Wolfgang Michal | 9 Kommentar(e)
Neulich fragte mich – zu Trainingszwecken – ein Journalistik-Student am Telefon aus. Nach einiger Zeit kam er auch auf die Zeitungskrise zu sprechen. Wie ich das beurteilen würde…
22.01.2010 |
Wird es in 10, 20 Jahren noch Regionalzeitungen geben, fragte er.
Ich sagte: Nein. Das Nein kam ohne Zögern. Und noch während ich es aussprach, hatte ich das Gefühl, zu apodiktisch zu sein, ja vielleicht arrogant zu klingen. Woher sollte ich die Zukunft so genau kennen? War es nicht in Wahrheit eine Vermutung, ein Vorurteil, eine Trotzreaktion – hervorgerufen durch die anhaltende Ignoranz der Internet-Basher in den gedruckten Medien, die sich Augen und Ohren zuhalten, um ihre journalistische Neugier nicht auf den eigenen Beruf anwenden zu müssen?
Es entstand eine lange Pause.
Ich hätte sie nutzen können, um meine Aussage ein wenig zu relativieren. Um dem sympathischen Studenten Hoffnung zu machen. Aber ich tat es nicht. Ich hatte gerade zwei Listen gelesen, die den Tod der Regionalzeitungen unmissverständlich ansagten.
Die eine Liste bestand nur aus roten Zahlen. Es war die neue IVW-Liste mit den Auflagenzahlen des vierten Quartals 2009. Praktisch alle Regionalzeitungen hatten gegenüber dem vierten Quartal 2008 kräftig an Auflage eingebüßt. Kein Lichtblick, nirgends.
Eine Delle, könnte man einwenden, eine Schwächeperiode. Nach der Krise werde es wieder aufwärts gehen.
Aber da lag die andere Liste. Es war eine schwarze Liste! Erstellt vom Deutschen Journalistenverband (DJV). Der DJV hatte alle Verlage gelistet, die ihre Zeitungen outsourcen und mit Hilfe von Leiharbeitsfirmen produzieren. Diese Verlage „verkaufen“ ihre Redaktionen praktisch an Zeitarbeitsfirmen, um so die Tariflöhne zu umgehen. In den Zeitarbeitsfirmen erhalten die Journalisten natürlich nur noch einen Bruchteil ihres bisherigen Einkommens.
Hält man die schwarze Liste der Verlage neben die rote mit den Auflagenzahlen, kann man sich ausrechnen, wie schnell der Tod der Zeitungen eintreten wird.
Lesen Sie dazu auch „Neues von der Heimatfront“



Soviel zu der häufig vorgebrachten These, dass es keine Zeitungskrise gäbe, sondern nur eine Anzeigenkrise…
Sollte man nicht eher von einer ‘Verlegerkrise’ sprechen? Was kann die Zeitung für das, was man mit ihr anstellt?
Wie wär’s mit Verlagskrise? Probleme gibt es ja nicht nur in den Chefetagen. Lesenswert dazu: “Die Zeitungen und ihre drei Probleme” von Christian Jakubetz. http://www.blog-cj.de/blog/?p=2843
Subjektiver Einzelfall ?
In der “ersten Liste” kommt neben anderen Zeitungen auch der Berliner Tagesspiegel zu gewissen (negativen) Ehren. Ein Freund, langjähriger Abo-Zahler dieser Publikation, Lehrer, Beamter, als 68er beinahe noch zu jung, der kündigt sein Abo und gibt mir doch während unserer diesbezüglichen Diskussion zu denken.
Medialer Einheitsbrei, und zumindest unterschwelliger INSM-Multiplikator. Der Staat ist per se schlecht, seine (beamteten) Diener ebenfalls per se faul und teuer. Ja, das lesen wir relativ konform in ehemals (???) linksliberalen Medien von der SZ, über den Spiegel bis eben hin u.A. zum Tagesspiegel. Und Joffe’s Zeit ist da auch nicht mal weit weg, sind doch so manche “nette” Durchhalte-Artikel (Afghanistan etc.) gleich und beinahe synchron in beiden Medien zu lesen.
Also, Abo-Kündigung als Einzelfall…?
Walter J. Schütz erforscht die Entwicklungen der Regionalblätter seit langem. Sein Fazit aus dem Jahr 2008:
- In den meisten Gegenden gibt es nur noch eine Zeitung, also: Null Konkurrenz;
- Der Markt ist zubetoniert, es gibt praktisch keine Neugründungen;
- Von 135 publizistischen Einheiten betreiben bereits 58 das Outsourcing publizistischer Aufgaben (2010 sind es sicher noch mehr);
- Die durchgehende Lösung der Verleger heißt: Kosten senken (nicht etwa: gezielt investieren);
- Es kommt immer häufiger zu Eigentümerwechseln (d.h. die Ratten verlassen das sinkende Schiff).
Regionale E-Mags könnten die Verlage durchaus herausfordern; ein Spaziergang wird das aber nicht.
[...] Rote und schwarze Listen. Über den Tod der Regionalzeitung — CARTA – (Tags: Lokaljournalismus Verlag ) from delicious Linkdump for 05. Dezember 2009Linkdump for Fr, 20. November 2009 through Mo, 23. November 2009Linkdump vom Mi, 20. Januar 2010 bis Do, 21. Januar 2010Linkdump for 15. Januar 2010Linkdump vom So, 06. Dezember 2009 bis Mo, 07. Dezember 2009Linkdump vom Sa, 05. Dezember 2009 bis So, 06. Dezember 2009Linkdump for 23. Januar 2010Linkdump for 22. Januar 2010Linkdump for 22. Januar 2010Linkdump for 03. Januar 2010 [...]
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Ein interessante Theorie, die allerdings nur voraussagt, dass einige Regionalzeitungen vielleicht in einigen Jahren vom Markt verschwinden werden. Wohlgemerkt vielleicht. Dazu ein paar Gedanken: Wenn outgesourcte Mitarbeiter schlecht bezahlt werden, werden sie aufgrund mangelnder Motivation (oder einem Nebenjob) vielleicht schlechterer Texte abliefern. Die Leser werden sich ihre schlechter gewordene Zeitung eine Weile anschauen und dann ihr Abo kündigen. Vielleicht wird ein Chefredakteur aufwachen und wieder mehr Geld in die Redaktion stecken. Mit einem geschickten Marketing wird die Auflage anschließend wieder angekurbelt. Wo sollen die Menschen schließlich ihre Informationen auch herbekommen. Es gibt einfach keine Alternative zur Tageszeitung.
Es ist aber auch ein anderer Weg denkbar: Was sollte die outgesourcten Mitarbeiter davon abhalten, sich mit einer eigenen Zeitung selbstständig zu machen? Die Produktionskosten für eine Tageszeitung waren noch nie so gering wie heute. Ein bisschen unternehmerischer Mut ist freilich gefragt und schon kann es losgehen. Der deutsche Zeitungsmarkt würde auf jeden Fall noch ein paar Zeitungen vertragen. Nicht zuletzt auch, weil Konkurrenz bekanntlich das Geschäft belebt.
Und noch etwas: Wer immer nur auf verkaufte Anzeigen und verkaufte Auflage der Tageszeitungen schielt, hat das Geschäftsmodell der deutschen Regionalverlage nicht verstanden. Denn die sind inzwischen zu einem Gemischtwarenladen geworden und in diesem werden neben Reisen und Büchern eben auch Tageszeitungen angeboten.