Daniel Leisegang

Die Entsorgung der Qualität: Die Medienkrise und die Ausbeutung der freien Journalisten

Daniel Leisegang | 26 Kommentar(e)

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Die Medienkrise verschärft die Arbeitsbedingungen der freien Journalisten und lässt den Unterschied zwischen unabhängiger Information und PR weiter schwinden. Damit verliert der Journalismus weiter an Glaubwürdigkeit und begibt sich in den freien Fall.

08.11.2009 | 

Die Printmedien befinden sich in einer schweren Krise. Eine Strategie, die ihr ökonomisches Überleben sichert, haben die meisten Verlage noch nicht gefunden. Stattdessen herrscht in den meisten Redaktionshäusern strikter Sparzwang. Unter dem steigenden Marktdruck werden tiefgehende interne Umstrukturierungen vorgenommen: ganze Ressorts werden eingestellt, Redaktionen zu sogenannten News-Rooms zusammengelegt und Zeilenhonorare über die Schmerzgrenze hinaus gekürzt.

Diese Entwicklung spitzt sich in der derzeitigen Wirtschaftskrise zusätzlich zu. Im Frühjahr hat zum Beispiel die WAZ-Gruppe bei ihren vier NRW-Titeln 300 der knapp 900 Redaktionsstellen gestrichen. Im Gegenzug erhielt deren Online-Portal „Der Westen“ gerade einmal 20 neue Mitarbeiter.

Auch die Süddeutsche Zeitung, auflagenstärkste überregionale Tageszeitung dieser Republik, plant bis Ende kommenden Jahres 60 Stellen in Verlag und Redaktion streichen, um so 10 Millionen Euro einzusparen. Es wird gemunkelt, diese Summe werde für die Bankverbindlichkeiten der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) benötigt, die vor zwei Jahren die Mehrheit am Verlag der SZ für insgesamt 700 Millionen Euro aufkaufte.

Selbst die verheißungsvolle Online-Welt muss gegenwärtig Federn lassen. Am Freitag entschied der Verlag M. DuMont Schauberg, die Netzeitung einzustellen und sämtlichen Mitarbeitern betriebsbedingt zu kündigen. Das Schicksal ihres Automagazins „Autogazette.de“ war da bereits besiegelt – drei Redakteuren ist vor wenigen Tagen gekündigt worden. Die Erstellung der Autobeilage der Berliner Zeitung, bislang Aufgabe der „Netzeitung“, liegt fortan in den Händen der Full-Service-Agentur „Raufeld Medien“. Sie verfügt nach eigenen Angaben „über ein Netzwerk von mehr als 100 freien Autoren“.

Einsparungen, Entlassungen und Outsourcing: Die tiefen Einschnitte in den Verlagshäusern verschärfen vor allem die Arbeitsbedingungen einer zugleich wachsenden Berufsgruppe, die der freien Journalisten. Allein in den vergangenen zehn Jahren dürfte sich ihre Zahl, so schätzt der Deutsche Journalistenverband (DJV), auf etwa 25.000 verdoppelt haben.

Freie Journalisten verfügen über kein geregeltes Einkommen und erhalten ihre Honorare bemessen an den gedruckten Zeilen. Der Zeitaufwand, um für eine gute Story zu recherchieren, wird nicht berücksichtigt. Laut einer Studie (PDF) des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes verdient ein freier Zeitungsjournalist, zumeist männlich und im Mittel 47 Jahre alt, monatlich im Durchschnitt knapp 2500 Euro brutto. Aufgrund der erdrückenden Marktkonkurrenz sind die Freien häufig gezwungen, Knebelverträge anzunehmen, mit denen sie sämtliche Rechte an ihren Texten an die Verlage abtreten. Eine zusätzliche Verwertung ihrer eigenen Beiträge ist ihnen damit nicht mehr möglich.

Das Gehaltsgefälle ist groß und knapp ein Drittel der freien Journalisten verdient gerade einmal bis zu 1000 Euro. Viele suchen daher ein zweites Standbein: So übt einer Studie der LMU München (PDF) zufolge jeder zweite freie Journalist neben seiner Tätigkeit als Autor eine Nebentätigkeit – zumeist im Bereich “PR/Werbung” – aus.

Schließlich wird sich ein „Freier“ gut überlegen, ob er für wenige hundert Euro wochenlang einer aufwändig recherchierten Story nachgeht, wenn Unternehmen und Lobbyorganisationen PR-Texte in Auftrag geben und diese Leistungen auch noch besser bezahlen.

So hat die neoliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft kürzlich drei Journalisten für das Projekt „Deutschland 24/30“ angeheuert, die „die „der sozialen Marktwirtschaft gegenüber positiv eingestellt und einem unternehmernahen Auftraggeber gegenüber aufgeschlossen sind.“ Sie sollten der Frage nachgehen, was aus der „guten alten Sozialen Marktwirtschaft“ geworden sei. Die Reportage dürfte am Ende im Sinne der Auftraggeber gewesen sein: Schließlich beißt niemand die Hand, die einen füttert.

Wenn die Meinungen von Journalisten, und damit die „vierte Gewalt“ als solche, infolge der Ausbeutung an den Meistbietenden verschleudert werden kann, nehmen fraglos nicht nur die unmoralischen Angebote der Lobbyorganisationen weiter zu – der Unterschied zwischen unabhängigen Informationen und interessengeleiteter PR droht am Ende gänzlich zu verschwinden.

Der Wettlauf nach unten verwandelt sich zudem in den freien Fall: Wenn billiges Infotainment und PR zunehmend kritischen Journalismus aus den Spalten verdrängen, ist die Glaubwürdigkeit der redaktionellen Berichterstattung selbst in Gefahr. Die Leser werden weiter abwandern und im Internet Alternativen suchen, die Anzeigenkunden werden ihnen folgen.

Der Ausweg aus dieser mehrdimensionalen Medienkrise indes ist denkbar einfach: Es ist ein Irrtum anzunehmen, journalistische Qualität gebe es zum Nulltarif. Längst hat die Diskussion über die Zukunft des Journalismus sowie unterschiedliche Erlösmodelle, von Micro-Payments bis hin zur Kulturflatrate, an Fahrt gewonnen. Allein auf diese Weise können Verlage aus dem Teufelskreis ausbrechen, investigative Recherchen gefördert und nicht zuletzt auch die Ausbeutung der freien Journalisten gestoppt werden.

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26 Kommentare

  1. Andreas |  08.11.2009 | 21:13 | permalink  

    Wie kann die Süddeutsche mit dem Abbau von 60 Stellen 10 Millionen Euro einsparen? Das ist eine heftige Summe.
    Die Abwärtsspirale ist hier aber gut dargestellt. Ich denke, es hängt auch viel damit zusammen, dass Journalisten in Deutschland keinen herausragenden gesellschaftlichen Ruf haben. Das Gegenteil von Anerkennung ist hier häufig der Fall, das zeigen auch verschiedene Befragungen.

  2. Björn Sievers |  08.11.2009 | 22:39 | permalink  

    Der analytische Teil ist ebenso wahr wie bedauerlich – und bekannt. Aber was soll mir die Schlussfolgerung sagen? Wenn der Ausweg so einfach ist, wieso geht ihn dann keiner? Und welcher Ausweg eigentlich? Paid Content im Einzelabruf, Abo oder als Flatrate sind schon mal drei Wege, und keiner ist bisher im Ansatz zu erkennen, ganz zu schweigen von den Erfolgsaussichten, würden wir ihn tatsächlich beschreiten. Das Netz krempelt nicht nur die Medienwelt um, aber die eben auch und das jetzt gerade. Wäre gut, das zu akzeptieren. Just for a start.

  3. Vom Jammern der freien Journalisten « DocJott |  08.11.2009 | 22:39 | permalink  

    [...] 2009 in Die Kultur | Tags: Journalismus, Sterben Glaubt man den aktuellen Ausführungen bei Carta so verdienen freie Zeitungsjournalisten zwischen 1000 Euro (wahrscheinlich netto) und knapp 2500 [...]

  4. Nicole |  08.11.2009 | 23:14 | permalink  

    Welcher Ausweg ist nun der beste, oder welche Alternative? Mir stellen sich die gleich Fragen wie Björn Sievers.

  5. Michael Metzger |  09.11.2009 | 01:47 | permalink  

    Vor einiger Zeit schrieb der Kollege Umair Haque an dieser Stelle (http://carta.info/16420/internet-offenes-mediensystem-wein-wasser-umair-haque/) mal über Wein und Wasser im Journalsimus. Dieser Artikel von Daniel Leisegang stellt nun die Kehrseite der Medialle dar. Beide Texte zusammengenommen zeigen, dass die Produktion von gutem Wein sehr wohl finanziert werden kann, indem man diesen nicht pur, sondern verdünnt an die Leser verkauft. Wer jedoch am liebsten ausschließlich hochkarätige Reportagen und investigative Enthüllungs-Stories lesen möchte, sollte bedenken: Verdünnter Wein ist immer noch besser als gar kein Alkohol.

  6. Torsten Meise |  09.11.2009 | 09:53 | permalink  

    Was wir derzeit erleben, ist zu einem guten Teil auch einfach eine (notwendige) Marktbereinigung. Am Ende dieses Prozesses werden die besseren Titel überlebt haben und die schwächeren werden verschwunden sein. Und gleiches gilt auch für uns freie Journalisten. Wie viele der 1500 Titel am Kiosk bieten wirklich “Journalismus”? Wie viele davon sind in Wirklichkeit total PR-verseucht? Wie viele sind einfach nur abgekupferte Me-too-Produkte? Und – wie viele “Journalisten” sind wirklich Journalisten in einem Sinne, wie er in den derzeitigen Qualitätsdebatten gerne herbeigeredet wird? Außerdem: Von Tageszeitungshonoraren konnte noch nie ein Journalist wirklich leben. Auch nicht von denen vieler Qualitätsblätter übrigens, gerade Letzteres war/ist oft genug ein Zuschussgeschäft für Freie. Was ich sagen will: Redet die Vergangenheit nicht schön, es war schon immer schwer, als Freier seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dass die Preise derzeit ins Unendliche zu fallen scheinen, ist dabei natürlich für alle Freien (auch Layouter, Illustratoren, Fotografen) existenzgefährdend. Aber wenn irgendwann keiner mehr da ist, der für die Verlage die Drecksarbeit macht, dann wird sich diese Entwicklung auch wieder umkehren.

  7. Formwandler |  09.11.2009 | 10:04 | permalink  

    Den Kern des Problems haben Sie doch selbst benannt:

    “Allein in den vergangenen zehn Jahren dürfte sich ihre Zahl [die der freien Journalisten, FW], so schätzt der Deutsche Journalistenverband (DJV), auf etwa 25.000 verdoppelt haben.”

    Und dann über Preisverfall wundern?

  8. Daniel Leisegang |  09.11.2009 | 11:03 | permalink  

    Auch wenn verdünnter Wein besser sein mag, als gar kein Alkohol – gerade gepanschter Wein macht einen schweren Kopf. Der Kater danach ist allerdings auch selbst verschuldet.

    Denn bis heute verweigern sich viele Zeitungsmacher einer konsequenten Debatte. Die meisten vertrauten darauf, dass der eng geschnallte Gürtel und die Werbeeinnahmen einen schon irgendwie (und wenn auch in Zukunft) über Wasser halten würden. Oder finanzieren ihre Gratisangebote mit dem Verkauf von DVDs und Bucheditionen.

    Die Chancen, für ihre Inhalte Geld zu nehmen, sehen bei den verschiedenen Medien sicher unterschiedlich gut aus. Bislang meistern diejenigen die Krise(n) gut, die – gelegentlich aus der Nische heraus – Qualität anbieten. Was sich nicht verkaufen lässt, sind dpa-Meldungen und Nachrichten, die ohnehin im Internet abrufbar sind.

    Ein Anfang wäre es, sich auch innerhalb der Verlage den genannten – und durchaus umstrittenen – Alternativen zuzuwenden. Sie haben ohnehin keine Wahl.

    Die entscheidenden Fragen aber lauten: Wer ist nicht bereit, einige Groschen für eine gute, “einzigartige” Analyse hinzulegen? Wer würde nicht etwas zahlen, wenn er/sie im Gegenzug meinungsstarke Kommentare erhielte? Kurzum: Es ist an der Zeit, auch mal den Weg auszuprobieren, wo sich Qualität auszahlt. Dazu gehört allerdings auch, die Zeitungshäuser nicht vorrangig als Renditeobjekt anzusehen, die zweistellige Wachstumsraten aufweisen müssen.

  9. Matthias Krause |  09.11.2009 | 11:49 | permalink  

    Für mich als Freier stellt sich doch eine ganz andere Frage: Macht es überhaupt noch Sinn, mit Verlagen zusammen zu arbeiten, die mir systematisch die Geschäftsgrundlage entziehen? Dass es noch nie möglich gewesen sei, von Tageszeitungshonoraren zu (über)leben, ist schlichtweg falsch, das kann ich mit meinen Steuererklärungen beweisen. Es ist jedoch mittlerweile kaum mehr möglich, weil die Verlage sich sämtliche Verwertungsrechte sichern und damit den klassischen (und lukrativen) Bauchladen dezimieren bzw. verhindern. Wenn ich aber Geschäftspartner habe, die hauptsächlich gegen mich arbeiten u.a. mit dem Argument, dass sie ja selbst nix mehr verdienen, dann ist es für mich an der Zeit, nach neuen Modellen zu suchen. Warum also nicht die Verlage als “middle man” ausschalten und sich direkt an die Endverbraucher wenden? Es gibt Beispiele, in denen das bereits funktioniert, vor allem auf der hyperlokalen Ebene. Tech-Blogs sind ein weiteres. Das sind bislang nur wenige, aber so mancher Verlag wird sich noch umsehen, wie schnell ihm seine Felle wegschwimmen, wenn er sich weiterhin damit begnügt, nur den Raum zwischen den Anzeigen möglichst billig zu füllen. Wir befinden uns in einer neuen Gründerzeit und statt den Niedergang des alten Modells noch länger zu beklagen, sollten wir endlich den Kopf frei machen und das Undenkbare denken.

  10. Sascha Stoltenow |  09.11.2009 | 14:28 | permalink  

    Der Ruf nach einer Kulturflatrate klingt wie ein Ruf nach Staatszeitung, den Staatsrundfunk haben wir ja schon. Steigt dadurch die Qualität? Nicht immer, und wenn sie zu finden ist, dann häufig in der Nachtschiene. Aber dafür bin ich gerne bereit, zu zahlen. Bei staatlichen Printmedien wäre ich mir nicht so sicher, denn trotz der massiven Veränderungen und der prekären Lage mancher freier Journalisten, erlebe ich eher ein absolutes Überangebot fragwürdiger Qualität, während gleichzeitig der kritische-politische Journalismus auf nationaler Ebene noch funktioniert. Und das vermeintlich ach so große Problem in der Fläche kann ich auch nicht erkennen, denn die Lokal- und Regionalmedien sind schon seit Urzeiten eng mit der lokalen Politik und Wirtschaft verbandelt, die Journalisten dementsprechend konditioniert. Hier habe ich tatsächlich die Hoffnung auf nicht-professionelle Bürgerjournalisten. Und um es nochmal klar zu sagen: Das Problem des Journalismus sind nicht die PR sondern die Verleger.

  11. Klaus Jarchow |  09.11.2009 | 14:51 | permalink  

    Ein Beispiel für halbwegs gelungene neue Wege: Als die Schweizer Finanziers des Blogwerks uns damals – trotz kontinuierlich steigenden Rankings – die ‘Medienlese’ vor der Nase einstellten, da gab es dort u. a. die Rubrik ‘6 vor 9′ von Ronnie Grob, wo er ausgewählt aus Hunderten von Feeds in seinem Reader pünktlich interessante Links lieferte, die für viele Netizens zur ersten Frühstückslektüre wurden. Für dies einzigartige Angebot kam innerhalb kurzer Zeit durch ein selbstorganisiertes ‘Leser-Sponsoring’ so viel Geld zusammen, dass Ronnie erst einmal drei Monate weitermachen konnte. Heute schreibt er diese Rubrik fürs BildBlog.

    Womit ich auf ein Muster hinweisen will: Mache dir als Autor einen Namen, entwickele ein Medienformat, das ganz auf dich zugeschnitten ist – dann kann es auch als Freier im Internet laufen. Mit Me-Too-Journalismus allerdings wird niemand über die Runden kommen …

    Hier die damalige Debatte in extenso: http://netzwertig.com/2009/04/24/in-eigener-sache-wir-stellen-medienlesecom-ein/

  12. Änderungen in der Kölner Medienbranche « |  09.11.2009 | 17:51 | permalink  

    [...] Carta-Blog schlussfolgert Daniel Leisegang: „Die Medienkrise verschärft die Arbeitsbedingungen der freien Journalisten und lässt den [...]

  13. Daniel Leisegang |  09.11.2009 | 17:53 | permalink  

    @Sascha: In der Tat liegt der Kern des Problems eher bei den Verlegern als bei der PR selbst. Gegen PR ist ja auch eigentlich nicht viel zu sagen, wenn sie in ihren gekennzeichneten Räumen und damit transparent agiert. Das aber ist längst nicht garantiert.
    Und auch wenn die Kulturflatrate nur eine der genannten Optionen darstellt und unterschiedlich gestaltet werden kann: Was spricht denn gegen die staatliche (Grund-)Förderung journalistischer Produkte, die diese damit unabhängiger gegen wirtschaftliche Krisen und den Einfluss von Anzeigenkunden machen. Ich (quer)finanziere mit dem Produktkauf von Büchern und Medien ja auch andere Bücher (bspw. Lyrik) oder Sparten (bspw. Sport oder Literatur). Das Problem einer gemischten Qualität sehe ich damit nicht unbedingt so stark. Eher noch andere: Vgl. http://carta.info/10584/markt-oder-allmendewirtschaft-worum-es-bei-der-kulturflatrate-eigentlich-geht/

    @Klaus: Die Rubrik ‘6 vor 9′ will man nicht missen. :) Das Problem dieser Lösung liegt aber wieder darin, dass – analog zur Musikwirtschaft – nur wenige Bands so bekannt und gefragt sind, dass sie auch Geld verdienen können. Glücklich ist, wem dies gelingt. Aber, und da hast Du recht, dies geht auch ohnehin nur, wenn ich Qualität und außergewöhnliche Ergebnisse anbieten kann.

  14. Tarantoga |  09.11.2009 | 19:07 | permalink  

    Knebelverträge mit Exklusivrechten scheinen mir das größte Problem zu sein. Gerade guten Journalismus wird man nur mit großer Reichweite finanzieren können wenn die Einnahmen je Kopie derart sinken wie es durch das Internet der Fall ist.

    Solche Probleme wird der Markt nicht lösen können. Der Markt versucht nur das Problem dem Schwächsten in der Kette zuzuschieben. Wenn Sie als Journalisten dagegen etwas tun wollen, dann brauchen Sie entweder passende Gesetze oder zumindest müssten sich die freien Journalisten in einer Standesorganisation oder “Gewerkschaft” organisieren und dort den verbindlichen Kodex festlegen, dass solche Knebelverträge nicht unterschrieben werden.

  15. Sascha Stoltenow |  09.11.2009 | 19:33 | permalink  

    @Daniel: Die Antwort auf die Frage, wo und was denn die gekennzeichneten Räume der PR sein sollen erwarte bestimmt nicht nur ich sehr gespannt. Wir alle sind Akteure in einer Öffentlichkeit. Unternehmen agieren medial, Medien(unternehmen) agieren unternehmerisch und politisch, etc. Die Behauptung, Medien seien nur die Bühnen, auf denen sich die anderen tummeln ist falsch, stimmte nie. Das Netz macht uns das jetzt nur transparenter als vorher, aber im Kern bestehen Gesellschaften schon länger zu einem großen Teil aus Public Relations.

  16. Matthias Krause |  09.11.2009 | 23:19 | permalink  

    @Tarantoga: Zumindest die “Standesorganisation” gibt es schon: http://www.freischreiber.de Interessant auch, dass djv und verdi seit deren Gründung die Knie schlottern…

  17. Wolfgang Michal |  10.11.2009 | 01:21 | permalink  

    Vor kurzem haben sich die drei Urheber-Organisationen Freelens (freie Fotografen), io (freie Illustratoren) und Freischreiber (freie Journalisten) zusammen getan. Für ein erstes Projekt. Es entwickelt sich also was.

  18. Daniel Leisegang |  10.11.2009 | 01:46 | permalink  

    @Sascha: Ich möchte nur, dass journalistische Berichterstattung und Werbung/PR deutlich unterschieden und voneinander getrennt werden – auch visuell. Wenn Beiträge im Auftrag eines Unternehmens erstellt wurden, sollten sie als solche auch gekennzeichnet sein. Das steht einer Arbeitsweise nicht entgegen, wo sich der Autor unterschiedlicher Quellen bedient.
    Wie sonst kann ich dem Schreiber, seinen Informationen wie auch seiner Einschätzung trauen?

  19. mediaclinique | ralf schwartz |  10.11.2009 | 11:10 | permalink  

    Der Journalismus ist das Problem, der Journalist die Lösung…

    Verallgemeinerungen zur Situation des ‘Journalismus’, wie wir sie allerorten aus mehr oder weniger berufenem Munde hören, verfestigen Meinungen, bestätigen Vorurteile, verhärten Fronten, ie. helfen niemandem, am wenigsten dem Journalisten selbst. …

  20. Klaus Jarchow |  10.11.2009 | 11:13 | permalink  

    @ Matthias Krause: Richtig – zieht man unter dem Strich die Quersumme, dann ist die Situation nicht eindeutig. Natürlich wird verlegerseitig die Situation für die Freien immer desolater gestaltet. Andererseits gibt es die notwendigen Produktionsmittel so billig wie nie zuvor – ein Blog oder Portal kostet so gut wie nichts, Druckkosten entfallen, kein Vertrieb, Redaktionsräume müssen nicht angemietet werden usw. Frei nach Hagebau lautet daher die Ausgangslage: Mach dein Ding! Die Frage der Refinanzierung des Einzelnen ist dabei die offene Größe, aber zugleich auch die einzige.

  21. Detlef Radüntz |  10.11.2009 | 13:44 | permalink  

    @-daniel: Es sieht so aus, dass selbst der ‘freie Journalismus’ den gleichen Marktbedingungen unterliegt wie jede andere Sparte in unserer jetzt funktionierenden Gesellschaft auch. Wir werden alle gefüttert, wenn wir uns die Nahrung nicht selbst besorgen. Vom ‘Markt’ ist wirklich nichts für uns zu erwarten. Dieser leistet sich ausschließlich ‘Angebote’, die seinem eigenen Überleben dienlich sind…
    Man kann sich NUR SELBSTAENDIG machen, um (relativ) FREI zu sein. Das gilt auch für den Journalismus! So ist unsere Gesellschaft strukturiert und geformt, auch wenn es uns nicht gefällt.
    Dann stellt sich leider die Frage, wie man selbständig überleben kann. Es kann geschehen, dass man dann noch weniger als 1000 Euro im Monat für seine in Stunden gar nicht mehr auszurechnende Arbeitszeit hat (eigene Erfahrung). Wenigstens füttert man sich dann selbst und scheint unabhängiger und freier zu sein…
    Dennoch gebe ich Dir Recht:
    Es ist sehr wichtig, dass der nicht reflektierende Leser erkennt, ob eine Information zielgerichtete PR-Motivation ist oder ob sie ‘reine’ Information ist.
    Ein ‘unabhängiges’ Blatt ist nur in ’selbständiger’ Tätigkeit möglich und dieser allein wird das Vertauen geschenkt…
    Wir müssen in der Tat umdenken.

  22. Sascha Stoltenow |  10.11.2009 | 14:22 | permalink  

    @Daniel: Also die sichtbare Trennung von Werbung und Redaktion ist doch wirklich nicht das Problem der freien Journalisten. Als der Spiegel seine Hausmitteilungen mal umfrisiert hatte, ging doch gleich eine Welle der Empörung durch das Land. Und die Werbeindustrie gibt sich alle Mühe, nachzuweisen, dass Advertorials weniger leisten als Anzeigen. Problematisch, aber auch verboten, ist Schleichwerbung, aber auch die: nicht ursächlich für Probleme freier Journalisten. Das eigentliche Problem ist Qualität – sowohl in der PR-Arbeit als auch im Journalismus.

  23. Lesestoff 10/11/2009 | ich:AG |  10.11.2009 | 17:51 | permalink  

    [...] Die Entsorgung der Qualität: Die Medienkrise und die Ausbeutung der freien Journalisten [...]

  24. Kurze Stellungnahme: Arbeitsbedingungen | Die Saugpappe |  10.11.2009 | 19:31 | permalink  

    [...] Zitat von Daniel Leisegang / carta.info [...]

  25. Daniel Leisegang |  11.11.2009 | 01:39 | permalink  

    @Detlef: Ohne Frage ist diese Unabhängigkeit wünschenswert. Am besten wäre es, wir könnten frei von materiellen Zwängen selbstständig arbeiten und leben. (Grundsicherungsmodelle bieten hier verlockende, bisweilen utopische und in Teilen auch überzeugende Ausblicke.) Und für nicht wenige sind bis dahin die 1000 Euro für erhebliche (Selbst)Ausbeutung in einem Selbstverwirklichungsprojekt wichtiger als ein besseres Gehalt bei kurzer Leine.
    Diese Wahl haben die Freien jedoch kaum noch. Hier ist die Schraube schon fest angedreht – mit dramatischen Folgen.
    @Sascha: Nein, die Trennung zwischen PR und Werbung ist nicht das Problem der Freien. Das habe ich auch in dem Artikel nicht geschrieben. Ich habe nur auf Deinen Kommentar geantwortet, wo Du Dich fragtest, wo und was denn die gekennzeichneten Räume der PR sein sollen. Das Problem, das ich u.a. in dem Artikel ansprechen wollte, ist die zunehmende Käuflichkeit unabhängigen Journalismus’.

  26. Sascha Stoltenow |  11.11.2009 | 12:32 | permalink  

    @Daniel: Die Grundsicherungsmodelle, wie sie u.a. von Götz Werner in die Debatte eingebracht werden, sind eine nachdenkenswerte Utopie. De facto haben wir aber derzeit schon eine Grundsicherung, mit dem Unterschied, dass sie deren Empfänger zu Bittstellern macht. Insofern plädiert Werner – entsprechend seiner anthroposophischen Grundhaltung – vor allem für einen Mentalitätswechsel.

    Was mich aber in der Debatte stört ist, dass ich eine Grundton wahrnehme, dass Journalisten einen Anspruch auf eine (staatliche) Versorgung haben. Niemand wird dazu gezwungen als freier Journalist zu arbeiten. Das ist eine bewusste Entscheidung, und im Unterschied zu dem gering qualifizierten Werker, haben die vielfach akademisch ausgebildeten Journalisten berufliche Alternativen. Und auch quantitativ halte ich die prekär arbeitenden Journalisten für das wesentlich geringere gesellschaftliche Problem als die entlassenen Ungelernten und ihre Familien.

    Davon losgelöst bin ich selbstverständlich überzeugt, dass Arbeit anständig zu entlohnen ist. Damit ist aber kein Recht auf staatliche Vollversorgung und Schutz gegen einen fundamentalen Strukturwandel verbunden.

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