Wolfgang Michal | 47 Kommentar(e)
Ich weiß, das Thema ist nicht sexy. Aber die Lage der Urheber im Internet ist es auch nicht. Wir brauchen eine Lösung. Der nachfolgende Beitrag ist ein Appell an alle, über eine Flatrate für Zweitverwertungen noch einmal nachzudenken!
07.03.2010 |
Die Ausbeutung der Kreativen „durch den digitalen Mob“ muss aufhören. So tönte der „Internetpionier“ Jaron Lanier vor kurzem in FAZ und SZ. Seine hysterische Wortwahl verdeutlicht: Der „War on Internet-Terror“ geht in die entscheidende Phase.
Truppenaufstockung heißt das Gebot der Stunde.
Wer künftig ohne Erlaubnis (und das heißt: ohne Bezahlung) urheberrechtlich geschützte Werke nutzt, wird einer Armada von Anwälten gegenüberstehen. Die Inkassobetriebe des Internets (Detekteien, Kanzleien, Mautstellen, Verwertungsgesellschaften) werden die nötigen Mittel an die Hand bekommen, um Nutzungsgebühren auch eintreiben zu können. Horrende Schadenersatzforderungen könnten das kulturelle Klima vergiften.
Das ist der Preis dafür, dass die Idee einer Mediennutzungspauschale Kulturflatrate nicht ernsthaft genug diskutiert worden ist.
Betrachten wir die verfahrene Situation aus dem Blickwinkel der Beteiligten:
I.Kapitel:
Die Verwerter haben ein Problem.
Egal, wie teuer und exklusiv ein Verlag das Nutzungsrecht an einer Story, einem Buch, einem Song oder einem Film erwirbt: Die technische Möglichkeit, dass „unbefugte Dritte“ fast zeitgleich und praktisch kostenlos, oft unbehelligt und tendenziell unbegrenzt Kopien davon ziehen können, zerstört das herkömmliche Geschäftsmodell der Verwerter im Kern. Anders als viele Kritiker meinen, haben die Verwerter jedoch erkannt, „dass der Copypreis der Zukunft das Copyright ist.“ Die Möglichkeit, Werknutzungen per Internet weltweit zu verkaufen (d.h. Lizenzhandel zu betreiben), eröffnet globalen Verwertern riesige Geschäftsfelder (so könnte es neben Film-, Buch- und Musikmessen künftig auch Zeitungs- und Zeitschriftenmessen geben). Verwerter richten ihr Augenmerk deshalb verstärkt auf die Zweitverwertungsmöglichkeiten der Werke, die sie bei den Urhebern einkaufen.
Um aber Gewinne im Lizenzhandel erzielen zu können, sind nach Auffassung der Verwerter flankierende Gesetze und Vereinbarungen wie ein weltweit gültiges Anti-Piraterieabkommen (ACTA) oder nationale Leistungsschutzrechte notwendig. Polizei und Inkassobetriebe sollen gewährleisten, dass die schwarzen Schafe (die Raubkopierer & “Raubverlinker”) nicht ungeschoren davon kommen.
II.Kapitel:
Die Urheber haben ein noch größeres Problem.
Die Schöpfer der Werke sind seit einigen Jahren in einer prekären Lage. Einmal, weil die Verwerter – aufgrund der oben beschriebenen Probleme – die Honorare einfrieren oder kürzen. Zum anderen, weil die Urheber durch so genannte Buy-Out-Verträge kaum noch von Zweitverwertungen profitieren. Damit sitzen die Urheber in der Falle. Einerseits sinken ihre Honorare, andererseits können sie ihre Einkommensverluste nicht durch Erlöse aus Zweitverwertungen kompensieren. Die Verwerter zahlen den Urhebern für Zweitverwertungen nichts (oder nur sehr wenig), weil sie selber zur Zeit nichts (oder nur sehr wenig) aus Zweitverwertungen im Netz erlösen.
III: Kapitel:
Die Nutzer sehen überhaupt kein Problem.
Die Nutzer (die der durchaus nachvollziehbaren Meinung sind, mit der Bezahlung des Internetzugangs auch die Netz-Inhalte bezahlt zu haben) weigern sich, das Dilemma der Urheber zur Kenntnis zu nehmen. Sie sagen, sie würden die Werke der Urheber nicht oder nur selten nutzen. Oder sie verweisen (wie die Piratenpartei) kaltschnäuzig darauf, dass das kostenlose Nutzen von Inhalten ja nicht die Urheber, sondern nur deren steinreiche Verwerter treffe. Was können wir dafür, sagen die Nutzer, dass sich die Urheber bei ihren Honorarverhandlungen mit den Verwertern über den Tisch ziehen lassen? (Diese, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse ausblendende Argumentation werden die Kreativen den Nutzern nicht so schnell vergessen!).
IV. Kapitel:
Die Urheber sind gezwungen, als Verwerter aufzutreten.
Das Internet ändert die bisherige Rollenverteilung. Zugangsprovider, Gerätehersteller, Suchmaschinen und soziale Netzwerke treten in die Fußstapfen der traditionellen Verleger. Verleger und Urheber entwickeln sich zu konkurrierenden Anbietern auf dem Inhalte-Markt. Verleger fühlen sich als Urheber (siehe Leistungsschutzrecht) und Urheber werden immer öfter zu ihren eigenen Verlegern: Sie müssen – schon aufgrund der sinkenden Honorare – ihre Werke künftig selbst vermarkten.
Wie sieht nun aber der Verwerterstatus von Urhebern im Netz tatsächlich aus? Die meisten krebsen so vor sich hin. Ihre Tätigkeit wird „mangels erkennbarer Gewinnerzielungsabsicht“ von den Finanzämtern als Liebhaberei eingestuft. Ihr Geschäftsmodell ist die Hoffnung. Im Grunde verschenken sie ihre Arbeit an sich selbst – in der vagen Hoffnung, ihren Lebensunterhalt eines Tages mit Lizenzhonorareinnahmen (=Tantiemen) bestreiten zu können. Diese Tantiemen erbetteln sie – in mühsamer Kleinarbeit – von konkurrierenden Internet-Anbietern (Online-Magazine, Portale, Blogs) oder von almosenbereiten Nutzern (PayPal, Kachingle, Kaffeekasse, spot.us etc.). Die Wahrscheinlichkeit, damit auf einen grünen Zweig zu kommen, ist gering. Bislang wird jede kleinteilige Bezahlung von der übergroßen Mehrheit der Nutzer als unangemessen, ja als lästig empfunden. Also verschenken die Urheber nicht nur die Nutzungsrechte, sie verschenken ihre komplette Arbeitsleistung.
Die Nutzer verhindern auf diese Weise (ganz nebenbei) die Emanzipation der Kreativen von den herkömmlichen Geschäftsmodellen. Sie treiben die Kreativen in den Ruin. Die Nutzer ignorieren, dass sich der Aufwand für die Erstellung von Inhalten – im Gegensatz zum Aufwand für die Verbreitung von Inhalten – durch das Internet nicht verändert. Die Schöpfung der immateriell (also digital) verbreiteten Werke erfordert genauso viel Arbeitszeit und Können wie die Schöpfung der materiell (also analog) verbreiteten Werke. Das ist der Grund, warum Kreative, Nutzer und Verwerter eine Lösung finden müssen, die einen fairen Interessenausgleich zustande bringt. Das heißt: Das Gesamteinkommen der Urheber (wie das der Verwerter) muss sich schrittweise von den Honoraren (und den Produkterlösen) zu den Tantiemen hin verlagern.
V. Kapitel:
Der heutige Tantiemen-Topf ist viel zu klein.
In Deutschland existieren etwa ein Dutzend so genannter Verwertungsgesellschaften (VG). Das sind Unternehmen, die Urheber- und Leistungsschutzrechte treuhänderisch für ihre Mitglieder wahrnehmen. Die Verwertungsgesellschaften ziehen Nutzungsgebühren (Geräteabgaben, Bibliothekstantiemen etc.) für ihre Mitglieder ein und verteilen sie nach einem überprüfbaren Schlüssel auf alle Wahrnehmungsberechtigten. Die Verwertungsgesellschaften verteilen also keine klassischen Honorare (wie fälschlicherweise oft angenommen wird), sie verteilen Lizenzhonorare: meist im Cent-Bereich liegende „Gebühren“, die für die Weiternutzung von bereits veröffentlichten Werken erhoben werden.
So resultiert etwa bei den in der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) organisierten Autoren der größte Teil des Einkommens bis heute aus traditionellen Honoraren, die von den Verwertern (= den Verlagen) an die Autoren bezahlt werden (mehr als 95 Prozent). Und bei den Verwertern stammt der größte Teil der Einnahmen noch immer aus den Verkäufen von materiell vervielfältigten Werken: Büchern, CDs, DVDs, Zeitungen.
In der vor uns liegenden Übergangszeit zum volldigitalen Zeitalter muss sich das Verhältnis zwischen Honoraren und Tantiemen grundlegend ändern. Die entscheidende Frage wird sein: Wie kann der Tantiemen-Anteil in Zukunft so erhöht werden, dass die tendenziell sinkenden Honorar- und Produktverkaufs-Einnahmen ausgeglichen werden?
VI. Kapitel:
Die Kulturflatrate wäre eine hilfreiche Übergangslösung.
Das Leistungsschutzrecht, das die Zeitungsverlage fordern, geht in diese Richtung. Doch das Leistungsschutzrecht ist eine unbefriedigende Teil-Lösung im Interesse einiger weniger Großverlage und würde das Web – durch die Beschränkung des kostenfreien Verlinkens – zerreißen. Die Entwicklung der Wissensgesellschaft würde behindert, nur um die Partikularinteressen einiger Aktionäre zu befriedigen.
Die von den Presseverlagen geforderte „Verwertungsgesellschaft Online“ wäre in ihrer Ausgestaltung ganz auf die Interessen der Presseverlage zugeschnitten. Die Lage der Urheber würde sich – wie ein Rechtsgutachten im Auftrag des Bayerischen Journalistenverbandes kürzlich darlegen konnte – verschlechtern.
Ein Leistungsschutzrecht für Zeitungsverlage (eine „Lex Döpfner“) würde nur dazu führen, dass auch andere Verwerter massiv versuchen müssten, ihre Sonderinteressen zu Lasten der Allgemeinheit durchzusetzen. Wir bekämen einen Wildwuchs aus sich überschneidenden Verwertungsgesellschaften mit Dutzenden von Abgaben, Nutzungsgebühren und Abo-Flatrates inklusive der dafür notwendigen Bürokratien und Aufsichtsorgane. Und wir bekämen eine hässliche Abmahnrepublik, in der jedes noch so kleine Partikularinteresse brutal gegen „Content-Diebe“ und „Webkommunisten“ durchgesetzt werden müsste. Die sich aufaddierenden Kosten für die Nutzer des Internets kann sich jeder leicht ausrechnen.
Weder die Kreativen noch die Nutzer haben erkannt, was da von Seiten der Großverwerter auf sie zukommt – und wie wichtig eine Annäherung zwischen Nutzern und Kreativen wäre. Doch noch immer geraten Nutzer und Urheber bei Debatten über eine Kulturflatrate in unfruchtbaren Streit (weil sie annehmen, eine Flatrate käme einer Voll-Bezahlung aller Kreativen gleich) oder sie versuchen, die Debatte mit ideologischen Phrasen („Zwangsgebühren“!) im Keim zu ersticken.
Dabei hätte eine pauschale Nutzungsgebühr für die Übergangszeit ins digitale Zeitalter (etwa in Form einer breitband-abhängigen Haushaltsabgabe oder als flächendeckendes social micropayment nach dem flattr-Modell) unbestreitbare Vorteile.
Eine Flatrate
- wäre – wie die Rundfunkgebühr – für alle Nutzer erschwinglich;
- ihre Bürokratie hielte sich in Grenzen;
- man könnte auf Abmahnungen verzichten;
- das Verlinkungs-Netz würde nicht durch Mautstellen zerstört;
- ein breites Spektrum von unabhängigen Kreativen bliebe erhalten (da es nicht – wie bei den Leistungsschutzrechten, siehe GEMA – zu einer Verarmung der künstlerischen Produktion auf wenige Stars und viele abhängige Armutskreative käme).
Die Nutzer des Internets und die wahrnehmungsberechtigten Kreativen würden mit einer großen, nicht-staatlichen, drittelparitätisch besetzten, transparenten Verwertungsgesellschaft besser fahren als mit vielen, allein von Verwerterinteressen dominierten, letztlich undurchschaubaren Instanzen.
Auch die individuelle Leistungsbereitschaft würde durch eine Kulturflatrate keineswegs geschmälert. Jeder Kreative könnte den Honoraranteil an seinen Einnahmen durch geschicktes Verhandeln mit den Verwertern (also jenen, die ganz auf Paid Content setzen) erhöhen. Paid Content und Kulturflatrate schließen sich ebenso wenig aus wie Bezahlfernsehen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk.
Es wäre auch denkbar, die Kulturflatrate in zehn oder zwanzig Jahren durch eine präzisere, „gerechtere“ Lösung zu ersetzen – wenn so genannte „Smart Meters“ nicht nur den Stromverbrauch, sondern auch den Internetverbrauch eines Haushalts individuell erfassen können. Oder wenn „Individual-Flatrates“ wie flattr hinreichend akzeptiert würden. Allerdings ergibt sich aus all dem die nicht minder problematische Frage, ob eine kundenbezogene Internet-Abrechnung nicht mit einer ebenso präzisen Datenerfassung und -überwachung erkauft werden müsste.
Die Flatrate-Idee nun aus Mangel an politischer Phantasie (oder gar im App-Delirium) ad acta zu legen, wäre kulturpolitisches Harakiri.
Lesen Sie zum Thema auch:
Volker Grassmucks Antwort an die Musikindustrie, die Carta-Beiträge „Abo oder Flatrate. Auf welches Bezahlmodell läuft es hinaus?“ und „Flatrate für Journalismus“ sowie zwei Beiträge (Basic Thinking & Jens Weinreich), die zeigen, dass auch die Nerven vieler Blogger allmählich blank liegen.


Ein Plädoyer für eine Übergangslösung in einer Übergangszeit. Mithin dürfte der Verfasser von noch mehr Wandel ausgehen, der derzeit nicht fassbar ist. Ausgesprochen interessant. Ich denke, dass es eine Bereitschaft der Leser geben wird, hier zu helfen, ja übergangsweise, sofern denn die Denker der Verlagswirtschaft von der Idee eines Leistungsschutzrechts, welches nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln ist, abrücken. ;)
Klingt ja alles ganz edel,
und die derzeit weithin, beinahe flächendeckend entstehende proletarische Intelligenz kann sich natürlich besser artikulieren, als diverse, eher bildungsferne Leichtlöhner mit schnöden, ebenfalls kaum die Existenz sichernden Hungerlöhnen. Wer vertritt hier eigentlich wessen Interessen in diesem großen Spiel einer reloaded GEZ?
Schlußendlich geht es – und das schreibe ich als Mensch mit BGE, der sich nur “noch” vor den Ärzten krumm machen muss – um die Existenz via Geschäftsmodell. Alles andere, kreative, edle ist Brimborium. Den, der quasi auf Anweisung, auf Bezahlung kreativ, engagiert und edel sein wollte, den möchte ich erst mal erleben – quantitativ.
Ansonsten, das mit der “hässlichen Abmahnrepublik” sehe ich ebenso, das muss zwangsläufig – und noch weit umfangreicher als derzeit bereits – kommen. Dies ist eben Bestandteil eines wie auch immer gearteten Geschäftsmodells. Hier stände ansonsten die Existenz des (edlen) Abendlandes auf dem Spiel – nicht die des zu vernachlässigen Einzelnen.
Der kann sich nur verweigern; noch…
[...] Warum wir die Kulturflatrate vielleicht doch noch brauchen [...]
Herr Michal, womit begründen Sie denn so Ihre Thesen? Z.B. die, dass sich die Bürokratie in Grenzen hielte? Dass es für alle erschwinglich wäre? Dass eine verteilende VG nicht zum Nutzen von wenigen “Stars” auf Kosten von vielen vielen Anderen agieren würde?
Ich habe schon so viele Plädoyers für die KF gelesen und gehört – trotz mitunter großer Attraktivität konnte keines eine Lösung für folgende zwei Probleme bieten:
1. Die ungeheure Masse an “Kreativen”, die berücksichtigt werden müssten, um nicht nur eine weitere ungerechte Verteilung von Gebühren zu erzeugen. Allein die Verwaltung dessen würde die Bearbeitungskosten zu einem riesigen Faktor in der Bemessenshöhe der Flatrate machen.
2. Die anteilsmäßig gerechte Verteilung von Geldern, ohne eine Totalüberwachung des Internetverkehrs einzuführen. Selbst wenn man letztere in Kauf nähme, lässt sich jedes bisherige Modell auf einfachste Weise so manipulieren, dass es massive Verzerrungen gäbe.
Falls Sie (oder andere) für diese beiden (Haupt-)Probleme Lösungen zumindest skizzieren können, ist eine Basis für eine Diskussion geschaffen, an der ich mich gern beteiligen würde. Ansonsten sehe ich einfach nicht, wohin sie führen sollte.
[...] Warum wir die Kulturflatrate vielleicht doch noch brauchen — CARTA Wolfgang Michal leitet noch ein paar Gründe für die Kulturflatrate her aus den unterschiedlichen Situationen der Urheber, der Verwerter und der Nutzer. Unter anderem würde die Kulturflatrate helfen, die Bürokratie oder auch Abmahnungen die durch andere Systeme unausweichlich wären zu reduzieren. (tags: wrb Urheberrecht) [...]
Lieber Tobias Barth,
auch die heute existierenden 12 Verwertungsgesellschaften verteilen die eingenommenen Lizenzgebühren nach einem bestimmten Schlüssel an ihre „Wahrnehmungsberechtigten“. Um wahrnehmungsberechtigt zu sein, muss man bestimmte Kriterien erfüllen (die können Sie in den Satzungen der Verwertungsgesellschaften nachlesen).
Die „ungeheure Überwachung“, die Sie befürchten, haben wir jetzt auch schon, weil natürlich auch die bestehenden Verwertungsgesellschaften den Markt scannen, um Zweitnutzungen erfassen zu können. Das ist der Zweck dieser Unternehmen. Die erhobenen Daten unterliegen dem Datenschutz. Hier braucht es rechtliche Regelungen. Das ist eine politische Aufgabe.
Missbrauch gibt es überall. Aber niemand schafft Regelungen oder Gesetze ab, weil es Leute gibt, die sich nicht an sie halten. Die von Ihnen befürchtete Manipulation kann durch transparente Strukturen konterkariert werden. Eine drittelparitätisch von Nutzern, Verwertern und Urhebern kontrollierte Verwertungsgesellschaft sollte das leisten können. Dazu müssten sich aber die Nutzer endlich in einer Art Verbraucherorganisation zusammenfinden.
Die Kulturflatrate wäre eine Übergangslösung. Sie kann nicht alle Probleme lösen. Aber einige. Die Gegner der Kulturflatrate operieren immer nur mit Befürchtungen. Die Qualität solcher Befürchtungen entspricht in etwa dem Legen von Tarot-Karten.
@ebertus: Ich habe eine Wette gewonnen. Ich habe gewettet, dass die Gegner der Kulturflatrate bestimmt als erstes wieder die GEZ auffahren.
In einem Punkt verstehe ich Sie als Anwalt der kleinen Leute aber überhaupt nicht: Die Kulturflatrate würde es gerade den weniger gut Verdienenden erlauben, den gleichen Zugang zum Web-Wissen zu haben wie Gutverdiener. Wenn das Web erst portioniert wird in lauter kleine Abo-Häufchen, dann wird es den üblichen Trash für die Armen geben und die Qualitäts-Programme für die Besserverdienenden.
Das größte Problem einer Kulturflatrate ist aus meiner Sicht ihr fehlender Bezug zum Markt: Die Relation von Angebot und Nachfrage kann damit nicht mehr sinnvoll ermittelt werden, nicht zuletzt weil die technischen Grundlagen des Internets das Publizieren so leicht wie noch nie gemacht haben.
Denn im Grunde ist jedes banale Video, das auf YouTube hochgeladen wird, eine kulturelle Leistung, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Wer will hier entscheiden, ob so ein Video förderungswürdig im Sinne der Kulturflatrate ist?
Man täusche sich nicht: Im Internet wurden und werden immer neue Infrastrukturen für das Veröffentlichen von Inhalten geschaffen. Ob Fotos auf Flickr, Videos auf YouTube, Texte in Blogformaten wie WordPress, Posterous oder Tumblr oder alles zusammen aggregiert, verlinkt und kopiert: Jeder kann sich heute einen regelrechten Livestream schaffen, ins Netz stellen und dafür am Ende noch den Begriff “Kunst” bzw. “Kultur” für sich reklamieren.
Auf dieser Grundlage eine Kulturflatrate zu etablieren und zu denken, es wäre möglich (eher) Privates von (bewusst) Öffentlichem im Netz trennen zu können und stets zuverlässig und gerecht die geistige Schöpfungshöhe zu ermitteln, muss angesichts der technischen Möglichkeiten im Netz vermutlich ein Wunschtraum bleiben. Selbst als Übergangslösung.
Lieber Matthias,
nicht am Artikel vorbei lesen, bitte!
Aber gut. Ich wiederhole es noch mal:
1. Wahrnehmungsberechtigt ist nicht jeder. Siehe Satzungen der Verwertungsgesellschaften.
2. Es geht um Lizenzgebühren für Zweitverwertungen, nicht um Honorare.
3. Es handelt sich nicht um Förderung (Subvention), sondern um eine Anpassung der Honorierung an die Realitäten (= Verschiebung der Anteile Honorare/Tantiemen).
Lieber Herr Michal,
Fürm ich stellt sich bei dem Thema KF vor allem eine Frage, deren Antwort sie scheinbar mit diesen Zeilen zu geben glauben:
“Jeder Kreative könnte den Honoraranteil an seinen Einnahmen durch geschicktes Verhandeln mit den Verwertern (also jenen, die ganz auf Paid Content setzen) erhöhen. Paid Content und Kulturflatrate schließen sich ebenso wenig aus wie Bezahlfernsehen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk.”
Meines Erachtens nach eine gewagte These. Wenn der Autausch von Kulturgütern via File-Sharing legalisiert ist und ich dafür ohnehin schon eine Abgabe zahle – wie soll dann ein Paid-Content-Markt entstehen, der schon unter den jetzigen rechtlichen Bedingungen kaum in die Gänge kommt?
Hm, vielleicht haben wir aber auch einfach zu viele Kreative. Die knapp 100.000 neuen Bücher jedes Jahr sind ja nur die Spitze des Eisbergs.
Der Medienmarkt ist ein Käufermarkt, jeder Käufer bezahlt Aufmerksamkeit und manchmal auch mit Geld. Es gibt soviel Zeug da draussen, da bin ich doch als Nutzer nicht auf einen speziellen Anbieter angewiesen.
Ich glaube, was hier gerade in die Brüche geht ist die Lebenslüge des Feuilletons. Nun fällt es auf: Die Menschen lesen den Sportteil und das Panorama (Mann beißt Hund), der Rest wird zum Fischeeinwickeln genommen.
Qualität ist das, was der Markt bereit ist zu zahlen und nicht das, was eine akademische Edelfeder glaubt zu wissen. Geschichten über “Amtsträgerinnen im frühen Christentum” finden dann nicht mehr statt. Wer sie will, muß zahlen.
Der Markt ist da sehr hart, hier ein kleines Beispiel: Der Blog Basic Thinking hat seine RSS-Feeds gekürzt. Nichts dramatisches, man möchte nur, daß die Nutzer die Web-Site besuchen und so Werbung sehen.
Die Antwort: Wütender Protest von den Lesern, ein getroffendes Redaktionsteam (http://ow.ly/1fcJo)
und 3 Reaktionen anderer Blogger, die erklären, warum sie auf Fullfeeds setzen
http://wirres.net/article/articleview/5511/1/6/
http://www.neunetz.com/2010/03/06/ueber-volltextfeeds-und-aufmerksamkeitsoekonomie/
http://blog.kooptech.de/2010/03/warum-es-das-kooptech-blog-ohne-rss-feed-nicht-mehr-gaebe/
Es geht um die Aufmerksamkeit, wer die nicht mehr hat, ist raus.
Und was das Klagen angeht: Dann wird das Zeug halt einfach per Bluethooth von Handy zu Handy gebeamt. Das was die Kids als Handy bezeichnen sind doch in Wirklichkeit mobile Allzweckwaffen. Mit 8GB ist man da doch schon der Speicher-Paria.
Ich bin mir sicher: Sollte der Klagedruck zu hoch werden, wird der Menschheit schon was einfallen, da bin ich unbesorgt :-)
Vielleicht sollten es die Kreativen mal so probieren wie Lysistrata ;-)
http://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata Sich rar machen hilft manchmal. Wenn ich merke “da fehlt mir was” und den Mangel als so stark empfinde, das ich ihn abstellen will, dann können wir übers Geld reden, vorher nicht.
Ich habe das Gefühl, das die meisten Kreativen sich diesem Votum nicht stellen wollen, weil sie im Grunde Ihres Herzens wissen, das sie durchfallen würden.
Statt dessen ruft man nach der Kulturflatrate.
Hallo Herr Michal,
danke für Ihren konstruktiven Beitrag zur Leistungsschutzdebatte und Kulturflatrate.
Das will ich gerne aufnehmen und meine Sichtweise als Konsument anfügen: Die Unterscheidung zwischen Verleger und Autor finde ich sehr wichtig. Das Internet bietet mMn dem Autor eine große Emanzipationsmöglichkeit, er kann gleichzeitig Verleger werden (bzw. die gesonderte Funktion Verleger ist im Netz überhaupt nicht notwendig).
Schade, dass diese Gelegenheit noch so wenig genutzt wird. CARTA, MAGDA, Autoren+Reporter und Freischreiber finde ich vier sehr gute Beispiele für diese Entwicklung.
Daher kann ich überhaupt nicht verstehen, wenn ein Autor sich diesen Weg selber erschwert indem er dem Verleger mehr Rechte gewährt als notwendig (Zweitverwertung, Exklusivität, …). Gerade wenn er dafür nicht viel mehr als “Nichts” bekommt, weil es angeblich auch “Nichts” einbringt. Dieses Argument kann ja gar nicht stimmen – denn wenn es “Nichts” einbrächte dann müsste der Verleger dieses Recht ja nicht aushandeln. Sagt mir jedenfalls meine Laien-Logik. Oder es ist etwas anders, es bringt dem Verleger nämlich doch ein klein wenig Einnahmen. Wenn er dafür aber nichts zusätzlich zahlt, ist das nichts weiter als eine versteckte Preissenkung.
Im Einzelnen
Sie schreiben “Die technische Möglichkeit, dass „unbefugte Dritte“ fast zeitgleich und praktisch kostenlos, oft unbehelligt und tendenziell unbegrenzt Kopien davon ziehen können”
Ich meine, dass muss nicht so sein. Die Vervielfältigung lässt sich durchaus erschweren und nachvollziehen. Wie wäre es mit der Veröffentlich als Grafik statt Text inkl. Wasserzeichen. Evlt. in Kombination mit individualisierten Links (und Wasserzeichen) für angemeldete Benutzer?
Sie schreiben “Die Nutzer (die der durchaus nachvollziehbaren Meinung sind, mit der Bezahlung des Internetzugangs auch die Netz-Inhalte bezahlt zu haben)…”
Ich meine, das ist überhaupt nicht nachvollziehbar und ich kenne auch niemanden in meinem Umfeld der das so sieht. Wenn allerdings jemand etwas kostenlos veröffentlicht, dann verstehe ich das auch so – d.h. der nichtkommerzielle Zugriff (also Verlinkung und Zitat) sollte (ich meine: muss) kostenlos sein.
Sie schreiben zur Flatrate “ihre Bürokratie hielte sich in Grenzen”
Ich meine: Wie sollte das funktionieren? Nach welchen Kriterien könnten sich “unabhängige Kreative” als Zahlungsempfänger registrieren und auf welcher Grundlage werden die Zahlungen bemessen? Das klingt für mich nach relativ viel Bürokratie…
Sie schreiben “Bislang wird jede kleinteilige Bezahlung von der übergroßen Mehrheit der Nutzer als unangemessen, ja als lästig empfunden.”
Aus meiner Sicht sind Paypal und Kachingle keine Lösungen, denn gerade wenn es um kleine Beträge (hoffentlich nur aus Nutzer-Sicht) geht, möchte ich dass möglichst viel beim Empfänger ankommt. Zurzeit ist das praktikabelste für mich einen Dauerauftrag einzurichten, dafür brauche ich nur eine Bankverbindung, ich habe keine Transaktionskosten, 100% kommen beim Empfänger an. In Ihrem Fall würde ich – angeregt von Ihren Texten – gerne Ihre Bücher kaufen, auf meine Anfrage dazu haben Sie aber leider nicht reagiert.
Den Vorstoß von Herrn Weinreich halte ich für vernünftig, unterstützenswert und vorbildlich (bis auf die Verwendung von Paypal) – ich sehe da keine blanken Nerven.
Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich bisher einfach kein stichhaltiges Argument für ein Leistungsschutzrecht sehe. Für mich ist (siehe oben) die Diskussion noch immer “ob” und nicht “wie”. Grundsätzlich sind mir Honorare sympathischer als Tantiemen, genau wie ich marktwirtschafliche Verhandlungsergebnisse Gremienentscheidungen vorziehe.
@Albert Warnecke
Schön und gut. Aber es gilt zu Bedenken, dass die Kreativ-Branche eine Hochrisiko-Branche ist. Jedes Produkt ist ein Prototyp, das heißt bei jeder Veröffentlichung bin ich mit meiner Investition von neuem im vollen Risiko. Und ein Erfolg gibt mir nur bedingt die Sicherheit in Zukunft daran anschließen zu können.
Natürlich gibt es über Branding von Urhebern und Labeln eine gewisse Einschränkung des Risikos, aber selbst bei “Stars” kann man sich nie sicher sein, ob sich die nächste Herstellung lohnen wird. Die Produktion von “Müll” ist nicht abzustellen. Auch nicht durch einen Verhärtung des Marktes.
@RJonathan: Wer z.B. Inhalte für eine Applikation (App) produziert, bekommt dafür ein Honorar von dem, der die App anbietet. Die App kostet etwas. Und es gibt die Inhalte nur mit dieser App. Sind die Inhalte sehr begehrt, zahlen die Verwerter der App den Inhalteproduzenten auch gute Honorare dafür. Denn sie können für ihre App dann mehr verlangen. Oder es kommen wegen der spezifischen Inhalte bestimmte Werbekunden. So funktioniert das üblicherweise auch jetzt: bei Filmemachern, Musikern, Autoren, Journalisten.
Daneben gibt es das “barrierefreie” Web (und dort tauchen diese Inhalte vielleicht irgendwann als Zweitverwertungen auf. Und die sind – streng nach Urheberrecht – vergütungspflichtig. Dafür gibt es demnächst – siehe Leistungsschutzrecht – Lizenzgebühren aus dem Topf der Verwertungsgesellschaften).
Nun gibt es aber auch Qualitätsangebote im Netz, die es nicht in eine hermetische App schaffen, weil sie nicht dazu passen, weil sie unabhängig sein wollen, weil sie ein anderes Publikum ansprechen wollen, weil sie unkonventionell sind etc. (nennen wir sie die Independents). Die müssen sich vermutlich sehr viel stärker über Lizenzhonorare finanzieren als über Honorare. Und diese Independents sind es, die die Kultur lebendig halten. Es wäre falsch, dieses großartige Reservoir mit Hilfe von Albert Warnecke (Kommentar 11) auszutrocknen. Dieses marktradikale Geschwätz der Warneckes: Alles, was nicht sofort Erfolg hat, muss weg, würden die Warneckes ja nie auf sich selbst anwenden, sondern immer nur auf andere.
Und diese Warneckes übersehen auch die Alternative. Sie weigern sich zwar, zehn Euro im Monat für eine Kulturflatrate zu zahlen, aber 500 Euro für 15 kleinteilige Mediennutzungen und dazu drakonische Sanktionen bei Urheberrechtsverletzungen nehmen sie offensichtlich gern in Kauf.
Hallo @Wolfgang Michel,
ich bin ja nicht absolut und ganz allgemein gegen eine derartige Kulturflatrate. Habe es – vielleicht gar hier auf carta – sicher schon mal entsprechend kommentiert. Drei wesentliche Dinge wären da für mich essentiell:
1. Die GEZ in ihrer jetzigen Form müsste einbezogen werden
2. Als Zwangszahler, ja!!! möchte ich den wesentlichen Teil selbst bestimmen.
3. Hier von Kommentatoren bereits genannt: Wer soll das und wie überwachen?
Der erste Punkt sollte klar sein, denn wieviel staatlich unterstützte Kultur jenseits von Trash soll es denn noch geben. Bei den ÖR’s gibt es auch heute sicher bereits genug Klamauck für “die kleinen Leute”. Kann das bezüglich dem Fernsehprogramm nur vermuten, immer mal lesen. Habe selbst seit 2002 kein TV mehr.
Der zweite Punkt ist Bestandteil so mancher, angedachter Bezahlmodelle; aus meiner Sicht und in jedem Fall akzeptanzfördernd. Wenn ich mal den heutigen GEZ-Tarif (TV) als beinahe maximale Beispielsgröße nehmen darf, so wären bestenfalls fünf Euro nach “Ihrem” Schlüssel zu verteilen. Für den überwiegenden Rest möchte ich vor genereller Verteilung jeden Monat neu entscheiden können, welchen Medien, Blogs etc. ich einen prozentualen Anteil gebe. Zugegeben, kein herkömmliches Geschäftsmodell mit beinahe automatisch sprudelnden, kalkulierbaren Einnahmen. Und das Anmelden, z.B. eines Blogs (wer verwaltet, und wie?) darf da nicht durch Kostenhürden beinahe unmöglich gemacht werden.
Der dritte Punkt, bereits angedeutet, betrifft bedeutet die dann sicher nötige, zentrale Verwaltung und Kontrolle. Kritische Daten zum Medienverhalten des einzelnen sind nicht zuletzt seit dem kürzlichen Urteil des BVG nun wieder etwas höherwertig, schutzbedürftig einzustufen.
Ja, auch carta.info würde da in manchem Monat von mir mit einem entsprechenden Anteil bedacht. Wie das intern weiter verteilt wird ist richtigerweise dann sicher jenseits der Regulierung via KF. Nur soviel: Wo ich kommentiere, den/das lese ich gern.
Die auch von Ihnen gezeigte Geringschätzung der “Gratiskultur” zeigt mir, dass auch Sie das Problem gewaltig unterschätzen. Es greift zu kurz wenn man glaubt, die Leser wollten nur deswegen alles kostenlos, weil sie es gewöhnt sind.
Die Speerspitze der Internetnutzer sind eher junge Leute oder zumindest solche, die es waren als sie mit dem Internet in Kontakt kamen. Diese Generation ist es (leider) inzwischen gewöhnt kein sicheres Einkommen und keine sichere Perspektive zu haben, was also will “der Alte” (ich meine nicht unbedingt Sie ;) )wenn er jetzt auch mit dieser Perspektive konfrontiert ist und plötzlich meckert?
Diese Generation ist es außerdem nur zu gewöhnt ihre Leistung verschenken zu müssen. Es ist die Generation Praktikum, die im Internet führt. Und gerade die Kreativindustrie war bisher unrühmlicher Spitzenreiter wenn es um die Ausbeutung zumeist junger Leute ging. Wenn die Herren Döpfner und Burda nun auf einmal Geld für Leistung wollen, muss nicht jeder Dauerpraktikant in einer der Redaktionen der Herren ihnen einfach nur einen Vogel zeigen und einen Schmollmund machen? Vielmehr müssten die hohen Herren zunächst einmal begreifen, dass der Konsument nur das Geld ausgeben kann, was ihm vorher jemand in die Tasche gesteckt hat.
Hinzu kommt, dass diese Generation es im Grunde gelernt hat, mit der Situation klarzukommen. Wie viele Menschen sitzen irgendwo vor ihren Monitoren und erbringen kreative Leistungen bis hin zum Schreiben von ganzen Programmen, die dann von der Industrie verwendet werden, in ihrer Freizeit und gehen nebenher arbeiten weil ihnen das niemand bezahlt? Auch ich habe in den letzten Monaten den Zeitaufwand einer Vollzeitstelle in meiner Freizeit auf eine kleine kreative Sache verwandt, die jetzt von über 100.000 Leuten weltweit verwendet und geschätzt wird. Ich bekomme trotzdem nichts dafür und das auch ok für mich. Manchmal muss man eben etwas tun wenn man etwas verbessern möchte.
Wenn es denn ein Problem gibt und wir uns nicht nur schlicht und einfach an eine Veränderung gewöhnen müssen, dann ist das nicht nur ein Problem der Medienindustrie, sondern ein Problem der kapitalistischen Wirtschaft. Die Symptome sind im Grunde klassische einer Deflation. Es ist nicht genug Geld im Umlauf (bzw. vor allem in der Hand der Konsumenten) um die benötigten Leistungen über einen monetären Markt zu erbringen und abzurufen. Zum Glück sind die Leute vernünftig genug die Leistungen trotzdem zu erbringen und sich zu nehmen, was sie brauchen anstatt zu verblöden.
Nachtrag: Statistisch betrachtet werden hier etwas über 30% der Leser Firefox benutzen. Schauen Sie doch einmal nach, wer die ganze Addons schreibt und wartet, die Ihnen das Leben im Internet so komfortabel machen (Firefox ist nur ein Beispiel). Haben Sie denen etwas bezahlt? Gibt es eine Addon-Flatrate? Eine Open-Source Flatrate? Und ich behaupte mal die intellektuelle Leistung hinter vieler dieser kleinen Programme übersteigt den durchschnittlichen Bildzeitungsartikel bei weitem.
Zunächst muss ich Herrn Michael zu diesem lesenswerten Artikel gratulieren, gut gemacht! Besonders interessant finde ich an der Debatte immer, dass die Befürworter des Marktes so besonders stark Gehör finden, denn soziale Marktwirtschaft ist ja gut und schön, aber momentan haben wir doch im Bereich der Kulturproduktion ein gigantisches Marktversagen vorliegen, oder nicht?
Wie man einerseits das Marktprinzip so hochhalten kann und andererseits der Kulturflatrate vorwirft, sie würde die Kultur verflachen, weil sie sich nur an der Anzahl der Downloads orientieren würde, wie das jüngst der Bundesverband der Musikindustrie in seinen 10 Thesen gegen die Kulturflatrate tat ist mir schleierhaft. Letztlich haben wir es bei Kulturprodukten doch mit einem winner-take-all-market zu tun, und ja das bedeutet, dass Leute wie Bohlen steinreich werden, während Andere am Hungertuch nagen. Dass dies keine sehr sinnvolle Organisationsform ist, erscheint mir recht klar erkennbar. Denn letztlich ist doch für die Kulturproduktion vor allem entscheidend, dass die Urheber zumindest überleben, von mir aus auch sehr gut leben, bei angemessener Leistung, ein Anrecht auf Reichtum duch Kulturproduktion, wie erfolgreich das Produkt auch immer sein mag, besteht m.E. nicht (ähnlich ist die Situation bei obszön hohen Managergehältern). Konkret wäre daraus m.E. zu schließen, dass die Verteilung der Gelder durch die VGs, bei denen sich jeder Künstler der dies tun mag anmelden kann, so vorgenommen wird, dass ab einem Betrag von 300.00€ die an eine Person in einem Jahr ausgezahlt werden, Schluss ist. Diese Regelung gilt bei der GEMA schon für Einnahmen aus Aufführungsrechten die Komponisten erzielen wenn ihre Werke umsonst-und-draußen aufgeführt werden, und sie wurde auch schon höchstrichterlich abgesegnet.
Und natürlich gibt es die Möglichkeit durch statistische Verfahren und anonymisierte Erfassung von Nutzungsverhalten sehr gute Annäherungen an tatsächliches Konsumentenverhalten zu erheben und damit die Gelder auch entsprechend auszuschütten. Tatsächlich würden hiervon die Kleinen sogar noch profitieren, denn mit Digitaltechnik ist es doch wesentlich leichter als mit den Techniken die im Fernsehbereich zur Quotenmessung eingesetzt werden, mit verhälntnissmässig winzigen Samples – das ist aber wohlgemerkt Industriestandard. BigChampagne zeigt es geht auch etwas besser.
Nochmal zur damit verbundenen Bürokratie, es gibt bereits die ZPÜ die Einnahmen aus den Leermedienabgaben einholt und an die VGs weitergibt. Natürlich könnte sie dies auch auf eine Pauschalabgabe für Internetanschlüsse erweitern, der Mehraufwand wäre hier minimal. Wahrscheinlich ist, dass es zu Mehraufwand bei den Verwertungsgesellschaften kommt, die momentan um die 12-15% Verwaltungskosten verbrauchen um die Verteilung vorzunehmen, ich persönlich halte es für denkbar, dass diese Kosten gesenkt werden können, für nötig halte ich das weniger, schließlich operieren ja Verlage auch nicht gerade kostenneutral, dazu kommt noch das Stichwort total buyout. Dass in den VGs weitere Arbeitsplätze entstehen halte ich für einen vertretbaren Kollateralschaden.
Schlußendlich stellt sich für mich die Gesamtlage doch so da:
Konsens ist:
1. Kulturproduktion muss entloht werden
2. Kostenfreier schneller Zugang zu Kulturprodukten ist was schönes und nicht per se böse
3. Die Kulturflatrate oder Urheberrechtspauschalabgabe auf Internetanschlüsse ist bislang der einzige – nicht problemfreie – Lösungsvorschlag der auf dem Tisch liegt.
denn
4. Totalüberwachung und selektive Sperrung des Internets sind nicht wünschenswert und auch nicht verhältnissmässig.
5. Die Musikindustrie such seit Jahren nach innovativen Lösungen, findet aber keine. Wenn der Markt versagt muss die Politik eingreifen, wie im Detail, gilt es zu debattieren und zwar möglichst Lösungsorientiert.
@ Simon Edwin Dittrich (18): Es müsste doch einsichtig sein, dass eine vitale und innovative Kulturindustrie nicht nach dem Prinzip Gema existieren kann. Das Preis- und Vergütungssystem ist viel zu starr. Sie machen es sich zu einfach.
@ Wolfgang Michal (9):
“1. Wahrnehmungsberechtigt ist nicht jeder. Siehe Satzungen der Verwertungsgesellschaften.”
>>Damit ist das Problem legitimatorisch nicht vom Tisch. Sie müssen trotzdem zwischen journalistischen und nichtjournalistischen Videos auf Youtube eine Grenze ziehen.
In der analogen Welt konnten Sie Verwertungsansprüche entlang von Medienbrüchen definieren, dies funktioniert im Netz so nicht mehr.
“2. Es geht um Lizenzgebühren für Zweitverwertungen, nicht um Honorare.”
>>Ich habe eher den Eindruck, diese Zweitverwertung könnte rasch zur Haupteinnahmequellen avancieren.
“3. Es handelt sich nicht um Förderung (Subvention), sondern um eine Anpassung der Honorierung an die Realitäten (= Verschiebung der Anteile Honorare/Tantiemen).”
>> Bei der Journalismusflatrate (wieso Kultur?) würde es darum gehen, Journalisten durch veränderte politisch-rechtliche Rahmenbedingungen zu mehr Einnahmen zu verhelfen. Das sollte man ehrlicherweise auch als Subvention bezeichnen.
….
Zuletzt noch eine Frage: Würden durch die Journalismusflatrate nicht news.yahoo.de und bild.de zu Gelddruckmaschinen – während Carta kaum etwas abbekommen würde? Sie werden verfassungsrechtlich doch nicht umhinkommen, hier die Anbieter diskriminierungsfrei zu vergüten.
Was für ein Gejammer: Erst gewinnt Carta nicht 1000 Kachingler – und nun soll es die Zwangs-Kachingle-Gebühr richten.
Ich habe selten schlechtere Verlierer gesehen.
@Simon Diettrich
Ist denn bei den Grünen mittlerweile geklärt, ob sie zu ihrer alten Forderung nach einer Kulturflatrate noch stehen? Da gab es ja in letzter Zeit leichte Absetzbewegungen.
@ebentus, tarantoga, kerstin
Ich wundere mich, wie sehr manche Nutzer gegen ihre eigenen Interessen argumentieren. Mir als Autor kann es nur recht sein, wenn die Nutzer in Zukunft mehr bezahlen als eine harmlose Flatrate. Denn darauf läuft es hinaus. Aus demokratischen und kulturpolitischen Erwägungen wäre eine Flatrate zwar besser, aber solche Erwägungen sind für Sie vielleicht nicht so wichtig.
@Jim Knopf
1. Ja, diese Grenze muss man wohl ziehen. Und sie wird schon jetzt von den Verwertungsgesellschaften gezogen. Auch online! Siehe METIS bei VG Wort. Warum sollte die Grenzziehung im Netz nicht funktionieren?
2. Dass die Zweitverwertung generell wichtiger wird, steht außer Frage. Das liegt aber an der Funktionsweise und der Nutzung des Netzes, nicht an den Urhebern. Exklusivität gibt es nur noch für Sekunden. Originale verwandeln sich quasi unmittelbar nach ihrer “Freischaltung” in Kopien.
3. Nein, es handelt sich nicht um Förderung, sondern um die im Urheberrecht gesetzlich verankerte ganz normale Bezahlung (Vergütungspflicht/angemessene Vergütung).
Zu Ihrer Zusatzfrage: Die Verwertungsgesellschaften können den Schlüssel für die Verteilung der Einnahmen in gewissen Grenzen gestalten.
Hallo Herr Michal,
auch wenn Sie allgemein bleiben, mich und andere hier beinahe fürsorglich belagern wollen – wegen der “eigenen” Interessen…
Die Kulturflatrate, gern mit einem eher “allgemeinen” Sockelbetrag und der ansonsten monatlich neu möglichen, individuellen Verteilung durch den Einzelnen, Zwangsverpflichteten, hat für mich einen recht hohen Akzeptanzfaktor; wiegt den ansonsten mental fühlbaren “Zwang” etwas auf.
Und vollkommen subjektiv möchte ich eben keine gedopten Radrennfahrer, keine ansonsten bereits hochbezahlten Ballkicker und keine Soaps, keine theatralische Volksmusik unterstützen. Das stört mich z.B. an der GEZ, obwohl ich persönlich nur Radiogebühren (z.Z. “noch” incl. Internet) bezahle.
Die sog. “Grundversorgung des Systems, die Basisversorgung aller Teilnehmer deckt der Sockelbetrag ab. Was ist also schlecht an der möglichen, freiwilligen, weitgehendenVerteilung an alle, die sich als “Kreative” anmelden, ganz nach meinem subjektivem Gusto?
Finde das nicht gleich, aber derartige Modelle wurden bereits diskutiert, passen gleichwohl natürlich nicht in das herrschende Top-Down Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches z.B. @tarantoga u.A. hier benennen und kritisieren.
@Wolfgang
Ich könnte der Kulturflatrate etwas abgewinnen, wenn die heutige Rundfunkgebühr darin aufgeht, denn die ist de facto eine Flatrate. Allerdings kommt sie nur zu einem kleinen Teil den Kulturschaffenden zugute. Wenn wir schon eine nutzungsunabhängige Gebühr kassieren und über einen bürokratischen Apparat wieder verteilen wollen, dann wäre es mir allemal lieber, exklusive Inhalte zu unterstützen, egal in welchem Medium und von welchem Urheber, anstatt AUCH für teure Sportübertragungsrechte und dümmliche Shows zahlen zu müssen, nur weil sie bei ARD und ZDF zu sehen sind. Wenn das im Endeffekt heißt, dass Carta, Jens Weinreich, Magda und Co. von der Kulturflatrate unterstützt werden und “Wetten Dass” stattdessen mehr Geld bei Haribo herausleiern muss, dann gerne. Aber darauf wird es ganz sicher nicht hinauslaufen.
@tarantoga
Das ist ein sehr berechtigter Einwand. Warum eigentlich eine Kulturflate und nicht auch eine Open-Source-Flatrate?
Sehr lesenswerter Eintrag, Herr Michal.
Aber wenn ich hier die Kommentare lese, bin ich hin- und hergerissen. Fest steht für mich dreierlei:
1. Kein Geld an Rechteverwerter. Wie viel bekommt von einem Musikalbum (VK EUR 18,-) der Künstler? Waren es EUR 1,- oder EUR 0,50? Klassische Vermarkter haben ausgedient.
2. Ich will für Inhalte zahlen. Ich spende regelmäßig an Podcast-Produzenten. Die erhalten von mir genau 100% meiner Spende, denn sie sind Vermarkter und Produzenten zugleich.
3. Ich will eine nicht den Marktregeln unterworfene Instanz, die unabhängigen, hochwertigen, aufwendigen Journalismus schafft. Mit den Öffentlich-Rechtlichen liegt vieles im Argen, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Verleger auf die Politik. Trotzdem brauchen wir Unabhängigkeit im Journalismus.
(Volker Grassmuck, nicht Volker Grasmück)
Herr Michal,
Sie fordern eigentlich einen Journalismus-Fonds:
http://carta.info/21171/reform-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk/
@ Tharben:
Vielleicht mal die Studie unter http://carta.info/23945/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ahnungslos-und-meinungsschwach/ lesen.
@RJonathan
>>Aber es gilt zu Bedenken, dass die Kreativ-Branche eine Hochrisiko-Branche ist.
Da gebe ich Ihnen zum Teil recht. Die klassischen Short-Head-Hits, das ist eine Hochrisiko-Branche. Da wird viel investiert und dann alles auf eine Karte gesetzt. Bei einem Hollywood-Bluckbuster geht es um viel Geld.
Aber was ist mit Musikern, Autoren oder Fotokünstern, die sich eine solide Fanbase geschaffen haben. Da sollte doch der Erfolg – zumindest in groben Zügen – planbar sein.
Dazu müssen die Keativen aber aus ihrem kreativen Elfenbeinturm heraus und ran ans Fan-Volk.
bezüglich Hichrisiko-Branche : Auch die VC-Branche ist eine Hochrisiko-Branche und die verlangen keine Innovations-Flatrate, um die Kosten der gefloppten Deals zu sozialisieren. Schließlich sind die die Angels und VCs, die mit ihrem Mut immer wieder die aberwitzigsten Dinge finanzieren, die dann zur nächsten Evolutionsstufe des Webs führen. Oder aber verglühen.
@Wolfgang Michel,
>>Nun gibt es aber auch Qualitätsangebote im Netz, die es nicht in eine hermetische App schaffen, weil sie nicht dazu passen, weil sie unabhängig sein wollen, weil sie ein anderes Publikum ansprechen wollen, weil sie unkonventionell sind etc. (nennen wir sie die Independents).
independent (Adj) = eigenmächtig, eigenständig, individuell, unabhängig, selbständig – soweit Leo.org
Alles Adjektive, die ich voll unterstützen kann. Wer sein eigenes Ding machen will, soll das tun. Go for it!
Aber warum soll dieser Wunsch nach Kreativität von der Allgemeinheit getragen werden? Wer sich berufen fühlt eine unkonventionelle Independent-Sache auf die Beine zu stellen, muß mit dem Risiko leben, das es kaum Leute interessiert und er kein Geld verdient. Dann kann das Projekt entweder als Hobby geführt werden oder es stirbt. Fertig, ab.
Independent und geschäftstüchtig schließen sich doch nicht aus.
>Und diese Independents sind es, die die Kultur lebendig halten. Es wäre falsch, dieses großartige Reservoir mit Hilfe von Albert Warnecke (Kommentar 11) auszutrocknen.
Warum halten die Independents die Kultur lebendig? Bedeutet das, ARD, ZDF, die Opernhäuser und Theater und die Rolling Stones kauen Kultur nur wieder? Dürfen die denn dann überhaupt an der Flatrate partizipieren?
Und woher wissen Sie, daß ich dieses Reservoir austrocken will? Ich habe nur gesagt, dass es vielleicht einfach zu viele Kreative gibt. Dazu stehe ich weiter. Wer eine Springflut eindämmen will, ist doch noch kein Austrockner.
>Dieses marktradikale Geschwätz der Warneckes:
Zuviel der Ehre, belassen Sie es beim Singular. Ich spreche weder für den gesamten Warnecke-Clan, noch bin ich das Sprachrohr einer geheimnsvollen marktradikalen 5. Kolonne. Das hier bin einfach nur ich. Ich und meine Meinung. Subjektiv und überhaupt nicht repräsentativ. Aber eben meine Meinung und nur die vertrete ich hier.
>Alles, was nicht sofort Erfolg hat, muss weg, würden die Warneckes ja nie auf sich selbst anwenden, sondern immer nur auf andere.
Was die Warneckes auf wen auch immer anwenden, weiß ich nicht. Ich frage mich nur, woher Sie das wissen.
Ich habe nie gesagt, daß alles, was nicht sofort Erfolg hat weg muss. Auf mich selbst wende ich das im Übrigen sehr wohl an. Ich verlange von niemandem eine Albert-Flatrate, sondern finanziere mich zu 100% selbst. Ich verdiene mein Geld mit anderen Dingen, sonst könnte ich nicht hier sitzen und um 20.30 Uhr diesen Kommentar tippen.
>Und diese Warneckes übersehen auch die Alternative. Sie weigern sich zwar, zehn Euro im Monat für eine Kulturflatrate zu zahlen, aber 500 Euro für 15 kleinteilige Mediennutzungen und dazu drakonische Sanktionen bei Urheberrechtsverletzungen nehmen sie offensichtlich gern in Kauf.
Weder noch, mein Lieber, weder noch ;-) Ich zahle keine 500 € und verletze auch keine Urheberrechte, ich schränke meinen Medienkonsum einfach ein. Auch für mich hat der Tag nur 24 Stunden. Das was mir jetzt an Interessantem in Print,TV, Radio, Internet an einem Tag entgegenflutet (d.h. nach gnadenlosem Aussieben) reicht schon, um mich für 1 Woche zu beschäftigen. D.h. selbst von den interessanten Sachen muß ich – leider – das meiste ungelesen, ungesehen, ungehört im an mir vorbeiziehen lassen.
@tharben
1. Kein Geld an Rechteverwerter.
2. Ich will für Inhalte zahlen.
Klingt so ähnlich, wie der Beitrag, den ich vor einigen Wochen gesehen habe. Da ging es um Bio-Bauern, die sich zusammebntun und selbst vermarkten.
Hier war es:
1. Kein Geld an die großen Handelsketten
2. Direkter Kontakt zum Kunden, um die Qualität erklären zu können
Letzendlich ähnlich. Als eines der größten Hindernisse wurde das Umdenken, der mentale Wandel vom Landwirt, der eher produktbezogen denkt, hin zum Vermarkter, der eher kundenbezogen denkt. Da mussten sich die Landwirte erst dran gewöhnen.
Ging dann aber ganz gut.
Ich denke, das ist bei den Kreativen ähnlich, man macht Musik, schreibt, filmt, macht sonstwas und dann muß man sich auch noch um die Fans, Anhänger, Kunden, wie immer man es nennt kümmern.
Das ist bestimmt nicht einfach, man hat ja so schon genug zu tun, aber meiner Meinung nach der einzige Weg um erfolgreich zu sein.
Direkt mit den Abnehmern der eigenen Erzeugnisse kommunizieren, zur Marke werden, für etwas stehen. Wenn man hier belastbare Beziehungen in einer genügenden Reichweite aufbaut, solle es mit der Monetarisierung auch klappen.
Chris Guillebeau hat dazu in seinem Blog “The art of Non-Conformity” ein interessantes PDF veröffentlicht
http://chrisguillebeau.com/3×5/the-writers-guide-to-money-and-passion/
Was steht drin?
“…It talks about why I write a newspaper column that no one reads, why I’ll syndicate to almost any outlet, and why I don’t care that CNN doesn’t pay me for the articles they post with my byline. More importantly, it offers guidance for new writers, or those who have been unsuccessful using conventional tactics….”
Vielleicht gibt es einen wesentlichen Unterschied zu den Bio-Bauern:
Was war denn bisher nötig, um Medien an den Mann und die Frau zu bringen? Papier, Druckerpressen, Presse-Grosso, Plattenfirmen usw. Der Schlüssel dazu lag in der Hand der Verlage. Das alles hat ausgedient. Die Bürger brauchen das alles nicht, denn es gibt das Internet, es gibt Filesharing, also enorm preiswerte Distribution über Peer-to-Peer-Netze.
Das wäre so, als könne jeder Bio-Bauer seine Waren mit ein paar Mausklicks weltweit vermarkten, zu genau den Kosten von ein paar Mausklicks. Revolution.
Das wissen die Verlage. Sie wissen sehr genau, dass sie zu einem großen Teil zu nichts mehr nützen, dass sie niemand mehr benötigt. Ich vermute. dass die Zeitungsverleger aus genau diesem Grund an die Politik herantreten und schlussendlich sich am Tropf der Steuerzahler werden durchfüttern lassen. Wenn da das Herz eines Westerwelle nicht lacht.
@tharben: Grassmuck ist korrigiert. Danke für den Hinweis (dafür heiße ich wahlweise Michel oder Michael)
Zu Ihren Forderungen: 100% für die Urheber klingt gut, aber in der Realität geht’s halt nicht um Maximalforderungen, sondern um einen einigermaßen fairen Ausgleich zwischen den drei vorhandenen Gruppen: Urheber, Verwerter, Nutzer.
@ebertus: Dieses zwanghafte Reden davon, dass eine Flatrate persönlichen Zwang bedeutet, halte ich (auch angesichts der in Frage stehenden Summe) für ziemlich überdreht. Ja, Flatrate hat durchaus etwas mit Gemeinsinn und Gelassenheit zu tun (Man unterstützt auch Dinge, die nicht 100% dem eigenen Geschmack entsprechen). Durch Marktradikalität (“ichichich zahle nur für michmichmich”) entsteht am Ende eher Einfalt, nicht Vielfalt.
Das flattr-Modell von Sunde (Ex-PirateBay) ist interessant und würde funktionieren, wenn sehr viele mitmachen. Es ist aber, wie kachingle, vermutlich ein Minderheitenprogramm.
@Ulrike: Über die Integration der Rundfunkgebühr (oder eines Teils der Rundfunkgebühr) könnte man reden, ja. Das würde aber ein riesiges Fass aufmachen. Bist du sicher, dass die ganz große Lösung eher umsetzbar ist als die Zweitverwertungs-Flatrate?
@Jim Knopf: Nein, zum x-ten Mal: Es geht nicht um einen Journalismus-Fonds. Es geht auch nicht um Subvention oder Almosen. Es geht um Bezahlung von Arbeit. Lesen Sie bitte noch mal den Beitrag.
@Warnecke, Sie schreiben: Ich zahle nicht….weder das eine, noch das andere…
“…ich schränke meinen Medienkonsum einfach ein. Auch für mich hat der Tag nur 24 Stunden. Das was mir jetzt an Interessantem in Print,TV, Radio, Internet an einem Tag entgegenflutet (d.h. nach gnadenlosem Aussieben) reicht schon, um mich für 1 Woche zu beschäftigen. D.h. selbst von den interessanten Sachen muß ich – leider – das meiste ungelesen, ungesehen, ungehört im an mir vorbeiziehen lassen.”
Sehen Sie, genau das ist Ihr Problem: Sie glauben, dass alles nur für Sie gemacht ist, dass alles nur für Ihre Interessen gedacht ist. So ist es aber nicht. Es gibt da draußen noch andere…
an die Marktradikalen: Ich zahl jetzt auch keine Steuern mehr, mit denen hochsubventionierte Schulen am Leben gehalten werden. Sollen sich die Kinder doch im konstenlosen Internet bilden!
@ Roman: Marktradikal? In welcher “Der Freitag”-Blase leben Sie denn?
Wahrscheinlich wollen Sie bald auch noch die Journalismus-Pflicht analog zur Schulpflicht einführen. Auf den Lehrplan folgt dann der Journalismusplan.
@ Wolfgang Michael: Sie können Ihr Modell hier zigmal Tantiemen oder Zweitverwertung oder Nichtsubvention nennen. Sie wollen im Kern eine Pauschalabgabe der Internetnutzer einführen, die direkt an die Urheber fließt. Das sind keine Tantiemen, das ist ein neues Geschäftsmodell für Journalismus.
Das können Sie natürlich gerne machen. Aber mir fehlt die Begründung. Juristisch ist das nicht banal: Welches Verwertungsrecht soll denn mit der Pauschalabgabe abgegolten werden? Wofür sollen die Nutzer eigentlich zahlen?
Auch ökonomisch erscheint mir Ihre Begründung nachbesserungsbedürftig. Ihre Begründung lautet: Weil Journalisten zu wenig verdienen.
Das mag ja sogar richtig sein und für die Betroffenen eine sehr schwierige Lage bedeuten. Aber es trifft nicht den Kern des Problems, denn das lautet: Wie viele Journalisten braucht diese Gesellschaft und wer entscheidet das? Diese Frage steht vor einer Debatte über eine Pauschalabgabe, tschuldigung, Tantiemen.
@Florian Cent: Da Sie sich in der Materie nicht auskennen, aber eine großartige Meinung dazu haben, empfehle ich Ihnen, erst mal das Urhebergesetz zu lesen, u.a. die Paragraphen 27 und 54. Dort steht etwas von Vergütungspflicht.
Und wie viele Journalisten eine Gesellschaft braucht, entscheiden Gott sei Dank nicht Sie, sondern die Gesellschaft.
Im übrigen sind Sie ja Nutzer dieser Seite, und zwar freiwillig.
Habe ja nicht geahnt, dass Wolfgang Michal hier auf Carta so dünnhäutig sein kann. Was will er denn nun konkret? Und wie sollte die wirklich umsetzbare, realistische Ausgestaltung der Kulturflatrate funktionieren? Ja, auch unter umfänglichen, datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen! Die GEZ einbinden mag er ja wohl nicht so sehr. Also muss eine neue Organisation als Overhead her, als “ein” Ersatz für Bisheriges oder zumindest als Koordination, als Clearingvorsatz für die natürlich weiter bestehenden, in jedem Fall auf aktuell rechtlicher Grundlage operierenden Geldeinsammler. Nein, das dürfte nicht ganz trivial sein, wird eher zunehmend komplizierter, unmöglicher.
So edel, so fair ist die reale Welt des Medienbusiness nun mal nicht. Und ob bzw. wie das von interessierten Kreisen angedachte, lobbyisierte Leistungsschutzrecht – aber ebenfalls jegliche Art von Kulturflatrate – die natürlich allfälligen Klagen vor dem BVG übersteht, das ist doch wohl vollkommen offen. Dem ebenfalls nicht so edlen Enduser, dem Konsumenten bleibt da, soweit nicht zwangsverpflichtet, nur die partielle Verweigerung – mehr wohl kaum.
Und dabei wollte ich doch für carta.info (damit auch für Michal’s Beiträge) gerne zahlen. Die gewisse, immer wieder neue Eintscheidungsfreiheit bei der Zuordnung wollte ich mir aber vorbehalten. Reines Stimmvieh; passiver Zahler ist man ja bereits genug; mag sogar im Einzelfall berechtigt sein um das Ganze handhabbar zu halten.
Die provokant hingehaltene Schublade des Marktradikalen kann ich ab.
Lieber Herr Michal, Sie schrieben:
“Die „ungeheure Überwachung“, die Sie befürchten, haben wir jetzt auch schon, weil natürlich auch die bestehenden Verwertungsgesellschaften den Markt scannen, um Zweitnutzungen erfassen zu können. Das ist der Zweck dieser Unternehmen. Die erhobenen Daten unterliegen dem Datenschutz. Hier braucht es rechtliche Regelungen. Das ist eine politische Aufgabe.”
Wir haben mitnichten eine für ein solches Vorhaben nötige Überwachung jetzt schon – Gott sei Dank. Denn die VGs scannen, wie Sie richtig sagen, den Markt. Eine Gesellschaft, die eine Vergütung der Nutzung digitaler Werke im Netz ermöglichen soll, müsste aber private Nutzung “scannen”. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob die GEMA etwa überprüft, welche Songs bei öffentlichen Konzerten gespielt werden, oder die (ich nenne sie jetzt mal:) KF-VG, was einzelne Nutzer (zur Anonymisierung komme ich gleich) konsumieren. Hier findet eine Verlagerung bzw. eine Vermischung von öffentlichem und privatem Raum statt, die bzgl. des Grundrechts auf Privatsphäre erst einmal heikel ist. Fragen Sie doch einmal (zum Beispiel) die Musikliebhaber, wie sie das fänden, wenn die GEMA alle privaten Wohnungen abhörte, um festzustellen, was “so gehört wird” – selbstverständlich unter völliger Anonymisierung der Daten.
Außerdem läuft das Verlangen nach vollständig anonymisierten Daten dem notwendigen Anliegen, Manipulation zu unterbinden entgegen. Es ist ein Leichtes, ein einzeiliges Script zu schreiben, das etwa jede Sekunde eine bestimmte Webseite aufruft, ein bestimmtes Musikstück oder ein Video herunterlädt. Mittels TOR oder ähnlicher Dienste entginge ein solches Script sogar der Aufdeckung durch IP-Vergleich. Wer ernsthaft glaubt, dass die Verwerter, um deren Einnahmen es hier geht und die ohnehin eher gegen eine KF eingestellt sind, nicht skrupellos genug sind, zu solcherart Mittel zu greifen, verkennt meiner Meinung nach die Realität. Ich muss nicht einmal nur das übliche Misstrauen gegenüber “den Verwertern” bemühen: jeder User, dem etwas daran liegt, dass ein von ihm verehrter Kreativer besonders viel Zuwendung bekommt, könnte sich solcher Mittel bedienen. Er muss nicht programmieren können, irgendjemand stellt das Nötige schon zum Download ins Netz. Am Ende ist es wie beim Radrennen: wer nicht dopt, ist der Dumme.
Natürlich weiß ich, dass die bisherigen VGs so ihre Schlüssel haben, nach denen der Topf verteilt wird. Die Frage ist nach den obigen Ausführungen nur: Wie könnte ein solcher aussehen, wenn Download-/”Klick-”Zahlen nicht funktionieren? Nicht mal exakt ausformuliert, nur so ungefähr. Welches Kriterium könnte es denn noch geben, nach dem man messen könnte? Die gesamte nicht über das öffentliche Web abgewickelte Nutzung bleibt ja ohnehin außen vor.
Wenn es eine gute Idee gäbe, auf der eine solche KF aufgebaut würde – ich würde nicht zögern sie zu bezahlen. Die Entlohnung von Kreativen für ihre Arbeit ist auch meiner Meinung nach ein richtiges Anliegen. Ich kann nur in der Kulturflatrate bisher nicht sehen, dass sich die massiven Probleme, die sich durch vorhandene “Konzepte” auftürmen, lösen lassen. Aus Verzweiflung “weil es ja keine andere Möglichkeit gibt” eine kulturpolitisch und grundrechtlich schlechte Lösung zu forcieren, kann ich nicht unterstützen. Auch wenn ich die Ideen sehr genau beobachte um vielleicht doch eine umsetzbare Lösung zu entdecken. :)
Sehr geehrter Herr Michal,
ich verstehe nicht, warum ich mich hier als ahnungslos abstempeln lassen muss. Ich habe Sie gefragt, welches Verwertungsrecht Sie in die Verwertungsgesellschaft überführen wollen, die dann die Kulturflatrate einsammelt. Die Frage haben Sie mir nicht beantwortet.
Das ist alles nicht so banal, wie sie denken. Bitte beachten Sie, dass genau aus diesem Grund im Gutachten für die Grünen (http://www.gruene-bundestag.de/cms/netzpolitik/dok/278/278135.eine_kulturflatrate_ist_machbar.html) von einer “gesetzlichen Lizenz” die Rede ist. Im Zuge der Kulturflatrate würden die gesamten Urheberrechte ausgelöst.
Das nennt man auch Total-Buy-Out.
Vielleicht habe ich ja nur den Eindruck: Aber ich sehe hier sehr viel juristisches Glatteis, auf dem Sie sich bewegen. Bitte seien Sie doch mit Ihrem Modell genauso kritisch wie mit dem Leistungsschutzrecht der Verlage.
@ebertus: Dünnhäutigkeit? Wie man in den Wald hineinruft…. (Ist es nicht eher Geduld?? Sehen wir es sportlich, zumindest weiß ich aus Ihren früheren Kommentaren, dass Sie ein interessierter Leser sind).
@Thomas Barth: Ich gebe Ihnen recht, dass das Erfassen und Schützen der Daten heikel ist. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. Aber ich kann hier kein Expertengremium aus Programmierern und Datenschützern ersetzen. Vermutlich müssen die reinen Klickzahlen durch andere Parameter abgesichert werden (um den von Ihnen und anderen befürchteten Missbrauch zu verhindern). Es ist ein Annäherungsprozess. Kaizen. Technisch, denke ich, immer besser lösbar.
Das System METIS der VG Wort arbeitet momentan so (und die VG Wort steckt damit noch in den Kinderschuhen): „Die VG WORT weist daraufhin, dass die durch unser Zählsystem ermittelten Größen – insbesondere der für die Ausschüttung relevante Zugriffszählerstand – statistischer Natur sind und ihnen Eingaben der Benutzer, sowohl bei der Meldung wie auch bei der Nutzung der Werke, aus dem Internet zugrunde liegen.“ Ich zitiere nur diesen kurzen Ausschnitt aus einer längeren Beschreibung. Abrufe aus dem Ausland, Abrufe von Suchmaschinen, maschinelle Abrufe werden von METIS übrigens nicht gezählt.
Auf die bestehenden Erfahrungen lässt sich aufbauen.
Mir geht es aber hier um diese Reihenfolge: 1. Was verändert sich (für Urheber, Verwerter, Nutzer). 2. Welche Ziele sollen in einer demokratischen Gesellschaft erreicht werden. 3. Was muss man dafür tun, wie lässt sich das am gescheitesten umsetzen?
Hier in den Kommentaren wird lieber von hinten nach vorn diskutiert: 1. Es ist furchtbar schwierig umzusetzen, also lasst uns 2. unsere Ziele vergessen, denn 3. wird sich alles schon irgendwie von alleine regeln. (Nebenbei: Manchmal ist das sogar eine sympathische Haltung).
@florian: Pauschalabgabe ja (hier gibt es vermutlich Ausnahmen, vielleicht auch Abstufungen). Die Verteilung der Tantiemen aus dem Pauschalabgabentopf entspricht aber dem, was den Urhebern a) gesetzlich zusteht und b) individuell durch die Verwertungsgesellschaft ermittelt worden ist. Aussagen zu Nutzungsrechten und Vergütungspflichten entnehmen Sie bitte – ich sagte es bereits – dem Urheberrecht.
[...] 09/03/2010 by arebentisch Breite Diskussion zu einer Mediennutzungspauschale bei Carta. [...]
[...] Warum wir die Kulturflatrate vielleicht doch noch brauchen — CARTA RT @geffkenmiyamoto: Warum wir die #Kulturflatrate vielleicht doch noch brauchen http://bit.ly/cUfS4W #Urheberrecht (tags: twitter_automatisch urheberrecht kulturflatrate) [...]
@Michal:
>>Sehen Sie, genau das ist Ihr Problem: Sie glauben, dass alles nur für Sie gemacht ist, dass alles nur für Ihre Interessen gedacht ist. So ist es aber nicht. Es gibt da draußen noch andere…
Ganz im Gegenteil, ich glaube, das das Meiste nicht für mich gemacht ist. Vieles von dem, was gemacht wird, ist für andere und so soll es sein. Ich sehe nur nicht ein, warum mein Geldbeutel für die Interessen der andern da sein soll.
Das ist alles. Ich unterstütze das, was mich interessiert und ich möchte selbst auswählen was ich unterstützenswert finde. Ich zahle übrigens mit Geld und mit Zeit (so von wegen Aufmerksamkeits-Ökonomie) Ich finde, daß ich beispielsweise Sie schon sehr unterstützt habe. So ein langer keyword-reicher Kommentarschweif am Artikel, das bringt was in Google. Und zwar heute und morgen und übermorgen…
Sozusagen ein zeitloses Investment, das wir alle (Sie als Autor und wir als Kommentatoren) hier getätigt haben.
Wo wir beim Thema Investment sind: Ich hätte noch einen sehr pragmatischen Grund gegen eine Flatrate vorzubringen:
Das Geld muß eingezogen und verteilt werden. Leider bewegt sich das Geld nicht von alleine, sondern muß bewegt werden. Von einer Behörde, einer öffentlich-rechtichen Instutition oder Körperschaft, jedenfalls nicht von einem schlanken Web 2.0-Startup.
Damit diese Institution überhaupt starten kann, braucht sie einen entsprechend bezahlen Direktor mit Fahrer, Vorzimmer und Stab. Das ist wichtig wegen der Augenhöhe, kein A8, keine Augenhöhe, keine ernstzunehmende Institution. Dazu noch das operative Personal zwecks der Geldbewegung. Nun hat noch kein Kreativer einen Cent gesehen, aber die ersten Millionen sind weg.
Nun nimmt die Institution ihre Arbeit auf und die Gelder fließen. Alles wunderbar. Jetzt werden die Aufgaben aber komplexer und es wäre sinnvoll eine Abteilung zu gründen, um die Arbeit sinnvoller und besser organisieren zu können. Abteilungsleiter wird Herr Müller. Soweit alles gut. Es gibt nur ein kleines Problem: Herr Müller ist Mitglied der A-Partei (ich vergaß zu erwähnen: damals, als die Institution gegründet wurde haben die einzelnen Vertreter des öffentlich-rechtlichen Lebens auf eine gerechte Verteilung der Positionen geachtet, so von wegen Augenhöhe…)
Wenn Herr Müller jetzt Abteilungsleiter wird, hat die A-Partei ein Übergewicht, das geht nicht, außerdem gibt es da noch Frau Meier von der B-Partei, eine überaus kompetente Frau…
Lange rede kurzer Sinn: Entweder gibt es 2 Abteilungen oder die B-Partei sieht sich gezwungen im Bundesrat den Nachtragshaushalt zum Schutze der Republik wegen “schwerwiegender verfahrenstechnischer Mängel ” abzulehnen.
Also gibt´s 2 Abteilungen, eine davon nutzlos. Aber beide müssen mit Personal ausgestattet werden und Herr Müller und Frau Meier setzen ihr Bedeutungsrennen munter fort. Bekommt der eine eine E12-Stelle, darf die andere ihr Reisebudget verdoppeln…
Dann setzt die Zellteilung ein. Die Abteilung bekommt Unterabteilungen, die wiederum wollen zu Abteilungen werden und selbst Unterabteilungen aufmachen.
Und im Jahr 2030 beträgt die Kulturflatrate 40€/Monat. 5€ gehen an die Kreativen, mit dem Rest erhält sich die Institution. Das wird von selbigen vor jeder Wahl immer wieder gerne angeprangert oder gar gegeißelt, aber ändern tut sich nix, denn ” Fest gemauert in der Erden
steht der Bau, aus Stahlbeton…” Da brennt nix an ;-)
Will sagen: Die Kulturflatrate ist keine Geldquelle für Kreative und Kulturschaffende, sondern eine ABM-Maßnahme für Technokraten und Verwaltungsjuristen.
Anders als in der Wirtschaft können einmal geschaffene Institutionen auch nicht pleite gehen, die Lebensdauer so einer öffentlich-rechtlichen Konstruktion ist erst einmal als „ewig“ zu betrachten. Angesichts der Pensions- und Rentenverpflichtungen, die so eine Institution mit sich bringt kann „ewig“ in diesem Fall wirklich sehr, sehr lange sein.
Sich in diesen extrem disruptiv-orientierungslosen Zeiten einen Behörden-Klotz ans Bein zu binden halte ich für falsch.
@Michal: Sie weichen sowohl im Artikel als auch in der Diskussion den Kernproblemen der Kulturflatrate aus. Ein Raumpfleger bekommt für seine Arbeit einen (mageren) Lohn, pro Stunde. Die Befürworter der Kulturdauerabgabe verlangen im Grunde aber einen nutzungsunabhängigen Zehnt, als würde man das Reinigungspersonal weiter entlohnen “weil es mal geputzt HAT”. Und Ihre Thesen werden, solange sie keine Quellen beibringen, durch Wiederholung nicht richtiger:
“Eine Kulturdauerabgabe wäre – wie die Rundfunkgebühr – für alle Nutzer erschwinglich.” -> Bei der Rundfunkgebühr gibt es allerhand Ausnahmetatbestände, weil sie eben gerade nicht für alle erschwinglich ist und gerade die Ausnahmen schaffen allerhand Ungerechtigkeit im sogenannten Niedriglohnbereich.
“ihre Bürokratie hielte sich in Grenzen” -> Bislang hat sich noch jede VG in bürokratische Monster verwandelt. Beispiele gibt es genug.
“man könnte auf Abmahnungen verzichten” -> Nur wenn Sie es schaffen, das Modell international zu etablieren. Bereits heute werden viele Abmahnungen auf Betreiben der internationalen Rechteinhaber/-verwerter zugestellt um der Kostendeckelung zu entgehen. Bereits national werden Sie es kaum schaffen, die Einliedwunder dem mit der Kulturdauerabgabe einhergehenden Kontrahierungszwang zu unterwerfen, da diese darauf angewiesen sind ihren kurzfristigen Ruhm intensivst zu nutzen.
“Das Verlinkungs-Netz würde nicht durch Mautstellen zerstört.” -> Eine Maut schafft durch gezielte Belastung der Nutzer eine maximale Ausgestaltung der Lastengerechtigkeit. Ihr Profilbild lässt mich annehmen, dass Sie sich noch an den Kohlepfennig erinnern können. Lesen Sie das Urteil und die Kommentare dazu.
Die letzte These wiederhole ich nicht mal. Die ist einfach nur hanebüchen. Ab einer gewissen Größe verdienen die Verwerter mehr an der Marke ihrer Stars als am originären Tonträger- oder Musikstückeinzelverkauf. Mit der Kulturdauerabgabe enteignen sie gerade Spezialisten, wenn sie keinen E- und U- Verteilerschlüssel nutzen wollen, der die Verteilung zu Bürokratieakt par Force werden ließe.
Es gibt aus dem Dilemma nur zwei Erkenntnisse:
Kulturschaffende werden in Zukunft direkter bezahlt, nach Leistung z.B. pro Konzert oder pro Bild, wie der Putzmann und der Mechaniker auch. Eine Kulturdauerabgabe würde Kulturschaffende über das sinnvolle Maß hinaus priviligieren.
Man vertreibt den Teufel nicht mit dem Beelzebub. (nicht ganz so neu)
Eines muss man Euch Flatrate-Gegnern ja lassen: Ihr seid hartnäckig.
@Albert Warnecke
Gegner der Kulturflatrate verkennen gern, dass es Verwertungsgesellschaften bereits gibt. Die Verwaltungskosten dort betragen ca. 10 bis 15 Prozent, das könnte man sicher noch etwas effektiver gestalten. Aber egal, wo sie hinschauen: Verwaltung kostet was. Bei Krankenkassen, Rentenversicherungen, jedem größeren Unternehmen.
Die Gegner der Kulturflatrate arbeiten gern mit Schwarzmalerei und Vermutungen (und manche neigen wohl auch zu Verschwörungstheorien).
Natürlich freue ich mich über Ihre Aufmerksamkeit, aber komischerweise bekomme ich immer Probleme, wenn ich beim Bäcker mit meiner Aufmerksamkeit bezahlen will. Sie nicht?
@Dübbert: Auch Sie ignorieren leider, dass laut geltendem Urheberrecht Nutzungen vergütungspflichtig sind. Es geht hier nicht um Lohn. Das ist im Beitrag ausführlich dargelegt. Allerdings wird der Tantiemenanteil am Einkommen zunehmen müssen (was schlicht und einfach an der digitalen Technik im Zeitalter der Reproduzierbarkeit liegt).
Im übrigen bezahlen Sie mit jedem Zeitungskauf sämtliche Artikel (und Anzeigen), die sie nicht lesen. Obwohl Sie den Feuilletonteil vielleicht wegschmeißen, finanziert Ihr Zeitungskauf auch den Feuilletonredakteur und die Sekretärin in der Anzeigenabteilung. Und da gibt es viele solche Beispiele.
“dass laut geltendem Urheberrecht Nutzungen vergütungspflichtig sind”
Das stimmt zum Glück ja gerade nicht. *Verwertungen* sind vergütungspflichtig und das sollte auch unberührt bleiben. Nutzungen sind frei bis das Videoband abgeschliffen, die Farbschicht abgeblättert, die DVD oxidiert, die CD abgelöst ist, kein Gerät mehr MP3 oder VOB wiedergeben kann oder die Rille ausgeschabt ist.
Der Anteil der Tantiemen im Einkommensmix (Tantiemenanteil bezeichnet in der Branche etwas gänzlich anderes) nimmt ab und das ist mit Verlaub auch gut so. Die Verwerter fallen zunehmend aus der Beziehung von Künstler und Konsument. Das bedeutet aber auch, dass die Künstler wieder zurückfinden müssen in die Gesellschaft.
Kulturschaffende und die, die sich dafür halten, verlangen mit der Kulturdauerabgabe eine Art bedingungsloses Grundeinkommen.
Es heißt zwar soziale, aber auch Marktwirtschaft.
Markt bedingt ein Leistungsprinzip, von dem mit hehren Zielen die Künstler ab Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend ausgeklammert wurden und werden. Die Ziele wurden kontrkariert und der Markt ist hochgradig konzentriert, wie man sich in Köln und Gütersloh an der Autobahn ansehen kann. Da es aber immer weniger Tätigkeiten gibt, deren Erfüllung keine eigenständige Schöpfungshöhe erreicht, gibt es auch immer weniger Grund für die Sonderbehandlung des Kulturbetriebs.
Wenn ich die Lichtgestaltung und Beschallung einer Bühne erstelle, kann ich die Stunden des Komponierens und Einspielens gar nicht berechnen.
Die Person auf der Bühne bekommt für seine eingängige Tonleitervariation immer wieder Geld. Soll der Bühnengestalter jetzt von Youtube Geld verlangen, weil seine Leistung mit eigener Schöpfungshöhe in Bootlegs mit abgebildet wurde? Richtig – das ist vollkommen abwegig.
Der “Künstler” bzw. sein Verwerter kann das und er tut das. Beide haben viel investiert, der Lichttechniker womöglich sogar ein Ingenieursstudium. Womit begründen Sie die Diskriminierung?
Die Kulturflatrate löst die Probleme nicht, sondern substituiert sie allenfalls. Ich halte auch nichts von einer legalisierung von P2P auf dem Weg einer Dauerabgabe, da ich jene System für illegitime Neuveröffentlichungen halte, die im Zweifel Kontrollen, wie sie die Stones im Falle Angie ausübten, unmöglich machen.
Autos tragen auch nur noch bei sehr gestrigen Besitzern Hufeisen* und die Gummibereifung vernichtete das Wagnerhandwerk in wenigen Jahren.
Tote Pferde lassen sich auch mit mehr Futter nicht mehr reiten.
Ich habe mal analoge Fotobearbeitung gelernt und käme nicht auf die Idee, eine Film-Abgabe zu fordern, weil mein Geschäftsmodell von einer neuen Technologie verdrängt wurde und der Ausbelichter in der Drogerie am Ort ein Tagwerk von mir binnen Sekunden erledigt. Ja Markt und Entwicklung kann grausam sein, aber Sankt-Floriansprinzipien helfen nicht weiter, die Künstler müssen feuerfest bauen und die Verwertungsindustrie muss der Realität ins Auge sehen, dass der Kupferstich nicht mehr der einzige Kopiervorgang ist.**
* Schlechtes Beispiel: es gibt jetzt mehr Pferde und mehr Hufschmiede als vor 100 Jahren
** Ich würde an der Kübler-Ross-Analogie gerne noch etwas arbeiten, aber ich werde ja nicht bezahlt.
Lieber Falk,
das hier steht in den Wahrnehmungsverträgen mit der Verwertungsgesellschaft Wort: “Als Urheber der von mir elektronisch gemeldeten Veröffentlichungen beauftrage ich die VG WORT, meine Rechte und Ansprüche aufgrund §§ 27 und 54 UrhG, auch soweit nicht nur einzelne Vervielfältigungsstücke hergestellt werden, jeweils vom Zeitpunkt ihres Entstehens an wahrzunehmen. Dies gilt auch für Rechte und Ansprüche aus den Bereichen Kopienversand, digitale Offline‐Produkte sowie Online‐Rechte, soweit die VG WORT hier entsprechende Rechte wahrnimmt.”
P.S. Arbeiten Sie noch etwas an den Analogien!
@ taranoga, Albert Warnecke:
Danke für die klugen Beschreibungen der Möglichkeiten der Generation Praktikum und der Verwaltung. Die Verwaltung von Menschen ist zu gut bezahlt. Anderes zu schlecht. Noch so ein solches Sytem ist nicht nötig.
@ Wolfgang Michal: Warum wollen Sie sich einschalten in die finanzielle Beziehung des Veröffentlichers und des Rezipienten? Wenn mir jemand etwas nicht mitteilen möchte, kann er den Zugang für mich sperren. Er kann mir mitteilen, dass ich über ihn nicht sprechen oder verlinken soll. Er soll sein LeistungsSCHUTZrecht ausüben und es nicht von vornherein auf Verwertung zuschneiden. Dass der Staat für die eigentlich unabhängigen Journalisten Geld einziehen lässt ähnlich wie für die eigentlich unabhängige Kirche, lässt mich nichts Gutes erahnen. Vielleicht kann man auch kurz überlegen, dass der Veröffentlicher den Vermarkter bezahlt, wenn er ihn braucht.
@gast: Warum sollte man Angebote aussperren? Man kann Ihren Einwand auch umdrehen: Wenn Sie etwas nicht nutzen wollen, dann nutzen Sie es doch einfach nicht. Aber wenn Sie hier lesen, dann nutzen Sie. So einfach ist das.
[...] Warum wir die Kulturflatrate vielleicht doch noch brauchen — CARTA [...]
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