Stefan Kooths | 34 Kommentar(e)
Im Internet sind bessere Preismodelle für Journalismus möglich als in der Offline-Welt. Man muss nur die richtigen finden. Stefan Kooths über den Irrtum der “Grenzkosten = Preis”-Regel, über die Probleme der Kulturflatrate und die Folgen einer Verstaatlichung der F.A.Z.
03.12.2009 |
Das Internet ist eine disruptive Technologie, disruptiv nicht nur für die Gestaltungsmöglichkeiten von Journalismus, disruptiv vor allem auch für die klassischen Geschäftsmodelle der Verlagsunternehmen. Die Marktpositionen und Renditen werden neu verteilt. Es ist daher kein Wunder, wenn die Umwälzungen im Netz von vielen der bislang dominanten Medienunternehmen eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen wenden. Der Ruf nach staatlicher Protektion, etwa in Form der “Hamburger Erklärung“, hat dann auch nicht lange auf sich warten lassen.
Für die Wirtschaftspolitik kann es aber nicht darum gehen, Produktionsstrukturen der Vergangenheit zu konservieren. Es ist vor allem entscheidend, dass die Nutzer möglichst souverän darüber entscheiden können, welchen Journalismus sie goutieren und nutzen wollen. Sämtliche Produktions- und Bereitstellungsmodelle für Journalismus im Internet sind daher danach zu beurteilen, ob sie es den Mediennutzern erlauben, die Produktion von Inhalten gemäß ihren Präferenzen und Zahlungsbereitschaften zu steuern. Grundsätzlich gilt: Je direkter diese Artikulation möglich ist, desto besser.
Zu einer solchen ordnungspolitischen Betrachtung gehört auch, staatliche Eingriffe davon abhängig zu machen, ob sich private Anbieter und Nachfrager selbständig als marktfähige Parteien organisieren können. Solange privatwirtschaftliche Lösungen funktionsfähig sind, verbieten sich staatliche Eingriffe. Das schließt eine kritische Überprüfung bestehender Eingriffe, insbesondere die derzeitige Zwangsfinanzierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, mit ein.
Professioneller Journalismus bleibt prinzipiell ein knappes Gut – auch im Netz
In der öffentlichen Diskussion wird häufig vorschnell der Schluss gezogen, professionelle journalistische Inhalte seien im Netz kein knappes Gut mehr. Diese Sichtweise verdeckt jedoch das grundsätzliche Problem. Zwar stellt das Netz nun den Zugang zu sehr viel mehr journalistischen Quellen her, weshalb es zunächst einmal aus Nutzersicht zu einer Erhöhung des verfügbaren Angebots kommt. Dennoch bleibt das Knappheitsproblem prinzipiell bestehen: Denn für die Produktion von professionellem Journalismus müssen wirtschaftliche knappe Ressourcen – insbesondere die Arbeitsleistung ausgebildeter Journalisten – eingesetzt werden. Journalismus, insbesondere ein Journalismus, der versiert und wissend informiert, bleibt daher – auch in Zeiten des Internets – ein rares Gut.
Diese Sichtweise wird teilweise durch die besondere Kostensituation im Netz verdeckt: Bei der Verbreitung journalistischer Berichte sind die Kosten für jeden zusätzlichen Nutzer nahezu Null. Es besteht folglich keine Rivalität um die Nutzung von Artikeln, da weder Quantität noch Qualität leiden, wenn ein und derselbe Artikel von einem weiteren Nutzer gelesen wird.
Hier ist aber zu unterscheiden zwischen den Grenzkosten der Nutzung (zusätzliche Kosten für einen weiteren Nutzer) und den Grenzkosten der Bereitstellung (zusätzliche Kosten für die Ausweitung des insgesamt produzierten Umfangs an Inhalten). Diese Kosten sind nicht vernachlässigbar und führen zu Rivalität im Konsum auf einer vorgelagerten Stufe: da journalistische Kapazität knapp ist, kann nicht über jedes Ereignis gleichermaßen (in erschöpfendem Umfang und gleich hoher Qualität) berichtet werden.
Dem Fußballfan ist es nicht gleichgültig, ob über seinen Lieblingsverein berichtet wird oder nicht, weil die knappe redaktionelle Kapazität gerade auf die journalistische Begleitung einer Leichtathletikveranstaltung konzentriert wurde. Es dürfte ihm auch nicht egal sein, ob der Sportchef selbst zur Feder greift oder die Arbeit einem Praktikanten überlässt. Es besteht mithin ein Auswahlproblem, für das die Kollektivgütertheorie einen bewährten Lösungsvorschlag bereithält: Es werden solange weitere Berichte erstellt, wie die gebündelte Zahlungsbereitschaft aller potenziellen Interessenten an einem weiteren Beitrag ausreicht, um die mit dessen Produktion anfallenden zusätzlichen Kosten zu decken. Im Ergebnis wird dann die knappe Berichterstattungskapazität auf diejenigen Bereiche gelenkt, für die die Nutzer die höchste Wertschätzung aufbringen.
Paid Content: Das Netz bietet interessantere Modelle als viele glauben.
Entscheidend für die ökonomische Beurteilung der Marktverhältnisse im Online-Journalismus ist letztlich die Frage, ob sich die Wertschätzungen der potenziellen Nutzer in effektive Umsätze für die Inhalteanbieter umsetzen lassen. Dafür muss es den Anbietern zumindest potenziell auch möglich sein, Bezahlschranken für Paid Content zu errichten, also Preise für ihre Leistungen zu erheben.
Bislang war in die Zeitung quasi eine stoffliche Zugangsbeschränkung für Leser eingebaut. Im klassischen Rundfunk hingegen waren Decoder-Lösungen zumeist kompliziert. Das Netz bietet nun interessantere und effektivere Bezahl- und Abrechungsmodelle, als viele dies auf den ersten Blick einschätzen mögen.
Im Netz gibt es einen regen Wettbewerb um Bezahlmodelle für Journalismus, von Journalism Online bis Kachingle. Es ist daher davon auszugehen, dass sich hier durchdachte Lösungen etablieren werden. Die eher kurze Lebensdauer von journalistischen Inhalten und ihre Vertrauensguteigenschaften schützen zudem vor massenhaften illegalen Kopien. Es ist zumindest nicht bekannt, dass die Einführung von Bezahlinhalten derzeit vornehmlich daran scheitern würde, dass Online-Journalismus massenhaft durch illegale Kopien untergraben würde.
Es ist im Gegenteil davon auszugehen, dass sich dort, wo herausragende Inhalte mit verträglichen Entgeltmodellen verbunden werden, auch tatsächlich Bezahlschranken durchsetzbar wären – wenn es die Anbieter denn wünschen. Hierzu können auch Freemium-Modelle gehören, bei denen ein Ausschnitt des redaktionellen Angebots frei verfügbar ist, und nur für den höherwertigen Rest bezahlt werden muss. Dieses Prinzip ist nicht neu: in Form von auffällig gestalteten Schlagzeilen, die unentgeltlich von jedem am Kiosk gelesen werden können, versuchen Anbieter seit je her Aufmerksamkeit für ihr Produkt zu erlangen.
Damit haben sich die ökonomischen Kerneigenschaften von journalistischen Inhalten durch Online-Publikation nicht geändert. Im Gegenteil: Die Preismodelle für Journalismus im Internet lassen sich prinzipiell besser an die Erfordernisse eines Klubguts Journalismus anpassen als in der Offline-Welt.
Paywalls können flexibel sein
Gegen Paid Content wird häufig eingewandt, dass „Bezahlhürden“ dem Grundprinzip und den Nutzergewohnheiten im Web widersprächen, nämlich sich ungehindert von Seite zu Seite zu hangeln und alles miteinander vernetzen zu können.
Hierbei ist zunächst zu bedenken, dass es die professionellen journalistischen Beiträgen ohne ausreichende Finanzierungsquelle gar nicht gäbe – zumindest gäbe es ohne ein adäquates Finanzierungsmodell deutlich weniger davon.
Zum anderen unterschätzt diese Sichtweise die Möglichkeiten der neuen Technologien. Es sollte keine technisch unüberwindliche Hürde sein, Abrechnungsverfahren zu entwickeln, die das eine mit dem anderen verbinden. Was für das Anklicken von Werbelinks möglich ist und den einschlägigen Anbietern Milliardenerlöse beschert, sollte grundsätzlich auch für Links zu redaktionellen Inhalten funktionieren. Hierbei sind auch Genossenschaftsmodelle unter den Anbietern (oder Nutzern) denkbar, die mit einem gebündelten Account den Zugang zu einer Vielzahl von Anbietern eröffnen. Auch die gedruckte Zeitung ist ein Bündel von Artikeln. Jetzt müssen neue Bündelstrategien für das Netz entwickelt werden.
Der Irrtum der „Grenzkosten = Preis“-Regel
Auch wird behauptet, die Bepreisung von redaktionellen Webseiten widerspräche grundsätzlich den ökonomischen Fundamentalkräften und könne daher nicht funktionieren. Diese Behauptung wird aus der „Grenzkosten = Preis“-Regel abgeleitet, die insbesondere von Vertretern der „Freeconomics“ mit Nachdruck vertreten wird.
Entscheidend sind hier nicht die Grenzkosten der Verbreitung, sondern – wie gezeigt – die Grenzkosten der Produktion:* Nur wenn es den Anbietern gelingt, die Kosten für einen zusätzlichen Inhalt auch durch entsprechende Einnahmen zu refinanzieren, ist eine volkswirtschaftlich nachhaltige Produktion möglich.
Dass ein weiterer Nutzer den Wert des Angebots für die übrigen Nutzer nicht schmälert, verfängt daher nicht. Mit derselben Logik könnte man sämtliche Pressekioske kurz vor Ladenschluss zur Plünderung freigeben, da der Besitzer ohnehin auf den unverkauften Exemplaren der Tageszeitungen sitzenbliebe und somit keinen Verlust erlitte. Entscheidend ist und bleibt aber, dass auch am nächsten Tag wieder neue Inhalte bereitgestellt werden. Das ist im Internet nicht anders als am traditionellen Kiosk.
Werbefinanzierung allein führt zu erheblichen “allokativen Bedenken”
Haufig wird die Werbefinanzierung als Alternative zu Bezahlinhalten angepriesen. Wenn jedoch die Werbung die Hauptlast der Finanzierung von Online-Journalismus schultern soll, so bestehen, ökonomisch gesprochen, erhebliche “allokative Bedenken”. Wird die Wertschöpfung für einen journalistischen Inhalt aus der Attraktivität für Werbetreibende abgeleitet, drohen erhebliche Verzerrungen hinsichtlich des Einsatzes der knappen journalistischen Ressourcen.
Die Präferenzen von Nutzergruppen, die stärker auf Werbung reagieren, würden dann auch höher gewichtet. Ähnliches gilt für ganze Rubriken von Inhalten (z.B. politische Berichterstattung vs. Produkttests). Eine Harmonie zwischen der Wertschätzung der Nutzer für einen journalistischen Beitrag und den dadurch realisierbaren Werbeeinnahmen dürfte systematisch nicht bestehen.
Quersubventionierungspraktiken schränken prinzipiell die souveräne Entscheidung der Nutzer über die Art der produzierten Inhalte ein. Solange die Werbefinanzierung die dominierende Finanzierungsform für Online-Journalismus ist, droht prinzipiell eine Kluft zwischen Nutzerpräferenzen und den realisierbaren Einnahmen. Paid Content kann diese Lücke zum Teil schließen. Dies ist genau der Grund, warum Bezahlinhalte ökonomisch wünschenswert sind.
Das Problem der Kulturflatrate
Lehnt man hingegen Bezahlschranken grundsätzlich ab (oder hält sie für undurchsetzbar) und steht man auch der Werbequerfinanzierung skeptisch gegenüber, so landet man nahezu zwangsläufig bei einer staatlichen Kulturflatrate (aus dem Club-Kollektivgut wird dann ein Zwangskollektivgut). Diese Lösung ist aber kaum geeignet, dem Prinzip souveräner Konsumentenentscheidungen gerecht zu werden.
Hier entsteht vielmehr das planwirtschaftliche Problem, ein gegebenes Beitrags- oder Steueraufkommen auf die zahlreichen und äußerst heterogenen Inhalteanbieter aufzuteilen. Hierbei drohen entweder unbeherrschbare (weil in ihrer Wirkung nicht abschätzbare) Kennzahlensysteme aus Klickraten und Seitenumfängen (gar mit Auf- und Abschlägen für bestimmte Genres?) oder erhebliche Missbrauchsmöglichkeiten mit entsprechendem Kontrollaufwand. Wettbewerb um die Gunst der Nutzer mutiert dann zur optimalen Anpassung an formale staatliche Vorgaben. Das Ideal der mündigen Mediennutzer bleibt dabei ebenso auf der Strecke wie ihr Einfluss auf die Höhe des Gesamtbudgets für Kulturleistungen im Internet.
In dem Maße, wie sich bislang getrennte Medienbereiche, insbesondere Rundfunk und Printmedien, über ihre Internetplattformen mehr und mehr überlappen, droht die bestehende Zwangsbeitragsfinanzierung (GEZ-„Gebühren“) für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu einer Kulturflatrate durch die Hintertür zu werden. Zu seiner Entstehungszeit bezog das GEZ-Modell seine ökonomische Legitimation aus der damals begrenzten terrestrischen Übertragungskapazität von Funkwellen zur Ausstrahlung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen.
Es ging also um die Bewirtschaftung einer mit damaligen Technologien nicht vermehrbaren knappen Ressource, die die Etablierung von verschiedenen im Wettbewerb stehenden Programmanbietern erheblich einschränkte. Fehlende Bezahlschranken dürften zudem das Trittbrettfahrerproblem verschärft haben. Darüber hinaus warf die monopolähnliche Kontrolle über das wichtigste Massenmedium auch Fragen der Meinungsvielfalt und -beherrschung auf. Diese Begründungen sind allesamt längst durch den technischen Fortschritt überholt worden. Knappe Übertragungskapazitäten gehören der Vergangenheit an. Auch Techniken zum Ausschluss nicht zahlungswilliger Nutzer stehen für den Online-Journalismus potenziell zur Verfügung. Internettechnologien ermöglichen die Verbreitung eines praktisch unbeschränkten Meinungsspektrums.
Das “Selbsterfüllungsszenario” der GEZ-Gebühr
Als Rückzugslinie, die im Zuge der Diskussion um die Kulturflatrate abermals strapaziert wird, taucht verstärkt das Qualitätsargument auf: die Inhalte des öffentlich- rechtlichen Rundfunks seien qualitativ hochwertiger als die der privaten Konkurrenz. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage verkennt diese Sichtweise, dass den privaten Anbietern über eine De-facto-Steuerfinanzierung des öffentlichen Angebots ein erheblicher Anteil am verfügbaren Spektrum abgeschnitten wird. Da GEZ-Gebühren unabhängig von der Nutzung gezahlt werden müssen (obwohl geeignete Decoder-Lösungen längst bereitstünden), konkurrieren private Rundfunkanbieter mit einem Wettbewerber, der sein Gut verschenkt bzw. zwangsfinanziert. Demzufolge bleibt ihnen nur noch die Kernnachfrage – sowohl quantitativ wie qualitativ. Das GEZ-Modell sorgt so für seine eigene Legitimation. Man stelle sich vor, eine Qualitätszeitung wie die FAZ würde verstaatlicht und allmorgendlich ungefragt und unentgeltlich allen Haushalten zugestellt. Vermutlich würde dies die überregionale Konkurrenz nicht überleben. Am Ende könnte man dann feststellen, dass nur der öffentliche Anbieter eine bestimmte Qualität zu produzieren vermag.
Genau dieses Selbsterfüllungsszenario droht mit der zunehmenden Verschmelzung der vormals getrennten Medienbereiche. Hat das GEZ-Modell bislang seine verzerrende Wirkung hauptsächlich auf dem Markt für Hörfunk- und Fernsehprogramme ausgeübt, so droht nun die Übertragung auf einen weit größeren Ausschnitt des Mediensektors. Hier besteht in der Tat Handlungsbedarf, um die staatliche Regulierung den geänderten technologischen Rahmenbedingungen anzupassen. Die GEZ-Finanzierung eines breit angelegten öffentlich-rechtlichen Internetangebotes erschwert die Etablierung kollektivgütertheoretisch sinnvoller Bereitstellungsmodelle für private Anbieter und bedroht daher den Medienwettbewerb im Internet.
Umwälzungen sind kein Grund staatlicher Regulierung
Hinsichtlich der übrigen Herausforderungen, denen sich die etablierten Medienanbieter ausgesetzt sehen, erscheinen zusätzliche staatliche Eingriffe derzeit kaum gerechtfertigt zu sein. Neue Technologien können zwar tradierte Geschäftsmodelle erodieren lassen, deren Bewahrung ist aber per se kein Ziel der Wirtschaftspolitik.
So verliert möglicherweise die Funktion der Auswahl und Zusammenstellung an Nachrichten in dem Maße an Gewicht, wie sich Nutzer das auf ihre Interessen abgestimmte Informationsbündel maschinell zusammenstellen lassen können, indem sie ihr Präferenzprofil entsprechend hinterlegen. Falls es dazu kommt, würde diese filternde Funktion des Journalismus an Bedeutung verlieren – ein gesamtwirtschaftlicher Verlust wäre dies indes nicht, sondern vielmehr ein Produktivitätsgewinn. Journalistische Dienstleistungen würden sich dann stärker auf andere, weniger leicht automatisierbare Dienstleistungen verlagern (Primärrecherche, Kommentierung).
In Hinblick auf das Verhältnis zwischen Inhalteanbieter und -aggregatoren besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Niemand ist derzeit gezwungen, geschützte Inhalte den Suchmaschinenbetreibern gegenüber bedingungslos zu öffnen. Um möglichst zahlreiche Nutzer anzuziehen, liegt Medienanbietern zwar etwas daran, dass ihre Inhalte von Interessenten möglichst leicht gefunden werden können. Dies ist aber z.B. auch dann gewährleistet, wenn der Inhalt zwar für die Suchmaschinen einsehbar ist, für übrige Interessenten aber auf Pay-per-View-Basis oder über Subskriptions-Systeme abgerechnet wird. Entsprechende Vereinbarungen lassen sich zwischen beiden Parteien, die ja ein in dieser Hinsicht gleichgerichtetes Interesse haben, auch ohne staatliche Eingriffe vereinbaren. Erste Anzeichen dafür sind bereits erkennbar, wobei sich insbesondere bei intensiviertem Wettbewerb zwischen den Suchmaschinen Entgeltmodelle entwickeln dürften, die eine stärkere Beteiligung der Inhalteanbieter vorsehen.
Geeignete Abrechnungssysteme zu schaffen ist nun die Aufgabe der Medienunternehmen
Das Internet stellt nicht nur bisherige Publikationsmodelle in Frage, sondern schafft auch neue Bezahl- und Finanzierungsmöglichkeiten für journalistische Inhalte. Man sollte daher die Tragfähigkeit von Beitrags- oder Mikrogebührenmodellen nicht vorschnell als impraktikabel verwerfen und den Status quo vieler Gratisangebote nicht als naturgegeben in die Zukunft fortschreiben. Hierzu trägt auch ein systemischer Aspekt bei: Preismodelle haben es insbesondere dann schwer, wenn sie gegen Konkurrenten mit Gratisangeboten antreten müssen (zumal, wenn diese auf staatliche Finanzierungsmittel zurückgreifen können). Solange private Anbieter ein Gratisangebot aufrechterhalten können, das den Nutzeranforderungen entspricht, wandern Kunden zu diesen ab. Ist das Geschäftsmodell des Gratiskonkurrenten stabil (gibt es also wirksame, nicht allzu verzerrende Quersubventionierungsmöglichkeiten wie ein Freemium-Modell), so kann dieses ja auch von anderen adaptiert werden. Falls nicht, geht der Konkurrent früher oder später unter. Scheiden dann mehr und mehr Gratisanbieter aus, verringern sich die Abwanderungsalternativen und echte Preismodelle finden leichter Akzeptanz.
Darüber hinaus wird ein direktes Leistungs-Gegenleistungs-Verhältnis zwischen Inhalteanbieter und Nutzer dadurch begünstigt, dass die Zeit als einzige Naturkonstante in dieser Gemengelage für den Nutzer mit wachsendem Wohlstand immer kostbarer wird. Je besser also das Inhaltsangebot der Medienproduzenten (relevante, schnell verfügbare und gründlich recherchierte Information ohne aufmerksamkeitszehrende Werbeablenkung) desto höher die Zahlungsbereitschaft und desto geringer die Neigung, die gesuchten Informationen zwar gratis, aber mit höherem Zeitaufwand, zu erlangen. Geeignete Abrechnungssysteme hierfür zu schaffen, ist Aufgabe der Medienproduzenten, nicht des Staates.
Stefan Kooths ist Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dieser Text basiert auf einem Aufsatz für die Zeitschrift Wirtschaftsdienst, 10/2009, den Kooths für Carta gekürzt und überarbeitet hat.
– Auch lesenswert zu diesem Thema: Stefan Niggemeier: Warum Paid Content-Versuche gut sind
*streng ökonomisch formuliert: Die volkswirtschaftliche Optimalität des Grenzkostenkalküls ist aber – wie gezeigt – im Kollektivgüterfall nicht auf die Grenznutzungskosten, sondern auf die Grenzkosten der Bereitstellungsmenge zu beziehen und der aggregierten Zahlungsbereitschaft aller Nutzer gegenüberzustellen.





Ich zitiere aus Ihrem – nicht so ganz leicht verständlichen – Beitrag: “Sämtliche Produktions- und Bereitstellungsmodelle für Journalismus im Internet sind daher danach zu beurteilen, ob sie es den Mediennutzern erlauben, die Produktion von Inhalten gemäß ihren Präferenzen und Zahlungsbereitschaften zu steuern.”
Diese rein affirmative Auffassung von Journalismus wäre das Ende des Journalismus. Dann lieber Pizza ausfahren.
@ Wolfgang: Andersherum wird auch ein Schuh draus. Möchtest Du sagen: Journalismus ist nur dann Journalismus, wenn er gegen die Präferenzen der Nutzer gemacht werden kann?
Die Realität ist doch: Journalismus entsteht im Spannungsfeld aus Nutzerpräferenzen und professionellen Qualitätsstandards. Journalismus braucht journalistisches Sendungsbewußtsein. Am Ende aber entscheidet der Leser, welche Zeitung und welcher Magazin er kaufen möchte.
Das ist kein Widerspruch zu Kooths.
“Demzufolge bleibt ihnen nur noch die Kernnachfrage – sowohl quantitativ wie qualitativ. Das GEZ-Modell sorgt so für seine eigene Legitimation.”
Aha.
Ohne die Öffentlich-Rechtlichen wären die Privaten viel besser? Sie würden Beiträge für ein Nischenpublikum produzieren? Sie würden Werbung und Redaktionelles immer klar trennen? Sie würden eine quotenträchtige, aber problematische Meldung (Bsp. Enke-Suizid/Nachahmer) mal “nur klein” fahren? Sie würden ihre Rechercheure und Schreiber anständig bezahlen?
Aber du hast schon mal in einem Land fernsehgeguckt oder Radio gehört, das nur private Sender hat, hm?!
Ich sag nicht, dass ARD/ZDF all die o.g. Vorgaben immer erfüllen, aber es gibt wenigstens eine CHANCE!
@ Sendeschluss: Sie sind unverbesserlicher Elitist.
Es lohnt sich, den Artikel in voller Länge hier nachzulesen: http://www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=2240
Folgende Anmerkung dazu:
Wenn eine Kulturflatrate (bisher GEZ), wie im Artikel ausgeführt, ihre eigene Existenz selbst rechtfertigt, dabei jedoch den Wettbewerb gegenüber den Privatanbietern (Freemimum u./o. quersubventioniertes Gratismodell u./o. Erlösmodell über Endnutzer) verzerrt und diese an der Einführung eines rentablen Erlösmodells mit Endnutzerbeteiligung hindert – aber gleichzeitig, wie im vorherigen Kommentar angemerkt, die sogenannten journalistischen Qualitätsinhalte aufrecht erhält (Bildungsauftrag), was ein quersubventioniertes Privatangebot systembedingt nicht kann – was wäre dann die Konsequenz?
Eine Kulturflatrate-Quersubventionierung für jeden Anbieter (parelleles Abschaffen der GEZ und damit einhergehender Markteintritt der öfftl.-rechtl. Rundfunkanstalten), welche aber unter einem rentablen Grenzkosten der Bereitstellungsmenge liegt, aber zu einer Quote an Qualitätsinhalten verpflichtet?
@annaK
danke – vielleicht bin ich ja elitist? ich weiß nur nicht so richtig was das ist.
jedenfalls HABEN wir eine medienlandschaft mit schweinegrippe/dieterbohlen/kauftbier/fahrtopel/ruftjeeeetztan! und daneben einigen wenigen ruhigen ecken…
und hier wird gefordert, diesen zeitungsverlagen, diesen werbespotverkäufern in den privatfunkanstalten, diesen springers-wazens-swmh’s das feld zu überlassen (ich hatte mich tatsächlich erst vertippt: “das geld”). das geht doch nicht gut!
die wollen nicht informieren, die interessieren sich nicht für kultur. die wollen verdienen, fertig.
—”Die Märkische Oderzeitung hat im April alle Journalisten in eine Tochterfirma abgeschoben, um sie bald schlechter bezahlen zu können. Die traditionsreiche Ostseezeitung druckt Artikel von Pressesprechern wie Dirk Lenz. Unter seinem Kürzel D.L. hat der Autor über die erfolgreiche Ausbildung an der Berufsfachschule Greifswald geschrieben – ohne die Erwähnung, dass er für deren Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Journalismus unterliegt heute vielerorts denselben Gesetzen wie Stahl in der Autoindustrie: Er ist Material und damit ein Kostenfaktor.”—(Die Zeit, diese woche)
schießt doch nicht die institutionen an, die die möglichkeit haben, ohne den direkten einfluss der wirtschaft zu berichten.
@Sendeschluss: Wie der Autor ja hinreichend klar gemacht hat, geht es hier nicht um eine normative Qualitätsdiskussion. Es geht allein um die Diskussion, ob die ökonomischen Voraussetzungen für eine Ausrichtung des Angebots an den Nutzerpräferenzen besteht.
Ein höherer Anteil von Bezahlinhalten würde ja genau dazu führen, dass wir es weniger mit “Spotverkäufern” zu tun haben.
Die Fälle Regividern, Heinze, Emig, Mohren, Brender – und zuletzt die Kritik von Wickert – relativieren Ihre Aussagen doch etwas.
Aber eigentlich geht es hier ja um Paid Content.
@ AnnaK.
“Es geht allein um die Diskussion, ob die ökonomischen Voraussetzungen für eine Ausrichtung des Angebots an den Nutzerpräferenzen besteht.”
Diese Frage hätte man aber auch ganz einfach so beantworten können: ja, natürlich. Ich frage mich, was ich durch den Artikel eigentlich gelernt habe.
@ Carta
Ich finde generell, daß die überarbeiteten Artikel aus anderen Publikationen nicht an die Qualität der originären Carta-Beiträge herankommen.
“Wie der Autor ja hinreichend klar gemacht hat, geht es hier nicht um eine normative Qualitätsdiskussion.”
Vielleicht sollte man diese aber einbeziehen. Das Argument des Autors, die GEZ-finanzierten Anbieter würden Qualität auf Seiten der Privaten verhindern, halte ich jedenfalls für falsch. Das Gute an den GEZ-Medien ist ja nicht der quotenträchtige Teil bei ARD/ZDF, sondern der Nischenteil, dessen Marktanteil nach Kriterien der Privaten unter “Rundungsfehler” subsumiert werden könnte. Es stellt sich daher die Frage, ob ein bildender Journalismus überhaupt durch “Verkauf an die Masse” finanziert werden kann oder ob das nicht zwangsläufig nur dem Boulevard ausreichend Mittel lässt.
Auch was die Bedeutung der Grenzkosten der Bereitstellung angeht stellen sich kritische Fragen. Denn die Argumente des Autors setzen als Anbieter einen homo oeconomicus vorraus, der zudem keine Interessen an der Verbreitung einer bestimmten Ansicht hat. Das trifft aber die Realität nicht. Im Internet konkurrieren Anbieter mit ausschließlich ökonomischen Interessen mit solchen, die aus idealistischen Motiven produzieren. Daneben stehen noch andere, für die die Produktion journalistischer Inhalte eigentlich nur Marketing für sich selbst oder andere Produkte ist. Noch daneben stehen die, welche Inhalte bereitstellen weil sie davon profitieren wollen, dass sich bestimmte Meinungen durchsetzen. Wenn also die erzielbaren Erlöse dauerhaft unter den Grenzkosten der Bereitstellung liegen, dann würde nicht der Journalismus verschwinden. Es gäbe immer noch reichlich Inhalte im Netz, so dass die nötige Knappheit zur Durchsetzung von Paywalls nicht entstehen würde. Wo es keine Knappheit gibt, da versagt der Markt als Allokationsmechanismus. Man sollte daher nicht nur bei den Marktmechanismen nach Lösungen suchen.
“…nicht um eine normative Qualitätsdiskussion. Es geht allein um die Diskussion, ob die ökonomischen Voraussetzungen…”
okay okay, dann bin ich hier falsch mit meinen kommentaren. ich hatte gedacht, dass eine gewisse qualität, die wir WOLLEN, in die überlegungen mit hineinspielen könnte, am rand. und das meinte ich auch beim lesen eingewebt zu finden. nein?
dann hat mich die sprachgewalt des artikels überfordert, sorry.
nur… vielleicht könnte mir noch jemand sagen, warum die anbieter auf werbung (in all ihren auch komplett unerwünschten ausprägungen) verzichten sollten, wenn die leser für die inhalte bezahlen.
verzichtet denn der papierspiegel jetzt auf werbung, obwohl er am kiosk was kostet? trennt denn die papierbild sauber werbung von redaktionellem, obwohl sie was kostet?
Die knapper und damit kostbarer werdende Zeit des Nutzers könnte sich als der entscheidende Denkfehler für Paid-Content-Modelle erweisen. Bisher wurde noch immer für Knappheiten Geld verlangt. Wieso sollte das ausgerechnet jetzt anders werden?
Ist es denn so schwer vorstellbar, dass die bisherigen Entwicklungen – User Generated Content, Automatisierte Nachrichtenaggregate, Lokale Mobile Services und Bürgerjournalismus – im Zusammenhang mit Cloud Computing und der Entwicklung zum pragmatischen, semantischen Web zu vollautomatisch erstellten Online-Zeitungen führen?
Paid Content muss schon von sehr hoher Qualität und sehr spezifisch sein, damit er funktioniert. Und daran wird auch niemand etwas auszusetzen haben.
Um aber auf den Zeitfaktor zurückzukommen: Gerade weil ich immer weniger Zeit zur Verfügung habe, wird sie mir kostbarer. Wieso also sollte ich sie mit dem Lesen irgendwelcher – noch dazu kostenpflichtiger – Artikel verbringen?
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: weil diverse Anbieter journalistisch hochqualitativer Arbeiten miteinander um die Gunst des Lesers (um seine Aufmerksamkeit, seine Zeit) konkurrieren, werden sie ihn dafür bezahlen. – Wie sie das finanzieren werden, ist eine andere Frage und die ist jedenfalls nicht vom Nutzer zu beantworten.
@Robin: Ja, Journalismus muss gegen die Präferenzen von Nutzern gemacht werden können. Betonung auf “können”.
Hier sind einige “Freunde” des ÖRs unterwegs hat’s den Anschein.
Liebe Leute,
ich bin nicht mehr bereit die GEZ für ein derartig mieses, flaches, seichtes und belangloses Unterhaltungsfernsehen abzudrücken wie ZDF und ARD einem täglich servieren. Das kann so einfach nicht weiter gehen. Das ist Betrug!
Der ÖR sollte privatisiert werden denn programm-technisch hat er sich sozusagen bereits weitgehend “auto-privatisiert”. Für all diese verfilmten Groschenromane, die der ÖR täglich über die Zuschauer ausschüttet, sollte jeder Zuschauer selbst bezahlen und niemand hat das Recht die ganze Bevölkerung zur Kasse zu beten für so einen dummen und trivialen Schund!
So gesehen hat paid-content durchaus was für sich…
@ Rainer: Wer für die GEZ ist, sollte zumindest nicht gegen Paid Content sein, oder?
@ Wolfgang: Ich glaube, es gibt hier zwei Extrempositionen.
1. Das Kommunikationssystem ist danach zu bewerten, ob sich ein Journalismus durchsetzt, wie ihn die Journalisten wollen.
2. Das Kommunikationssystem ist danach zu bewerten, ob sich ein Journalismus durchsetzt, wie ihn die Leser wollen.
Bei Position 1 gibt es eine Gruppe, die in Anspruch nimmt, besser entscheiden zu können, was für gut für die Gesellschaft ist als die Mitglieder dieser Gesellschaft selbst. Dass dies nicht die Position eines Volkswirtschaftlers wie Kooths sein kann, ist klar. Dass man als Journalist hingegen zu Position 1 tendiert, ist auch klar.
Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch der Beitrag von Ronnie Grob:
http://blog.ronniegrob.com/2009/12/03/elite-vs-volk/
Paid Content führt zwangsläufig zur Frage: wofür und an wen?
Die Verleger übersehen, dass im Internetzeitalter Verleger ein Anachronismus der Totholzindustrie sind und im Web nicht mehr benötigt werden. Das Erstellen einer Zusammenstellung von Nachrichten und Unterhaltung zu einer Zeitung und die anschließende Verteilung dieser über ein Distributionsnetz waren immer die eigentliche verlegerische Leistung. Der geneigte Leser kann sich heute im Web aus einer unerschöplichen Zahl von Beiträgen nach eigenem Gusto einige zum Lesen auswählen. Die Infrastruktur bietet das Web und die Auswahl übernimmt der Leser oder ein Portal, welches ebenfalls der Leser auswählt.
Verlage haben künftig nur als Guide oder Portal eine Chance. Die Bedeutung der Urheber wächst und die Bezahlung kann künftig direkt an die Urheber erfolgen oder man bezahlt den Guide. Auch die Journalisten benötigen keinen Verlag, der den Großteil der Einnahmen behält, als Vermittler mehr. Dabei beurteilt der Leser ob er den jeweiligen Artikel erwerben möchte. Für den Verlag bliebe evtl. eine kleine Rolle als Abwickler der Zahlung oder Portal. Mangels geeigneter Zahlungssysteme wird diese Entwicklung noch ein wenig aufgehalten.
Verlage und Zeitungen haben im Internet keine Überlebenschancen mit Paid Content, falls sie einfach nur das Papiergeschäftsmodell aufs Web übertragen wollen. Geradezu lachhaft ist der Versuch Magazine als eBook auf das iphone zu liefern und dann einen Preis zu verlangen der sich am Papierprodukt orientiert. Wer soll das nur kaufen? Wer den Spiegel oder die Bunte lesen will, kauft diese am Kiosk oder lädt einige ausgewählte Texte auf das iphone. Da haben die Verleger das Web noch immer nicht begriffen. Die Rechnung Herstellungskosten + gewünschter Gewinn = Preis funktioniert im Internet nicht mehr.
Ein vorstellbares Ertragsmodell wäre die Zusammenstellung von Dossiers verschiedenster Autoren inkl. Grafiken, Bildern und Videos. Derartige Werke kann ein einzelner Urheber kaum anbieten und man findet diese Zusammenstellung kein zweites Mal im Netz. Die Einzigartigkeit/Verknappung und die Wertigkeit der Information würden hier zu Produkten führen, die auch Käufer finden werden.
Ein Leistungsschutzrecht macht keinen Sinn. Welche verlegerische Leistung soll denn geschützt werden? Handelt es sich um ein hochwertiges Produkt, so wird man dafür einfach bezahlen müssen. Handelt es sich um einfache Mainstream-News, so würde das Lesen von dpa oder afp oder irgendeiner Website mit deren Nachrichten völlig ausreichen. Ein Leistungsschutzrecht mit dem Verbot des Deep Linking oder eines kostenpflichtigen Deep Linking würde das Web ad absurdum führen.
Sobald das Web und die Server etwas mehr Leistung bieten, werden obige Ausführung auch auf das Fernsehen anzuwenden sein. Eine gute Doku finde ich über Google und bezahle sie direkt beim Produzenten. Da muss ich nicht vorher GEZ-Gebühren zahlen. Ich kaufe, was ich sehen will. Die Aufgabe der Grundversorgung ist schon lange nicht mehr das Thema der ÖR.
Die staatliche Förderung von Zeitung und Fernsehen würde ich künftig gerne als Förderung einzelner Produktionen sehen. Derzeit geht ja gerade beim ÖR der Großteil der GEZ-Milliarden auf dem Weg vom Zahler zur Produktionsfirma verloren. Ohne den Wasserkopf könnte man mit gleichem Geld auch noch guten Journalismus fördern. Bei allen staatlichen Eingriffen muss man allerdings immer die Gefahr des Missbrauchs und Betrugs sehen.
Wahrscheinlich wird man künftig es einfach dem Konsumenten überlassen, ob er zahlt oder sich für eine werbefinanzierte Form entscheiden möchte. Letztendlich wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben und die Journalisten werden die Chance erhalten, dass sie endlich wieder eine angemessene Honorierung erhalten. Auch wird die Meinungsvielfalt davon profitieren, da nicht mehr ein paar wenige Nachrichtenagenturen und Medienhäuser bestimmen, was gedruckt oder gesendet wird.
Das Internet bringt uns zurück zu gutem Journalismus und die Sieger sind die Urheber. Ein langer und steiniger Weg liegt vor uns.
@robin zu wolfgang:
in diesem zusammenhang von schwarz oder weiß, durchsetzung oder nicht halte ich für ziemlich überholt. determinations-annahmen sind zumindest in der forschung seit den 1980er jahren von der auffassung interdepenter zusammenhänge in kommunikationssystemen abgelöst worden.
ähnlich verhält es sich mit dem bündel “erfolgreicher journalismus”. da die qualität auf jeder ebene der wertschöpfungskette unterschiedlich und sogar hybrid (beim leser) bewertet und wahrgenommen wird.
also schaffen es nur spezifische bündel von “journalismus” in den kreis der zahlungsbereitschaft der nutzer. die im netz pauschal wie im klassischen vertriebsweg “druck” allgemeingültig identifizieren zu wollen kann nur scheitern. “journalismus” ist auf diesem vertriebsweg nicht mehr alleine und muss, meiner ansicht nach, erst noch lernen, dass seine leistung in der gratifikationshiearchie der nutzer weit hinter andere funktionen des netzes abgefallen ist.
rufe nach staatlicher unterstützung sind natürlich immer ein offenbarungseid der veranstalter für untaugliche geschäftsmodelle; und ob zusätzliche förderungen oder subventionsmodelle im netz ausgerollt werden müssen, halte ich angesichts der begründeten anwesenheit der öffis im netz für schlicht überflüssig.
hier verweist der autor zielgerichtet auf die logiken des marktes. um andererseits aber offsichtlich unkundig über herkunft, rolle und aufgabe von öffentlich-rechtlichem rundfunk und seiner finanzierungs-optionen zu sein und in das elende horn des halbwissens bläst…
@ Klaus Minhardt
Vielen Dank für Ihren hervorragenden Kommentar, der eigentlich alles sagt, was man sagen muß! Einzelne Produktionen zu fördern, halte ich auch für wesentlich sinnvoller als die gegenwärtige Praxis. Natürlich gäbe es auch dort Fallstricke noch und nöcher, aber der Gedanke gehört bei allen Reformüberlegungen ganz nach vorn!
Evtl ist es vertretbar die Produktion von Informationen zu subventionieren, aber warum sollte man Verlage subventionieren, die profitabel arbeiten. Umsatzrendite von 13% bei Axel-Springer sind doch völlig ausreichend. Das ist nicht gerade Opel und auch da sollte man sich raushalten.
Wenn schon subventionieren, dann bitte die Journalisten, die kaum was bekommen, für Ihre Arbeit. Die sorgen dann schon dafür, dass sie gelesen werden.
Ich bin für eine Subvention der Autoren von Carta, Irights, Perlentaucher und auch der Autoren von Spiegel, Welt und FAZ.
Aber bitte, bitte nicht dem Axel-Springer eine zusätzliche Milliarde in den Allerwertesten – das ändert gar nichts…außer dass der Allerwerteste eine größere Hose braucht.
@Justus
Ich möchte bitte nicht einen müden Cent aus Steuermitteln erhalten! Eher stelle ich meine Arbeit ein.
Fördergeld für Journalismus (im weitesten Sinn *gg*) = Korruptionsverdacht (latent) = Prostitution
No!
@robin: Diese Gegenüberstellung von “Extrempositionen” funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass man Journalismus auf eine reine Dienstleistung reduziert. Das ist aber ein Denkfehler. Man kommt dann nämlich automatisch zu der Frage: Ja, was nützt mir der ganze verdammte Journalismus? Offensichtlich nichts. Also ist er verzichtbar. Eine Dienstleistungsgesellschaft muss ja nicht notwendigerweise eine Demokratie sein.
Wir sollten auch nicht Geschäftsmodelle für die Finanzierung von Medien mit Journalismus verwechseln.
@jan: Rufe nach staatlicher Unterstützung würde ich nicht pauschal verurteilen. Man kann einerseits durch protektionistische Politik einer neuen Entwicklung, die noch nicht konkurrenzfähig ist, zum Durchbruch verhelfen (Erneuerbare Energien) oder andererseits eine alte, nicht mehr konkurrenzfähige Entwicklung künstlich am Leben halten. Entscheidend ist der politische Wille…
@wolfgang:
ich möchte hier dennoch auf der pauschalität beharren; auch wenn es natürlich jedem selber überlassen bleibt, von wem er sich für was bezahlen/unterstützen lassen möchte.
ich sehe den journalismus (aus der perspektive der journalisten) als 4. gewalt im staat und halte jede unmittelbare staatliche beeinflussung für hoch bedenklich.
darauf basiert ja auch der artikel 5, gg. aus ihm lässt sich der gewährleistungsanspruch des staates für Pressefreiheit (wann, übrigens, wird das Internet als kommunikationskanal in buchstaben dort verankert? rumänien oder bulgarien beispielsweise sind in dieser sache, natürlich auch historisch bedingt, erheblich weiter). der rahmen für die freiheiten muss zur verfügung gestellt werden, ohne dass sich daraus staatliche einflussnahmen ableiten lassen.
für die energie-politik besteht ein direkter staatlicher auftrag. das gerade macht den medienbereich besonders.
ob die politik massenmediale strukturen in der breite (beispiel printmedien) mit mehr als mittelbaren subventionen (mwst) oder pressefusionskontrolle vor dem hintergrund des internet stützen will oder sollte, wird ja im nächsten jahr eine spannende thematik (-> novelle medienkonzentrationsrecht)
da gibt es sicher viele wie unterschiedliche argumentationsstränge, die alle ihre berechtigung werden aufweisen können.
aber noch einmal zu dem artikel hier: ich finde es hart an der grenze zum populismus, paid-content mit rundfunkgebühren in einen topf zu schmeißen; das eine hat mit dem anderen soviel zu tun wie ein zierfisch mit einer kartoffel…
@jan: Mit ihrem letzten Absatz bin ich ganz einverstanden, aber Ihr Beharren auf Pauschalität ist mir zu reinlich-theoretisch. Sie erwähnen ja selbst den reduzierten Mehrwertsteuersatz. Und der hatte meines Wissens keinen messbaren Einfluss auf die journalistische Unabhängigkeit.
Fördern – wie gesagt – sollte man noch nicht konkurrenzfähige Entwicklungen (wenn man sie wünscht), nicht fördern sollte man nicht mehr konkurrenzfähige Entwicklungen (falls man sie nicht mehr wünscht). Es kommt, wie so oft, auf das an, was in der Klammer steht.
Ich wundere mich manchmal über den a-politischen Begriff von Wirtschaft, der hier gepflegt wird.
Die Werbeeinnahmen brechen weg, dann muss der Konsument eben bezahlen. Das wird sich kurzfristig im Netz nicht durchsetzen lassen, weil Nutzer auch weiterhin an gute Inhalte auch kostenlos kommen werden. Wenn nur ein oder zwei gute Angebote for free sind haben die Bezahlanbieter ein Problem.
Niemand scheint in Erwägung zu ziehen, dass vielleicht die Produktionskosten für gute Inhalte zu teuer sind. Ich sehe zwei Möglichkeiten: Kosten senken, z.B. durch Einbeziehung von “Laien” (wikipedia, netzpublik.de) oder mehr Reichweite. Vielleicht ist es schlicht so, dass es zuviele Angebote gibt, die sich einen Markt teilen müssen.
Mal kess: Ich denke es ist keine Tragödie wenn wir die Hälfte der Medienangebote verlieren, wir haben immer dann immer noch genug.
@lena hofmann:
kann ihrer these nur zustimmen und möchte ergänzen “(…), wir haben dann immer noch [mehr als] genug [und bekommen aufgrund geringer markteintrittsbarrieren laufend neue angebote dazu]”
@wolfgang:
ja, der abgesenkte mwst-satz steht auch außerhalb des verdachts der unmittelbaren einflussnahme in den redaktionellen teil einer publikation; fördermodelle nach qualitätskriterien dagegen umso mehr. in österreich beispielseise existiert eine ausgeprägte förderpolitik durch den staat, der nicht verpflichtet ist, diese auch anzuwenden. also tun die nachfrager ziemlich viel dafür, direkte subventionen durch den staat zu bekommen… und durchaus mit messbarem effekten auf die berichterstattung in der innenpolitik (subjektive wahrnehmung, die durch eine inhaltsanalyse zu belegen oder zu verwerfen wäre). institutionen gewöhnen sich in der regel ziemlich schnell an mittelflüsse, die nicht vom publikumsinteresse abhängen. und bilden dadurch nicht selten komische, steuerfinanzierte biotope, die sich auf ihre staatlich bestimmte relevanz zurückziehen.
zum a-politischen begriff von wirtschaft im medialen kontext habe ich eine klare position: die bundespolitik sollte sich hüten, auch nur ansatzweise in den verdacht zu geraten, hier modelle vorzuschlagen oder gar einführen zu wollen = staatsferne-begriff.
die causa zdf/brender/koch/beck/schächter zeigt das problem ja deutlich auf. an für sich noch kein skandal, weil das zdf eine föderal-strukturierte rundfunkanstalt ist. also unter hoheit der bundesländer steht, die sich dort auf die bundesweite arbeit verständigen. politik-fern war öffentlich-rechtlicher rundfunk noch nie.
der eigentliche skandal wäre, wenn sich hierarchie-stränge in richtung bundeskanzler(innen)amt herausstellen würden. das würde viel über das selbstverständnis aussagen…
Letztlich ist hier alles politisch, braucht vielleicht nur eine “declare-your-bias”-funktion.
zum beispiel:
wer will, dass blogs gefördert werden?
ein branchenverband? bitte offenlegen!
eine partei? bitte offenlegen!
einzelinteressen/gruppeninteressen aus ideologischer perspektive? bitte offenlegen!
einzelinteressen/gruppeninteressen aus ökonomischer perspektive? bitte offenlegen!
Was sich mir aus dieser Debatte noch nicht ganz erschließt, aber für das Thema m.e. immanent wichtig ist und auch im Kommentar von Lena F. Hofmann anklingt:
Wer soll Gratisangebote, wie sie derzeit online jeglicher Qualitätsstufe verfügbar sind und damit ein Einführen von Paid Content verhindern, eigentlich zukünftig finanzieren, wenn den Verlagen bis dahin die Erlöse aus dem Printgeschäft komplett weggebrochen sind?
@martin:
solange quersubventionierungen möglich sind, wird es frei verfügbaren content geben. online-werbung wird sich in der breite (des gesamten netzes, nicht nur auf den kleinen teil redaktionell-journalistisch gestalteter seiten) sicherlich nicht so schnell als ausreichende option zur refinanzierung entwickeln. der “hobby-faktor” wird, ähnlich dem buchverlagsgeschäft, die bestimmende konsante bleiben. und das ist sehr ehrenhaft, wie ich meine.
robert picard (hier auch an anderer stelle) vertritt seit langer zeit den ansatz, dass sich die printbranche (insbesondere tages- und wochenzeitungen) nur aus sogenannten “combined operations” wird erhalten können.
juan antonio giner, innovation mediaconsulting, rät kränkelnden tageszeitungen seit anfang 2008 nur noch an wenigen tagen als print-objekt zu erscheinen und dazwischen/parallel mit online zu überbrücken. das geld kommt überwiegend aus den print-operations, die leser-/markenbindung und aktualität zusätzlich/überwiegend aus dem online-bereich.
die breite des printgeschäfts (quantität der titel) wird sicher schrumpfen. also steht eine konsolidierung bevor. die guten werden überleben, die schlechten sterben. letztlich stünde die oberfläche internet damit in direktem wirkungszusammenhang eines zu erwartenden konzentrationsschubes (abnehmende vielfalt).
das bing, microsoft, nichts mit murdoch und den problemen der verlage zu tun haben möchte, ist beschreibend für die position der medienunternehmen im internet. sie spielen nur eine kleine, bislang ungewohnte rolle. um über werbung geld verdienen zu können, bedarf es im netz keiner journalistischen angebote…
Hier ist mein Kommentar zum Thema investigativer Journalismus:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2122617_Editorial-Wege-aus-der-Krise.html
Editorial: Wege aus der Krise | Frankfurter Rundschau – Feuilleton
@ Jan Krone: überspitzt formuliert heißt das dann:
Zur flächendeckenden Verbreitung von Paid-Content wird es nie kommen, weil mittels Quersubventionierung (ob durch Print- oder anderweitige Erlöse) der Anreiz öffentlicher Meinungsbildung jeglicher Qualität für jeden Marktteilnehmer immer gegeben sein wird und somit “Inhalte” immer als kostenlose Alternative vorhanden sein werden. Ob sich quersubventionierte Markteilnehmer qualitativ hochwertigen Journalismus leisten wollen, ist eine andere Frage…
@ Konstantin Neven DuMont: Investigativen Journalismus zu forcieren kann ich nur begrüßen. Diesen konsequent zu publizieren, über Suchmaschienen auffindbar sowie vorschaufähig und auf Artikelbasis (oder über andere Preismodelle) abzurechnen wäre ein erster Schritt journalistische Qualitätsinhalte direkt zu vergüten…
@martin schulze:
ja, denke schon. natürlich kann auch ich nicht in der zeit nach vorne reisen und mit all den informationen zurückkehren, die auf die durchsetzung für oder gegen flächendeckenden paid content stehen.
aus heutiger perspektive sind es aber gerade seiten wie diese, die die verlage dazu nötigen, auch ihre informationen gratis zur verfügung zu stellen (siehe link von k. neven dumont). die verlage müssen ihre relevanz auch hier verteidigen. tun sie es nicht, überlassen sie das feld markteinsteigern.
und verlage sind zu dieser relevanz-vermittlung personell über professionalität in der lage.
nur ist die werbewirtschaft ein unzuverlässiger partner in dem online-geschäft. die vertriebskanal-hoheit ist hier unwiderbringlich verloren. anders im bereich der printprodukte. dort werden spezifisch-qualitativ ausgerichtete angebote ihren platz auch weiter behaupten können. freilich unter anderen voraussetzungen als in den 1980 und 90er jahren.
@konstantin neven dumont:
ein beschwören des durch die verlage geleisteten beitrags zum gemeinwohl ist rückblickend sicherlich gerechtfertigt; ungerechtfertigt ist aber m.e. der ruf nach politischer kompensation eines sich verändernden marktes. die these, warum branchen unterstützen, wenn diese in rolle und funktion von einer anderen (online) sukzessive ergänzt/geschrumpft wird, greift auch in so einem sensiblen bereich wie dem der medien. ein aufweichen der pressefusionskontrolle und relativieren von konglomeraten zusammenschlüssen garantiert nicht zwangsläufig “investigativen journalismus”. vielleicht gibt es als kompromiss in zukunft kontinuierliche “public value-tests” als bedingung für fusionszusagen durch das bundeskartellamt…
dass mit der netzeitung eine etablierte marke aus ihrem portfolio mehr oder weniger gestrichen wird, kann auch als vorgeschmack der verlagspolitik hinsichtlich konzentration im internet verstanden werden.
ob damit die frage nach der refinanzierung gelöst werden kann, bleibt weiter offen. auch hier, die werbewirtschaft ist für den journalismus im internet ein unzuverlässiger partner, der staat mit direkten fördergeldern ein latenter systemfeind. zahlungsbereitschaft der nutzer im netz zu erzwingen ein missverständnis der medialen oberfläche und der architektur des internet. das anklagen von suchmaschinen und portalen ein trauern um alte zeiten der hoheit über vertriebswege. die medien müssen sich hier in ihrer rolle als junior-partner gewiss werden und im zweifel micro-payment-kooperationen akzeptieren und forcieren. skaleneffekte bleiben so auch in zukunft entscheidend für einen markterfolg.
[...] Kann man mit Online-Journalismus Geld verdienen? Stefan Kooths versucht, ihn in seinem Beitrag auf Carta aus der “Gratis-Falle” zu führe… [...]
Noch ein Erklärstück:
http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/interviewdumont100.html
NDR Fernsehen – Sendungen – Zapp- Das Interview mit Konstantin Neven DuMont
Der Artikel spricht “Kachingle” als moeglichen Ansatz an. Wir glauben dass das Kachingle Modell eine interessante Alternative bietet um “high quality journalism” und andere Informations Austaeusche finanziell zu unterstuetzen. Kachingle hat eine Test Programm unter beta.kachingle.com laufen und mehr Information in unserem Blog (leider bisher nur in englisch) unter http://blog.kachingle.com
Gruss – Jens (Chairman Kachingle)
[...] Online-Journalismus: Raus aus der Gratisfalle [...]