Gabriele Bärtels

Betrug am Leser: Der Boulevard höhlt die Pressefreiheit aus

Gabriele Bärtels | 46 Kommentar(e)


Die Pressefreiheit ist konstituierend für die Demokratie, aber nachts steht sie im dünnen Kleidchen an einer Laterne und zwinkert den Anzeigenkunden zu. Warum die Journalistenbranche von innen verfault und ich Texte schreiben soll, in denen nichts von dem vorkommt, was ich gesehen oder gehört habe.

20.07.2009 | 

Vermutlich kriegt man in der Ausbildung beigebracht, was Boulevard-Journalismus ist, allerdings habe ich noch nie gehört, dass es ein spezifisches Unterrichtsfach wäre. Ich bin ja kein gelernter Journalist, deswegen kann mir vielleicht mal jemand erklären, ob für diese Art der Berichterstattung auch der Wahrhaftigkeitsgrundsatz gilt? Meiner Erfahrung nach nämlich nicht. Und wenn das nicht der Fall ist, wieso haben die Leute, die Boulevard-Journalismus betreiben, dann überhaupt einen Presseausweis?

Wer sich heutzutage in einem Zeitungskiosk umsieht, bildet sich bloß ein, in den Regalen lägen zu hundert Prozent Presseerzeugnisse. Tatsächlich sind es Pi mal Daumen vielleicht zehn Prozent, der Rest ist weitgehend Betrug am Leser, an einem Durchschnitts- und Massenleser, der noch immer glaubt, was in der Zeitung steht. Wie blöd für ihn.

In Wahrheit hat er es mit einem abgekarteten Spiel zu tun, mit Verdrehung, Verschönerung und Dramatisierung der Wirklichkeit, mit der Schaffung von Scheinwelten, und das ist keine Neuigkeit, sondern so selbstverständlich, dass niemand es mehr seltsam findet. Mal geschieht das nur aus reiner Oberflächlichkeit, meistens aus knallhartem Marketing-Interesse. Ich kann da reihenweise selbsterlebte Beispiele auflisten.

Mein Problem ist nur: Nenne ich Ross und Reiter, dann kriege ich solche Aufträge nicht mehr. Nicht nur mein Problem, sondern das unserer Gesellschaft ist, dass sie für solche Lügen in glänzenden Magazinen höhere Honorare zahlt als für Wahrhaftigkeit, und dies auch noch pünktlicher. Unbestechliche Berichterstattung bringt in Schwarz-Weiß-Tageszeitungen nämlich nur Zeilen-Cent-Beträge, im Internet oft nichts mehr. Also erzähle ich verschlüsselt, weil ich mir nichts anderes leisten kann.

Gestern zum Beispiel: Da sollte ich für ein Lifestyle-Magazin einen Text über zwei Schauspieler schreiben, die in einem Fitness-Studio trainieren, um sich für eine Mega-Inszenierung, deren Hauptdarsteller sie sein werden, fit zu machen. Tatsache ist aber, dass sie nie in diesem Fitness-Studio trainieren, nur an diesem Tag, unter den Augen und in der Obhut von Fotograf, Assistent, Stylistin, Produktionsleitung und natürlich der Marketing-Dame des Studios.

Der Verlag des Life-Style-Magazins ist geschäftlich mit dieser Fitnessstudio-Firma verbunden. Deswegen muss dafür gesorgt werden, dass sowohl im Text als auch im Bild klar wird, in welch exklusiver Umgebung das Training stattfindet, das sich die beiden Schauspieler im wahren Leben gar nicht leisten können. Die Produzenten der Mega-Inszenierung wiederum stellen dem Lifestyle-Magazin Freikarten zur Verfügung, die diese an ihre Leser verlosen können. Und weil das Fitness-Studio eine bestimmte Sportklamotten-Marke favorisiert, müssen die Schauspieler genau die auch anziehen.

Und ich soll einen Text schreiben, in dem nichts davon vorkommt, was ich an diesem Tag gesehen und gehört habe. Sondern so tun, als würden hier zwei Schauspieler begeistert schwitzen, die in Wahrheit gepudert sind. Der Text geht dann nicht nur an die Redaktion, sondern auch an die Produzenten der Mega-Inszenierung, damit am Ende alle Seiten zufrieden sind. Im Heft wird er als redaktioneller Beitrag erscheinen. Sämtliche Beteiligte finden das normal, sie arbeiten so seit ewig und drei Tagen. Gewissensbisse würden sie ganz und gar lächerlich finden.

Als ich neulich einem Frauenmagazin eine wahre Liebesgeschichte verkaufte, in der ein Politiker vorkam, war die Redakteurin begeistert. Nur eines durfte nicht sein: Der Politiker. „Können wir nicht lieber einen Volkshochschuldozenten daraus machen?“ fragte sie. So ist das in Frauenmagazinen. Die Wirklichkeit passt nicht ins Konzept, und dem Chefredakteur ist es auch egal.

Ich habe ja weitgehend aufgehört, für Frauenmagazine zu schreiben. Ich konnte es nicht länger ertragen, für die Psycho-Ressorts lebende Fallbeispiele zu suchen, die genau das aussagten, was die Redaktion hören wollte, wohin man die Fallbeispiele notfalls mit Suggestivfragen bringen musste. (Es wurden sowieso nur die fotogenen veröffentlicht.) Und ich mochte es nicht mehr aushalten, dass meine Geschichten entschärft wurden, weil die Leserin sich doch beim Blättern entspannen soll. Oder dass sie erst gar nicht gedruckt wurden, wie das beauftragte Portrait einer Prostituierten, die gleichzeitig Mutter war. „Zu iggitigitt“ für unsere Leser, befand die Ressortleiterin und zahlte mir ein lächerliches Ausfallhonorar. „Ja, wie haben Sie sich die Geschichte vorgestellt?“, wagte ich noch zu einzuwenden: „Eine Edelnutte, die auf Strass-Highheels madonnenhaft lächelnd Kinder und Job jongliert?“

Und dann die Reisereportagen. Wo gibt es das noch, dass ein Redaktions-Etat ermöglicht, Journalist und Fotograf eine Reise zu bezahlen, über die sie in Wort und Bild unabhängig berichten können? Der Normalfall geht anders: Die PR-Abteilung des Reiseveranstalters oder die Touristik-Abteilung eines Landes lädt höflich ein. Sie sorgt für Flug, Luxushotel, verwöhnt den Journalisten mit kleinen Geschenken, karrt ihn an die schönsten Plätze, ohne dass er sich überhaupt eine Landkarte besorgen müsste, sucht Interview-Partner schon vorab für ihn aus. Und selbst wenn zwanzig Journalisten an dieser Pressereise teilgenommen haben, tut der Autor nachher so, als habe er ganz allein die Erlebnisse gehabt, die er in seinem Text beschreibt. Auch auf den Fotos kommt die Reisegruppe nicht vor. Für Berichterstattung über neue Autos gilt das Gleiche in grün.

Dass sämtliche Mode- und Kosmetik-Ressorts in Boulevard-Magazinen mit den Marketing-Mitarbeitern von Mode- und Kosmetik-Konzernen per Du sind, ist ein offenes Geheimnis. Dem Leser gegenüber empfinden beide Seiten keinerlei Verpflichtung. So sollte ich einmal einen albernen Text darüber verfassen, in welchem Edelkosmetikgeschäft man von Verkäuferinnen wie beraten wird. Dass unter den Test-Kandidaten auch eine Niedrigpreis-Drogeriekette sein sollte, fand ich merkwürdig, denn es ergibt sich ja von selbst, dass Kassierinnen keine großartige Beratung betreiben. Genauso schrieb ich es dann auch hin. Wie naiv ich war, begriff ich erst, als ich das Heft mit meiner Geschichte in der Hand hielt. Die Chefredakteurin hatte ohne Rücksprache mit mir Sätze in meinen Text geschrieben, die die Drogeriekette in allerbestem Licht erscheinen ließen. Mein Name stand darunter. Die ganzseitige Drogerieketten-Anzeige prangte daneben.

Wieso, frage ich mich, betrachtet man das landauf, landab als Kavaliersdelikt? Die Antwort ist einfach: Erstens – wenn mehrheitlich so verfahren wird, fühlen sich alle im Recht. Zweitens würden nicht viertel soviel Medien existieren, gäbe es nicht so viele kommerzielle Interessen, die dort untergemogelt werden sollen. Der Leser merke bitte: Presse und Medien sind nicht zwei Namen für dieselbe Sache. Leider merkt der Leser das eben meistens nicht.

Der überwiegende Teil aller Redakteure und freien Journalisten im Lande, die für den im Zeitungskiosk weit überwiegenden Boulevard-Journalismus arbeiten, ist also Handlanger ganz anderer Absichten als der grundgesetzlich verankerten Pressefreiheit. Diese Pressefreiheit ist eine tragende Wand der Demokratie. Aber sie steht nachts in einem dünnen Kleidchen an einer Laterne und zwinkert Anzeigenkunden zu. Von außerhalb der Journalistenbranche ist sie durch Abhöraktionen bei Weitem nicht so bedroht, wie sie von innen verfault ist.

Über Jahrzehnte war Journalismus ohne Anzeigenkunden nicht denkbar. Doch Anzeigen-Kunden lieben den Journalismus nicht, sondern nur ihren eigenen Umsatz. Jetzt wandern sie gnadenlos dahin ab, wo sie viel mehr Leute erreichen. Das sind die neuen Millionen-Communities im Internet, wie Facebook, Myspace und dergleichen. Dass diese scheinbar sichere Symbiose sich zusehens auflöst, ist vielleicht nicht so schlimm, wie es aussieht. Womöglich wird sie zum Massensterben zahlreicher Boulevard-Journalismus-Erzeugnisse führen, in denen sowieso nie Wahrhaftigkeit steckte, sondern nur rosa Schaum.

Bedauerlicherweise leidet unter dem Anzeigenschwund auch die Handvoll seriöser Medien, in denen noch Qualitätjournalismus verwirklicht wird, unter wachsend erschwerten Bedingungen. Mehr als diese Handvoll hat es nie gegeben. Die Frage ist nur, wem in dieser Demokratie sind die in Zukunft etwas wert?

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46 Kommentare

  1. Wie de Hopf |  20.07.2009 | 11:09 | permalink  

    Ich bin skeptisch, inwieweit diese Gegenüberstellung von Boulevard- und Qualitätsjournalismus noch etwas taugt. Sie beruht auf der Unterscheidung zwischen subjektiv und objektiv, interessensgeleitet und frei (Pressefreiheit). Ich glaube aber, dass es so etwas wie eine freie Presse nie gegeben hat, dass sie immer schon ein Instrument bestimmter Interessen war. Die Verzerrungen, die sie in ihrem Artikel beschreiben und beklagen, zeigen für mich lediglich offensichtlicher, was schon immer da war. Jeder Artikel, egal welchen ethischen Hintergrund er aufweist, beinhaltet eine bestimmte Perspektive. Jede Perspektive zeigt eine eingeschränkte, selektive, subjektive Sichtweise auf die Wirklichkeit.
    Worin wir uns einig ist sind, ist wohl, dass wir uns eine möglichst unverfälschte Sicht wünschen, die Entscheidungsfähigkeit ermöglicht. Die Frage ist lediglich, wie dies erreicht werden kann. Die Option des Rückgriffs auf das langsam verblassende Modell des Qualitätsjournalismus ist in meinen Augen nicht wünschenswert, da blind für die Möglichkeiten, die sich durch dessen Verfall bieten. Wie Volker Beck schon 1986 in seiner “Risikogesellschaft” erkannt hat, enthalten die Probleme der Moderne in sich immer schon eine Lösung. Durch das Bewusstwerden der Interessensproblematik, entsteht der Druck und das Bedürfnis, in seinem Informationsbedürfnis mehr als einer oder ein paar Quellen zu vertrauen. Die Folgen davon sind immer mehr zu erleben, in der (zugegebenermaßen immer noch recht ungeordneten) Individualisierung und Multiperspektivität der Meinungsbildung im Internet, die wiederum Rückkopplungen auf die etablierten Medien haben. Dafür sind übrigens sowohl ihr Artikel als auch mein Kommentar Beispiele.

  2. katrin |  20.07.2009 | 13:47 | permalink  

    Und in der Unterzeile sollte man besser von “Journalistenbranche” statt “Journalistebranche” sprechen.

  3. Redaktion Carta |  20.07.2009 | 14:38 | permalink  

    Danke – jetzt mit Qualitätsrechtschreibung.

  4. Jakob |  20.07.2009 | 14:49 | permalink  

    Danke für diese ehrliche Innenansicht. Ich kann sie schon höheren, die Entschuldigungen und Ausflüchte der Kollegen. Ich glaube ihnen nicht mehr, diesen Ausreden anden Erosionshängen des Journalismus. Korrumpieren lassen sich aber Menschen, man kann entweder mitmachen oder nicht. Die PR spült immer mehr journalistische Standards weg. Ein Hang ohne Befestigung stürzt ab. Und das ist der Aufruf an die Kollegen: Verlasst Euch auf Eure Wurzeln.

  5. Alpha |  20.07.2009 | 15:43 | permalink  

    Sehr lesenswerter Beitrag. Ich werde öfter mal vorbeischnuppern. ;)

  6. Medienrechtler |  20.07.2009 | 16:46 | permalink  

    Sehr lesenswerter Beitrag. Ungeschönte Wahrheit, welche leider nie ein Thema ist.
    An dieser Stelle möchte ich auch mal auf den Pressekodex aufmerksam machen, der die im Text dargestellten Berichte im Grunde untersagt.
    Ich würde mich freuen, wenn Journalisten von sich aus häufiger in diesen blicken würden und ihren journalistischen Auftrag ernster nähmen!

  7. Sascha Stoltenow |  20.07.2009 | 18:18 | permalink  

    Ok, und was ist daran neu? Den Text zu den Leiden der freien Journalistin, der nach dem gleichen Empörungsmuster gestrickt war, fand ich unterhaltsamer.

    Davon abgesehen: Das Publikum weiß das. Das Publikum ist nicht blöd, nur tun selbst ernannte Q-Journalisten immer so, als müsse die unmündige Masse von ihnen erzogen werden. Will sie aber nicht.

  8. Marcus Johst |  20.07.2009 | 19:23 | permalink  

    Mit Verlaub, Madame, Sie kokettieren. Oder haben wirklich keine Ahnung. Ist aber nicht so schlimm, Sie sind in bester Gesellschaft. Glauben Sie wirklich, in Handelsblatt, Welt, FAZ, SZ etc. geht das Spielchen anders? Wer zwischen Boulevard und dem anderen Journalismus (wie nennen wir den jetzt eigentlich?) unterscheidet, erinnert mich immer an meinen Deutschlehrer (Abi ´85), der fast täglich von der FAZ geschwärmt hat – und nicht merkte, dass dies genau SEIN Boulevard war, der ihn mit gefühligem Stoff eingelullt hat. Ich plädiere für nichts, außer für etwas mehr Begriffsschärfe und trenne in Medien mit hohem Grauwert (Faz, SZ, Welt etc.) und niedrigem Grauwert (Bild, Bunte, Gala etc.). So machen das meine Freunde, die Layouter. Die lesen nämlich bei der Arbeit keine Texte. Recht haben sie.

  9. Gabriele Bärtels |  20.07.2009 | 19:29 | permalink  

    @ Sascha Stoltenow: Solange irgendwo Journalismus draufsteht, hat auch Journalismus drin zu sein, vollkommen gleichgültig, was das Publikum glaubt oder nicht glaubt. Schade, dass Sie es für eine unmündige Masse halten. Ich tu´s nicht.

  10. Gabriele Bärtels |  20.07.2009 | 20:05 | permalink  

    @ Marcus Johst: Pflichte Ihnen bei: Die sogenannten Qualitätsjournalisten sind auch keine Heiligen mehr.

  11. Ulrike Langer |  20.07.2009 | 20:56 | permalink  

    Die naive Entrüstung mag ja gespielt oder ein Stilmittel sein. Trotzdem finde ich es mutig und wichtig, dass Frau Bärtels das abgekartete Spiel auf eigenes finanzielles Risiko nicht nur nicht mitmacht, sondern auch entblöst. Das geschieht viel zu selten. Ich bin auch keineswegs der Meinung, dass “der Leser” das Ausmaß der Absprachen zwischen Redaktion, Marketingabteilung und Anzeigenkunden kennt. Selbst ich erliege der Versuchung, die flüssig geschriebenen Psychostories in Frauenzeitschriften beim flüchtigen Lesen für bare Münze zu nehmen. Und ich sollte es als Journalistin eigentlich besser wissen.
    @Sascha Stoltenow:
    Glauben Sie wirklich, dass dieser Beitag vor allem wegen seines Unterhaltungswerts geschrieben wurde?

  12. Guy Gess |  20.07.2009 | 21:30 | permalink  

    Dieser Beitrag sehr lesenswert.
    Journalisten decken Missstände auf, kritisieren und schaffen Öffentlichkeit – wichtig für eine demokratische Gesellschaft.
    Doch wenn es um das eigene Metier geht, können/wollen/dürfen Journalisten nicht dieselbe scharfe Klinge ansetzen, so scheint es mir. Sie, Frau Bärtels, haben dies trotzdem getan. Respekt. Haben Sie eigentlich keine Bedenken, ab heute keine Aufträge mehr zu bekommen?

  13. Berta |  20.07.2009 | 21:35 | permalink  

    Ich bin heilfroh, dass es in der Branche noch Leute gibt, die ihre Ansprüche an einen ehrlichen Journalismus wahren und Haltung zeigen, auch wenn sie damit gerade als freie Autoren ein ziemliches Risiko eingehen. Sicher, die Leser wollen unterhalten werden, und dagegen ist auch nichts einzuwenden, ebenso wenig wie gegen erfundene Geschichten. Eine fantasievolle Erfindung ist aber etwas anderes als ein elender „fake“, der irgendwie zusammengebastelt wird, nur um den Interessen eines Netzwerkes von Verlagen und ihren Eignern, Anzeigenkunden und Event-Mangern gefällig zu sein. Oft geschieht das ja so, dass man es als Nicht-Insider gar nicht merkt. Genau darauf wird anscheinend gesetzt, und man wirkt als dann gutgläubiger Leser womöglich mit. Gerade das macht es besonders perfide, und ich freue mich, dass Autorinnen wie Gabriele Bärtels einem hier die Augen öffnen. Ich hoffe, dass sie nie der Mut verlässt, und dass sie sich nicht einschüchtern lässt.

  14. Marcus Johst |  20.07.2009 | 22:08 | permalink  

    Liebe Frau Bärtels, Ihr Lob schmeichelt mir ungemein und wie die meisten Männer bin ich geneigt, sogleich den eigenen Standpunkt zu relativieren. Jedoch: Disziplin und Distanz zwingen mich noch einen draufzulegen. Nicht nur die Differenzierung zwischen Bouelvard und sog. “seriösen Journalismus” ist ein Irrweg, sondern der Glaube insgesamt, aus einzelnen Medien so etwas wie die Wahrheit geliefert zu bekommen. Es gibt kein Menschenrecht auf objektive Berichterstattung, weil es diese gar nicht geben kann. Insofern ist der tausendfache Querverweis auf die demokratiepolitische Notwendigkeit des sog. Qualitätsjournalismus auch nur ein symbolischer Akt. Der zerebrale Mechanismus der Inhaltsaufnahme folgt grundsätzlich dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung. Das gilt in der Phase der Nchrichtenverarbeitung auch für Journalisten, die in Zeitungen mit sehr wenigen Fotos arbeiten. Kommentar Nr. 1 fasst das sehr klug zusammen. In meinem eigenen Arbeitsalltag habe ich praktisch rund um die Uhr mit unfassbaren Verdrehungen, Falschinformation und bodenloser Ahnungslosigkeit auf Seiten derer zu tun, die das Wort vom Qualitätsjournalismus so gerne in den Mund nehmen wie eine quer eingeführte Currywurst. Und insoferne halte ich den sog. Boulevardjournalismus für weitaus interessanter, weil er dem Leser/ Zuseher eine manchmal erschreckend überzeugende Übersicht bietet – eine Art Google Earth auf den intellektuellen und moralischen Hinterhof von Menschen, die ansonsten unwidersprochen und eitel sekundiert von unseren “seriösen” Medien unfassbare Lügen vor ihrer staatstragenden Fassade auftischen. Wie anders sonst als durch Bunte und Bildzeitung etc. könnte man die feiste Dreistigkeit eines Horst Seehofer in puncto Europapolitik entlarven, wenn man dabei nicht auch dessen verlogenes Nachrichtenmanagement bezüglich der eigenen außerehelichen Reproduktionstätigkeit vor Augen hat? Ich bitte ausrücklich um Exculpierung des Boulavardjournalismus.

  15. Guy Gess |  20.07.2009 | 22:39 | permalink  

    Ich halte es für sinnvoll, sich von dem Begriff Wahrheit zu lösen und stattdessen von Wahrhaftigkeit als Desiderat an den sogenannten seriösen Journalismus zu sprechen.

  16. Wie de Hopf |  20.07.2009 | 22:57 | permalink  

    @ Marcus Johst: Ich bin erfreut, dass jemand meinen Kommentar gelesen hat.

    Solange sich diese Diskussion, in schwarz gewandet, auf einer tragisch-hilflosen Schiene Richtung einer, bloß möglichen, reinen Diktatur von, stark zu einfach gedachten, ökonomischen Interessen bewegt, während der langsam alternde Patriarch Zeitungswesen a la 18. Jahrhundert beweint wird, werden dabei keine Lösungen für durchaus vorhandene Probleme ans Licht kommen. Man bewegt sich bekanntlich immer dahin, wohin man seinen Blick richtet…

    Ich würde eher vorschlagen, Konzepte für eine Dezentralisierung von Informationsgenerierung, -verwaltung, -zusammenstellung und -diskussion zu diskutieren… Ich würde hier gerne ein entsprechendes verlinken, habe aber so etwas nicht parat. Vielleicht jemand anders…

  17. Horst Buch |  20.07.2009 | 23:31 | permalink  

    Nanu, was ist denn der Herr Johst für ein verkopfter Typ? Und was ist das für ein merkwürdiges Bild von der queren Currywurst, die die in den Mund dehmen, die auch gerne “Qualitätsjournalismus” sagen?
    A propos Qualitätsjournalismus: Ist doch alles gut, demnächst kommt das Fleisch- und Wurstfachblatt beef aus der Metzgerei Buchholz aufd en Markt. Wenn das mal nicht ein Stück Qualitätsware wird.
    Frau Bärtels hat recht: Der Journalismus richtet sich gerade selbst zugrunde. Um 90 Prozent der Heftln ist es aber wirklich nicht schade.

  18. rizzo |  20.07.2009 | 23:35 | permalink  

  19. Wie de Hopf |  21.07.2009 | 00:25 | permalink  

    Vielleicht ist es doch wichtig, zuerst die Trauerarbeit zu leisten, bevor man sich dem Nachwuchs widmen kann.

  20. Gabriele Bärtels |  21.07.2009 | 06:53 | permalink  

    @Markus Johst – Subjektivität, mein Herr, ist immer noch was ganz anderes als das absichtliche Hinters-Licht-Führen des Lesers. Und die Wahrheit – Da stimme ich Guy Gess zu: Es geht um Wahrhaftigkeit, bzw. die größtmöglichste Annäherung daran. Oder anders: Journalismus nach bestem Wissen und Gewissen.

  21. 6 vor 9: Schäbige Verleger, Jessen im Remix » medienlese.com |  21.07.2009 | 08:57 | permalink  

    [...] 2. “Betrug am Leser” (carta.info, Gabriele Bärtels) Die freie Journalistin Gabriele Bärtels nennt die Journalistenbranche “von innen verfault” und erzählt von ihren Erlebnissen mit Redaktionen: “Ich habe ja weitgehend aufgehört, für Frauenmagazine zu schreiben. Ich konnte es nicht länger ertragen, für die Psycho-Ressorts lebende Fallbeispiele zu suchen, die genau das aussagten, was die Redaktion hören wollte, wohin man die Fallbeispiele notfalls mit Suggestivfragen bringen musste.” [...]

  22. Mini Mv |  21.07.2009 | 10:56 | permalink  

    Eine wahre Aussage … aber falls WIR(das folk) wirklich alles durchschaut haben warum erkennen und handeln wir nicht ? ! ! ?

  23. »Lesenswertig« am 21. July 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer |  21.07.2009 | 12:04 | permalink  

    [...] Betrug am Leser: Der Boulevard höhlt die Pressefreiheit aus Shared um 00:13 Uhr via Delicious Die Pressefreiheit ist konstituierend für die Demokratie, aber nachts steht sie im dünnen Kleidchen an einer Laterne und zwinkert den Anzeigenkunden zu. Warum die Journalistenbranche von innen verfault und ich Texte schreiben soll, in denen nichts von dem vorkommt, was ich gesehen oder gehört habe. [...]

  24. DL2MCD |  21.07.2009 | 13:45 | permalink  

    Es ist mutig, mal zu zeigen, daß wenn, dann die Verlage diese krummen Deals machen.

    Ich bin es nämlich ziemlich leid, daß ständig dem einzelnen Journalisten unterstellt wird, er bekäme irgendwoher Zuwendungen und würde gerne “krumm” arbeiten.

  25. klara |  21.07.2009 | 14:04 | permalink  

    Danke für den Text!

    Sie haben, glaube ich, auch mal versucht, eine vernünftige Frauenzeitschrift zu machen (Frieda). Schade, dass das nicht geklappt hat…

    Wo ist der Weg?

  26. Gabriele Bärtels |  21.07.2009 | 14:36 | permalink  

    @klara: “Frieda” hieß zwar “Frida” (www.frida-magazin.de), aber egal. Der Weg ist da, wo das Geld ist. War mit dem Konzept in verschiedenen Vorstandsetagen unterwegs, da ist es sehr gelobt worden, nur glauben wollte niemand, dass ein intelligentes, gesellschaftlich relevantes, witziges, sinnliches Magazin vermutlich weit mehr Frauen hinter dem Ofen hervorlocken würde als die sattsam bekannten Werbe-Katalog-Sanftbunt-Harmlos-Magazine. Und ich allein bin zuwenig Manager, ein schlechter Geldeinwerber und webtechnisch halt auch keine große Leuchte.

  27. Marc |  21.07.2009 | 19:24 | permalink  

    Man könnte natürlich auch zynisch sagen, dass wer von Anzeigen unabhängigen Journalismus haben will, diesen dann auch bezahlen muss. Was würde denn ein Heft kosten, wenn man sich die Anzeigenseiten sparen würde?

    Oder wäre das gar nicht so teuer, damit es sich und die Mitarbeiter trägt und die Anzeigen sind nur drin, weil der Verleger mehr Rendite will? Früher hieß es mal, dass die Zeitschriften nicht wegen der Leser, sondern wegen der Anzeigen gemacht werden.

  28. Kommentierte Leseempfehlungen 21.07.09 « Der AmSeL-Gedanke Plus = Gemeinschaft |  22.07.2009 | 17:05 | permalink  

    [...] Betrug am Leser – Der Boulevard höhlt die Pressefreiheit aus – Die Pressefreiheit ist konstituierend für die Demokratie, aber nachts steht sie im dünnen Kleidchen an der Laterne und zwinkert den Anzeigenkunden zu … ~~ Zypries: Es geht darum, strafbare Inhalte aus dem Netz zu entfernen – In einem Interview mit WELT Online gab Justizministerin Brigitte Zypries einige fragwürdige Äußerungen von sich ~~ Europäische Union: 70 Prozent der Deutschen sind gegen eine finanzielle Unterstützung Irlands – Eine Umfrage des Instituts für Unternehmerische Freiheit in Kooperation mit Open Europe ~~ Wie die deutsche Banken die Regierung zwangen die Hypo Real Estate zu verstaatlichen – Siebzehn Protokollseiten über zwei Treffen Ende September 2008 zwischen Bankern, Aufsichtsbehörden und Regierungsvertretern machen das Ausmaß der Krise deutlich, mit der das deutsche Bankensystem nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers konfrontiert war ~~~ [...]

  29. Worte zum Wochenende « Real Virtuality |  23.07.2009 | 17:12 | permalink  

    [...] Bärtels , Carta // Betrug am Leser: Der Boulevard hölt die Pressefreiheit aus Vielleicht hat ja die Aufklärung in Herrn Wöllner ihr Ende und ihr Ziel gefunden. Vielleicht ist [...]

  30. Wolff |  23.07.2009 | 19:10 | permalink  

    Zitat: “Für Berichterstattung über neue Autos gilt das Gleiche in grün.”

    Nicht immer und überall, bitte. Wir legen z.B. unter dem in jede Seitennavigation eingebundenen Link “So funktioniert’s” sehr deutlich dar, wie Fahrberichte (wohl das, was sie hier vor allem meinen), Neuvorstellungen oder Praxistests auch bei uns entstehen. Aber das ist ja nur Online und damit nicht Qualitätsjournalismuswürdig.

  31. Boulevard ist Betrug am Leser » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  24.07.2009 | 12:11 | permalink  

    [...] Blog carta.info veröffentlichte einen Artikel von Gabriele Bärtels. Betrug am Leser: Der Boulevard höhlt die Pressefreiheit aus. ”Die Pressefreiheit ist konstituierend für die Demokratie, aber nachts steht sie im [...]

  32. Nackt im Wind von Jan Joswig – Ton Steine Scherben, ihr Lumpen | SOUNDS LIKE ME // BLOGS |  28.07.2009 | 15:00 | permalink  

    [...] sich, wie es eigentlich um seine hehren Standards bestellt ist. Gabriele Bärtels beklagt auf der Carta-Seite die Verwässerung des Wahrhaftigkeits-Anspruchs im Journalismus. Die Welt ist alles, was das [...]

  33. blau |  29.07.2009 | 23:36 | permalink  

    @Sascha Stoltenow – sich immer damit rauszureden, das Publikum/der Leser wüsste doch, dass er vera… würde, ist die Schwächste aller Ausreden! Was ist das für eine Denke, Müll zu schreiben und zu drucken, mit der Entschuldigung, es wüssten doch alle, dass das Müll sei. Dann hoffe ich nur, dass Sie die Müllkippen der Zeitungswelt in Zukunft ein wenig entlasten.

  34. Klaus |  17.11.2009 | 19:47 | permalink  

    Das weiß man doch alles seit K.K. — nur für Journalisten scheint das eine neue Erkenntnis zu sein?

  35. Westerwelles Fakten stimmen mal wieder nicht, aber die Medien machen fleißig mit » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  20.02.2010 | 10:23 | permalink  

    [...] Boulevard ist “Betrug am Leser“, schrieb Gabriele Bärtels auf Carta.info. Aktuelles Heft Nr. 1-2010 [...]

  36. Magazine mit Frauennamen « …Kaffee bei mir? |  23.02.2010 | 18:21 | permalink  

    [...] 23.02.2010: Gabriele Bärtels, Betrug am Leser: Der Boulevard höhlt die Pressefreiheit aus. Der Text ist schon älter, habe ihn aber jetzt erst [...]

  37. Jens Best |  09.11.2010 | 18:06 | permalink  

    und was jetzt?

  38. Britta |  08.02.2011 | 16:54 | permalink  

    Da möchte ich hinter jedem Satz “Ja!” schreien. Alles selbst genau so erlebt. In billgen Blättchen genau so wie bei den feinen hanseatischen Verlagen mit Anspruch. In dem Text fehlen nur die Droh-Besuche der größten Anzeigenklunden in der Redaktion, bei denen kleinlaute Chefredakteure geloben, das entsprechende Produkt im nächsten Jahr “aber wirklich” in jedem zweiten Heft abzubilden wie abgemacht.

  39. uniquolol |  08.02.2011 | 22:22 | permalink  

    Das ungeschriebene Motto des Boulevard ist immer noch:
    „Schauen Sie genau hin, so etwas wollen wir nie wieder sehen“

    Das Grundproblem ist nicht der Boulevard, der ist harmlos, es hat ihn immer gegeben und es wird ihn auch immer geben. Klatsch und Tratsch hat durchaus auch seine Berechtigung. Die eigentliche Gefahr ist die unheilvolle Vermischung von ernsthafter Information bzw. Politik und Entertainment. Dieses schreckliche Infotainment, welches inzwischen alle Medienarten dominiert, hat der Medienkritiker Neil Postman schon in den 80ern wegweisend beschrieben. Sein Standardwerk „Wir amüsieren und zu Tode“ ist nach wie vor aktuell. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass wir die jetzige Form von verantwortungsloser Spassgesellschaft noch teuer werden bezahlen müssen.
    http://www.fischerverlage.de/buch/Wir_am%C3%BCsieren_uns_zu_Tode/9783596242856

    Das Programm passt sich dem Zuschauer an, der Zuschauer gleicht sich dem Programm an. So ist z.B. Plasberg auf ADHS zugeschnitten, eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 45 Sekunden wird hier keinem Zuschauer zugemutet. Wer kann sich heute noch eine Sendung wie „Zeitzeugen des Jahrhunderts“ vorstellen, in der nur zwei Personen circa 45 Minuten ohne Unterbrechung miteinander gesprochen haben?

    „…die Handvoll seriöser Medien, in denen noch Qualitätjournalismus verwirklicht wird ..(..).. Die Frage ist nur, wem in dieser Demokratie sind die in Zukunft etwas wert?…“

    Viele werden „Hier!“ schreien, aber nur wenige werden dann wirklich und kontinuierlich in ein Abo o.ä. eines Qualitätsmediums investieren…

  40. Martin |  03.03.2011 | 10:58 | permalink  

    Hola!

  41. Martin |  03.03.2011 | 10:59 | permalink  

    Na was geht?

  42. Martin |  03.03.2011 | 11:00 | permalink  

    Ich seh geil aus…

  43. Martin |  03.03.2011 | 11:02 | permalink  

    Ich hab geile Titten….

  44. Martin |  03.03.2011 | 11:05 | permalink  

    Aber sicher doch…

  45. Martin |  06.03.2011 | 16:27 | permalink  

    Hab grad ne geile Gurke im Arsch….

  46. Norbert Hochreiter |  20.03.2011 | 12:30 | permalink  

    Bestes Beispiel an mir.
    Ich bin offizieller Oberbürgrmesterkandidat,natürlich parteilos.
    Hatte zwei Presseberichte.
    Schlug meine Konzepte vor,Arbeit braucht unsere Stadt und will mich um die Armut in unserer Stadt bemühen.
    Ich selbst fühle mich von unseren beiden Tageszeitungen diskriminiert.
    Eigentlich will ich nur die Wahrheit ans Licht bringen,aber sie wird nicht erlaubt
    Danke liebe Pressefreiheit

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