Viktor Mayer-Schönberger | 12 Kommentar(e)
Viktor Mayer-Schönberger über seine enttäuschten Hoffungen auf eine neue demokratische Öffentlichkeit: Auch das Internet werde dominiert von einem Informationsoligopol und brauche staatliche Regulierung zur Absicherung der Öffentlichkeit. Aus der Meinung der Vielen entstehe keine Weisheit.
12.04.2010 |
++ Diskussionsbeitrag anlässlich der re:publica ++ Eine ‘skeptische Einschätzung’ zum Erfolgen der digitalen Öffentlichkeit ++ Carta-Replik folgt ++
Zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schreibt ein junger Soziologe in seiner Habilitationsschrift über die Funktion der Öffentlichkeit und ihren Wandel. Er greift weit in die Geschichte zurück, in die Zeit vor und während der Französischen Revolution. Dort sieht er die Geburtsstunde der neuzeitlichen Öffentlichkeit. Sie ist nicht höfisch, sondern bürgerlich. Und sie entsteht in den Städten – in diesen Zusammenballungen menschlichen Lebens, voller Schmutz und Lärm und Gestank, in denen sich Seuchen rasch ausbreiten.
Wer damals vom Land in die Stadt flieht, hat sein Leben verkürzt. Trotzdem kommen jährlich Tausende. Denn die Stadt bietet, was die Feudalstruktur auf dem Land nicht zulässt. Und in diesen Städten entsteht erstmals außerhalb des Adels bescheidener Wohlstand. Mit dem Wohlstand kommen Zeit und Sorge. Und so beginnen diese Handwerker und Geschäftsleute sich Gedanken zu machen: über die Zustände in der Stadt, über ihre Zukunft. Sie diskutieren die Probleme ihrer städtischen Gemeinschaft zuerst in den Zünften, aber schon bald bieten die Kaffee- und Teehäuser den Raum um sich zu treffen und auszutauschen, und über das zu sprechen, was die Städter gemeinsam betrifft, was los ist, wie es weitergehen kann.
Genau dann und genau dort entsteht Öffentlichkeit – das Ferment für die bürgerliche Revolution, der moderne Beginn von Freiheit und Demokratie. Es ist eine bürgerliche Öffentlichkeit. Aber sie gibt ein kurzes Gastspiel. Industrielle Revolution und Kapitalismus locken hunderttausende Menschen vom Land in die Stadt. Die Neuankömmlinge leben und arbeiten unter schrecklichen Bedingungen.Wenige von ihnen können lesen und schreiben, und sie haben keine Zeit und kein Geld, in den Cafés mit dem Bürgertum Öffentlichkeit zu üben.
Gleichzeitig verlagert sich die bürgerliche Diskussion von den Bürgern zu den Zeitungen und Journalen. In diesen Medien wird stellvertretend diskutiert – die ehemals bürgerliche Öffentlichkeit nunmehr vermittelt verhandelt. Aber der Marktkampf der Anbieter, so unseres Soziologen Diagnose, lässt die einstmals robuste bürgerliche Diskussion auch unter den Journalisten und zwischen den Medien verkümmern. Und so verschwindet bürgerliche wie vermittelte Öffentlichkeit, lässt den Mächtigen das Feld, kann ihre Funktion als Korrektiv der Macht nicht mehr erfüllen.
Habermas 1.0
Die einzige Möglichkeit, diese Öffentlichkeit wieder herzustellen, ist durch staatliche Regulierung, etwa durch eine Garantie von Pluralität der Medienlandschaft und Binnendemokratie in den Redaktionsräumen. Des jungen Soziologen Thesen gewannen rasch an Einfluss – nicht bloß als Analyse, sondern auch als medienpolitisches Desiderat. Es ist seine Zeit – Habermas 1.0. Vergangenes Jahr wurde er 80 – und kann von sich zu Recht sagen, nicht nur Philosophie, sondern auch die moderne Soziologie der Öffentlichkeit nachhaltig geprägt zu haben.
Aber neben Habermas’ Desiderat einer durch staatliche Regulierung re-demokratisierten Öffentlichkeit geht jedenfalls seit Anfang der 80er Jahre eine alternative Sicht der Dinge um. Ihre Vertreter meinen staatliche Regulierung von Medien, so wie es Habermas wünscht, vermeiden zu können, ohne Habermas zu widersprechen. Stattdessen bestehe die Lösung in Technologie – durch sogenannte „neue Medien” könne die bürgerliche Öffentlichkeit des vorrevolutionären Paris’ und des revolutionären Amerikas wiedergeboren werden – diesmal allerdings nicht unter Ausschluss des Proletariats, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger.
Die Vision ist eine elektronische Version der amerikanischen Town Hall Meetings, die ganz im Geiste der Schweizer Landsgemeinden die Menschen regelmäßig zu politischer Diskussion und Entscheidungsfindung vereint. Anfang der 80er Jahre verhieß man uns die Wiedergeburt der Demokratie – online durch Bildschirmtext. Zu Beginn der 90er Jahre war es der Information Superhighway – eine Verbindung von interaktivem Fernsehen und Breitbandkabelnetzen, und zehn Jahre später das Internet und Web 2.0.
Blogger wie Sie und ich
Aber neben der Wiedergeburt der Demokratie wird uns gerade durch Web 2.0 auch noch eine weitere gesellschaftliche Wohltat verheißen. Denn weil wir alle jetzt im Internet auch Inhalte zur Verfügung stellen können, würde damit jedes bestehende Meinungskartell übergroßer Medienunternehmen ebenso gebrochen wie eine staatliche Wand des Schweigens. Nicht die bekannten Print- und Fernsehmedien, sondern – so wird argumentiert – Blogger wie Sie und ich hätten die Skandale der vergangenen Jahre aufgedeckt: von Präsident Bushs Vergangenheit als betrunkener Autofahrer, der Bombardierung Grosnys durch Russland oder der bewussten Veränderung der Darstellung von Daten zur Erderwärmung durch britische Wissenschaftler.
Ohne die Blogger wären wir ignorant geblieben, aber durch das Web 2.0 hätten wir die Wahrheit ans Licht gebracht. Gerade durch das Web 2.0 könnten wir also nicht nur die verloren geglaubte Öffentlichkeit wieder herstellen, sondern uns auch schneller und besser an die Wahrheit herantasten, wenn wir es nur den Bürgerinnen und Bürgern überlassen, ihre Informationen auszutauschen und zu bewerten. Auch dafür gibt es einen schönen neuen Begriff: „die Weisheit der Vielen”. Sie ist der neue Gegenpol zur vermittelten Öffentlichkeit traditioneller Medien – und kommt in vielen Schattierungen und Schlagwörtern: crowd sourcing, prediction markets, peer production.
Die unerfüllte Hoffnung auf eine neue bürgerliche Öffenlichkeit
Aber diese Hoffnungen einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit online haben sich auch nach drei Jahrzehnten nicht erfüllt. Das hat zum einen ganz handfeste theoretische Gründe. Denn die Idee von der automatischen Weisheit der Vielen ist Unsinn. Schon vor mehr als 200 Jahren hat der Marquis de Condorcet nachgewiesen, dass mehrere Menschen gemeinsam nur dann näher an die faktische Wahrheit gelangen, wenn jeder einen über Zufallswissen hinausgehenden Informationstand hat. Das aber ist in der Realität selten der Fall.
Fasst man daher die Meinung vieler zusammen, so erhält man Überzeugung, aber nicht Weisheit. Die Produktion von Information, etwa durch Wikipedia, kann zwar die Ansichten von vielen wiedergeben und aggregieren, ist aber im Ergebnis nicht fundamental besser als die auf traditioneller Recherche beruhende Arbeit der Journalisten in den konventionellen Medien. Damit aber gelänge, selbst wenn wir die Beteiligung aller am Onlinediskurs erreichen könnten, nicht automatisch ein besseres Ergebnis dieses gemeinschaftlichen öffentlichen Diskurses.
Das mag für die Vertreter der Onlineöffentlichkeit bedauerlich sein, aber es vernichtet nicht ihren Elan, wenn schon nicht Wahrheit durch Diskurs, so doch das Gefühl der gesellschaftlichen Teilhabe durch Onlineöffentlichkeit zu erreichen. Wenn schon das Ergebnis der elektronischen Town Hall ernüchtert, dann mögen wir uns doch durch den Prozess des gemeinsamen Diskutierens und Entscheidens eingebunden fühlen, so wie einst die Pariser in ihren Kaffeehäusern. Dann hätten wir wenigstens bürgerliche Öffentlichkeit wiedergefunden.
Die Medienkonzentration der Blogs
Der Web 2.0 Experte Clay Shirky hat die Popularität und Wichtigkeit von Blogs untersucht. Davon gibt es weltweit etwa 200 Millionen. Würde die Diskussion in den Blogs tatsächlich bürgerlich im Habermas’schen Sinn ablaufen, dann wären die meisten dieser Blogs gleich wichtig, hätten ähnliche Bedeutung und Wertigkeit, und würden ihren Autoren ähnliche Möglichkeiten geben, wahrgenommen zu werden. Aber genau das ist nicht der Fall.
Vielmehr zieht eine ganz kleine Anzahl an Blogs die meiste Aufmerksamkeit auf sich, während die allermeisten Blogs kaum oder gar nicht gelesen werden. Wir haben es also auch bei den Blogs – obwohl hier keine großen kommerziellen Medienunternehmen dahinterstehen – mit einer geradezu unglaublichen Medienkonzentration zu tun, in der ganz wenige angeben, was wie online gesellschaftlich diskutiert wird. Im Gegensatz zur Hoffnung eines Gutteils der Web 2.0-Gemeinde, verschwinden die Informationsintermediäre nicht.
Auch ohne Springer ein Informationsoligopol
Im Gegenteil: Die Geschichte von Instapundit und DailyKos, von Wikipedia und Slashdot zeigt eindrücklich, dass diesen Intermediären auch im Bereich der neuen Medien eine bestimmende Rolle als Informationsfilter und -quelle, aber auch als Meinungsplattform zukommt. Online hat sich also ganz ohne den Axel-Springer-Verlag ein Informationsoligopol etabliert.
Eine relativ überschaubare Zahl an Informationsintermediären sind zentraler Bestandteil nicht nur der alten, sondern auch der neuen Medienlandschaft. Der Grund dafür ist freilich ein fundamental anderer. Bei den alten Medien war es die Knappheit von Ressourcen, die dazu zwang: Die hohen Investitionskosten einer maßgeschneiderten Verteilinfrastruktur und die Endlichkeit der verfügbaren Frequenzen.
Im Internet hat sich dies verlagert: Knapp sind nun nicht mehr Frequenzen, sondern die Aufmerksamkeit der menschlichen Rezipienten. Es geht daher auch regulativ um ein anderes öffentliches Gut. Damit aber hat sich die Hoffnung, wir könnten als Alternative zu Habermas die bürgerliche Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts durch Internet und neue Medien wieder erfinden – aber diesmal für alle –, als (bisher jedenfalls) falsch erwiesen.
Dieser Text ist die erste Hälfte eines Vortrags, den Viktor Mayer-Schönberger am 10. März in Berlin beim DLM-Symposium „www.fern-sehen.com – Die Aufgaben des Rundfunks im Wandel der Öffentlichkeit“ gehalten hat. Carta dankt der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.





Als ehemaliger Medienwissenschaftler und Journalist wundere ich mich, warum diese Debatte (wie Shirky und Morozov in der FAZ) immer wieder an dem Habermas von “Strukturwandel und Öffentlichkeit” anknüpft. Was ist mit der “Theorie des kommunikativen Handelns”, die bereits auf BTX und Mailboxen reagierte und aussterbende Öffentlichkeiten ins Spiel brachte. Oder die Tonnen von Theorien zum kulturellen Widerstand? Ist die Bezugnahme auf Habermas, der damit in Frankfurt nicht durchstarten durfte, sondern zu Abendroth wechseln musste, nicht etwas, ähem, eschatologisch, mit der Hoffnung auf Blogs als Wiedergänger der Kaffeehäuser?
Es ist doch ganz gut, dass auf die Frage nach Henne oder Ei endlich mal eine ideologiefreie Antwort gegeben werden kann. Wir haben uns über Jahre damit abgefunden, dass einzig der Verleger und seine Handlanger für die Machart der Bildzeitung Verantwortung tragen. Wir haben damit zugleich deren Käufer millionenfach exkulpiert. Nun lehrt uns das Internet die bittere Wahrheit: Es sind – mehr als uns lieb ist – die Nutzer, ob sie nun als Leser, Surfer oder wie auch immer daherkommen, die mit ihrer Nachfrage dem Marktangebot seine Gestalt geben.
„Öffentlichkeit bezeichnet im weitesten Sinne die Gesamtheit aller Umstände, die für die Bildung der Öffentlichen Meinung von Bedeutung sind, wobei der allgemein freie Zugang zu allen relevanten Gegebenheiten sowie deren ungehinderte Diskutierbarkeit entscheidende Kriterien sind. …. Die öffentliche Meinung bezeichnet die in einer Gesellschaft vorherrschenden Urteile zu Sachverhalten, die entweder von allgemeinem Interesse oder in – zum Beispiel politischen, musischen oder sportlichen – Untergruppierungen („Teilöffentlichkeiten“) von dort vorherrschendem Interesse sind.“ (Wikipedia)
„Bürgerliche Öffentlichkeit“: Was ist denn das?
Die Diskussion, der Informationsaustausch von Bürgern in Medien (Web, Print, Rundfunk etc.) als Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung?
Das Web mit den Vernetzungsmöglichkeiten beinhaltet eine Plattform, die kostengünstig zugänglich ist. Ohne Know-how ist es für die Teilnehmer schwierig, sich an Diskussionen zu beteiligen, um am Prozess der Meinungsbildung mitzuwirken.
Im Posting heißt es:
„Fasst man daher die Meinung vieler zusammen, so erhält man Überzeugung, aber nicht Weisheit. Die Produktion von Information, etwa durch Wikipedia, kann zwar die Ansichten von vielen wiedergeben und aggregieren, ist aber im Ergebnis nicht fundamental besser als die auf traditioneller Recherche beruhende Arbeit der Journalisten in den konventionellen Medien. Damit aber gelänge, selbst wenn wir die Beteiligung aller am Onlinediskurs erreichen könnten, nicht automatisch ein besseres Ergebnis dieses gemeinschaftlichen öffentlichen Diskurses.“
Aber so ganz kann ich nicht folgen. Vielleicht sollte unterschieden werden:
(1) Zwischen in Medien inkl. Intraneten verfügbarem WISSEN, welches durch Austausch erweitert wird.
(2) Das (Fakten-)WISSEN kann nur derjenige richtig VERKÜPFEN, der über das entsprechende Know-how verfügt. Das müssen nicht unbedingt Journalisten sein. Im vorbezeichneten Posting-Zitat wird mir die Arbeit von Journalisten zu sehr betont. Ein Fachkundiger, der Nicht-Journalist ist, kann womöglich zu einem qualifizierten Ergebnis kommen. Als Beispiel sei die aktuelle Diskussion zu Facebook genannt, wonach Fachkundige, aber Nicht-Journalisten Fakten und Zusammenhänge offenbar besser checken können, als wenn die Meinung von Politikern vorwiegend nur wiedergegeben wird.
(3) Eine MEINUNG nach einem Faktencheck, einer tiefgründigen Sachverhaltsermittlung, kann derjenige besser bilden, der über die entsprechenden Fachkenntnisse verfügt. Bei Juristen ist es nicht untypisch, dass sich verschiedene Meinungen herausbilden. Das wird akzeptiert, sofern der Weg dorthin folgerichtig ist.
(4) Und nun kommen Fachfrau und Fachmann JOURNALIST ins Spiel, denn die verschiedenen Meinungen sind herauszufiltern und PUBLIK zu machen. Das können die Journalisten nun mal besser als private Blogbetreiber.
Fazit: Der (fachkundige) Bürger ist Informationslieferant mit einem Beitrag zum Meinungsaustausch, i.d.R. gratis. Der Fachkundige kann verknüpfen. Öffentlichkeit erlangt/erlangen die Meinung(en) durch Journalisten/PR-Leute.
Hier halte ich es für wichtig, dass der Journalist sich mit der neuen Form der Bürgerbeteiligung im Web befasst, um brauchbaren als auch diskussionswürdigen (Minder-)Meinungen eine öffentliche Plattform, eine die „geklickt“ und gelesen wird zu verschaffen – gerne kostenpflichtig.
Es ist falsch, anzunehmen, der Journalist könne immer richtig recherchieren und auf eine Meinung vieler käme es nicht an. Dafür ist das Web zu schnell und zugepfropft mit Infos/Meinungen. Nicht ohne Grund wurde beispielsweise die Wirtschaftsberichterstattung kürzlich kritisiert. (Wenn ich mir heute einige Berichte zu Karstadt durchlese, weiß ich, dass irgendetwas bei der systemischen Denkweise aus Journalistensicht für die öffentliche Meinungsbildung nicht förderlich ist.)
Bürgerbeteiligung ist zu schätzen, auch wenn sie als solche zur „ÖFFENTLICHEN Meinungsbildung“ KAUM beiträgt.
Dass der Rezipient im Web überwiegend fragmentiert wahrnimmt, ist ein ganz anderes Problem. Daher wird – wie vielfach schon geschrieben – von den Lesern immer mehr gefiltert, WER einen Text verfasst hat. Oder – wie hier mal zitiert wurde – wer aus Wasser Wein machen kann.
Der Beitrag fußt auf einer fundamentalen Fehlannahme. Nicht das Internet hat die Aufmerksamkeit der menschlichen Rezipienten verknappt. Knapp war sie schon immer. Selbst zu übelsten Springer-Zeiten konnten die Menschen gar nicht so viele Medien konsumieren, wie ihnen theoretisch zur Verfügung standen. Wer liest schon mehr als fünf Tageszeitungen täglich?
Begrenzt war lediglich der Zugang der Menschen zur aktiven Nutzung dieser Medien. In diesem Sinne war der öffentliche Diskurs eingeschränkt. (Die Glorifizierung der Tee- und Tischgesellschaften von Habermas habe ich übrigens nie nachvollziehen können. Allenfalls kann man hier wohl von sehr beschränkten Teil-Öffentlichkeiten sprechen, an denen der weit überwiegende Teil der Bevölkerung nicht partizipierte.) Das Internet durchbricht jetzt erstmals diese Schranken. Damit steht zumindest theoretisch jedem die Möglichkeit offen, seine Argumente in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen.
Dass dabei nicht jeder auch auf breite Resonanz stößt, ist KEIN neues Informationsoligopol. Der Diskurs besteht ja nicht darin, dass jeder alles sagt. Es muss sich nur jeder mit seiner Argumentation in der öffentlichen Debatte wiederfinden. 100 Menschen heißt nicht automatisch 100 Meinungen. Das Internet eröffnet nun erstmals jedermann die Chance, eine Meinung einzubringen, die noch nicht vertreten ist. Findet sie Unterstützer, wird aus einem einsamen Blogger ganz schnell ein Meinungsführer. Das ist die große Chance, der Idealvorstellung von Habermas näher zu kommen, als jemals zuvor.
Wunderbarer Text!
“Wir haben es also auch bei den Blogs – obwohl hier keine großen kommerziellen Medienunternehmen dahinterstehen – mit einer geradezu unglaublichen Medienkonzentration zu tun, in der ganz wenige angeben, was wie online gesellschaftlich diskutiert wird”
Genau so ist es. In Wahrheit gibt es, bis auf wenige wohltuende Ausnahmen, die gleiche “Arroganz” wie bei den etablierten Medien.
Im Internet mag das nur niemand hören. Da gelten Leute (wie ich) dann gleich als rückgewandt und als Nestbeschmutzer, während zwischen (nur als 1 Beispiel) Don Alphonso und seinen Schergen und allen anderen “Blogkriege” herrschen!
Schöne neue Blogger- und Beratungswelt :-)
Wenn diese ganze eitle Männerwelt sich mal den wirklichen Problemen zuwenden würde, könnten wir vielleicht voran kommen :-)
Ja, Provokation!!!
Auch wenn ich die Enttäuschung über die unerfüllte Hoffnung nicht so teilen würde, finde ich die Fragen des Artikels richtig.
Aber zu einen anderen Punkt:
Der Witz bei Habermas ist doch gerade, dass keine Öffentlichkeit diese Merkmale im Ergebnis wirklich hatte/hat. Auch die Kaffeehäuser waren nicht herrschaftsfrei, gleich, allgemein usw., der Zugang war durch Bildung, Besitz usw. reguliert.
Aber: im “öffentlichen Räsonnement” musste man trotzdem das Gegenteil voraussetzen, woraus bei Habermas dann später die “kontrafaktischen Geltungsbedingungen des kommunikativen Handelns” (SCNR) werden.
Daß Deutsche die “Kaffeehaus-Kultur” glorifizieren gehört zum denkbar Widersprüchlisten, denn eine echte “Kaffeehaus-Kultur” haben sie nie oder nur kurz als Import in den Goldenen Zwanzigern kennenlernen dürfen und diese Kultur hat auch nie Fuß fassen können, was nicht nur an der fehlenden Kaffe-Kultur liegt, die sich ja im “Kännchen” erschöpft.
Das Kaffeehaus zum Dreh- und Angelpunkt bürgerlicher Öffentlichkeit zu machen verweist auf die Antike, denn im Kaffeehaus kann nur auftauchen und dort auch verweilen und in Muße hitzig diskutieren, wer die Zeit dazu hat (und entweder hat man das Geld dazu oder einen genialischen Geist, der einen zu semiprofessionellen Schnorrertum prädestiniert). Aktive Bürger-Beteiligung am politischen Geschehen bedingt freie zeitliche und finanzielle Ressourchen, weshalb in Rom die politisch Aktiven (Amtsträger) dem (Geld-)Adel entstammten (Ämterführung wurde ja nicht entlohnt) und in Athen die turnusmäßig wechselnden Richter und führenden Magistrate eine Aufwandspauschale erhielten – nichtsdestotrotz waren die meisten Volksführer (Demagogen) und Volksfreunde aus materiell gut gestellten Häusern.
Wie Hans Oberberger schon bemerkte: Die Leistung des Internets besteht in der Möglichkeit, auch ohne größere technische und finanzielle Ressourcen kurzfristig an Reichweite und wenigstens temporär Einfluß zu gewinnen, prinzipiell haben alle Angebote, ob unternehmerisch oder privat geführt dieselbe Chance, gelesen oder nicht gelesen zu werden. “Jeder Narr kann einen Blog oder ein Video ins Internet stellen”, aber nur wenige Narren können unter großem logistischen und finanziellen Aufwand eine Zeitung oder Zeitschrift mit bundesweiter Reichweite lancieren.
Zudem ist der Zugang zum Internet nur abhängig von einem Internet-Anschluß, nicht von der physischen Präsenz an einem Ort, wer ständig im tiefsten Burgenland lebt, kann an den kulturellen und politischen Diskussionen in relevanten Wiener Kaffeehäusern kaum in der Intensität teilnehmen, wie jemand, der in der Stadt selbst lebt; man muß heute nicht mehr in die Stadt ziehen, um sich informieren und an Diskussionen teilnehmen zu können. Auch die so wichtige “Vernetzung”, also der Austausch und die Organisation von regional verstreut lebenden Gleichgesinnten wird durch das Internet befördert und ermöglicht; daß die Relevanz der Beiträge und Aktionen natürlich sehr schwankt, immer wieder auch nur wenige Kulminationspunkt von Meinungen und Diskussionen sind, dürfte aufgrund der individuell und ungleichmäßig unter den Menschen verteilten Gaben liegen. Nicht jeder, der Noten lesen und ein Instrument spielen kann, wird Relevantes zur Interpretationspraxis oder gar zur Musikliteratur selbst beitragen.
Ich habe auch den 2. Teil des Vortags von Viktor Mayer-Schönberger verfolgt und ich fand – salva venia – auch die andere Hälfte nicht überzeugend. (Auch wenn seine Kritik am Optimismus gegenüber der “Weisheit der Vielen” natürlich berechtigt ist: 500 Dumme sind auch nicht weiser als 5 Dumme.)
Schön. Wenn man will, kann diesen Text als fundamentale Kritik an Habermas verbreiteten Faseleien lesen. Dazu muss man dann natürlich den Text gegen den Strich lesen. Ich erwarte ja nicht, dass Heterogenität etwas ist, dass im Zusammenhang mit der Vokabel gewürdigt wird. Aber im Zusammenhang mit dem Internet wird es ohne diese Vokabel keine angemessene Beschreibung der dortigen Phänomene geben. Und der Terror der gleichen Ebene und des Konsens, den Habermas und seine Jünger immer wieder verbreiten ist nirgendwo abwesender als im Netz. Insofern muss er – um seine Theorie zu schützen – solche Elitengruppen wie das zahlende Personal im Caféhaus umdichten in der Internet-Galaxis. Aber, um es mal fundamentaler zu formulieren, welchen Zweck erfüllt der Begriff der Öffentlichkeit eigentlich angesichts einer Debatte von Produzenten und Konsumenten. Und zu nichts anderem hat die informatisierte Gesellschaft den Forschenden/Lehrenden sowie den Zuhörer und Schüler degradiert. Wie Loytard schon 1979 hellsichtig über die Computer-Zukunft formulierte: “Das Wissen ist und wird für seinen Verkauf geschaffen werden, und es wird für seine Verwertung in einer neuen Produktion konsumiert und konsumiert werden. In beiden Fällen [Forschung und Übermittlung] um getauscht zu werden. Es hört auf, sein eigener Zweck zu sein, es verliert seinen Gebrauchswert.”
Dies kennen humanistisch geprägte Menschen noch im Begriff des “Wissens als Bildung”. Dieses Wissen kann man gar nicht mit der Informationslogistik der Medien- und Systemtheoretiker verwalten. Denn es verbleibt in der Person, im Subjekt oder im System und macht dort keine Kommunikationsofferte…
Nebenbei bemerkt, wer von einer rural (ländlich) geprägten Gesellschaft behauptet, sie würde ihre Öffentlichkeit in den damals noch sehr wenigen Großstädten (Cafés) finden, der hat aus meiner Sicht weder historischen Verstand noch ethnologisches Augenmaß für die Traditionen rund um den ting-Platz als lokales Zentrum. Aber einen distanziert-wissenschaftlichen Blick auf den Untersuchungsgegenstand kann man Habermas ja eh nicht “vorwerfen”.
„Die unerfüllte Hoffnung auf eine neue ‘bürgerliche Öffentlichkeit’“ trifft’s, weil es momentan in fast allen Wirtschaftsbereichen darum geht, Pfründe zu sichern, die Systeme sich nicht öffnen.
Das Posting spiegelt eine den klassischen Journalismus erhaltende Sichtweise wieder, die die Beteiligungsmöglichkeiten der (fachkundigen) Bürger weitgehend übergeht – mit der Folge, dass am Ende nicht unbedingt Qualität, Meinungsvielfalt dabei herauskommt. Das Bild mit Kaffee- und Teehäusern ist nett, mehr nicht.
Natürlich sind 500 Dumme nicht weiser als 5 Dumme (#7); es kann nur nicht davon ausgegangen werden, dass sich die Dummen im Web tummeln. Viele Sachverhalte/Themenbereiche sind heutzutage zu komplex, als dass sich mal eben eine oder mehrere Meinungen daraus bilden können, um politische Entscheidungsprozesse in Gang zu setzen. Oder sind die meisten Schreiber (sorry) so gut, dass sie schnell alles ausgearbeitet der Öffentlichkeit darbieten können. Einige momentan diskutierte Themen sind alt (Zeitarbeit, Spekulationsgeschäfte bei Banken, Kindesmissbrauch in Institutionen), erscheinen erst mit erheblichen Zeitverzögerungen in den Medien.
Wenn von Begrifflichkeiten wie „öffentliche Meinung“ und die Rolle des Bürgers ausgegangen würde, ließe sich womöglich feststellen, dass die klassisch- journalistische Sichtweise nicht geeignet ist, die im Posting angesprochenen Ziele von Pluralität und demokratischer Öffentlichkeit zu erzielen. Bei einem anderen Ansatz beim obigen Thema käme man zu der Einsicht, dass die Bürgerbeteiligung eine wichtige Quelle für den (klassischen) Journalisten (ggf. Profiblogger) ist, die es gilt aufzuarbeiten und angemessen zu platzieren – ob in Print oder Web ist unerheblich. Und dafür wird bezahlt. Damit bliebe die Hoffnung irgendwann keine unerfüllte mehr. Über die positive Entwicklung können sich alle bei Kaffee und Tee sodann erfreuen. Alle sind glücklich. Punkt.
Na, so ein Blödsinn. Selten wird ein Blog vom Markt verschwinden, weil es sich nicht kommerziell rechnet. Ökonomisch bestimmte Marktkonzentrationen sind undenkbar. Sicherlich gibt es in den jeweiligen Leserkreisen Aufmerksamkeitskonzentrationen. Die sind aber nicht durch Geld, sondern durch Qualität des Inhalts bestimmt. Sie können sich mit minimalem Aufwand in kürzester Zeit umschichten.
Regt euch ab und wartet zehn Jahre.
@wittkewitz
Karl Steinbuch, Die informierte Gesellschaft, 1967