#Corona-Krise

Die Corona-News zwischen Ungenauigkeit und Unsicherheit

Der gewaltige Nachrichtenkonsum ist Ausdruck des großen Hungers nach Aufklärung. Jedoch: Wo viel Ungewissheit ist, dort erblühen wilde Erzählungen, die informativ klingen, aber meist nur den Wahrheitsgehalt von Märchen haben.

von , 7.4.20

Als das »Ungeheuer« (il Messagero) namens Sars-CoV-2 im Januar nach Italien kam und dort zu wüten begann, als die Schreckensmeldungen von fünf-, dann von sechs-, dann von siebentausend und so weiter Todesfällen berichteten, schnellte mit den Ängsten auch der Informationshunger nach oben. Allabendlich verfolgen mehr als 8 Millionen die 20-Uhr-Tagesschau, sämtliche Nachrichtensendungen der ARD erreichen fast 19 Millionen Zuschauer. Auch die Visits auf den Newsseiten seriöser Anbieter knallten hoch; 85 Prozent der »Spiegel Online«-Leser gaben an, dass sie die neuesten Corona-Grafiken alltäglich nutzen. Millionen Handynutzer lesen mehrmals täglich Sonder-Newsletter und Messenger-Meldungen. Und sogar die Webseiten der Zeitungsverlage erzielen Reichweiten wie nie zuvor.

Der gewaltige Nachrichtenkonsum ist Ausdruck des großen Hungers nach Aufklärung: Wie benimmt sich dieses Ungeheuer? Wie viele von uns wird es fressen? Wie lange müssen wir uns in der Höhle der eigenen vier Wände vor ihm verstecken? Wann kommen unsere Helden und bringen es mit ihrem Gegengift, der Impfung, zur Strecke? Bereits die ersten Bilder und Schlagzeilen der Boulevardmedien – »Todesvirus in Europa gelandet« (»Bild am Sonntag« vom 26. Januar) – befeuerten Panikgefühle. Beruhigt wurden sie bis heute nicht. Und sollen vermutlich auch nicht, denn sie treiben den Hunger nach immer neuen Nachrichten gewaltig an. »Immer näher« lautete die Titelzeile des Ressorts Wissen (!) der Wochenzeitung »Die Zeit« (10/2020), als schnaube das Ungeheuer jetzt vor unserer Tür.

Wo viel Ungewissheit ist, dort erblühen auch wilde Erzählungen, die informativ klingen, aber meist nur den Wahrheitsgehalt von Märchen haben, die über Ungeheuer erzählen. »Schon über tausend Corona-Tote« titelte die »Hamburger Morgenpost« (12. Februar). »Polizei holte Corona-Infizierten aus dem Hotel« meldete »Bild Hamburg« noch Ende März (20.03.20) und Bayerns Söder segnete von der Kanzel: »Gott schütze unsere Heimat« (»Bild München« 21.03.20).

Doch nicht nur im Boulevard und auf den für Fake- und Panikmeldungen offenen Online-Plattformen: Auch solide journalistische Medien brachten während vieler Wochen zahllose widersprüchliche Behauptungen über Art und Umfang, Ausbreitung, Haupt- und Nebenwirkungen der Epidemie, stets verpackt als harte Facts. In der dritten Märzwoche befragte Forsa das Publikum nach seinem Medienkonsum. Jeder zweite gab an, täglich die aktuellen Nachrichten deutlich vermehrt zu nutzen. Zugleich fand knapp die Hälfte (45%), dass es ihnen sehr schwerfalle, in der täglichen Corona-Newslawine glaubwürdige Informationen zu finden.  

Nun wussten selbst erfahrene Virologen und Epidemiologen nicht viel über die Wirkweise dieses auf den Namen Sars-CoV-2 getauften Virus. Sie analysierten, verglichen und prognostizierten ohne gesichertes Erfahrungswissen. Für solide Wissenschaftler ist dies nichts Ungewöhnliches; im Fortgang des Forschens lassen sich Thesen überprüfen und Spekulationen schrittweise durch datengestütztes Wissen ersetzen. Für Newsjournalisten, die ihr Publikum durch den wilden Ereignis-Dschungel führen und das Ungeheuer beschreiben sollen, bedeutet Nichtwissen eine Herausforderung: Was denkt wohl das Publikum über uns, wenn wir nichts wirklich erklären und niemanden belehren können? »Unsicherheit ist die neue Normalität« titelte der »Spiegel« (22. Februar). Gleichwohl waren viele Journalisten so naiv oder zynisch, dass sie in ihrer Erklärungsnot den Behauptungen irgendwelcher Propheten folgten, Spekulationen als Tatsachen verkauften und mit großem Tamtam kommentierten.

Schon aus diesem Grunde brauchen die Bürgerinnen, wenn sie sich der Kakophonie nicht ausliefern wollen, gerade in Krisenzeiten Informationskompetenz. Um sich gegen Falschinformationen zu impfen, hilft es bereits, informationskritisch und mit gesundem Menschenverstand die tägliche Newsflut zu filtern und so das klare Wasser vom Schlamm zu trennen. Ich verstehe nichts von Virologie und nichts von Epidemiologie. Zu diesen Themenfeldern können wir Laien nichts Sachdienliches beitragen. Aber wir können die Aussagen der Akteure und Experten einander gegenüberstellen, sie auf Stimmigkeit und Plausibilität prüfen und mit allgemein zugänglichem Wissen abgleichen. Ich werde dies im Folgenden anhand einiger Themenbeispiele versuchen. Dabei schreibe ich aus der Sicht eines mit empirischer Sozialforschung vertrauten Medienwissenschaftlers. Und der trennt im Umgang mit öffentlichen Aussagen vorab diese drei Kommunikationsebenen: 

a.) Die Sachverhaltsebene. Hier geht es um Aussagen über Tatbestände und Vorgänge: Stimmt das, was behauptet wird? Die Überprüfung lässt sich mit diesen Fragen operationalisieren: Wer? Was? Wann? Wo?

b.) Die Kontextebene. Hier werden die Aussagen in den Zusammenhang gestellt.  Das kann die Vorgeschichte sein, das können Vergleiche (Ausland zum Beispiel) oder Analogien (eine andere Seuche) sein. Es geht aber auch darum, die Räume des Nichtwissens offen zu halten. Die Überprüfungsfrage lautet hier: Wie?

c.) Die Deutungsebene. Hier werden erklärende und begründende Aussagen präsentiert, die den Vorgang nachvollziehbar machen (sollen). Das geschieht meist aufgrund vorgegebener Theorien, vulgo: Meinungen, Vorurteile, Weltanschauungen und Sinnsysteme.  Hier lautet die operationalisierende Frage: Warum?

Und noch etwas: Die empirische Herangehensweise verläuft meist induktiv und nicht deduktiv, also bottom-up und nicht top-down, wie es die angelsächsischen Kollegen nennen. Erst wenn Begründungen auf der Deutungsebene gesucht werden, bringen wir die beide Welten (empirisches Wissen und Theorien) zusammen.

a.) Die Sachverhalte: was wissen wir – und woher?

Was wusste man über diese »Epidemie in Echtzeit« (»Stern« vom 12. März)? Was zum Beispiel macht den Unterschied zwischen »infiziert« und »erkrankt«? An was sind die »Corona-Toten« eigentlich gestorben?

Kritisch denkende Leserinnen beschaffen sich zuallererst eine Übersicht, dann die in der Fachwelt vereinbarten Bezeichnungen, mit denen die Phänomene medizinisch benannt  werden.  Anschließend suchen sie (auch) in den Medien nach Primärquellen. Dazu zählen Aussagen von Virologen »an der Front« (Fachärzte und mit den Krankheitsfällen befasstes Fachpersonal), Experten, die direkten Zugang zu Daten haben. Und vor allem solche Forscher, die derzeit über das Virus Sars-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19 forschen. Hinzu kommen die Akteure der zuständigen Gesundheitsbehörden. Im Unterschied dazu sind die meisten Medienberichte und viele im Gewand des Experten auftretende Leute nur Kolporteure, also Sekundärquellen. Unser Motto lautet darum: Vertraue keinem Sprecher, keinem Medienbericht per se, sondern prüfe die darin genannten Quellen und Urheber — soweit möglich. Und wenn das nicht klappt, gilt ersatzweise: Meide Social Media und verlasse dich nur auf Newsmedien, die über eine ausgewiesene Redaktion verfügen, die Standards der Überprüfungsrecherche beherrschen – und ihre Quellen offenlegen. Man lässt darum beim Medienkonsum stets die Kontrollfrage im Kopf mitlaufen: Woher wissen die das?

Bereits Ende Januar, als in Bayern der erste Fall in der Zulieferfirma Webasto auftrat, stieß ich auf Fachredaktionen, die sich um sachrichtige Informationen bemühten; mustergültig die ZDF-Produktion Terra X. Demgegenüber lieferten die meisten Newsmedien damals und in den Folgewochen viele Falschdarstellungen. Da wurden positiv Getestete als »Corona-Erkrankte« bezeichnet und mit Statistiken anderer Länder verglichen. Schon der gesunde Menschenverstand ruft: Vorsicht, das sind doch vermutlich nicht vergleichbare Datenbasen! Dass die wahre Zahl der Infizierten niemand kennt, weil sehr viele infiziert, aber nicht erkrankt und nicht getestet sind, kam nicht zur Sprache. Das Gleiche zum Verlauf der Epidemie, die – wie alle leicht übertragbaren Epidemien – anfangs eine exponentielle Kurve bildet. Wundersame Theorien über die italienische Mentalität wurden präsentiert, um die zu Deutschland scheinbar hohe Zahl an Todesfällen zu erklären. Selbsternannte Experten fabulierten über die dort hohe Luftverpestung (in Bergamo!), über die unter Italienern übliche Körpernähe und so weiter. Man brauchte nur kurz auf die Newsseiten italienischer Medien zu schauen, um zu erfahren, dass es in Bergamo, dann in Mailand, dann in Madrid unmittelbar zuvor Fußball-Massenveranstaltungen gab. Von deutschen Newsjournalisten (dpa!) wurden keine dieser Datenerhebungen hinterfragt, etwa, dass in der italienischen Region in den Kliniken schwer erkrankte alte Menschen getestet wurden, in  Deutschland hingegen viele junge, sportive Leute, die vom Skiurlaub zurückkamen und ihre Infektion locker überstanden. Auch der epidemiologisch gut begründete Zweck der rasch und effizient umgesetzten harten Maßnahmen in Taiwan und Singapur (ich komme im 2. Teil darauf zurück) interessierte die Journalisten damals nicht; lieber pushte man die News über steigende Infektionsraten, unterlegt mit  furchterregenden Bildern aus Notfallstationen, zu angsttreibenden Schlagzeilen: Das Ungeheuer ist jetzt da!

Und wie sieht es aus? Den Newsmedien zufolge – allen voran der Tagesschau – schien es sich eher um ein Chamäleon zu handeln, denn es nahm unterschiedliche Farben an, je nachdem, wer sich mit ihm befasste. Noch Mitte März brachten die Nachrichtensendung immer neue, immer andere, immer widersprüchlichere Aussagen, wie viele der positiv Getesteten wohl ins Krankenhaus und intensivmedizinisch mit Beatmungsmaschinen behandelt werden müssten: zigtausende? viele hunderttausende?  Die »Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie« lieferte Mitte März eine Hochrechnung, dass es in Deutschland Ende April »eine Millionen Patienten« geben werde – ein gefundenes Fressen für die TV-Sendung »Panorama« (»Wann kommt der Klinik-Kollaps?« 26.03.2020) und für Online-Newsmacher, die mit solchen Panikbotschaften gewaltige Klickzahlen generieren. Kaum jemandem fiel auf, dass diese Gesellschaft zu ihren Modellrechnungen keine Quellenangaben machte. Die einfache Frage: Woher wissen die das? blieb offen, die Aussage somit unwissenschaftlich und bestenfalls Thema für einen kritischen Kommentar. Lobenswerte Ausnahme: ein Hintergrundbericht der Tagesschau.

Als eine der Ausgangsquellen vieler Falschinformationen habe ich mir drei öffentlichkeitswirksame Persönlichkeiten angeschaut, die noch Ende März von vielen systemkritisch eingestellten Youtubern umjubelt wurden und manchen Disput auch unter Kollegen und in den Familien befeuert haben.

Ich meine die ehemaligen Virologen Karin Mölling und Wolfgang Wodarg sowie den sich Professor nennenden Pharmakologen und Unternehmensberater Stefan Hockertz. Mölling sprach in »RadioEins«;   Wodarg sieht und hört man in zahlreichen YouTube-Videos. Ich habe in deren Aussagen auf Tatsachendarstellung geachtet. Mir fiel auch ohne Fachwissen und ohne Überprüfungsrecherche auf, dass alle drei Sachverhalt von Meinung nicht trennen; dass sie persönliche Ansichten, veraltetes Wissen und Fehlannahmen vermischen. Zwei Beispiele: Es wurden Fallzahlen (=ermittelte Infektionen) vom Beginn der Covid-19-Epidemie mit Fallzahlen der Influenzasaison verglichen, obwohl letztere statistisch anders erhoben und per Saison bzw. Kalenderjahr abgebildet wird. Auch wurde das Sars-CoV-2 als baugleich mit früheren coronaren Viren behauptet. Die längst gesicherte Informationen, dass es sich jetzt um einen SARS-verwandten Virus handelt, der sich im Rachen festsetzt und darum viel ansteckender wirkt; dass es gegen ältere Coronaviren eine Grundimmunität und Impfstoffe gibt, gegen dieses aber nicht; dass im Falle Italien auch bei Influenza-Wellen vor allem Vorerkrankte und immunschwache (alte) Menschen starben, indessen sehr viel weniger als jetzt durch Sars-CoV-2: Solche Sachverhalte wurden verdreht, verschwiegen und von den Journalisten in den Interviews auch nicht nachgefragt.

Der publikumswirksame Kern der Desinformationen steckt meines Erachtens in der Aussage, Covid-19 sei in Wahrheit ähnlich (harmlos) wie sonstige Influenza-Erkrankungen und die Risikogruppe (Raucher, Immunschwache, Vorerkrankte sowie Alte) umfasse »höchstens 5 Millionen Menschen«. Man muss wirklich kein Demograph sein, um abzuschätzen, dass allein die Raucher und die Über-75Jährigen mehr als ein Viertel der Gesellschaft ausmachen. Die angstmindernden Verharmlosungsreden nahmen über eine Million Menschen – dies ist die Reichweite der Wodarg-Videos auf YouTube – dankbar zur Kenntnis, viele tausend Kommentare und Zuschriften äußerten sich beruhigt. Stellvertretend ein Leserbrief: »Hätte nicht irgendein übereifriger Forscher das Virus entdeckt, wäre es in der normalen Grippewelle statistisch untergegangen, wie höchstwahrscheinlich eine ganze Reihe von vergangenen Viren. Jan Tessmer, via Facebook« (aus: »Stern« 11/2020).

Bei so viel Desinformation: An wen oder was soll man sich halten? Auch glaubwürdige Wissenschaftler kennen nicht immer die Wahrheit; aber sie informieren über aktuelle Forschungsbefunde; sie qualifizieren deren Methoden und nennen die Reichweite ihrer Aussagen; sie ziehen daraus abgestützte Folgerungen über den Pandemieverlauf einerseits und angemessene Verhaltensweisen andererseits. Sie sagen auch, was man noch nicht weiß (zum Beispiel, wie lange ein Infizierter ansteckend ist), welche Daten überholt, welche Annahmen inzwischen korrigiert werden müssen (Stichworte: Ibuprofen, Diabetes) und wo Meinungsunterschiede bestehen (wie: Nutzen der Schutzmaske im Alltag). Solche Unklarheiten auszuhalten, ist für verängstige Laien allerdings recht anspruchsvoll.

Als glaubwürdige Primärquellen gelten nach meiner Beobachtung  die Johns Hopkins-Universität als Datensammler im Vergleich zum tonangebenden Robert-Koch-Instituts (RKI), dann Uwe Janssen von der Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI)  sowie Sprecher des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung (HZI). Hinzu kommen die Virologen Christian Drosten (Charité Berlin), Alexander Kekulé (Universität Halle-Wittenberg) und Hendrik Streeck (Uni Bonn). Ihnen fällt kein Stein aus der Krone, wenn sie sich korrigieren, wenn sie sagen, dass die Gesamtzahl der Infizierten unbekannt, vielleicht fünfmal oder auch zehnmal größer sei als die Zahl de positiv Getesteten; oder dass die wirkliche Todesursache der meisten »an« Corona Verstorbenen im Dunklen liege.

Bemerkenswert fand ich, dass es nicht prominentengeile Journalisten waren, die Drosten zum Popstar der Corona-Podcats machten; es waren vielmehr seine sachlichen, mit aktuellem Datenwissen durchsetzten Darlegungen im NDR-Podcast, die auf dem viralen Wege immer mehr Hörer fanden und gegen Ende März ein Millionenpublikum erreichten: »endlich Aufklärung über diese komplizierten Vorgänge!«  lautete der Tenor vieler Hörerkommentare beim NDR. Ich denke, dasselbe ließe sich auch über Kekulés »Corona-Kompass« beim MDR sagen. Wie dann die renommierten Experten für klickträchtige Popularitätsspielchen missbraucht werden, führt einmal mehr die »Bild«-Zeitung vor: »Stimmen Sie ab: welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?« Ergebnis: »Klarer Gewinner: Christian Drosten (…). 37 Prozent der Leser sprachen Deutschlands oberstem Virenjäger ihr Vertrauen aus.« (»Bild« online, 03.04.2020).

Allerdings: Bei komplizierten, mit viel Nichtwissen durchsetzten Konfliktthemen sollte man selbst glaubwürdige Experten nicht als Wahrsager nehmen. Mir wurde rasch klar, dass kritisches Zuhören und Lesen angesagt ist, wenn diese Fachleute auf Pressekonferenzen oder Interviews Bewertungen und Prognosen geben. Hoch spezialisierte, darum fachlich eng forschende Wissenschaftler sehen nur ihr Fachgebiet und neigen dazu, auch soziale Prozesse mit ihrer Fachbrille zu betrachten, Motto: Der Schuster sieht überall kaputte Schuhe. Ich fand, auch Drosten habe stets seine farbenblind machende Fachbrille auf. Hinzu kamen Irrtümer und Falscheinschätzungen. Beispielweise meinte der RKI-Leiter Lothar Wieler noch Ende Januar, das Virus würde Deutschland nicht erreichen. Fünf Wochen später schien mir, dass Wieler umgekehrt das Erkrankungsrisiko deutlich übertrieben darstelle. Und eines Montags Ende März hörte ich in den Nachrichten, wie Wieler behauptete, der Anstieg der Covid-19-Fälle schwäche sich jetzt ab. Schon meldeten Radiosender, Deutschland habe das Schlimmste überstanden. Nur: Es war Montag, und viele Gesundheitsämter konnten ihre Fallzahlen übers Wochenende nicht übermitteln; wegen des Meldeverzugs waren die Daten­sätze des RKI lückenhaft. Sollte man als RKI-Chef eigentlich wissen. Übrigens tat Wieler zwei Tage später dies kund: »Wir sind am Anfang der Epidemie«, die Fallzahlen nähmen weiterhin exponentiell zu. Ein seriös auftretender Wissenschaftler hätte vermutlich gesagt: »sorry, wir haben Ihnen am Montag etwas Falsches gesagt«. Ebenfalls unzutreffende Daten las ich von der Chefin der Hamburger Gesundheitsbehörde, die Ende März plötzlich behauptete, in Hamburg würden pro Tag 3.500 Tests durchgeführt und davon seinen 20 Prozent »positiv«.  Wenig später wurde diese Aussage dementiert.

Ich kann gut nachvollziehen, dass sich das Publikum schon aus solchen Gründen auf top informierte, kritisch nachfragende Journalisten verlassen möchte. Tatsächlich hat – endlich! – drei Monate nach dem ersten Todesfall in Italien die Berichterstattung einiger Newsmedien an Sachrichtigkeit zugelegt. Medizinische Problemfragen werden nicht mehr so doof politisiert, wie es die TV-Talkshows tun, sondern als medizinische Themen diskutiert. Und gelegentlich fassen Journalisten sogar kritisch nach. Auf der Newsseite des »Spiegel« zum Beispiel und auf zeit.de gibt es jetzt Übersichtsartikel, die definitorisch korrekt die Sachverhalte beschreiben und ihre Daten mit Quellenangabe täglich aktualisieren. Beispielsweise berichtet der »Spiegel« nicht mehr über »Corona-Erkrankte«, sondern über die Zahl der »bekannten Fälle«, »Die Zeit« über »bestätigte Fälle«.

Und doch, so scheint mir,  leben viele Falschbehauptungen ähnlich wie das Virus unbeschadet weiter: »Wie sich das Corona-Virus ausbreitet«, lautet bei zeit.de eine Übersichtsgrafik. Dabei betreffen die Zahlen nur die Schar der positiv Getesteten. Und diese ist ein Artefakt, denn je mehr ich teste, desto mehr Corona-Infizierte finde ich. Oder: »Mit dem Coronavirus Infizierte« seien in Hamburg auf »mehr als 2000 gestiegen«, lese ich als ersten Satz des Lokalaufmachers im »Hamburger Abendblatt« (30. März). So etwas dürfte heute nicht mehr passieren, es ist irreführend und angsterzeugend.

Mit der Flut an Desinformationen schwoll auf den Plattformmedien sogleich das Angebot an Fake-News und Falschbehauptungen. Mit ihnen befassen sich seit März mehrere Fact-checker-Teams und führen Überprüfungsrecherchen durch. Naja, das ist ein großes Wort. »Correctiv« zum Beispiel legt krude Behauptungen, die im Netz herumgeistern (»das Virus stammt aus einem Labor« u. ä.) einschlägigen Fachleuten vor und referiert deren Einschätzung. Immerhin, das hilft schon mal weiter. Mehrere der Factchecker nahmen auch die Aussagen von Wodarg und anderer Experten-Kritiker unter die Lupe. Aus meiner Sicht waren die Gegenbelege wie auch die Argumentationslogik von Terra X (ZDF) und des »faktenfinders« der Tageschau klar und eindeutig. Als Story durchaus amüsant fand ich das Video der zwei Reporterinnen von STRG_F: Wenig Sachüberprüfung, aber doch anschaulich, wie die beklemmende Sturheit mancher Wichtigtuer zutage kam (ich komme im dritten Teil darauf zurück). Dass auch umgekehrt der fachlich verengte Blick seriöser Virologen (auch der von Drosten) in den Newsmedien zu manchen Falschbehauptungen und Fehldeutungen geführt hat, hatten die Factchecker nicht auf dem Schirm. Mir scheint, viele Journalisten sehen Drosten derzeit als das Orakel von Charité.

Zusammengefasst:  Die Corona-Berichterstattung zerfällt in drei Abschnitte. Bis gegen Ende Februar erschien das Virus in den Newsmedien als asiatisches Ungeheuer: unberechenbar, angsteinflößend und schrecklich, aber sehr weit weg: »made in China« (Der Spiegel). Es folgte die zweite Phase, während der die Nachrichtenagentur dpa und die meisten Newsmedien mehr Irritation als Aufklärung produzierten. Häufig haben die Journalisten falsche Aussagen und missverständliche oder als Tatsachen verpackte Meinungen kolportiert. Vielen Aussagen in den Kommentar- und Leserbriefspalten zufolge lösten sie damit zum Teil panische Reaktionen aus.  Zwar kamen fundierte, glaubwürdige Primärquellen zu Wort, die sagten, was man weiß und was man nicht weiß. Sie wurden jedoch übertüncht mit Spekulationen und neunmalklugem Gerede von Leuten, die als Experten verkleidet auftraten. Mit dem Moralappell der Kanzlerin (»Solidariät!«) begann die dritte Phase. Nun verstärkten die Mainstreammedien in großer Einstimmigkeit die mit Moralismus verbrämte Shutdown-Strategie der Bundesregierung, allen voran die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, Motto: »Zeitlich begrenzte Kontaktverbote sind leichter auszuhalten als eine Ausgangssperre«, deshalb sei »nun die Disziplin aller gefordert« (Tagesschau 22.03.20). Zeitgleich stieg aber auch der Anteil der Newsmedien-Berichte, die den Komplex Corona korrekt darstellen und Fake-News wie auch ideologisch argumentierende Positionen kritisch unter die Lupe nehmen – mit der aus der Flüchtlingskrisenzeit bekannten Tendenz, selbst fundiert argumentierende Bedenkenträger auszuschließen.

So war es bis Ende März. Dann, rund zwei Wochen nach der Stilllegung der Industrie, spreizte sich diese Medien-Phalanx, indem nun auch kritische Stimmen zu Wort kommen, die nach der Rechtmäßigkeit wie auch Verhältnismäßigkeit zwischen den tatschlichen Gefahren der Epidemie und der Unterdrückung von Persönlichkeitsrechten (individuelle Selbstbestimmung) fragen. Diese in der ersten Aprilwoche vor allem von den Wochenmedien in Gang gesetzte Diskussion läutet die vierte Phase ein. Sie wird für die Öffentlichkeit umso bedeutsamer, je länger der von der Regierung als »alternativlos« verordnete Shutdown andauert.   

Was die Sachverhalte selbst betrifft, so gibt es mangels systematischer Erhebungen bis heute keine validen Informationen über Umfang, Struktur, Bevölkerungsanteil und Erkrankungssymptome der mit Sars-CoV-2 tatsächlich infizierten Kohorten. Man weiß nichts über die Zahl der inzwischen Geheilten und vermutlich Immunisierten. Die Fallzahlen positiv getesteter Personen erlauben keine Aussagen darüber, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Deshalb können seriöse Epidemiologen bis heute auch keine Prognose geben, wann und wie die harten Beschränkungen des Shutdown gelockert werden, eine Ungewissheit, mit der viele Medienmacher, insbesondere die Moderatorinnen der ARD-Talksendungen nicht klarkommen. Und nicht zuletzt ist die nicht vorhersagbare Sozialverträglichkeit der verordneten Kontaktsperre und – damit verbunden – die psychische Belastbarkeit großer Teile der Bevölkerung die unbekannte, zugleich die entscheidende Größe.   

b.) Die Kontextebene: Verstehen wir, um was es geht?

Wenn schon die Sachlage über viele Wochen völlig unklar und unübersichtlich war: Konnten die Journalisten die Ereignisse in Deutschland gleichwohl einordnen? Welche Erfahrungen, welche Einschätzungen nahmen sie als Bezugsrahmen? Corona-Erfahrungen gibt es ja seit Dezember 2019 (Wuhan) reichlich. Aus dem Konsum internationaler Medien konnte ich in den vergangenen Monaten viel über drei unterschiedliche Konzepte im Umgang mit Covid-19 erfahren:

Die zeitlich erste Szene spielt in Taiwan, Hongkong und Singapur. Dort gibt es – als Folge der SARS-Katastrophe von 2003 – kompetent organisierte Gesundheitsbehörden und ein weitsichtiges Krisenmanagement. Es wurde kein Shutdown angeordnet, auch die Schulen blieben in Betrieb. Dort scheint selbstverständlich, dass die Kinder vor Schulbeginn Fieber messen; dass jeder positiv Getestete sofort in die Klinik kommt; selbstverständlich auch, dass praktisch jeder von sich aus auf der Straße Abstand hält und eine Gesichtsmaske trägt (ich las hierzu auch in deutschen Medien verschiedene, doch in der Aussage gleichlautende Berichte, etwa hier und zu Singapur und Hongkong hier. Und eine auf Deutschland bezogene, fundierte Beschreibung zu Südkorea erstmals am 2. April). »Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass ein solches Krisenmanagement in Deutschland zwar wünschenswert, aber kaum denkbar gewesen wäre. Der Spielraum der Politik wird begrenzt durch das, was das Volk akzeptabel findet, und keine dieser Maßnahmen hätte zu einem vergleichbaren Zeitpunkt seine Zustimmung gefunden«, schreibt der in Taipeh lebende Schriftsteller Stephan Thome. Der Effekt dieser Sofortmaßnahmen: die exponentielle Kurve konnte zum frühestmöglichen Zeitpunkt gekappt werden. Stand Ende März: Nur 252 ermittelte Infizierte bei guter medizinischer Versorgung; nur zwei auf Covid-19 zurückzuführende Todesfälle (Taiwan hat die dreifache Einwohnerzahl der Schweiz mit über 13.000 ermittelten Infizierten und 101 Todesfällen »wegen« Corona). China lasse ich hier außen vor; der informationskritische Blick (auch Richtung Russland, Iran, Türkei) setzt hinter viele Informationen ein Fragezeichen.

Das Gegenszenario liefert bekanntlich Italien, insbesondere die Lombardei (hier eine mit Daten und Expertenaussagen gut belegte Übersicht; Primärquelle: Italienisches Gesundheitsamt ). Dort wurde das wohl schon im Dezember importierte Virus anfangs offenbar nicht erkannt; dann hielten die Gesundheitsbehörden – den Berichten zufolge – das Virus für das, was auch Wodarg, Mölling und Hodertz glauben: für eine Art Influenza, die ähnlich ablaufe wie die altbekannten Infektionen. Doch mit seiner ungebremst exponentiellen Ausbreitung (Multiplikator waren Fußball-Massenveranstaltungen) traf es sogleich auch die Risikogruppen, insbesondere ältere Menschen mit Vorerkrankungen (wie vier Wochen später in Madrid).  Die furchtbaren Folgen kann man in Reportagen und über Video virtuell miterleben (beispielhaft die Situation in Bergamo), ebenso den Kollaps der dortigen Kliniken. Unklar ist allerdings, ob und wie multiple Todesursachen in Italien und wie in Deutschland erfasst werden: Starb er »an« oder »mit« Sars-CoV-2? Der Totenschein unterscheidet zwischen unmittelbarer Ursache und Grunderkrankung. Aber wie wird der Nachweis geführt? Der UKE-Rechtsmediziner Püschel meint: »Ohne rechtsmedizinische Untersuchung des Leichnams« wisse man nicht, »ob es sich um eine mit der Coronainfektion zufällig assoziierte Todesursache handelt.« (Hamburger Abendblatt 02.04.20 S. 15). Ob Akut- oder Grunderkrankung: Die von Journalisten befragten Epidemiologen sind sich einig, dass zuerst in Norditalien, dann in Spanien (Madrid) die ohnehin unzureichend ausgestatteten Gesundheitssysteme sogleich überfordert waren. Die Erfahrungen der vom Virus quasi überrumpelten Italiener – so die Einschätzung von Kekulé – hätten sich die Spanier wie auch die Briten zunutze machen und viele Todesfälle (ob »mit« oder »durch« Sars-CoV-2) vermeiden können.

Die dritte Szene spielte bis Mitte März in Großbritannien und spielt weiterhin in den USA. Hier wie dort wurde die Wirkung des Virus mit ähnlichen Argumenten wie von den oben erwähnten Alternativ-Virologen zunächst verharmlost. Die von Briten und US-Amerikanern genannte Begründung ist allerdings eine andere: Konservative Politiker unter den Republikanern verlangten nach der rigorosen Strategie der »Herdenimmunität«: Wenn der Staat nichts unternehme, durchlaufe ein Großteil der Gesellschaft die Infektion praktisch unbeschadet und werde in der Folge immun. Dies sei die beste, weil wirtschaftsfreundlichste Lösung (ich komme im dritten Teil darauf zurück).

In Deutschland begann die Epidemie (Karneval in Heinsberg) knapp acht Wochen später als in China, sechs Wochen später als Südkorea und Taiwan, vier Wochen später als in Italien – genügend Zeit, um jene Vorgänge und Erfahrungen auszuwerten und eine eigene Strategie zu entwickeln (vgl. Podcast Kekulé). Was aber geschah? Die Pandemiepläne lagen unbeachtet in den Schubladen des Gesundheitsministeriums. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn Ende Januar verkündeten Vorkehrungen (Reisende sollten ein Formular über ihren Gesundheitszustand ausfüllen, Fluggesellschaften den Sitzplan ihrer Passagiere melden) ignorierten das seit Wohan gesammelte Wissen. Spahn sprach von »Verdachtsfällen«, über die niemand, auch kein Gesundheitsredakteur sagen konnte, was das ist. Sein Slogan (»Die Gefahr für Menschen in Deutschland durch die neue Atemwegserkrankung aus China bleibt gering!« vom 28. Januar) wurde von vielen Medien als Ausdruck souveräner Besonnenheit belobigt (u. a. »Bild« vom 29.01.2020). Ich las Zuschriften vieler Mediziner, aus deren Sicht der Gesundheitsminister es unterlassen hat, die für Pandemien erforderliche Ausstattung (Schutzkleidung, FFP-Schutzmasken, Beatmungsmaschinen u.a.m.) sicherzustellen. Unter den großen Medien recherchierte einzig der »Spiegel« schon Ende Februar (Heft 10/2020) die prekäre Engpass-Situation in deutschen Kliniken.

Die Fachredakteure anderer Medien hätten aus den Vorgängen in Fernost und den Hilferufen vieler deutscher Ärzte schon damals ihre Schlüsse ziehen können. Denn die wichtigste Einflussgröße bei der Ausbreitung der Epidemie ist neben dem Gebot, zuhause zu bleiben, auch – siehe Taiwan, Singapur und Südkorea – die Infrastruktur und Leistungskraft des Gesundheitssystems. In Deutschland warteten tausende Fachärzte während Monaten auf so basales Rüstzeug wie Schutzkleidung und FFP-Masken.  Die rechtsstaatlich fragwürdigen, grundrechtlich bedenklichen Zwangsmaßnahmen zwecks Herunterdrückens der Ansteckungskurve – Kanzlerin Merkel sprach es in Ihrer TV-Rede am 18. März ja deutlich aus – dienen allein der Schonung des medizinischen Systems. Deutlich herausgearbeitet hat dies abermals der »Spiegel«: »Das Coronavirus legt in aller Brutalität jene Probleme offen, die das deutsche Gesundheitssystem seit Jahren belasten: die Tücken der profitgetriebenen Klinikfinanzierung. Den Sparzwang, den chronischen Mangel an Pflegepersonal. Die oft schlechte Ausstattung der Gesundheitsämter. Den Rückstand bei der Digitalisierung.« (Titelgeschichte Nr. 13 vom 21. März 2020).

Verschiedene Berichte in Lokalzeitungen bestätigten, dass auf Bundesländerebene die medizinische Infrastruktur die wichtigste Steuerungsgröße zu sein scheint: Je schwächer sie ist, umso rigider müssen die Bürger in ihren Freiheiten eingeschränkt werden, andernfalls bricht die medizinische Versorgung weg (Negativbeispiele Würzburg 22.03.20 und Wolfsburg).  Viele LeserInnen fragten in Zuschriften und auf Twitter: Wenn wir dem Gesundheitsminister zufolge hier in Deutschland so supergut vorbereitet sind: Warum gibt es bei der Versorgung der praktischen Ärzte mit Schutzkleidung, Mundschutz, wirksamen Desinfektionsmitteln usw.  so viele Pleiten und Pannen? Die meisten Lokalblätter, die ich durchgesehen habe, hielten es offenbar nicht für nötig, darauf einzugehen und die medizinische Ausstattung in den Klinken, Heimen und Praxen zu ermitteln (Recherche gehört laut Pressekodex zu den journalistischen Pflichten), die zuständige Behörden kritisch zu befragen (laut BVerfG wäre dies Bestandteil der »öffentlichen Aufgabe«) und die Verantwortlichen zur Rede zu stellen (laut Landesmediengesetze gehört dies zur Kritik- und Kontrollfunktion). Ich fand durchaus Einzelberichte. Doch die kamen nicht durch die Initiative der Journalisten, sondern durch die Klage verzweifelter Ärzte und Pfleger zustande.

Die Corona-Krise zeigt es: Die während der vergangenen zwei Jahrzehnte erfolgte Demontage des Gesundheitssystems zwingt bei epidemischen Infektionserkrankungen zu rigiden Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte. Dieser Wirkungszusammenhang war bereits im Februar erkennbar, wurde aber (soweit ich sehe) von den öffentlich-rechtlichen Redaktionen und von den meisten Lokalmedien nicht erkannt. Dafür hörte und las ich zahllose nichtssagende Statements der politischen Akteure. Im Übrigen wurden die Zeitungen gefüllt mit Ratgeberseiten, wie man zuhause endlich Ordnung schafft, per Video telefoniert, seine Fitnessübungen absolviert und mit den Kindern neue Menüs probiert. Was ja auch okay ist.

Die Kaskade: Unzureichende medizinische Infrastruktur, deshalb Shutdown der Regierung, deshalb massive Einschränkung der Freiheitsrechte (auch der Handels- und Gewerbefreiheit) mündet in den für zahllose Menschen existenziellen Konflikt zwischen Gesundheitsvorsorge und wirtschaftlicher Lebenssicherung. Darüber erfuhr ich nichts in den ARD- und ZDF-Sendungen, und auch in den Zeitungen nur indirekt und beiläufig über Meldungen wie diese: »Das Hamburger Verwaltungsgericht lehnte am Freitagabend den Eilantrag einer Hamburger Ladenbesitzerin ab, die sich gegen die Allgemeinverfügung des Senats zur Schließung von Einzelhandelsgeschäften gewehrt hatte. Nach Auffassung des Gerichts sei dem Schutz der Gesundheit der gesamten Bevölkerung der Vorzug vor wirtschaftlichen Interessen zu geben.« (dpa 22.03.20).

Zusammengefasst: Soweit ich sehe, blieb im öffentlichen Diskurs über viele Wochen der Widerspruch ausgeblendet, der zwischen diesen drei Strategien besteht: Entweder sofortiges »Nachholen« durch rasanten Aufbau der für Epidemiebekämpfung erforderlichen medizinischen Grundausstattung mitsamt Krisenmanagement. Oder »Abwarten«, dann brachiale Infektionskurvenabsenkung durch rechtsbeugende Kontaktverbote und Shutdown mit dem Problem der »Rückkehr« zur Normalität. Oder drittens die nachhaltig zu steuernde »Durchseuchung« der Gesellschaft mit dem Ziel der Überwindung der Epidemie durch fortschreitende Immunisierung – mit dem Problem der Isolierung der Risikogruppen.

Das in der ersten Aprilwoche von Populisten und Politikern entdeckte Schlagwort »Exitstrategie« überdeckt die Widersprüche zwischen diesen drei Strategien. Inzwischen holen viele der meinungsführenden Medien diese Debatte nach, doch in der Welt der Tatsachen ist der Schnee längst gefallen.

c.) Die Deutungsebene: Wer hat das alles angerichtet?

»Alle Macht dem Virus?« steht auf dem Titelblatt der »Zeit« (24. März 2020); es zeigt das Gesicht einer Mutter und das ihres Kindes, die beide ratlos fragend aus dem Fenster in die Ferne blicken. Offenbar ist jede sinnmachende Deutung dieser Pandemie noch immer der Schwierigkeit ausgesetzt, dass sie das offene Feld des Nichtwissens (Sachverhalte) und der Ungewissheit (Zukunft) vor sich hat. Die Sinnfrage ist gleichsam das »schwarze Loch«.  Wie eingangs erwähnt, wird Ungewissheit von den meisten Menschen als beängstigend und bedrohlich empfunden. Von daher sind sie für Deutungen empfänglich, die auch ohne Fakten leicht zu verstehen sind, die mit dem Muster Macht/Ohnmacht begründet werden und übergeordnete Mächte als Verursacher benennen.

Verschwörungen und ähnliche Überbauten:

Dieses schwarze Loch wird vielerorts gefüllt mit Ursachenbehauptungen, die nicht die Sachverhalte, sondern Überzeugungen zum Ausgangspunkt für ihre Deutungen nehmen. Man kann die Popularität dieser Denkweise am Wildwuchs der Verschwörungstheorien erkennen, die sich mit der Corona-Pandemie beschäftigen.

Verschwörungstheorien sind gar keine Theorien, sondern Erzählungen, die von mächtigen Akteuren handeln, die verborgene Ziele verfolgen. Zum Beweis werden Ereignisse und Episoden gesammelt, mit denen der Erzähler einen kausalen Wirkzusammenhang konstruiert. Beispiel: In unmittelbarer Nähe des Wochenmarktes in Wuhan, wo das Virus vermutlich von einem Tier auf einen Menschen überging (vgl. auch: Diamond/Wolfe, in: Süddeutsche Zeitung vom 23.03.2020), befindet sich eine militärische Forschungseinrichtung. »In Wahrheit« muss das Virus aus dieser Einrichtung stammen, »weil« machtpolitische Ziele dahinterstehen. Zur Begründung werden beliebige Begebenheiten (nach dem James Bond-Muster: 007 jagt Dr. No) kausal verkettet.

Ein anschauliches Beispiel für solche Denkmuster bietet das Video auf KlaTV vom 20. Februar 2020, das seither fast eine halbe Million Mal abgerufen wurde und viral (!) eine noch größere Verbreitung gefunden hat. Kennzeichen so mancher Verschwörungstheorie ist zudem ihr unterschwelliger Antisemitismus (hier: Soros als Drahtzieher), der in vielen der User-Kommentare explizit zum Vorschein kommt. Wie in diesem Video vermeintliche Quellen (zwei angebliche US-Virologen, 107 wiss. Studien usw.) verfälscht und verdreht werden, zeigt die Faktenüberprüfung von Mimikama, einer auf Factchecking spezialisierten Journalistengruppe in Österreich.

Wie schon erwähnt, fanden mehrere Factchecker auch beim Virologen Wodarg Falschbehauptungen. Sie übersahen allerdings Wodargs Motiv, das berücksichtigt werden sollte: Vor rund 12 Jahren, als die WHO die sogenannte Schweinegrippe zur Pandemie hochstufte, hatte der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Wodarg (neben anderen Virologen) den massiven Einfluss der Pharmaindustrie auf die WHO bloßgestellt und jenes Virus für ungefährlich beschrieben. »Diese Viren sind jetzt nicht gefährlicher als schon im letzten Jahr. Die WHO spielt die Zahlen hoch und macht unnötig Panik. Die Entscheidung für eine Pandemie war unsinnig«, sagte er damals in einer TV-Sendung.  Er hatte Recht; wenig später wurden die Schutzmaßnahmen als überzogen erklärt und aufgehoben, mit dem Hinweis: gründliches Händewaschen sei völlig ausreichend. Mir scheint beim Betrachten seiner aktuellen Video-Auftritte, als habe sich bei Wodarg nach Art des Kohlhaas die Überzeugung eingebrannt, Coronavirus-Epidemien verlaufen immer harmlos und deren angebliche Gefährlichkeit werde immer von mächtigen Interessensgruppen propagiert, um Gelder oder Aufträge oder beides einzusammeln. Auch jetzt bei der Sars-CoV-2-Pandemie geht es laut Wodarg nur um den Zugriff auf riesige Forschungsgelder. Belege? Keine. Und da (noch) keine Vermarktung von Medikamenten oder Schutzimpfungen durch Pharmakonzerne in Aussicht steht, fehlt Wodargs Unterstellungen der faktische Unterbau.

Verhaltensökonomische Theorien

Die verordnete Stilllegung der Industrien, der Zusammenbruch der gewerblichen Infrastruktur in den Städten, damit verbunden der Schwund an Einkommen vor allem der Freischaffenden, der Entzug der Bewegungsfreiheit und der Verzicht auf regenerierende Freizeitaktivitäten: Dies alles mindert das Wohlergehen und erzeugt riesige Staatsschulen zulasten der Steuerzahler wie auch hohe soziale Kosten, die von den BürgerInnen mit ihrer psychischen Gesundheit bezahlt werden. Zunächst äußerten nur einige Wirtschaftspublizisten die Ansicht, dass diese Politik in die Sackgasse führe. Erst in den letzten zwei Märzwochen las ich diese Kritik – Gibt es eine Corona-Exitstrategie, die Gesundheit und Ökonomie versöhnt? – vermehrt in Gastbeiträgen und Fachmagazinen.  

Derweil die tonangebenden Virologen – und mit ihnen die Kanzlerin – an der langanhaltenden Dämpfung der Infektionskurve festhalten (Ziel: Verdoppelung der Infizierten alle zwölf Tage statt, wie derzeit,  alle sechs), fordern immer mehr Wirtschaftspublizisten die Aufhebung des Shutdown. Wie die Risikogruppen im Alltag geschützt würden, lassen sie offen oder denken sich abstrakte Konzepte aus. Linksliberal argumentierende Kommentatoren wiederum nennen diese Auffassung (den Tod alter/schwacher Menschen als Kollateralschaden in Kauf nehmen) eine inhumane Denkweise, die gegen unsere Grundwerte verstößt. Aus meiner Sicht kommt diese Debatte zur falschen Zeit und wirkt jetzt vermutlich kontraproduktiv, denn die »harte« Bewährungsphase der Kontaktsperre steht uns mit der Nachosterwoche noch bevor.

Erleben andere Länder, die später dran sind als wir, dieselben Probleme? Tatsächlich verhandelt die öffentliche Debatte in Großbritannien und in den USA einen ähnlichen Wertekonflikt. Den Medienberichten zufolge missachteten beide Regierungen während mehrerer Monate das Gemeinwohldenken und begründeten Ihre zahmen Empfehlungen mit verhaltensökonomischen Erkenntnissen. Das in der britischen Öffentlichkeit diskutierte Konzept entstammt der »Nudge-Theorie« (bedeutet »sanftes Anschubsen«). Ihre Erfinder – Verhaltensökonom Richard Thaler und Politologe Cass Sunstein – raten den Wirtschaftsstrategen, sich auf die mentalen Prozesse der Konsumentensubjekte einzustellen: Die bezweckte Verhaltensänderung bei den Konsumenten könne man durch schleichendes »Nudging« quasi unmerklich erreichen (Beispiel: Totenkopf auf der Zigarettenpackung). Die Erfinder nennen das Konzept »libertären Paternalismus«; Kritiker monieren den suggestiven Charakter, selbst wenn das Konzept für Gemeinwohlzwecke eingesetzt werde (weniger Raucher infolge Totenkopf auf der Packung). Die britische Regierung übernahm dieses Konzept (keine Schulschließungen, kein Versammlungsverbot u.a.), »weil die britische Regierung auf Herdenimmunität setzt: Wenn man genügend Personen, die die Coronavirus-Krankheit absehbar überleben, sich infizieren lasse, könne das Virus keine neuen Menschen infizieren und so die Zahl neuer Fälle reduzieren«, erläuterte Wirtschaftswissenschaftler Toni Yates im Guardian (hier die Übersetzung). Diese mit der Ethik des Utilitarism begründete Maxime (Todesopfer werden mit dem Wohlergehen der Mehrheit gegengerechnet) empfinden wir Kontinentaleuropäer umgekehrt als unethisch, zumal im deutschsprachigen Raum die auf Kant zurückgehende deontologisch begründete Maxime (Gleichwertigkeit aller Menschen) selbst von Olaf Scholz als Leitnorm verstanden wird.

Gegen Ende März, als infolge der ungebremsten Ausbreitung des Virus in England, dann in New York viele tausend Menschen schwer erkrankten und wegen der schlechten Gesundheitsversorgung die Todesrate sprunghaft anstieg, wurde in New York die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt. Kurz zuvor hatte die Johnson-Regierung ihre »Nudge«-Strategie abgebrochen und ebenfalls einen shutdown verordnet, verbunden mit dem Bau von Notkliniken und restriktiven Maßnahmen, die nun auch das britische Wirtschaftsleben massiv einschränken.

In vielen deutschen Medien las ich Kommentare, die Genugtuung und auch ein bisschen Schadenfreude zeigen. Denn sie sahen darin eine Rechtfertigung der grundrechtlich heiklen Maßnahmen in den kontinentaleuropäischen Staaten. Motto: Selbst in wirtschaftsliberal geführten Staaten muss die Regierung im Krisenfall das Menschenrecht vor das Wirtschaftsinteresse stellen, andernfalls droht ihr, den Rückhalt in weiten Teilen der demokratisch organisierten Gesellschaft zu verlieren. Einen vergleichbaren Turnaround wird es in der Türkei, in Russland oder dem Iran wohl nicht geben.

Politik- und Gesellschafts- und Globaltheorien

Um Ungewissheit zu mindern, werden im öffentlichen Diskurs auch Politiktheorien vorgestellt. Zum Beispiel die neualte Sozialstaatstheorie. Ihre Verfechter sehen in der Ausweitung der Epidemie das Versagen des Staates, der in den vergangenen Jahrzehnten keine auf Gemeinwohl und Daseinsvorsorge ausgerichtete Politik verfolgt habe. Sie fordern von den Volksparteien Besinnung auf alte Werte und den Mut zur Umkehr. Manche vertreten eine schärfere Fassung und sagen, dass der Staat vor dem Scherbenhaufen seiner mit liberalkapitalistischen Ideologien begründeten Ausverkaufspolitik stehe; jetzt müsse er seine Zuständigkeit für die meritorischen Güter wahrnehmen und organisieren. Aus meiner Sicht handelt es sich hier um aktualisierte Konzepte aus der Ära der »sozialen Marktwirtschaft«.

Wiederum andere Publizisten sehen in den harten Shutdown-Maßnahmen die Rückkehr des starken Staates mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Schlicht gesagt: »Bei zu viel Schutz ist die Freiheit selbst gefährdet.« (Kister in der Süddeutsche Zeitung).

 Aufschlussreich fand ich, dass auch bislang wirtschaftsliberal denkende Journalisten nun den schwachen Staat als Fehlentwicklung geißeln (Steingarts Morning Briefing  Nr. 5 mit Christoph Keese). Umgekehrt fürchten linksliberale Publizisten, der Staat erkläre die Corona-Epidemie zur riesengroßen Gefahr, weil er Freiheitsrechte demontieren und sich Zugriffsrechte etwa auf Bewegungsdaten der Bürger sichern wolle und vielleicht  – wie jetzt die Orbán-Regierung in Ungarn – demokratiesichernde Grundrechte schleife. Tatsächlich geben die Gesetzesvorstöße des technophilen Gesundheitsministers vielen Autoren Grund zur Sorge.

Zwei Schuhnummern größer denkt der slowenische Philosoph Slavoi Žižek, der sich europäischer Marxist nennt und in den deutschen Medien einen prominenten Platz einnimmt. Selbst in der Corona-Krise, so Žižek, würden Europas Regierungen der regelnden Kraft des freien Marktes blind vertrauen.  Aus falsch verstandener Rücksicht gegenüber der Wirtschaft hätten sie viel zu spät auf das Virus reagiert. »Das alles können wir nicht mehr dem Markt überlassen«, meint Žižek, denn sonst würden die Folgen der Corona-Krise die Staaten noch weiter auseinandertreiben. Das Entgegengesetzte sei notwendig. »Die große Herausforderung für Europa lautet: Werden wir jetzt den Schritt tun, hin zu einer großen gemeinsamen Zusammenarbeit – und dabei die Marktmechanismen auf unsere eigene Weise überwinden?« Jetzt gehe es darum, »eine andere Form der Globalisierung zu finden. Europa muss vereint sein! Nicht einfach durch offene Grenzen, sondern in wirtschaftlichen Fragen einig.« Der von Wachstum und Ressourcenvernichtung lebende Turbokapitalismus erzeuge eine Krise nach der anderen, Corona sei da nicht die letzte. »Wir dürfen das nicht aussitzen, der politische Wandel muss jetzt kommen, denn die weltweiten Krisen werden sich häufen. Es wird nicht einfach alles wieder normal werden. Nur zum Teil, aber was wir dann normal nennen, wird anders sein, als was wir kannten. Wir alle werden viel mehr die Zerbrechlichkeit unserer Situation wahrnehmen.«

Žižek mokiert sich an anderer Stelle auch über altlinke Systemkritiker (»Fake-Linke«), die blind sind für die Zerstörungskraft globaler Pandemien und von der Überzeugung nicht ablassen, der Staat inszeniere sie als Bedrohung, um die Menschen gefügig zu machen und ihnen Freiheitsrechte abzunehmen. Sie seien genauso blind wie die ultrarechte All-Right-Bewegung in den USA, die dem Publikum Corona als einen Angriff Chinas verkaufe. Dem gegenüber habe »die Bedrohung durch Virusinfektionen der lokalen und globalen Solidarität einen enormen Schub verliehen und die Notwendigkeit der Kontrolle der Macht deutlich gemacht.« Und: »Die gegenwärtige Krise zeigt, wie wichtig globale Solidarität und Zusammenarbeit für das Überleben aller und jedes Einzelnen von uns sind.«

Bürgergesellschaftliche Theorien

In verschiedenen Beiträgen alternativer Websites und Blogs begegnet mir die These, mit der Coronakrise finde der Machtkampf zwischen dem Ordnungsstaat und der mit sich selbst beschäftigten »Zivilgesellschaft« statt. Dabei wird die Zivilgesellschaft als »die Gesamtheit des Engagements der Bürger eines Landes – zum Beispiel in Vereinen, Verbänden und vielfältigen Formen von Initiativen und sozialen Bewegungen« (Wikipedia) verstanden. Gegenüber Staat und Marktwirtschaft – so argumentieren diese Theoretiker – besitze die Zivilgesellschaft das Potenzial, eine pluralistische Community zu schaffen, die aus engagierten, konstruktiv debattierenden Bürgern bestehe. Die würden dann ohne die politischen Institutionen ihre sozialen Werte selbst aushandeln. Auch dieses Konzept richtet sich gegen das Leitbild der kapitalistischen Ökonomie und ihrem Glauben an die Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft. Allerdings missachtet es die Notwendigkeit demokratieverbürgender Institutionen. Verschiedene Publizisten, die sich links-alternativ einstufen, haben die Politik der Bundesregierung – insbesondere seit der Finanzkrise – als Dienstleistung der Finanzwirtschaft analysiert. Sie stellen die im Vergleich zu Žižek überschaubare Frage, ob die aktuelle Shutdown-Strategie der Bundesregierung zum Paradigmenwechsel führen wird: weg vom wirtschaftspolitischen Opportunismus (Beispiel: Autoindustrie ist wichtiger als Umweltschutz), hin zu einem sozial- und humangesellschaftlichen Leitbild. Oder handelt es sich am Ende doch nur um ein befristetes Krisenmanagement, das vom altbekannten Paradigma der GroKo-Regierung – demoskopisch kontrolliertes Politikmanagement auf Sicht – abgelöst werden wird?  

Transformationswünsche

Was gibt es sonst noch? In der letzten Märzwoche konnte ich häufiger idealistisch argumentierenden Essays von Publizisten lesen, die sich prophetisch mit den Folgen der Corona-Krise befassen und – den Sternendeutern ähnlich – ihre paar Solidaritäts- und Mitmenschlichkeitserlebnisse als Zeichen für Umkehr oder Neubesinnung der Menschen deuten. Mir scheint indessen, dass nach der Corona-Krise vieles neu, doch die Menschen die alten sein werden.

Und nicht zuletzt: Mit den mutmaßlichen Folgen der Corona-Krise beschäftigen sich mehr und mehr Aufsätze und Geschichten, die im Sinne der Modernisierungstheorie die Krise als große Chance für den technologischen Erneuerungsprozess beschreiben, mit dem auch in Deutschland die digitale Ära endlich beginne. Für die ins Homeoffice verbannten Manager sind vermutlich Essays erbaulich, die beide Perspektiven – Humanisierung und Digitalisierung – zusammenbinden. Das sind schöne Aussichten, die aber (zu) vieles aus dem Blick nehmen.

Zusammengefasst: Mit drei Monaten Verspätung beginnt dieser Tage die öffentliche Debatte über die mit der Corona-Krise und der Regierungspolitik aufgebrochenen Wertekonflikte. Noch ist es zu früh, einen fundierten Diskurs über die soziokulturellen und strukturellen Effekte zu erwarten; zu vieles ist faktenleeres Deuten und insofern Kaffeesatzleserei. Aber man kann zum Thema »Paradigmenwechsel« in den Wochenmedien schon auf anregende Gastbeiträgen treffen, die sich mit dem durch »Corona« ausgelösten Strukturwandel beschäftigen. Aus meiner Sicht erfreulich daran ist, dass die Denkmuster der Systemtheorie, die bleischwer auf dem politischen Diskurs der letzten Jahrzehnte lagen, einer dynamischen Perspektive Platz machen.

Schlusswort: Plädoyer für mehr Medienkompetenz

Den Bürger*innen wird derzeit einiges an Medienkompetenz abverlangt, wenn sie die drei beschriebenen Kommunikationsebenen nutzen und sich zutreffend ins Bild setzen wollen. Tatsächlich produzierten die tagesaktuellen Medien seit Januar eine Überfülle an redundanten, ungesicherten, sachfalschen und kurzlebigen Nachrichten, die das bewirken, was US-amerikanische Medienanalytiker schon vor Jahrzehnten im Hinblick auf die Onlinewelt sagten: »overnewsed but underinformed«.  Auch ist es den Newsmedien nicht gelungen, auf die Gründe (Demontage unseres Gesundheitssystems) einzugehen und die Vorgänge so zu klären und zu deuten, dass Ängste und damit auch Misstrauen abgebaut würden.

Der informatorische Leerlauf der vergangenen Monate macht es vielen Menschen noch immer schwer, die als Existenzbedrohung erlebte Ungewissheit auszuhalten und irreführenden Pseudoinformationen etwa über verborgene Drahtzieher oder geheime Absichten der Regierung aus dem Weg zu gehen. Genauso schwer fällt es vielen, so scheint mir, sich dem moralisierenden Druck zu entziehen, den die Mainstreammedien mit ihren Schreckensmeldungen (wieder X hundert neue Corona-Infizierte, jetzt Y Corona-Tote irgendwo) und regierungskonformen Durchhalteparolen aufbauen. Sie leisten darin einer hysterisierten Stimmung Vorschub. Die Folge: noch stärkere Existenzängste selbst dort, wo gesunde Menschen in sozial stabilen Milieus zuhause sind. Wir sollten uns gegenüber der medialen Stimmungsmache vor allem der Fernsehsendungen immunisieren und aus dem Corona-Ungeheuer das machen, was es ist: eine weltweit grassierende Infektionskrankheit, die für die meisten Betroffenen sehr unangenehm, aber keineswegs tödlich ist.

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