Matthias Schwenk | 16 Kommentar(e)
Auf seiner Entwicklerkonferenz f8 hat Facebook eine Reihe neuer Dienste vorgestellt, mit denen das Social Network zum Meta-Netzwerk für das gesamte Internet werden könnte. So faszinierend die Technik ist, so problematisch kann das damit verbundene Daten-Sharing werden.
22.04.2010 |
Dieser Schritt musste eines Tages kommen und Facebook hat ihn gewagt. Denn das Internet ist schon lange nicht mehr nur ein einfaches Netzwerk von Servern und Datenleitungen, das (einzelne) Botschaften eines Senders zum Empfänger transportiert wie eine Art digitale Briefpost. Nein, das Internet ist zu einem sich unablässig ausdehnenden Datenuniversum geworden, dass jeden unserer Schritte darin zu protokollieren und in beliebigen Kontexten neu darzustellen vermag.
Den vorläufigen Kulminationspunkt dazu liefert uns Facebook. Ab jetzt treffen wir unsere Freunde nicht mehr nur direkt auf Facebook, sondern praktisch überall im Netz. Wir rufen eine Seite auf und sehen, dass jemand aus unserem Freundeskreis schon dort war und einen bestimmten Inhalt gut fand. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Was wir auf einer Seite “liken”, können später unsere Freunde sehen, wenn sie dort vorbeischauen.
Die Technik dazu fällt in den neuen Bereich der Social Plugins, mit denen im Grunde genommen Daten aus Facebook in die Weiten des Internets hinausgetragen werden und dort wiederum vielfache Anbindungen bzw. Bezüge zurück zum Social Network herstellen. So reizvoll das Konzept ist, so wirkungsarm könnte es bleiben. Denn auf den viel besuchten Seiten trifft man so immer wieder die gleichen Freunde, während man auf den sehr selten aufgerufenen Seiten, die man etwa über eine Suchmaschine gefunden hat, vermutlich auch kein bekanntes Gesicht aus dem Facebook-Katalog treffen wird.
Facebook aber wäre nicht Facebook, würde es nur etwas Neues für seine User bereithalten. Mark Zuckerberg denkt natürlich auch an das Geld und den künftigen Aktienkurs seines Unternehmens. Das Open Graph Protocol ist das Instrument dafür, weil es Daten über das Verhalten der Facebook-User an Dritte weitergibt. Wenn wir also auf einer Seite im Web etwas mittels des Facebook-Buttons “liken”, wandert diese Information nicht nur in unseren Freundeskreis auf Facebook, sondern verbleibt unbegrenzte Zeit (!) mit Angaben zur Person bei der Seite, auf der wir die Aktion durchgeführt haben.
Mehr noch: Seitenbetreiber werden künftig die Möglichkeit haben, uns nach solchen Vorgängen kontextrelevante Informationen (sprich: Werbung) in unseren Livestream auf Facebook einblenden zu können. Das wird ohne Zweifel die Datenschützer und auch unsere Verbraucherministerin, Ilse Aigner, noch beschäftigen.
Ein weiterer, sehr bemerkenswerter Punkt der Keynote von Mark Zuckerberg war der Begriff “Search“. Für das Suchen im Internet ist ja eigentlich Google zuständig, doch bei Facebook sieht man das jetzt offenbar anders. Denn nach den jüngsten Änderungen bei den Privacy-Einstellungen sind bekanntlich viele Daten auf Facebook nicht mehr privat, sondern öffentlich sichtbar und damit auch suchbar. Entwickler sollen dies für die Entwicklung von Applikationen nutzen können, aber im Hintergrund zeichnet sich etwas ganz Anderes ab: Eine Suchmaschine, die anders als Google nicht auf der Verlinkung von Webseiten untereinander (PageRank) aufbaut, sondern auf sozialen Kriterien von Bewertungen und Empfehlungen.
Noch dürfte diese Facebook-Suchmaschine nicht viel mehr als eine Vision sein, aber sie könnte Realität werden und damit vielleicht zu einer mächtigen Konkurrenz für Google. Entscheidend dafür aber wird sein, wie weit es Facebook gelingen wird, sein neues Konzept von “Social” als Standard im Internet durchzusetzen.
Das Unternehmen wagt damit viel. So faszinierend nämlich das Konzept des ubiquitären Meta-Netzwerkes ist und so technisch brillant seine Umsetzung sein mag, so heftig werden die Gegenreaktionen ausfallen. Mark Zuckerberg war sichtlich nervös und angespannt während seiner Präsentation, wissend, dass sein Griff nach den Sternen nicht überall gern gesehen wird.
Auf alle Fälle verdient er Respekt, denn er denkt in großen Dimensionen und zeigt uns ein Stück Zukunft. Freilich muss nun sein Konzept genauer geprüft und diskutiert werden. Dabei könnte sich auch herausstellen, dass der Nutzen für die User gar nicht so hoch ist. Denken wir nur an Amazon: Was würden wir dort kaufen, wenn wir nur auf die Empfehlungen unserer Freunde zurückgreifen könnten? Auf Amazon gibt es keinen Social Graph, weil er für die Kunden dort keinen großen Sinn macht. So gesehen könnte Mark Zuckerberg die Wirkung des allgegenwärtigen “like” und “share” überschätzen. Tatsächlich wird sich das aber erst in der Praxis zeigen.
Sicher ist schon jetzt, dass Facebook mit den Ankündigungen der diesjährigen f8-Konferenz Geschichte geschrieben und das Internet verändert hat – und das ganz ohne das Vokabular, das bei Steve Jobs allgegenwärtig ist. Mark Zuckerberg macht das ohne Worte wie “magical” oder “revolutionary” verwenden zu müssen.



Schöner Artikel, aber:
“Mehr noch: Seitenbetreiber werden künftig die Möglichkeit haben, uns nach solchen Vorgängen kontextrelevante Informationen (sprich: Werbung) in unseren Livestream auf Facebook einblenden zu können.”
Das war bisher so auch schon möglich: Wenn ich “Fan” von jemandem wurde, wurden mir dessen Posts in meinem “Stream” angezeigt. Wenn es sich dabei gerade um eine Internetseite handelte, dann waren es eben die Posts der jeweiligen Internetseite (z.B. arstechnica.com).
Letztendlich kommt es immer darauf an, was daraus gemacht wird. Wenn ich bspw. Fan einer kleinen Indie-Band werde, finde ich es doch super, wenn die mir über diese Möglichkeit ihr neues Album ankündigen. Wenn ich allerdings von Warner Music auf facebook zugespammt werde, fände ich das nicht so berauschend…aber von denen muss ich ja auch kein Fan werden.
Facebook gibt Vollgas: f8-Neuerungen bedrohen Google immer mehr …
Das …
[...] Matthias Schwenk analysiert die Bedeutung der Social Plugins für das Web. [...]
[...] Carta – Himmel und Hölle: Facebook greift nach den Sternen [...]
Ach, es gibt im Internet Zuständigkeiten, Google macht Suche, Facebook macht Freundeskreiskontakt, CARTA ist für kritische Würdigung da? Und wenn jemand anders da wildert, ist das nicht in Ordnung? Yahoo und Bing dürfen keine Suche anbieten, ebensowenig wie FB oder CARTA, dafür darf Google auch kein Social MediaPlayer sein oder kritische Blogbeiträge haben.
Immerhin, jetzt weiß ich, wie das Internet funktioniert. Danke für den HInweis.
Ich selbst hatte überlegt ob ich für meinen Blog zum Thema: Frauen ansprechen und verführen” auch eine Fanseite bei Facebook anlegen soll. Wahrscheinlich würde ich so mehr Leser erhalten… ABER Facebook ist mir nicht ganz geheuer. Wie sicher sind meine Daten bei Facebook? Diese Frage kann mir keiner genau beantworten. P.S. Danke für diesen sehr guten Post.
[...] Himmel und Hölle: Facebook greift nach den Sternen [...]
hab schon einige facebook-süchtige in meinem Bekanntenkreis entdeckt.
Unglaublich, wie mitteilungsbedürftig manche sind.
@Matthias
Johnny Haeusler hat dazu auch was geschrieben.
Ich hab meinen account vor ca. drei Wochen abgemeldet, weil ich bei fb keine Chance auch nur auf ein Quentchen Selbstbestimmung sehe. Nix gegen Mark Zuckerberg, aber der Graben zwischen privacy und public life-Anhängern wird größer.
@Vera: Danke für den Link zum Spreeblick. Ich bleibe mal unaufgeregt optimistisch.
Erinnerst Du Dich noch daran, wie vor ein paar Jahren das “Bookmarking” groß in Mode war? delicious war total angesagt und natürlich gab es davon auch eine deutsche Ausgabe, Mister Wong.
Heute spricht niemand mehr von den Bookmarks, in der Breite hat sich das nicht durchgesetzt. Ähnlich könnte es mit dem Like-Button von Facebook gehen. Am Anfang herrscht große Aufregung und mit der Zeit nimmt die Buttons niemand mehr wahr. Sie stehen dann zwar noch in vielen Blogs unter den Artikeln, aber wer nutzt sie noch?
…am Ende trennt sich die Spreu vom Weizen:
Profilneurose oder nicht…
Wie “jung” an Körper und Geist muss man denn sein – vielleicht über einen passiven, natürlich ggf. süchtig machenden Account hinaus – um wirklich aktiver fb, twitter etc. Nutzer zu sein zu werden? Und das “man” damit verdienen kann, steht ausser Frage; bei dem (freiwilligen) Datenmaterial…
Erst mal auftippen lassen, das gilt/galt für den Lebensmüden, der aus dem 20. Stock springt, das galt/gilt für Handy’s, für die Kreditkartennutzung, für iPad’s & Co. genauso wie für “angeblich” soziale Communities mit eher gehypten Nutzwert.
Sorry, natürlich nur grundsätzlich.
[...] plant die Webherrschaft (YuccaTree) Himmel und Hölle: Facebook greift nach den Sternen (Carta) Facebook: Die Welt ist nicht genug (Off the [...]
Zuerst einmal sieht es so aus, als ob die Entscheidung mit zu machen noch beim Website-Betreiber liegt. Es wäre die Verbreitung und damit die Möglichkeiten für die Facebook-Suche begrenzt – auch wenn der Hype weite Kreise zieht. Das muss aber nicht so bleiben, das Facebook-Konzept kann auch mit einem Browserplugin umgesetzt werden. Die Idee hat schon ein gewisses Potential.
Viele Bedenken in Sachen Datenschutz sind sicher berechtigt. Aber was ist die Alternative? Wer bei Facebook seinen Account löscht, sollte von den Listen verschwinden – zumindest sollte man das erwarten -, bei einer dezentralen Lösung ähnlich wie bei Trackbacks / Pingbacks wäre das nicht der Fall. Dann wären die persönlichen Daten tatsächlich “unlöschbar”.
Nur sollten sich langsam mal ein paar schlaue Köpfe zusammensetzen und den Trend zur Zentralisierung im Web analysieren. Wenn wir irgendwann eine Google-Facebook-Apple-Account brauchen, um an gute Inhalte im Web zu kommen, ist was falsch gelaufen.
[online game facebook] Facebook ist doch auch eine Art Online-Spiel, eine alternative Welt, wo sich jede/r hinstellen und agieren kann. Manche spielen auch in dem Facebook-eigenen Farm-Spiel mit und merken nicht, wie das eigentliche Spiel läuft… ;-) Dank dem Internet können praktische Plattformen für die Kommunikation in einer Gemeinschaft (social community) eingerichtet werden — das und die Notwendigkeit kritischer Beobachtung gilt auch für die anderen (u.U. kleineren) Welten.
Interessant: Auch aus manchem Online-Spiel kommt man ins Facebook… Vollanonymisiertes Beispiel: Otto Motto spielt als “Ritter Lokus” im Online-Spiel “Anno 1234″, er ist zwar aus Focebook “geflogen”, aber das Spiel hat ein Abkommen mit Facebook und er kann zurück & unbekannt als “Ritter Lokus”…
“So reizvoll das Konzept ist, so wirkungsarm könnte es bleiben. Denn auf den viel besuchten Seiten trifft man so immer wieder die gleichen Freunde, während man auf den sehr selten aufgerufenen Seiten, die man etwa über eine Suchmaschine gefunden hat, vermutlich auch kein bekanntes Gesicht aus dem Facebook-Katalog treffen wird.”
Das Argument läuft doch ins Leere, oder? So wie ich den “I-Like”-Button verstehe, geht’s darum, seinen “Freunden” Empfehlungen zu geben und somit einen Überblick zu schaffen. Wenn ich beispielsweise SpiegelOnline aufrufe und sehe, dass meine Facebook-Freunde fünf der fünfzig neuen Artikel weiterempfohlen haben, lese ich diese Artikel wahrscheinlich zuerst, weil ich mich in meiner knapp bemessenen Zeit auf das Urteil dieser Personen verlasse.
Nutze ich aber Google (oder irgendeine andere Suchmaschine), bin ich gezielt auf der Suche nach etwas. An dieser Stelle habe ich vor, etwas mehr Zeit zu investieren und muss folglich selbst bewerten, welche Quelle geeignet ist.
Neue Tools, die sich auf Aktivitäten anderer Nutzer beziehen, wirken grundsätzlich nur bei entsprechend hoch frequentierten Angeboten! Wenn im meinem Webshop keiner einkauft, kann ich auch keinen amazon-mäßigen Vergleich zu anderen Kunden herstellen;-)