden, die keiner liest außer kommunikationswissenschafts-studenten, die ein referat halten müssen, und auch die lesen sie natürlich, wie wir (ex-)dozierenden wissen, nicht wirklich?

  4. Paul Ney |  07.05.2010 | 13:58 | permalink  

    Interessanter Beitrag über Kommunikationswissenschaft unter dem “de-Dach” (D-A-CH als Dach ;-) ). Es ist leider unklar, welche Kommunikation gemeint ist, etwa “Kommunikationstechnologie” oder “intra-gesellschaftliche Kommunikation” usw. Ich bitte um einen PS/NT (post scriptum /Nachtrag).

    Bei Wiki ist http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikationswissenschafft noch nicht da. http://en.wikipedia.org/wiki/Communication_science führt zu einer Seite mit dem Titel “Communication studies”, da ist auch en Abschnitt “History, Germany”.

    Ich möchte extra würdigen, daß Carta den Namen Ruß-Mohl als RUß-MOHL und nicht RUSS-MOHL großgeschrieben hat. Da war mal eine diesbezügliche Diskussion in der deutschen Usent-Newsgroup [de.etc.sprache.misc], Thread “Nachgesteller Wahlnahme (“Vorname”)”, von Matthias Opatz vom 17.11.2009 03:07. (Der Thread kann über einen Newsserver oder auch über http://groups.google.de/group/de.etc.sprache.misc/ eingesehen werden.)

  5. Markus |  11.05.2010 | 21:35 | permalink  

    Einige Anmerkungen eines momentanen Kommunikationswissenschaft-Studenten:
    - Die Schwierigkeit der Namensgebung – was will “Kommunikations”wissenschaft erforschen? Wie grenzt sie sich von Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Soziologie,… ab? Welche originären Theorien (Luhmann etwa ist Soziologe) sind ihr überhaupt entwachsen? etc.pp. – wird im Fach in meinen Augen zu selten thematisiert. In münsteraner Seminaren wird die Problematik zumindest von Prof. Dr. Kohring sowohl regelmäßig als auch intensiv erörtert & diskutiert. Diese Versuche der Standortbestimmung verbleiben meist ohne definitives Ergebnis, schaffen jedoch durch die Reflexion zumindest ein kritisches Verhältnis zum eigenen Fach & seinen Grundbegriffen.
    - Blickt man auf die Geschichte des Faches zurück, so werfen die von Martin Lindner geäußerten Forderungen nach Forschung in aktuellen Bereichen eine Vielzahl an Problemen auf: Noch nie war die Kommunikationswissenschaft in der Lage, ihrer Namensgebung bzw. den damit verbundenen Feldern, vollständig gerecht zu werden (wie auch?). Eine Kommunikationswissenschaft, die “Kommunikation” im Sinne Luhmanns erfassen möchte, muss bei dieser Beobachtung zwangsläufig immer zu spät sein. Den wissenschaftlichen Prozess hierbei an das rasante Entwicklungstempo der gegenwärtigen Medienlandschaft anzupassen halte ich dementsprechend für vermessen.
    - Für einen in meinen Augen brauchbaren Medienbegriff sei auf Schmidts Medienkompaktbegriff verwiesen (=> http://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_J._Schmidt#Das_.E2.80.9Eintegrative_Medienmodell.E2.80.9C )
    - Eine bemerkenswerte Zurückhaltung im weiten, relativ neuen (s.o.!) Feld der Erforschung des World Wide Web unter kommunikationswissenschaftlichen Gesichtspunkten stelle ich ebenfalls fest – und versuche momentan, mit meiner Magisterarbeit (zur Nutzerschaft von rivva.de) zumindest einen kleinen Beitrag in diesem Bereich zu leisten.
    - Es gibt einen Artikel zur Kommunikationswissenschaft bei Wikipedia ;) http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikationswissenschaft

  6. Paul Ney |  11.05.2010 | 22:01 | permalink  

    Betr. #5, comment-13566, Markus am 11.05.2010 21:35,
    “Es gibt einen Artikel zur Kommunikationswissenschaft bei Wikipedia ;)”

    Danke, das schafft Klarheit ;-)

  7. Stephan Russ-Mohl |  13.05.2010 | 23:05 | permalink  

    Zu Michi: Da ich den Text nicht für ein fachwissenschaftliches Magazin geschrieben habe, habe ich auf die feinsinnige Differenzierung der Wissenschaftler bzw. Wissengschaftlhuber zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft verzichtet – beides war gemeint. Und, wenn wir schon ein wenig beckmesserisch Sprachkritik treiben – könnte es sein, dass zwischen einer zuverlässigen Überraschung und dem zuverlässigen Sorgen für Überraschungen ein kleiner, feiner Unterschied besteht – sozusagen zwischen Adjektiv (das in der Tat unsinnig wäre…) und Adverb?

    Zu Martin: Mit so einem Bausch-und-Bogen-Verdammnis-Kommentar habe ich zwar gerechnet, aber er hilft nicht weiter. Ich jedenfalls finde auch nach inzwischen über 25 Jahren, die ich im Fach als Quereinsteiger “verbringen” durfte, regelmässig Neues, Interessantes, Bemerkenwertes – übrigens nicht nur jenseits des Atlantik, wo man ja ohnehin eher pragmatisch als theorielastig zu forschen pflegt…

    Ein bisschen Suchen gehört allerdings dazu, und das möchten wir übrigens mit unserer viersprachigen Website (http://de.ejo.ch/) leichter machen…Vielleicht gucken Sie gelegentlich mal drauf!

    Zu Paul Ney: Das Fach in seiner ganzen Breite war gemeint – wobei mich selbst halt in erster Linie die Journalistik, Medienwirkungen und Medienökonomie interessieren…

    Zur Schreibweise meines Nachnamens – da bin ich “milder” als Sie, seit ich in der Schweiz wohne und deshalb schon meine Computertastatur nur noch “ss” hergibt…

    Zu Markus: Volles Verständnis für ihre Schwierigkeiten im Umgang mit den “Unschärfen”, ja mit der Konturlosigkeit des Fachs. Trotzdem finde ich weiterhin Vieles spannend, was einzelne Forscher herausfinden – und übrigens auch nützlich für Medienpraktiker. Sie müssen sich aber zugegebenermassen ein bisserl anstrengen, wenn sie Honig saugen wollen…Und Vieles ist auch schlichtweg überflüssig – aber da steht die KoWi nicht allein, die Anreizsysteme und Publikationszwänge des Wissenschaftsbetriebs sind einfach “kontraproduktiv”…

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