Lutz Schumacher | 45 Kommentar(e)
Wir dürfen uns um Himmels Willen nicht klüger vorkommen als unsere Leser. Denn ihre Wirklichkeit herrscht über unsere Wirklichkeit. Wenn wir jetzt nicht beginnen den Tageszeitungsjournalismus zu ändern, werden wir am Ende den Untergang einer ganzen Mediengattung besiegeln.
01.07.2009 |
Als Geschäftsführer des Nordkuriers nimmt Lutz Schumacher teil an einer vehement geführten Auseinandersetzung um journalistische Arbeitsbedingungen, bei der es letztlich um das Selbstverständnis von Regional- und Lokaljournalismus geht. Dabei ist Schumacher als radikaler Umbauer bekannt, von seiner Tätigkeit bei der Nachrichtenagentur ddp, bei der Münsterschen Zeitung und nun beim Nordkurier.
In seinem Gastbeitrag präsentiert Schumacher fünf grundsätzliche Thesen zu Entwicklung und Veränderungsanforderungen des Journalismus.
These Eins: Wir brauchen eine Produktdebatte. Aber eine echte, die eine Realität anerkennt, welche nicht mehr zu ändern ist.
Jahrzehntelang haben wir geglaubt, Zeitungen würden nicht wie Produkte funktionieren. Sie sind etwas besonderes, etwas besseres – was auch immer das heißen soll. Jetzt zeigt sich, Zeitungen sind zwar ein besonderes Produkt, aber auch sie unterliegen einem Lebenszyklus, der sich offenbar seinem Ende zubewegt. Wie in allen anderen Branchen, die sich in einer Niedergangsphase befinden, brauchen wir jetzt dringend Innovation und müssen dabei leider auch mit schmerzhaften Rückschlägen rechnen. In allen anderen Industrien liegen die Flop-Raten häufig bei 80 und mehr Prozent. Solche Werte können wir uns zwar nicht leisten, aber wir müssen einkalkulieren, dass nicht jede neue Idee am Markt auch funktioniert. Künftige Etats müssen das berücksichtigen. Wir müssen Mittel für Forschung und Entwicklung bereitstellen, wie es in anderen Branchen üblich ist.
These Zwei: Wir brauchen eine Qualitätsdebatte. Aber nicht so eine verlogene wie jetzt, wo die eine Lobby der anderen schöne Grüße ausrichtet.
Es kann nicht sein, dass eine Handvoll selbst ernannter Experten im Verbund mit Journalistengewerkschaftern ein Begriffsmonopol auf das Wort „Qualitätsjournalismus“ halten. Was bedeutet überhaupt „Qualitätsjournalismus“? Das meiste, was in der letzten Zeit darüber zu lesen war, beschränkte sich auf ein paar vage Umschreibungen unter Verwendung der altbekannten Satzmodule „tiefgründige Analyse“, „ausgewogene Hintergrundberichterstattung“, „gesellschaftspolitische Aufgabe“ und „für die Demokratie unverzichtbar“. Kein Wort aber darüber, was „Qualitätsjournalismus“ für die heißen könnte, um die es am Ende immer gehen muss: für die Leser. Daraus folgt These 3.
These Drei: Wir müssen viel mehr über unsere Zielgruppen wissen und nicht nur so tun, als ob uns die wirklich interessieren.
Zeitungsverlage haben sich jahrzehntelang darauf verlassen, dass ihre Redakteure per Begabung oder Eingebung wissen, was ihre Leser wollen. Sie wissen es nicht. Sie wussten es nie. Es ging immer nur um Ahnungen und Bauchgefühl. Deshalb gibt es bis heute keine geregelte oder zertifizierte Ausbildung bzw. einen verbindlichen fachlichen Studienabschluss für Journalisten. Jeder kann es werden. Jetzt, da die Auflagen einbrechen, dämmert den Verlagen allmählich, dass sie einem Irrtum aufgesessen sind. Das Zeitbudget für Mediennutzung ist heute kaum größer als vor 20 Jahren. Jedoch zehren immer mehr Privatsender, Zeitschriften, Internet, Online- und Offlinespiele und wachsende Freizeitangebote an diesem Zeitfenster. Zeitungen sind in diesem Zeitwettbewerb offenbar für jüngere und mittelalte Leser zunehmend unattraktiv. Nur die Leser der heutigen Generation 50+ bleiben aus Gewohnheit bei der Stange. Der Rest orientiert sich neu. Wir müssen also folgendes wissen: Wer sind die Leser, welche uns noch geblieben sind? Aber auch: Wer sind die Leser, die wir mit unserem Produkt zunehmend nicht mehr erreichen? Wir müssen Einkommen und die sozialen Faktoren kennen, ihr Freizeitverhalten, ihre Wünsche an die Zeitung und ihre Lebenswirklichkeit insgesamt. Wir müssen viel mehr Geld und Zeit in eine wirklich gute Marktforschung stecken. Eine gelegentliche Umfrage wird kaum ausreichen. Genaue Leserforschung und Geomarketing werden immer wichtiger.
These Vier: Wir müssen lokaler, multimedialer und stärker auf der Augenhöhe unserer Leser berichten und nicht nur auf Kongressen darüber reden.
Regionalzeitungen dürfen ihre Kernkompetenz – die lokale Berichterstattung – nicht aus der Hand geben, wie es uns bei den Rubrikmärkten bereits teilweise passiert ist. Wir müssen vielmehr unsere gesamten Bemühungen auf das Lokale fokussieren. Wir müssen Themen aufgreifen, über die draußen gesprochen wird und sie auf Augenhöhe mit den Lesern aufschreiben. Und wir müssen verstärkt selbst die Themen setzen, über die dann gesprochen wird. Wir müssen die Leser durch leibhaftige Vorort-Präsenz, etwa Sprechstunden in Cafés, Rundreisen etc., aber auch durch Mikroblogs und als Plattform für lokale Gemeinschaften (Communities) einbeziehen. Und wir müssen uns ganz schlicht auf die alten Tugenden des Journalismus besinnen: recherchieren, erklären, aufklären und Orientierung geben als Vorsortierer der Informationsflut, allen Seiten zuhören, Meinungsprozesse online und offline moderieren und uns um Himmels Willen nicht klüger vorkommen als unsere Leser. Denn ihre Wirklichkeit herrscht über unsere Wirklichkeit.
These Fünf: Zeitungen müssen wirtschaftlich arbeiten. Logisch, aber bald nicht mehr so selbstverständlich wie bisher, dass dies wie von selber geht.
Unsere Branche steht vor gewaltigen Herausforderungen. Bequeme Selbstverständlichkeiten verschwinden, wir werden neue Produkte entwickeln und dabei zwangsläufig Risiken eingehen müssen. Dies kann aber nur von einer wirtschaftlich gesunden Basis aus geschehen. Zeitung machen kann auch heute noch sehr profitabel sein. Doch das Geschäft wird stark von Fixkosten beherrscht. Werbeeinbrüche laufen direkt ins Betriebsergebnis. Umsteuern dauert. Mit schmalen Renditen, wie sie etwa im Handel üblich sind, wären Verlage permanent in der Gefahr kurzfristig pleite zu gehen. Wirtschaftlich arbeiten heißt in der Zukunft, bei einem weiterhin sehr hohen Personalkostenanteil den Journalisten vernünftige Rahmenbedingungen für unabhängiges und dennoch zielgruppenorientiertes Arbeiten zu bieten und sie zu motivieren – etwa indem man sie am Erfolg partizipieren lässt. Die alten Zeitungstarife sind dagegen undifferenzierte, gleichmacherische Auslaufmodelle, die unter ehrgeizigen Redakteuren nur Frust erzeugen und die innerbetriebliche Solidarität auflösen.
Fazit: Die alten Systeme werden sicherlich noch eine ganze Weile halten. Aber wenn wir sie jetzt nicht beginnen zu ändern, werden sie am Ende den Untergang einer ganzen Mediengattung besiegeln.
Dieser Text von Lutz Schumacher ist ein Gastbeitrag. Wir laden Beteiligte und Betroffene ein, zu den den Thesen Stellung zu nehmen. In unserem Forum oder in Form eines Antwortartikels.


Ein Artikel, der mir aus dem Herzen spricht. Vielen Dank.
zu These 3: Die Zielgruppe ist übrigens gar kein Leser, sondern, was die Noch-Abonnenten betrifft, mehrheitlich eine Leserin, der die Wichtigtuer-Rituale, die Selbstbespiegelungen und Eitelkeiten, die Frauenfeindlichkeit und Borniertheit in Politik und Medien verdammt auf die Nerven gehen.
[...] etwa viele gar nicht recht wissen, was Blogs sind. Da müssen schon wir vom Web 2.0 ran, denn die Medienleute und Noch-Zeitungsmacher haben gerade selber alle Hände voll zu [...]
zu These 3: Natürlich gab, gibt und wird es Forschung zu Leserinteressen geben. Denn dazu trägt die aus der Zeitungswissenschaft entstandene Kommunikationswissenschaft bei. Eine reine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Presse und Reziepenten aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Marketingperspektive, sprich die Definition von Zielgruppen und deren Bedürfnissen, unterschlägt die Rolle der Medien allgemein als Gatekeeper. Nachrichtenwerte (Galtung/Ruge) werden auch weiterhin Selektionskriterien für Berichterstattung sein.
“Wir dürfen uns um Himmels Willen nicht klüger vorkommen als unsere Leser.” das wäre doch schon mal ein Anfang!
Es tut sich ja was. Wirkt hier etwa die Krise als Katalysator?
Neue Wege sind bereits erschlossen, wie man hier sieht: http://www.freiewelt.net
[...] Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens Shared um 10:40 Uhr via Delicious Wir dürfen uns um Himmels Willen nicht klüger vorkommen als unsere Leser. Denn ihre Wirklichkeit herrscht über unsere Wirklichkeit. Wenn wir sie jetzt nicht beginnen den Tageszeitungsjournalismus zu ändern, werden wir am Ende den Untergang einer ganzen Mediengattung besiegeln. [...]
[...] Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens — CARTA Lutz Schumacher ist Geschäftsführer des Nordkurier. In fünf Thesen formuliert er seine Anforderungen, damit die Zeitung überlebt: 1. Wir bauchen eine Produktdebatte 2. Wir bruachen eine Qualitätsdebatte 3. Wir müssen mehr über Zielgruppen wissen 4. Zeitungen müssen multimediale und lokaler werden 5. Zeitungen müssen wirtschaftlich arbeiten. Hört sich alles nach Binse an, ist aber trotzdem spannend. (tags: Zeitung Medien) [...]
Kurze und klare Thesen, die alles auf den Punkt bringen. Hört man sich dagegen so diverse Kongresse zum Thema “Zukunft der Zeitung” an, kann ich nur bemerken: Hilflosigkeit auf hohem Niveau. Man kann nur hoffen, das viele diese fünf Statements lesen und aus ihrem Käfig der Selbstgefälligkeit ausbrechen. Eine eigene Beobachtung aus einem Land wo Zeitungen noch steigende (!) Auflagen haben, nämlich Indien. Dort kosten Zeitungen so wenig (3-6 cent) das sich selbst auch Bedürftige eine Zeitung leisten können. Es gibt dort so gut wie keine Anzeigenblätter. Die Internetpenetration liegt allerdings auch unter 10% (BRD über 70%). Vielleicht sollten Zeitungen hier einfach billiger (nicht kostenlos) werden. Bei der Entscheidung ob man im Monat ca. 25 € für eine Internetflatrate mit Telefonflat oder die gleiche Summe für ein Abo ausgibt , ist doch das Ergebnss klar. Ich fürchte nur der Leidensdruck ist noch nicht hoch genug, das sich etwas ändert. Vielleicht müssen wir dann auch so ein massives Zeitungssterben wie in den USA akzeptieren. DIes beobachtet übrigens ein amerikanischer Kollege auf : http://www.newspaperdeathwatch.com
An diesen Thesen könn(t)en sich die Verlagsspitzen ja mal abarbeiten. These 3 ist zu unterstreichen. Die bisherige Leserforschung war ja fast nur auf die Anzeigenkundschaft gerichtet. Und Lokalität bedeutet in Großstädten und bei den Regionalzeitungen natürlich qualifizierte Sublokalität. Doch die notwendigen redaktionellen Recherchen kosten Geld. Daher ist es kein Weg, Zeitungen “billiger” zu machen. Eher z.B. diversifizieren und abgespeckte Blätter wöchentlich mit den lokalen Schwerpunkten bringen. Das Thema Renditen klingt ja einleuchtend:
“Mit schmalen Renditen, wie sie etwa im Handel üblich sind, wären Verlage permanent in der Gefahr kurzfristig pleite zu gehen.” Doch wenn in der Krise die Verlegerfamilie(n) die entnommenen Gelder nicht bereit stellen für Projekte aus These 1, dann ist es halt alles nichts.
Werden Zeitungen und Zeitschriften nicht in erster Linie für die Anzeigenkunden gemacht? Die Vertriebserlöse zahlen doch bloß die Produktionskosten, die Gehälter und den Gewinn steuern die Anzeigenerlöse bei.
So habe ich es jedenfalls während meiner Zeit bei einem US-amerikanischen Fachverlag gelernt.
Der verlag bringt “eyeballs” (potentielle Kunden) und Firmen, die etwas zu verkaufen haben zusammen. Der Umfang des Hefts richtet sich nach den verkauften Anzeigen. Jede verkaufte Anzeigeseite ermöglicht x Contentseiten.
Das Geschäftsmodell des Verlags ist es Eyeballs zu aggregieren und diese Reichweite dann zu monetarisieren.
Dieser ganze Grundgesetz-Trallala von wegen vierter Gewalt und Säule der Demokratie macht doch die Kasse nicht voll. Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen und muß Profit machen, sonst ist´s eine öffentlich-rechtliche Anstalt.
Und was den Qualitätsjournalismus betrifft, so muß ich auf den Niggemeier verweisen http://www.stefan-niggemeier.de/blog/geht-sterben-7/
[...] Entrückt und unflexibel Lutz Schumacher, Chef vom “Nordkurier”, stellt sehr ehrliche und erfrischende Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens auf. These Drei: Journalisten müssen mehr über die Leser wissen und nicht nur so tun, als ob die wirklich interessieren. Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens [...]
[...] Gucken – http://carta.info/11070/wir-sind-entrueckt-und-unflexibel-fuenf-thesen-zur-zukunft-des-zeitungswesen... – und grinsen. [...]
Neue Modelle? Frischer Wind? Etwa so, lieber Herr Schumacher?
“Gegenüber der SZ sagte Lutz Schumacher, der Honorartopf (des Nordkurier) in Höhe von 1 Million Euro pro Jahr werde durch die neue Honorarordnung nicht angetastet. Gleichzeitig spricht er von 2000 freien Mitarbeitern! 1 Million geteilt durch 2000 ergibt 500 Euro Jahres(!)-Einkommen pro Mitarbeiter. Das sind 2 Euro pro Arbeitstag.”
Siehe: http://www.freischreiber.de/home/nordkurier-doch-nicht-so-schlimm
Tolle Innovation!
[...] Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens 5 Thesen von Lutz Schumacher zur Zukunft des bedruckten Papiers. Er spricht mir da in fast allen Punkten aus der Seele. Thumbs up! [...]
Der Zyniker als Innovationsberater – na wunnebaar! Apropos, um auf dieser Linie auch mal mein Scherflein beizutragen: Man bräuchte doch heute keine Marktforschung mehr, um herauszufinden, ob ein Schreiber den Nerv seiner Leser trifft: Lasse einfach jeden angehenden Journalisten vor einer Anstellung mindestens drei Jahre lang bloggen – in einem eigenen Blog ohne jeden ‘Mitschreiber’. Wer ein Google-Ranking von 5 und mehr erreicht, der darf dann Journalist werden … so einfach wäre das Problem des ‘Qualitätsjournalismus’ auf der Ebene der Rezeption doch zu lösen. Der Rest ginge als Sachbearbeiter in die Verkehrsbehörde, er könnte auch Versicherungen verticken – oder so. Ein ähnliches Verfahren ließe sich sicherlich auch für die Geschäftsführer von Zeitungsverlagen installieren. Wer es mit seinem Redaktions-Mix nicht auf mindestens 1.000 Leserkommentare am Tag bringt … Das gute alte ‘mud raking’ würde damit zur Pflicht, auch wenn den Anzeigenkunden die Haare zu Berge stehen. ;-)
Die lebhafte Diskussion freut mich sehr. Das fehlt unserer Branche nach wie vor. Zu einigen Statements:
@ Friderike: Stimmt in der Tat, Zeitungen werden mehr von Frauen als von Männern gelesen. Das liegt allerdings leider auch zum Teil an einem demographischen Effekt. Es lesen mehr ältere Menschen als junge die Zeitung und unter den Älteren haben Frauen wegen der längeren Lebenserwartung und der Rest-Kriegsfolgen die Mehrheit. Für Zeitungsmacher sollte das ein Ansporn sein, insbesondere den mneist sehr sportlastigen Montag anders zu gestalten. Ich weiß, es gibt auch Frauen, die sich für Sport interesssieren…
@ Albert Warnecke: Um Gottes Willen, bloß nicht das amerikanische Modell. Die jetzige Krise der US-Zeitungen hat gerade etwas mit dem langjährigen Verfall der Vertriebspreise zu tun. Dann ist die Zeitung aber auf auf Gedeih und Verderb dem Anzeigenmarkt ausgeliefert.
@ Wolfgang Michal: Die verlinkte Berechnung beruht auf einer groben Fehlannahme. Im letzten Jahr waren bei uns von 2000 registrierten Freien etwa 400 aktiv, viele davon haben zudem über das Jahr nur ein oder zwei Beiträge geliefert, so dass der Durchschnittswert ganz anders aussieht. Er ist dennoch nicht so dolle, hat aber irgendwie einen Bezug zu dem Umfeld, in welchem wir Zeitung machen, nämlich Deutschlands strukturschwächster Region (Armutsbericht der Bundesregierung, ca. ein Viertel der Menschen in Vorpommern und im östlichen Mecklenburg leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze…)
@ Klaus Jarchow: Ich habe – im Gegensatz zu den meisten Menschen in unserer Branche – überhaupt kein Problem damit, meine Bezahlung an Erfolgsparametern auszurichten. Ich weiß nur nicht, ob die Zahl der Leserkommentare nun das e i n z i g e Kriterium sein sollte. Aber bei unserem Online-Relaunch im Herbst wird das Thema ‘Austausch mit Usern’ auf jeden Fall eine zentrale Rolle spielen. Wäre ja schlecht, gegen die eigenen Thesen zu verstoßen… ;-)
[...] ist BMW, Freude ist vermutlich auch bald Qualitätsjournalismus, wenn wir denn wissen, wie wir ihn finden können. Und Freude ist auch Evian. Die Protagonisten sind digitalisierte Hosenscheißer mit [...]
@Lutz Schuhmacher: Ja sind wir denn so weit vom US Modell entfernt? Auch in Deutschland erlauben doch die Copypreis-Einnahmen nicht wirklich große Sprünge.
Ich hatte mal mehrere Jahre die Wiwo im Abo. War ein echtes Vollzahler-Abo und so wurde ich mit Sicherheit auch den Anzeigenkunden präsentiert. Sehr her, ein echter Vollzahler, der 101,50 € pro Jahr für die Wiwo ausgibt.
Das sind die erstr 50% der Wahrheit: Jetzt geht´s weiter: Ich habe mich selbst geworben. Als Dankeschöngeschenk habe ich mir weder den ipod, noch das Kaffeeeservice ausgesucht, sondern 100 € aufs Konto überweisen lassen. In der Agenturszene nennt man sowas Kickback. 1 Jahr Wiwo für 1,50 Euro – das läßt doch nur den Schluß zu: Der Copypreis ist so belanglos, daß man das Heft verschenken kann, wenn man dafür den Anzeigenkunden einen weiteren Vollzahler präsentieren kann.
1,50 Euro für 1 Jahr Wiwo ist natürlich ganz etwas anderes als das Magazin beim Flug von HH nach MIUC für umsonst zu bekommen…
Uns was die SZ angeht: Da hangeln wir uns mit den 2 Wochen-für-umsonst-Abos durch. Die laufen automatisch nach 2 Wochen aus und man kann sie immer wieder neu anleiern.
Darf man natürlich laut AGB nicht, aber den SZlern scheint´s egal zu sein.
Für mich als Leser bedeutet das: De facto sind wir doch schon bei der Gratiszeitung angekommen. Auch wenn es noch kaschiert wird.
Bevor ich hierher kam , war ich bei stern.de, dort servierte man mir ein Popunder: 3 Monate Capital lesen + 3 teiliges hochwertiges Reisetaschenset und das alles für umsonst.
Das Cover der Capital und die Reisetaschen waren ungefähr gleich pominent abgebildet. Ja hallo, was soll das! Bin ich scharf auf Reisetaschen und nehm´ den toten Baum dazu? das kann´s ja wohl nicht sein. Wenn es sich hier um Qualitätsjournalismus handelt, dann sollte das Angabot 3 mal Capital zum Kennenlernen doch ausreichen.
Warum wird hier mit Reisetaschen geworben und nicht mit den Content. “Unsere Redaktion hat Tipps zu Geldanlage, zu rechtlichen Entwicklungen, zu…” Damit können Sie Ihr Geld vermehren/sicher parken… Quintessenz: “Lies was wir geschrieben haben und Du hast einen echten Vorteil”.
Jeder dödelige Ebay-Verkäufer bekommt eingehämmert: “Wirb mit den Produktvorteilen, zeig dem Käufer den Benefit…” aber der Hauptvorteil für mich als Capitalleser scheint zu sein, daß ich 3 rassige Reisetaschen bekomme. Da kann ich dann die ganzen Bordexemplare reinstopfen, oder was…
Sorry, da stimmt für mich als Leser was mit der Wertigkeit nicht und ich kann das Gewimmer der Redaktionen “Wir werden jetzt zu einer Zentralredaktion zusammengefaßt, die alle Wirtschaftstitel macht” nicht nachvollziehen.
Die Brand eins Neuland kostet 10 € und ich kauf sie trotzdem. Auch und gerade, wenn sie über Niederbayern berichtet.
@”Die alten Zeitungstarife sind dagegen undifferenzierte, gleichmacherische Auslaufmodelle, die unter ehrgeizigen Redakteuren nur Frust erzeugen und die innerbetriebliche Solidarität auflösen.”
Provokante Thesen wie auch der Versuch, das Honorarsystem mal eben mit links zu kassieren sind allein für sich genommen noch nicht fortschrittlich. Richtig ist, dass manche Zeitung allzu lange im Glashaus gesessen hat, unfähig sich den Zukunftsherausforderungen zu stellen. Und jetzt merkt man, dass man neuen Entwicklungen nicht mir alten Antwortren begegnen kann.
Eine Frage aber beantwortet auch Lutz Schumacher nicht. Entgegen mancher so genannnten Expertenmeinung ist díe Zukunft der Print-Zeitung eben doch in Frage gestellt. Das Internet hat vieles verändert. Vor allem Lesegewohnheiten. Es wächst eine Generation heran, die eben nicht mehr mit der Tageszeitung im Briefkasten sozialisiert wurde. Welche Auswirkungen dies real hat, werden die nächsten Jahre schon zeigen. Kein Zeitungs-Macher und Manager hat hierauf eine schlüssige Antwort. Es wird unweigerlich zu einem dramatischen Schrumpfungsprozess auf dem Zeitungsmarkt kommen, und es werden nur diejenigen überleben, die sich frühzeitig dazu durchringen, das Produkt “Zeitung” völlig neu zu denken.
@ Bernd Vorländer: Nicht die Zukunft des Journalismus steht in Frage, sondern einzig und allein die Zukunft der Verlage – und daraus folgend bisherige Refinanzierungsmodelle. Die Verlage machen aus sich selbst den Heizer auf der E-Lok, aber doch nicht die Nachrichtenproduzenten (‘Journalisten’). Dem Rezipienten (‘Leser’) müssen die Nachrichten nur nicht länger auf einem Zellulosetablett serviert werden, der wählt jetzt aus folgt seinen eigenen Wildwechseln (‘Feeds’) … bei uns hier in Bremen sind inzwischen schon 75 % der Bevölkerung online, ohne jeden ‘Gatekeeper’. Wenn man dann bedenkt, dass bisher allenfalls zehn Prozent der Erlöse an die Produzenten (‘Autoren’) ausgeschüttet wurden, dann erfordern neue Bezahlmodelle ohne diese bisherigen 90-Prozent-Abschöpfer (‘Medien’) auch keinen derart hohen Cash-Flow, wie er bisher erzielt werden konnte. In diesem Ansatz liegt irgendwo die Lösung, die Verlage dagegen in ihrem Renditewahn versenken sich in meinen Augen gerade selbst: Kaum noch Kosten im Internet, aber trotzdem an der Substanz sparen wie die Schizophrenen …
Wie wärs einfach mit mehr Ehrlichkeit in der Berichterstattung? Etwas bessere Recherche? kein Rumbuckeln vor den Lobby-Interessen? Nicht dauernd voneinander abschrieben? nicht dauernd dpa-Meldungen ungeprüft übernehmen? Eine eigene Sprache entwickeln?
Dann wären nämlich die 5 Thesen recht überflüssig. Überflüssig sind sie allerdings auch, solange sich sonst nix tut.
@franktireur: naja, die Probleme erst mal benennen und moegliche Loesungen aufzeigen kann ja als erster Schritt verkehrt nicht sein, oder? Dem Rest stimme ich durchaus zu.
Toll, dass jetzt auch wieder Verleger die Leser entdecken. Jetzt fehlt noch, dass sie sich von der Zielgruppendenke lösen: Wer seine Leser als Zielgruppe definiert, nimmt sie per definitionem nicht richtig ernst. Er degradiert sie zu Objekten seines Gewinnstrebens, statt sie als Subjekte wahrzunehmen.
Ein Objekt ist nun mal nicht auf Augenhöhe mit dem Subjekt. Das Subjekt agiert im Aktiv, zum Objekt gehört das Passiv. Die Zielgruppe ist das Opfer des Beutetriebs: Das Target im Begriff Target Group ist das, worauf man schießt, bzw. das, was man erlegt. So etwas tut man mit König Kunde nicht, außer man ist Bolschewik.
[...] Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesens [...]
Mit Verlaub, die Schlussfolgerung halte ich für Unfug: „Zeitungsverlage haben sich jahrzehntelang darauf verlassen, dass ihre Redakteure per Begabung oder Eingebung wissen, was ihre Leser wollen. [...] Deshalb gibt es bis heute keine geregelte oder zertifizierte Ausbildung bzw. einen verbindlichen fachlichen Studienabschluss für Journalisten. Jeder kann es werden.“
Das Fehlen eines allgemeinverbindlichen, womöglich staatlich anerkannten Abschlusses “Journalist” (womögl. noch IHK-geprüft – wie hätten Sie’s gern?) hat nunmal gar nichts mit dem von Ihnen konstatierten Desinteresse der Zeitungsverlage an Ihren Lesern zu tun.
@ Chrioph Maier: Ja warum denn eigentlich nicht? Gehen Sie zu einem Arzt ohne Abschluss? Lassen Sie sich von einem Rechtsanwalt vertreten, der nie Jura studiert hat? Wollen Sie Ihre Kinder von Erziehern und Lehrern betreuen lassen, die “das irgendwie halt” wissen, wie sie mit den Kindern umgehen? Ich denke nein. Aber umgekehrt wollen wir uns die Welt erklären und Komminkationsprozesse lenken lassen von Leuten, die keine solide Ausbildung in Staaskunde, Betriebs- und Vokswirtschaft haben, die keine Ahnung von unserem Rechtssystem haben, die sich nie systematisch mit Sprache beschäftigt haben, für die Presse- und Persönlichkeitsrecht bömische Dörfer sind und die den Umgang mit verschiedenen Mediengattungen und Darstellungsformen zufällig, unzureichend oder vielleicht auch gar nicht gelernt haben??? Ich will nicht sagen, dass ich alle Kollegen so einschätze, um Gottes willen, aber es gibt halt solche und solche…
Meines Erachtens ist es ein Grundübel, dass wir uns gegen jede Form der Messbarkeit und Übeprüfbarkeit wehren. Guten Journalismus kann man nicht erklären, den muss man fühlen. Mmm. Glaube ich ehrlich gesagt nicht. Vielleicht gibt es hier und da eine gewisse Form der Kreativität oder gar der Genialität, die man weder ausbilden noch genau eingrenzen kann. Aber das sind seltene Spitzen. Die meisten inhaltlichen wie technischen Anforderungen im heutigen und noch mehr im künftigen Journalismus bedürfen meiner Ansicht einer systematischen Aus- und Weiterbildung nach festgelegten Standards, wie es heute zunehmend in vielen Branchen, die auf Qualität angewiesen sind, der Fall ist.
“Aber umgekehrt wollen wir uns die Welt erklären und Komminkationsprozesse lenken lassen von Leuten, die keine solide Ausbildung in Staaskunde, Betriebs- und Vokswirtschaft haben, die keine Ahnung von unserem Rechtssystem haben, die sich nie systematisch mit Sprache beschäftigt haben, für die Presse- und Persönlichkeitsrecht bömische Dörfer sind und die den Umgang mit verschiedenen Mediengattungen und Darstellungsformen zufällig, unzureichend oder vielleicht auch gar nicht gelernt haben???”
Der Journalist als Universalgelehrter? Sorry, glaub ich nicht. Ich halte sehr viel von guter Ausbildung, aber wenig von Titelfetischismus und Abschlussfanatismus. Der Vergleich mit Ärzten ist eher verquast. Wenn der Chirurg einen Fehler macht ist unmittelbar und direkt ein Menschenleben betroffen. Ohne Katharina-Blum-Szenario ist das bei Journalisten eher selten der Fall. Und einerseits auf Ärzte zu verweisen, in Sachen Presse- und Persönlichkeitsrecht aber nicht an Fachanwälte zu verweisen ist schizophren. Im Übrigen wird in den USA z.B. eine einfache medizinische Versorgung häufig auch durch “Nurse Practicioners” geleistet . das funktioniert durchaus.
@Lutz Schumacher Bzgl. “Gehen Sie zu einem Arzt ohne Abschluss?” Womöglich aber leider zu einem Arzt ohne guten Abschluss oder einem, der von der Pharmalobby eingewickelt ist oder einem, dessen Wissen veraltet ist oder einem, der einfach ein lausiger Diagnostiker ist. Eine -womögliche staatliche- Zugangsvoraussetzung zum Beruf ist noch kein Garant für gute Leistung der so ausgebildeten. Auch ist sie kein Garant dafür, dass praxisrelevant ausgebildet wird. Die von Ihnen angeführten Lehrer lernten jahrzehntelang viel, aber keine Pädagogik. Von so jemandem möchte ihr mir meine noch zu zeugenden Kinder nicht…
Was mich stört ist, dass sie nach geregelten Abschlüssen für Journalisten rufen. Aus gutem Grund gibt’s keine staatlich geregelte Journalistenprüfung mehr, die die Zugangsvoraussetzung zum Beruf ist. Dass Journalisten dem Glauben anheim fielen, einer Kunst (zu der man berufen sein muss) zu fröhnen und eben kein erlernbares Handwerk zu betreiben ist bedauerlich. Bedauerlich auch, dass m.E. nach v.a. regionale Verleger -aus welchen Gründen auch immer- zu wenig Wert auf die journalistische Qualität ihrer Produkte legen.
Das alles rechtfertigt in meinem Augen nicht den Ruf nach formalisierten der Zugangsvoraussetzungen. Die sind pfui und das größere Übel. Jeder soll schreiben / publizieren dürfen und der Markt soll bitte richten, dass Qualität sich durchsetzt. Ja, jetzt dürfen sie mich naiv schimpfen. Hat nämlich bei manchen Lokalzeitungen offenbar gar nicht geklappt. Dennoch: Für die Qualität der Journalisten, des Erzeugnisses ist der einstellende Verlag verantwortlich.
Wer sich jetzt keine guten Journalisten leistet, wird’s auch in Zukunft nicht. Wer sich jetzt keine Qualität leisten kann oder will, wird mit formalisierten Journalistenausbildungen auch keine bessere abliefern. Dann werden die zertifizierten Journalisten, die trotzdem nichts taugen, bei kleinen Läden landen, die mies zahlen. Das wäre nun auch kein Fortschritt. Emo-Schlusssatz: Aber der Verlust, der wäre ungleich größer.
P.S.: Wenn wir schon was verordnen müssen, dann bitte das alle Zeitungsartikel Abonnenten online verfügbar gemacht werden müssen, ferner dass die Artikel kommentierbar sein müssen und außerdem, bitte, noch dass Verlage den Readerscan einmal im Quartal sauber durchführen und die Ergebnisse veröffentlichen müssen.
“Aber umgekehrt wollen wir uns die Welt erklären und Komminkationsprozesse lenken lassen von Leuten, die keine solide Ausbildung in Staaskunde, Betriebs- und Vokswirtschaft haben, die sich nie systematisch mit Sprache beschäftigt haben, für die Presse- und Persönlichkeitsrecht bömische Dörfer sind (…)”
Ja, es mögen nur vier Tippfehler sein. Aber trotzdem. Glashaus und Steine und so. Und wissen die Kollegen von Herr Schumacher – solche und solche – eigentlich, wie sie hier eingeschätzt werden? Mich würde so eine Ansprache ja eher suboptimal motivieren.
[...] “Wir sind entrückt und unflexibel. Fünf Thesen zur Zukunft des Zeitungswesen“, verfasst von Lutz Schumacher, dem Geschäftsführer des Nordkuriers. [...]
[...] Schumacher stellt fünf Thesen zur Zukunft der Zeitung auf. Category: [...]
Selbst wenn man sich wie ich beim – nicht immer nur ideologiegeprägten -Journalistikstudium (das z. B. auch Maybrit Illner genossen hat) in der DDR vertiefend mit Sprache, Stilistik & Co. beschäftigt und per Diplomarbeit und Hochschulzeugnis mit einer guten Note beglaubigt bekommen hat, nützt das nur bedingt. Wenn im Zuge des Einsparwahns nicht nur die Redakteurszahl auf ein Minimum abgespeckt wird und so etwas Exotisches wie Korrektoren schon lange nicht mehr über die Redaktionsflure laufen.
Wer seine meist unter Zeitdruck entstandenen Texte selber Korrektur liest, sieht vieles einfach nicht. Damit meine ich nicht unbedingt nur die Tippfehler, die es natürlich auch gibt, die zur Not noch das Word-Programm aufspürt. Ich meine falsch geschriebene Fremdwörter, falsche Übersetzungen, verdrehte Jahreszahlen, Grammatik-Sünden, Hörfehler von der Telefonrecherche (Münchengladbach statt Mönchengladbach – was natürlich auch schlichtes Unwissen sein kann; Feuerwehrsmusik statt Feuerwerksmusik von Händel) etc.
Kollegen lesen lassen ist meines Erachtens auch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn denen liegen Texte, die nicht ihre eigenen sind, unbewusst oft weniger am Herzen.
Ich finde, für diese Art Qualität sollte auch ein wenig Geld übrig sein. Auch wenn wir nicht beim Spiegel arbeiten.
Ziemlich entrückt. Mit der Lebenswelt von hauptberuflich Freien dürfte Schuhmachers Geschäft bisser eh nichts zu tun haben. Die Freischreiber habens vorgerechnet: Gegenüber der SZ sagte Schumacher, er habe einen Honorartopf in Höhe von 1 Million Euro pro Jahr. “Gleichzeitig spricht er von 2000 freien Mitarbeitern! 1 Million geteilt durch 2000 ergibt 500 Euro Jahres(!)-Einkommen pro Mitarbeiter. Das sind 2 Euro pro Arbeitstag.”
Jetzt wissen wir: Auch in Zukunft wird das nicht so sein. Schumachers Vision sind eher 5 Thesen zum Dorfkäseblattwesen.
@Jacob Vicari: Dazu hatte ich weiter oben bereits Stellung bezogen. Aber man kann auch: nicht lesen, keine Argumente aufnehmen, irgendwas aufschnappen und nachplappern. Tja…
Lieber Herr Schumacher,
da Sie doch ernsthaft an der Entwicklung der TZ interessiert sind, möchte ich nun doch meinen Senf dazu geben.
zu1.) Die Produktdenke führt in die Irre. “Die Glühbirne wurde nicht durch die Verbesserung der Kerze erfunden”. Das eigentliche Bedürfnis war “Licht”.
Die TZ war eine “Eierlegendewollmilchsau”, da sie viele Bedürfnisse durch nur ein Produkt befriedigte. Inzwischen gibt es aber für ledes dieser Bedürfnisse bereits “Glühbirnen” – also nützlichere Lösungen.
Die Tz als ein einheitliches Produkt zusehen, ist m.E. der erste und gravierende Fehler.
zu4.) Und nun reduzieren Sie die TZ auf nur noch ein Bedürfnis (lokales) und geben alle anderen “Geschäftsfelder/Bedürfnisse” einfach auf. Sie glauben noch an die Gleichung: Lokales = Leser= Anzeigen. Leider überholt, wie das Denken in Zilegruppen.
Kurzum: weg vom Produktdenken , hinzu den Bedürfnissen. Nützliche lebensrelevante Information und den wirklichen Wert hinter dem Abo erkennen – das Vertrauen (das leider z.Zt. schnell sinkt).
Lieber Herr Schuhmacher, ich hoffe, ich habe nicht zu sehr verkürzt und konnte Ihnen den Kern der Idee vermitteln.
@ Dirk Schmedt: Guter Ansatz, danke. Das mit der Glückbirne und der Kerze werde ich mir merken.
rml
@ Dr. Meyer-Lucht, freut mich besonders, dass Ihnen meine Überlegungen gefallen.
Vielleicht sollte ich, nach Jahren der Abstinenz, doch noch einmal ins Verlagsgeschäft zurückkehren – Bedarf gibt es wohl und spannend würde es wohl auch :)
@ Dirk Schmedt: Der Gedanke ist einleuchtend, widerspricht aber meinen Argumenten nicht. Sie haben völlig recht, dass vor der Entwicklung von Produkten immer Bedürfnisse stehen, die dann befriedigt werden. Anders als in den Zeiten der Glühbirnenerfindung haben wir es allerdings heute mit einer fein abgestuften Palette an tatsächlichen, vermeintlichen und erfundenen Bedürfnissen zu tun. Letzteres erzeugt dann Dinge wie Twitter ;-)
Die Tageszeitung in der herkömmlichen Form hat auch aus dieser Sicht ein Problem, nichts anderes sagt eine Produktlebenszyklusbetrachtung. Denn die Lebenszyklen von Dingen entstehen ja nicht aus sich selbst heraus, sondern aus Veränderungen in den Bedürfnissen der Benutzer. Da unterscheiden sich Erfrischungsgetränke, Musikabspielgeräte oder eben Tageszeitungen nur marginal.
Was ist jetzt aber Ihre Schlussfolgerung? Meine Überlegung geht dahin, dass das Bedürfnis nach lokaler Nähe und Information (wie auch nach Austausch und Diskussion über lokale Vorgänge mit Personen, die in der Nähe leben) nach wie vor besteht und anders als viele andere Medien-Bedürfnisse zumindest bislang noch weitgehend von der regionalen Tageszeitung, ggf. im Verbund mit den Anzeigenblättern gedeckt wird. Allerdings mit sinkender Akzeptanz. Daher sehe ich hier zumindest einen Ansatzpunkt für die Zukunft der Tageszeitung, in dem sie sich mit aller Kraft auf dieses Alleinstellungsmerkmal stürzt und – falls möglich – im Ensemle mit weiteren Verlagsprodukten wie z.B. einem gut gemachten lokalen Webauftritt etc. diese Marktstellung ausbaut. Dabei muss die Zeitung selbst aber auch verändert werden, weil sie sonst selbst im angestammten Terrain nicht überleben wird und von anderen Anbietern überholt werden wird. Dieser Prozess hat bereits begonnen, denn wir beginnen, die jungen und mittelalten Leser zu verlieren.
Ich glaube aber nicht, dass dieser Prozess zwangsläufig ist. So zeigen uns z.B. erste Analysen aus dem Geomarketing, dass der Auflagenschwund nicht flächendeckend ist. Je kleiner man die Einheiten setzt, desto uneinheitlicher wird das Bild. Es gibt heute eine Menge kleiner Gemeinden oder Gemeindeteile, die steigende Zeitungsauflagen ausweisen. Ein erster interessanter Ansatz. Ebenso müssen wir uns fragen, ob wir mit den von Flensburg bis Passau und von Rügen bis zum Bodensee über Jahrzehnte erprobten Methoden der lokalen Berichterstattung wirklich noch punkten. Da glaube ich einfach, dass wir viel näher an bestimmte Themen heran müssen, dass wir die lokale Wirklichkeit anders erfassen müssen (z.B. nicht nur als Abfolge von Vereinsfesten und Sportveranstaltungen), um jüngere Leser zu begeistern. Solche Veränderungen müssen andererseits so erfolgen, dass traditionelle Leser, die immer noch das Rückrat unserer Zeitungsauflagen bilden, nicht verschreckt werden. Ein schwieriger, aber doch auch ungemein spannender Prozess. Also: Kommen Sie zurück! ;-)
@Lutz Schumacher: Grundsätzlich bin ich Ihrer Meinung, allerdings ist es manchmal wie ” … is the difference between Lightning and Lightning bug”
Allerdings dürfte eine präzise Ausformulierung den Rahmen dieses Blogs sprengen. Deshalb möchte ich nur die uns noch “trennenden” Überlegungen anmerken.
Die Tz befriedigt viele Bedürfnisse mit einem Produkt. Hier liegt der Unterschied zum Produktlebenszyklus – man müßte dann wohl jedes Bedürfnis als einzelnes Produkt betrachten.
Die Geo-Auflagen-Betrachtung müßte reginale Besonderheiten, wie “Zuwanderung” o.ä., berücksichtigen. Sinnvolle Ergebnisse kann ich mir deshalb kaum vorstellen, bzw nur nach einem erheblichen Analyseaufwand.
Selbst wenn es gelingt 100% der HH mit einem Abo zu beglücken, was wäre gewonnen ? Stichwort Streuverlust: die Werbewirtschaft denkt in ZG, und ohne Werbung geht gar nichts.
Sie fragen nach meiner Schlußfolgerung. Ich versuche, diese anhand Ihres lokalen,redaktionellen Ansatzes zu erläutern.
Für mich besteht das Leserinteresse aus vielen Bedürfnissen – Horizontal,vom Lokalen bis zum Globalen. Vertikal, von Politik über Unterhaltung, von Wirtschaft bis Wissenschaft, usw. Grob könnte man diese in drei Bedürfnisse einteilen – Wissen, Nutzen, Unterhaltung. (Ich sollte mal eine Grafik erstellen :) )
Wenn ich nun das Infoverhalten zB im Bereich “Bedürfnis Wirtschaft/regional ” nehme, gibt es wohl kaum konkurrierende Angebote. Im Bereich Wirtschaft/Global ist die Situation völlig anders, hier belegt die TZ eher hintere Plätze.
Nun ist es aber auch wesentlich, wie wichtig (Lebensrelevant) das jeweilige Bedürfnisfeld für den Leser ist. Die neuste Uraufführung in Panama hat sicherlich eine geringe Relevanz als das “Was mache ich heute Abend ? “.
Im Ergebnis könnte die Tz die beste Wirtschaft/regional bieten und dennoch das wesentliche Bedürfnis nach “umfassender Wirtschafts-Info” vermutlich nicht befriedigen.
M.E. werden durch die Konzentration auf das Lokale wesentliche Erfolgs-/Geschäftsmöglichkeiten kampflos aufgegeben.
Übrigens: Wenn TZ nicht so anstrengend wäre, wäre ich längst wieder zurück :)
Ich wünsche eine erfolgreiche Woche
Was soll das ganze Theater? Handelt es sich hier um eine Krise des Zeitungswesens oder um eine Krise des Distributionsmediums?
Hätte jeder Kunde zu Hause ein abwaschbares Lese-Tablett mit Touchscreen-Bedienung, auf das er sich per Knopfdruck und automatischem Konto-Einzug (Klingelton-Prinzip) aus dem gesamten deutschen und internationalem Pressewesen JEDE beliebige Publikation im Sekundentakt laden könnte, hätten wir keine Krise, sondern einen umkämpften Wachstumsmarkt.
Aktueller Spiegel für 1,- Euro, Playboy, Bunte oder Fokus für 60,- Cent, die im Stundentakt aktualisierte New York Times von heute für 50,- Cent (Dollar-Inflation)? Dazu jede Menge Hobby-Publikationen von Aquaristik bis hin zum Zoo-Besucher. Nicht zu vergessen die Lokal-Nachrichten und Kleinanzeigen aus der Region für 20,- Cent? Das Ganze hochaufgelöst, mit eingearbeiten Video- und Audio-News im Bewegtbild (siehe Harry Potter) und vor allem lesbar am Frühstückstisch, in der Badewanne, vor dem Einschlafen oder auf der Toilette. Wahlweise auch noch alle Fernsehsender als Streaming-Angebot. Muss man noch mehr sagen?
Stellen wir uns vor, dieses hübsch designte W-Lan-Tablett – handtaschentauglich, bald auch faltbar – gäbe es obendrein umsonst von Haustürdrückerkolonnen (Herstellungkosten bei Millionenauflage 100,- Euro) von einem jeweiligen Verlagskonglomerat (Burda, Murdoch) oder einem regionalen Distributor, der nur eine bestimmte Auswahl seiner Publikationen zur Wahl bietet, und man könnte damit noch im Internet surfen und sein Leben auf Facebook, SeniorenVZ oder Twitter verbringen …
Falls jemand sagt, so etwas gibt es doch nicht. Doch, demnächst bei Apple und ab Mitte nächsten Jahres auch bei Dell, HP und Lenovo.
Allerdings wird – zwangsläufig – die Zeitungs-GEZ hierzulande kommen, die entsprechenden Weichen sind bereits gestellt. Das mediale Vorgeplänkel erleben wir gerade. Wer´s nicht glaubt, hat als Kind nicht aufgepasst: Der Seppl und sein Krokodil haben in der Regel den gleichen Puppenspieler.
Ach so, wenn Vodafon, T-Mobile und E-Plus erstmal merken, dass sie damit ihre mobilen Datennetze an den Mann bringen können, wird jeder T-Shirtvertrieb mit dem Spruch: “Nein danke, ich hab´s schon”! auch ein Krisengewinner.
Über die Probleme der Zeitungen wird zu Recht viel diskutiert: bei Verlegern, Gewerkschaften, Journalisten und Lesern. Mit unterschiedlichen Inhalten und unterschiedlicher Ernsthaftigkeit. Den Stein der Weisen hat bislang niemand gefunden – Dirk Schumacher am aller wenigsten. Jener Dirk Schumacher, in dessen Zeit bei der Münsterschen Zeitung der Komplettrausschmiss einer ganzen Redaktion und der Ersatz durch eine neue Mannschaft fiel, die zu Dumpinglöhnen das Blatt machte. Was die Leser von den dubiosen Geschäftspraktiken hielten, machten sie durch Abo-Kündigungen deutlich. Mit dieser “Erfolgsbilanz” machte Schumacher beim Nordkurier weiter und nahm die freien Mitarbeiter des Blattes, nicht gerade als Spitzenverdiener bekannt, ins Visier. Mini-Honorare und Geschäftsbedingungen, die zum Teil per Einstweiliger Verfügung untersagt wurden, waren die Folge.
Dieser Dirk Schumacher also fühlt sich jetzt berufen, fünf Thesen über die Zukunft der Zeitungen und des Journalismus aufzustellen. Wenn er nicht weiß, was Qualitätsjournalismus ist, wie er schreibt, sollte er mal im Berufsbild Journalist auf der Homepage des DJV nachlesen. Da steht’s drin. Und da kann er auch nachlesen, dass gut ausgebildete und qualifizierte Journalisten angemessen bezahlt werden müssen. Vielleicht geht er auch mal in eine Redaktion, die Tag für Tag Zeitung macht, und redet mit den Journalisten über ihre Arbeitsweise, über Recherche, über ihren Berufsalltag. Und vielleicht liest er mal Leserkommentare online oder in Leserbriefen. Dann erfährt er nämlich, was die Menschen bewegt und welche Erwartungen sie an ihr Medium haben.
Nur in zwei Punkten ist ihm zuzustimmen: Die Zeitungen müssen lokaler und multimedialer werden und sie müssen sich wirtschaftlich tragen. Letzteres versteht sich von selbst und steht trotz Wirtschaftskrise nicht ernsthaft zur Diskussion. Dass die Verlage es in guten Zeiten versäumt haben, sich weitere, neue Geschäftsfelder zu erschließen, räumen selbst die Verleger inzwischen freimütig ein. Hier besteht Nachholbedarf. Ebenso bei der Multimedialität. Denn junge Leute erreichen sie nur noch, wenn sie schnellstens ihre Informations- und Kommunikationsangebote im Internet forcieren. Die größte Stärke, die sie haben, liegt dabei klar im Lokalen. Mit unterbezahlten Journalisten lässt sich dieses Plus indes nicht zum zukunftsfähigen Alleinstellungsmerkmal ausbauen.
Sorry, gemeint war natürlich Lutz Schumacher.