Robin Meyer-Lucht | 29 Kommentar(e)
Die Strukturkrise des Journalismus wird sich nicht mit neuen (Leistungs)Schutzrechten überwinden lassen. Stattdessen sollte die Politik gezielt die Herausbildung neuer journalistischer Öffentlichkeit im Netz unterstützen.
13.04.2010 |
Welcher war der meistweitergeleitete Tweet am 9. Februar 2010? Es war der Tweet:
versandt vom Bundesverfassungsgericht. Der Twitter-Account “BVerfG” hat dabei – was die Richter höchstwahrscheinlich gar nicht wissen, aber sie freuen wird – mittlerweile über 4.000 Follower.
Die neuen Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit
Dieses kleine Beispiel zeigt, wie fundamental die Mechanismen der Verbreitung aktueller Informationen in Bewegung geraten sind. Die zitierte Nachricht wurde nicht in einer Redaktion verfasst, nicht von einer Redaktion ausgewählt und nicht von einem klassischen Medienunternehmen verbreitet. Stattdessen wurde sie vom Gericht selbst abgesetzt, von einem dezentralen Netzwerk von Twitter-Nutzern als relevant identifiziert und über die Server eines 100-Mann- Unternehmens mit Sitz in San Francisco verschickt. Erstellung, Selektion und Verbreitung dieser Information fand im Kontext Twitter unter Ausschluss aller Prinzipien und Teilsysteme statt, die aus dem klassischen System massenmedial-journalistisch-redaktioneller Verbreitung bekannt sind.
Diese neuen Mechanismen konstituieren nichts weniger als einen durch die Digitalisierung ausgelösten erneuten Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die derzeitige Krise des Journalismus ist seine Anpassungskrise an diese neuen Verhältnisse. Es ist eine Krise seiner Rolle, seiner Institutionen und seines Geschäftsmodells. Der Journalismus wird durch den technologisch ausgelösten Strukturwandel aus dem strategischen Zentrum eben dieser zunehmend digital organisierten Öffentlichkeit verdrängt. Dies kann man leicht daran erkennen, das andere nun dieses Zentrum besetzen: derzeit zum Beispiel Google, Facebook und Twitter.
Journalismus muss sich radikal verändern, um relevant zu bleiben
Die Rollenkrise trifft beide Funktionen des Journalismus: Er verliert nicht nur seine Deutungshoheit beim Leser. Er verliert – und dies ist ökonomisch noch viel wichtiger – seine herausgehobene Stellung im Anzeigenmarkt. Die Krise des Journalismus ist ökonomisch gesehen seine Krise als Anzeigenträger.
Der Online-Werbemarkt umfasst in Deutschland rund 2,5 Milliarden Euro. Der Werbeumsatz journalistischer Online-Angebote beträgt aber nur etwa 150 bis 200 Millionen Euro. Dies bedeutet, dass weniger als 10 Prozent des Umsatzes mit kommerziellen Botschaften im Internet über Journalismus als Vehikel abgewickelt werden. Dem Journalismus sind wichtige Konkurrenten im Anzeigenmarkt entstanden, die ebenfalls – und manchmal effizienter – Kontakte zwischen Konsumenten und Unternehmensbotschaften herstellen: Suchmaschinen, Preissuchmaschinen, Online-Rubrikenmärkte, Freemail-Anbieter, Portale und viele andere.
Dabei kann sich der Journalismus noch nicht einmal darüber beschweren, dass er ein viel zu kleines Stück vom Werbekuchen abbekäme. Denn den mageren 10 Prozent Anteil am Online-Werbemarkt stehen ebenso magere 10 Prozent Anteil an den Seitenabrufen gegenüber, die bei der Online-Reichweitenmessung erfasst wurden. Im universalen Medienraum des Internets ist Journalismus bei Lesern und Anzeigenkunden auf einen Nutzungsanteil von grob taxiert etwa einem Zehntel geschrumpft. Das einstmals dominante Paradigma der analogen aktuellen Informationsvermittlung wird im Netz zu einem unter mehreren.
Die Konsequenz: Journalismus muss sich teilweise radikal verändern, um im Funktionssystem der neuen Öffentlichkeit relevant zu bleiben. Es finden sich hierfür viele sehr positive Ansätze im Internet. Weite Teile des Journalismus reagieren auf die Veränderungsanforderung jedoch mit einer Art Schockstarre, mit Ignoranz und Verbitterung.
Journalismus ist in den letzten Jahrzehnten streckenweise zu einem Regelsystem erstarrt, das vergessen hat, warum es wurde, wie es ist – und dem die Fantasie und die Flexibilität zur Veränderung fehlt. Der Journalismus wird daher höchstwahrscheinlich von seinen Rändern, in Blogs und journalistischen Start-ups, neu erfunden werden müssen.
Der klassische festangestellte Verlagsjournalismus produziert zu viel, zu viel Gleichförmiges, zu wenig Differenziertes. Er nutzt die Verlinkung mit anderen Inhalten, die Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Teilsystemen der Informationsverarbeitung und die Verbindung mit den Nutzern zu wenig und zu wenig produktiv. Vor dem Journalismus liegt ein immenser digital-technologischer Möglichkeitsüberschuss, den er sich kaum zunutze zu machen weiß – während zugleich seine klassische Rolle erodiert, weil sie sich in Teilen erübrigt hat.
Dabei muss Journalismus lernen, wie man Kommunikationsräume mit deutlich mehr aktiven Teilnehmern organisiert und vernetzt. Denn wenn es drei wichtige Kennzeichen der digitalen Öffentlichkeit gibt, dann sind es wohl: die Vielzahl der aktiven Teilnehmer, die Vernetzung und die algorithmische Basis.
Die mangelnde Anpassungsfähigkeit des Journalismus ist eine direkte Folge seines verklärten Verhältnisses zur Nachfrage und zu seinen normativen Grundlagen. Begriffe wie “Qualitätsjournalismus” stehen für einen unscharf definierten und ungenau begründeten Anspruch auf Führung durch journalistische Eliten. Wo aber die Steuerung elitär und von innen erfolgt, fällt es schwer, auf äußere Einflüsse zu reagieren. Es fehlt dem klassischen Journalismus an ausreichend Demut und Selbstkritik, um sich neu zu erfinden.
Der Journalismus muss seine neue Rolle im Institutionensystem der digitalen Öffentlichkeit erst noch finden. Dabei wird diese Rolle eine kleinere, fokussiertere und bescheidenere sein als in der analogen Medienwelt. Denn in der digitalen Öffentlichkeit emanzipieren sich Teilsysteme wie politische Kommunikation oder Nutzerkommunikation gegenüber dem Journalismus. Zudem kommen leistungsfähige neue Teilsysteme, wie das der algorithmischen Aggregation von Inhalten – auch Suchmaschine genannt –, hinzu.
Nicht den alten Journalismus im neuen Medium beatmen
Die Krise des Journalismus und der Verlage ist daher eine strukturelle – und kein Urheberrechtsproblem. Die Verlage leiden nicht daran, dass ihre Inhalte schutzlos im Internet umherflottieren. Sie laborieren daran, dass es ihnen zu wenig gelingt, selbst zu den zentralen Informationslogistikern des Netzes aufzusteigen.
Viele Presseverlage fordern nun neue Schutz- und Verwertungsrechte, um sich besser im Netz behaupten zu können. Eine genaue juristische Prüfung muss zeigen, ob es tatsächlich entsprechende Lücken in den Verwertungsrechten gibt. Grundsätzlich aber wird sich eine Strukturkrise nicht mit juristischen Mitteln beheben lassen. Wirksame und legitime Hebel für neue Geschäftsmodelle können nur aus Angeboten entstehen, die ihre Kraft aus einer besonderen Faszination ihrer Nutzer und ihrer Marktposition ziehen.
Es besteht vielmehr die Gefahr, dass über neue Schutzrechte versucht wird, den Strukturwandel hinauszuzögern und so den Journalismus alter Machart in neuen Medien ein bisschen länger zu beatmen. Neue Verwertungsrechte könnten sich so als Innovationsbremse erweisen. Der Kollateralschaden durch entsprechende Verwertungsrechte könnte zudem erheblich ausfallen. So erscheint es auf dem Stand der heutigen Diskussion nicht gesichert, ob die Prinzipien des freien Zitierens und der freien Verlinkung auch unter dem geforderten neuen Leistungsschutz-Regime gewährleistet wären. In der Folge wären dann wichtige Mechanismen der politischen Meinungsbildung geschwächt, nicht gestärkt.
Dabei ist übrigens nicht nur das Zitatrecht verfassungsrechtlich und durch das erhebliche gesellschaftliche Interesse an einer freien Vernetzung von Informationen geschützt, sondern auch das Recht von Aggregatoren und Suchmaschinen, kurze Zusammenfassungen der von ihnen verlinkten Seiten zu veröffentlichen. Suchmaschinen erhöhen die Auffindbarkeit von politisch relevanten Informationen ganz erheblich. Sie leisten damit, ebenso wie der Journalismus, einen unverzichtbaren Beitrag zur politischen Meinungsbildung. Suchmaschinen sind eine Art Journalismus.
Neue Infrastrukturen der digitalen Öffentlichkeit fördern
Da die Krise des Journalismus im Internet maßgeblich von seiner schwachen Ertragssituation ausgelöst wird, die wiederum Folge der schwachen Position in den Anzeigenmärkten ist, wird es zu den Kernaufgaben von journalistischen Anbietern gehören, ihre direkten Einnahmen im Netz zu erhöhen. Es gilt treue Nutzer zu überzeugen, dass ein direkter Beitrag zur Refinanzierung von journalistischen Inhalten wichtig ist. Hierfür gilt es neue Vergütungs- und Bezahlmechanismen zu etablieren, die weit über ungeschickte und starre Bezahlschranken hinausgehen. Auch hier gibt es erste sehr beachtliche neue Vergütungsansätze im Netz.
Hingegen sollte die Politik Scheinlösungen durch neue Verwertungsrechte skeptisch gegenüberstehen. Sie sollte stattdessen versuchen, den Journalismus dabei zu unterstützen, seine neue Rolle zu finden. Dabei wird man sich auch vom klassischen Journalismusbegriff verabschieden und eher von der Herausbildung funktionierender Strukturen der Meinungsbildung in der digitalen Öffentlichkeit sprechen müssen. Denn es geht nicht um die Fortführung von klassischem Journalismus, sondern um die adäquate Umsetzung der journalistischen Funktionen im neuen Medium.
Die Politik sollte dabei nicht einzelne Anbieter von journalistischen Inhalten fördern, sondern die Herausbildung neuer Strukturen. Statt Symptome zu lindern, würde die Ursache angegangen: die fehlende oder unzureichend ausgebaute Infra- und Innovationsstruktur für einen Neojournalismus in der digitalen Öffentlichkeit.
Dafür wird hier ein Innovationsfonds “Digitale Öffentlichkeit” vorgeschlagen. Sein Ziel soll es sein, die Forschung und Entwicklung neuer Infrastrukturen für die digitale Öffentlichkeit zu fördern. Beispiele hierfür wären: Plattformen, die Journalisten und Anbietern den Start von (hyper-)lokalen Angeboten ermöglichen, Crowdfunding- und Bezahl-Systeme für journalistische Inhalte, Auftrags- und Handelsplattformen für journalistische Inhalte, Plattformen für die bessere Vermarktung von journalistischen Inhalten, die Programmierung neuer Aggregatoren-Modelle.
Wichtig ist hierbei die Förderung einer großen Vielfalt von Ansätzen, womöglich teilweise auch in Zusammenarbeit mit privaten Investoren. Auch Aus- und Weiterbildung von Journalisten sowie die praxisorientierte Forschungszusammenarbeit von Universitäten und Unternehmen könnten hier eine zentrale Rolle einnehmen. Die neuen Strukturen sollten dabei auch mit den Verlagen entwickelt werden, nicht gegen sie.
Die Förderung sollte dabei stets den Charakter einer Innovationsförderung und Anschubfinanzierung haben. Ziel kann keinesfalls sein, Förderabhängigkeiten wie etwa im Filmbereich zu schaffen. Wie bei der klassischen Innovationsförderung auch, sollte es darum gehen, Projekte in Frühphasen zu unterstützen und so Risikobereitschaft und ein Momentum in der Entwicklung zu fördern. Wer mehr Elektro-Automobile auf den Straßen sehen möchte, muss Batterie- und Motorentechnologie fördern. Wer mehr erfolgreichen Online-Journalismus sehen möchte, muss neue Plattformen und Supportstrukturen für den Journalismus im Netz fördern.
Hinter der Forderung nach einem Fonds zur Überwindung der Strukturkrise des Journalismus stehen vor allem drei Thesen:
- Die Krise des Journalismus ist eine Innovationskrise in Bezug auf seine Rolle in der zunehmend digitalen Öffentlichkeit und eine Ertragskrise aufgrund seiner geschwächten Stellung in den Anzeigenmärkten.
- Statt Strukturwandel durch neue Schutzrechte zu bremsen, sollte die Politik gestaltend eingreifen, indem sie neue Strukturen und Vergütungsmechanismen fördert.
- Es sollte keine direkte Förderung von Anbietern geben, sondern eine Förderung der Herausbildung von neuen Infrastrukturen.
Die Krise des klassischen Verlagsjournalismus in den neuen digitalen Öffentlichkeiten ist im Kern eine Innovationskrise, die nur durch systematische Forschung und Entwicklung überwunden werden kann. Gerade diese jedoch wird bislang von vielen Anbietern, auch jenen, die neue Schutzrechte fordern, nicht ausreichend betrieben. Wer aber nicht alles tut, um sich funktional mit neuen Angebotsformaten in die neuen digitalen Öffentlichkeiten einzufügen, kann nicht überzeugend nachweisen, warum er der besonderen Hilfe der Gesellschaft bedürfe.
Dieser Beitrag erschien im Reader “Copy.Right.Now! – Plädoyers für ein zukunftstaugliches Urheberrecht”, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit iRights.info. Er liegt als PDF (1,3 MB) vor und kann in der gedruckten Fassung kostenlos bestellt werden.
Am Freitag, den 16.4., um 14 Uhr werden Matthias Spielkamp, Till Kreutzer und Robin Meyer-Lucht auf der re:publica im großen Saal der Kalkscheune zum Leistungsschutzrecht diskutieren: Session: Let’s Screw Up the Entire Internet to Save Newspapers



Zunächst gibt es leider eine Strukturkrise der Umlaute im obigen Beitrag. :-)
Aber zum Sachverhalt:
Der Journalismus als Handwerk ist nicht in der Krise. Die Anwendung des Handwerks gerät aber von zwei Seiten unter Druck:
1. Ein Großteil der bisherigen Verlage senkt die journalistische Standards, teils aus Kostengründen, teils aus mangelndem Verständnis für die gesellschaftliche Rolle des Journalismus. Das daraus resultierende Glaubwürdigkeitsdefizit unterminiert die Grundlage der Verlage.
2. Die Anwendung des Handwerks ist aber auch durch eine unkritische Interpretation der neuen Öffentlichkeiten in Gefahr. Die eingangs erwähnte Verbreitung einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts per Twitter durch eben dieses Bundesverfassungsgericht ist nichts anderes als Öffentlichkeitsarbeit, also PR. Journalistisches Handwerk wäre es aber, diese PR-Meldung auf Wahrheitsgehalt, Verständlichkeit, dahinter stehende Interessen, Aussagekraft, Zusammenhänge etc. zu prüfen (= Gegenrecherche) und das Prüfergebnis dann zu veröffentlichen. Denn nicht nur das Bundesverfassungsgericht macht PR in eigener Sache, es gibt eine ganze Armada von Öffentlichkeitsarbeitern (siehe Tom Schimmecks Buch “Am besten nichts Neues”).
Ansonsten ist die Analyse natürlich richtig. Wobei mich besonders freut, dass du, Robin, staatliche “Überbrückungs-Hilfe” in Form eines Innovationsfonds einforderst. Das beweist zumindest, dass du dem Journalismus doch eine unterstützenswerte gesellschaftliche Informations- und Kontroll-Aufgabe zuweist.
“Dabei wird man sich auch vom klassischen Journalismusbegriff verabschieden und eher von der Herausbildung funktionierender Strukturen der Meinungsbildung in der digitalen O¨ffentlichkeit sprechen mu¨ssen.” Genau.
Wird ja immer besser ‘hier’, diesmal noch mit einem konstruktiven Vorschlag an die Politik.
@ Wolfgang: Ja, wichtiger Hinweis – das BVerfG macht hier PR im klassischen Sinne. Weite Teile von Nachrichtenjournalismus bestehen jedoch bislang im Weiterreichen derartiger PR (siehe Edward Bernays: Propaganda).
Die Aufgabe von Journalismus ist hier, sich im Netz voller interessenvermittelter Kommunikation eine eigenständige Position zu sichern, vor allem die des professionellen Vermittlers und Erklärers.
Und natürlich sind bestimmte Segemente von Journalismus ein Feld, das potenziell der gesellschaftlichen Pflege bedarf. Nicht ohne Grund schlage ich aber vor, die Herausbildung von Strukturen in einer zeitlich befristeten Übergangsphase zu fördern – nicht Anbieter.
klar: ein innovationsfond muss her, staatliche systeme und am besten robin meyer-lucht als berater. das ist alles so beamtenhaft halbseiden, sorry. es werden medien übrigbleiben, der markt darwinismus wirds richten. dont worry. und die werden nicht durch jobsuchende berater beraten.
“beamtenhaft”, “beraterhaft” – und das alle muss ich mir von einem tobsüchtigen Marktradikalen vorwerfen lassen.
Großer Fussball.
nee, eigentlich nicht. man muss Sie nur von Ihren staatlich subventionierten Futtertrogphantasien wegbringen. Ihr Denken ist nichts anderes als eine Ideologie der Subvention: ersetze Medien mit Stahlindustrie mit Westerwelles Hotels, what you like. Sie schreiben nicht über einen Beruf sondern Sie schreiben sich eine Planstelle herbei.
@Andreas, Berateraufträge wären wahrscheinlich öffentlich auszuschreiben. Da können Sie sich dann auch bewerben. ;)
@ Andreas: Dieser Text ist in der Publikation einer politischen Stiftung erschienen. Es ging darum zu sagen: Wenn die Politik eingreifen möchte, dann lieber durch eine geziele Hilfe zum Aufbau neuer Strukturen, statt mit einem Leistungsschutzrecht. Das ist eigentlich alles. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob Journalismus überhaupt der Hilfe bedarf. Das hängt ganz sicher maßgeblich vom ordnungspolitischen Standpunkt ab.
Nur: Solche Initialzündungen wie oben vorgeschlagen haben – mit Glück – eine erhebliche Ausstrahlungswirkung.
Und: Statt Stahlindustrie oder Hotels können Sie dann gleich in ihrem Kommentar auch noch Filmindustrie ergänzen.
Ich bin mal gespannt, wie das das Publikum am Freitag stehen wird.
Mich würde einmal interessieren, in welche Richtung sich online-Journalismus entwickeln muss, um profitabel zu werden. Oder anders: Welche Strategien könnten im Rahmen eines Innovationsfonds “digitale Öffentlichkeit” entwickelt werden?
Ich würde spontan auf nicht-Kopierbares setzen. Mit kopierbaren 0 und 1 wird man kein Geld verdienen können, davon gibt es genug im Netz. Also muss etwas her, dass jenseits davon liegt: Direkte Kommunikation mit dem Lieblingsredakteur, virtuelle Touren durch die Redaktion, exklusive Hintergrundgeschichten, Community Building.
Man kann natürlich auch versuchen, sich mit besonders aufwendigen iIrgendwas-Apps hervorzuheben, aber 1. dürfte die Erstellung solch aufwendiger Inhalte besonders kostenintensiv sein, 2. wird der Markt dafür niemals groß genug sein, denn es wird Konkurrenz durch andere Hersteller und durch offene Modelle geben und 3. bestimmen nicht mehr die Redaktionen, was in Ihren Apps nicht zu stehen hat, sondern Apple. Welche Redaktion würde das erdulden wollen?
Die Bandbreite an Informationen, Analysen, Hintergrundberichten, die mir die FAZ und die NYT jeden Tag liefern, ist einmalig. Immer wieder werde ich mit Themen und Fragestellungen überrascht, die ich niemals mühsam als Suchanfrage im Netz gestellt hätte. Genau dies ist Qualitätsjournalismus, gedruckt und online. Ich zahle gerne dafür.
Eigentlich ist es zum Schmunzeln: Der Journalismus (genauer: Das Verlagsgeschäft mit aktuellen Themen) steht heute vor derexakt selben Herausforderung (a.k.a. Digitaler Wandel) wie etwa das Tonträgerbusiness vor 10 Jahren. Und reagiert überrascht, verwundert und, ja, eigentlich hilflos. Dabei ist es ganz einfach: Die aktuelle Informationsrevolution zerstört die Informationsverteilungshoheit der Industrieära. Heute (und morgen) kann jeder publizieren, und wird es auch tun. Google, Twitter, Facebook sind hier nur die plakativen Beispiele. Wir werden weiterhin Journalisten brauchen, also hauptberufliche Publizisten. Nur werden diese sich selber vermarkten. Was untergehen wird, ist die journalistische Mehrwertindustrie, Unternehmen, die von der Verwertung journalistischer Leistung leben. Diese werden duch die erwähnten “Google, Twitter, Facebook” ersetzt. Und es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun kann. Herzlich willkommen in der Zukunft. Ich bin sehr glücklich darüber, (als Joirnalist) im 21sten Jahrhundert zu leben.
[...] #rp10: Pla¨doyer fu¨r einen Innovationsfonds “digitale O¨ffentlichkeit” – “Die Krise des Journalismus und der Verlage ist daher eine strukturelle – und kein Urheberrechtsproblem. Die Verlage leiden nicht daran, dass ihre Inhalte schutzlos im Internet umherflottieren. Sie laborieren daran, dass es ihnen zu wenig gelingt, selbst zu den zentralen Informationslogistikern des Netzes aufzusteigen.” [...]
@ fnberger “Ich bin sehr glücklich darüber, (als Joirnalist) im 21sten Jahrhundert zu leben.” – Sehr gut
“Wir werden weiterhin Journalisten brauchen, also hauptberufliche Publizisten. Nur werden diese sich selber vermarkten. Was untergehen wird, ist die journalistische Mehrwertindustrie.”
Wahrscheinlich erscheint mir eher eine Zweiteilung/Polarisierung, wie sie auch in der Musikindustrie zu beobachten ist:. Radiohead & co vermarkten selbst – andere aber weiterhin nicht.
@fnberger
Das sehe ich auch so, nur nicht in dieser Absolutheit. Was untergehen wird, ist die journalistische Verwertungsindustrie, die eben keinen Mehrwert schafft, sondern im wesentlich nur Allerwertsbeiträge aggregiert, die ich überall lesen kann. Verwerter wie z.B. “brand eins” gehören aber nicht diese Kategorie, solange man dort eigene Themen setzt und einzigartigen Journalismus aggregiert, den es in dieser Form für das Themengebiet Wirtschaft nirgendwo anders findet. Bezeichnderweise vermarkten sich aber einige viele “brand eins” Autoren zusätzlich auch sehr gut selbst.
strukturförderung wäre in dem fall immer auch projektförderung. da ist es schon etwas naiv, sowas in aller marktneutralität fordern zu wollen.
da es hier scheinbar auch noch um politische förderung gehen soll, befremdet es mich umso mehr .. denn wenn wir eines in der vergangenheit lernen durften, dann doch, dass auch in einer demokratie der staat immer komplett aus den medien rausgehalten werden sollte, sonst strebt er nach einflussnahme.
der andere punkt ist, dass das internet lediglich etwas offenlegt, was strukturbedingt im analogen nicht zu spüren war:
deutschland braucht keine 100 journalistischen angebote um sich in der breite zu informieren. der leser des hamburger abendblattes kann genauso gut sein zeug bei spon lesen, wie auch der NWZ leser das dort tun kann.
für das regionale brauchts vllt. noch der gesonderten angebote, aber wenn es um deutschlandweite politik geht, interessiert höchstens noch eine andere sichtweise .. meist doch aber nur die einen selbst bestätigende. das gröbste sind allein schon deswegen mittlerweile agenturmeldungen.
die logische konsequenz daraus ist, dass ein haufen angebote im internet platt gehen werden. die 10 überlebenden, werden sich auch finanzieren. schon weil sie sich den kuchen nicht mehr mit sinnlosen randerscheinungen teilen müssen.
darunter leidet weder die demokratie, noch der informationsfluss.
mfg
mh
Wer gehört denn eigentlich alles zur “neuen digitalen Öffentlichkeit”? … 4000 von x?
Journalismus ist ja eine zweiseitige Sache. Also nicht nur von Anbietern und Journalisten, sondern auch von Lesern. Es besteht nicht nur ein Bedürfnis von Journalisten, ihren Journalismus zu verbreiten, sondern genauso ein Bedürfnis von Lesern an Journalismus, Information usw.
Diese zweiseitige Perspektive wird mir bei der ganzen Angelegenheit auch von den Journalisten viel zu wenig beachtet. Mir scheint, sie haben nur ihr Überleben im Kopf und vergessen dabei, dass sie nur überleben können, wenn sie auch im Internet Bedürfnisse von Lesern bedienen. Diese nach vorne gerichtete Diskussion, wie sich Leser denn Onlinemedien wünschen, findet bisher kaum statt. Das ist bei einem interaktiven Medium wie dem Internet besonders bedauerlich. Es handelt sich vorwiegend um Untergangsgejammer der Journaille, statt die Zukunft wirklich leserorientiert in die Hand zu nehmen.
@wolfgang @fnberger @mh JA.
Mir fehlt nur die Diskussion, wie Jouranlismus und Bloggerei sich gegenseitig nutzbringend ergänzen können, wir leben schließlich nicht in einem schwarz/weiß-Netz.
@Meeresbiologe “… statt die Zukunft wirklich leserorientiert in die Hand zu nehmen.” Richtig, das sollte eine Kernfrage sein mit der Anregung aus dem Posting unter #2.
Ich hoffe, ich komme jetzt nicht so “schockstarr”, “ignorant” und/oder “verbittert rueber, wie das rm-l schon oft erlebt haben will: Aber ich finde die 10% der gesamten Anzeigenerloese im Web eine passables Ergebnis fuer journalistische Angebote ebendort. Ausserhalb des Webs sind’s ja doch auch nicht mehr. Oder zaehlt jemand die Talk- oder Castingshows der Privat-TV-Sender zu einem “journalistischen Umfeld” fuer die dort gesendeten Werbebloecke ?
Journalismus wird fuer dessen Nutzer gemacht, nicht fuer die Werber, die sich mehr oder weniger als Trittbrettfahrer an die Reize der journalistischen Angebote haengen.
Aus dieser Perspektive finde ich 10 % des Online-Traffics ebenfalls eine respektable Zahl fuer journalistische Angebote. Die ueberwiegende Menge der Klicks faellt doch auf inhaltsleeres Hin- und Herspringen zwischen Facebook-Kommentaren usw. Das hat doch nichts mit einem (Konsum)Interesse an irgendwelchen Inhalten zu tun. Insofern sehe ich hier den Wettbewerb keineswegs chancenlos.
Spasseshalber gefragt: wieviel Prozent des Web-Traffics entfallen auf offen deklarierte oder verkappte Pornografie?
Wollen/sollten wir den Journalismus tatsaechlich in Wettbewerb hierzu bewerten?
Ich glaube kaum.
Darueber hinaus weigere ich mich weiter, Facebook, Twitter oder Google als Wettbewerber zu journalistischen Leistungen zu sehen.
Die Kommunikation auf den genannten Plattformen hat nahezu nichts mit den journalistischen Leistungen des Sortierens, Einordnens, Orientierens, Bewertens usw. zu tun. Allenfalls in einem aehnlichen Umfang wie etwa ganz frueher auf den Amateur- oder CB-Funkkanaelen.
Aus meiner unprofessionellen Außensicht hätte ich vielleicht noch vor 10 Jahren gesagt, “Qualitätsjournlismus” ist ein Pleonasmus, meine beinahe tägliche Lektüre im Kaffeehaus hätte mich kaum etwas anderes vermuten lassen (btw: ist damit die Kaffeehauskultur aus Sicht der Medienlobby nicht auch eine Kostenloskultur?).
Ich sehe einerseits das Problem, daß die “unternehmerischen Initiativen” Anspruch auf eine deregulierte freie Marktwirtschaft haben, eine juristische oder finanzielle Stütze journalistischer Angebote im Internet oder in der Trafik halte ich damit für inakzeptabel.
Andererseits halte ich eine nichtfunktionierende aktive journalistische Öffentlichkeit in einer Demokratie ebenfalls für inakzeptabel, wobei ich heute auch mit einer gewissen Besorgnis die Degradierung von Journalisten zu Inhalte-Lieferanten und die der Redaktionen zu “content management units” (oder wie auch immer man das dann fachgerecht etikettiert) beobachte. Zudem scheint der “Megatrend” (meedia) hin zu Zentralredaktionen die gerne hochgehaltene Blätter-Vielfalt ja auch nur als phraseologische Pappkulisse zu entlarven. Überregionales wird zentral als Mantel auf Agenturmeldungen und wenigen Eigenbeiträgen geschneidert, Regionales und Lokales leidet unter der Freisetzung der Journalisten und der Reduzierung in den Redaktionen.
Zeitungen und Zeitschriften sind nach wie vor nicht nur “auch”, sondern für viele Investoren Renditeobjekte; daß aus der Funktion des Journalismus – gleich, ob öffentlich oder unternehmerisch organisiert – eine gesellschaftliche Verantwortung auch zur Innovation und zur Investition in Innovationen erwächst, daran sollte vielleicht auch allgemein mehr erinnert werden.-
Irgendjemand hat im Zusammenhang des Streites zwischen den öffentl.-rechtl. Funkanstalten gesagt, daß dem ö.r. Journalismus und deren Angeboten im Internet in dem Maße auch eine Legitimierung ihrer weiter auszubauenden Netzaktivitäten zukommt, als die unternehmerischen Initiativen im Netz aufgrund der sehr häufigen kommerziellen Erfolglosigkeit ja immer auch prinzipiell davon bedroht sind, in diesem immer wichigtiger werdenden Kommunikationsraum und -medium aus unternehmerischen Erwägungen heraus zu verschwinden.
@ mk: Für Journalisten und Verleger sind die zehn Prozent eher eine Enttäuschung – schliesslich liegt die Quote für das Medium Print deutlich höher. Mit ihren Einschränkungen haben sie natürlich vollkommen Recht. Habe aber noch nie jemanden getroffen, der meinte, die zehn Prozent seien doch gar nicht schlecht.
@ Joachim Losehand: Tatsächlich scheint im Netz das Pro-Profit-Modell für die Produktion von Inhalten als dominantes Paradigma abgelöst zu werden.
[...] #rp10: Plädoyer für einen Innovationsfonds “digitale Öffentlichkeit” [...]
@vera: da habe ich wenig sorge. da wird ein anpassungsprozess stattfinden und dann wächst alles etwas zusammen.
so polemisch und hämisch die aufbereitung der faz gestern auch war, zeigte sie z.b. gut auf, dass das mancher mittlerweile in der realität angekommen ist. wir sind am ende der abstossungsphase .. treten also langsam in die phase der standardbildung ein.
mfg
mh
Ich persönlich denke, die Blogosphäre ist zunächst nichts anderes als die Amateurversion von Journalismus (@vera). Mit fliessendem Übergang und ohne Trennlinien. Ich bin ausserdem davon überzeugt, dass Journalismus heute bis in Bereiche ausfranst, die mit den Massstäben konventioneller Publizistik nicht mehr beschreibbar sind, etwa Tweets und Social Network Updates. Auch kann man das Web in kleiner Weise mit den Printmedien vergleichen, weil es ja nicht nur “sowas wie Print” ist, sondern auch noch “sowas wie Radio”, “sowas wie TV”, und einige neue Elemente dazu. Wir sollten uns darüber hinaus einig sein: Qualitätsjournalismus ist ein Papiertiger. Und, @rml: Radiohead sind eigentlich gar kein gutes Beispiel für Selbstvermarktung in der digitalen Ära. Ich empfehle dafür Pomplamoose, die eigentlich perfekt mit den tatsächlichen heutigen Verhältnissen umgehen. Die brauchen übrigens keinen Innovationsfonds. Ich auch nicht. Eigentlich keiner von uns hier auf dieser Seite des Digital Divide.
[...] #rp10: Plädoyer für einen Innovationsfonds “digitale Öffentlichkeit” &mda… – (Tags: Medienkonvergenz Medienpolitik Journalismus ) [...]
Das Beispiel des vermeintlichen Bundesverfassungsgerichts-Tweets („versandt vom“) ist unglücklich gewählt. Der Twitter-Account wird nicht vom Gericht betrieben
– http://j.mp/9tHGF5 – sondern von einem Unbekannten mithilfe einer Anwendung automatisiert aus dem RSS-Feed des Gerichts erstellt.
Zudem waren Tag und Uhrzeit der Verkündung des Urteils durch den Senat in einem die Öffentlichkeit in einem außergewöhnlich hohem Maße interessierenden Verfahren angekündigt. Die Pressemitteilungen zu Entscheidungen werden kurz nach Beginn der Verkündung freigeschaltet und waren für Fachkundige und Interessierte schon immer eine Möglichkeit, die Gründe der Entscheidung relativ korrekt zusammengefasst lesen zu können – schneller kann das so auch der beste Journalist eines Massenmediums nicht leisten.
Trotzdem nun sehr viele Personen auf den Link zur Pressemitteilung des Gerichts warteten, fiel die Zahl derjenigen, die über diesen Tweet davon erfuhren, äußerst gering aus. Schaut man sich die Zahl der Retweets mit der entsprechenden Funktion an (momentan 63) haben diese selbst unter Hinzurechnung von abgewandelten und eigenen Tweets nur verhältnismäßig wenige Personen erreicht. Geht man davon aus, dass ein außerordentlich hoher Anteil der Leser des Tweets dem Link auf die Pressemitteilung gefolgt sind, ist die Zahl von höchstens 782 Personen am Tag der Verkündung (von denen ein großer Teil dem Link auch erst nach der Meldung in den Medien folgte) verglichen mit den Millionen, die durch die Massenmedien über das Urteil – zwar nicht so ausführlich, aber nur um Minuten später – informiert wurden, doch eher ernüchternd.
Sehr guter Hinweis, danke.
Mir war in tatsächlich nicht bekannt, dass das Account nicht vom Gericht selbst betrieben wird – interessant ist dabei aber auch, dass dann einfach jemand Drittes rasch Abhilfe schafft.
Ebenfalls richtig ist, dass hier auch kein Thema verbreitet wurde, was nicht auch sonst massenmedial stark präsent gewesen wäre.
Es zeigt jedoch zumindest, dass sich die Nutzer hier auch bei der Quelle und in einem gemeinsamen Filterprozess informiert haben.
Insgesamt also kein voll tragfähiges Beispiel. Ich werde die Kritik aufnehmen und nach einem besseren suchen.
Vorschlag?
gruss und danke,
rml
Der Problemanalyse kann man weitestgehend zustimmen. Der Rest ist mir ein bisschen zu schwammig. Wer zahlt denn ein in den Innovationsfonds? Die “Politik” vielleicht? Das heisst dann ja wohl, es investiert der Steuerzahler. Warum dann nicht gleich ein öffentlich-rechtliches Reservat für Qualitätsjournalisten unter parteipolitischer, gewerkschaftlicher und kirchlicher Kontrolle?