#Medienpolitik

Digitaler Nihilismus und digitale Traurigkeit

Die aktuelle politische Lage erfordert, dass wir von »techno-solutionist«-Vorschlägen Abstand nehmen und statt dessen diese angeblich engen »Internetfragen« in größere Kontexte migrieren, z.B. Prekarisierung, postkoloniale Technologiepolitik, Geschlechterfragen, Klimawandel oder alternativen Urbanismus. Trotz allem Potential für Fatalismus und Introspektion sollten wir uns an Mark Fishers Slogan halten: »Pessimismus im Gefühl, Optimismus im Handeln.«

von , 17.12.19

Willkommen in der Neuen Normalität. Soziale Medien formatieren unser Innenleben um. Wo Plattform und Individuum nicht mehr voneinander zu trennen sind, wird Social Networking identisch mit dem »Sozialen« selbst. Nicht länger neugierig, was »das nächste Web« bringen wird, chatten wir über die Information, die wir an mageren Tagen abweiden dürfen. Die in die Zukunft gerichtete Zuversicht ist zerbrochen – der saisonabhängige Hype ist auf eine stagnierende Zukunft reduziert. Stattdessen hat ein neuer Realismus eingesetzt, wie Evgeny Morozov tweetet: »Der Technikoptimismus der 1990er Jahre behauptete, dass Netzwerke Hierarchien schwächen oder ersetzen würden. Tatsächlich jedoch verstärken Netzwerke Hierarchien und machen sie weniger sichtbar.« Wie kann man eine korrekte Phänomenologie asynchroner Verbindungen und ihrer kulturellen Effekte schreiben, eine schonungslose Kritik an allem formulieren, das fest in den sozialen Körper des Netzwerks verdrahtet ist, ohne auf das zu schauen, was sich im Inneren abspielt? Könnten wir, statt eine überlegene Pose einzunehmen und ein Urteil von oben zu fällen, eine amoralische Position gegenüber der heutigen intensiven Nutzung von Sozialen Medien einnehmen und uns in die oberflächliche Zeit unserer verlorenen Seelen vertiefen? Lasst uns zu einer Reise in diesen Third Space aufbrechen, der das Technosoziale genannt wird.

Unser geliebtes Internet kann als eine »inverse Hydra mit hundert Arschlöchern« beschrieben werden, aber wir lieben es dennoch: es ist unser Brain Junk. Obwohl Soziale-Medien-Kontroversen in den Mainstream getreten sind, ist das Ergebnis Null. Wir registrieren kaum den uns umgebenden Online-Rausch, wir können nicht einmal so tun, als würde uns die zynische Werbelogik kümmern. Soziale-Medien-Skandale erscheinen uns, wie Franz Kafka einst schrieb, »wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern.« Von Verhaltensmanipulation zu Fake News, alles was wir lesen dreht sich um die bankrotte Glaubwürdigkeit des Silicon Valley. Doch sehr wenige haben ernste Folgen erlitten. Beweise sind offenbar nicht genug. Schmutz wird aufgewühlt, es gibt Datenlecks und Whistleblower – aber nichts verändert sich. Keine der unerledigten Fragen wird gelöst. Ein »Internexit«-Referendum ist nicht in Sicht. Egal wie viele Hacks und Privatsphärenverletzungen stattfinden, egal wie viele Bewusstseinskampagnen und öffentliche Debatten organisiert werden, es herrscht überwa ltigende Gleichgültigkeit.

Schauen wir auf die rasche Rückkehr in die Normalität nach der Demonstration zum Skandal um Cambridge Analytica im März 2018. Die Zentralisierung der Infrastruktur und Dienste, die uns so viel Bequemlichkeit bringen, wird als unumgänglich, sogar als unvermeidbar betrachtet. Warum gibt es nicht schon machbare Alternativen zu den großen Plattformen? Eines Tages werden wir den Digitalen Thermidor verstehen – doch dieses »eines Tages« wird niemals eintreffen.

Auf Papier sehen unsere globalen Herausforderungen riesig aus; auf dem Bildschirm schaffen sie es nicht, sich in unseren Alltag zu übersetzen. Statt den titanischen Kräften ins Gesicht zu sehen, sind wir betäubt, bittersüß, zerstreut, schrullig und manchmal geradewegs deprimiert. Sollten wir die intensive Nutzung Sozialer Medien als Bewältigungsstrategie verstehen? Unsere Ära ist zutiefst unheroisch, unmythologisch, geradezu flach. Letztlich sind Mythen Geschichten, die Zeit brauchen, um ein breites Publikum zu erreichen, die Spannung zu steigern und ihr Drama zu realisieren. Nein, unsere Zeit ist markiert von Mikrointeressen des fragilen Selbst. Alle haben ihre Gründe, sich abzuschließen und abzuschirmen. Während Konzerne über Nacht zu kolossalen Strukturen anwachsen können, mit ihrer befremdlichen Infrastruktur, hinkt unser Verständnis der Welt hinterher oder schrumpft sogar.

»Was unsere Situation so bedrohlich macht, ist das alles durchdringende Gefühl der Blockierung. Es gibt keinen klaren Ausweg, und die herrschende Elite verliert zunehmend ihre Fähigkeit zur Herrschaft.« Unsere Umwelt und ihre funktionierenden Bedingungen haben sich dramatisch gewandelt, und doch hinkt unser Verständnis solcher Dynamiken hinterher. »Der Stacheldraht bleibt unsichtbar«, wie Evgeny Morozov es einmal ausdrückte.

Das Problem muss noch identifiziert werden: es gibt kein »Soziales« mehr außerhalb der Sozialen Medien. In italienischem Slang ist der Begriff Soziale Medien bereits abgekürzt worden: »Bist du auf den Sozialen?« Das ist unsere Gesellschaft des Sozialen. Wir starren eine Black Box an und staunen über die Dürftigkeit des heutigen Innenlebens. Die Absicht dieses Buches ist, den toten Punkt zu überwinden, indem es versucht, eine radikale Kritik zu integrieren. Es sucht nach Alternativen, indem es eine subjektive Begegnung mit der Multitude und ihren intimen Abhängigkeiten von ihren mobilen Geräten arrangiert.

Wir scheinen desillusioniert von unseren de-facto-Onlinekulturen. Der britische Think Tank Nesta fasste unsere aktuelle Situation gut zusammen. »Während die dunkle Seite des Internet zunehmend deutlich wird, wächst die öffentliche Forderung nach verantwortlicheren, demokratischeren, menschlicheren Alternativen.« Doch die Forscher sind auch ehrlich genug, zu erkennen, dass es nicht leicht sein wird, die existierenden Dynamiken herauszufordern. Wir sind in einer Sackgasse. »Das Internet sieht sich von zwei Narrativen dominiert: das amerikanische, in dem Macht in den Händen nur weniger großer Akteure konzentriert ist, und einem chinesischen Modell, in dem staatliche Überwachung das Leitmotiv ist. Zwischen Big Tech und staatlicher Kontrolle, was heißt das für die Bürger?« Die Nutzerinnen und Nutzer Sozialer Medien als »Bürger« zu bezeichnen, ist offensichtlich eine politische Formulierung, der übliche Jargon innerhalb von NGO-Kreisen, die von der »globalen Zivilgesellschaft« sprechen. Ist dies unsere einzige Option, um der Verbraucheridentität zu entkommen? Nesta legt zwei strategische Fragen auf den Tisch: »Könnte Europa eine Alternative entwickeln, die die Bürger wieder zurück in den Fahrersitz holt?« Und sollte Europa, statt zu versuchen, das nächste Google zu bauen, auf den Bau dezentralisierter Infrastrukturen fokussieren, die das Herausbilden eines weiteren Google verhindern würden?

Was sollen wir mit den Sozialen Medien tun? Die letzten Jahre wurden von einer tiefen Verwirrung beherrscht. Für einige scheint Nichtnutzung ein Rohrkrepierer zu sein. Evgeny Morozov zum Beispiel tweetet: »Ich will nicht, dass #Zuckerberg zurücktritt. Und wir müssen Facebook nicht löschen (#deleteFacebook): das ist so realistisch wie Straßen löschen (#deleteroads) zu sagen. Was wir brauchen, ist eine New Deal für #data. #Europa muss aufwachen!« Und, obwohl Siva Vaidhyanathan Facebook heftig kritisiert, weigert er sich, zu gehen und seinen Account zu löschen. Für andere ist Nichtnutzung die richtige Antwort. Ein früher Vorschlag wäre Ulises Mejias Off the Network, Disrupting the Digital World von 2013, ein Buch, das behauptete, »die Netzwerklogik umzudenken«. Erst vor kurzem, aber in derselben Richtung, hat die Bewegung für das »Recht auf Vergessen« Form angenommen. Oder nehmen wir die Zeitschrift Disconnect, die nur offline verfügbar ist, eine Anthologie von Kommentaren, Prosa und Dichtung, die nur gelesen werden kann, wenn man sein WiFi ausschaltet. Neben (widerwilliger) Nutzung oder Nichtnutzung könnte ein dritter Ansatz unter Zweckentfremdung verbucht werden. In einem Artikel in The Guardian mit dem Titel »Wie man aus dem Internet verschwindet« stellt Simon Parkin (online) Leserinnen und Lesern eine Anleitung dazu bereit, wie man ein digitaler Geist wird. »Sachen zu löschen ist völlig nutzlos«, versichert er. Sein Rat? Legt Fake-Accounts an und leitet Suchanfragen fehl. Seine Schlussfolgerung, die seine Überschrift im besten Fall irreführend erscheinen lässt, ist, dass es so gut wie unmöglich ist, zu verschwinden. Die Möglichkeiten sind auf das Reputation Management beschränkt, entweder akribisch von einem selbst vorgenommen – oder, für diejenigen mit Geld, von spezialisieren Unternehmen durchgeführt.

Was, wenn es zu spät ist, um Google, Twitter, Instagram oder WhatsApp zu verlassen, auch wenn wir noch so digital entgiftet in anderen Lebensbereichen werden? Machen wir uns nichts vor, in den Augen des Silicon Valley sind das jährliche Offline-Burning-Man-Erlebnis jenseits des Netze und die unzähligen täglichen online Facebook-Besuche keine Gegensätze – es handelt sich um komplementäre Arrangements. Ergo sind wir sowohl offline als auch online. Kritik befindet sich in einer ähnlich widersprüchlichen Position. Die Welt habe seine Argumente eingeholt, gibt Andrew Keen in seinem 2018 erschienenen Buch How to Fix the Future, Staying Human in the Digital Age zu. Keen fragt, wie wir unsere Handlungsmacht über die Technik wieder behaupten können. Wir sitzen schließlich nicht auf dem Rücksitz. Keen lehnt den Schutz der Privatsphäre ab, eine Forderung, die von vielen als eurozentrisch und bourgeois betrachtet wird. Stattdessen fordert Keen Datenintegrität. Die Pfriemelei mit Daten muss aufhören. »Überwachung ist schlussendlich kein gutes Geschäftsmodell. Und wenn es etwas gibt, das uns die Geschichte lehrt, dann ist es, dass schlechte Geschäftsmodelle irgendwann sterben«. Er führt John Borthwicks »fünf Geschosse, um die Zukunft zu reparieren« an: »offene Technologieplattformen, Anti-Trust-Regulierung, verantwortliches Design, das den Menschen in Mittelpunkt rückt, Erhalt des öffentlichen Raums und ein neues soziales Sicherheitssystem.«

Doch die Handlungsmacht, die zur Implementierung dieser Reparaturen benötigt wird, scheint gelähmt. Internetkritiker haben begrenzte Macht. Unfähig zum Netzwerken oder dazu, den »alten Medien« zu entkommen, wurden sie in die Schublade des individuellen Experten oder Kommentators gesteckt und von jedem breiteren öffentlichen Dialog darüber ausgeschlossen, was zu tun ist. Akademiker scheinen ebenfalls eher machtlos. Getrieben von einer Peer-Review- und Ranking-Logik veröffentlichen sie innerhalb des abgeschlossenen Universums der Fachzeitschrift mit begrenztem Zugriff und noch begrenzterem Impakt. Obwohl Forscherinnen und Forscher sicherlich wertvolle Beweise zur wirtschaftlichen Macht von Social-Meda-Plattformen sammeln, bleibt Technologiekritik im Allgemeinen vereinzelt – unfähig, die eigene Praxis zu institutionalisieren und kohäsive Denkschulen zu schaffen.

Die aktuelle politische Lage erfordert, dass wir von »techno-solutionist«-Vorschlägen Abstand nehmen und statt dessen diese angeblich engen »Internetfragen« in größere Kontexte migrieren, z.B. Prekarisierung, postkoloniale Technologiepolitik, Geschlechterfragen, Klimawandel oder alternativen Urbanismus. Trotz allem Potential für Fatalismus und Introspektion sollten wir uns an Mark Fishers Slogan halten: »Pessimismus im Gefühl, Optimismus im Handeln.« Als Geste an diesen Augenblick schließt meine Untersuchung der kritischen Internetkulturen mit einem Beitrag zur »Commons-Debatte«. Wie Noam Chomsky sagte: »Es gibt eine Menge, was wir tun können, um den Verlauf der Geschichte hin zu Gerechtigkeit zu lenken, um einen Ausdruck zu verwenden, den Martin Luther King berühmt machte. Der einfache Weg ist, der Verzweiflung zu erliegen, und dafür zu sorgen, dass das Schlimmste passieren wird. Der vernünftige und mutige Weg ist, sich denjenigen anzuschließen, die für eine bessere Welt arbeiten, und die reichlichen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen.«


Dieser Text ist die gekürzte Einleitung zu Geert Lovinks Buch »Digitaler Nihilismus«, erschienen bei transcript Verlag, Bielefeld, 242 Seiten, 24,99 Euro
www.transcript.de

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