#SPD

Eine Doppelspitze bedeutet für die strauchelnde SPD keinen doppelten Boden.

Die Kultur der Partei mit Blick auf ihre Spitze ist bipolar. Diejenigen, die Spitzenverantwortung übernehmen, sehen sich mit un- und übermenschlichen Erwartungen konfrontiert. Sie sollen führungsstark sein und integrativ, richtungsweisend und partizipativ, charismatisch und bitte nicht zu Alpha, strategisch und gleichzeitig zu jedem Thema bis in alle Tiefe ins Detail.

von , 19.6.19

Die SPD diskutiert mit zunehmender Verve die Frage, ob eine Doppelspitze Sinn macht. Damit setzt sie das fort, was sie mit großer Leidenschaft pflegt: eine pathologische Fixierung auf das jeweilige Führungspersonal. 

Die Kultur der Partei mit Blick auf ihre Spitze ist bipolar. Einerseits sehen sich diejenigen, die Spitzenverantwortung übernehmen, mit un- und übermenschlichen Erwartungen konfrontiert. Sie sollen führungsstark sein und integrativ, richtungsweisend und partizipativ, charismatisch und bitte nicht zu Alpha, strategisch und gleichzeitig zu jedem Thema bis in alle Tiefe ins Detail, tief in der Partei verankert und bitte nicht zu sehr nach eigenem Stall riechend. 

Die Person, die dieses Profil zu erfüllen hat, ist dann für alles zuständig und folglich auch an allem Schuld, wenn mal was nicht klappt. Dazu gehören: die strategische Richtungslosigkeit der Sozialdemokratie, Wahlverluste auf allen Ebenen der Bundesrepublik und natürlich auch bei Europawahlen, und so weiter. 

Die schädliche Kultur der Demontage

Andererseits demontiert keine Partei ihr Spitzenpartei radikaler, kleingeistiger und genüsslicher als die SPD. Die übermenschlichen (und letztlich auf einem autoritären Führungsverständnis beruhenden) Leistungsanforderungen auf der einen Seite paaren sich mit einer hohen Bereitschaft auf der anderen, immer alles besser zu wissen und im Zweifel auch über jede Kleinigkeit mit Blick auf die Parteispitze zu meckern und zu mäkeln. Das ist bequem. Wer über Personal murrt, muss über Inhalte nicht reden. Und wer auf andere zeigt, muss sich mit sich selbst nicht befassen. 

In der Konsequenz heißt das, dass für das Führungspersonal kein Raum bleibt, Fehler zu machen und zu lernen. Alles muss ab Tag 1 funktionieren – ein professioneller und menschlicher Horror, der keiner Realität standhält. Nicht zu reden von der Frage, dass kein noch so begabter Mensch sich in einem solchen Umfeld positiv entfalten kann. 

Die bipolare Haltung gegenüber der Führung gipfelt in der mangelnden Bereitschaft mancher Teile des erweiterten Führungsteams, Loyalität und Team-Geist entsprechend der viel gehaltenen Sonntagsreden zu leben. Eindrucksvoll gezeigt hat das die Demontage von Andrea Nahles. Die Ex-Vorsitzende ist eben nicht nur an sich gescheitert, sondern eben vor allem am feigen Intrigantentum und den hartnäckigen Profilneurosen mancher Abgeordneter und Führungskolleg*innen. 

Angesichts dieser Ausgangslage ist es erst einmal egal, ob die Partei von einem, zwei oder drei Vorsitzenden geführt wird. Führung verlangt immer auch nach der Bereitschaft, sich führen zu lassen. Wenn die nicht vorhanden ist, kann man gleich einpacken. Und zwar egal, wie brillant eine neue Einer- oder Zweierspitze potenziell sein könnte. 

Die SPD muss kapieren: diejenigen, die an der Spitze stehen, sind Spiegelbilder dessen, was die Partei ist. Wer eine zukunftsweisende, integrative Spitze will, muss diesen Führungskräften durch das eigene Verhalten den Boden bereiten. Wer Loyalität und Solidarität von den Parteivorderen fordert, muss das selbst vorleben. Wer die SPD als Kraft für menschliche Politik sehen will, muss diese Menschlichkeit erst mal selbst kultivieren, und zwar auch im ganz Kleinen.

Was heißt das konkret? Eigentlich ganz einfach. Mit Menschen – egal auf welcher Parteiebene – so umgehen, wie man es sich für den Umgang mit sich selbst wünscht. Sich hart und offen in der Sache auseinandersetzen, aber nach außen stets die Reihen schließen. Die anderen gut aussehen lassen, weil man dann selbst in besserem Licht dasteht. Und sich der eigenen Rolle bewusst sein. Das heißt auch, dass man an mancher Stelle die Klappe hält und die eigenen Profilierungsreflexe hinter die gemeinsame Sache stellt. 

Eigentlich gar nicht so schwer – Millionen Organisationen in Deutschland bekommen das hin. Es gibt keinerlei Grund, warum die SPD das nicht schaffen sollte. Beispiele dafür gibt es übrigens. Landesverbände wie in Rheinland-Pfalz sind auch deshalb stark, weil insbesondere die Führungsreihen in Partei und Fraktion Loyalität und Teamgeist leben, anstatt nur darüber zu sprechen. 

Und das führt uns zur Doppelspitze. Wer denkt, dieses Konstrukt sei per se ein Erfolgsrezept, hat manches nicht verstanden. Denn: die Doppelspitze macht erst einmal alles komplizierter. Weil die zwei (notwendigerweise) Alphatierchen an der Spitze sich laufend koordinieren und abstimmen müssen. Weil Doppelspitzen nicht nur inhaltlich auf einer Linie sein müssen, sondern auch menschlich. 

Wenn das klappt, ist 1+1=3. Wenn nicht, ist 1+1=weniger 1. Darüber können übrigens die gerade idealisierten Grünen erzählen, deren Doppelspitzen bislang meistens ein Hindernis für den Erfolg waren und kein Katalysator. Eben weil die Teamarbeit auf Spitzenebene nicht geklappt hat. Dass es anders geht, das zeigen Annalena Baerbock und Robert Habeck gerade. 

Ich weiß aus der Organisations- und Teamentwicklung inner- und vor allem außerhalb der Politik, dass der Erfolg der beiden auf echter Arbeit beruhen muss. Dem jetzigen Erfolg der grünen Doppelspitze ist menschliches Investieren vorangegangen. Und zwar zuerst in die eigene, individuelle Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Und dann in das gemeinsame Einrütteln als Team, inhaltlich wie menschlich. Das geht – aber es braucht die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich gemeinsam zu entwickeln und dem jeweils Anderen viel zu gönnen. 

Die Frage, der sich die SPD ehrlich stellen muss, ist: wollen wir das hinbekommen? Sind wir bereit, die bisher gepflegten, hochgradig zerstörerischen Muster des zwischenmenschlichen Umgangs zu verlernen und etwas Neues wagen? Wollen wir die Paranoia, das systemische Misstrauen und die epidemische Missgunst der Kultur des Willy Brandt-Hauses loslassen für etwas Anderes? Sind wir wirklich bereit uns zu verändern – oder täuschen wir eigentlich nur an, in der Hoffnung, dass wir irgendwie doch weiterwursteln können wie bislang? 

Ich habe schon 2013 geschrieben, dass die SPD gut beraten wäre, ihre gesamte Führungsspitze auszuwechseln und das Spitzen-Personal der rot-grünen Ära zu verabschieden. In der Hoffnung, dass eine neue Generation von Politiker*innen fähig ist, eine andere Haltung und Führungskultur vorzuleben und stark zu machen. Jetzt – viele Prozent weniger später – ist es absehbar endlich so weit. Um diesen Schritt geht es. Ob die Spitze dann zu zweit oder als Einzelperson antritt, ist nicht mehr als ein Ornament in dieser Geschichte. 

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