Matthias Schwenk | 12 Kommentar(e)
Deutschland wehrt sich gegen die Digitalisierung seiner Gesellschaft, während Google ungerührt weiter in die Zukunft investiert: Recorded Future, ein Startup das Vorhersagen über die Zukunft trifft, zeugt von einem euphorischen Innovationsbegriff, den wir auch hierzulande dringend brauchen.
05.05.2010 |
Die Digitalisierung der Gesellschaft hat in Deutschland einen schweren Stand. Wo immer sich der Fortschritt zeigt, stellt man sich ihm mit bemerkenswerter Energie in den Weg. In den 1990er Jahren und noch lange Zeit über das Jahr 2000 hinaus galt das Internet weithin als ungefährliches Nischenphänomen. E-Commerce war etwas für unverbesserliche Phantasten und das mobile Internet schien Lichtjahre entfernt.
Jetzt aber, wo sich die Breitenwirksamkeit des Internets immer deutlicher zeigt und sich dessen umwälzende Wirkung auf unsere Gesellschaft erahnen lässt, wächst der Widerstand. Das Verbraucherschutzministerium mobilisiert gegen Google Street View, Verleger kämpfen für ein Leistungsschutzrecht – und Blogger werden abgemahnt: wegen ihrer Artikel, der Kommentare zu ihren Artikeln oder den Artikeln über andere Artikel. Die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen, etwa mit Fragen zum Verbot von “Killerspielen” oder dem speziell in Frankfurt zu verortenden Unbehagen gegenüber Algorithmen.
Vor diesem Hintergrund mag es wie eine Spinnerei wirken, wenn dieser Tage bekannt wird, dass Google in ein Startup investiert hat, das Ereignisse aus der Zukunft anzeigen bzw. vorhersagen möchte. Wer schon mit Google Street View so seine Mühe hat, wie wird derjenige dann auf diesen Dienst reagieren?
Über das Unternehmen Recorded Future aus Boston ist wenig bekannt. Seine Gründer bemühen sich sichtlich, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, führen aber immerhin ein Blog, das Einblicke in ihre Arbeit gibt. Sie befassen sich u. a. mit Fragen des Terrorismus und versuchen dabei, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Anschlägen einzuschätzen. Im Bereich der Finanzmärkte werden Ankündigungen aus Pressemitteilungen registriert und aufgelistet, so dass sich etwa geplante Börsengänge übersichtlich und kompakt abrufen lassen.
Wer die Artikel des Firmenblogs auch nur grob überfliegt, sieht schnell, dass hier mit großer Ernsthaftigkeit und Professionalität Data Mining betrieben und mit mathematischen Methoden Prognosen erstellt werden. Im Kern wird hier vermutlich sogar an Methodiken zur Prognoseerstellung geforscht. Dass sich Google über seine Beteiligungsfirma Google Ventures an diesem Startup beteiligt hat, dürfte niemanden wundern.
In Deutschland wird man davon vorläufig kaum Notiz nehmen. Reaktionen wird es wohl erst dann geben, wenn sich Prognosen von Recorded Future in konkrete Handlungsschritte amerikanischer Unternehmen oder Behörden niederschlagen. Dann könnte einmal mehr der Alarmismus ausbrechen und der Ruf nach Regulierung ertönen.
Warum aber ist das so? Warum sieht man in Deutschland immer nur die Gefahren und Risiken der Digitalisierung, kaum aber die wirtschaftlichen Chancen und Potenziale für eine prosperierende Gesellschaft?
Das Internet sowie die mit ihm verbundene Informationstechnologie wird unsere Gesellschaft in diesem Jahrhundert massiv verändern, vermutlich sogar stärker als andere technische, gesellschaftliche oder umweltbedingte Faktoren. Es wird Märkte radikal wandeln, alte Geschäftsmodelle obsolet werden und völlig neue an deren Stelle treten lassen. Das alles wird mit einer Geschwindigkeit und Wucht passieren, die sich nur wenige vorstellen können.
Deutschland ist daran bisher fast nur aus der Perspektive von Endverbrauchern beteiligt: Wir kaufen die Geräte von Apple, wir nutzen Googles Suchmaschine und vernetzen uns auf Facebook oder Twitter. Die Arbeitsplätze dazu und auch das Steueraufkommen entstehen größtenteils in den USA.
Das denkbar Schlechteste, was eine moderne Gesellschaft und führende Industrienation wie Deutschland angesichts dessen tun kann, ist also ständiges Bremsen und Blockieren. Denn das verhindert, dass in unserem Land ein erfolgreicher und zukunftsfähiger Sektor digitaler Unternehmen entsteht, die in der Informationstechnologie nicht nur als “Copy Cats” ihren amerikanischen Pendants hinterher rennen, sondern selbst in der Lage sind, Standards zu setzen und das Entstehen neuer Märkte zu beeinflussen.
Wenn selbst schon im konservativen European festgestellt wird, dass Deutschland als Technikinnovator hinterher hinkt und die Politik den Fortschritt verhindere, muss wirklich etwas dran sein:
“Innovation bedeutet, herauszufinden, wer wir sind und wer wir sein können. Und hier denkt Deutschland nicht vernetzt genug. Im Gegenteil, virtuelle Vernetzung wie Google sie praktiziert wird mit dem Datenschutzhammer erschlagen und reale Vernetzung durch Bürokratie erstickt. Die Figur des Unternehmers wird aus Angst vor Veränderung kaserniert. Wie kann da ein euphorischer Innovationsbegriff wachsen?”
Was ein euphorischer Innovationsbegriff ist, zeigt uns das Startup Recorded Future. Hier betritt man wirklich Neuland und findet dafür auch noch prominente Unterstützung. Wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen und von unserer Politik mehr Fortschrittlichkeit einfordern. Wenn die Politiker nicht selbst darauf kommen, müssen ihnen die Bürger den Weg weisen, denn wir sind das Volk und wir bilden die digitale Gesellschaft.



Weiß gar nicht, was Du eigentlich anmeckerst. In zwanzig Jahren werden wir bequem so weit sein, auch die Chancen der Digitalisierung wahrzunehmen. Nach weiteren 10 Jährchen werden dann deutsche Entwickler und Start-ups – wie immer – führend sein. Sagt Frau Merkel auch immer, aktuelles Beispiel die Elektroautodebatte. Schließlich sind wir eine der führenden Industrienationen; etwas weniger Defätismus also, wenn ich bitten darf.
@Vera: Stimmt! Der Vergleich mit dem Elektroauto passt, denn da sind wir führend bei der Bildung von Kommissionen, Gremien und Runden Tischen…
…denn wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründ’ ich einen Arbeitskreis; woselbst mithilfe geballten Sachverstands Menschen, Zeit und Ressourcen gebunden werden. Hinterher können alle sagen, schön, daß wir drüber gesprochen haben. Diese Erkenntnis wird mittels Pressemitteilung als großer Erfolg dargestellt. In der Folge wird aufgrund solcherart verhinderten Fortschritts laut nach Schutzgesetzen verlangt, was wiederum Protektionismus-Kritik nach sich zieht.
Siehst Du – damit ist doch bereits der schlagende Beweis erbracht, daß wir dieses neumodische Zeugs gar nicht brauchen, um das vorherzusagen.
Google und die aufgezeichnete Zukunft…
QUOTE:Deutschland wehrt sich gegen die Digitalisierung seiner Gesellschaft, während Google ungerührt weiter in die Zukunft investiert: Recorded Future, ein Startup das Vorhersagen über die Zukunft trifft, zeugt von einem euphorischen Innovationsbegriff…
Wie schön, dass es sie noch gibt, die Jünger des ungetrübten Frotschrittsglaubens. Trotz algorithmisch aufgeblähtem Finanzkapitalismus, simuliert-prognostizierten Aschewolkenkonzentrationen und genügend unbedarften Menschen die schon heute ihrem Taschenrechner mehr vertrauen als ihrem eigenen Kopf (als käme es nicht vor allem drauf an, was man eintippt, das hat der Taschenrechner mit den Prognosen der Recorded Future Leute gemeinsam, behaupte ich!).
Ich bin absolut davon überzeugt dass es nötig ist den technischen Fortschritt kritisch zu hinterfragen. Da es sich auch bei diesem Prozess um eine Art Zukunftsprognose handelt, ist das natürlich immer eine Gratwanderung. Wer weiss denn heute schon, was die Auswirkungen aller dieser Innovationen sein könnte? Diese Schwierigkeiten ändern aber nicht das geringste an der Notwendigkeit daran, seinen Kopf zur Kritik zu gebrauchen.
Vielleicht können die Leute von Recorded Future ihr Orakel mal nach der zukünftigen Rolle ihrer Firma befragen?
@Ralph: Mein Artikel sollte kein Plädoyer für einen unkritischen Fortschrittsglauben sein. Eine gesunde Portion Skepsis ist bei vielen, wenn nicht allen Neuerungen aus dem Internet, durchaus angebracht.
Ich sehe bei uns aber einfach zu viel Kritik und zu wenig konstruktive Konzepte, wie wir die neuen Technologien nutzbringend für uns einsetzen könnten. Warum gibt es keine Debatte darüber, wie uns das Internet helfen könnte, unser Gesundheitswesen zu verbessern? Die Kosten senken, Betreuungsqualitäten verbessern und damit einer alternden Gesellschaft Perspektiven für mehr Lebensqualität vermitteln. Wäre das nicht eine sinnvolle Vision?
Neben dem Gesundheitswesen könnte uns das Internet auch im Bildungssektor erheblichen Nutzen stiften. Warum nicht unsere Schulen und Hochschulen mit moderner Soft- und Hardware nach vorne bringen und damit den Standort Deutschland zukunftsfähig machen?
Die Techniken dazu müssen nicht aus den USA kommen. Es muss nicht immer Twitter oder Facebook sein. Nur: Wo sind unsere Alternativen? Wir haben ja praktisch gar nichts – außer einer Politik, die ständig warnt, reguliert und reglementiert. Leider.
>Wenn die Politiker nicht selbst darauf kommen, müssen ihnen die Bürger den Weg weisen, denn wir sind das Volk und wir bilden die digitale Gesellschaft.
Wer wir?
Aus meiner Sicht liegen die Probleme tiefer.
Es gibt ein Infrastrukturproblem (->Cluster).
Und es gibt Grundhaltungen in allen politischen Strömungen, die für ein positives Herangehen an IT nicht förderlich sind. Konservative sind per definitionem Skeptiker, Linke sind skeptisch gegenüber Automatisierung (empfehle dazu Wolf Lotter) und projizieren die 40 Jahre alten antistaatlichen Reflexe in die Privatwirtschaft, Grüne gucken zu wenig aus der wirtschaftlichen Perspektive und sind in Grundhaltungen ebenso konservativ. Und die sog. Netzgemeinde versteht sich als politische Protestbewegung und ist – siehe heutiger Beitrag auf Netzwertig – aus einem Post-68er-Reflex skeptisch gegen “Kommerzialisierung”.
Dazu kommt noch eine Diskussionskultur, die ständig zwischen Fortschrittsgläubigen und Skeptikern polarisiert, statt einfach rational heranzugehen.
Ich weiss, sehr plakativ, ***es gibt in allen Lagern auch andere Meinungen***, aber der Dissens an Grundhaltungen zieht sich QUER durch alle Lager. Das ist für mich die Haupterkenntnis aus dem Kruse-Vortrag.
@weissgarnix: Es gibt kein “wir”, siehe Kruse-Vortrag. Constanze Kurz schreibt “wir” im Maschinenraum, Bazon Brock spricht von “wir”, aber meinen sie das gleiche “wir”? Das ist ein Wirus – als Mittel im Meinungskampf, die Unentschlossenen zu vereinnahmen, und daher hoffentlich nur eine vorübergehende Erscheinung. Aus systemischer Sicht gibt es sowieso schon kein “wir”.
Die weit verbreiteten Aversionen und Vorbehalte eines Wirtschafts- und Tourismuslandes wie Deutschland gegen eine ökonomische digitale Superwaffe wie Street View sind wirklich vorsintflutlich und hätte ich so nicht erwartet. Fast ganz Mittel- und Westeuropa ist bereits blau mit Street View gezeichnet, wenn man das Männchen in Google Maps anklickt. Nur Deutschland ist noch eine weiße Terra incognita. Peinlich, und wirtschaftsfeindlich sowieso.
[...] das Recorded-Future-Blog hat bereits Matthias Schwenk aufmerksam gemacht. Das Blog erlaubt einen spannenden und zugleich beängstigenden Blick in die [...]
[...] schreiben, dazu greift man ein gängiges Schema auf, das die Leser bedient, zum Beispiel auf Carta der Klassiker: “Die Digitalisierung der Gesellschaft hat in Deutschland einen schweren Stand. Wo immer sich [...]
@Christoph Kappes:
Toller Beitrag! selten so etwas Gutes, auf den Punkt Gebrachtes, gelesen.
Das Internet ist nicht nur ein Medium, es ist ein gesellschaflticher Raum. Und in einem gesellschaftlichen Raum müssen wir die Märkte möglichst frei laufen lassen, und die negativen Aspekte regulieren.
Das Probkem ist jedoch, dass der Raum schneller wächst, als wir analysieren können. Der von Christoph eingebrachte vorwurf der fragmentierten Öffentlichkeit is ein Problem, die Tatsache, dass diese fragmentierten Öffentlichkeiten dann zu einer krtitischen immer extremeren Frontenbildung neigen ist ein zweiter.
Lösung könnte eine objekive Presse sien, aber wenn man die Grabenkämpfe zwischen Holz- und Onlinepresse anschaut, dann kann man, was eine objektive Berichterstattung angeht, leider nur schwarz sehen.
Wir (als Gesellschaft) müssen also nicht nur unsere Regulierungskompetenzen ausweiten, sondern zeitgleich realisieren, dass das Internet perspektivische Verzerrungen und tote Informaitonswinkel hervorruft, eine Demokratisierung der Wahrheit.
Neue Informationskanäle in der Hand von Interessensgruppen zu belassen ist keine gute Idee. Das letzte mal als das in Deutschland der Fall war ist was ganz Schlimmes passiert. Und es zeigt, welche gesellschaftliche kräfte da auftreten können, wenn wir den ganzen Informaitonsmarkt so liberalisieren, wie wir das derzeit tun.
Und vor diesem Hintergrund soltle man zwischen Technikfeindlichkeit und Technikeuphorie sehr gewissenhaft abwägen.
Stefan