Ronnie Grob

Sozialstaatsdebatte: Die Deutschen und ihre Leistungen

Ronnie Grob | 21 Kommentar(e)


Was ist populistischer: Westerwelles Mahnruf oder der Aufschrei dagegen? Ein Schweizer Blick auf eine deutsche Debatte.

22.02.2010 | 

Ich wundere mich manchmal, wie in Deutschland Leistung beurteilt wird.

Wenn eine Biathletin an den olympischen Spielen die Silbermedaille holt, dann erkundigt sich der Reporter im darauf folgenden Gespräch gleich: “Warum hat es denn nicht ganz gereicht?” Und stellt ihr gegenüber bald fest: “Aber es ist doch nur der undankbare zweite Platz, oder?” Nur, um nach dem Interview über den neuesten Dopingfall zu berichten, in aller Ausführlichkeit und ohne jedes Verständnis für die abscheuliche Tat.

Wenn sich in der Sendung “Schlag den Raab” ein Kandidat einen Samstagabend lang mit Stefan Raab misst, dann sitzt halb Deutschland gebannt vor dem TV und fiebert mit dem Herausforderer mit. Es sei denn, er gibt ehrlich zu, er sei nur hier, um eine halbe Million abzuräumen, so wie es der glattrasierte Hans-Martin Schulze gemacht hat, ein junger Mann mit nicht ganz ausgereiften sozialen Kompetenzen. Dann wird er noch am selben Abend bei Twitter zum #hassmartin. Fast so, als würde es anderen Kandidaten nicht um das Geld gehen.

Wenn einige Blogger Verlage oder Vermarktungsagenturen gründen, damit sie und andere damit Geld verdienen können, dann schreien andere Blogger Zeter und Mordio, Ausverkauf, Kommerzialisierung! Nur um dann, wenn ihnen solche Verdienstmöglichkeiten angeboten wird, zuzusagen und auch Werbung zu schalten.

Wenn Guido Westerwelle in Deutschland eine “spätrömische Dekadenz” feststellt und sagt, “wir wollen den Bedürftigen helfen, aber nicht den Findigen”, dann geht ein Aufschrei durch Deutschland und sofort wird der Außenminister zum “Machiavelli des Proletenhasses” (bei Titanic) und natürlich darf dann auch der Führer nicht fehlen. Die Worte von Westerwelle reichten aus, um diese Woche als wildgewordener Hulk auf dem Titel des Spiegel zu landen (eine Idee, die übrigens die “Weltwoche” schon 2007 mit dem Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger umsetzte, der damals darauf mit einem Blogeintrag reagierte). Wer sagt, was Westerwelle sagt und das auf Anfrage auch noch bekräftigt, muss mit starkem bis sehr starkem Gegenwind rechnen.

Wohl wahr, von folgenlosen politischen Reden kann man sich nicht oft genug distanzieren, schließlich baut die schwarz-gelbe Koalition den Staat gerade auf und nicht ab, wenn man dem Spiegel-Artikel “Stau im Stellenkamin” glauben will. Aber man fragt sich, was populistischer ist: Westerwelles Mahnruf oder der Aufschrei dagegen. Wie denn soll ein gerechter Staat funktionieren, wenn nicht so? Natürlich ist es richtig, den Bedürftigen zu helfen – und nicht den Findigen. Je komplizierter die Gesetzlage ist, je aufgeblähter der Verwaltungsapparat, desto mehr Möglichkeiten gibt es für Findige, Ansprüche zu stellen. Das gilt für alle Bereiche, in denen Gesetze geschaffen wurden, um Opfer zu schützen.

Als Beispiel für so einen Fall sei “Der Feind in meiner Wohnung” empfohlen, ein Spiegel-Artikel über Mietnomaden in Deutschland. Wer Gelder bezieht, die ihm nicht zustehen, handelt unsozial – als Reicher und als Armer. Wer Gesetze zu seinen Gunsten ausnützt, handelt je nach dem auch auf Kosten der Gesellschaft – aber legitim. Er nutzt nur die Fehler der Gesetzgeber aus. Findige sollten allerdings ihre Cleverness nicht dazu ausnutzen, ihre Mitmenschen zu betrügen. Ist es so, und es gibt viele Fälle, in denen es so ist, dann darf das auch angeprangert werden. Warum? Um jene zu schützen, die tatsächlich Hilfe benötigen.

Das Problem mit der mit dem Staat verknüpften Leistung ist aber grundsätzlicher: Hat in Deutschland ein junger Mensch eine Idee, die er umsetzen möchte, wird er sich eher darum kümmern, welche Fördergelder er dafür bekommen könnte, als dass er versucht, seine Idee dem Markt auszusetzen. Ein ganzes Land, von den (unabhängigen?) Verlegern bis zu den (anarchistischen?) Autonomen, ruft gerne und laut nach Staatsgeldern. Es wird zu oft vergessen: Staatsgelder sind immer Steuergelder, also Zwangsabgaben, die all jenen, die durch eine Wirtschaftsleistung Geld erwirtschaften, weggenommen wird.

Auch wenn das Mantra der Linken, keine Abstriche am Sozialstaat vorzunehmen, eher lauter als leiser geworden sind, zeigt sich längst, dass er sich nicht mehr finanzieren lässt. Die Staatsverschuldung der meisten westlichen Staaten nimmt von Jahr zu Jahr dramatisch zu – und alle sehen diesem drohenden Untergang gemütlich zu. Die nächsten Jahre werden schwierig werden für den Westen, der seit der Kolonialzeit mehr oder weniger nichts anderes kennt als Weltherrschaft. Denn Länder wie China holen in atemberaubendem Tempo auf. Noch bewundern die Chinesen deutsche Leistungen – kaum einer, der nicht einen Mercedes oder einen BMW besitzen möchte. Bald aber bauen sie selbst solche Fahrzeuge. Oder schönere, bessere. Wenn nicht bald drastische Reformen eingeleitet werden, so könnten die westlichen Staaten dieser Entwicklung gegenüberstehen wie die Zeitungsverlage dem Internet: Ratlos, hilflos, verzweifelt.

Staatsverschuldung Deutschland bis 2008_preview

Staatsverschuldung Deutschlands bis 2008 (Klicken für Großansicht). Quelle: Statistisches Bundesamt

Der Staat hat in Deutschland einen guten Ruf: Will er zum Beispiel eine CD mit gestohlenen Bankdaten kaufen, so jubelt ihm eine Mehrheit zu. Er darf sich zum Mahner für alles und jedes aufspielen, seine eigene Wirtschaftsmacht aber setzt er nicht nachhaltig ein. Und wenn eine Hamburger Boulevardzeitung aufdeckt, dass der Parlamentspräsident von Hamburg mittels einiger Telefonate seine Privatstraße auf Staatskosten räumen ließ, während der Rest von Hamburg schlittern durfte, dann löst das nicht mehr als ein Schulterzucken aus. Fast bemitleidet man ihn, dass er deswegen so eine anstregende Woche hatte. Sein Job in Gefahr? Rücktritt? Denkste. Dem Staat und seinen Aushängeschildern wird auf eine manchmal beängstigende Weise vertraut – der Wirtschaft übrigens im gleichen Maße misstraut.

Der Arbeitsmarkt Deutschland ist ein System geworden, in dem man drin ist oder eben nicht. Neu rein kommt man kaum noch, denn welcher Unternehmer ist so wahnsinnig und gibt jemandem einen festen Arbeitsvertrag, den er kaum je wieder auflösen kann? Ich habe in Berlin x hervorragend ausgebildete und geeignete Menschen rund um die 30 kennengelernt, die ein Praktika an das andere, einen Zeitarbeitsvertrag an den nächsten reihen. Und immer dann, wenn eine Festanstellung folgen müsste, gekündigt werden. Also ziehen sie aus Deutschland weg, zum Beispiel in die Schweiz. Ein schöner Service von Deutschland, Menschen gut auszubilden und dann ihre Kenntnisse im Ausland anwenden zu lassen, das muss man sagen…

Drin sein im System und drin bleiben, das ist das bescheidene Ziel deutscher Bürger geworden. Bewahren, was man bewahren kann: Die Arbeitsstelle, die Sozialleistungen, die Rente. Bloß nicht klein bei geben. Die Errungenschaften verteidigen. Und immer feste druff hauen, wenn einer auch nur andeutet, Reformen einzuleiten (die zweifellos schmerzhaft sein werden). Ob es wirtschaftlich Sinn macht, einen 58-jährigen Angestellten weiterzubeschäftigen, der auch nach der fünften Schulung das neue Computersystem noch nicht bedienen kann, wird nicht gefragt. Er muss zwangssolidarisch von seinen Mitarbeitern mitgetragen werden, denn eine Kündigung hat so hohe Folgekosten, dass es den Entscheidungsträgern wirtschaftlicher scheint, ihn weiterzubeschäftigen.

Irgendwann wird alles explodieren. Und dann wird man sich an die Finanzkrise Ende der Nuller Jahre erinnern, die ein laues Lüftchen war, ein freundlicher Vorbote. Um sowas vorherzusehen, muss man kein Prophet sein und kein Verschwörungstheoretiker. Steigen die Staatsschulden des Westens weiter so an, wird es entweder zu einer massiven Inflation kommen oder aber zu Staatsbankrotten, so wie es sich in Griechenland andeutet.

Kann sich noch jemand erinnern, warum die DDR untergegangen ist? Es war ein Staat mit maroder Wirtschaft und weltabgewandten Politikern, kombiniert mit einem aufgeblähten und die Freiheit beschneidenden Verwaltungs- und Überwachungsapparat. So weit davon ist Deutschland nicht mehr weg. Gerade eben haben hochbezahlte Piloten der Lufthansa eine Arbeitsplatzgarantie gefordert. Die erhaltene Antwort: “Wir sind bereit, eine Arbeitsplatzgarantie bis Ende 2012 zu geben.”

Ein Arbeitsplatz, der gesichert ist, egal, wie man sich verhält, lädt nicht ein zu herausragenden Leistungen. Eine dynamische Wirtschaft lebt vom Wettbewerb, von sich immer wieder in neuen Konstellationen konkurrierenden Leistungen. Und das führt zu Wohlstand. Erstarrte Strukturen hingegen sind dem Niedergang geweiht, in einer sich immer schneller drehenden Welt mehr denn je.

Ronnie Grob wurde in der Banlieue von Zürich geboren und lebt seit 2007 in Berlin. Dieser Text erschien auch in seinem Blog.

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21 Kommentare

  1. Die Deutschen und ihre Leistungen » ronniegrob.com |  22.02.2010 | 17:16 | permalink  

    [...] Dieser Artikel erschien auch auf “Carta”. [...]

  2. Groo |  22.02.2010 | 18:34 | permalink  

    Herrliche Parodie der schweizer Sicht!

    Bravo! So stelle ich mir intellgenten Journalismus vor!

  3. B² |  22.02.2010 | 18:46 | permalink  

    Den Tatbestand einer Volksverhetzung definiert § 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs:

    Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
    1. zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder
    2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

  4. Wolfgang Michal |  22.02.2010 | 18:48 | permalink  

    Ich wusste gar nicht, dass die Staatsschulden steigen, weil die 58-Jährigen die Computerumschulungen nicht begreifen. Und ich wusste auch nicht, dass die Finanzkrise von “staats-zwangs-finanzierten” Hartz-IV-Empfängern ausgelöst worden ist.
    “Die (leistungsfeindlichen) Deutschen” – das ist auf jeden Fall Populismus, und das lassen “wir Deutschen” einem Schweizer nicht durchgehen (sonst kommt die Kavallerie…)

  5. Chat Atkins |  22.02.2010 | 18:56 | permalink  

    Du nimmst Westerwelles Rodomontaden ernst, so, als ginge es ihm tatsächlich um den Sozialstaat – das ist der grundlegende Irrtum in deinem Text. Es ist so, als würde ich glauben, im Journalismus ginge es um ‘die Sache’ …

  6. B² |  22.02.2010 | 19:05 | permalink  

    Ist es nicht ein wenig unverhältnismäßig auf denen rumzuprügeln, die sich ein paar € vom Staat ergaunern, während Unternehmen und Unternehmer Millionenbeträge auf die Seite schaffen. Und das genauso legal wie der Hartz 4 Abzocker?
    Natürlich ist das nicht in Ordnung, aber es sieht in dieser Debatte auch niemand die Bedürftigen, die keine andere Wahl haben als von Almosen zu leben. Zudem gibt es auch genügend Arbeitslose die nicht beim Staat betteln gehen wollen.

    Viel schlimmer finde ich jedoch, dass die Politiker nicht verstehen, dass sie keinen Beliebtheitswettbewerb bestreiten.
    Die heißen ja nicht umsonst auch Volksvertreter!
    So blind können die doch gar nicht sein, dass sie nicht sehen dass umfangreiche Reformen unausweichlich sind und man sich mal mit allen Parteien zusammensetzen muss um eine Lösung zu finden.
    Aber wenn man immer auf die nächste Wahl schaut und Angst hat man wird nicht mehr gewählt weil man was verändert hat, dann kommen halt nur halb ausgegorene Kompromisse zusammen die keinem was bringen!

  7. David |  22.02.2010 | 20:45 | permalink  

    Den Schuldenberg mit Schneeschippen abtragen. Westerwelles Beiträge zur Sozialstaatsdebatte sind immerhin originell.

  8. Groo |  22.02.2010 | 23:01 | permalink  

    Werter Chat,

    als Hyperstilist übeforderst Du den ‘Plebs’ mal wieder.
    (und auch mich)
    —Rodomontaden —

    Aufschneiden heißt eigentlich, etwas zum Genusse bei Tische zurecht schneiden, z. B. Fleisch aufschneiden, Brot aufschneiden also: etwas schneiden und dann auftischen. Ursprünglich lautete die volle, auch jetzt zuweilen noch übliche Wendung: mit dem großen Messer aufschneiden, wobei an das Weidmesser der Jäger zu denken ist, die bei ihren Gastmählern gern übertreibende Jagdgeschichten zum besten gaben. Die Redensart wurde nun auf übertreibende Erzählungen überhaupt angewandt; man sagte von einem, der beim Erzählen die Dinge vergrößerte: er schneide mit dem großen Messer auf (nämlich wie die Jäger); daraus wurde gekürzt; er schneidet auf. Man sagt dafür wohl auch: das große Messer führen.

    Du hast ja recht.
    Aber bring das mal einem Schweizer bei.

  9. Andreas Grieß |  22.02.2010 | 23:25 | permalink  

    Man kann sich natürlich die zwei drei Sätze Westerwelles rauspicken, die Stimmen. Natürlich soll sich z.B. Leistung lohnen- soweit richtig.
    Westerwelles Ansatz ist es aber, dass sie sich lohnt, weil jeder der nicht leistet (resp. leisten kann), nicht mals mehr das notwendigste bekommt. Wenn er seinen Ansatz ernst und menschenwürdig meinen würde, müsste er an den Niedriglohnsektor, nicht an die Sozialhilfe-Empfänger.
    Sein Vorschlag mit dem Schnee schippen ist eher eine Art Zwangsarbeit – denn pikanter Weise geht es um Bereiche, die normal der Grundbesitzer räumen müsste. Aber wofür, wir haben ja eine Unterschicht, die den Bordstein für die Anzugträger freiräumt…

    Den Punkt mit dem – laut Text – unprofitablen älterem Arbeiter kann man so sehen, ich würde dem jedoch stark widersprechen. Eine “hire and fire” Gesellschaft degradiert Menschen ebenfalls zu Maschinen. Und ob ein Unternehmen wirklich profitabler ist, in dem jeder versucht “unverzichtbarer” als andere zu sein, bezweifel ich. Ich habe lieber Firmen, in denen die Beschäftigten befreundet sind…

    Und das auf Profit ausgelegte Gesellschaften Finanzkrisen oder Staatsschulden stoppen, halte ich auch für falsch. Ebenso die Aussage, dass das fehlende Geld ausgerechnet beim sozialen – hier zählt auch der wichtigste Rohstoff Bildung neben der blanken Existenzsicherung dazu – eingespart werden muss. Nur angemerkt: Die Neuverschuldung 09 (nagelt mich nicht auf das Jah fest) betrug ziemlich genau dem Wehretat…

  10. Chat Atkins |  23.02.2010 | 09:16 | permalink  

    @ groo: Der Begriff leitete sich von einem aufschneidenden Hohlkopfhelden, dem Herrn Rodomonte, in frühmittelalterlichen Erzählungen ab (z. B. in Ariosts Roland-Epen). Bei näherem Nachdenken finde ich, dass hanswürstelnde ‘Harlekinaden’ vielleicht der bessere Ausdruck gewesen wäre. Das trifft auf die größte Politmarionette aller Zeiten (GröPatz), die zum Gaudium des staunenden Publikums ständig über ihre Strippen fällt, noch exakter zu. Auch deshalb, weil sie nie etwas Eigenes zu sagen weiß, sondern stets der übergeordnete Pole Poppenspeeler wirtschaftlicher Interessen aus ihr spricht …

  11. vera |  23.02.2010 | 17:06 | permalink  

    @chat atkins
    meckere nicht: wir blogger haben was zu schreiben, die kabarettisten ihren stoff, außerdem hatte seit strauß kaum ein politiker so hohen direkten unterhaltungswert (jaja, ansonsten hinkt der vergleich…)

    @ronnie grob
    du greifst die unkenruferei der deutschen auf, tust aber im beitrag nichts anderes. scheint abzufärben.

  12. andere |  23.02.2010 | 22:59 | permalink  

    Im Durchschnitt sind es etwa 1-2% (in Großstädten vielleicht auch schon mal mehr) der HartzIV-Empfänger, die das System missbrauchen. Ich denke, da hat sich in den letzten Jahren nicht viel getan und auch vor HartzIV waren Diskussionen um den Missbrauch der Sozialhilfe ja nicht unüblich, daher gab es ja die “Hartz-Reformen”.

    Gegenfrage: Was machst du mit jemanden Mitte 50, der mit seiner Ausbildung und seiner bisher geleisteten Arbeit nicht mehr in das System passt? Keine Umschulungen? Keine Weiterbildungen?

    Was ist dann die Alternative? Zuhause sitzen und Fernsehen schauen. Ich glaube, dass die Umschulungen den meisten Teilnehmern nützen, vielleicht lässt sich nicht immer sofort ein Nutzen erkennen oder daraus ziehen, aber langfristig werden sie besser bedient sein, als jemand der zuhause hockt und Däumchen dreht.

  13. Chat Atkins |  23.02.2010 | 23:24 | permalink  

    @ vera: Strauß war immerhin intellektuell wirklich ernst zu nehmen, so’n intellektueller Bockmist wie ‘spätrömische Dekadenz’ wäre dem nie passiert. — Jaja, ich weiß, ich mache einen Fehler, heutzutage wird ja auch längst Müll zum Kunstwerk erklärt …

  14. Ronnie Grob |  24.02.2010 | 08:54 | permalink  

    @andere: Mir ging es in diesem Fall rein um den Sinn für die Firma, die ihn beschäftigt. Ein Mitarbeiter, der aufgrund der technischen Entwicklung beim besten Willen aller Beteiligten keinen oder kaum Nutzen mehr für die Firma bringt, ist ein Problem für die Firma. Natürlich sind Umschulungen und Weiterbildungen naheliegend, aber es gibt auch Fälle, in denen alles nichts bringt und ein Jobwechsel die einzige sinnvolle Variante ist. Für solche Fälle gibt es keine Patentrezepte, sie können nur im Einzelfall entschieden werden.

    Wenn wir jetzt mal einen Fall solcher Überforderung annehmen (es sind natürlich nicht alle 58-jährigen so, aber das versteht sich von selbst), dann fragt es sich doch tatsächlich, ob der Status Quo das Beste ist. Denn unglücklich sind in der Situation alle: Der mit den Neuerungen Überforderte selbst, die Verantwortlichen, also Vorgesetzten und seine Mitarbeiter (die ihn mittragen müssen).

    @Andreas Grieß: Bin ganz Deiner Meinung, nichts schlimmer als Mitarbeiter, die ständig den Eindruck erwecken, “unverzichtbar” zu sein. Solche Leute sind das aber in einer Hire & Fire-Kultur ebenso wie in einer Kultur der faktischen Unkündbarkeit.

  15. Hyperboreas |  24.02.2010 | 12:44 | permalink  

    Die Welle der Empörung, die dir hier entgegenschlägt, spricht dafür, daß du einen wunden Punkt getroffen hast. Seltsam aber, daß die meisten Kommentatoren sich mit Westerwelle und den Hartz4-Betrügern auseinandersetzen statt mit dem, was du geschrieben hast. Ja, die Deutschen sind staatsgläubig und wollen den Status Quo beibehalten, und ja, die Deutschen ertragen es nicht gut, wenn Menschen ihrem Schicksal überlassen werden sollen. Es ist für uns eben nicht jeder seines Glückes Schmied, sondern wir verlangen, daß die Gesellschaft bitte der Glücksschmied für alle sein soll.

    Und ja, wir mißtrauen auch grundsätzlich der Wirtschaft und sind schnell dabei, nur noch zwischen Anzugträger und Unterschicht zu unterscheiden, weil wir gereizt reagieren, wenn es bei Menschen krasse Unterschiede im Wohlstand gibt. Und wir sehen den Menschen gerne als Menschen und nicht als Humankapital und mögen es nicht, wenn man diesen Aspekt betont. Wir lieben die Gerechtigkeit und die Gleichheit, was für uns so ziemlich dasselbe ist.

    Das kann durchaus gute Seiten haben, aber ich gebe dir recht darin, daß es auch zu Stillstand und paradoxerweise zu Ungerechtigkeit führen kann, wenn etwa stets prekäre Zeitarbeiter mit deutlich reduziertem Lohn die sicheren und gutbezahlten Stellen der Festangestellten quersubventionieren. Es freut mich, daß du diese Dinge mal ausgesprochen hast, und wie gesagt, die Reaktion hier in den Kommentaren zeigt, daß du einen Treffer gelandet hast.

    Und @andere Kommentatoren: oder was gibt es an diesen Beobachtungen auszusetzen?

  16. Kwoff.com |  24.02.2010 | 15:41 | permalink  

    Sozialstaatsdebatte: Die Deutschen und ihre Leistungen — CARTA…

    Was ist populistischer: Westerwelles Mahnruf oder der Aufschrei dagegen? Ein Schweizer Blick auf eine deutsche Debatte….

  17. andere |  24.02.2010 | 18:04 | permalink  

    @Ronnie Grob
    Leider ist das nicht selbstverständlich, aber schön dass du es auch als Ausnahme siehst.

  18. André |  26.02.2010 | 16:57 | permalink  

    Westerwelle wurde dafür kritisiert, dass er a) Hartz IV Empfänger in die Nähe “spätrömischer Dekadenz” setzt, dass er b) versucht, die Ärmsten der Armen gegeneinandere auszuspielen und schließlich dass er c) außer eben dieser dummen Polemik nichts anzubieten hat und sich dabei noch als Tabubrecher geriert.

    Er polemisiert ganz bewußt gegen eine Gesellschaftsschicht, die sich nicht wehren kann und die praktisch über keinerlei Lobby verfügt. Er bedient schlicht das Bedürfnis der “arbeitenden” Bevölkerung, nach unten zu treten und es “diesen faulen Arbeitslosen mal zu zeigen”. Teile und herrsche; wie immer eben.

    Deine restlichen Ausführungen will ich nicht groß kommentieren, denn sie sind ähnlich polemisch wie Westerwelles Auswürfe. Du benutzt Einzelfälle um das System zu kritisieren. Das mag sich gut anhören, ist aber nicht diskutabel.

  19. Der Schweizer Narr |  28.02.2010 | 10:42 | permalink  

    “Eine dynamische Wirtschaft lebt vom Wettbewerb, von sich immer wieder in neuen Konstellationen konkurrierenden Leistungen. Und das führt zu Wohlstand.”

    Wer noch immer an diese Raubsaurier-Philosophie glaubt, muss schwer krank sein. Banker haben eine 25 fach höhere Wertschöpfung als das Gewerbe welches Lebensmittel produziert. Alleine dies zeigt, dass alleine Leistung nicht unbedingt zu Wohlstand führen muss, vielmehr bringt es Wohlstand wenn man dort arbeitet wo Menschen Schulden machen müssen.

    Der Wohlstand, welcher mittels ‘freiem Wettbewerb’ geschaffen wurde, befindet sich Heutzutage vornehmlich in der Hand von weltweit ca. 58000 Superreicher. Treibender Faktor des bescheidenen Wohlstands der Mittelschicht in den vergangenen Jahrzehnten beruhte auf einer global asymetrischen wirtschaftlichen Machtverteilung, welcher noch auf den Kolonialismus zurückzuführen ist. Mit dem Aufstieg Chinas und Indiens geht diese Epoche (für die westliche Mittelschicht) zu Ende.
    Ein weiterer Grund, weshalb im Westen einigermassen breit abgestützter Wohlstand entstanden war, ist der billige Rohstoff Erdöl, welcher nun aber langsam zur Neige geht. Der ‘freie Wettbewerb’ beruht auch was die Ressourcen der Erde anbetrifft nicht auf Nachhaltigkeit, sondern auf Raubbau.

    PS: Die Schweiz verwaltet (noch) 30% des weltweiten Privatvermögens welches im Ausland angelegt ist.

    Laut einer Untersuchung von Merrill Lynch und Gemini Consulting betrug das Anlagevolumen vermögender Privatpersonen Ende 2002 weltweit schätzungsweise 27 Billionen USD.
    Vermögende Privatpersonen werden definiert als jene, die über ein Nettofinanzvermögen von mehr als 1 Mio. USD verfügen.

    Davon soll es weltweit knapp 7 Mio. Personen geben; 2,2 Mio. leben in Nordamerika, 2,6 Mio. in Europa (inkl. Osteuropa), 1,8 Mio. in Asien und 0,3 Mio. in Lateinamerika.

    In der Schweiz wurden Ende 2002 gemäss der Studie insgesamt rund 175 000 vermögende Privatpersonen verzeichnet. Fast ein Drittel der weltweiten Privatvermögen, nämlich rund 8 Billionen USD, entfielen auf Personen mit Nettofinanzvermögen von je mindestens 30 Mio. USD; davon sollen weltweit schätzungsweise 58 000 Personen existieren.

  20. Don |  28.02.2010 | 17:13 | permalink  

    Ich glaube, da will jemand uns verschaukeln. Die Finanzkrise und Hartz4 haben nichts miteinander zu tun. Es geht um ein Ablenkungsmanöver, das publizistisch und politisch breit untermauert ist, damit die “Bankster” und ihre Kreise nicht dran glauben müssen, und die Suppe auslöffeln, die sie uns eingebrockt haben. In der Tat besteht das Risiko, dass sich Volkszorn bei ihnen entlädt. Also bastelt man seinen eigenen Volkszorn.

    Siehe auch die Tea Party Bewegung in den USA, rekrutiert aus der Unterschicht als paranoid-radikale Ablehner des Sozialstaates, eingepeitscht von den Propagandisten des Kapitals. Nur nicht den Bankern und der Bankerideologie die Schuld geben… Obama ist wohl irgendwie Schuld an der Finanzkrise. Man sollte mal genau die für Deutsche extrem krude wirkende Glenn Beck Agitprop anschauen, die Tendenz ist sehr eindeutig, zu verhindern, dass sich der Volkszorn bei den Bankstern entlädt. http://www.watchglennbeck.com/
    Der Tonfall ist bei den Anti-Bank-Paranoiden geklaut.

    …. oder horribile dictu, der Schweiz, wo die Diktatoren der Welt das Geld ihres Volkes parken und die Vermögenden anderer Länder die Gelder verschieben um ihre Steuer zu hinterziehen. Bankgeheimnis ist nicht mehr als ein schönes Wort für den Freihafen der Steuerhinterziehung und des Blutgelds.

    Und auch in Deutschland sei der HartzIV “Schmarotzer” der Feind, der uns in den Untergang gerissen habe, so Herr Westerwelle, der auch wichtige Parteifinanziers in der Bankenkrise verloren hat. Schon klar, Herr Westerwelle. 1929 wurde mit einem neuen Weltkrieg, Rassismus und Völkermordideologie an Millionen Unschuldigen “bewältigt”.

  21. Wie dekadent bist du? |  01.04.2010 | 08:50 | permalink  

    [...] meinen eigenen Verhältnisse leben – was hinsichtlich der diagnostizierten Dekadenz in der Sozialdebatte immer mitschwingt – um mich von den obwaltenden Verhältnissen zu [...]

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