Peter Glaser

Vive la Redaktion!

Peter Glaser | 9 Kommentar(e)


Es wird so viel geschrieben wie noch nie. Das Text-Universum explodiert. Gegen die Übermenge an Geschriebenem gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz.

17.06.2009 | 

Es ist schon ein paar Jahre her, dass der hellsichtige Soziologe Michael Rutschky die Beobachtung gemacht hat, dass scheinbar keiner mehr lesen mag – alle wollen nur noch schreiben. Rutschky muß schon früh das Zeitalter der Blogs heraufdämmern gesehen haben.

Über 130 Millionen Blogs gibt es inzwischen weltweit. Im Schnitt werden innerhalb eines Tages 900.000 neue Beiträge in diesen Netzjournalen verfaßt. 1,59 Milliarden Menschen waren im Mai 2009 online, jeder zwölfte Internetbewohner bloggt also und trägt dazu bei, dass eine formidable Textflutwelle an die Bildschirme des Planeten brandet.

Dieser immense Zustrom bedeutet eine immer größere Vielfalt an Lesenswertem. Die hat allerdings einen Preis: Was herkömmlich in Zeitungsrubriken und Sender-Programmschemata vorgeordnet wurde, wird nun entbündelt. Textatome fliegen uns um die Ohren, als hätte eine kulturelle Nuklearexplosion stattgefunden. Musiker verkaufen im Netz keine Alben mehr, sondern einzelne Tracks. Ähnlich geht es nun in der Online-Textwelt zu, in der ein flatterhafter Leser durch riesige Textmengen streift und sich hier und da und dort für einen einzelne Artikel entscheidet.
Um nicht unterzugehen in dieser Übermenge an Geschriebenem, gibt es drei mögliche Strategien:

  1. Redaktion,
  2. Aggregation und
  3. Ignoranz.

Ignoranz ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen Überinformation, sie schenkt uns ein gewisses Gefühl der Souveränität. Redaktion heißt, dass wir nun in der Internet-Ära alle miteinander dazu verdammt sind, Journalisten zu sein und ein Gefühl für Qualität zu entwickeln. Und Aggregation heißt, dass aus den Textatomen schnell wieder Moleküle werden – vollautomatisch, wie bei Google News oder sorgsam oder spielerisch von Hand, wie es vielfach im Netz bereits geschieht.

Zu den Blogs kommen noch weitere digitale Schreibgelegenheiten wie Facebook mit 200 Millionen Nutzern oder Twitter mit 14 Millionen Nutzern in den USA und einige Zehntausend in Deutschland – den Kurztextklassiker SMS nicht zu vergessen. Im Januar 2009 erhielt Greg Hardesty aus dem kalifornischen Silverado Canyon die Handy-Rechnung seiner Tochter Reina. Sie war 440 Seiten lang und verbuchte 14.528 SMS (im Schnitt 484 Kurztexte pro Tag). Hardestys Glück: Reina hat eine Flatrate mit unbegrenzt SMS.

Es soll aber niemand glauben, dass die Vielschreiberei ein Phänomen ist, das erst jetzt in der digitalen Ära zum Vorschein kommt. Einer der exzessivsten Proto-Blogger war der Architekt Buckminster Fuller, der sein Leben in einer unglaublichen Ausführlichkeit dokumentierte: Von 1915 an schrieb er 68 Jahre lang alle 15 Minuten einen Eintrag in ein Journal. Als Fuller am 1. Juli 1983 starb, hinterließ er 80 laufende Meter an Notizbüchern.

Die immer eingehenderen Aufzeichnungen, mit denen wir es zu tun haben, werfen ein Problem auf, das der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung “Von der Strenge der Wissenschaft” beschrieben hat. Es geht darin um ein Reich, in dem die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit erreicht hat, dass eine Karte entsteht, “die genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm an jedem Punkte deckte”.

Aber eine Karte, die genauso detailliert ist wie die Wirklichkeit, verliert ihre Funktion.

Peter Glaser bloggt auf auf der Glaserei. Dieser Beitrag wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autor crossgepostet.

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9 Kommentare

  1. Wittkewitz |  18.06.2009 | 10:18 | permalink  

    Es gibt noch ein Strategie, die die Evolution erfolgreich eingesetzt hat: Abwarten.

  2. »Lesenswertig« am 18. June 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer |  18.06.2009 | 12:04 | permalink  

    [...] Vive la Redaktion! Shared um 07:54 Uhr via Delicious Es wird so viel geschrieben wie noch nie. Das Text-Universum explodiert. Gegen die Übermenge an Geschriebenem gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz. [...]

  3. Uli Speck |  18.06.2009 | 23:36 | permalink  

    Apropos Redaktion: Im ersten Satz muss es “anscheinend” heissen, nicht “scheinbar”.

  4. links for 2009-06-19 – Hartmut Ulrich - Randbetrachtungen |  19.06.2009 | 17:08 | permalink  

    [...] Vive la Redaktion! — CARTA Es wird so viel geschrieben wie noch nie. Das Text-Universum explodiert. Gegen die Übermenge an Geschriebenem gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz. Von Peter Glaser. (tags: Text) [...]

  5. xconroy |  19.06.2009 | 21:16 | permalink  

    Ich sehe ehrlich gesagt nicht ganz, wo das Problem sein soll.

    Für mich hat sich eigentlich nicht viel geändert, was die Quantität an Texten betrifft. Wenn ich früher in eine Bibliothek oder einen Kiosk gegangen bin, war mir auch von vorneherein klar, daß ich das niemals alles lesen kann und auch gar nicht will – ich war auch damals schon gezwungen, eine Auswahl zu treffen.

    Der Unterschied ist: ich verbringe heute – wahrscheinlich – etwas mehr Zeit mit Lesen. Nicht viel, aber etwas. Damit ließen sich etwaige Kritikaster widerlegen, die behaupten, heute würde “niemand mehr lesen”, aber das sind natürlich nur die Kritikaster, die sowieso immer etwas hinterher sind. Diejenigen, die up to date sind, sagen: jaaa, schon, die Leute (resp. “die Jugendlichen” – denn die werden ja immer herangezogen, wenn der nächste Untergang des Abendlandes dräut) lesen mehr – aber sie lesen nicht mehr so konzentriert/nicht mehr so auf Qualität bedacht/konsumieren nur statt zu verarbeiten. Darüber ließe sich diskutieren – mein Eindruck ist ein anderer. Zumindest ich persönlich gehe am ehesten nach dem “Redaktons”-Prinzip vor – interessante Publikationen erhalten in meinem Feedreader (der ja übrigens, so selbstverständlich er für mich ist, immer noch eine relativ unbekannte Technologie ist für viele Leute) eine Bewährungschance, und wenns nicht paßt, fliegen sie wieder raus. Darum schaffen es kleine, aber feine Perlen zu “Stammkunden” bei mir, während andere wegen zuviel Uninteressantem gelöscht werden.

    Und was den Punkt “mehr Schreiben als Lesen” angeht, so sehe ich da gerade bei Blogs eher keinen Klärungsbedarf – die meisten Blogger bloggen sowieso eher für sich und ein paar Freunde und wollen gar keine SEO-Aktionen o.ä.
    An Lesern vorbeischreiben, das sehe ich eher in Foren wie dem von SpOn, wo jeder seinen Senfklecks hinsetzt und so gut wie gar nicht aufeinander eingegangen wird. Aber auch das machen die Leute freiwillig, niemand muß sich dort aufhalten.

    Wer viele SMS schreibt, kommuniziert übrigens idR und publiziert nicht. Das Beispiel geht also am Thema vorbei.

    Und mit dem Abschlußsatz, dem mit der Karte, kann ich irgendwie nix anfangen. Welche Funktion der “Karte” aka Blogs etc. wird jetzt genau wodurch untergraben? Und inwieweit paßt dieser Vergleich überhaupt, wo doch Blogs kaum in ihrer Geasamtheit dazu dienen, so wie Fuller es vielleicht getan hat detailliert das jeweilige Leben des Schreibers zu dokumentieren? Das tun doch die wenigsten. In Blogs geht es doch um viel mehr Themen. Und deshalb haut der Vergleich mit der Karte auch nicht hin: es mag nur eine Welt geben – aber unzählige Perspektiven, aus der sie betrachtet werden kann. Und um wieder am Anfang anzuschließen: niemand wird alle diese Perspektiven jemals durchprobieren können, sondern nur Stichproben nach persönlichem Interesse nehmen. Deshalb besteht keine “Gefahr”, daß die “Karte” ihre Funktion verliert, und deshalb halte ich den Artikel in diesem Punkt auch für sich selbst widersprechend.

  6. LinkListe , in|ad|ae|qu|at at in|ad|ae|qu|at |  23.06.2009 | 08:31 | permalink  

    [...] Glaser : Vive la Redaktion ! – Es wird so viel geschrieben wie noch nie . Das Text-Universum explodiert . Gegen die Übermenge [...]

  7. Peter Glaser |  10.08.2009 | 16:47 | permalink  

    @ Uli: “scheinbar” ist schon richtig; daran kann man erkennen, dass ich Österreicher bin.

  8. stoertebeker |  16.08.2009 | 07:57 | permalink  

    Nehmen wir an, das Textuniversum sei ein Land welches ich bereisen möchte, dann wähle ich von vornherein all jene Orte aus, von denen ich annehme, sie interessieren mich am meisten. Der Urlaub dauert nur zwei Wochen, also bin ich gezwungen dies zu tun.

    Ich besorge mir also Karten über genau diese Orte, rede mit Freunden, die diese Orte schon bereist haben und mache Eselsohren in Reiseführer.

    Dann schließlich mache ich mich auf den Weg und besuche diese Orte. Ich begegne den Einheimischen und ändere auf ihren Rat hin mehrmals die Reiseroute. Ich erlebe Enttäuschungen und Überraschungen und lerne das Land kennen. Insgesamt gefällt es mir so gut, dass ich noch zwei Tage dranhänge.

    Wieder zu Hause erzähle ich meinen Freunden von der Reise. Vielleicht schreibe ich sogar einen Reisebericht und zeichne eine Karte, auf der all die Orte markiert sind die ich besucht habe.

    Ich muss also alle drei Strategien anwenden um die Reise durchzuführen.

    Ignorieren, da die Zeit begrenzt ist.
    Aggregieren, um die Reise zu planen.
    Redigieren, um den Plan den vorgefundenen Verhältnissen anzupassen.

    Ist es also nicht eher eine Abfolge von Schritten und man muss sich nur entscheiden wie weit man geht? Ein Entweder Oder kann ich da nicht erkennen.

    Der totale Ignorant gewiss, der bleibt einfach zu Hause.

  9. Peter Glaser |  16.11.2009 | 03:41 | permalink  

    @Uli Speck: Muß es nicht, das ist ein Austriazismus.

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