#Medienwandel

»Medienwandel« ist 2019 zum Euphemismus für radikalen Umbruch geworden

Der Medienwandel ist vollständig in der Gesellschaft angekommen und kann als Begriff nur mehr als Verbrämung für Alltag, Gegenwart, Mainstream stehen. Ein Nachlassen umbrechender Effekte und sich verallgemeinernde Gesetzmäßigkeiten der Internet-Ökonomie deuten sich bereits seit einiger Zeit an.

von , 24.7.19

Der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland hat 2019 die einst nerdig-gegenkulturelle re:publica eröffnet (Link) und in der »Sendung mit der Maus« werden die lebensweltlichen Herausforderungen der Digitalisierung erklärt (Link). Die Jury des Grimme Online Award erkennt 2019 unterdessen wenig Neues, dafür jedoch viel Qualität in den zur Nominierung gelangten Projekten (Link) zur Netzpublizistik. Die steigende Bandbreite der Netzinfrastruktur verhilft der textlastigen Blogosphäre zur erweiterten, audiovisuellen Publikumsansprache über Videoportale und nimmt gleichermaßen Formen und Genres klassischer massenmedialer Produktion an.

Der Medienwandel ist vollständig in der Gesellschaft angekommen und kann als Begriff nur mehr als Euphemismus, als Verbrämung für Alltag, Gegenwart und Mainstream stehen. Ein Nachlassen zerstörerischer Effekte überlieferter Routinen und sich verallgemeinernde Gesetzmäßigkeiten der Internet-Ökonomie (Link) deuten sich bereits seit einiger Zeit an. Auch fällt auf, dass der Umfang der rechtswissenschaftlichen Einlassungen auf Ausprägungen der digitalisierten Kommunikationssphäre zunehmen – ein untrügliches Zeichen, dass die Phänomene des Medienwandels die am langsamsten wirkende Variable »Medien- und Kommunikationsrecht« zum Veränderungspotential von Mediensystemen vollständig erreicht haben. Die Einlassungen zu den übrigen, maßgeblich auf den Kommunikationsraum einwirkenden Faktoren Medientechnologie, Kommunikations- und Medienforschung, Medienwirtschaft nehmen im Verhältnis dazu ab oder beginnen sich regelmäßig zu wiederholen.

Hinzu kommt ein sich abzeichnender Niedergang der auf Datenverwertung basierenden Silicon Valley-Economy in der Europäischen Union durch anhaltende Abwägungen mit Maßnahmensetzungen der politischer Akteure (Link) zwischen Gemeinwohl, Marktwirtschaft und Unternehmensinteressen. Die Regulierungsinstitutionen arbeiten in dem ihr charakteristischen Tempo (ohne Konnotation) die Herausforderungen ab. Parallel wirkt ein Generationenwechsel (Link) in Politik, Medien- und Telekommunikationsregulierung in die gesellschaftlichen Agenden hinein. Denn die Gesellschaft überwindet zunehmend sichtbar – durch vielfältige empirische Belege – die ungezügelte, jugendliche Euphorie der Ausfaltungsmöglichkeiten von Kommunikation über digitale Plattformen. 

Der Journalismus, die Vermittlungsinstitution zur Herstellung von Öffentlichkeit für gesellschaftliche Belange, erlebt die Digitalisierung anhaltend ambivalent; während sich international wirkende Plattformen zunehmend verfestigen und sich im Übergang von Telekommunikationsdiensten hin zu redaktionell arbeitenden Medienunternehmen im regulatorischen Sinn entwickeln, ist auf nationaler Ebene die hohe Reichweite, der lebhafte publizistische Wettbewerb eingetrübt durch die Erfordernisse an Lebensunterhalt und Geschäftsmodell. Einerseits gemeinwohlorientierten Journalismus im Sinne der Aufklärung zu betreiben und andererseits die Vermischungen von Nachricht und Kommentar, als auch die Trennung werblicher Kommunikation von Journalismus aktiv zu betreiben, bleibt eine zentrale, auch medienethische Herausforderung. Auch bietet das Internet einen Nährboden für ideologischen Journalismus, der für ungeübte Augen zunehmend schwer von interessengeleiteter Öffentlichkeitsarbeit unterscheidbar ist. Dysfunktionale Ausprägungen wie »Storytelling« (Link) oder »Content-Marketing« (Link) verwässern die Orientierungsfunktion des Journalismus Online.

Die klassischen Massenmedien haben sich unterschiedlich auf die seit den 1970er Jahren in ersten Anzeichen absehbaren Veränderungen durch das Aufkommen des Internet eingestellt:

Das Kino verliert Leinwandzeit und behält den Eventcharakter, das Buch digitalisiert sich erfolgreich in Nischen, die Zeitschrift entdeckt das Internet als Line Extension mit dem Schwerpunkt eCommerce. Das Radio blieb lange unberührt durch den Medienwandel und behalf sich mit einer Erweiterung der Signalübermittlung via Streaming. Erst durch die Erholung der Musikindustrie und deren neuen Vertriebsagenten kommen strategische Herausforderungen, insbesondere für die kommerziellen Formatradio-Angebote hinzu. DAB+-Radio kann einerseits als Versuch der Geräteindustrie gesehen werden, Haushalte neu mit Empfangsgeräten auszustatten. Der digitale Übertragungsstandard versucht andererseits die Abschottung des (Werbe-)Vertriebskanals Radio zu retten. Fernsehenund&nbsp Video profitieren durchweg durch die beständig erhöhte Leistungsfähigkeit der Netzinfrastruktur. Lineares Fernsehen verbreitet sich mittlerweile selbstverständlich über vier Übertragungssäulen Terrestrik, Kabel, Satellit und IP-Infrastruktur. Entgeltpflichtige Dienste haben sich im Unterhaltungssektor erfolgreich etabliert und sorgen für intensiven Wettbewerb und Vielfalt. Zudem bleibt das klassisch-lineare Fernsehen als Entspannungsmedium, vor allem in den Medienrepertoires (Link) der Lebensphasen Arbeit, Familie und Rente/Pension/Privatier, erfolgreich im Publikum. Gleichwohl nicht mehr in dem zeitlichen Umfang in den jungen Zielgruppen wie in den 1980er und -90er Jahren. Die Abschaltung der personellen Kreativwerkstatt und Nischenkanals VIVA Ende 2018 (Link) kann als ein sichtbarer Effekt genannt werden. Bleiben noch die Tageszeitungen; sie sind bis heute die großen Verlierer des Medienwandels. Weder die Redaktionen noch die Verwaltung sind durchschnittlich in der Lage gewesen, die veränderten Gesetzmäßigkeiten des digitalen Medienvertriebs zu durchdringen. 

Alle aufgezählten Mediengattungen erleben neue intermediäre (Link) Konkurrenz in den vormals voneinander getrennten Vertriebswegen auf verschiedenen Ebenen von Produktion und Wettbewerb. Diese Verschmelzungen sorgen nicht nur für einen schärferen ökonomischen Wettbewerb. Auch der publizistische Ideenwettbewerb hat sich erweitert und reduziert die Macht journalistischer Deutungshoheit weniger Medienmarken von Aussagen und/oder Ansichten einzelner Akteure. Diesen Wettbewerbsausprägungen übergeordnet steht die interpersonale Kommunikation via vielfältiger (Dark) Social Media in der Nutzungshierarchie der Gesellschaft deutlich vor. eCommerce hatte sich von Beginn an, beispielsweise mit dem Marktstart von Amazon im Jahr 1995, progressiv und ohne Verzögerungen etabliert. Auch die Werbewirtschaft hat sich entsprechend der Erreichbarkeit von Zielgruppen massiv umorientiert und bietet heute im Durchschnitt keine verlässliche Erlösquelle/Partnerschaft mehr für publizistische Angebote online. Dass Journalismus kein Geschäftsmodell sei, wusste bereits Robert Picard mitzuteilen (http://carta.info/ist-der-journalismus-am-ende/).

Erwartbare Umbrüche mit unmittelbaren Auswirkungen auf den Medien- und Kommunikationsraum kündigen sich mit Angebot und Nachfrage auf dem Markt der Translationssoftware (Link) an. Wann Douglas C. Adam’s Idee eines »Babelfish« Realität und internationaler Alltag wird, die Sprachwissenschaften neu mischt, lässt sich zweifelsfrei nicht vorhersehen. Ähnlich verhält es sich mit der Versorgung der Gesellschaft mit breitbandigem Internetzugang via Satellit, dessen skalierbare Kosten weit unter den terrestrischen Verfahren zu erwarten wären. Eine – gerade für den ländlichen Raum – flächendeckende, breitbandige Kommunikationsinfrastruktur-Versorgung über WIMAX-Technologie wird in der Europäischen Union bis heute aufgrund zu schwacher Erlöserwartungen erfolgreich ignoriert (Link) und unterdessen der komplexe 5G-Standard für den – hauptsächlich – Business-to-Business-Sektor vorangetrieben.

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